Stern der Göttin - Sandra Melli - E-Book

Stern der Göttin E-Book

Sandra Melli

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Beschreibung

Nachdem das junge Katzenmädchen Laisa eines Tages im Wald einer wunderschönen goldäugigen Frau begegnet ist, findet sie sich auf einmal in einer anderen Welt wieder. Anders als in ihrer Heimat herrschen hier sechs Götter, die das Land fest unter sich aufgeteilt haben und jeweils von einer ihnen zugeordneten Farbe repräsentiert werden. Verwirrt von dieser Andersartigkeit, macht Laisa sich auf, die eigenartige Gegend zu erkunden. Doch dann erfährt sie, dass sie dazu auserwählt wurde, den »Stern der Göttin«, ein einzigartiges Juwel von unendlicher Kraft, vor einem schwarzen Magier zu retten. Laisa nimmt die Aufgabe an und stürzt sich unversehens in das größte Abenteuer ihres Lebens …

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Seitenzahl: 720

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Sandra Melli

Stern der Göttin

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Nachdem das junge Katzenmädchen Laisa eines Tages im Wald einer wunderschönen goldäugigen Frau begegnet ist, findet sie sich auf einmal in einer anderen Welt wieder. Anders als in ihrer Heimat herrschen hier sechs Götter, die das Land fest unter sich aufgeteilt haben und jeweils von einer ihnen zugeordneten Farbe repräsentiert werden. Verwirrt von dieser Andersartigkeit, macht Laisa sich auf, die eigenartige Gegend zu erkunden. Doch dann erfährt sie, dass sie dazu auserwählt wurde, den »Stern der Göttin«, ein einzigartiges Juwel von unendlicher Kraft, vor einem schwarzen Magier zu retten. Laisa nimmt die Aufgabe an und stürzt sich unversehens in das größte Abenteuer ihres Lebens …

Inhaltsübersicht

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Anhang

Die Katzenmenschen

Andere

Die Evari

Die Götter des Westens

Die Götter des Ostens

Die Begriffe

Die Länder

Die Völker

Die Karte

Erstes Kapitel

Die Botschaft

Wassarghan, Erzmagier des Schwarzen Landes und Dritter in der Rangfolge des Ordens vom Heiligen Schwert Giringars, starrte dem Kurier mit wachsender Anspannung entgegen. Gleich würde sich entscheiden, ob all die Intrigen, die er in den letzten Jahren gesponnen hatte, erfolgreich gewesen waren oder er schnellstens die Flucht ergreifen und in der Angst würde leben müssen, als Verräter gejagt zu werden.

Großer Giringar, gebe, dass es nicht so kommt, flehte Wassarghan in Gedanken, ungeachtet der Tatsache, dass seine Pläne nicht gerade im Sinne des schwarzen Gottes sein konnten.

Der Kurier blieb drei Schritte vor ihm stehen und verneigte sich. Das war schon einmal ein guter Anfang, schoss es Wassarghan durch den Kopf. Hätten Giringar oder dessen engste Vertraute Alabrer und Betarran Verdacht geschöpft, würde der Bote nicht so ehrfurchtsvoll auftreten.

»Was gibt es?«, fragte der Erzmagier und bemühte sich dabei, seiner Stimme einen beiläufigen Klang zu verleihen.

»Ich habe eine Botschaft für Euch, Erzmagier Wassarghan. Wenn Ihr sie entgegennehmen wollt!«

Und ob ich das will!, dachte Wassarghan und fühlte, wie sein Blut schneller durch die Adern floss. Nun würde es sich entscheiden, ob er ganz hoch aufsteigen oder für alle Zeiten auf seiner jetzigen Position festsitzen würde.

Unterdessen holte der Kurier eine silberne Hülle aus seiner Tasche und reichte sie Wassarghan. Dieser atmete auf, als er das Siegel seines Ordensobersten Caludis erkannte. Eine schlechte Botschaft hätte dieser ihm nicht durch einen offiziellen Kurier, sondern durch einen seiner persönlichen Adjutanten gesandt.

»Ihr müsst mir bestätigen, dass Ihr die Order erhalten habt, Erzmagier!« Mit diesen Worten hielt der Kurier Wassarghan seine Tasche hin. Mit einem Lächeln legte dieser seine Hand darauf und spürte, wie die magischen Symbole, die seine Identität bezeugten, von der Kristallplatte darin aufgezeichnet wurden.

»Zwar weiß ich nicht, was der ehrwürdige Herr Caludis von mir fordert, doch hast du dir für dein schnelles Erscheinen einen guten Botenlohn verdient. Saranthin, übernimm das!«

Der Befehl galt einem jungen Adepten, der mit einigen anderen aus Wassarghans engstem Gefolge in der Nähe stand und nicht weniger angespannt wirkte als der Erzmagier selbst. Obwohl Saranthin gerne erfahren hätte, was die silberne Hülle enthielt, bat er den Kurier, ihm zu folgen, und geleitete ihn aus der oberen Halle des Magierturmes.

Kaum hatte sich die Tür hinter den beiden geschlossen, vermochte Wassarghan seine Ungeduld nicht mehr zu zügeln. Mit zitternden Fingern öffnete er den Umschlag und hielt ein in einem Kuvert steckendes Blatt magischen Papiers sowie einen Aufzeichnungskristall in der Hand. Die magische Schrift der Urkunde konnte er lesen, ohne sie sehen zu müssen, und sein Gesicht leuchtete voller Freude auf. Salavar, der Kommandant der Schwarzen Festung am Rande der Dämmerlande, war seines Postens enthoben worden! Gleichzeitig war es seinem Ordensobersten Caludis gelungen, ihn als dessen Nachfolger einzusetzen.

»Waddan, Ugurol, bringt Wein. Es gibt etwas zu feiern!«, wies er seine zwei jüngsten Adepten an.

Während der zuerst Angesprochene sofort gehorchte, verzog Ugurol das Gesicht. Er war der Sohn eines hochrangigen Magiers und Wassarghan zur Ausbildung übergeben worden. Daher betrachtete er es als unter seiner Würde, Handreichungen zu machen, die auch ein Dienerwesen oder Sklave erfüllen konnte.

»Was ist? Warum gehst du nicht?«, fragte Tekolok, Magier des neunten Grades und einer von Wassarghans engsten Vertrauten.

Ugurol zögerte noch einen Augenblick, doch als Tekolok die Hand hob, trollte er sich und half Waddan, eine Glasfalle mit Wein und einer passenden Anzahl Becher herauszusuchen.

Zusammen mit ihnen kehrte auch Saranthin wieder in den Raum zurück. »Der Kurier hat den Turm verlassen, Erzmagier«, meldete er Wassarghan mit einer Verbeugung.

»Gut, dann können wir uns den Inhalt des Speicherkristalls ansehen. Wie ihr wisst, ist dies alles streng vertraulich, und so werde ich mich nicht nur auf euren Willen verlassen, sondern jeden von euch mit einem Schweigezauber belegen.«

Die meisten Magier und Adepten im Raum waren gewohnt, dass ihr Herr seine Geheimnisse wohl behütet wissen wollte, Ugurol aber protestierte heftig. »Dies ist gegen die Abmachung mit meinem Vater!«

»Du dienst mir als Adept und hast mir zu gehorchen!«, antwortete Wassarghan verärgert, weil alles in ihm drängte, sich die Botschaft auf dem Aufnahmekristall anzusehen.

Bevor Ugurol noch einmal etwas sagen konnte, stieß Saranthin ihm den Ellbogen in die Rippen. »Sei still! Oder willst du, dass der ehrwürdige Hochmagier Wassarghan dich als unfähig einstuft und zu deinem Vater zurückschickt? Du würdest danach keinen hochrangigen Lehrer mehr finden und könntest jeden Gedanken an eine Karriere aufgeben.«

Ugurol schluckte die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, hinunter. In einem hatte Saranthin recht. Die Karriere, die er sich im Schwarzen Land erhoffte, hing ganz vom Wohlwollen des Erzmagiers ab.

Unterdessen hatte Wassarghan den Aufnahmekristall in das Abspielartefakt gesteckt und verbeugte sich, als das Gesicht seines Mentors und Ordensobersten Caludis erschien, so ehrerbietig, wie es die Sitte erforderte. Unter den Augen seines Gefolges durfte er sich, anders als in seinen Privaträumen, keine Nachlässigkeit leisten.

»An Wassarghan, Erzmagier und Mitglied des Ordens vom Heiligen Schwert«, begann der Dritte in der Rangfolge der Gefährten Giringars mit betrübter Stimme. »Ich muss dir mitteilen, dass man Salavar, dem bisherigen magischen Kommandanten der Schwarzen Festung, schwerwiegende Versäumnisse nachgewiesen hat. Zudem hat er sich dem Ruf, ins Schwarze Land zurückzukehren und sich zu rechtfertigen, durch feige Flucht entzogen. Um die Sicherheit des Schwarzen Landes zu gewährleisten, habe ich beschlossen, dich, Wassarghan, vorläufig zum neuen Kommandanten der Schwarzen Festung zu ernennen, bis wir endgültig über die Vergabe dieses Postens bestimmen werden. Daher befehle ich dir, dich umgehend mit deinem gesamten Mitarbeiterstab aufzumachen und die Befehlsgewalt über die Schwarze Festung zu übernehmen. Die entsprechende Order ist in diesem Kristall gespeichert.

Ich wünsche dir und dem Schwarzen Land Erfolg!

