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Von Heimat, Aufbruch und der Weisheit der Berge Eine junge Frau sucht die Freiheit unter Schmugglern, ein verwilderter Junge sucht ein Zuhause Südtirol, am Hinteren Seelenkogel: Mächtig sind die Berge, hart ist das Leben hier an der Grenze zwischen Italien und Österreich. Luce lebt mit ihrem Vater und Bruder versteckt im Wald. Nachts riskieren die Männer auf alten Schmugglerpfaden ihr Leben, doch die Welt verändert sich schnell. Luce wünscht sich nichts mehr, als der Enge zu entkommen. Gibt es Frauen, die ihr helfen können? Und dann begegnet ihr der Junge, der versucht, im Wald zu überleben. Jahre später macht sich ein Mann auf hoch in die Berge, denn ein Kind wird vermisst. Keiner kennt sich dort oben so gut aus wie er. Doch ihm bleibt nicht viel Zeit, um das Kind zu finden. Atmosphärisch und mitreißend erzählt Romina Casagrande von Menschen auf der Suche nach Heimat und Freiheit – und von der Schönheit und Weisheit der Berge und des Waldes. »Eine soghafte Geschichte: Zwischen Bergen und Tälern mangelt es bis zur letzten Seite nicht an Geheimnissen.« Corriere del Trentino »Welch elegante und suggestive Prosa.« La Stampa »Gibt den vergessenen Frauen eine Stimme und erzählt uns von ihren Eroberungen.« Unione Sarda
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2023
Romina Casagrande
Roman
»Folge deinen Träumen, Luce, aber achte darauf, die richtigen auszuwählen.«
Der steile, undurchdringliche Weg schlängelt sich durch Felsen und Gletscherspalten hinauf zum Hinteren Seelenkogel. Er verbindet zwei Grenzgebiete. Nacht für Nacht suchen Menschen nach Übergängen auf den Höhenzügen. Seit jeher hat der Berg die Schmuggler auf ihren Pfaden beschützt. Unter ihnen auch Frauen, für die die gefährlichen Grenzgänge die einzige Möglichkeit bieten, unabhängig zu sein.
1978: In der fünfzehnjährigen Luce erwacht eine Sehnsucht. Pa und ihr Bruder haben ihr beigebracht, dass die Berge nichts für Mädchen sind. Dass Luces Aufgabe darin besteht, zu Hause auf ihre Rückkehr zu warten. Aber nun ist sie bereit, das Verbot anzufechten. Zur gleichen Zeit kommt eine Junge ohne Vergangenheit und Zuhause in den Wald, an seiner Seite nur ein halbwilder Hund. Was ist mit ihnen geschehen?
Heute: Jan und Wilma sind Menschen der Berge, sie sind hier tief verwurzelt. Als bei einem Ausflug ein Kind verlorengeht, sucht die Bergwacht verzweifelt das Gebiet ab. Jan geht allein los, in eine andere Richtung. Nur Wilma vertraut ihm. Was hat er vor?
Anmutig und atmosphärisch erzählt Romina Casagrande von Menschen auf der Suche nach Heimat und Freiheit – und von der Schönheit und Weisheit der Berge und des Waldes.
»Gibt den vergessenen Frauen eine Stimme und erzählt uns von ihren Eroberungen.« Unione Sarda
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Romina Casagrande, geboren 1977, lebt in Meran in der Provinz Bozen in Südtirol. Ihre Mutter ist deutsch, ihr Vater Italiener. Mit ihrem Roman »Als wir uns die Welt versprachen« gelang ihr auf Anhieb der Durchbruch als Autorin; auch ihr zweiter Roman »Feuer auf den Bergen« wird in viele Sprachen übersetzt. Romina Casagrande hat klassische Literatur und Geschichte studiert, für Museen in Südtirol gearbeitet und unterrichtet als Mittelstufen-Lehrerin. Sie liebt die Natur, besonders die Berge; ihr Zuhause teilt sie mit ihrem Mann, drei Papageien und zwei Hunden.
Teresa Englert, Jahrgang 1990, studierte Italianistik und Politikwissenschaft in Passau, Florenz undAugsburg sowie Literarisches Übersetzen in München. Heute arbeitet sie als Korrektorin, Texterin und Übersetzerin und lebt mit ihrem italienischen Ehemann in München.
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Erschienen bei FISCHER E-Books
Die italienische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »I bambini del bosco« im Verlag Garzanti, Mailand
© 2020 Garzanti S.r.l., Milan, Gruppo editoriale Mauri Spagnol
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2023 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, D-60596 Frankfurt am Main
Redaktion: Silke Reutler
Covergestaltung: semper smile, München
Coverabbildung: © Getty Images / imageBROKER / Ottfried Schreiter; Christoph Oberschneider / EyeEm
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491273-8
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Motto
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Die beiden nebelverhangenen [...]
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Danksagung
Der hellste Weg zum Universum führt durch eine Wald-Wildnis.
John Muir
Die beiden nebelverhangenen Gipfel ragten bis in den Himmel über der Hochebene, die von einem dichten Moosteppich überzogen war und nur von einem Bach durchbrochen wurde. Der Junge lief den steinigen Abhang hinunter, breitete die Arme aus, als wären es Flügel, ließ sich von seinem Gewicht nach unten ziehen und spürte den Wind, der ihm durch die Haare wehte und den Geruch von Harz mit sich trug.
Die Wärme, die sich in seiner Brust ausbreitete, musste so etwas wie Glück sein. Ein Gefühl von Freiheit ließ ihn die Schuhe ausziehen und barfuß ins weißschäumende Wasser laufen, das über die Kieselsteine sprang und unaufhaltsam in Richtung Tal floss.
Er war am Leben!
Ein Schauer durchfuhr seine Waden, die von den nervösen Wellen der Strömung gekitzelt wurden, und zog sich bis hoch in seinen Rücken. Sein Körper entwickelte sich, und auch wenn seine Stimme immer noch so hoch war wie der Ruf der Schwalben und seine Freunde ihn damit aufzogen, befeuerte das Adrenalin seine Muskeln, die allmählich Form annahmen. Seine Sinne vibrierten wie die Saiten eines Instruments.
Er atmete ein und ließ seine Gedanken mit den Wolken ziehen.
Die Sonne brannte zu heiß, um zurückzugehen. Und der Schatten war wohltuend, er ruhte sich darunter aus, bis sich das goldene Licht des Sonnenuntergangs im umherwirbelnden Blütenstaub spiegelte.
Die Langeweile der Tage im Dorf, der Weg, den er hinter sich gebracht hatte, die Schritte, die bereits im sich wiederaufrichtenden Gras verschwanden, zählten nicht mehr.
Vor ihm lagen Felder mit weißen Blumen, deren Namen er nicht kannte. Und weiter hinten, wo der Blick endete und die ersten Schatten des Abends aufzogen, war der Wald. Schwarze Bäume mit Wipfeln wie Speerspitzen. Unbewegt, geheimnisvoll, verführerisch wie alles Verbotene.
Jan blickte Richtung Gipfel, er hielt den Rand seiner Kapuze fest, damit sie nicht nach hinten flog. Er hätte den strömenden Regen verfluchen können, den der Wind auf ihn herabpeitschte und der ihn trotz der Wachsjacke bis auf die Haut durchnässte. Oder dieses Stück Land am Rande der Rätischen Alpen zwischen Wasserfällen und Flüssen, Felswänden und ewigem Eis. Eine Gegend, die er, stur, wie er war, nie verlassen hatte, um dort hinzugehen, wo der Sommer wirklich warm war und sich nicht nur auf zwei schwüle Wochen mit Stechmücken beschränkte, die im Frost des zehnmal so langen Winters zur blassen Erinnerung wurden. Und das, obwohl er die Kälte mit jedem Jahr mehr spürte, in den Knochen, in der Lunge. Auch seine Frau hatte ihm gesagt, dass sie ihren Ruhestand, mit Kokosöl eingerieben, an einem weißen Sandstrand verbringen wolle.
Die Spitze seines Stocks versank im Matsch. Birkenholz, gut zum Sammeln von Pilzen unter den Blättern, aber wenig hilfreich, um auf einem Pfad durch Tannen- und Kiefernwälder voranzukommen, der immer schmaler wurde und sich dann zwischen den Gesteinsbrocken auf der Gebirgswiese verlor.
Im Herbst würde noch mehr Regen fallen und den Boden weiter durchweichen, das war absehbar. Und dieses Stück Erde würde sich nicht weiter nach Süden drehen, den Beginn eines neuen Erdzeitalters oder die Verschiebung der Erdachsen einmal ausgeschlossen. Es gelang ihm nicht, den Gedanken zu vertreiben, der ihm seit mehreren Stunden im Kopf herumschwirrte: Wer brach mit einer Gruppe von Kindern und Erwachsenen, allesamt undiszipliniert und leichtsinnig, zu einer Wanderung auf, ohne die Wetteraussichten im Blick zu haben?
