Tempel in Flammen - Sandra Melli - E-Book

Tempel in Flammen E-Book

Sandra Melli

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Beschreibung

Laisa und Rogon haben ihrem Feind Gayyad bereits mehrere harte Schläge versetzt, ihn aber nicht besiegen können. Jetzt hetzen von Gayyad kontrollierte Priester die Bevölkerung vieler Reiche gegen die bei ihnen lebenden Minderheiten auf. Dabei kommt es zu Massakern, die den Frieden in den Dämmerlanden gefährden. Laisa und Rogon müssen über sich hinauswachsen, um die Welt vor einem Krieg zu bewahren.

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Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Sandra Melli

Tempel in Flammen

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Laisa und Rogon haben ihrem Feind Gayyad bereits mehrere harte Schläge versetzt, ihn aber nicht besiegen können. Jetzt hetzen von Gayyad kontrollierte Priester die Bevölkerung vieler Reiche gegen die bei ihnen lebenden Minderheiten auf. Dabei kommt es zu Massakern, die den Frieden in den Dämmerlanden gefährden. Laisa und Rogon müssen über sich hinauswachsen, um die Welt vor einem Krieg zu bewahren.

Inhaltsübersicht

Was bisher geschah

Die Antwort des Feindes

Marandhil

Jagderfolg

Eine schlimme Nachricht

Feindmagie

Eine vielversprechende Spur

Die Flüchtlinge

Der Zorn der Evaris

Ein schlimmes Erwachen

Der grüne Wald

Der Süden soll brennen

Das Schreckenslager

Rettung

Die Glasfalle

Kampf um Therenan

Ein infamer Plan

Ein unerwarteter Fund

Der Schlag des Feindes

Ein böses Erwachen

Eine schlimme Nachricht

Chaos am Strom

Die Heilige Stadt

Erkundung

Das grüne Sechstel

Die Geschenke der Götter

Der Sieg des Friedens

Personenregister

Tempel in Flammen

Was bisher geschah

Als das Katzenmenschenmädchen Laisa einer seltsamen, fremden Frau begegnet, geschieht etwas Außergewöhnliches, und sie findet sich auf einmal in einer völlig fremden Umgebung wieder. Rasch merkt sie, dass es hier etwas gibt, was sie von zu Hause nicht kennt, nämlich Magie in den sechs Farben Weiß, Gelb, Grün, Blau, Violett und Schwarz. Auch Laisa besitzt eine magische Farbe, und zwar Weiß.

Gleich zu Beginn muss Laisa sich mit Sklavenhändlern und feindlichen Magiern herumschlagen. Dabei befreit sie den weißen Magier Khaton, der als Evari im Auftrag des weißen Gottes den Frieden in den Dämmerlanden überwachen soll. Khaton schickt sie auf die feindliche Seite des Großen Stromes, um seinem schwarzen Gegenspieler Tharon ein mächtiges Artefakt zu stehlen.

Kaum zu Khaton zurückgekehrt, muss Laisa eine Prinzessin auf die andere Seite des Großen Stromes bringen, da diese dem König des schwarzen Reiches T’wool als Preis für die Freiheit ihres Vaters versprochen wurde. Als etliche Leute dies verhindern wollen, erhält Laisa Hilfe durch den blauen Abenteurer Rogon, der durch ein seltsames Schicksal den Geist der berühmten Kriegerin Tirah in sich aufgenommen hat.

Während Laisa danach auf die goldene Seite des Großen Stromes zurückkehrt, will Tharon mit Rogons Hilfe den Fluch von Rhyallun brechen. Als dies gelingt, nimmt Tirah wieder Gestalt an, ist aber auf magische Weise an Rogon gebunden.

Laisa soll unterdessen für Khaton den Feldzug des Königs Revolh von Orelat gegen dessen Nachbarreiche beenden. Dabei trifft sie auf N’ghar, den sagenumwobenen Katzenmenschenkrieger des Ostens, und rettet ihn vor gelben Eirun, die ihn verfolgen. Nachdem Laisa Revolh getötet und sein Heer zerstreut hat, reitet sie nach Gilthonian, dem Reich der feindlichen Eirun, um dort den Fluch des Feindes zu brechen.

Auch Rogon ist nach Gilthonian unterwegs, da er einen Bruder der Gilthonian-Königin Helesian gerettet hat und diesen in die Heimat begleitet. Zwar werden sie von den Eirun feindselig empfangen, doch gelingt es ihnen, den unbekannten Feind, der sich nach Gilthonian zurückgezogen hat, zu vertreiben und die Vernichtung des Eirun-Waldes zu verhindern.

Schon bald erhält Laisa den nächsten Auftrag. Sie soll im Osten eine geheimnisvolle Stelle untersuchen, an der die blaue Evari Yahyeh Umtriebe des Feindes vermutet. Es gelingt Laisa, in das hermetisch abgeschlossene kleine Eirun-Reich Erandhon einzudringen und es zu retten. Sie kann auch eine tödliche Waffe in der Blauen Festung beseitigen und wird dann in die Schwarze Festung eingeladen. Auch dort hat der gemeinsame Feind Vorbereitungen getroffen, um die Festung zu sprengen und damit den Kontakt zum Schwarzen Land zu unterbrechen.

Unterdessen zieht Rogon mit mehreren hundert befreiten Sklaven, die den wiedergewonnenen Süden besiedeln sollen, in Richtung Edessin Dareh. Die Gruppe wird dabei mehrfach von Flussmäulern angegriffen. Dahinter steckt Gayyad, der Rogon ausschalten will, weil dieser Fähigkeiten entwickelt, die ihm gefährlich werden können. Als es Rogon gelingt, die Flussmäuler zurückzuschlagen, lässt Gayyad ihn mit Hilfe der blauen Priesterschaft von Edessin Dareh entführen.

Sofort geraten die Flussmäuler in den Verdacht, und es bildet sich eine Allianz, um diesen Räubern und Piraten ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Allerdings sind die Flussmäuler von schwarzmagischer Farbe, und es gelingt ihnen, Hilfe durch einen Schwarzlandmagier zu erhalten, der über die Truppen der Schwarzen Festung verfügen kann.

Eine große Schlacht zwischen Eirun und deren Verbündeten auf der einen und den Flussmäulern und Schwarzlandtruppen auf der anderen Seite bahnt sich an. Doch da gelingt es Laisa, Rogon zu befreien, und gemeinsam können sie den Schwarzlandmagier vertreiben und Flussmaul erobern.

Es ist jedoch nur ein weiterer kleiner Erfolg auf dem langen Weg zum Sieg über den zweifarbigen Feind. Das wissen beide, und sie ahnen, dass noch harte Tage vor ihnen liegen werden.

 

Sandra Melli

Erstes Kapitel

Die Antwort des Feindes

Tolan hatte noch keine Stunde gepredigt, da glühten die Gläubigen, die sich vor dem großen Giringar-Tempel zu Zhirivhrah versammelt hatten, bereits voller Zorn. Das stellte den Priesteradepten zufrieden, denn er hatte weder die Tempelartefakte manipulieren noch eigene Beeinflussungsmagie anwenden müssen. Nun brauchte er nichts weiter zu tun, als das Feuer, das er in den Köpfen der Zuhörer entzündet hatte, noch einmal kräftig anzuheizen und dann dem Schicksal seinen Lauf zu lassen.

»Sagt, wie steht ihr zu diesem blauen Gesindel?«, rief Tolan provozierend in die Runde.

»Diese verdammten Schweine besitzen die besten Böden im ganzen Reich, während wir, die wir doch die Herren in diesem Land sind, uns auf mageren Äckern abplagen müssen!«, brüllte ein vierschrötiger Landwirt.

»Auf den Märkten unterbieten die blauen Handwerker unsere Preise!«, rief ein Schuster und hieb damit in die gleiche Kerbe.

»Sie arbeiten am Giringars-Tag und verhöhnen damit unseren Gott«, beschwerte sich eine alte Matrone.

Der Mann an ihrer Seite ballte drohend die Faust. »Der Meandir soll sie holen! Was haben sie hier in einem Land der schwarzen Farbe zu suchen? Wir haben dieses Gesindel schon viel zu lange ertragen!«

Ein junger, noch in Ausbildung befindlicher Priester sah die Gelegenheit gekommen, sich in den Vordergrund zu drängen. »Wir sollten das Gesindel über die Grenzen treiben!«, schrie er. »Denkt nur daran, dass es Blaue waren, die unsere erhabene Prinzessin Zhirilah entführt haben und sie zwangsweise umfärben wollten. Gewiss steckten die Verbrecher im blauen Sechstel hinter dem perfiden Plan.«

»Ganz sicher war es ihr Ziel, Zhirivh blau zu färben und als neuer Adel über uns zu herrschen!«, rief der Landwirt, der sich als Erster gegen die blaue Minderheit im Reich ausgesprochen hatte.

»Das werden wir verhindern. Zhirivh ist schwarz und wird es immer bleiben. Wer in unserem Land leben will, muss sich entweder zu Giringar bekennen oder er wird hinausgefegt!«, schrie der Jungpriester begeistert und forderte die Gläubigen auf, mit ihm zu kommen und die blauen Einwohner der Stadt aus ihrem Sechstel und aus dem gesamten Reich zu vertreiben.

Tolan lächelte zufrieden. Nun konnte er es den Wortführern der aufgehetzten Menge überlassen, den Hass der Zhirivher zu schüren. Zwischenrufe verrieten den Neid auf die kleine Minderheit, die selbst nach all den Jahrhunderten, die sie in diesem Reich lebte, blau geblieben war und zu ihrer Ilyna betete. Die Äcker der Blauen trugen mehr Frucht, ihr Vieh gedieh besser, und ihre Handwerker schufen Waren von höherer Qualität als ihre schwarzen Nachbarn. Daher war es für ihn ein Leichtes gewesen, die Menge aufzuhetzen.