Gezeichnet Caludis, Dritter der Gefährten unseres erhabenen Gottes und in seinem Auftrag Hüter der Grenzen.«

Während die Adepten und Magier seines Gefolges ihre Überraschung durch allerlei Ausrufe kundtaten, vermochte Wassarghan seine Genugtuung nur mühsam zu verbergen. Endlich war es ihm gelungen, Salavar zu Fall zu bringen, und – was noch wichtiger war – selbst Kommandant der Schwarzen Festung zu werden. Nun war es nicht mehr weit bis zu seinem Ziel, das ihm den wahren Triumph bescheren sollte.

Er wechselte einen kurzen Blick mit Tekolok, Saranthin und Gerull, die als einzige seiner Untergebenen in seine Pläne eingeweiht waren. »Ihr habt den Befehl des großen Caludis vernommen. Bereitet alles für die Übernahme des Kommandos in der Schwarzen Festung vor. Sendet auch Botschaft an Gayyad. Er soll das geplante Ablenkungsmanöver vorbereiten. Genauere Anweisungen erhält er, sobald wir die Schwarze Festung erreicht haben.«

»Sehr wohl, Erzmagier!«, antwortete Gerull, der sich bewusst war, dass er als Wassarghans rechte Hand eine der wichtigsten Figuren in diesem großen Spiel um die Macht war.

Wassarghan lächelte, als er den Eifer sah, der sich auf dem Gesicht seines ersten Assistenten abzeichnete, und sagte sich, dass dieser bei weitem nicht in alles eingeweiht war. Das Kommando über die Schwarze Festung, das sonst eher niederrangigeren Magiern übertragen wurde, war für ihn nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu weit höherem Ruhm.

Für einen Augenblick kehrten seine Gedanken tief in die Vergangenheit zu einem ganz bestimmten Schlachtfeld zurück. Ihm gegenüber stand eine hochgewachsene Eirun, leuchtend im Glanz ihrer Macht und ungeheuer stark durch das sternförmige Artefakt auf ihrer Brust, das alles, was seine eigene Seite an Waffen aufbringen konnte, weit übertraf. Trotz all ihrer Stärke sank Meanil, eine der mächtigsten Kriegerinnen der weißen Farbe, von einem harten magischen Schlag getroffen nieder, und so hätte in diesem Moment der Stern der Göttin in seine Hand fallen müssen. Aber als er ihr das Artefakt abnehmen wollte, löste es sich samt der betäubten Eirun in Luft auf, so dass seine Finger ins Leere griffen.

Damals hatte er monatelang nach Meanil und dem Stern gesucht, in der Gewissheit, dass dieses Artefakt der eigenen Seite jene Überlegenheit verleihen würde, die sie benötigten, um ihre Feinde niederzuringen. Doch alle Anstrengungen waren vergebens gewesen. Jahrhundert um Jahrhundert waren Meanil und ihr leuchtender Stern verschollen geblieben. Nun aber gab es eine erste Spur, doch um ihr zu folgen, musste er an die Geheimarchive der Schwarzen Festung gelangen.

Obwohl Wassarghan wusste, dass es ihm alle Kraft abfordern würde, den großen, magischen Stern in die Hände zu bekommen, lächelte er zufrieden. Er hatte in den letzten Jahren alles gut bedacht und sich gründlich auf die Suche vorbereitet. Selbst seinen Stab hatte er danach ausgesucht, ob die Magier und Adepten ihm bei der Suche nach diesem mächtigen Artefakt nützlich sein konnten. Nun würde er mit ihnen zusammen einen Weg beschreiten, der ihn hinaufführen würde zu Höhen, die selbst ein Caludis oder Betarran nicht zu erklimmen wagten.

Zweites Kapitel

Laisa

Weit entfernt von Wassarghans Magierturm auf einer Welt, auf der die Sonne kleiner erschien und nur drei statt sechs Monde am Himmel ihre Bahn zogen, erwachte Laisa mit dem Gefühl, dass sich an diesem Tag etwas ganz Besonderes ereignen würde. In der Luft lag ein ihr unbekannter, wohlig-warmer Duft, der in ihr eine heftige Sehnsucht nach etwas weckte, das sie früher einmal gekannt hatte, an das sie sich aber nicht mehr erinnern konnte. Einige Augenblicke schnupperte sie verzückt, war aber viel zu unruhig, um sich lange mit den neuen Eindrücken zu beschäftigen. Mit einem Ruck erhob sie sich aus ihrem Schlafnest, das sie sich in der Astgabel eines besonders hohen Baumes geflochten hatte, schätzte die Entfernung zum Boden ab und sprang.

Mit ihrem langen Schwanz steuerte sie den Fall so geschickt, dass sie direkt neben ihrem Ausbilder, dem alten Grom, landete. Sein kaum wahrnehmbares Zusammenzucken quittierte sie mit einem übermütigen Lachen. Im ganzen Dorf gab es niemanden, der so klettern und springen konnte wie sie, und darauf war sie stolz.

Grom blickte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an und spreizte spöttisch die Barthaare, so als wolle er sagen: Spiel dich nicht so auf!

Laisa versuchte, ihr zufriedenes Grinsen zu verbergen. Man sah ihr an, dass sie nicht in Groms Volk geboren worden war. Ihr Gesicht wurde von großen, gelben Augen beherrscht, und ihre stärker vorspringende Mundpartie mit dem kräftigen Gebiss ließ sie tierhafter erscheinen als die anderen Mitglieder des Stammes, die abgesehen von ihrem Fell, den Krallen und den Pinselohren eher den Menschen glichen. Obwohl sie noch eine Jungkatze war, überragte sie selbst den größten der ausgewachsenen Männer um mehr als einen halben Kopf, war aber viel schlanker und – wie alle behaupteten – weitaus wilder als die anderen jungen Katzenmenschen.

Grom schimpfte oft mit ihr, weil sie seiner Meinung nach keine Disziplin besaß und zu harsch reagierte. Doch auch er musste zugeben, dass sie die anderen Katlinge ihres Jahrganges weit übertraf und sogar besser war als die meisten derer, die hoffen durften, in diesem Jahr die erste Anstellung als Karawanenwächter zu erhalten. Zu diesen Privilegierten, die von den Menschen dafür bezahlt wurden, auf den langen Handelszügen deren Augen, Ohren und Beschützer zu sein, würde Laisa jedoch niemals gehören. Kein vernünftiger Handelsherr mochte eine so aggressiv wirkende Person wie sie einstellen, aus Angst, sie könnte ihm bei einer Streitigkeit aus Wut die Kehle zerfetzen.

Grom musterte seine Pflegetochter bedauernd, denn er erinnerte sich noch gut daran, wie er Laisa vor anderthalb Jahrzehnten am Rande des Stammesgebietes gefunden hatte. Sie war so winzig gewesen, dass sie in seine Hände gepasst hatte. Aus Mitleid, aber auch aus einer gewissen Neugier heraus hatte er sie mitgenommen und in die Obhut seiner Schwester Tinka gegeben. Nicht lange danach war aus der Kleinen der übermütigste Katling des Dorfes geworden, ein verwegenes Ding, das selbst den Kampf mit den wilden Waldtieren nicht gescheut hatte, denen sich selbst erfahrene Jäger nicht einzeln und vor allem auch nicht waffenlos näherten.

Kopfschüttelnd beendete der alte Katzenmann seinen Ausflug in die Vergangenheit und blickte Laisa auffordernd an. »Du solltest dich zu deinem Jahrgang gesellen. Oder bildest du dir immer noch ein, ich würde dich einem der Handelsherren als Wächterin empfehlen?«

»Lieber nicht! Mit der würden wir uns nur blamieren«, rief Wuko, der Anführer der Gruppe junger Wächter, entsetzt aus. »Wenn Laisa das Maul aufreißt, erschrecken sich die Menschen zu Tode.«

In seinen Worten schwang eine gehörige Portion Neid mit, denn der Bursche hatte bisher jeden Wettkampf gegen das um zwei Jahre jüngere Mädchen verloren und nutzte nun die Chance, es ihm heimzuzahlen.

Laisa zuckte nur mit den Schultern, ging ein paar Schritte beiseite und sprang auf den Ast eines Baumes, der in fünffacher Manneshöhe über dem Eingang des Dorfes ragte und dicht belaubt war. Von dort aus konnte sie die Verhandlungen mit den Menschen beobachten, die vor den Toren des Dorfes lagerten, ohne von diesen gesehen zu werden. Kaum hatte sie oben Platz genommen, hob sie die Nase in den Wind und schnupperte.

Die Handelsherren und ihre Begleiter waren in der Menge, die sich vor dem Dorf versammelt hatte, leicht zu erkennen, denn sie hüllten sich in viele Lagen Stoff, die sie mit Essenzen tränkten, die nur sie als Wohlgerüche bezeichnen konnten. Um dem stechenden Geruch der Menschen zu entgehen, hätte sie sich von ihrem Aussichtsposten zurückziehen müssen, aber das ließ ihre Neugier nicht zu.

Um das Stechen und Beißen aus ihrer Nase zu bekommen, wandte Laisa ihr Gesicht und blickte über ihr Heimatdorf, das zusammen mit dem Wald ringsum die gesamte ihr bekannte Welt darstellte. Der Ort bestand aus Hütten, die angeblich den Bienenkörben der Menschen ähnlich sehen sollten, und war von einem hohen Zaun aus dünnen Pfählen umgeben. Für die Katzenmenschen stellte die Umzäunung kein großes Hindernis dar, und sie selbst vermochte in einem Satz darüberzuspringen. Menschen aber konnten den Zaun nur mühsam überwinden, insbesondere, wenn Groms Leute ihn verteidigten.