Die Antwort führte auf direktem Wege zu ihm, Jan Fein: einem Mann um die fünfzig Jahre, der gerade inmitten des Unwetters auf einen Schlammberg stieg, um das im Wald verlorengegangene Kind nach Hause zu bringen. Er hatte seinen Rucksack, einen Schlafsack und die alten Bergschuhe dabei, die er im letzten Moment vor der Mülltonne gerettet hatte. Er hatte sie seiner Frau aus den Händen gerissen, die einfach nicht verstehen wollte, wie sehr er an ihnen hing, obwohl er sie in der Garage verstauben ließ.
Eigentlich sollte er gar nicht hier sein. Während ihn der rauschende Regen den Schritt beschleunigen ließ, dachte Jan daran, dass ihm nur noch wenige Stunden Tageslicht blieben. Im Basislager unten im Tal hatten sie inzwischen die ersten Scheinwerfer eingeschaltet. Zwei waren auf einem großen Laster angebracht, den sie auf die Straße gestellt hatten.
Begonnen hatte alles an einem sonnigen Morgen mit einer fröhlichen Gruppe von Kindern, gefolgt von Eltern und Verwandten, Rucksäcken und Zelten. Vor dem Aufbruch zum Pfarrausflug hatten sie ein Foto geschossen, das nur wenige Stunden später von Hand zu Hand gereicht werden würde, markiert mit einem roten Kreis um das Gesicht des Jungen mit dem Superhelden-T-Shirt. Sie hatten den ganzen Nachmittag auf der Schneidalm verbracht, gespielt und gesungen. Danach waren sie in Fünfergruppen abgestiegen. »Schön hintereinander«, hatte Clara, eine der Mütter, gesagt.
Diszipliniert, in Reih und Glied. Wie eine Büffelherde. Er verzog das Gesicht, als er sich an das Gespräch mit Kepler erinnerte, dem Koordinator der Einsatzkräfte.
Er, Wilma und die anderen Eltern hatten gebannt nach oben zum gewaltigen Schatten des Hubschraubers geblickt, als der plötzlich abdrehte. Seine Flughöhe war wie ihre Hoffnung gesunken.
Dem Regen und den Windböen konnte der Helikopter standhalten, aber die herabsinkenden Nebelbänke zwangen ihn umzukehren, während sich der Bodentrupp auf rutschigen Pfaden weiter voranschleppte, hinter den Hunden her, die vom vielen Wasser und all den Gerüchen, die sich in ihren schwarzen Nasen verfingen, verwirrt waren – sie rochen Wald, Wasserfälle, Felshöhlen, Tiere und Wurzeln, Moos, Bergschuhe, Gummi.
»Wie kann man bloß ein Kind verlieren, wenn sich alle zusammen auf den Rückweg gemacht haben?«, war es seiner Frau herausgerutscht.
»Wilma, die Kinder sind zurück ins Tal gelaufen wie eine Büffelherde.« Kepler war nicht gerade feinfühlig, und in einer anderen Situation hätte Jan über den passenden Vergleich schmunzeln müssen.
»Da waren Erwachsene dabei«, setzte sie nach.
»Die haben Fotos mit ihren Handys gemacht und Rezepte ausgetauscht, während die Kinder vorausgelaufen sind und sich dabei gegenseitig mit ihren Trinkflaschen abgeworfen und mit ihren Regenschirmen bekämpft haben.« Kepler musste zurück auf seinen Posten. »Die beste Gelegenheit, zum Wildbach zu laufen, die Flasche aufzufüllen und zurückzubleiben.«
»Oder auf einem Felsen auszurutschen und abzustürzen.« Das ganze Tal lag auf erdrutschgefährdetem Gestein und war durchzogen von Gebirgsbächen und Wasserfällen, die von den Gletschern herunterkamen und die Erde aushöhlten. Eine natürliche Festung, die auf Treibsand ruhte.
Kepler war stehen geblieben: »Jan, was zum Teufel soll passiert sein? Meinst du, ein Bär hat ihn gefressen?« Er hatte gelacht und den Schirm seiner Mütze zurechtgerückt, während die Gruppe von Eltern ihn erschrocken angestarrt hatte.
»Das ist alles nicht auszuschließen.« Dann, nachdem Jan noch mal darüber nachgedacht hatte: »Außer das mit dem Bären.«
Kepler hatte sich in die Mitte gestellt, er hatte jetzt die volle Aufmerksamkeit: »Von der Almhütte führen zwei fast parallele Wege ins Tal.« Er hatte die Strecke mit der Hand in die Luft gezeichnet. »Einer führt am Bach entlang, der andere ist der alte Saumpfad der Schmuggler, der verläuft westlicher und geht bis hier oben.«
Niemand nannte ihn mehr so, Schmugglerpfad. Das erinnerte an Legenden, die keine waren und die mit den Geschichten der Alten verlorengegangen waren. »Wir glauben, dass er unaufmerksam war und den falschen Weg genommen hat. Dann hat er gemerkt, dass er allein ist, und es hat angefangen zu regnen. Ihr wisst besser als ich, wie Kinder sind. Aber ihm war klar, dass er runter muss. Und wir werden ihn im Tal finden.«
Kepler hatte sich von der Gruppe der Eltern verabschiedet und ihm bedeutet mitzukommen.
Als sie allein waren, verdunkelte sich seine Miene.
»Das Kind wird runterkommen, das ist unsere einzige Gewissheit. Da draußen ist die Hölle los, und ich kann das Leben meiner Männer nicht riskieren. Du hast sie gesehen, Jan. Sie sind halbe Kinder.«
Unerfahren. »Aber gut ausgerüstet.«
»Kannst du dich daran erinnern, als wir bei der Bergrettung waren und hochgegangen sind?«
Jan hatte sich zwingen müssen, nicht auf die Hüfte des Freundes zu starren. Das bionische Ersatzteil, wie er es scherzhaft nannte. Ein tiefer Sturz von einer Felswand und vier eingesetzte Stahlplatten hatten ihn für immer zum hinkenden Krüppel gemacht. Aber das hatte ihn keinen Tag von den Bergen ferngehalten, er war dort geboren, sein Blut war aus feuchter Erde, und Jan wusste, was das bedeutete.
»Wir haben vierundzwanzig Stunden, um ihn zu finden. Wenn er Wasser und ein Brötchen im Rucksack hat, könnte er wie lange ausharren? Drei Tage? Vorausgesetzt, er ist keinen Abgrund hinuntergestürzt und wirklich keinem Bären begegnet. Du weißt besser als ich, dass mit jeder Stunde, die vergeht, die Wahrscheinlichkeit steigt, ihn in einer Felsspalte zu finden.« Er musste das nicht weiter ausführen. Kepler scherzte nicht mehr. Jan ebenso wenig.
»Du kennst diese Berge. Du weißt, wozu sie imstande sind.«
Jan fühlte, wie sein Herz schneller schlug. »Ich gehe da schon ewig nicht mehr rauf.«
»Du kennst die Bauern. Sie vertrauen dir. Jedes Frühjahr, bevor sie das Gras mähen, holen sie dich wegen der Hirsche. Dachtest du, ich wüsste das nicht?« Es gefiel ihm, im Vorteil zu sein und die Schwächen seines Freundes zu kennen, für die er ihn immer geschätzt hatte.
Jan senkte den Kopf. Die Hirschkälber blieben zusammengekauert im hohen Gras, während die Mütter loszogen, um Nahrung zu suchen. Der Instinkt befahl den Kälbern, reglos im sicheren Versteck ihre Rückkehr abzuwarten. Als Schutz vor Raubtieren hatte das lange ihr Überleben gesichert – bis zum Aufkommen der Mähmaschinen. Die Messer zerfetzten ihre wehrlosen kleinen Körper. Jan spürte sie auf, bevor es zu spät war.
»Jedes Kind könnte sie ganz einfach von oben mit einer Spielzeugdrohne ausfindig machen.«
»Aber du brauchst keine Drohne.«
»Willst du mir sagen, dass ich hochsteigen soll?«
Kepler hatte den Kopf geschüttelt. »Ich könnte dich jetzt niemals rausschicken, nicht offiziell«, sein tiefer Seufzer entließ eine Atemwolke in die Luft. »Aber ich bin mir sicher, dass der Junge hier irgendwo ist, viel näher, als wir glauben. Man braucht einfach den richtigen Riecher, und den hast du. Und wir bräuchten jemanden, der diese verfluchten Wolken wegbläst, damit wir keine Zeit verlieren.«
Sie waren von Gabriele überrascht worden, der ihnen entgegenrannte.
Jan erinnerte sich gut an seine Worte. »Sie finden ihn, stimmt’s Papa? Er war bei mir, weißt du.«
Sie hatten ihm gesagt, dass es nicht seine Schuld war, dass er nichts hätte tun können. Weil Dinge passieren. Aber das hatten sie ihm nicht gesagt. Dass manchmal etwas kaputtgeht, auch wenn wir überzeugt sind, dass es in unseren Händen sicher ist.
»Es ist noch viel komplizierter als das, Gabriele«, flüsterte Jan dem Felsen zu, während er sich das Gesicht seines Sohnes vorstellte, den Glanz seiner Augen, der sich einstellte, wenn man die richtigen Saiten anschlug.