Tolan hätte den Leuten erklären können, warum die Blauen erfolgreicher waren als sie. Es lag daran, dass die Farbe und damit auch die Magie in diesen Leuten stärker war als die der anderen Menschen in diesem Land. Dazu besaßen die Blauen magische Talente, die sie bei ihren Tätigkeiten unbewusst anwandten, und genau das hob sie über den Durchschnitt der Zhirivher hinaus. Früher hatte es mehr blaue Wardan in diesem Land gegeben, doch jene, deren Glaubensfarbe zu schwach gewesen war, hatten mit der Zeit das vorherrschende Schwarz des Reiches angenommen und sich im Lauf der Generationen mit Tawalern vermischt. Nun bildeten jene, die sich Ilynas Farbe erhalten hatten, einen Fremdkörper, der von der Mehrheitsbevölkerung zunehmend als störend empfunden wurde. Die Ereignisse der letzten Jahre, insbesondere die Entführung ihrer Prinzessin durch blaue Banditen im fernen T’wool, ließ nun die Leute jedes Maß vergessen.

»Schlagt sie tot!«, brüllte ein Mann, dessen abgeschabte Kleidung deutlich verriet, dass er auf Beute hoffte.

»Wir dürfen sie nicht umbringen! Es sind Anhänger Ilynas und keine Feinde von drüben«, wandte eine alte Frau ein, doch sie wurde überschrien.

Erneut meldete sich der Jungpriester zu Wort. »Die Blauen müssen das Reich verlassen. Tun sie es nicht, sind sie selbst schuld, wenn sie Schaden nehmen. Kommt mit und sorgt dafür, dass unser Land von dieser Pest befreit wird.«

»Jawohl, das tun wir«, rief der Bauer.

Der junge Priester winkte den aufgebrachten Menschen und verließ den Tempelbezirk. Auf dem Weg nach draußen packte er einen silbernen Kerzenständer und schwang diesen wie eine Keule. Die Gläubigen, die eigentlich zum friedlichen Gebet zusammengekommen waren, eilten unter wilden Drohungen hinter ihm her in Richtung des kleinsten Stadtsechstels, in dem seit alter Zeit die blauen Wardan lebten.

Tolan folgte gemächlich und sah zu, wie der entfesselte Mob die ersten Häuser stürmte, die Bewohner auf die Straße prügelte und alles, was die Plünderer nicht brauchen konnten, aus den Fenstern warf.

Die Blauen begriffen zunächst nicht, wie ihnen geschah. Einige ihrer Anführer versuchten, die Angreifer aufzuhalten, wurden jedoch niedergeschlagen, und die Menge walzte über sie hinweg.

Aus den Augenwinkeln sah Tolan, wie die Stadtgarde herbeieilte. Doch anstatt die Minderheit zu beschützen, beteiligten sich die Büttel an den Plünderungen und schlugen mit Stöcken und Schwertern auf jene Blauen ein, die nicht schnell genug davonliefen.

»Verschwindet aus unserem Reich«, schrie der Jungpriester den verzweifelten Menschen nach. »Wenn ihr in drei Tagen noch in Zhirivh angetroffen werdet, seid ihr des Todes!«

In Gedanken klatschte Tolan dem Mann Beifall. Besser als der Bursche hätte auch er die Menge nicht auf die Blauen hetzen können. So, wie es jetzt lief, würde sich keiner daran erinnern, dass ein Priester, der angeblich aus der Heiligen Stadt gekommen war, dieses Massaker ausgelöst hatte.

»Gayyad wird zufrieden sein«, murmelte Tolan vor sich hin. »Hier in Zhirivh ist das Feuer entzündet worden, und bald wird es auch in Quareh und Raldhan brennen, bis die Flammen so hoch lodern, dass alle Reiche der roten Seite von der Kriegsglut aufgeheizt werden.«

Während hinter ihm der Todesschrei eines alten Mannes erscholl, der den Fehler gemacht hatte, etwas von seinem Eigentum mitnehmen zu wollen, betätigte Tolan ein Versetzungsartefakt und war Augenblicke später verschwunden, um an anderer Stelle Hass und mörderische Wut zu säen.

Zweites Kapitel

Marandhil

Tharon betrat mit zufriedener Miene das Zelt, in dem Laisa und ihre Begleiter untergebracht waren, und stellte verwundert fest, dass die Katzenfrau missmutig die Wände anstarrte.

»Was ist denn mit dir los?«, fragte er.

»Ich ärgere mich, weil ich hier sinnlos herumsitzen muss, anstatt Gayyad zu suchen. Solange er durch die Springschlange bewusstlos ist, könnte ich ihn leicht erwischen.«

»So leicht auch wieder nicht«, antwortete Tharon. »Du vergisst seine Artefakte. Sein Notsprung dürfte ihn in eine wahre Festung geführt haben, an der selbst du dir die Zähne ausbeißen würdest.«

»Würde ich nicht«, fauchte Laisa, die ihre Taten und Fähigkeiten von dem schwarzen Evari nicht ausreichend gewürdigt sah.

Tharon schüttelte nachsichtig den Kopf. »Fangen kannst du Gayyad erst, wenn wir wissen, wo er sich befindet. Ich habe Botschaft in alle schwarzen Reiche des Nordens geschickt und befohlen, nach absonderlichen Dingen zu suchen. Sobald ich Antwort habe, kannst du dich auf den Weg machen. Auf dein weißes Spitzohr aber solltest du verzichten.«

»Ich werde Reolan nicht zurücklassen«, antwortete Laisa und zeigte ihr Raubtiergebiss, um Tharon zu warnen.

Ihre Gruppe bestand aus ihr selbst, dem blauen Gestaltwandler N’ghar, dem ebenfalls blauen Katzenjungen Rongi, der violetten Tivenga Ysobel und Reolan, einem weißen Eirun, den sie unbedingt dabeihaben wollte. Er kannte Gayyads grüne Erscheinung aus alter Zeit und konnte sie daher warnen.

Tharon seufzte. »Dann verstecke ihn hinter einem Unsichtbarkeitszauber, sonst ist dort, wohin ihr reisen werdet, Meandirs Hölle los. Kein Mensch der schwarzen Farbe würde an Reolans friedliche Absichten glauben, sondern entweder davonrennen oder auf ihn einschlagen.«

Der Evari gab es auf, die Katzenfrau von ihrem Plan abbringen zu wollen. Sie war nun einmal so, wie sie war, und er musste mit ihr zurechtkommen.

»Yahyeh rät uns, dass wir alle außer Khaton, Rhondh und Rogon nach Edessin Dareh zurückkehren und dort entscheiden sollen, was wir als Nächstes tun«, fuhr Tharon nach einer kurzen Pause fort.

»Und warum dürfen die drei nicht mitkommen?«, wollte Laisa wissen.

»Khaton will Rogon nach Marandhil bringen. Sollte sich dort ebenfalls eine Teufelei unseres Feindes befinden, ist Rogon der Einzige, der sie beseitigen kann.«

Tharon seufzte, denn er fand, dass die Welt seit einigen Jahren komplizierter geworden war. Bislang hatte man einfach sagen können: Die Leute auf meiner Seite des Großen Stromes sind meine Freunde, die drüben auf der anderen Seite sind es nicht. Laisa war jedoch von weißmagischer Farbe und damit in der Lage, Gayyads Hinterlassenschaften auf der roten Seite des Großen Stromes zu beseitigen, während Rogon, der blaue Prinz von Andhir, dies auf der goldenen Seite tun musste.

»Tenelin und Ilyna sollen gemeinsam Gayyad holen«, murmelte er und sah sich im nächsten Augenblick Rongi gegenüber, der wie ein Irrwisch in das Zelt gestürmt kam.

»Geht es bald weiter, großer Magier? Wir rosten hier noch ein.«

»Sei nicht so ungeduldig«, wies Tharon ihn zurecht. »Aber um dich zu beruhigen: Es geht weiter. Morgen reisen wir in die Heilige Stadt.«

»Per Zauber oder per Schiff?«, fragte Laisa, noch immer leicht vergrätzt.

»Zuerst versetzen wir uns an den Rand des Heiligen Sees und begeben uns dort auf ein Lotsenschiff«, erklärte Tharon und forderte sie auf, ihre Sachen zu packen.

»Das mache ich, großer Magier, und du, Rongi, holst jetzt die anderen. Bin ich froh, dass wir diesen öden Ort endlich verlassen können. Vielleicht liegt in Edessin Dareh bereits der Hinweis, wo wir den Dürrschwanz finden.«

Laisa war sichtlich erleichtert, weil sich endlich etwas tat. Nach dem Sieg über Flussmaul und der Befreiung einer Armee des Schwarzen Landes, die nicht weit von dieser Stadt versteinert in einem Versteck gefunden worden war, hatte es für sie nichts mehr zu tun gegeben. Aber sie hatte den Ort auch nicht verlassen dürfen, weil Tharon erst Ordnung in Flussmaul schaffen musste und die fünf Evaris mit Beratungen über Dinge beschäftigt gewesen waren, die sie selbst wenig interessierten. Das Einzige, das ihr wirklich wichtig erschien, war, Gayyad zu fangen und dessen Hinterlassenschaften zu beseitigen.

»Großer Magier! Spotte noch einmal, und ich zaubere dir einen Knoten in deinen Schwanz«, schimpfte Tharon.