Soweit Laisa sich erinnern konnte, war das Dorf nur einmal von einer größeren Schar Menschen angegriffen worden. Aber die Übeltäter hatten den Versuch rasch bereut. Damals war sie kaum älter gewesen als ein Katling, der noch Muttermilch trank. Trotzdem hatte sie einen der Kerle, der Tinka angegriffen hatte, ins Bein gebissen und so in die Flucht geschlagen.

Sie grinste bei der Erinnerung an die unbeholfenen Menschen. Die Angreifer hatten sich zwar mit vielen Waffen behangen, waren aber viel zu langsam gewesen, um diese gegen die schnellen Katzenmenschen einsetzen zu können. Es war allen ein Rätsel geblieben, was die Kerle im Dorf gesucht hatten. Reichtümer gab es bei ihnen nicht. Aus diesem Grund mussten sich die jungen Leute bei den Handelsherren, die ihre wertvollen Waren vor ähnlichen Raubbanden schützen wollten, als Wächter verdingen.

Laisa bedauerte, dass sie nicht selbst mit einer der Karawanen ziehen durfte. So war sie weiterhin auf die Erzählungen jener Katzenmenschen angewiesen, die bereits Karawanen in fremde Länder begleitet hatten. Stärker als sonst sehnte sie sich danach, das Dorf zu verlassen und selbst etwas von der Welt zu sehen. Zweimal hatte sie schon versucht, auf eigene Faust loszuziehen, war aber nicht weiter gekommen als bis zu den Grenzen des Stammesterritoriums. Dort aber hatte sie jedes Mal das Gefühl gehabt, ihr würde jemand zuflüstern, dass sie noch warten müsse, und war prompt mit hängenden Ohren ins Dorf zurückgeschlichen. Dabei fühlte sie immer stärker, dass sie nicht zu Grom und seinen Leuten gehörte.

Die Katzenmenschen waren ein friedliches Völkchen, das ebenso von Kundschafter- und Wachdiensten bei den Menschen wie auch von der Jagd auf Waldtiere und vom Tauschhandel mit Wildbret und Leder lebte. Selbst mutige Männer wie Grom oder Frauen wie ihre Pflegemutter Tinka, die Narben von Auseinandersetzungen mit Räubern trugen, waren mit diesem Leben zufrieden. Laisa selbst aber sehnte sich nach mehr, und aus diesem Grund hatte sie sich ihr Leben lang im Dorf ein wenig fremd gefühlt.

So stark wie an diesem Tag aber hatte sie dies noch nie empfunden, und sie beneidete Wuko und die anderen Dörfler, die sich nun vor den Handelsherren aufstellten, um ihre Muskeln und Zähne prüfen zu lassen. Als Wuko das Maul aufriss und übermütig fauchte, schraken die Menschen vor ihm zurück. Dabei, fand Laisa, wirkten seine Eckzähne gegen die ihren geradezu jämmerlich klein.

Angeber!, dachte sie. Sie konnte weitaus besser fauchen als jeder Katzenmann und öffnete unwillkürlich den Mund, um das zu beweisen. In dem Moment witterte sie erneut den betörenden Duft, den sie beim Erwachen wahrgenommen hatte. Gespannt richtete sie sich auf und entdeckte eine weitere Person, die sich dem Palisadenwall näherte. Ein fast bodenlanger Mantel umhüllte eine hohe, aber recht schmale Gestalt, die ihr Gesicht unter einer Kapuze verbarg. Laisa konnte nur zwei goldene, wie Sterne glitzernde Augen erkennen und eine einzelne Haarsträhne, die ebenfalls golden glänzte. Nach dem Geruch zu urteilen, handelte es sich um ein weibliches Wesen, das sich auf wunderbare Weise von den Menschen unterschied. Die Frau wirkte so warm und stark, dass Laisa unwillkürlich zu schnurren begann.

Dieses Geräusch hoch über ihren Köpfen erschreckte die Handelsherren und ihre Untergebenen, und sie wichen ein Stück zurück. Grom hob beschwichtigend seine Rechte, deren Krallen zum Zeichen der Friedfertigkeit eingezogen waren. »Habt keine Angst! Da oben hockt nur ein ungezogener Katling!«

Angesichts von Laisas Größe waren Groms Worte jedoch nicht geeignet, die Besorgnis der Besucher zu beschwichtigen. Vor allem ihr Anführer, der reichste Kaufherr der nahe gelegenen Stadt, hatte nicht vergessen, dass ausgerechnet dieser stahlgraue Wildling ihm vor ein paar Jahren einen teuren Umhang zerfetzt hatte. Als er nach oben blickte, schluckte er. Laisas Fänge sahen nun so aus, als könnte sie ihm mit einem Biss das Genick brechen. Vorsichtshalber trat er noch ein paar Schritte zurück und betete, dass die Katze auf ihrem Ast blieb.

Grom, der im Namen der Dorfbewohner mit ihm verhandelte, kam dadurch so aus dem Konzept, dass er Teile seiner wohlvorbereiteten Rede vergaß und zu stottern begann. Daraufhin winkte der Handelsherr heftig ab. »Ist ja schon gut! Ich nehme fünfzig von Euch, darunter ein Drittel Neulinge.«

»Müssen es wirklich so viele sein, Vater? Meiner Ansicht nach ist schon die Hälfte mehr als genug«, wandte ein junger Mann ein, der wie eine dünnere Ausgabe des Kaufmanns wirkte.

Dieser warf seinem Sohn einen strafenden Blick zu. »Willst du das Gesindel der Wälder verlocken, unseren Wagenzug zu überfallen, oder jeden kleinen Fürsten animieren, unverschämten Zoll zu verlangen? Da sind die Katzenleute allemal billiger. An fünfzig von denen wagt sich keine Räuberbande heran, und die Zolleintreiber überlegen es sich dreimal, ob sie mehr als den vorgeschriebenen Satz verlangen sollen.«

Damit wandte er sich wieder dem Häuptling der Katzenleute zu, um den Vertrag mit ihm zu schließen.

Grom grinste zufrieden. Wenn schon der erste Handelsmann so viele seiner Leute anheuerte, würde er auch den Rest verdingen können. Das verhieß ein weiteres Jahr Wohlstand für das Dorf. Mit einem leisen Schnurren rief er nacheinander seine besten Leute nach vorne. Die meisten Männer hatten schon mehrere Handelszüge begleitet und besaßen genügend Erfahrung, und diejenigen, die ihre Ausbildung gerade abgeschlossen hatten, würden auf dieser Reise weiter lernen. Es waren auch etliche junge Katzenfrauen dabei, doch diese zogen in der Regel nur zwei- oder dreimal mit einer Handelskarawane, dann blieben sie zu Hause und zogen ihre Katlinge auf.

Während des Gesprächs hatte Grom Laisa ganz vergessen und verhandelte so, wie es einem mit allen Wassern gewaschenen Anführer zukam. Die Händler zahlten gut, und sie wollten so viele seiner Leute, dass er ihnen zuletzt sogar ein paar kräftige Burschen des nächsten Jahrgangs mitgeben musste.

Der Kaufmann, der als Erster Katzenmenschen angeworben hatte, stritt immer noch mit seinem Sohn, dem die Ausgabe für fünfzig Karawanenwächter zu hoch erschien. Da trat auf einmal jene Frau neben sie, die Laisa vor einer Weile entdeckt hatte. Zwar wurde ihr Gesicht immer noch von der Kapuze verdeckt, doch ihr Umhang klaffte ein wenig auseinander, und man konnte ein weißes, handtellergroßes Schmuckstück in Form eines Sternes erkennen, das an einer dünnen Kette befestigt war.

Plötzlich zitterte Laisa vor Gier, dieses Schmuckstück zu berühren. Sie überlegte schon, wie sie es am besten stehlen konnte, als ein Blick aus goldenen Augen sie traf und sie stumm vor dem Versuch warnte. Daher blieb sie schnurrend auf dem Baum liegen, während die Fremde sich an den Kaufherrn wandte.

Eine schmale Hand, deren Haut in einem leichten Goldton schimmerte, schob sich aus dem Umhang und hielt dem Kaufmann einen Beutel hin, in dem Münzen klirrten.

»Nehmt das Katzenmädchen noch hinzu, das da oben auf dem Baum hockt!« Die Frau mit dem goldenen Haar sprach leise, aber in ihrer Stimme lag eine seltsame Macht, die Laisa deutlich spürte.

Während der Kaufherr sich wie ein Katling schüttelte, der in den Regen geraten war, griff sein Sohn hastig nach dem Beutel, öffnete ihn und zählte die silbernen Münzen. »Das ist mehr als die Hälfte dessen, was diese unnützen Fresser uns kosten!«

Auch sein Vater vermochte sich dem lockenden Glanz des Silbers nicht zu entziehen. »Was wollt Ihr mit dieser Katze, Herrin?«, fragte er mit vor Neugier bebender Stimme.

»Nichts, was Euch schaden könnte.« Erneut übte die Stimme einen hypnotischen Zwang auf die beiden Männer aus.