Das Blätterdach der Lärchen verdeckte den grauen Himmel und warf dunkle Schatten ins Unterholz, wo es schon Nacht geworden war.
Jan erinnerte sich an jeden Schritt, der ihn bis hierher gebracht hatte. Nachdem er mit Kepler gesprochen und einen letzten Blick auf das Foto des verschwundenen Jungen geworfen hatte, war er Richtung Parkplatz gelaufen. Im Kofferraum seines Autos lagen der Rucksack und die Bergschuhe, die er dort an diesem Morgen für sein Junggesellenwochenende verstaut hatte. Mit einem Sohn, der nicht zu Hause war, und einer Frau, die den Alten besuchte, hätte er zwei Tage im Wald verbracht, allein mit seinem Hund. Ohne Gesang, Geschrei, Geplapper. Nur Stille. Aber die Dinge hatten sich anders entwickelt. Burt war im Laden geblieben, eine Nachbarin passte auf ihn auf, und er war in Windeseile aufgebrochen, um Gabriele zu holen. Wilma war später dazugekommen.
Er hatte Keplers Worten geglaubt: Das Kind würde herunterkommen. Was wir verloren haben, ist meistens viel näher, als wo wir es suchen. Im Grunde, hatte er gedacht, wäre es so, wie Hirschkälber aufzuspüren. Eine Frage der Zeit. Wie der Leiter der Einsatzkräfte hörte er das laute Ticken einer imaginären Uhr, die über den Bergen hing wie der Mond, die verrinnenden Minuten und Sekunden anzeigte und mit ihrem dröhnenden Schlag das Tal erschauern ließ.
Jan war um sein Auto gelaufen und hatte nachgedacht. Er hatte den Kofferraum geöffnet und trotz der Dunkelheit und der vielen leeren Kartons aus dem Laden mühelos Rucksack und Schlafsack gefunden. Vom Rücksitz hatte er sich den Fleecepullover gegriffen und ihn unter die Goretexjacke gezogen. Obwohl eine Stimme ihm sagte, nicht zu gehen, und die Narbe auf seinem Brustkorb zu pulsieren begann, dachte er an das Kind und daran, was ihm wohl durch den Kopf ging. So ganz allein und verängstigt.
Es ist nur eine Frage der Zeit, wiederholte er für sich, während er den Berg hinter dem Vorhang aus Wasser, dessen feine Silberfäden an den Wolken zu hängen schienen, mit den Augen absuchte. Er würde mit dem Kind zurückkommen, noch bevor der Regen aufgehört hatte, und während sie ausgiebig frühstückten, würde der Himmel sich wieder aufheitern.
Er hatte den Schlafsack an den Rucksack gebunden, und als er ihn aufsetzte und die Träger zurechtzog, stellte sich das gute Gefühl ein, mit sich im Reinen zu sein, das ihm während der Tage zwischen Bauernhof und Laden gefehlt hatte. Die Erinnerung lebte nicht in den Gedanken. Sie war hier, in jeden Muskel des Körpers eingebrannt. In Bewegungsabläufen, die sich in sein Fleisch bohrten wie das Relief der Brailleschrift. Um sie lesen zu können, musste man die Augen schließen.
Ein Schatten, nicht weit von ihm entfernt, beobachtete ihn bewegungslos. Es war Wilma, die Abschiede nicht mochte, die keine Küsse verschwendete. Sie schauten sich an, ohne etwas zu sagen. Jan genügte es, das Flüstern ihrer Lippen zu erahnen, die hinter einem stolzen Lächeln stille Wörter bildeten. »Ich vertraue dir.«
Dann war der Blick seiner Frau allerdings auf seine Schuhe gefallen. Und sie hatte voller Hingabe und Verzweiflung genickt.
Vielleicht hatte Wilma recht. Die Schuhe waren alt und liefen voll mit Wasser, schon jetzt, wo der Weg noch vor ihm lag. Doch sie ahnte nicht, was es ihn gekostet hatte, sie an diesem Abend zu schnüren, um auf den Hinteren Seelenkogel zu steigen. Und wie viele Geister sich in seinem Herzen regten.
Luce fühlte den Wald von ihren Schultern gleiten wie eine Hand, die sie sanft streichelte, bevor sie sie gehen ließ. Das hier war nicht länger ihr Reich.
Doch der Geruch des Holzes, das von der Spätsommersonne erwärmt worden war, haftete noch an ihr. Normalerweise achtete sie immer ganz besonders auf den Rand der Straße, den Asphaltstreifen, auf den sich nachts ab und zu ein Fuchs verirrte, von den Lichtern der Autos geblendet. Sie hat uns nichts Gutes gebracht, die Straße, sagte Pa immer – und dann lief ihr ein Schauer über den Rücken bei dem Gedanken, so weit weg von zu Hause zu sein. Doch an diesem Morgen sah sie nur das Auto, das zwischen den Bäumen eingeklemmt war, den Kühler gegen den Stamm einer jungen Tanne gedrückt. Wobei das alte Auto wohl schon schrottreif gewesen war, bevor es aus der Kurve geflogen und verunglückt war. Darauf hätte das Mädchen sogar seinen guten Strohhut verwettet. Sie hatte ihn nicht bei sich. Und das brachte Unglück, wie wenn man bei Gewitter Holzschuhe mit Eisensohlen trug.
In diesem Sommer war eine ganze Schafherde, die auf den Hochwiesen weidete, vom Blitz erschlagen worden. Dreißig Tiere.
So war das mit dem Unglück. Es hatte dich fest im Blick, und du hörst es nicht einmal kommen. Manchmal verwechselte es dich auch, wie der Tod. Sie hatte es sich immer schmutzig und stinkend vorgestellt, verwest und voller Würmer. Aber die Schafe hatten ausgesehen, als schliefen sie, die weichen Rücken aneinandergelehnt, die Schnauzen in Richtung der Felsen, ihres natürlichen Schutzes. Ihr Fell musste wohl wie ein Leiter für den Stromschlag gewirkt haben, und es hatte kein Entkommen gegeben. Es bereitete Luce ein mulmiges Gefühl, wie trügerisch die Wahrnehmung sein konnte. Etwas, was dich schützen sollte, ein freundliches Herz, eine warme Umarmung, konnte dein trauriges Ende bedeuten.
Liebe macht dich verletzlich. Vertrauen kann dich brechen.
Sie bückte sich und berührte das dunkle Gras, auf dem sich zähflüssige braune Flecken abzeichneten. Sie wusste gleich, was das war: Blut, das an der Luft geronnen war. Die Blutspur an der Karosserie, die an der Unterseite des Kofferraums begann, ließ vermuten, dass, wer auch immer da rausgekommen war, sich in keinem guten Zustand befand. Vielleicht hatte ihr Vater recht, und die Straße war wirklich böse und tötete nicht nur Füchse, deren rote Schwänze im Gebüsch aufloderten. Wie viel Zeit konnte vergangen sein seit dem Unfall? Vielleicht eine Nacht, wenige Stunden, dem üblen Geruch nach zu urteilen, der aus den offenen Fenstern kam: Urin, Schweiß. Um sie herum lag alles verstreut, wie das aufgeplatzte Fruchtfleisch eines Apfels: Karosserieteile, ein einzelner Reifen, die Windschutzscheibe, überzogen von kristallenen Spinnennetzen.
Sie lugte in den Wagen. Noch mehr dunkle Spritzer auf dem Lenkrad und dem Fahrersitz. Unwahrscheinlich, dass der Fahrer über die Sitze und aus dem Kofferraum geklettert war: Die Tür ließ sich öffnen, wenn auch mühsam. Sie atmete gleichmäßig, um alle Eindrücke zu erfassen. Genau wie in den Nächten, in denen sie versuchte, die Gerüche des Windes aufzunehmen, wenn sie auf Klaus und Pa wartete, die auf dem Berg die Grenze jenseits der Sterne suchten, und sie nichts anderes tun konnte, als vom Balkon ihres Zimmers aus den Hinteren Seelenkogel zu betrachten.
Was nahm sie jetzt wahr?
Angst: die vorherrschende Note. Dunkelheit. Die weit aufgerissenen Augen eines durchgehenden Pferdes, blind vor Panik sieht es die Straße nicht mehr und verheddert sich in den Brombeerhecken. Fleischwunden, die Anstrengung der Muskeln, vom Adrenalin angespannt. Feuer.
Sie ging um das Auto herum, berührte die Gummiverkleidung des Kofferraums. Ihre Finger verharrten auf einem Stoff, rau wie Wolle, was sie an die eng beieinanderliegenden Schafe denken ließ.
Es war ein verschlissener Pullover, schlicht gestrickt. Sie stellte sich die unerfahrenen Hände vor, die geduldig den Faden knüpften und sich lange mit dem Rautenmuster aufhielten, damit ihn derjenige, der ihn tragen sollte, auch schön fand, trotz der ungleichmäßigen Maschen. Luce musste nicht genauer hinsehen, um zu wissen, was den Kragen und die Ärmel verkrustete, die ihr vielleicht etwas zu kurz gewesen wären. In dem Auto hatte wohl nicht nur der Fahrer gesessen, der von der Straße abgekommen war wie ein Betrunkener. Vielleicht hatte ein Kind auf dem Rücksitz gesessen und war dann aus dem Kofferraum geschleudert worden? Sie verstand nicht viel von Autos und Motoren. Der Experte für solche Dinge war Klaus, ihr Bruder. Sie hatte dagegen das Klöppeln, musste die Taschen ordnen, wenn er und Pa zurückkamen, das Leder der Schuhe fetten und die Sohlen vom Schlamm der Berge befreien.