Laisa lachte. »Dann verwandle ich mich einfach in meine Eirun-Gestalt und bin den Knoten wieder los.«

»Berraneh hat dir einfach zu viel beigebracht.« Trotz seiner Worte grinste Tharon beinahe jungenhaft. »Man kann auch sagen: zum Glück! Immerhin hättest du mit Hilfe deiner Gestaltwandlerfähigkeit Gayyad beinahe erwischt.«

»Auch knapp verfehlt ist nicht getroffen«, murrte Laisa, grinste aber ebenfalls. »Aber ich kriege ihn! Das gebe ich dir schriftlich.«

»Es reicht, wenn du mir seinen Kopf bringst.« Die Anspannung der beiden hatte sich gelöst, und sie verließen das Zelt, um nach ihren Freunden zu sehen. Sofort sauste Rongi los, um N’ghar, Ysobel und Reolan zu holen, damit diese ihre Sachen packen sollten.

»Da drüben scheint es Probleme zu geben«, meinte Tharon und wies auf sein weißes Gegenstück Khaton, um den sich der grüne Evari Rhondh, Rogon, dessen Gefährtin Tirah, die blaue Schlangenfrau Tibi und das Ottermenschenpaar Keke und Zakk versammelt hatten. Da alle heftig aufeinander einredeten, fand auch Laisa, dass dort nicht alles zum Besten stand.

Neugierig trat sie näher und bekam mit, wie Zakk Khaton ärgerlich anfuhr. »Ich sehe nicht ein, weshalb wir Herrn Rogon allein lassen sollen! Die Leute drüben könnten von Gayyad beeinflusst sein – und da ist es möglich, dass Herr Rogon uns braucht.«

»Rogon wird kaum einem Menschen der goldenen Seite begegnen, und niemand bekommt dort Gelegenheit, ihm das Fell abzuziehen. Daher ist es unnötig, dass ihr ihn begleitet. Ich bringe ihn schon gesund zurück.«

Khaton hörte sich genervt an. Aber Laisa grinste unwillkürlich, denn sie fand es richtig, dass endlich einmal jemand diesem überheblichen Herrn widersprach. Wie sie den weißen Evari jedoch kannte, würden die Ottermenschen bei ihm auf Granit beißen.

Nun mischte Tibi sich ein. »Aber was ist, wenn Herr Rogon verletzt wird? Dann braucht er mich als Heilerin.«

Khaton drehte sich schnaubend zu ihr um. »In Marandhil befinden sich Dutzende ausgezeichneter Heilerinnen, die sich um Rogon kümmern können. Da wirst du nicht gebraucht.«

»Herr Rhondh will Rogon doch auch zu den grünen Spitzohren von Gimloth bringen. Die können meinen Herrn aber nicht heilen, denn sie tragen seine Feindfarbe in sich«, trumpfte Tibi auf.

»Du vergisst mich. Ich gelte als einer der besten Heiler der goldenen Seite und habe Rogon schon einmal zusammengeflickt. Das kann ich auch noch ein zweites Mal tun. Und jetzt will ich nichts mehr hören. Du und diese beiden Weißpelze, ihr fahrt mit in die Handelsstadt – und dabei bleibt es! Am liebsten würde ich Tirah mit euch schicken, doch das geht nicht, weil sie magisch mit Rogon verbunden ist.«

Khatons Stimme hatte jeden verbindlichen Klang verloren, und sein Tonfall schüchterte Tibi sichtlich ein. Auch das Ottermenschenpaar wagte nun keinen Einwand mehr.

Laisa klatschte in die Hände. »Sehr gut, großer Magier. Wenn du so mit den Herrschern der weißen Reiche gesprochen hättest, gäbe es einige Probleme weniger für uns zu lösen.«

Ein zorniger Blick traf sie, doch dann nickte Khaton nachdenklich. »Wahrscheinlich hast du recht. Ich hätte wirklich mit der gepanzerten Faust dreinschlagen müssen. Dann wäre es Erulim gewiss nicht gelungen, so viel Macht an sich zu reißen.«

Ebenso wie der grüne Evari Rhondh nannte er den zweifarbigen Feind Erulim, während Laisa und deren Freunde ihn mit dem Namen seiner blauen Erscheinung – Gayyad – bezeichneten.

Bislang hatten Jade und Bernstein sich ruhig verhalten. Nun aber schlich die Katze näher und sprang auf Rogons Schulter. »Aber ich und der Flatterich – wir kommen mit, verstanden!«

»Wenn ich euch mitnehme, müsst ihr immer an meiner Seite bleiben. Wir wissen nicht, welchen Leuten wir begegnen.« Tirah lachte bei diesen Worten, während Yahyeh und die anderen Evaris Rogon verwirrt anschauten.

Nur Zakk zog eine abwehrende Miene. »Es ist ungerecht, dass dieser Flohpelz dich begleiten darf und wir nicht.«

»Du bist auch nicht Rogons Haustier, sondern ein großer Krieger, vor dem die Eirun Angst haben würden«, spottete Keke. »Außerdem fahre ich gerne für kurze Zeit nach Hause. Ich möchte wissen, wie es meinem Kleinen geht und ob die Unseren den Lhirus bereits besiedelt haben.«

»Da ich euch Frauen nicht allein reisen lassen kann, werde ich euch begleiten.« Zakk grinste etwas verzerrt und duckte sich dann blitzschnell weg, weil Keke zu einer Ohrfeige ausholte.

»Sag das nicht noch einmal! Sonst vergessen Tibi und ich dich unterwegs, und du kannst zusehen, wie du allein zurechtkommst«, schimpfte sie.

Khaton wurde das Geplänkel zu viel, und er brachte das Gespräch wieder auf das ursprüngliche Thema zurück. »Was werdet ihr als Nächstes tun?«, fragte er die anderen Evaris.

»Ich werde mit der gepanzerten Faust dreinschlagen und die falschen Priesterinnen, die nur mit dem Mund Ilyna anhängen, im Herzen aber Gayyad verehren, aus dem blauen Tempel der Heiligen Stadt vertreiben.«

Der blauen Evari Yahyeh war das Warten ebenfalls schwergefallen, doch ihr war klar, dass sie allein nicht viel ausrichten konnte. Sie benötigte Hilfe, und die musste Laisa ihr geben. Da Gayyad seine Verstecke auf der roten Seite so abgesichert hatte, dass nur magische Begabte von der goldenen Seite diese finden und seine Fallen entschärfen konnten, war die weiße Gestaltwandlerin die beste Wahl.

»Dann sind wir uns also einig. Ich werde noch heute mit Rogon und Tirah in Richtung Marandhil aufbrechen. Ihr anderen begebt euch morgen in die Heilige Stadt. Informiert mich, wenn sich etwas Außergewöhnliches ereignet.« Damit war für Khaton alles geklärt.

Rogon sah Keke, Zakk und Tibi an, dass sie nicht damit einverstanden waren. Daher trat er zu ihnen und legte den beiden Frauen die Arme um die Schultern.

»Ich weiß, dass es euch ärgert, mich verlassen zu müssen. Aber den Sinn eines Evari ändern zu wollen ist eine Aufgabe, der keiner von uns gewachsen ist. Daher bitte ich euch, mir einen anderen Gefallen zu erweisen.«

»Welchen?«, fragte Zakk mit erwachender Neugier.

»Es geht um die Fürstentümer im Süden, die Hannez für mich besiedeln will. Ich vertraue meinem Großvater, doch er kann nicht überall sein. Schließt euch daher einem Siedlertrupp an, der von Edessin Dareh nach Süden fährt, und seht euch dort unten für mich um.«

»Das machen wir, großer Meister! Nicht wahr, Keke? Wir können dann auch unsere Leute besuchen und Tibi die ihren.« Zakk war erleichtert, weil Rogon ihm, Keke und Tibi eine Aufgabe übertrug, die sie glaubten erfüllen zu können.

»Wohin sollen wir Nachricht schicken?«, fragte Tibi in der Hoffnung, sich Rogon bald wieder anschließen zu dürfen.

»Nach Edessin Dareh«, erklärte ihr Rogon. »Khaton will, dass ich mir die Tempel der goldenen Sechstel ansehe, so, wie Laisa es mit dem blauen Tempel machen soll. Wenn Tirah und ich nicht mehr dort sind, wird mein Großvater euch sagen, wo ihr mich finden könnt.«

»Das ist gut.« Tibi zwinkerte heimlich Keke und Zakk zu, denn sie fasste Rogons Worte so auf, dass sie alle drei selbst in die Heilige Stadt kommen und ihm Bescheid geben sollten, wie es mit seinen Fürstentümern im Süden stand.

»Genug geschwatzt. Wir brechen auf.« Khaton winkte Tirah und Rogon zu sich, fasste beide bei den Händen, und im nächsten Augenblick waren sie samt Rogons tierischen Begleitern verschwunden.

»Wolltest du nicht auch mit?«, fragte Yahyeh den grünen Evari.

Rhondh schüttelte den Kopf. »Ich komme zuerst mit euch in die Heilige Stadt, um der Welt zu zeigen, dass ich wieder zurückgekehrt bin. Khaton hat versprochen, mich auf magischem Weg zu rufen, wenn Rogon und er in Marandhil fertig sind. Ich hoffe, Rogon ist danach noch in der Lage, mich nach Gimloth zu begleiten.«

»Ist es wirklich so dringend, die Spitzohrenwälder nach Gayyads Fallen zu durchsuchen?«, fragte Rongi, der sich genau wie N’ghar, Ysobel und Reolan zu der Runde gesellt hatte, anstatt zu packen.