Der Ältere nickte zögernd, trat auf Grom zu und zeigte auf den Ast, auf dem Laisa sich rekelte. »Ich will die da auch mitnehmen!«

Grom sah ihn verblüfft an. »Laisa ist noch viel zu jung, um Handelszüge zu begleiten.«

Nicht wenn ich einen Haufen Geld dafür bekomme!, stand auf der Stirn des Kaufherrn geschrieben. Er packte Grom bei den Schultern, als wolle er ihn schütteln. »Sie ist groß und kräftig, und ich will sie haben!«

»Wenn es Euer Wunsch ist …« Grom dachte nach. Immerhin war Laisa voll ausgebildet und konnte sogar schreiben und rechnen. Diese Kunst beherrschten nur wenige Mitglieder seines Volkes. Nach kurzem Überlegen nickte er. »Also gut. Laisa, komm herunter!«

Sie stand so schnell neben ihm, als hätte sie sich vom Baum herabgezaubert, und wusste sich vor Freude kaum zu beherrschen. Endlich durfte sie das Dorf und das Territorium des Stammes verlassen und würde fremde Länder sehen! Ebenso freute sie sich darauf, durch die Stadt der Kaufleute zu streifen, die weniger als einen halben Tagesmarsch von ihrem Dorf entfernt lag.

»Wuko wird darauf achten, dass du dich ordentlich benimmst«, brummte Grom, obwohl er wusste, dass selbst ein so kräftig gebauter Kater sich nicht auf eine Rauferei mit Laisa einlassen durfte, wenn er nicht hinterher so aussehen wollte, als habe man ihn stundenlang durch Dornengestrüpp geschleift.

»Muss das sein?«, fragte Wuko auch prompt.

Sein Mangel an Begeisterung amüsierte Laisa. Sie beschloss jedoch, sich so gut zu benehmen, dass der Stamm sich ihrer nicht schämen musste. Immerhin hatten Grom und seine Leute sich ihrer angenommen und sie nie schlechter behandelt als die anderen Katlinge, obwohl sie sich der allgemeinen Meinung nach um einiges schlimmer aufgeführt hatte.

»Du solltest deine Sachen holen. Die anderen machen sich schon bereit.« Groms Mahnung rief Laisa in die Gegenwart zurück.

Übermütig lachend sprang sie über die Palisade und lief zur Hütte ihrer Pflegemutter. Da die Auswahl der Karawanenwächter immer ein großes Spektakel war und sämtliche Bewohner des Dorfes zuschauten oder zumindest die Ohren spitzten, wussten alle, dass Laisa mit den Menschen ziehen würde. Einige Jüngere, die gerade dem Katlingsalter entwachsen waren, starrten ihr neidisch nach, aber die meisten Katzenleute waren froh, etliche Monate Ruhe vor diesem Wildfang zu haben.

Auch Groms Schwester war vor dem Tor gewesen, war aber nun zu ihrer Hütte zurückgekehrt und wartete dort auf ihr Ziehkind. Tinka war eine der wenigen Katzenfrauen, die den großen Zug mehr als dreimal mitgemacht hatten, und galt als die Anführerin der Frauen im Dorf. Gleichzeitig war sie diejenige, die den Kindern lesen und schreiben beizubringen versuchte.

Laisa blieb übermütig grinsend vor ihr stehen. »Der fremde Händler will, dass ich mitkomme!«

»Das freut mich für dich. Aber benimm dich anständig und nicht wie ein zu groß geratener Katling!«

Obwohl es im Dorf mit Sicherheit beschaulicher zugehen würde, wenn Laisa weg war, fühlte Tinka einen Kloß im Hals. Sie strich dem Mädchen über die pelzige Wange, während ihr Jüngster die unerwartete Chance nützte, die Laisas Unaufmerksamkeit ihm bot, und nach ihrem Schwanz schnappte. Der war um einiges länger als die der anderen Katzenmenschen, und sie hatte es sich angewöhnt, die Spitze beim Stehen um den Unterschenkel zu schlingen, damit die Katlinge nicht daran zerren konnten. Der Überfall des Kleinen traf sie jedoch unerwartet, und sie spürte die kleinen, scharfen Zähne.

Wütend wirbelte sie herum und fuhr die Krallen aus. Tinkas Sohn aber flitzte bereits die Wand hoch und hing dann wie eine zu groß geratene Waldbirne unter dem spitz zulaufenden Dach.

»Ich habe dich überlistet«, rief er begeistert.

Laisa begnügte sich damit, einmal kurz zu grollen, denn der Tag war einfach zu schön, um ihn sich von diesem kleinen Ungeheuer verderben zu lassen. Schnurrend trat sie an ihre Schlafkuhle, die sie nur selten benutzte, und nahm ihre wenigen Habseligkeiten an sich. Viel war es nicht, nur ein Messer, das Grom ihr als Gewinn nach zwölf hintereinander gewonnenen Wettspielen geschenkt hatte, ein Lederbeutelchen mit zerstoßener Rinde, die bei kleinen Risswunden und Abschürfungen half, ihr Bogen und der Köcher mit den Pfeilen. Die Waffe hatte sie selbst gefertigt und die Spitzen aus Hirschgeweih geschnitzt. Anders als sie waren die Stammesleute keine guten Bogenschützen, sondern vertrauten auf ihre Sprungkraft und Schnelligkeit. Laisa aber liebte es, selbstvergessen mit Bogen und Pfeilen zu üben, und war darin so gut geworden, dass sie eine Waldbirne auf hundert Schritt vom Ast schießen konnte. Da diese Früchte zu den Lieblingsleckereien der Katlinge zählten, hatte diese Kunst sie bei den Kleinen recht beliebt gemacht. Aber das hinderte die Kinder nicht, ihr dieselben Streiche zu spielen wie allen anderen.

»Du solltest eine Decke mitnehmen, sonst frierst du in der Nacht«, sagte Tinka besorgt.

Laisa schüttelte den Kopf. »Mein Fell ist dick genug! Sollte ich wirklich eine Tierhaut brauchen, um mich einzuhüllen, fange ich sie mir samt Inhalt. Dann habe ich gleich etwas zu essen.«

»Ach, Kleines, du warst immer ein wenig verrückt! Aber du wirst mir sehr fehlen.« Es klang so traurig, dass Laisa erstaunt aufsah.

Wie oft hatte Tinka sie gescholten, wenn sie sich nicht so benahm, wie es sich für ein Katzenmädchen gehörte. Solche Worte von ihr zu hören, machte Laisa den Abschied schmerzlich bewusst. Sie umarmte die ältere Kätzin und drückte sie an sich. »Ich danke dir, für alles!«

»Es war schön mit dir!« antwortete die alte Katzenfrau.

Tinka hörte sich ja so an, als käme ich nie wieder zurück, fuhr es Laisa durch den Kopf. Aber seltsamerweise hatte sie das gleiche Gefühl. Die Welt da draußen war so groß, und vielleicht fand sie dort Katzenmenschen wie sie selbst und damit ihre eigenen Leute, vielleicht sogar ihre Eltern. Sie atmete scharf ein und wandte sich zum Gehen.

»Gute Beute, Tinka!«, sagte sie noch, als sie zum Eingang hinaus schlüpfte. Dann konnte sie nur noch an das denken, was vor ihr liegen mochte.

☀ ☀ ☀

Laisa hätte sich nicht vorstellen können, dass es so viele Menschen auf der Welt gab. Dabei sollte der Ort, der von den Katzenmenschen ehrfurchtsvoll »Die Stadt« genannt wurde, nur eine von vielen Siedlungen der Glatthäutigen sein. Obwohl es sie in den Fingerspitzen juckte, die Ansammlung von Dächern und die Räume darunter zu untersuchen, hielt sie sich zurück, denn inzwischen hatte sie erfahren, dass den Katzenleuten der Aufenthalt in der Stadt verboten war. Nun erwog sie, in der Nacht die Mauern hochzuklettern und sich ein wenig umzusehen, denn weder die geschlossenen Tore noch die Mauern würden sie aufhalten.

Grom, der seine Leute bis zum Sammelplatz der Frachtwagen begleitet hatte, kam auf sie zu und blickte sie tadelnd an. »Ich sehe dir an der Nasenspitze an, was du vorhast. Aber daraus wird nichts, verstanden? Betrittst du die Stadt, wirst du nicht mit dem Handelszug ziehen, sondern umgehend ins Dorf zurückkehren.«

Mit dieser Drohung war es ihm ernst, das spürte Laisa, und da sie nicht bereit war, auf das Abenteuer ihres Lebens zu verzichten, wandte sie dem Menschenort mit seinen hoch aufragenden Mauern und den vielen Türmen schmollend den Rücken zu. Sie ärgerte sich jedoch nicht über ihren Ziehvater, sondern über die Arroganz der Menschen, die ihre Tore vor den Katzenleuten versperrten, als handelte es sich um schmutzige und gefährliche Tiere. In ihrem Dorf war das anders. Dort durften Gäste alle Häuser betreten.

Laisa hing diesen unerfreulichen Gedanken nicht lange nach, denn sie wollte lieber an schöne Dinge denken, als sich ihrem Unmut hinzugeben. Daher erinnerte sie sich wieder an die wunderbar riechende Frau, die sie seit jener Begegnung am Dorfeingang nicht mehr gesehen hatte. Wie gerne hätte sie ihren Kopf in deren Schoß gelegt, die Augen geschlossen und dabei von Abenteuern in Ländern geträumt, in denen man einer Katzenfrau nicht die Türen verschloss. Doch sie bemühte sich vergebens, die Witterung der Fremden aufzunehmen, und empfand plötzlich einen schmerzhaften Verlust. Irgendetwas hatte diese Frau an sich gehabt, das ihr nun wie ein Hauch ferner Heimat vorkam. Die Fremde musste den Ort kennen, von dem sie stammte, und hätte ihr gewiss etwas darüber erzählen können.