Als sie auf dem Nachhauseweg war, dachte sie unablässig an den Pullover, an das Auto am Abgrund – viel hatte nicht gefehlt, vielleicht nur ein Meter, dann wäre es dort unten gelandet.
Es war keine richtige Straße, denn im Wald gab es keine Straßen, auch keine Wege. Zumindest nicht in dem Wald, in dem sie mit Pa und Klaus lebte. Aber der Wald schien in ein Herz aus Geranien zu münden, die von den windschiefen Holzbalkonen hingen: ihr zusammengezimmertes Häuschen. Wo sie auch immer war, an einem unsichtbaren Faden fand sie hierher zurück.
Sie schlich die Treppe hoch und suchte ihren Hut. Das Zimmer unter dem Dach hatte sich den Geruch des Waldes bewahrt, die Kirschholzdielen und die großen Balken, die das Dach trugen, verströmten den Duft von Harz.
Es hatte etwas Tröstliches, gerade an diesem Morgen nach dem Fund des Autos.
Sie hatten überlebt, der Mann und das Kind, sie waren aus dem Wagen geklettert und hatten am Straßenrand gestanden, bis zwei Scheinwerfer die Szene und die beiden engumschlungenen Gestalten erleuchteten. Sie waren gerettet worden. So musste es gewesen sein, dachte Luce und atmete so tief ein, dass sie die Kiefern roch, die um das Haus standen, und die süße Note der Geranien, die sie an ihre Mutter erinnerten. Sie war aufmerksam gewesen, hatte sich umgesehen; keine Leiche, kein Körper. Wer auch immer im Auto gewesen war, er gehörte nicht mehr dem Wald.
Auch der geblümte Schal, der über dem Stuhl hing, der neben dem Tisch auf der Wiese stand und den Duft von Amber und verqualmten Straßen der Stadt verströmte, gehörte nicht dem Wald.
Pa kam aus dem Schuppen mit seinem bärenhaften Gang, den Blick auf die Schuhspitzen geheftet, als läge dort die Antwort auf alle Fragen.
Außer der auf die Frage, die ihm gerade ins Gesicht geschrieben stand.
»Wo kommst du denn her, Luce? Ich dachte, du würdest heute Morgen auf das Haus aufpassen.« Er war vor Sonnenaufgang ins Dorf gegangen, und Luce hatte den Vormittag für sich, bevor Klaus von seinem nächtlichen Ausflug zurückkehrte. Es war nicht klug, dass Haus unbewacht zu lassen, aber warum war immer sie dran?
»Ich habe einen Spaziergang gemacht. Ist es jetzt verboten, früh aufzustehen und sich die Beine zu vertreten?«
Pa kratzte sich die Stirn. Dieses heranwachsende Mädchen bereitete ihm Unbehagen. Sie war noch ein Kind, aber sie erinnerte ihn immer mehr an seine Frau. Das schmaler werdende Gesicht, die Formen ihres Körpers, die ihm nicht länger vertraut waren, so dass er sich vorkam, als stünde er vor einer Landschaft, die er nicht mehr wiedererkannte. Die breiten Wangen gingen in hohe Wangenknochen über. Die gerade Linie des Oberkörpers, die sich rundende Brust, die schlanke Taille, die die Hüften hervortreten ließ. Auch wenn Luce ihren Körper, der sich veränderte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, unter weiten Pullovern versteckte – Pa sah es und konnte nichts dagegen tun.
Die Hennen erkannten Luce dagegen immer. Sie trippelten um sie herum und bettelten um Futter. Ihnen war es egal, ob sie gute oder schlechte Laune hatte, dünner oder größer wurde. Ob ihr ein drittes Auge wuchs oder ihre Haare über den Sommer die Farbe veränderten. Es waren einfache, gute Geschöpfe.
Und Luce wusste, dass sie sie nicht zu sehr liebgewinnen durfte.
»Kochst du das Mittagessen?«, fragte Pa.
»Für vier nehme ich an«, sagte sie mit einem Seitenblick auf das Tuch.
»Diese Freundin von Klaus ist vorbeigekommen, um ihn zu besuchen.«
Luce fand, dass die Bezeichnung »Freundin« typisch für Pa war, der immer die passenden Namen für Felsen, Wolken und den Wind parat hatte, aber nie für Gefühle.
Klaus und die Frau hatten sich diesen Sommer im Laden unten im Dorf kennengelernt. Sie hatte dort mit ihrem schicken Sportwagen angehalten, um Zigaretten zu kaufen. Er hatte diese Zigaretten gerade hinter dem Tresen aus Stangen in Päckchen zerteilt, nachdem er sie in zehn Stunden Fußmarsch bei Nacht entlang der Felsen hergeschmuggelt hatte.
Luce verstand nicht, was die beiden verband.
Sie war eine Städterin, älter als er, der sich wie ein Kind in einem Männerkörper verhielt. Aber es war wohl eine Gabe von Klaus, sich zu entziehen. Es war nicht möglich, sich ein Bild von ihm zu machen. Er schien niemandem richtig zu ähneln, nicht einmal seiner Schwester.
Die Frau hatte einen Mann, auf der anderen Seite der Berge. Reich. Ein Professor. Einer von denen, die nie ganz in der Welt waren und für die das Leben um sie herum von einer feinen Schicht Langeweile überzogen war. Also blicken sie durch elegante Brillen auf die Wirklichkeit oder verstecken ihre Füße hinter einem Lehrerpult, so dass sie immer eine Stufe über den Dingen stehen. Um ihre eigene Leere nicht mit der der Normalsterblichen zu verwechseln.
»Hast du keine Angst, dass wir auffliegen?«
Pa kramte in seiner Hosentasche nach der Tabakdose.
»Ich vertraue deinem Bruder. Er weiß, was er tut.«
Luce blickte zum Stall. »Geht ihr heute Nacht wieder rauf? Es ist Vollmond und trocken.«
Pa zuckte mit den Schultern. »Vielleicht.«
Lügner. Klaus und er sprachen sich immer einige Tage vorher ab. Die Bestellungen aus den Dorfläden hatte Pa schon eingeholt. An diesem Morgen hatte er die letzten Läden im Tal aufgesucht.
»Und dein Hut?«, wechselte ihr Vater das Thema.
»Den finde ich nicht mehr.« Und das, obwohl sie überall gesucht hatte.
Pa lächelte. »Frauen … Immer den Kopf in den Wolken.«
»He, mir kannst du vertrauen, das weißt du.«
Pa blickte ihr direkt in die Augen. Er lachte nicht mehr.
»Ihr könntet mich mitnehmen. Ich bin stark und klettere schneller die Felsen hoch als mein Bruder.«
Sie hatte es geschafft, seinen Trübsinn zu vertreiben und ihn zum Lachen zu bringen.
»Du bist ein Hänfling, Luce. Selbst wenn du schnell auf dem Gipfel ankommst, was kannst du schon tragen? Einen Rucksack voller Strohhüte?«
Es traf sie direkt ins Herz, raubte ihr den Atem. Luce bemühte sich zu verbergen, wie sehr Pas Worte sie verletzten.
»Warum nicht? Schließlich putze ich eure Bergschuhe und flicke eure Hosen. Vielleicht braucht auch jemand Strohhüte.«
Während des Mittagessens wechselten sie kein Wort mehr.
Sie beobachtete ihren Vater, den Schnurrbart voller Soße und Butter, und sie sagte sich ein weiteres Mal, dass er seinen Pullover selbst waschen, ihn gegen die Steine im Bach schlagen konnte. Auch wenn es nie dazu gekommen war.
Als Pa sie mit enttäuschter Miene bat, die Teller von Klaus und seiner Freundin zurück in die Küche zu bringen, weil klar war, dass sie nicht mehr zum Essen kommen würden, hoffte sie, etwas Boden gutgemacht zu haben. Was konnte Klaus sich denn noch alles leisten, bis Pa verstand, dass er ein Schaumschläger war?
Es brannte ihr auf der Zunge, ihm vom Auto zu erzählen. Aber dazu hätte sie gestehen müssen, dass sie an der Straße gewesen war, und sie hätte sich einen Grund dafür ausdenken müssen. Sie hätte gern Pas Gesicht gesehen, wenn er erfahren hätte, was sie gewagt hatte und dass nicht Klaus der Mutige in der Familie war. Aber dann wäre er böse geworden, und sie wollte keinen weiteren Ärger.