»Wenn es Erulim gelingen sollte, die beiden Eirun-Reiche zu vernichten, brechen die Beziehungen zum Grünen und zum Weißen Land zusammen, und Khaton und ich gelten bei allen Völkern unserer Farben als Versager. Für Erulim und seine Kreaturen ist es dann ein Leichtes, ihren Einfluss auszudehnen und uns zu bekämpfen. Vergesst nicht, er hat mich schon einmal gefangen genommen – und der gelbe Evari Tardelon wird seit Jahrzehnten vermisst.«

Rhondhs Miene zeigte deutlich, wie sehr er den Feind fürchtete, und die übrigen Evaris wirkten ebenfalls ungewohnt besorgt. Zwar waren sie der Ansicht, dass Gayyad irgendwo bewusstlos in einem seiner Verstecke lag, doch er besaß etliche Anhänger, die jede Gelegenheit nutzen würden, in seinem Sinne weiterzukämpfen.

*

Die Entfernung zwischen dem Lager bei Flussmaul und dem Rand des Marandhil-Waldes betrug für einen Vogel etwa achthundert Meilen. Für einen Reisenden zu Pferd oder zu Fuß hätte sich diese Strecke noch um etliche Meilen verlängert. Khaton hingegen legte sie mit drei kurz hintereinander erfolgenden Versetzungszaubern zurück.

Noch nie war Rogon so weit im Westen gewesen, und auch Tirah konnte sich nicht erinnern, auf ihren Kriegszügen mehr als einmal so tief in Feindesland geraten zu sein. Die Gegend vor ihnen strahlte so weiß, dass es beiden einige Zeit schwerfiel, mehr als dieses magische Leuchten wahrzunehmen.

»Vor uns liegt Marandhil, das Reich der weißen Eirun in den Dämmerlanden.« Noch während er sprach, erinnerte Khaton sich, dass Laisa weit jenseits des Großen Stromes weiße Eirun entdeckt hatte und zudem vermutet wurde, dass auch Reolans Volk vom großen Feind in einer abgelegenen Ecke der Dämmerlande angesiedelt worden war.

»Darum werde ich mich auch bald kümmern müssen«, murmelte er.

»Um was?«, fragte Rogon, der die Bemerkung auf sich selbst und die Aufgaben bezog, die ihm bevorstanden.

»Ach, nichts«, antwortete Khaton und wies nach vorne. »Wie auch bei Gilthonian umgibt ein Streifen unbesiedelten Landes den Eirun-Wald. Ich wage es nicht, uns den Rest der Strecke zu versetzen, da ich nicht weiß, welche Artefakte der Feind hinterlassen hat. Daher steht uns ein Fußmarsch von etwa zwanzig Meilen bevor, bis wir auf die Wächter von Marandhil treffen.«

»Wir hätten unsere Pferde mitnehmen sollen«, beschwerte sich Tirah.

Khaton wies lächelnd auf eine Tasche, die an einem Riemen über seiner Schulter hing. »Eure Pferde habe ich in einer Glasfalle bei mir. Aber wollt ihr wirklich hoch zu Ross in Marandhil einreiten, während ich alter Mann zu Fuß nebenhergehen muss?«

»Ihr hättet Euch einen Gaul bei den Gilthonian-Eirun ausleihen können«, erklärte Rogon missgelaunt.

Zwar schreckte ihn der Fußmarsch nicht, doch er spürte die Magie des Eirun-Waldes in jeder Faser seines Körpers. Weiß hatte er bis vor wenigen Monaten noch als Farbe der Feinde angesehen, und so fiel es ihm nicht leicht, sie zu ertragen. Für Tirah muss es noch schlimmer sein, dachte er, denn sie hatte mehr als einmal gegen weiße Eirun gekämpft. Daher legte er seinen Arm um sie und zwinkerte ihr aufmunternd zu.

»Wir schaffen das schon.«

»Natürlich tun wir das«, antwortete seine Gefährtin und starrte mit verbissener Miene nach vorne. »Mir wäre es nur lieber, diese Angelegenheit läge schon hinter uns und wir könnten wieder auf unsere Seite des Stromes zurückkehren.«

»Das wird leider noch etwas dauern, weil Rhondh uns zu den grünen Spitzohren schleppen will.« Rogon atmete tief durch und ging schneller.

»Ich glaube, ich spüre die ersten weißen Eirun. Sie müssten sich in dieser Richtung befinden«, sagte er zu Khaton und wies auf die Stelle, an der er ein etwas anderes Weiß wahrnahm als das der Bäume.

Khaton nickte anerkennend. »Weiße Eirun in einem weiß strahlenden Eirun-Wald auf mehr als eine halbe Meile zu entdecken gelingt nur wenigen. Dort vorne liegt die östlichste Wachplattform von Marandhil. Wenn wir rasch gehen, haben wir sie in drei Stunden erreicht.«

Nach diesen Worten legte Khaton ein Tempo vor, bei dem Tirah und Rogon gerade noch mithalten konnten. Genau wie vorausgesagt, erreichten sie den Rand des Marandhil-Waldes drei Stunden später. Schon von weitem war zu erkennen, dass die Bäume dieses Eirun-Reiches kaum weniger hoch wuchsen als die von Gilthonian. Doch die Magie, die sie ausstrahlten, erschien Rogon weicher, und so wandte er sich an den Evari.

»Gleichen die Eirun von Marandhil denen von Gilthonian, oder gibt es Unterschiede?«

»Eirun ist Eirun«, warf Tirah mürrisch ein.

Khaton schüttelte den Kopf. »Das Volk von Marandhil ist zurückhaltender und weniger kriegerisch als das von Gilthonian, und sie halten kaum Kontakt zu den Menschenreichen in ihrer Nachbarschaft. Ihr werdet sie gleich sehen. Dort vorne steht der Baum mit der ersten Wachplattform, und ich fühle, dass sich dort etliche Eirun beider Geschlechter aufhalten. Sie haben uns bereits ausgemacht, und so will ich mich ihnen jetzt bemerkbar machen.« Nach diesen Worten blieb der Evari stehen und winkte nach vorne.

Rogon musterte nun den Baum, der um etwa ein Sechstel über die ihn umgebenden Bäume herausragte. Bis zur Spitze war dieser mindestens einhundertachtzig Schritte hoch und trug in einer Höhe von etwa neunzig Schritten eine Reihe von Plattformen, auf denen sich mehrere aus Zweigen geflochtene Hütten befanden. Noch einmal sechzig Schritte höher befand sich eine kleinere Plattform, auf der drei Eirun Ausschau hielten, während sich auf der unteren Plattform Rogons magischen Sinnen zufolge weitere achtzehn Eirun befanden.

Mit einem Mal vernahm er eine magische Stimme in seinem Kopf. »Bleibt stehen, wenn ihr nicht sterben wollt!«

»Wir sollten diesem Rat folgen und mit ihnen reden«, erklärte Khaton und verharrte auf der Stelle.

Rogon blickte nach vorne und sah, wie drei Seile wie Luftwurzeln nach unten wuchsen. Sie trugen zwei männliche Eirun und eine Frau herab. Die beiden Männer waren jeweils mit einer weißen Hose und einem Hemd bekleidet und mit Bogen, Pfeilen und langen Dolchen bewaffnet, während die Frau ein langes Kleid trug, das bis zu ihren Füßen reichte. Als die Eirun-Frau auf die drei zukam, konnte Rogon nicht erkennen, ob sie die Füße auf den Boden setzte oder schwebte.

»Ich grüße dich, Khaton«, sagte sie und hob ihre rechte Hand.

Dann traf ihr Blick Tirah und Rogon, und ihre Miene wurde abweisend. »Du kommst in seltsamer Begleitung! Das ist nichts, was uns gefallen kann.«

»Es wird euch gefallen müssen, Eldinal. Ich bin gekommen, um mit der Herrin Ilviran und ihrem Gefährten Oriandal zu sprechen. Die Dämmerlande sind in Gefahr, und wenn meine Befürchtungen stimmen, auch Marandhil selbst.«

Eldinal musterte Khaton ungläubig und winkte dann verächtlich ab. »Marandhil in Gefahr? Unmöglich! Da bist du einem Irrtum aufgesessen.«

»Misstraust du meinen Worten?«, fragte Khaton ungehalten.

»Nein. Allerdings sprechen die Leute, die bei dir sind, nicht gerade für deine Lauterkeit.« Die Eirun bedachte Tirah und Rogon erneut mit einem feindseligen Blick und wandte sich dann an ihre beiden Begleiter.

»Wir werden Khatons Ankunft der Herrin melden. Er und die beiden, die bei ihm sind, sollen an den Rand des Grenzstreifens zurückkehren und auf Ilvirans Antwort warten.«

Bei dem verächtlichen Tonfall, den Eldinal anschlug, packte Khaton die Wut. Er wusste jedoch, dass er mit Poltern und Schimpfen nichts erreichen konnte, und sah die Frau, die ihn um fast einen Kopf überragte, mit zorniger Miene an.

»Du willst mich von hier fortschicken? Hast du vergessen, dass ich der Evari bin, der nur Meandir verantwortlich ist und nicht einer Eirun, und sei es die Königin von Marandhil?«

Die Zurechtweisung traf. Eldinal trat einen Schritt zurück und kämpfte sichtlich mit ihren Gefühlen. »Ihr könnt bleiben, doch deine Begleiter müssen zu den Grenzen der Menschenreiche zurück«, sagte sie.

»Damit sie dort von den Bewohnern erschlagen werden?«, fuhr Khaton auf. »Ich habe sie über den Großen Strom geholt und bin für ihre Sicherheit verantwortlich.«

»Dann bleibe bei diesen Honks und warte dort auf Nachricht«, erklärte die Eirun und wies auf eine Stelle, die etwa sechshundert Schritte von dem Wächterbaum entfernt lag.

»Was heißt Honk?«, fragte Rogon, der diesen Ausdruck nicht kannte.