Bei dem Gedanken lachte sie über sich selbst. Das waren nur Wunschträume. Sie musste auf das schauen, was vor ihr lag.

»Vergiss die Frau und auch die Städter«, sagte sie zu sich selbst und meldete sich, um sich abzulenken, freiwillig für die Nachtwache.

Grom blickte sie misstrauisch an. »Du hast doch nicht vor, dich heimlich in die Stadt zu schleichen?«

»Du hast es mir verboten!« Laisas Antwort überzeugte den Stammesführer nicht, denn bislang waren Verbote für Laisa meist eine Aufforderung gewesen, genau das zu tun, was sie nicht sollte.

»Ich werde mit dir wachen, und wehe, du verlässt deinen Posten!« Grom sah sie noch einmal mahnend an und befahl ihr, auf einen der hohen Waldbirnenbäume zu klettern, die um den Platz standen.

Laisa nickte vergnügt, denn von dort oben konnte sie in einen Teil der Stadt hineinsehen und gleichzeitig die fünf Wagenzüge im Auge behalten, die auf dem Anger zusammengestellt worden waren, um am nächsten Tag in verschiedene Richtungen aufzubrechen. Jede der Kolonnen bestand aus mindestens fünfundzwanzig großen Wagen, vor die jene besonders kräftigen Ochsen gespannt würden, die jetzt bei ihnen angepflockt waren.

Der Witterung nach, die von den Ballen und Fässern aufstieg, gab es sehr viele unterschiedliche Waren, mit denen die Menschen der Stadt handelten, angefangen von kalten Dingen aus Metall oder Steingut bis hin zu interessant riechenden Töpfen und Fässern, die Laisa gerne näher untersucht hätte. Doch sich den Inhalt der Wagen anzusehen, war den Katzenleuten ebenso verboten worden wie die Stadt zu besuchen.

Um nicht wieder mit der Tatsache zu hadern, dass ihre Leute und damit auch sie von den Menschen wie gefährliche Wilde behandelt wurden, blickte sie zu der Siedlung hinüber. Dort standen die Häuser viel enger zusammen als in ihrem Dorf und waren zumeist nicht aus warmem Holz errichtet worden, sondern aus aufgeschichteten Steinen. Das war eine Sitte, die zu den Menschen passte. Auch die Gerüche, die der Wind ihr zutrug, machten ihr die Leute nicht sympathischer. Der Ort stank nach Exkrementen, verfaulendem Fleisch und verrottenden Pflanzen. Es schüttelte sie bei dem Gedanken, in solchem Schmutz leben zu müssen. Kein Wunder, dass der Kaufherr, der sie in seine Dienste genommen hatte, und dessen Sohn ihren Gestank mit Mitteln übertünchten, die jede Nase betäuben mussten. Da die Menschen über einen weitaus schlechteren Geruchssinn verfügten als die Katzenmenschen, machte es ihnen wohl nichts aus. Sie sahen und hörten auch lange nicht so gut. Alles in allem waren die Glatthäutigen eine eher schwächliche Rasse, und daher empfand Laisa es als doppelt empörend, von diesen Wesen wie Abschaum behandelt zu werden.

Da sie ihre Neugier weder in der Stadt noch bei den Wagen stillen durfte, legte Laisa sich auf eine Astgabel und stellte sich genüsslich vor, wie sie dem Kaufherrn und dessen Sohn nach erfolgreicher Fahrt die Kleider zerfetzen und ihnen ein paar Krallenspuren über den Rücken ziehen würde.

»Hallo Laisa, ist bei dir alles in Ordnung?«, hörte sie Groms Stimme.

»Bei mir schon! Und wie steht es bei dir?«

»Hier rührt sich nichts. Pass aber gut auf! Wenn sich andere Leute als die, die uns heute vorgestellt worden sind, den Wagen nähern, sind es Diebe, und die müssen wir fangen.«

Grom hört sich an, als wäre ich ein unverständiger Katling, dachte Laisa erbittert. Diese Lehren waren ihr eingetrichtert worden, seit ihre Ausbildung als Karawanenwächterin begonnen hatte. Ihre Aufgabe war es, Fremde fernzuhalten, die der Handelsherr nicht bei seinem Wagenzug sehen wollte. Das waren zumeist Diebe, die heimlich kamen, oder Räuber, die sich mit Waffengewalt in den Besitz der mitgeführten Waren setzen wollten. Sie traute sich zu, es mit einem halben Dutzend solcher Kerle gleichzeitig aufzunehmen, und hätte Grom am liebsten ein paar bissige Worte gesagt.

Aber sie schluckte ihren Unmut und versuchte, höflich zu antworten. »Keine Sorge, Grom! Ich behalte unseren Wagenzug im Auge. Hier scheint alles in Ordnung zu sein, aber bei den anderen Wagen rechts neben uns treiben sich Leute herum, die aussehen, als hätten sie dort nichts verloren.«

Die Männer, die Laisa entdeckt hatte, konnten Leute des dortigen Kaufherrn sein, die noch einmal alles kontrollierten, aber auch Diebe, die die beginnende Dunkelheit ausnutzen wollten, um lohnende Beute ausfindig zu machen. Da sie die Leute entdeckt hatte, hoffte Laisa, Grom würde ihr den Auftrag geben, drüben nachzuschauen, doch er rief Wuko zu sich. »Lauf zu Traf hinüber und sage ihm, er soll besser aufpassen. Laisa hat Leute bei seinem Wagenzug entdeckt.«

»Glaubst du das wirklich? Wahrscheinlich spielt sie sich nur wieder auf!«, antwortete Wuko mit hochgezogenen Lippen.

Im nächsten Augenblick quiekte er wie angestochen, denn Laisa hatte eine noch harte Waldbirne gepflückt, damit auf seinen empfindlichen Schwanzansatz gezielt und getroffen.

Grom kicherte. »Da hast du deine Antwort. Und jetzt beeile dich, wenn du keine Ohrfeige haben willst. Auf einer Karawanenfahrt ist dem Befehl des Anführers stets Folge zu leisten.«

»Ich gehe ja schon!« Wuko wandte sich um, drehte sich dann aber noch einmal zu dem alten Katzenmann um. »Unterwegs bin ich der Anführer, und Laisa muss mir gehorchen. Ich werde ihr befehlen, in jeden Teich und jeden Bach zu tauchen, auf den wir unterwegs treffen.«

Beim letzten Wort traf eine faulige Waldbirne seine Nase. Er stieß einen Wutschrei aus und schien zu überlegen, wie er das Katzenmädchen vom Baum herunterholen und verprügeln konnte. Groms leises Grollen erinnerte ihn jedoch an seinen Auftrag, und er trollte sich murrend.

Hoch oben auf dem Baum ringelte Laisa sich vor Vergnügen. Die Katzen im Dorf vermieden es nach Möglichkeit, in einen Bach oder einen Weiher zu steigen, doch sie selbst tauchte und schwamm mit Begeisterung. Würde Wuko ihr tatsächlich befehlen, ins Wasser zu springen, könnte sie ihn gründlich nass spritzen.

Da hörte sie Groms mahnende Stimme. »Ich weiß, was du denkst, Mädchen, aber du wirst dem armen Wuko das Leben nicht noch schwerer machen. Als Anführer der Neulinge trägt er eine große Verantwortung. Unser Stamm dient den Herren der Stadt schon seit Urzeiten als Beschützer ihrer Karawanen, ohne dass es Beschwerden gab. Ich will nicht erfahren, dass einer von euch Schande über uns bringt.«

Laisa fand den Vorwurf ungerecht, denn sie wollte eine so gute Karawanenwächterin werden, dass noch die Kindeskinder im Dorf ihr Lob singen würden. Gleichzeitig aber beschlich sie erneut das unbestimmte Gefühl, als würde sie nie mehr an den Ort zurückkehren, an dem sie aufgewachsen war.

Während Laisa sich fragte, wohin ihr Weg sie wohl führen würde, beobachtete sie, wie Wuko und einige andere Katzen die Männer vertrieben, die sich an den Wagen des Handelszuges zu schaffen gemacht hatten. Seltsamerweise wünschte sie sich gar nicht mehr, dort unten mitmischen zu können, denn Wukos Verhalten hatte ihr wieder einmal klargemacht, dass sie nicht richtig dazugehörte. So, wie sie den großmäuligen Kater kannte, würde er wahrscheinlich sogar noch versuchen, den Handelsherrn dazu zu bringen, sie irgendwo in der Wildnis fortzuschicken, so dass sie nicht mehr heimfand.

Seltsamerweise ängstigte sie diese Vorstellung nicht. Sie war fest überzeugt, nicht als verwahrloste Streunerin zu enden, sondern neue Aufgaben zu finden, bei denen sie ihr Können unter Beweis stellen konnte. Irgendwann, das nahm sie sich vor, würden ihr sogar die Menschen mit Hochachtung begegnen.

☀ ☀ ☀

Mit der Dunkelheit wich auch die angenehme Stille, die nur hie und da durch die leisen Rufe der Katzenwächter und einige Tierlaute unterbrochen worden war. Die Menschen, die die Bewachung ihrer Wagenzüge in der Nacht Groms Leuten überlassen hatten, strömten nun scharenweise aus der Stadt. Zu den Männern, die zu den Handelskarawanen gehörten, gesellten sich nun deren Verwandte, Freunde, Frauen und eine Unmenge Kinder. Diese ergossen sich kreischend über den Anger, grapschten nach jeder Katze, zerrten an den Schwänzen und rissen ihnen büschelweise Haare aus.