Sie würde dieses kleine Geheimnis für sich behalten. Im Verbergen war sie gut, das hatte sie von klein auf gelernt, noch bevor sie in das Alter gekommen war, in dem man mit Puppen spielte – die sie allerdings nie bekommen hatte. Das wäre ihre Rache an Pa und Klaus, die ihr nie von ihren wirklich wichtigen Angelegenheiten erzählten. Wie dem Gipfelaufstieg und dem Schmuggeln, dem Risiko, von der wacheschiebenden Zollpolizei auf den Bergkämmen entdeckt zu werden oder beim Klettern auf vereisten Felswänden in eine Schlucht zu stürzen.
»He, Luce«, ihr Vater stand vor dem Hühnergehege, die Hände in die Hüften gestemmt und mit amüsierter Miene.
»Hast du nicht deinen Hut gesucht?«
Luce folgte seinem Blick. Mitten im Staub lag ihr Strohhut, von den Schnäbeln und Krallen der Tiere zerfetzt. Sie riss das Tor auf, verjagte die Hennen mit einer Handbewegung und hob schnell das auf, was von ihrem Hut übrig war.
»Ihr kommt eh alle in die Suppe«, schrie sie, das Gesicht knallrot. Das war die Wahrheit, und vielleicht half ihr die Wut, sie zu akzeptieren.
»Es ist nur ein Hut«, versuchte Pa, sie aufzumuntern.
»Er war von Mama.«
Pas Schweigen löste mehr Schuldgefühle aus als jede Antwort. Niemand sprach über sie, und natürlich wusste Pa, wem der Hut gehört hatte. Schließlich war er es gewesen, der ihn zu den alten Sachen geworfen hatte, die er verbrennen wollte, und Luce hatte ihn gerettet und repariert. Sie hatte ihn geflickt, damit sie ihn immer bei sich haben konnte, anders als ihre Mutter, die sie nicht einmal hatte kennenlernen können, weil sie bei Luces Geburt entschieden hatte, dass ihr dieses Leben nicht länger gefiel. Ihre Mutter hatte sich in diesem Haus fehl am Platz gefühlt wie ein Strohhut, geeignet für den Strand und Spaziergänge am Meer, aber unbrauchbar als Schutz vor Regen und Wind, in dieser Bergregion, die dem Wüten der Jahreszeiten ausgeliefert war. Und doch hatte sie ihn zurückgelassen. So wie sie auch ihre Tochter zurückgelassen hatte.
»Es ist mir egal, dass es ihrer war. Ich setze ihn nur auf, weil er mich vor der Sonne schützt und mir Glück bringt«, log sie. Pa hatte sich hingesetzt, er betrachtete den Himmel, während sie in den Händen hielt, was vom Hut übrig geblieben war, und hoffte, dass es kein schlechtes Omen war. Für sie selbst und für das, was sie an diesem Tag gesehen hatte.
Während die Sonne hinter den Zweigen hervorblitzte, fragte sie sich ein weiteres Mal, was es mit diesem Auto am Abgrund auf sich hatte. Sie hoffte, dass wer auch immer in seinem eisernen Cockpit bis dorthin gekommen war, gefunden hatte, was er suchte. Und es ihm gelungen war, sich aus der Dunkelheit zu befreien.
Der Geruch von Blut. Der Junge roch es überall. Den metallischen Geschmack im Mund, die gequetschten Knochen, der Hals eingeklemmt zwischen Lenkrad und Tür.
Er war im Auto gefangen, und der Gedanke, eingesperrt zu sein, ließ seinen Geist rasend schnell nach Informationen suchen, Eindrücke verarbeiten, um einen Ausweg zu finden. Sein Bewusstsein brachte ihn immer wieder zum Moment des Aufpralls zurück, so als gäbe es nichts anderes. Aber wie war es dazu gekommen? Was war vorher passiert? Er war vom Hof geflohen, vor seinem Vater Paul und vor dem, was er gesehen hatte, daran erinnerte er sich. Er war in die glänzende alte Dame gestiegen, hatte es geschafft, sie zum Laufen zu bringen, und für einen Augenblick war er ganz euphorisch geworden. Aber er hatte sich nicht in Sicherheit gefühlt, auch wenn das Grauen – sein Verstand weigerte sich, dessen ganze Dimension zu erfassen und zu bewerten – hinter ihm lag – für immer eingeschlossen in dem alten Bauernhof auf dem Felsvorsprung, der einfach keinen Ertrag brachte, selbst wenn man sich die Hände wund und die Seele aus dem Leib grub. Denn das war schwarze Erde, unfruchtbarer Boden. Und aus den Wurzeln der Bäume, die den trockenen Grund wie Venen durchzogen, sprudelte Blut. Dasselbe Blut, das jetzt sein Hemd befleckte, seine Stirn. Das ihm aus der Nase lief und über die Lippen rann.
Der Fiat 127 war angesprungen, wenn auch nur mühsam und murrend. Er hatte es immer gewusst, obwohl er noch keine vierzehn war und für seinen Vater nichts weiter als eine Rotznase mit Mädchenstimme. Der Wagen hatte ihm gehorcht, bis zu seiner Entscheidung, den Kurs zu ändern. Weil er in einem letzten Anflug von Klarheit erkannt hatte, dass der Plan nicht funktionieren konnte – was sollte er im Dorf erzählen? Welche Aussichten hätte er gehabt? Die nächsten Jahre hätte er eingesperrt in einem Heim verbracht. Also wählte er die einzige Option, die ihm sinnvoll erschien: den Wald. Wie ein verletztes Tier, das Zeit brauchte, um sich die Wunden zu lecken. In diesem Moment hatte das Auto ihm einen Streich gespielt, war aus der Kurve geflogen und zwischen den Bäumen aufgeprallt. Dieser Blechhaufen war so eigen und verschroben wie eine alte Dame. So nannten sie das Auto, er und sein kleiner Bruder. Die Nachmittage verbrachten sie auf der verbeulten Karosserie, machten sich die Hände mit Schmierfett schmutzig, bevor sie sich auf den Heuballen ausruhten. Ein stechender Schmerz ließ das Bild verschwinden. Eine Klinge drang in seinen Kopf und schnitt die Erinnerungen an die Vergangenheit heraus, um sie irgendwo zu verstecken, wo niemand sie finden konnte. Nicht einmal er selbst.
Er zog den Pullover mit dem Rautenmuster aus, den Katharina, Pauls Frau, ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Von Anfang an war er ihm zu eng gewesen, und jetzt erstickte er ihn geradezu.
Er versetzte der Tür einen Tritt, worauf das Stück Blech mit einem Quietschen reagierte. Es war absurd, das Auto war zusammengedrückt wie eine leere Dose, und doch leistete es weiter Widerstand, dabei verdankte es ihm das Leben. Ihm und seinem kleinen Bruder Hasenohr.
Die Erinnerung an das Gesicht seines Bruders verlor sich langsam in trübem Wasser, er konnte sie nicht länger festhalten, während er auf die Tür einhämmerte, die sich schließlich mit einem letzten gequälten Kreischen öffnete.
Dann nahm er den Geruch des Waldes wahr. Und das Geheul.
Während er sich aufrappelte und seine Knochen sortierte, fraß es sich in seine Ohren.
Ähnlich wie das Weinen eines Kindes, aber es war ein Jaulen. Er hielt den Atem an.
Hund.
Das Tier war im Kofferraum gefangen, eine üble Angelegenheit, denn die glänzende alte Dame hatte sich durch den Aufprall zusammengefaltet wie ein Akkordeon.
Als es ihm gelang, die Klappe zu öffnen, wobei er sich in die Hand schnitt, ließ ihn das Schnappen des Kiefers einen Satz nach hinten machen. Der ängstlich zusammengekauerte Hund knurrte, zeigte sein rotes Zahnfleisch und eine Reihe von Zähnen, die im Halbdunkel leuchteten.
»Ist gut, Hund«, versicherte er ihm mit brüchiger Stimme, die er kaum wiedererkannte. Behutsam streckte er eine Hand aus, aber das Tier wich zähnefletschend zurück. Es war keine gute Idee einen Mischling, halb Hund, halb Wolf, der sich bedroht fühlte, streicheln zu wollen. Die Ohren waren aufgestellt, das Rückenfell gesträubt, als hätte er ein elektrisches Feld durchquert.
Trotzdem versuchte er es weiter, aus der Ferne, indem er ihm die Handflächen darbot als Zeichen der Unterwerfung. Dabei dachte er daran, wie sein kleiner Bruder Hasenohr mit dem Hund gespielt hatte, als er noch ein Welpe gewesen war.
Aber er war nicht Hasenohr.
Und er spürte einen Hass auf dieses Tier. Warum sollte er es retten? Schließlich war der Hund an allem schuld. In dieser Nacht wäre nichts passiert, er wäre vor keine Entscheidung gestellt gewesen, hätte es dieses undankbare Tier nicht gegeben. Aber so hatte alles angefangen: mit einem Wache haltenden Hund mit gelben Wolfsaugen, rund wie unheilvolle Monde.
Als er geflohen war, hatte er ihn mitgenommen. Trotz allem. Und das war jetzt der Dank?