Tirah löste die Hand vom Schwertgriff und legte sie ihm auf die Schulter. »Es ist besser, wenn du es nicht weißt. Sonst würdest du keinen Finger rühren, um dieses hochnäsige Gesindel zu retten.«

Spätestens in diesem Augenblick begriff Khaton, dass es schwieriger sein dürfte, diesen Eirun-Wald nach Fallen des Feindes zu durchsuchen, als er es sich vorgestellt hatte. Einen Teil der Schuld gab er sich selbst, denn er hatte sich seit Jahrzehnten nicht mehr um Marandhil gekümmert. Oder war es bereits Jahrhunderte her? Zwar nahm er nicht an, dass Erulim sich hier ebenso eingenistet hatte wie in Gilthonian, aber die ablehnende Haltung der Eirun erschwerte es ihm, seine Aufgabe zu erfüllen.

»Rufe deine Königin und sage ihr, dass Khaton, Meandirs Evari, ihr Reich in Gefahr sieht«, erklärte er Eldinal und kehrte ihr den Rücken. An der Stelle, an der sie ihr Lager aufschlagen sollten, setzte er sich ins Gras und starrte düster vor sich hin.

»Haben wir Vorräte dabei?«, fragte Rogon, da er Hunger verspürte.

Tirah schüttelte mit spöttischer Miene den Kopf. »Nein. Der hohe Herr Evari hat doch fest an die Gastfreundschaft der Eirun geglaubt.«

Von diesen erhielten sie jedoch nichts, und während sie warteten, überlegte Khaton, ob er nicht irgendetwas zu essen herbeizaubern sollte, um Tirah und Rogon zu besänftigen. Doch anders als sein schwarzer Gegenpart Tharon in T’wool besaß er keinen Zugriff auf eine gut geführte Küche und deren Vorratskammer. Er hätte in eigener Person in seinen Turm zurückkehren müssen, um etwas zu holen. Aber er wollte Rogon und Tirah nicht allein zurücklassen, denn Eldinal und die Marandhil-Eirun waren den beiden zu feindlich gesinnt. Aus dem gleichen Grund befahl er Jade und Bernstein, sich keine drei Schritte von ihrem Herrn zu entfernen. Dabei fragte er sich, weshalb sein Einfluss auf Marandhil so viel geringer war, als er erwartet hatte.

*

Der Nachmittag des nächsten Tages war bereits fortgeschritten, als Bewegung in die auf ihrer Plattform wartenden Eirun kam. Rogon hatte ein wenig geschlafen, um seinen Hunger zu vergessen, als Tirah ihn wach rüttelte.

»Wie es aussieht, kommt die Königin«, sagte sie.

Khaton schüttelte mit ärgerlicher Miene den Kopf. »Ich spüre nur Oriandal, den Gefährten der Königin, nicht aber diese selbst.«

»Dann wollen wir uns anhören, was dieser Oriandal zu sagen hat.« Rogons Laune war denkbar schlecht, denn sie saßen hier seit über einem Tag ohne Essen und Trinken fest.

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Oriandal von Marandhil sich dazu bequemte, zu ihnen zu kommen. Vorher ließ der Gefährte der Königin sich von einem Seil zur Wachplattform hochziehen, um von Eldinal und den anderen zu erfahren, was sich hier an der Grenze ihres Reiches ereignet hatte.

Als Oriandal schließlich auf die drei zukam, musste auch Khaton sich beherrschen, um dem Gefährten der Königin nicht ein paar deutliche Worte zu sagen. Er stand auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah dem Eirun mit düsterem Blick entgegen. Er überließ es jedoch Oriandal, als Erster das Wort zu ergreifen.

»Ich grüße dich, Evari.«

»Auch ich grüße dich, Oriandal, Gefährte von Ilviran, der Herrin des Waldes von Marandhil«, antwortete Khaton ohne jede Wärme.

»Dein Erscheinen verwundert uns und noch mehr deine Begleiter. Waren Blau und Violett nicht jahrtausendelang die Feinde der Völker der goldenen Seite?« Oriandals Blick verriet, wie wenig willkommen ihm Tirah und Rogon waren.

»Die Zeiten wandeln sich, und wer gestern Feind war, muss es heute nicht mehr sein. Es gibt einen Feind, der beide Seiten des Großen Stromes gleichermaßen bedroht. Beinahe wäre es ihm gelungen, Gilthonian und sein Volk zu vernichten, und ich befürchte, dass er auch in eurem Wald seine verderblichen Werke hinterlassen hat. Lass dir die Bilder zeigen.«

Khaton wollte nicht noch mehr Zeit mit Reden vergeuden, sondern streckte dem Eirun die rechte Hand hin, die dieser nach kurzem Zögern ergriff.

In den nächsten Minuten teilte Khaton dem Gefährten der Königin alles mit, was er über Erulim-Gayyad erfahren hatte. Oriandal keuchte überrascht, doch als sie fertig waren, wollte er das Gesehene nicht glauben.

»Kann es ein solches Wesen wirklich geben?«, fragte er. »Es müsste doch schon bei seiner ersten Farbumwandlung gestorben sein.«

»Es gibt Wesen, die ihre Feindfarbe besser vertragen als ein Eirun oder Magier«, erklärte Khaton mit drängender Stimme. »Erulim kann es, und er ist der Feind aller Völker. Er will die Dämmerlande ins Chaos stürzen und danach die Herrschaft übernehmen. Dazu aber muss er sich der Festungen des Ostens und der Eirun-Reiche des Westens entledigen. Bei Gilthonian wäre es ihm beinahe gelungen.«

»Die Herrin von Gilthonian und ihr Volk mag er getäuscht haben. Doch zu uns nach Marandhil ist er nur selten gekommen. Daher dürften deine Befürchtungen zumindest hier nicht zutreffen.« Oriandal lächelte freundlich, machte dabei aber eine Geste, die deutlich machte, dass die ungebetenen Gäste verschwinden sollten.

Gereizt wandte Rogon sich an seine Gefährtin. »Wenn das so ist, können wir wieder gehen. Unsere Hilfe ist an anderen Orten gewiss nötiger als hier.«

»Außerdem bekommen wir dort gewiss etwas zu essen.« Tirah war nicht weniger verärgert als Rogon und ebenso wie er bereit, dem Marandhil-Wald den Rücken zu kehren.

»Jetzt seid ruhig, und zwar alle beide!«, wies Khaton sie zurecht und funkelte dann Oriandal zornig an. »Ich habe bislang selten auf meinem Rang als Evari beharrt. Doch nun muss ich es tun. Ihr habt mir zu gehorchen!«

Oriandals Stolz und seine Abneigung gegen Wesen von der anderen Seite des Stromes wollten ihn dazu zwingen, sich gegen Khaton zu stellen. Doch ihm war klar, dass dieser Meandirs Vertreter in den Dämmerlanden war und daher auch von seinem Volk Gehorsam einfordern konnte.

»Ich muss mit meiner Herrin sprechen«, wich er einer direkten Antwort aus.

»Bis dahin dürften wir verhungert sein«, rief Tirah zornig.

»Wir können nichts, was aus unseren Wäldern stammt, einem Wesen aus dem Osten geben«, erklärte Oriandal voller Abscheu. »Daher werde ich Reiter ausschicken, damit sie aus den umliegenden Menschenreichen Vorräte bringen, die deine Begleiter essen können.« Damit deutete er einen Gruß an und ging.

»Für wen halten die sich eigentlich?«, fragte Rogon kopfschüttelnd.

»Das würde ich auch gerne wissen!« Tirah wäre am liebsten gegangen und hätte sich mit Rogon zusammen durch die Länder der goldenen Seite bis zum Strom durchgekämpft. Hier als unerwünschter Gast herumzusitzen und auf Brosamen zu warten kratzte an ihrem Stolz.

»Gemach«, mahnte Khaton. »Immerhin bekommen wir bald etwas zu essen.«

»Das will ich hoffen, denn länger als bis zum Abend hält mich hier nichts mehr.« Rogon legte sich wieder hin und schloss die Augen.

Obwohl er auf die weißen Eirun zornig war, suchte er alle in der Nähe einschließlich Oriandal auf Beeinflussungsspuren ab. Bei ihnen fand er nichts, doch bei dieser Untersuchung wurde sein magischer Blick von einer Stelle des Wächterbaumes angezogen, die in einer Höhe von etwa dreißig Schritt lag. Als er nachfasste, entdeckte er ein Beobachtungsartefakt und stellte sich vor, wie Erulim vor dem Gegenstück saß und bei dem Empfang, der ihnen hier zuteilgeworden war, vor Lachen fast erstickte. Dann aber dachte er daran, dass ihr Feind durch die Magie von Laisas Springschlange mindestens noch ein halbes Jahr bewusstlos sein würde. Anstatt diesen Vorteil durch rasches Handeln ausnützen zu können, musste er hier untätig warten, bis die Herrin von Marandhil zu einer Entscheidung gelangt war.

Keine zwei Stunden später erschien Eldinal mit vier anderen Eirun, die zwei Körbe vor Tirah, Rogon und Khaton hinstellten. In dem für den Evari bestimmten Korb lagen Speisen ihres Volkes, in dem anderen für Tirah und Rogon eine Schüssel mit einem undefinierbaren Eintopf und ein Laib Brot, der an einer Seite bereits angebrannt war.