Laisa floh vor der aufdringlichen Horde auf ihren Baum und beobachtete verärgert, dass ihre Stammesgenossen das alles wehrlos über sich ergehen ließen. Ein Junge sprang sogar an Grom hoch und zerrte an dessen empfindlichen Tasthaaren. Der Alte verzog schmerzhaft sein Gesicht, schob das kleine Ungeheuer aber nicht von sich weg. In Laisa kochte die Wut hoch, die sie in der Nacht nur mühsam gebändigt hatte, und der Bengel lernte ihre Treffsicherheit mit harten Waldbirnen kennen.

Heulend ließ der Junge von dem alten Katzenmann ab und lief zu einer dicklichen Menschenfrau, um dort Trost zu suchen. Diese zog ihn an sich, sagte etwas und kam dann wutschnaubend auf Grom zu.

»Du hast meinen Sohn geschlagen!« Dabei hob sie die Hand, als wolle sie ihn ohrfeigen.

Das war nun auch dem alten Katzenmann zu viel, und er entblößte warnend seine immer noch imposanten Zähne, worauf die Frau mit einem Aufschrei zurückwich.

Auch die anderen Katzenmenschen hatten von der zudringlichen Meute genug und flüchteten auf Bäume oder die Dächer der großen Wagen. Daraufhin baute sich der Kaufherr vor Grom auf und fuchtelte mit den Fäusten. »Was fällt euch ein? Es ist ein Glück verheißendes Omen, wenn unsere Kinder deine Leute berühren!«

»Gegen das Berühren haben wir nichts, aber sie reißen uns das halbe Fell aus!« Wuko hatte es mit am schwersten erwischt, denn auf seinem Schwanz war ein handspannenlanges Stück blutender Haut zu sehen.

Zwar tat er Laisa nicht sonderlich leid, denn er hatte sie früher gerne gequält, dennoch beschloss sie, sich einzumischen. Mit einem eleganten Satz sprang sie vom Baum herab und landete so haarscharf neben dem Kaufherrn, dass dieser erschrocken zurückwich.

»Wir sind hier als Karawanenwächter angestellt und nicht als Spielzeug für eure missratenen Menschlinge!«, fauchte sie ihn an.

Es dauerte einen Augenblick, bis der Mann begriff, dass sie menschliche Kinder meinte. Er selbst hatte diese mit einigen Handvoll Süßigkeiten dazu gebracht, besonders heftig an den Schwänzen der Katzenleute zu zerren. Doch wie es aussah, hatte er die Geduld der Bepelzten über Gebühr beansprucht. Mit einem verächtlichen Schnauben wandte er sich ab und winkte seinen Karawanenaufseher zu sich.

»Macht alles fertig. Wir wollen als Erste aufbrechen!« Da es sich bei seinem Wagenzug um den größten handelte, der in diesem Jahr auf Handelsfahrt ging, war das kaum zu schaffen. Das wusste der Karawanenaufseher genauso wie sein Herr. Da dieser jedoch keinen Widerspruch hinnehmen würde, eilte der Mann von Wagen zu Wagen und befahl den Fuhrknechten, die Ochsen anzuspannen und alles bereit zu machen.

Unterdessen versammelte Grom diejenigen von seinen Leuten um sich, die mit auf die große Reise gehen würden, und hob beschwörend die Hände. »Macht mir keine Schande, Kinder! Gehorcht den Menschen, denen ihr dient, bringt sie sicher an ihr Ziel und ebenso unversehrt wieder zurück.«

Während Wuko und die anderen eifrig nickten, stieß Laisa verächtlich die Luft aus. Es behagte ihr nicht, Leuten zu gehorchen, die ihresgleichen als eine Art Sklaven ansahen, mit denen man alles machen konnte. Wahrscheinlich würde sie als Streunerin in den Wäldern ein besseres Leben führen als unter der Fuchtel eines Handelsherrn, der keinerlei Achtung vor ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten hatte.

»Geht nun und nehmt eure Posten ein!«

Groms Befehl schreckte Laisa aus ihren Gedanken auf. Sie trat noch einmal auf den Alten zu und umarmte ihn. Das war ein für Katzenmenschen ungewöhnliches Verhalten, welches sie bereits als kleiner Katling gezeigt hatte. Grom ließ es seufzend über sich ergehen und sah Laisa dann durchdringend an. Sie war seine beste Schülerin gewesen, aber auch die störrischste. Nun hoffte er, dass sie mit der Welt da draußen zurechtkam, wünschte sich aber gleichzeitig, sie würde unterwegs auf Leute ihres eigenen Stammes treffen und sich diesem anschließen. Sofort schämte Grom sich für diesen Gedanken, denn er liebte Laisa wie eine Tochter. Doch er war sicher, dass sie sich anderswo glücklicher fühlen würde als in seinem Dorf.

»Mach mir keine Schande!«, wiederholte er und strich ihr noch einmal über die Wange. Dann wandte er sich um und ging.

Laisa sah ihm ein paar Augenblicke nach. Noch wirkte er kräftig, doch sein Pelz begann bereits, dünn zu werden und sein Rücken krumm. Er hatte die Blüte seines Lebens bereits vor Jahren hinter sich gelassen und würde vielleicht schon in diesem Herbst das verantwortungsvolle Amt des Ausbilders aufgeben und auch einem neuen Anführer Platz machen müssen.

In diesem Moment wurde Laisa zum ersten Mal schmerzlich bewusst, dass ihr Pflegevater alt wurde und vielleicht bald sterben musste, und sie hoffte, dass man ihm bis zuletzt die Achtung erweisen würde, die diesem weisen Katzenmann gebührte.

»Alle Katzenleute auf ihre Posten!« Um Erfahrung zu sammeln, durfte Wuko in der Nähe der Stadt für einen Tag und eine Nacht den Anführer über die fünfzig spielen, die den größten Handelszug begleiteten. Er hetzte die einen nach vorne, andere nach hinten und blaffte den Rest an, nicht im Weg zu stehen. Laisa stellte sich vor, wie Grom an seiner Stelle reagieren würde. Gewiss würde er sich nicht so in Szene setzen, wie Wuko es tat. Da sie selbst auf dem ersten Stück der Reise wachfrei hatte und beim Handelszug bleiben sollte, schnellte sie auf einen Wagen und legte sich auf die straff gespannte Plane. Dabei ignorierte sie die bösen Blicke der Fuhrknechte, die das Gespann führten. Warum sollte sie nebenherlaufen, wenn sie so auf eine weitaus bequemere Art und Weise vorwärtskommen konnte?

Da sie sich langweilte, zählte sie die Wagen der Karawane. Es waren zweiunddreißig, eine Zahl, die Wuko nicht einmal denken konnte. Bis auf den vordersten wurde jeder Wagen von zwölf Ochsen gezogen, der führende aber nur von sechs. Dieses Gefährt war nicht mit Handelsgut beladen, sondern trug eine Art Hütte, in der der Kaufherr während der Reise mit seinem Sohn wohnte. Laisa nahm sich vor, diesen Wagen bei Gelegenheit einmal von innen zu betrachten. Derzeit aber begnügte sie sich damit, die Ochsen, die vor diesen Wagen gespannt waren, zu den einunddreißig Zwölfer-Gespannen hinzuzuzählen. Sie kam auf insgesamt dreihundertachtundsiebzig Ochsen und war stolz darauf, so gut rechnen zu können.

Nun beschäftigte sie sich mit den Menschen, die die Karawane begleiteten. Zählen konnte sie sie nicht, weil sie teilweise von den Wagen und den Zugtieren verdeckt wurden. Also versuchte sie, die Leute anhand ihres Geruchs auseinanderzuhalten, und merkte sich davon ausgehend die Farbe ihrer Kleidung, körperliche Merkmale und den Schnitt der Gesichter. Es fiel ihr leichter, als sie erwartet hatte, denn die anderen Katzenleute kamen nur schlecht damit zurecht, Menschen zu unterscheiden. Daher sonnte Laisa sich in dem Gedanken, etwas Besonderes zu sein.

»Laisa, auf geht’s! Du übernimmst jetzt die Erkundung im Wald links der Straße!« Offensichtlich gefiel es Wuko, sie herumkommandieren zu dürfen.

Laisa riet ihm im Stillen, es nicht zu übertreiben, wenn er sein gesundes Fell behalten wollte. Mit einem Satz sprang sie über ihn hinweg und klatschte ihm die Schwanzspitze ins Gesicht. Bevor er reagieren konnte, war sie bereits außerhalb seiner Reichweite.

Von Wukos Verwünschungen verfolgt, verschwand Laisa in dem Waldstück, an dessen Rand sich die Straße entlangzog. Schon nach kurzer Zeit hatte sie den schwerfälligen Wagenzug hinter sich gelassen und genoss ein bisher unbekanntes Gefühl der Freiheit. Der Wind blies günstig, und wenn Fremde sich näherten, würde sie ihre Annäherung bereits von weitem wittern.