Um sein Gewissen zu beruhigen, rief er ihn ein letztes Mal. Doch der Hund schnellte wieder nach vorn, und das Geifer spritzende Maul verfehlte das Gesicht des Jungen nur um wenige Zentimeter. Also beschloss er, ihn zurückzulassen. Die Klappe war offen, er konnte raus, wenn er wollte oder der Hunger ihn dazu trieb. Was ihn selbst betraf, war er sich nicht so sicher, ob er laufen, geschweige denn einen klaren Gedanken fassen konnte. Er fühlte sich dem Abgrund nah.
Der Junge blickte in den Himmel, betrachtete die hell leuchtenden Sterne. Bald würde die Sonne aufgehen. Er dachte an den Hof und sah ihn so vor sich, wie er ihn verlassen hatte. Der Mondschein fiel auf die zusammengesunkenen Schatten auf dem Boden, die nie wieder aufstehen würden. Er fragte sich, wie lange die Dorfbewohner wohl brauchten, bis sie die leblosen Körper entdeckten. Bis sie das Ausmaß feststellen, eine Erklärung finden würden. Vielleicht würde die Lehrerin, besorgt, weil keiner die Zeugnisse abgeholt hatte, ihre feinen Stadtschuhe schnüren und hinaufsteigen. Ausgerüstet lediglich mit ihrem Eifer und guten Vorsätzen. Und wohin würden die sie bringen? Mitten hinein in die Nacht, vor der er weggelaufen war. Vielleicht wäre sie es, die den Notruf absetzte. Und die sich seiner annähme, wenn sie ihn aufspürten. Sie würde »die beste Lösung für alle« finden. Aber nicht für ihn, er würde es nicht überleben, in ein Heim gesperrt zu sein wie ein Tier an der Kette.
Hund hatte sich inzwischen im hintersten Teil des Kofferraums zusammengekauert. Der Junge konnte seine gelben Augen sehen. Immer wachsam, sensibel für jede Veränderung, selbst während er sich ausruhte, um wieder zu Kräften zu kommen. Er hatte den unruhigen Schlaf der wilden Tiere und des Waldes ringsum. Die Dunkelheit war hier nie endgültig. Die Stille war tief, aber nie absolut. Auch er hätte sich gerne in einer Höhle zusammengerollt und geschlafen, um seine Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Aber da war dieser Blutgeruch, der ihn angespannt bleiben ließ und daran erinnerte, dass dies keine gewöhnliche Nacht war und dass es wahrscheinlich auch keine solche mehr geben würde. Der gleiche Geruch, der von seinem Hemd ausging, kam auch aus dem Kofferraum. War Hund verletzt? Es ging ihn jetzt nichts mehr an.
Die Morgendämmerung ließ am Himmel rötliche Strahlen wie Blitze pulsieren, die sich im orangenen Leuchten auflösten und zu reinem, durchsichtigem Licht wurden. Er schloss die Augen, spürte die angenehme Wärme der Sonne auf seinen nackten Armen und atmete den Duft des feuchten Holzes ein.
Aus dem Kofferraum drang kein Geräusch mehr, und im unbarmherzigen Morgenlicht sah er die glänzende alte Dame als das, was sie immer gewesen war: ein Haufen Blech, der längst von Brombeerranken überwuchert wäre, hätte er nicht so stur an das Gute geglaubt. Er hatte zu sehr in seiner Phantasie gelebt.
Der Berg dagegen war real. Und er stieg hinauf. Kiefern und rote Tannen standen neben Flaumeichen, die einen süßen Duft nach sonnengetrocknetem Holz verströmten. Der Wald breitete sich vor ihm aus, bis zum Himmel, von dem man nur noch gelegentlich kleine Ausschnitte sehen konnte. Buchen und Linden hatten Platz gemacht für die robusteren Lärchen, mit ihren Fächern aus Ästen und leuchtend grünen Nadeln, die sich kurz vor dem Herbst gelb färbten.
Während er tiefer in den Wald vordrang, dachte er immer noch an den Wolfhund. Er hatte darauf geachtet, dass die Klappe des Kofferraums offen blieb, aber er fühlte sich trotzdem noch verantwortlich für das Tier. Die Anstrengung und die Müdigkeit benebelten sein Gehirn und ließen ihn weich wie Grießpudding werden. Er sagte sich, dass der Hund viel besser zurechtkommen würde als er selbst, und tatsächlich glühte seine Stirn, und seine Kehle brannte vor Durst.
Das leuchtende Grün der Ranunkeln und der Brunnenkresse zwischen den gefiederten Farnblättern, die durch seine Schritte sanft hin und her wippten, sagte ihm, dass unter den Wurzeln eine Wasserader verlaufen musste. Eine Brise aus östlicher Richtung umspielte ihn und brachte Feuchtigkeit mit. Er folgte ihr, und schon hörte er das Rauschen des Wassers. In diesem Abschnitt breitete sich der Fluss in großzügigen Biegungen zwischen Büschen und Felsen aus, bevor er schmaler wurde, sich durch Felsspalten zwängte und schäumend die Schluchten hinabtoste.
Der Junge zog die Schuhe und Socken aus. Die Berührung mit dem kühlen Gras ließ ihn erschaudern. Sein Blick wanderte zu den Büschen, durch die Sonnenstrahlen drangen, und er fühlte sich wie der erste Mensch auf Erden. Allein inmitten dieses Waldes, der ihn mit einem Licht empfing, so leuchtend, dass sein Herzschlag sich beruhigte. Seine Füße ließen das kitzelnde, feuchte Gras hinter sich und überquerten einen Streifen aus Sand und Kieselsteinen, die sich zwischen seine Zehen drückten. Aber es tat nicht weh. Es fühlte sich an wie Insektenstiche, deren leichtes Gift belebend wirkte. Er spürte seinen Körper wieder, blickte auf seine nackten Arme, die Hände blut- und schmutzverkrustet. Dann berührte er seine Haare, die Stirn, streifte die Ohren, legte die Hände über den Mund, als würde er einen Schrei ersticken und schloss die Augen. Nachdem er sie wieder geöffnet hatte, um erneut das Grün in sich aufzusaugen, zog er seine Hose aus und warf sie zusammen mit seinem Hemd und seinem Unterhemd hinter sich ins Gras. Ein Schauer durchfuhr ihn, als er in den Fluss stieg. Das Wasser umfing seine Waden, ging ihm bis zu seinem mageren Oberkörper, bedeckte seine Schultern und war auf einmal über ihm. Es bewegte sich in langsamen, gleichmäßigen Wellen, in denen er schwerelos trieb wie die Flusspflanzen, die sich am Ufer verwurzelt hatten, um der Strömung standzuhalten.
Er hielt die Luft an, bis kleine Blitze die Dunkelheit durchzogen und ihm der Herzschlag in den Ohren dröhnte. Mit der ganzen Kraft seiner Beine stieß er sich ab und verließ das Dunkel, um die Lungen wieder mit Luft zu füllen.
Zwei gelbe Augen beobachteten ihn, überwachten jede seiner Bewegungen. Hund war ihm bis hierher gefolgt, und er hatte es nicht einmal bemerkt. Entgegen jeder Vernunft war er erleichtert, ihn am Ufer liegen zu sehen.
Als er ihm ein Zeichen gab, näher zu kommen, wich das Tier weder zurück, noch lief es davon. Stattdessen wagte es einen Schritt in Richtung Wasser. Es neigte den Kopf und trank gierig, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. So lange, dass der Junge dachte, die Läufe des Tieres wären im Kiesbett stecken geblieben.
Hund reagierte auch dann nicht, als der Junge in seine Richtung schwamm und ihm so nahe kam, dass er den Abdruck der Kette am Hals des Tieres sehen konnte und die silberne Farbe seines Felles, das von einer dunklen Blutkruste überzogen war. Bevor er ihn berührte, wartete er auf eine Reaktion, blickte in die gelben Augen, die zu ihm aufschauten, während der restliche Körper bewegungslos blieb. Das Tier wollte nur trinken, seinen Durst stillen, ein Feuer löschen, das der Junge glaubte wiederzuerkennen. Dasselbe Feuer, das ihn wachgehalten hatte und das immer wieder aufloderte, wenn seine Gedanken, ohne dass er es wollte, zur vergangenen Nacht zurückkehrten.
Als er ihn vorsichtig streichelte, spürte er die unwillkürliche Kontraktion der Muskeln, die den Widerrist umgaben. Aber Hund blieb weiterhin reglos. Nachdem er genug getrunken hatte, streckte er seine langen Vorderläufe, die er von seiner Wolfsseite geerbt hatte, und erst als der Junge ihn neckte, indem er spielerisch sein Maul mit Wasser bespritzte, schüttelte er sich und machte den Jungen klatschnass. Er ließ zu, dass er ihn umarmte, ohne auch nur einen Schritt zurückzuweichen.
»Du hast also beschlossen, die Höhle zu verlassen.«
Der Hund war stark, obwohl er nur Haut und Knochen war.
Und er stank. Beim Versuch, ihn ins Wasser zu ziehen, fiel der Junge hintenüber. Aber er hing immer noch an seinem Hals, und Hund ließ es geschehen.
»Du hast ein Bad nötig«, lachte er.
Das Tier war zeitlebens angekettet gewesen, der Wald war ihm genauso fremd wie dem Jungen. Aber all die Geräusche, die Gerüche, die sich in der Nase sammelten, regten seinen Instinkt an. Durch das Tier fühlte der Junge die starke Anziehungskraft des Waldes noch heftiger.