»Besondere Mühe haben sie sich ja nicht gegeben«, meinte Tirah naserümpfend. »Sie haben nicht einmal Löffel dabei.«

Rogon schluckte die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, wieder hinunter, denn sie wäre nur durch einen Zweikampf zu sühnen gewesen. Stattdessen teilte er das Brot, zupfte das weiche Innere heraus und verwendete die Kruste als Löffel. Diesem Beispiel folgte Tirah und begann ebenfalls zu essen. Es handelte sich um einen schlichten Steckrübeneintopf ohne jede Fleischeinlage, aber mit einem fürchterlichen Nachgeschmack, den auch das dünne Bier, das in einem Lederschlauch dabeilag, nicht beseitigen konnte. Doch sie griffen zu, denn sie hatten zu lange gehungert, um Rücksicht auf ihre Geschmacksnerven nehmen zu können.

Da die Eirun nichts für Rogons Tiere mitgebracht hatten, mussten Jade und Bernstein sich ebenfalls mit Steckrübenbrei und kleinen Bissen Brot begnügen. Dennoch wurde ihre schlechte Laune von Rogons Unmut weit übertroffen. Er war gekommen, um dem Evari zu helfen, Fallen und Waffen des Feindes zu finden und unschädlich zu machen. Dafür hatte er von den Eirun zwar nicht Freundschaft, aber wenigstens Achtung erwartet. Stattdessen behandelte das Volk von Marandhil Tirah und ihn wie Aussätzige.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als Eldinal Khaton einige Spezialitäten anbot, die es, wie sie sagte, nur in Marandhil geben würde. Sie erntete aber nur ein Brummen von dem Evari. Dieser schob die Leckerbissen beiseite, verwandelte eines seiner Artefakte in einen Löffel und begann, den gleichen Steckrübeneintopf zu essen, den Rogon und Tirah erhalten hatten. Wäre es seinen Gefühlen nach gegangen, hätte er Marandhil außer Acht gelassen und Rhondh gerufen, damit dieser die beiden nach Gimloth brachte. Doch wenn hier etwas geschah, würde man ihn dafür verantwortlich machen, und dann wäre sein Ansehen in den Dämmerlanden völlig ruiniert. Einen solchen Erfolg aber wollte er dem Feind nicht gönnen.

»Ich hoffe, die Herrin Ilviran entscheidet sich bald. Ich habe noch anderes zu tun, als hier herumzusitzen«, sagte er zu Eldinal.

Die Eirun-Frau musterte ihn mit einem hochmütigen Blick. »Wie Herr Oriandal erklärte, werdet Ihr im Wald von Marandhil nichts finden, das nicht dem Willen unserer Herrin Ilviran entspricht. Erulim ging nur selten bei uns ein und aus und konnte gewiss keine solche Waffe in unseren Wald bringen, wie er es dem Anschein nach in Gilthonian tat.«

»Erulim-Gayyad konnte in Marandhil nichts erreichen?«, rief Rogon zornig. »Und was ist das dort an eurem Wächterbaum?«

Khaton und Eldinal blickten in die Richtung, die er ihnen wies, ohne jedoch etwas zu sehen. Da Khaton jedoch Rogons magisches Feingespür kannte, legte er ihm die Hand auf die Stirn und zischte im nächsten Augenblick einen Fluch.

»Das ist ein Überwachungsartefakt von beträchtlicher Stärke! Damit kann Erulim einen Teil des Waldes und fast das gesamte östliche Vorland kontrollieren.«

»Ich verstehe nicht, was du meinst!«, rief Eldinal.

Rasch fasste Khaton sie bei der Schulter und ließ sie an Rogons Entdeckung teilhaben. Zunächst stand die Eirun wie erstarrt, dann aber schüttelte sie sich wie im Fieber.

»Aber wie kann das sein? Auf dem Wächterbaum befanden sich doch immer unsere Wachen!«

»Das hat, wie es scheint, Erulim nicht davon abgehalten, dieses Ding dort anzubringen. Ich sagte euch doch, dass er gefährlich ist. Jetzt werdet ihr mir hoffentlich glauben.«

Khaton klopfte Rogon in Gedanken auf die Schulter, denn nach dieser Entdeckung konnten auch die Eirun von Marandhil nicht mehr behaupten, sie würden hier von allem Bösen unberührt leben.

»Ich werde einen Boten zur Herrin schicken«, rief Eldinal aus und eilte zum Wächterbaum.

»Endlich tut sich etwas«, sagte Khaton zufrieden, als zwei junge Eirun sich vom Baum herabließen, ihre Pferde bestiegen und schneller als der Wind davonritten.

Rogon zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder seinem Eintopf zu. Im Augenblick waren ihm die Eirun von Marandhil völlig gleichgültig, und er blieb nur, weil Khaton dies wünschte.

*

Am nächsten Tag erschien Königin Ilviran persönlich. Da sie nicht bereit war, aus dem Rand ihres Waldes herauszutreten, durften Rogon und Tirah sich diesem bis auf achtzehn Schritte nähern. Dann aber gebot Oriandal ihnen Halt. Khaton verzog wütend das Gesicht und trat vor die Königin.

»Ihr habt mich lange warten lassen!«

»Khaton ist der Meinung, dass er als Evari das Recht besitzt, uns Befehle zu erteilen«, flüsterte Oriandal seiner Gefährtin zu.

Nachdenklich musterte Ilviran den Evari. Sie sagte jedoch nichts, sondern schien hinter seine Stirn schauen zu wollen, um zu erfahren, ob ihrem Reich tatsächlich Gefahr drohte.

Auf Rogon wirkte sie wie Gestalt gewordene, gebündelte weiße Magie. Ihr Kleid leuchtete weiß, ebenso ihre langen, bis auf den Boden fallenden Haare, und als sie ihm das Gesicht zuwandte, waren ihre Augen so weiß in weiß, dass er keine Iris erkennen konnte.

Ilviran musterte ihn und zuckte leicht zusammen. »Seine Augen! Sie sind so seltsam.«

»Rogon ist ein Nachfahre von Mygenet Bonveral. Ihr werdet die Sagen kennen, die sich um diesen ranken«, warf Khaton ein.

»Welche Sagen?«, fragte Rogon.

»Es heißt, der blaue Krieger Mygenet Bonveral hätte eine weiße Geliebte besessen und diese ihm eine blaue Tochter geboren, die später die Mutter von Yurugan Bonveral wurde, um den sich ebenfalls etliche Sagen ranken«, erklärte Khaton, ohne sich von der ablehnenden Miene der Königin aufhalten zu lassen.

Dann aber musterte er Rogon noch einmal genauer und schüttelte den Kopf. »In eure Sippe muss später noch einmal weißes Blut eingeflossen sein, denn so lange hätte sich das Erbe von Mygenets Gefährtin nicht gehalten.«

»Du sprichst Dinge an, die hier nicht gerne gehört werden«, tadelte Ilviran ihn. »Da dein Begleiter Erulims Werke zu erkennen scheint, sei es ihm erlaubt, Marandhil zu betreten. Die violette Schlächterin wird unsere Grenzen jedoch nicht überschreiten.«

»Dann ist es auch mir verwehrt, Marandhils Grenzen zu überschreiten, denn meine Gefährtin hängt sehr an mir und wird mich nicht allein gehen lassen.«

Obwohl Rogons Stimme spöttisch klang, war es ihm todernst, denn Tirahs Leben hing von der Magie ab, die sie von ihm erhielt. Bisher waren sie nur einmal getrennt gewesen, und damals hatte Sirrin, die violette Evari, all ihre magische Kunst aufwenden müssen, Tirah so lange zu stabilisieren, bis sie wieder mit ihm vereint werden konnte. Hätten seine Entführer nicht den Fehler begangen, eine kleine, magiedurchlässige Lücke in seinem Gefängnis zu übersehen, wäre Tirah trotz Sirrins Unterstützung umgekommen. Normalerweise reichte seine magische Verbindung zu Tirah über etliche Meilen. In der dichten Wolke des Eirun-Waldes aber würde es ihm kaum möglich sein, diese über mehr als ein paar Manneslängen aufrechtzuerhalten. Müsste er sich zwischen Marandhil und Tirah entscheiden, so war es für das Leben seiner Gefährtin.

Dies war auch Khaton klar, und so funkelte er die Marandhil-Königin zornig an. »Du wirst deine Entscheidung zurücknehmen und Tirah erlauben, mit Rogon zu gehen.«

Die Eirun aus Marandhil hatten ihn bislang wie einen beliebigen Magier angesprochen. Daher fand Khaton, dass auch Ilviran und ihr Gefährte nicht das Recht besaßen, von ihm wie hochrangige Herrschaften behandelt zu werden.

»Entscheidet Euch bald, Königin von Marandhil«, mischte sich nun Rogon ein. »Die Welt brennt an vielen Enden, und ich habe nicht die Zeit zu warten, bis Ihr in einigen Wochen oder Monaten zu einem Entschluss gekommen seid.«

»Dem muss ich zustimmen«, erklärte Khaton. »Entweder du lässt uns tun, was getan werden muss, oder du trägst allein die Verantwortung für das, was hier geschehen mag.«

Einen Augenblick lang zögerte Ilviran noch, dann wies sie mit einer kalten Geste auf ihren Wald. »Dann kommt! Aber das sage ich nur, weil der Evari es so will. Willkommen seid ihr uns nicht.«

Drittes Kapitel

Jagderfolg

Laisas Anspannung wuchs, als die Lotsenstation vor ihr auftauchte. An dieser Stelle waren Rogon, Tirah und deren Begleiter von den Flussmäulern angegriffen worden. Sie spürte noch den magischen Hauch, der vom Tod zweier Eirun kündete, aber alle anderen Spuren jenes Kampfes waren verflogen oder beseitigt worden. Nun lagen etliche Schiffe an den Stegen und warteten darauf, von Lotsen über den Heiligen See gebracht zu werden.