Plötzlich stockte ihr Schritt, und sie sog ein paar Mal die Luft ein, um zu prüfen, ob sie ihrer eigenen Wunschvorstellung zum Opfer gefallen war. Doch ihre Nase bestätigte, dass der anziehende Duft, der auf einmal in der Luft lag, zu jener fremden Frau mit den goldenen Augen gehörte, die sie beim Dorf gesehen hatte.

Unwillkürlich bog Laisa in die Richtung ein, aus der ihr der Geruch am stärksten entgegenwehte. Dabei entfernte sie sich zwar weiter als erlaubt vom Wagenzug, doch je tiefer sie in den Wald vordrang, umso intensiver wurde der Duft. Bald konnte sie sogar die Spur der Frau im weichen Waldboden wahrnehmen. Von der Unbekannten ging eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft aus, welcher sie wie ein Katling folgte, der im Spiel alles andere um sich herum vergessen hatte. Bei dem Gedanken an ihre selbstvergessenen Spiele als Kind erinnerte Laisa sich wieder an ihre Pflichten von heute und spürte ein schlechtes Gewissen. Sie wollte die Suche schon aufgeben und zur Karawane zurückkehren, als sie glaubte, den wehenden Mantel der Frau und ein Aufblitzen ihrer goldenen Haare zu sehen. Prompt lief sie weiter.

Um nicht im Unterholz hängenzubleiben, sprang sie in großen Sätzen über die Hindernisse und fing sich mit den Armen ab, wie eine der kleinen, vierfüßigen Wildkatzen, die in den Wäldern lebten. Sie rannte so schnell wie wohl selten zuvor in ihrem Leben, und bald wurde der verführerische Duft so stark, dass er die Gerüche des Waldes übertönte. Auf Laisa wirkte er wie Katzenkraut, das die Frauen des Dorfes am Abend zerrieben, um die herumtollenden Katlinge in die Hütten zu locken. Sie hatte den Wagenzug ebenso vergessen wie die anderen Karawanenwächter und die ihr auferlegte Pflicht, die Gegend auszuspähen.

Plötzlich sah sie die Frau auf einer kleinen Lichtung stehen. Die Goldhaarige drehte sich zu ihr um und winkte ihr. Doch als Laisa die Lichtung erreichte, löste sich die Fremde auf wie Nebel in der Sonne. Nur ihre Witterung blieb in der Luft hängen. Laisa schnupperte, um herauszufinden, wo sich die Frau versteckt haben könnte, und stellte fest, dass der Geruch in der Mitte der Lichtung am stärksten war. Als sie auf die Stelle zutrat, sah sie ein Glitzern im steifen, halbtrockenen Gras. Sie griff danach und hielt mit einem Mal das sternförmige Schmuckstück der Fremden in der Hand.

Nun schnurrte sie vor Vergnügen, denn dieses Ding hatte sie vom ersten Augenblick an haben wollen. Sie blickte an sich hinab, um zu schauen, wo sie es verstecken konnte, doch außer ihrem kurzen Kilt aus Leder trug sie nur den schmalen Gurt mit dem Dolch sowie den auf den Rücken geschnallten Köcher mit dem Bogen.

So beschloss sie, den weißen Stern im Köcher zu verstecken. Doch in dem Augenblick, in dem sie den Riemen über den Kopf streifen wollte, flammte das Schmuckstück auf und hüllte sie in grelles Licht. Laisa schloss geblendet die Augen und ließ den Stern erschrocken fallen. Gleichzeitig erhob sich um sie herum ein Raunen und Summen, und sie glaubte, ein fremdartig klingendes Lied zu vernehmen. Im nächsten Moment wirbelte sie durch die Luft und hatte das Gefühl, in einen schier endlosen Abgrund zu stürzen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde ihr schwindlig. Als sie schon glaubte, sich übergeben zu müssen, verlangsamte sich ihr Fall, und sie sank zu Boden.

Kaum stand Laisa wieder auf den Beinen, riss sie erschrocken die Augen auf. Das blendend helle Licht war erloschen, und sie sah sich mit kampfbereit ausgefahrenen Krallen um. Aber es war niemand in ihrer Nähe, abgesehen von ein paar Fliegen und einem schrillgrün gefärbten Schmetterling. Sie befand sich immer noch in einem Wald, doch dieser sah ganz anders aus als die Wälder, die sie gewohnt war. Blätter und Blüten der Pflanzen sowie die Rinde der Bäume, alles leuchtete in sehr ähnlichen Grüntönen, die ihr unnatürlich grell vorkamen. Auch die Insekten, die zwischen den Bäumen umherflogen, schillerten in dieser Farbe, und der Wald roch sogar danach.

Laisa kannte keine einzige der Pflanzen und hatte auch die meisten Tiere noch nie gesehen. Auch erschreckte sie der blassblaue Mond, der hoch am Himmel stand und selbst am Tag deutlich zu erkennen war. Von einem Land wie diesem hatte sie noch nie etwas gehört, auch nicht von einem Grün, das man riechen konnte. Selbst als sie mit einer ihrer Krallen die Rinde eines Baumes aufritzte, schimmerte es grün durch, und das austretende Harz bildete einen dicken, grün schillernden und riechenden Tropfen.

Farben besitzen keine Gerüche, schalt Laisa sich. Das wusste schließlich jedes Kind. Aber hier nahm sie ein intensives Aroma wahr, für das sie keinen anderen Ausdruck fand. Auch stand sie unter den eigenartigsten Bäumen, die sie je gesehen hatte. Die Stämme ragten so hoch in den Himmel, dass der größte Waldbirnenbaum gegen sie wie ein Busch wirken musste.

Selbst das Moos zu Laisas Füßen glomm in einem unnatürlich kräftigen Grün, und ein Pilz, den sie in einiger Entfernung entdeckte, leuchtete wie ein übergroßes Glühwürmchen. Neugierig geworden pflückte sie ihn und zerbrach den handtellergroßen Schirm. Auch sein Inneres strahlte in dieser intensiven Farbe. Dennoch verriet ihr der Geruch, dass der Pilz essbar war. Versuchsweise leckte sie daran, und er schmeckte erstaunlich gut, besser sogar als die Waldbirnen, die sie gewohnt war. Sie steckte sich die Stücke in den Mund und rollte sie eine Weile auf der Zunge, um festzustellen, ob nicht doch noch ein verborgenes Gift darin war. Aber das schien nicht der Fall zu sein. Daher aß sie ihn auf und widmete sich der weiteren Umgebung.

Das Land hier war weitaus lebendiger als die Gegend, in der sie aufgewachsen war, und die Gerüche so verwirrend, dass sie nicht feststellen konnte, woher sie stammten. Sogar die Wolken am Himmel schienen einen leichten Duft auszuströmen, dem sie instinktiv die Farben Grün, Gelb oder Weiß zuordnete.

Angesichts dieser bedrückenden Andersartigkeit ihrer Umgebung fühlte Laisa sich hilflos wie ein neugeborenes Kätzchen und maunzte auch so, als würde sie ihre Mutter suchen. Wo bin ich denn hier hingeraten?, dachte sie verzweifelt und musste sich zwingen, nicht blindlings davonzustürmen.

Sie presste die Kiefer zusammen, bis sie schmerzten, und kletterte an einem Baum hoch in der Hoffnung, die Straße zu entdecken, auf der die Handelskarawane zog, die sie schützen sollte. Doch als sie den Gipfel erreicht hatte und den Kopf durch das dichte Geäst streckte, traf sie der nächste Schock. Direkt vor ihr erhob sich ein hoch aufstrebendes Gebirge mit weiß gleißenden Gipfeln, und über diesem kreisten Vögel von einer Art, die sie noch nie gesehen hatte.

Drittes Kapitel

Khaton

Was für eine Verschwendung von Talenten, dachte Khaton, als sein Blick über die Köpfe seiner Schüler schweifte. Die junge Adelige, die direkt vor ihm saß, hätte zu einer ausgezeichneten Heilerin ausgebildet werden können. Doch diesem Beruf haftete heutzutage etwas Bäurisches an. Ein Landmädchen mochte mit Hilfe einer begabten, alten Frau seine geistigen Kräfte schulen, um Krankheiten erkennen und sie heilen zu können. Für eine junge Dame aus gutem Haus war dies jedoch undenkbar. Dabei konnte Khaton sich noch gut an jene Zeiten erinnern, in denen Königinnen und Fürstinnen die Berufung zur Heilerin als hohe Auszeichnung empfunden hatten.

Als Nächsten musterte er den jungen Mann in der dritten Reihe. Aus diesem hätte mit einer sorgfältigen Ausbildung ein halbwegs brauchbarer Magier werden können. In den Dämmerlanden gab es jedoch keine Magierschulen mehr, und die wenigen begabten Männer und Frauen, die noch in den Landen am Großen Strom wirkten, galten den Menschen als unheimliche und gefährliche Leute, denen man am besten weit aus dem Weg ging.

Khaton seufzte und fuhr mit den Fingern durch seinen langen, weißen Vollbart. Die Welt war aus den Fugen gegangen, dabei hätte nach Äonen des Krieges endlich Frieden herrschen müssen. Dieser Gedanke brachte ihn auf das Thema des heutigen Unterrichts zurück.

»Wir schreiben jetzt eine Klausur über die Stellung der Priesterschaften in der Heiligen Stadt Edessin Dareh sowie über die Aufgaben der Evari, wie die Wächter der Götter genannt werden!«

Kichern aus den hinteren Reihen kommentierte Khatons Ankündigung. Anscheinend nahmen einige Schüler diese Klausur nicht ernst.