Der Fluss hatte den Geruch des Blutes fortgespült. Trotzdem schrubbte er seine Haut noch lange, bis wirklich jede Spur beseitigt war. Mit dem Tier verfuhr er genauso und sah zu, wie die Strömung das schmutzige Wasser ins Tal trug. Hund war nicht verletzt. Das Blut auf seinem Fell hatte einen anderen Ursprung. Aber das zählte jetzt nicht mehr, es war sowieso zu spät, um zurückzukehren.
Der Junge und der Hund blieben noch im Wasser, jagten sich spielerisch. Wie groß er geworden war, dachte der Junge. In den wenigen Monaten vom Beginn des Frühlings bis zum Sommer war er gewachsen, sein Fell dichter geworden. Die weichen Züge des Welpen waren dem scharfen Ausdruck eines wilden Tieres gewichen. Er war stärker geworden, während er die Welt außerhalb des Zwingers beobachtet hatte, die ihm Geschichten darbot, denen er nicht nachjagen konnte. Er war gewachsen, obwohl er eingesperrt und an einer so kurzen Kette gewesen war, dass er sich kaum hatte bewegen können.
»Jetzt müssen wir lernen, allein zu leben«, flüsterte der Junge und streichelte das von der Sonne getrocknete Fell. Sie hatten sich ans Ufer gelegt, zwischen die hohen Büschel von Schafgarbe und Löwenzahn. Keiner der beiden hatte eine Ahnung von der Freiheit und welche Verantwortung sie mit sich brachte. Noch war Sommer, und der Wald empfing sie mit offenen Armen. Selbst die Schatten schienen unter der starken Sonne zu verblassen.
Hund hörte es zuerst. Er stellte die spitzen Ohren in Richtung der Geräusche auf, die der Junge noch nicht wahrnahm.
Ein wildes Tier? Die Nase des Hundes witterte etwas, das auf sie zukam und das reichte, um ihn in Alarmbereitschaft zu versetzen.
Er duckte sich ins Gras und zog Hund hinter sich her.
Das Paar, das den Abhang hinunterkam und den Weg verließ, schien, im Gegensatz zu ihm, keine Angst zu haben, entdeckt zu werden. Erst als die Frau in lautes Lachen ausbrach, bedeutete der Mann ihr, leiser zu sein. Sie hielten sich an den Händen, tauchten ein in das hohe Gras, das sie umschloss. Sie verströmte einen Duft von Amber, den Geruch von tausend Blüten in der Sonne.
Lautlos kauerte er im Gras. Er hörte sie immer noch lachen und leise reden. Die Stimmen verflüchtigten sich zu einem Wispern. Ihr Atem ging schwerer, wurde zu einem Keuchen und blähte sich dann zu einem animalischen Grunzen auf.
Er hatte keine Angst vor ihnen, und doch gelang es ihm nicht, seine zitternden Hände zu kontrollieren. Es war noch einmal gutgegangen, er hatte Glück gehabt, aber wenn ihm diese zwei so nah gekommen waren, könnten auch andere ihn aufspüren. Oder sie würden die glänzende rote Karosserie des Autos entdecken, sich fragen, wie es dort hingekommen war, und Spuren finden. Mindestens eine Stunde war er von dort gelaufen. Zunächst dachte er, das würde reichen, aber gesunde Beine bewältigten die Strecke sicher schneller. Die glänzende alte Dame musste für immer verschwinden.
Er wartete den Abend ab, der mit dicken Regenwolken und eisigem Wind hereinbrach.
Über dieselben unbefestigten Wege, über die er auch gekommen war, ging er zurück, dabei orientierte er sich am Verlauf des Flusses und den Felsen. Als er das Auto gefunden und die Tür geöffnet hatte, sah er zufällig sein Spiegelbild im Rückspiegel. Nur eine dunkle Silhouette, die Konturen unscharf und leicht verbeult, er erkannte sich nicht wieder. Und das lächelnde Gesicht neben ihm gehörte zu einem Geist, den er nicht mitnehmen konnte. Er sah ihm ähnlich, aber seine Ohren waren spitz und abstehend wie die eines Hasen.
Es fiel ihm schwer, sich von dem Wrack zu verabschieden, es wie einen wertlosen Gegenstand die Böschung hinabgleiten zu lassen.
Er dachte an den vergangenen Frühling, als das warme Wetter die Gedanken zum Schmelzen brachte, sie so träge werden ließ, wie eine laue Brise die nach Tannenharz roch. Und Motorschmiere.
Sie fläzten auf goldgelben Strohballen, einen Getreidehalm im Mund, der alte rote Fiat zu ihren Füßen. Ab und zu schielte sein Bruder zu der rostigen Schrottlaube, an der sie seit Wochen herumschraubten. Er hatte alte Lackreste, Zündkerzen und Öl aufgetrieben und das Auto mit Zeitungspapier poliert, so als wäre es eine der Skulpturen von denen ihre Lehrerin, Fräulein Ziller, immer sprach und die man nur hinter Glasvitrinen betrachten konnte. Für einige Zeit würde es so bleiben. Obwohl er der Ältere von beiden war, musste auch er noch fast fünf Finger abwarten, bis er achtzehn wurde. Bis dahin sollte die alte Dame hergerichtet sein.
»Sie ist einfach wunderschön«, sagte der Kleine. »Meinst du, sie springt wirklich an?«
»Klar. Ich muss sie nur ein bisschen aufmöbeln, Hasenohr.«
Der Welpe kroch in die Arme des kleinen Bruders, knabberte am Saum seines Hemdes und kitzelte ihn mit dem Schwanz. »Papa wird ihn wegjagen«, sagte er, während er die lustigen Sprünge des Hundes beobachtete und bereits den stechenden Abschiedsschmerz spürte.
»Nein, Papa wird ihn mögen. Er ist halb Hund, halb Wolf. Ein Bastard wie er.«
»Ich hätte mich nie getraut, ihn mit nach Hause zu bringen. Du bist echt mutig!« Der kleine Bruder hatte ihn angelächelt, bewundernd zu ihm aufgeblickt, der grelle Sonnenschein ließ ihn die Augen zusammenkneifen. »Ich will so sein wie du. Groß und stark.« Seine Worte tanzten zwischen den Ähren, sie schwebten eine Zeitlang in der Luft, bis der Wind sie forttrug.
»Wo hast du ihn gefunden?«
»Das bleibt ein Geheimnis, Hasenohr.«
»Verrätst du es mir irgendwann?«
»Mal sehen, vielleicht wenn du ein bisschen gewachsen bist.« Er machte eine Pause und sagte lachend: »Aber nicht, dass deine Ohren noch weiterwachsen. Ich wüsste gern, was man mit solchen Lauschern so alles hört«, sagte er und zupfte am Ohr des Bruders. Hasenohr wich zurück und hielt seine Hand schützend über das Ohr. Aber er lächelte. Er wusste, dass sie gar nicht so groß waren. Ein bisschen abstehend vielleicht.
»Was hörst du bloß alles, Hasenohr? Was hörst du?«
Das Bild löste sich auf. Der Kontakt mit dem kalten Metall und die Anstrengung halfen ihm, nicht weiter daran zu denken. Das war die Vergangenheit, nicht länger real.
Er versicherte sich, dass die Handbremse nicht angezogen war, und nahm den Gang heraus. Unter den Augen von Hund drehte er das Lenkrad so, dass es gen Abgrund gerichtet war, und schob mit der letzten Kraft, die er noch hatte. Sobald er spürte, dass sich die Reifen in Bewegung setzten und das Gewicht des Wagens ihn nach vorne zog, hielt er sich an ihm fest. Erst kurz vor dem Abgrund, keinen Schritt zu früh, sprang er mit Schwung zur Seite und landete, so wie er gehofft hatte, im Gebüsch, während die Schrottlaube abhob, gegen den Felsen prallte und unten mit einem Krachen aufschlug.
Der Junge blieb am Abgrund stehen, während der Regen auf ihn herabpeitschte und den Schweiß wegwusch.
Er brauchte einen Unterschlupf. Hund saß unbeweglich neben ihm. Das Tier spürte weder Kälte noch Müdigkeit. Es schien ihm zuzulächeln, so als wollte es ihm etwas mitteilen, was der Junge noch nicht wusste.
Jan lief schon seit einer Ewigkeit. Er kam schleppend voran, die Taschenlampe war sein Polarstern. Obwohl es passender wäre, an Deneb zu denken, den hellsten Stern am Spätsommerhimmel, nur weniger sichtbar, weil er so weit entfernt war.
Im Kopf überschlug er den Weg und berechnete die Stunden, die vergangen waren. Kepler zufolge würde er das Kind kurz vor dem nördlichen Ende des Waldes finden. Er hätte seine Spur aufnehmen, seinen Weg spüren müssen. Aber der Berg sprach nicht mit ihm. Er gab lediglich das Echo des Regens und der Stille wieder, und seine Gedanken dehnten sich ins Unendliche aus.