Ein Schiff zog Laisas Blick auf sich. Es war kleiner als die Frachtschuten, die aus dem Norden kamen, besaß aber ein Deckshaus, das fast die ganze Länge des Rumpfes einnahm, und einen Mast am Bug. In diesem Schiff befanden sich eine stark violettmagische Person sowie ein paar Lotsen. Mehrere Matrosen, die Laisa für Nachwuchslotsen hielt, bildeten die Besatzung der Barke.

Es gab nur eine Person in den Dämmerlanden, die auf diese Weise zu reisen pflegte, und das war Rilla, eine reiche Bürgerin aus dem violetten Sechstel von Edessin Dareh. Laisa hatte sie noch nicht kennengelernt, aber von Rogon und Tirah einiges über die Frau gehört. Daher wunderte sie sich nicht, als einer der Lotsen auf ihre Gruppe zutrat und auf das Schiff zeigte.

»Seid uns willkommen, edle Herrschaften! Die Dame Rilla will gerade in die Heilige Stadt zurückkehren und bietet euch an, sie zu begleiten.«

»Wir danken der Dame und nehmen ihr großzügiges Angebot gerne an«, antwortete Sirrin, die sich wieder in ihre Zweitgestalt Niarin verwandelt hatte.

Auch Rhondh hatte wieder seine Verkleidung als Ritter aus dem Süden gewählt, Yahyeh die ihrer angeblichen Helferin Vereen, und Tharon trat als der Barde Daar auf. Im Gegensatz zu den Evaris hatte Laisa darauf verzichtet, ein anderes Aussehen als das einer Katzenmenschenfrau anzunehmen. Zwar gelang es ihr mittlerweile recht gut, sich in eine normale menschliche Frau zu verwandeln, aber in dieser Form kam sie sich hilflos vor und mochte sie daher nicht. N’ghar steckte ebenfalls in seinem gewohnten Fell und zeigte grinsend seine starken Eckzähne, als ein paar grüne Schiffer ihnen Beleidigungen zuriefen.

»Seid still«, befahl der Lotse den Grünen. »Wer jene beleidigt, die mitgeholfen haben, Flussmaul in seine Schranken zu weisen, muss damit rechnen, dass die Lotsenschaft ihn als Freund der Flussmäuler ansieht und ihm die Passage über den Heiligen See verweigert.«

Laisa amüsierte sich im Stillen darüber, wie rasch die Schreier verstummten. Die Flussschiffer am oberen Strom hatten lange unter den Flussmaulpiraten gelitten und wollten nicht mit diesen über einen Kamm geschoren werden.

»Nichts für ungut«, rief ein Kapitän aus einem weiter im Norden liegenden grünen Reich. »Wir wollten die Herrschaften nicht beleidigen, haben wir doch gehört, dass König Rogar von Andhir selbst eine Armee aufgestellt hat, um Flussmaul und die Freistädte zu bekämpfen. Er tut daher viel für die freie Schifffahrt auf dem Strom, und man muss ihn dafür loben, auch wenn er ein Blauer ist.«

Zakk, der noch immer nicht überwunden hatte, dass er Rogon und Tirah nicht begleiten durfte, musterte die Grünen mit gerümpfter Nase. »Gut, dass dieser Mann sich entschuldigt hat. Ich hätte einigen der lautesten Schreier sonst doch noch meine Lähmpfeile verpassen müssen, um sie zum Schweigen zu bringen.«

Der Lotse sah den Ottermenschen mit einem strengen Blick an. »In den Lotsenstationen wird Frieden gehalten.«

»Das hättet ihr mal den Flussmäulern erzählen sollen. Dann hätten wir nicht an dieser Stelle gegen sie kämpfen müssen.«

Auch wenn Zakk weniger als zwei Drittel so groß war wie ein ausgewachsener Mensch, so hatten er und seine Gefährtin Keke in diesem Kampf Außerordentliches geleistet. Dies wusste auch der Lotse und hob begütigend die Hand.

»Die Beschimpfungen durch die Schiffer sind bedauerlich, doch eure Gruppe besteht nun einmal aus Wesen von beiden Seiten des Großen Stromes, und den Leuten hier missfällt die Anwesenheit von Angehörigen der roten Seite. Am jenseitigen Ufer würden wohl Herr Reolan und ihr Ottermenschen beleidigt werden.«

»Keke und ich wohl kaum, denn drüben hält man uns für Wesen aus Ilynas Reich. Den normalen Menschen fehlt nämlich die Fähigkeit, die magische Farbe anderer zu erkennen. Hier ist das nicht anders, sonst hätte dieser Kerl mit dem grünen Haarkranz auf dem Kopf uns nicht eben hässliche Kreaturen aus Ilynas Trögen genannt.«

Zwar war die magische Farbe der beiden Ottermenschen ein stärkeres und reineres Weiß als das der meisten Menschen, dennoch wurden sie wegen ihres Aussehens, das wie eine Mischung zwischen Mensch und Otter wirkte, auf der goldenen Seite des Stromes abgelehnt.

Einer der Lotsen auf Rillas Schiff beendete das Gespräch, indem er Laisa und ihrer Gruppe einladend die Tür zum Deckshaus öffnete. Zakk warf noch einen bösen Blick auf den übelsten Schreier, trat dann als Erster ein und deutete vor Rilla, die in einer weiten, violett schimmernden Robe auf einem Sofa saß, eine Verbeugung an.

»Habt Dank, dass Ihr uns nach Edessin Dareh bringt. Wir hätten sonst auf einem der Gemüsekähne dieser grünen und gelben Schreier mitfahren müssen, und ich weiß nicht, ob ich nicht ein paar von diesen Kerlen in den See geschmissen hätte.«

»Du weißt, dass dies verboten ist«, antwortete Rilla mit unterdrückter Heiterkeit. »Niemand außer den Lotsen darf das Wasser des Sees berühren.«

»Darum bin ich ja froh um Euer Angebot. Ich weiß nämlich nicht, ob ich mich hätte beherrschen können.«

Zakk verbeugte sich ein weiteres Mal und suchte sich einen Platz nahe bei dem Tisch, auf dem Schüsseln mit ausgesuchten Spezialitäten standen. Breit grinsend schnappte er sich einen Hüpferschenkel und kaute voller Genuss. Auch Keke konnte der Versuchung nicht widerstehen und Rongi noch weniger. Dieser gesellte sich zu den beiden Ottermenschen und ließ es sich ebenfalls schmecken.

»Bedient euch«, bat Rilla die anderen, die nun nacheinander einstiegen, und musterte Laisa mit einem durchdringenden Blick. »Du bist also jenes Wesen, das so viel Wirbel in die Welt gebracht hat.«

»Ich glaube, du verwechselst etwas«, antwortete Laisa gereizt. »Den Wirbel hat Gayyad veranstaltet. Ich sorge nur dafür, dass es nicht noch schlimmer wird.«

»Und das durchaus erfolgreich, wie man mir erzählt hat.« Rillas Lächeln wirkte seltsam verzerrt, aber dennoch beruhigend, und sie wies auf den Tisch. »Bediene auch du dich.«

»Den Rat solltest du befolgen, sonst futtert Rongi alles weg und wir müssen ihn wie eine Kugel rollen.« N’ghars Bemerkung löste die Anspannung, unter der alle standen.

Selbst um Sirrin-Niarins Mundwinkel zuckte ein Lächeln. »Lasst uns zusammen essen. Es ist besonders in düsteren Stunden gut, an Angenehmes denken zu können. Wer weiß schon, was uns morgen erwartet.«

»Viel kann der Dürrschwanz derzeit nicht tun, denn Laisa hat ihn für die nächsten Monate lahmgelegt«, rief Rongi, während er den nächsten Hüpferschenkel aus der Schüssel fischte.

»Wir sollten die Zeit nützen und ihn suchen«, stieß Laisa hervor. »Es muss doch einen Hinweis geben, wo er zu finden ist.«

»Bislang gab es noch keinerlei Nachricht, die auf ihn hindeutet. Doch irgendetwas geschieht in den Dämmerlanden. Das spüre ich – und es ist gewiss nicht in unserem Sinn.«

Rillas Worte ließen sogar Rongi für ein paar Augenblicke mit dem Kauen aufhören. Dann fauchte er und sah Laisa an. »Wir werden Gayyad fangen und all seinen Umtrieben ein Ende setzen.«

»Darauf kannst du wetten«, stimmte N’ghar ihm zu und bediente sich nun ebenfalls am Büfett. Im Gegensatz zu Ysobel und den Evaris verzichtete er auf einen Teller, und Laisa fand, dass auch sie keinen brauchte.

Während sie aßen, legte das Schiff ab und steuerte in den Heiligen See hinein. Rilla ließ sich nun von der Aktion gegen Flussmaul berichten und runzelte unwillig die Stirn, als Sirrin beschrieb, wie Truppen der Schwarzen Festung beinahe auf Seiten der Piraten in die Kämpfe eingegriffen hätten.

Dann musterte sie die Gruppe nachdenklich. »Ich sehe Tirah und Rogon nicht bei euch. Hoffentlich befinden sie sich wohl?«

»Das tun sie«, antwortete Sirrin. »Der Feind hat den Fehler begangen, einen Spalt in dem Silberkasten offen zu lassen, in dem er Rogon versteinert gefangen halten wollte. So konnte ein wenig von seiner Magie zu Tirah hinüberfließen und sie stabilisieren. Ich weiß nicht, ob es mir sonst gelungen wäre, sie am Leben zu erhalten.«

»Und wo sind die beiden jetzt?«, wollte Rilla wissen.