Khaton beließ es jedoch bei einem mahnenden Blick und trat an die Tafel, um einige Stichpunkte aufzuschreiben. »Wie ihr alle wisst, wird das Gebiet beiderseits des Toisserech, der im Volksmund nur der Große Strom genannt wird, als Dämmerlande bezeichnet. Hier im Westen, auf der goldenen Seite, liegen eure Heimatländer, während sich jenseits des Stromes auf der roten Seite die Reiche der Dämonenanbeter befinden.«

Ein junger Mann gähnte demonstrativ, und die verhinderte Heilerin legte die Rechte vor den Mund, um ihr spöttisches Lächeln zu verbergen.

Für Khaton war dies ein Grund, weiter auszuholen. »Vor tausend Jahren gab es noch keine Dämmerlande. Damals herrschten unsere Götter, der weiße Meandir, der gelbe Talien und der grüne Tenelin auf unserer Seite und die beiden Dämoninnen und der Dämon des Ostens jenseits des Stromes. Wie heißen die Dämoninnen, und was sind ihre Farben?« Khatons Zeigefinger stach auf eine seiner Schülerinnen zu. Diese schluckte und stand schließlich auf.

»Die blaue Ilyna und die violette Linirias, glaube ich!«

»Du glaubst richtig«, antwortete Khaton mit einem leisen Grollen. »Doch wer ist der Widerpart unseres großen weißen Gottes Meandir?«

»Der schwarze Giringar!« Diesmal gab es kein Zögern.

Khaton nickte. »Giringar ist der Herr des Schwarzen Landes. Vor tausend Jahren reichte dieses bis an den Großen Strom und an einigen Stellen sogar darüber hinaus. Damals herrschte ein erbitterter Krieg zwischen unseren Göttern und den Ostdämonen, und jede Seite versuchte mit allen Mitteln, den Sieg zu erringen. Die Verluste in diesen Kriegen waren schrecklich, und schließlich begriffen alle, dass eine Weiterführung der Kämpfe das Ende allen Lebens bedeutet hätte.

In einem seltenen Augenblick der Vernunft gingen die Ostdämoninnen und Giringar auf das Verhandlungsangebot der großen Götter Meandir, Talien und Tenelin ein, und alle sechs trafen sich in eigener Gestalt … wo?«

Diesmal war der zum Magier begabte Schüler an der Reihe. Er hatte wohl an etwas anderes gedacht, denn er setzte mehrmals zur Antwort an, ohne jedoch etwas zu sagen. Schließlich raunte ihm sein Banknachbar das entsprechende Wort zu.

»In Edessin Dareh, verehrter Herr Professor Valgrehn!«

Khaton nickte. »Ganz genau, in Edessin Dareh, wie es unter kultivierten Menschen genannt werden sollte. Aus diesem Grund ist dies jetzt eine heilige Stadt und der Ort, an dem sich die obersten Tempel der Dämmerlande befinden. Die Götter und die Ostdämonen schlossen damals einen Frieden, der für immer gelten sollte, und zogen ihre Heere auf jene Gebiete zurück, die heutzutage das Weiße, das Gelbe, das Grüne, das Blaue, das Violette und das Schwarze Land genannt werden. Zwischen den Götterreichen des Westens und den Dämonengebieten im Osten wurde eine neutrale Zone geschaffen, die man heute Dämmerlande nennt, weil diese Teile der Welt nicht mehr zu den Götter- und Dämonenreichen zählen.

Für die einzelnen Religionen wurden die Tempel von Edessin Dareh als oberste Instanz gegründet und von jedem Gott und von jedem Dämon ein Evari als Wächter über seine jeweilige Farbe bestimmt. Wer ist der Evari des weißen Gottes Meandir?« Khaton wies auf einen weiteren Schüler.

Dieser wollte sich vor seinen Schulkameraden aufspielen und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, Herr Professor!«

»Das gibt zwanzig Punkte Abzug für die folgende Klausur.«

Der Bursche erbleichte, doch Khatons Mitleid hielt sich in Grenzen. Wer ihm mit Frechheit kam, musste die Folgen tragen.

Eines der Mädchen nannte schließlich den Namen. »Khaton!«

»Wie heißt das?«, wies Khaton sie zurecht.

»Der Name des Evari unseres herrlichen weißen Gottes Meandir lautet Khaton, Herr Professor Valgrehn!«

Da die Schüler in ihrer Heimat gelernt hatten, dass Khaton nur ein Popanz war, den niemand ernst nehmen sollte, klang erneut Kichern und unterdrücktes Gelächter auf. Beides erstarb jedoch rasch, als Khaton jeder Schülerin und jedem Schüler ein Blatt Papier gab und die Sanduhr auf seinem Pult umdrehte.

»Ihr habt Zeit, bis der Sand durchgelaufen ist, und nun fangt an!«

Während die Schüler sich über ihre Blätter beugten und schrieben, hing Khaton seinen eigenen Gedanken nach. Wohl hatten sich Meandir, Talien und Tenelin sowie Ilyna, Linirias und Giringar samt ihren Heeren vom Großen Strom zurückgezogen. Doch den Menschen, die nun in dem Streifen zwischen den Götterländern lebten, lag wenig an einem gedeihlichen Miteinander und noch weniger an einer Aussöhnung mit der einst feindlichen Seite.

Khatons Aufgabe als Wächter des weißen Gottes Meandir war es zu verhindern, dass der fragile Frieden gebrochen wurde. Doch er stand alleine da. Keiner von jenen, auf die es ankam, war bereit, ihn zu unterstützen oder auch nur seine Autorität anzuerkennen. Zwar hatte er ein paar Helfer, doch das waren nur Zuträger, die ihn zumeist nur lückenhaft über Geschehnisse informierten, die sich in den Reichen der weißen Stammtafel und bei deren Nachbarn abspielten. Meist kam das, was er erfuhr, viel zu spät, und auch jene Nachrichten, die ihn schnell erreichten, waren kaum geeignet, ihn hoffnungsvoll in die Zukunft schauen zu lassen.

Während sein Blick weiter über seine Schüler schweifte, verdüsterte sich seine Miene. Die jungen Leute, vor denen er stand, kümmerte es nicht, mit welchen Problemen ihre Welt zu kämpfen hatte. Zwar studierten sie Rechtswissenschaft und Verwaltungskunde, aber nicht, um in ihren Heimatländern zum Wohl der Völker zu arbeiten, sondern um jeden Vorteil zu ihren Gunsten oder zu denen ihrer Herrscher gegen Nachbarn und Konkurrenten zu nutzen. Das schloss auch erpresserische Forderungen und Krieg gegen die Nachbarreiche mit ein. Am liebsten hätte Khaton jeden Einzelnen von ihnen durchgeschüttelt und ihnen erklärt, was er von dieser Einstellung hielt.

In dem Augenblick hob das Adelsdämchen mit den Heilerfähigkeiten die Hand. »Ich bin fertig, Professor Valgrehn.«

Tief in seine Gedanken versunken, zuckte Khaton zusammen. Hier in Thelan kannte man ihn nur unter dem Namen Valgrehn. Das war eine hervorragende Tarnung, doch er fragte sich, was seine Schüler dazu sagen würden, wenn er ihnen seine wahre Identität offenbarte.

Wahrscheinlich würden sie vor Angst zittern, ihn aber auch hassen. Dabei war er der Evari des hohen Herrn Meandir und damit einer der drei mächtigsten Magier auf der westlichen Seite des Toisserech. Obwohl der Gott ihn zum Wächter über die weißen Reiche ernannt hatte, musste er ständig erleben, wie die Fürsten und Könige seine Befehle missachteten. Sie betrachteten ihn nur als Popanz, der ihnen mit irgendwelchen lästigen Vorschriften in den Ohren lag.

Das Räuspern der jungen Adeligen erinnerte Khaton daran, dass er noch nicht auf ihre Meldung reagiert hatte. Langsam stand er auf. »Meine Damen und Herren, es wird an der Zeit, die Aufgaben abzugeben. Wer nicht umgehend die Feder ruhen lässt, erhält zehn Punkte abgezogen!«

Sofort legten die Schüler ihre Schreibfedern beiseite, und Khaton wünschte sich, die Herrscher und Herrscherinnen der weißen Reiche würden ihm ebenso gehorchen wie die jungen Leute hier. Doch diese Hoffnung würde sich wohl niemals erfüllen. Mit einem Groll im Herzen, der ihn selbst verwunderte, sammelte er die Blätter ein und legte sie auf sein Pult.

»Dies war die letzte Stunde für heute. Ihr könnt jetzt auf eure Zimmer gehen und dort den Stoff noch einmal durchgehen.«

Ein unterdrücktes Kichern antwortete ihm. Ein Teil der Schüler hatte bereits vor dem Unterricht beschlossen, nach Schulschluss einen Ausflug in die Unterstadt von Thelan zu machen und sich dort guten, thilischen Wein schmecken zu lassen. Der Rest würde jedoch lernen, denn alle hofften auf eine Auszeichnung, die es ihnen ermöglichte, in der Verwaltungshierarchie ihrer Heimatländer ganz hoch aufzusteigen.

Khaton war im Grunde gleichgültig, was sie taten, auch wenn er als dritthöchster der Professoren von Thelan dafür zu sorgen hatte, dass sich die Jungen und Mädchen an die altüberlieferte Schulordnung hielten. Er wartete, bis das Klassenzimmer leer war, nahm die abgegebenen Arbeiten unter den Arm und verließ ebenfalls den karg wirkenden Raum.