Als der Sturm heftiger wurde und der Regen ihm die Sicht nahm, suchte er Schutz unter einem großen Felsbrocken. Er kauerte sich an die eisige Wand und erlaubte sich eine Pause, um wieder zu Kräften zu kommen. Es war unwahrscheinlich, dass das Kind bei dieser Sintflut vorankam. Während Jan daran dachte, wie durchgefroren und verängstigt es sein musste, sank er in einen ohnmächtigen Schlaf, von Albträumen heimgesucht, die ihn schlagartig wieder aufschrecken ließen.
Er litt unter Schlaflosigkeit und konnte nach schlimmen Träumen oft nicht wieder einschlafen. Wilma hatte sich daran gewöhnt. Die ersten Male war sie schlaftrunken aufgestanden und hatte ihm eine randvolle Tasse mit einem dampfenden Gebräu gebracht. Mittlerweile stellte er sich schlafend, um dem übelschmeckenden Getränk zu entgehen. Für gewöhnlich brummte er dann etwas und drehte sich auf die andere Seite. Wilma überwachte seinen Atem, bis sie sicher war, dass sie sich keine Sorgen machen musste, und er hielt die Augen geschlossen und wartete auf den Morgen.
In dieser Nacht aber würde er nicht warten.
Nach einer Pause weiterzulaufen, fühlte sich an, wie von vorne zu beginnen, und es bedurfte der doppelten Menge an Willenskraft, sich wieder aufzuraffen.
Aber als er die ersten Spuren entdeckte, war er mit einem Mal hellwach. Jan hatte nie daran gezweifelt, früher oder später irgendetwas zu finden. Jetzt betrachtete er die Spuren lange, fragte sich, was sie zu bedeuten hatten und warum das, was er da auf dem aufgewühlten Boden sah, nicht mit seinen Erwartungen übereinstimmte. Das Kind hatte die Nacht im Schutz eines Felsens verbracht, so wie er es erwartet hatte. Aber mit dem Anblick, der sich ihm hier bot, hatte er nicht gerechnet.
Jan beugte sich hinunter, um die Reste von verbranntem Holz und einem Flyer zu begutachten. Das Symbol der hinter den Bergen aufgehenden Sonne war ihm bekannt. Er hatte es auf Broschüren, Infotafeln und Thermoskannen am Campingplatz gesehen. Je länger er sich umsah, und die Einzelteile zusammensetzte, umso mehr war er gezwungen, die Informationen, die er über das Kind hatte, zu überdenken. Bei Regen war es nicht leicht, ein Feuer zu machen. Zumal es ringsum weder Feuersteine noch trockenes Stroh gab. Es musste ein Feuerzeug im Rucksack gehabt haben sowie Zeitungspapier und Wachsreste, die es zwischen die Schuppen eines Tannenzapfens gestopft und als Brennstoff benutzt hatte. Jan rieb die Körnchen, die stark nach Kerosin rochen, zwischen den Fingern und fragte sich, was das Kind vorhatte. Wenn es einfallsreich genug war, auf diese Art ein Feuer zu machen, wie konnte es dann sein, dass es den Weg zurück nicht fand.
Dieses Kind wusste, was es tat. Keplers Urteil war vorschnell gewesen. Der Junge war in der Lage, sich aufzuwärmen, den Wald um Hilfe zu bitten. Die Freiheit schreckte ihn nicht ab.
Jan holte tief Luft und dachte an Keplers Worte. Was wir verloren haben, ist meist viel näher, als wo wir es suchen. Bald würde sich die ganze Angelegenheit aufklären. Aber irgendwie war ihm die Zuversicht der ersten Schritte abhandengekommen. Er steckte die Reste des Flyers in seinen Rucksack und hoffte, dass es wirklich so kommen würde.
Ihr war beigebracht worden, zu einem Gott zu beten, der ihr Angst machte, weil er so viele Möglichkeiten hatte, auf die Fragen zu antworten, die man ihm stellte. Manchmal erhörte er die Bitten und schenkte Erlösung. Hin und wieder geschah aber auch genau das Gegenteil. Ein Unglück brach herein, und erst später, wenn es schon zu spät war, stellte sich heraus, dass man einfach einen mühsameren Weg hätte nehmen müssen, um nach oben zu gelangen.
So hatte zum Beispiel keiner von ihnen damit gerechnet, in das Dorf des Vaters zurückzukehren. Und trotzdem war es so gekommen. Den restlichen Herbst bis zum Ende des Winters würden sie hierbleiben. Und Luce hasste es.
Pa und Klaus renovierten den Hof eines Bauern, ein Verwandter, an dessen Namen Pa sich zu erinnern glaubte. Alle im Tal waren Cousins und Cousinen verschiedenen Grades. Der Mann war mit dem Verkauf von Milch reich geworden und hoffte, dass die neue Straße, die etwas oberhalb gebaut worden war, goldgepflastert sein und die Touristen zu ihm bringen würde. Also hatte er die Pferde verkauft, die immerzu gefüttert und gepflegt werden mussten. Die Knechte und Mägde, die mittlerweile für die Arbeit im Stall und auf den Feldern bezahlt werden wollten, fortgeschickt und beschlossen, ein Stockwerk zu renovieren und Fremdenzimmer einzurichten. Pa wurde gerufen, und er konnte es sich nicht leisten, ein sicheres Einkommen abzulehnen.
Nicht diesen Winter. Die Bestellungen waren zurückgegangen und der zunehmende Verkehr auf der Passstraße ließ das Einkommen von Sommer zu Sommer geringer werden. Während Pa von früher träumte, wurde Klaus mit jedem Tag schweigsamer und nachdenklicher. Für Luce war die einzige Gewissheit, dass sie diese Monate nicht in ihrem warmen Haus verbringen und dem Schnee dabei zusehen würde, wie er die Bäume weiß färbte, den Wald verwandelte und die Geräusche dämpfte. Sie würde nicht in ihrem Zimmer sein mit ihrer Musik, den Träumen an der Zimmerdecke und der Nacht, die gegen das Fenster drückte. Nicht durch den Wald streifen, den Wollschal bis unter die Nase gezogen, durch Äste spähen und das Kitzeln der eisigen Luft zwischen den Wimpern spüren. Sicher war außerdem, dass weder die Arbeiten an irgendeinem Stall eines nahe gelegenen Hofes ausreichen würden noch der Getreidevorrat vom Sommer, der, zu Mehl verwandelt, wertvoller war als Gold, das man schließlich nicht essen konnte.
Klaus gewöhnte sich schnell an die neue Situation. Neben der Arbeit als Maurer zusammen mit Pa half er, die Passstraße nach den Erdrutschen im Sommer wieder zu befestigen. Es war ein Pass, der schon zu Kriegszeiten geöffnet worden war, an dem aber erst mit Unterzeichnung der Friedensverträge weitergearbeitet werden würde. Sie selbst hielten sich von ihm fern, weil man Waren nicht in Autos über Straßen schmuggelte, sondern über alte Maultierpfade, die nur wenigen bekannt waren, die sich trauten, sie nachts in der Dunkelheit zu benutzen. Während Pa und Klaus arbeiteten, verbrachte Luce die Zeit mit ihrer Oma und den Bäuerinnen. Eine der Frauen befreite die Felder von großen Steinen und hievte sie auf einen Laster. Sie hatte die Kraft und die harten Gesichtszüge eines Mannes. Mit ihren starken Armen hatte sie einen Stein auf die Ladefläche geworfen und Luce zugelächelt, bevor sie sich umgedreht und zurück aufs Feld gegangen war. Die Art, wie sie ihr mit geradezu herausfordernder Selbstsicherheit in die Augen geblickt hatte, ließ etwas Wildes aufblitzen. Luce war neugierig geworden und wollte wissen, warum sich die Frau nicht wie die anderen um den Gemüsegarten oder die Wäsche kümmerte.
»Sie kennt die Pfade«, raunte ihre Oma, die Luces Gedanken zu spüren schien.
»Was meinst du damit?«
Aber als Antwort hatte sie nur das Knirschen ihrer Schuhe auf dem Schotter vernommen und war hinter ihrer Oma den Weg herabgeeilt.
Die alte Frau war von einer Bäuerin gerufen worden. Ein Lamm steckte im Bauch der Mutter fest, und sie brauchten sie, weil sie die Kräuter kannte, um die Geburt einzuleiten und das Kleine zu retten. Nachdem sie die Luft mit Salbeizweigen gereinigt, einen Sud aus Pflanzen und Wurzeln zubereitet, gewacht und gewartet hatte bis zum letzten heiseren Blöken, seufzte die Alte und hielt inne. Sie befühlte nicht länger den Bauch des Tieres, unter dem ein Klumpen unbewegten Fleisches lag. Sie streichelte ihm sanft die Schnauze, die auf dem Stroh lag, die Wimpern beschatteten das warme braune, halb geschlossene Auge, in dem Luce einen menschlichen Ausdruck von Schmerz und Leid erkannte.
Die Alte beugte sich über das Tier und flüsterte ihm Worte ins Ohr, die Luce nicht verstehen konnte, aber sie stellte sich vor, dass es die gleichen waren, die man einer Mutter sagt,