»Khaton hat sie zu den Weiß-Eirun von Marandhil mitgenommen, damit Rogon dort nach Fallen des Feindes schauen kann.«

Rilla wurde mit einem Schlag ernst. »Das ist nicht gut! Ich bin sicher, dass wir die beiden bald dringend auf der roten Seite des Großen Stromes benötigen – oder sogar in der Heiligen Stadt.«

»So lange wird Rogon nicht in Marandhil bleiben«, wandte Laisa ein. »Im Notfall muss Gimloth eben warten.«

»Das würde mir nicht gefallen«, wandte Rhondh besorgt ein. »Da Erulim als grüner Eirun erscheint, war er dort oft zu Gast und wird mit Sicherheit eine Waffe hinterlassen haben, die ganz Gimloth und vielleicht sogar die angrenzenden Teile der Dämmerlande vernichten kann.«

»Das wollen wir nicht hoffen«, sagte Yahyeh ungeachtet der Tatsache, dass sie die grünen Eirun bis vor wenigen Wochen noch als Todfeinde angesehen hatte.

»Keine Sorge! Rogon schafft das schon«, warf Laisa ein. »Außerdem bin ich ja auch noch da.«

»Wie wollt ihr weiter vorgehen?«, wollte Rilla wissen.

»Ich will auf jeden Fall Gayyad suchen und finden, bevor er aus seiner Lähmung erwacht.« Laisa klang selbstbewusst, denn sie hatte schon einige Siege gegen die Handlanger des Feindes errungen und diesen selbst in Erandhon in die Flucht geschlagen.

»Ich helfe Laisa dabei«, erklärte Rongi.

N’ghar, Ysobel und Reolan bekräftigten ebenfalls ihre Absicht, mit Laisa zu ziehen.

»Hoffentlich finden wir bald eine Spur dieses Schurken«, sagte Rilla und sah die vier Evaris auffordernd an.

Bis auf Sirrin, die ihre Gastgeberin besser kannte, wussten die anderen nur, dass sie eine Verbündete in diesem Kampf war, und überlegten, wie weit sie ihre Pläne darlegen sollten.

Yahyeh machte schließlich den Anfang. »Ich werde als Erstes den blauen Tempel von Edessin Dareh mit einem eisernen Besen auskehren. Fast die gesamte Priesterschaft zählt zu Gayyads Anhängern. Das muss sich ändern!«

»Ich werde mich ebenfalls in den Tempel meiner Farbe begeben und nachforschen, wie groß der Einfluss Erulims auf Tenelins Priester ist«, erklärte Rhondh. »Dies ist umso wichtiger, da ich mich etliche Jahre nicht um die grünen Reiche kümmern konnte. Auch muss ich die Nachricht in alle grünen Länder senden, dass ich mein Amt immer noch ausübe.«

»Und ihr?«, fragte Rilla Sirrin und Tharon.

»Für mich ist der violette Tempel das vorrangigste Ziel«, antwortete Sirrin mit besorgter Miene. »Zwar glaube ich nicht, dass Gayyad sich darin eine große Anhängerschaft geschaffen hat, doch ich will die Unterlagen mehrerer Reiche sichten, deren Herrscher in den letzten Generationen die Statuen Ilynas verbannt und die der Linirias an ihre Stelle gesetzt haben. Ich bin überzeugt, dass dies unter Gayyads Einfluss geschehen ist, denn nur auf diese Weise konnte er Spione in den violetten Tempel schmuggeln.«

»Ich gehe auch in den Tempel meines Gottes und sei es nur, um die Priesterschaft daran zu erinnern, dass Tharon noch immer Giringars Stellvertreter in den Dämmerlanden ist und sein Wort vor allen anderen gilt.«

Damit, so sagte Tharon sich, hatte er Rillas Frage beantwortet, ohne unhöflich zu sein, und nichts von dem preisgegeben, was ihm wirklich am Herzen lag. Da er über mehr Helfer und Zuträger als die anderen Evaris verfügte, hoffte er, einer von diesen könnte auf Gayyads Spur gestoßen sein. Dann würde er ihn mit Laisa zusammen finden und fangen.

Rilla nickte höflich und wies nach vorne. »Sobald wir in Edessin Dareh angekommen sind, werden Boote bereitstehen, die euch an eure Ziele bringen. Den anderen biete ich meine Gastfreundschaft an. Mein Haus ist gemütlicher eingerichtet als die Unterkünfte, die euch die Lotsen zur Verfügung stellen können, und auch das einzige, in dem Wesen aller Farben willkommen sind.«

»Auch Gelbe?« Irgendetwas in ihr zwang Laisa, das zu fragen.

»Auch Gelbe«, antwortete Rilla lächelnd. »Ich vermag meine Feindfarbe besser zu ertragen, als es gemeinhin üblich ist. Doch nun sättigt euch! Es mag sein, dass ihr in Edessin Dareh länger auf eine Mahlzeit warten müsst.« Das Letztere galt zwar mehr den Evaris, doch Laisa, Rongi und ihre restlichen Begleiter fanden, dass eine mögliche schlechte Nachricht auf vollem Magen besser zu ertragen war als auf leerem.

*

Rilla ließ die Evaris in der Nähe der Zentrumsinsel von Bord. Wie versprochen warteten dort bereits mehrere Boote auf sie, darunter auch eines mit einem grünen Schiffer für Rhondh. Danach nahm ihr eigenes Schiff wieder Fahrt auf und fuhr in das violette Sechstel ein.

Nachdenklich blicke Laisa durch eines der kleinen Fenster des Deckshauses und sah, dass unzählige kleine Boote, Frachtschuten und große Stromschiffe auf den Kanälen unterwegs waren. Gelegentlich hörte man einen Schiffer schimpfen, doch der war, wie Rilla spöttisch bemerkte, wohl ein Neuling auf seiner ersten Fahrt in die Heilige Stadt.

»Die Leute hier wissen, wie sie fahren müssen, und sparen ihren Atem für Wichtigeres als sinnlose Flüche«, erklärte sie und wies dann auf ein Gebäude, das eine ganze Insel von mehr als einhundert Schritt Durchmesser fast ganz bedeckte.

»Das ist mein Zuhause. Mittendrin gibt es einen kleinen Hafen, der nicht eingesehen werden kann. Dort steigen wir aus.«

Sie fuhren durch einen kleinen Kanal genau auf das palastähnliche Bauwerk zu, und wie durch Zauberhand öffnete sich ein doppelflügeliges Tor vor ihnen. Das Schiff wurde durch einen gewölbten Gang gestakt, passierte ein ähnliches Tor und legte neben einem mehrstöckigen Flügel des Palastes an.

»Hier liegen meine Privatgemächer«, erklärte Rilla, während sich das innere Hafentor wieder schloss. »Ihr werdet die gleichen Räume bewohnen, wie ich sie letztens Rogon mit seiner Begleitung zur Verfügung gestellt habe. Willst du mit N’ghar zusammen eine Kammer?«

Die Frage überraschte Laisa. Einen Augenblick sah sie ihren Begleiter an, dann nickte sie. »Warum nicht?«

Während N’ghar zu grinsen begann, stülpte Rongi ärgerlich die Unterlippe vor. »Ich will auch bei Laisa bleiben.«

Rilla streckte die Hand aus und kraulte ihm im Nacken. »Ihr werdet noch genug gemeinsam lagern. Hier aber solltest du den beiden ein wenig Ruhe gönnen. Weißt du was? Du kommst mit in meine Kammer. Ich lasse dir dort auch einen richtigen Kratzbaum aufstellen, damit du den bösen Gayyad mit ganz scharfen Krallen jagen kannst.«

»Also gut.« So ganz war Rongi nicht zufrieden, doch als er hörte, dass Rilla zum Abendessen extra für ihn Hüpferschenkel besorgen lassen würde, konnte er diesem Angebot nicht widerstehen.

Ysobel hatte sich unterdessen umgesehen und nickte beeindruckt. »Nicht übel, muss ich sagen. So würde ich auch gerne wohnen.«

»Mir fehlen die Bäume«, erklärte Laisa, der Rillas Palast ebenfalls gefiel. Allerdings waren die Möbel, Teppiche und Wandbehänge von einer in ihren Augen übertriebenen Pracht. Rilla musste sehr reich sein, um sich einen solchen Wohnsitz leisten zu können. Durch ein Fenster konnte sie mehrere Nebeninseln erkennen, die kleiner waren als Rillas Eiland und auf denen jeweils mehrere Häuser standen.

»Bäume gibt es in Edessin Dareh wirklich nicht viele«, sagte Rilla lächelnd. »Ich hoffe aber trotzdem, dass dir der Aufenthalt hier gefällt.«

»Bis jetzt gefällt er mir. Ich bin nur gespannt, was auf uns wartet. Ich habe ein seltsames Gefühl, so als braue sich hier etwas zusammen.« Laisa wusste nicht zu sagen, was sie beunruhigte, doch sie konnte sich nicht entspannen. Kaum hatte sie sich auf einen der weichen Sessel gesetzt, stand sie schon wieder auf und durchmaß den Raum mit langen Schritten.

»Irgendjemand muss doch wissen, wo dieser elende Gayyad zu finden ist«, zischte sie.

»Alle Ohren, über welche die Evaris und ich verfügen, alle Augen, die für uns sehen, und alle magischen Sinne, die uns helfen können, suchen nach ihm. Sobald wir auch nur den geringsten Hinweis bekommen, wirst du davon hören«, antwortete Rilla in dem Versuch, sie zu beruhigen.

»Ich weiß«, antwortete Laisa, hielt aber in ihrer Wanderung nicht inne.

»He, Laisa! Du sagst doch immer, ein Jäger müsse Geduld haben«, rief Rongi ihr zu.

Sie fuhr herum und bleckte die Zähne. »Ja, wenn er seine Beute beschleicht oder wartet, bis sie aus ihrem Loch herauskommt. Aber wir wissen weder, wo Gayyad zu finden ist, noch in welchem Loch er steckt.«