Feuer! - Hans Hyan - E-Book

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Hans Hyan

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Beschreibung

Lehrer Klaus Mathiessen, unglücklich verheiratet, liebt die junge Asta Hindorf, die Tochter eines Multimillionärs, des Kommerzienrats Hindorf. Eines Nachts brennt im Hof des Lehrers eine Scheune nieder. Hat der Säufer Behrendt, der selbst in den Flammen umkommt, die Scheune angesteckt? Und mit Mathiessens Frau eine Versicherungsbetrug ausgeheckt? Jedoch wird der Lehrer Matthiessen der Brandstiftung beschuldigt und verhaftet. Wird es ihm gelingen, seine Unschuld zu beweisen? Zum Autor: Hans Hyan (1868–1944) war ein deutscher Kabarettist, Gerichtsreporter und Schriftsteller. Er verfasste vor allem Kriminalromane, aber auch Drehbücher. Hyan besuchte das Gymnasium in Prenzlau, Brandenburg. 1901 hob er in Berlin das Kabarett "Zur Silbernen Punschterrine" aus der Taufe, das bis 1904 bestand. Hyan war liberal und sozialkritisch eingestellt. Diese Haltung schlug sich auch in seinen zahlreichen Kriminalromanen nieder.

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Hans Hyan

Feuer!

Roman

Saga

1

Die Schule war zu Ende. Ein Schwall heiteren, jungen Lebens, ergoss sich der Schwarm der Kinder auf die Strasse. Ein Ochsengespann der nahen Zuckerfabrik kam mit seinen vier gelbbunten Stieren die Gasse herauf. Und um die Tiere herum, die mit ihren kolossalen Körpern über die jungen Köpfe hinwegragten, brandete für Augenblicke mit lautem Getöse diese lebendige Flut.

Lehrer Mathiessen, für den ein Kind das Schönste war, was es auf der Welt gibt, der jedes so liebte, als hätte er selbst, der Kinderlose, es von seinem Weibe geschenkt bekommen, sah lächelnd den Davoneilenden nach, die er alle kannte und deren freundliche Eigenschaften ihm stets mehr in der Erinnerung waren als ihre Fehler.

Klaus Mathiessen wartete hier vorm Tor des Schulhauses, über das ein alter Nussbaum seine dunkelschattenden Zweige wölbte, auf Rektor Kurzmichel. Der Gestrenge hatte wohl noch zu tun; es mochte auch sein, dass er hinten im Hof nur seine weissen Pfauentauben fütterte; denn vom Hochgefühl seiner Autorität ganz durchdrungen, galt es ihm nichts, einen seiner Untergebenen warten zu lassen, bis er selber Zeit und Lust fand, sich ihm zu widmen. Mit anderen, mehr streitbaren Naturen unter den Kollegen hatte es deshalb schon tüchtige Auseinandersetzungen gegeben. Lehrer Mathiessen hatte nur ein Lächeln für solche Überhebung; er wusste zu sehr, wie die Menschen in ihre Schwächen hineinwachsen, als dass ihm mit der Erklärung dafür nicht auch die Entschuldigung gekommen wäre.

„Sie träumen wohl wieder, mein Lieber?“ hörte er auf einmal das harte Organ des Vorgesetzten an seinem Ohre.

Und sich umwendend und verlegen grüssend, beeilte er sich, mit dem Rektor, der schnell weiterging, Schritt zu halten.

„Na, Sie sehen also doch ein, wie falsch meine Milde diesem Strick, dem Behrendt, gegenüber war?“ sagte der Rektor, offenbar in wenig guter Laune.

„Aber wieso? ... weil er heute nicht in der Schule war?“

„Na, allerdings! Oder halten Sie die Tatsache, dass ein Junge vollständig unentschuldigt die Schule versäumt, für nichts Besonderes? ... Für mich steht es ausser jedem Zweifel, dass der Schlingel wieder mal geschwänzt hat ... Oder wollen Sie etwa bestreiten, dass der Bengel das auch früher schon getan hat?“

Der Ton, in dem Rektor Kurzmichel sprach, war derart unangemessen, dass selbst Klaus Mathiessen, so sehr er stets nachzugeben bereit war, sich in seiner Manneswürde gekränkt zu fühlen anfing. Und in solchem Falle zeigte es sich, dass die Güte und immergleiche Freundlichkeit dieses Mannes doch weit weniger Schwäche als eine wirklich hohe Überlegenheit über die Fehler anderer bedeutete. Er sah den Rektor mit seinen grossen, graublauen Augen fest an und sagte:

„Darf ich Sie daran erinnern, dass wir Kollegen sind, Herr Rektor, und dass ich Ihnen nie einen Anlass gegeben habe, das auch nur einen Augenblick zu vergessen!“

Der Rektor war im ersten Moment perplex. Wollte denn der auch schon anfangen, zu rebellieren? Er hatte eine noch gröbere Antwort auf der Zunge, aber er besann sich rechtzeitig: der Mann an seiner Seite sah auf einmal gar nicht mehr so aus, als würde er eine weitere Grobheit ruhig einstecken ... Natürlich, für einen verkappten Revolutionär hatte er diesen Mathiessen längst gehalten. Da hiess es aufpassen! Und den Schuldiener Prützel scharfmachen! Der kam diesen Welt- und Schulverbesserern am besten auf die Hacken! Und dann, wenn man erst ein genügendes Material gegen Mathiessen hatte, ihn dann sich vornehmen, ah! das sollte eine Lust für Rektor Kurzmichel sein!

„Ich habe also heute vom Kollegium Bescheid bekommen, dieses Behrendt wegen ... den die Behörde danach in ihrer schwerbegreiflichen Langmut noch auf der Schule belassen haben und nicht in Fürsorge gegeben wissen will ...“

Herr Kurzmichel sagte das trocken und ohne den neben ihm herwandernden Kollegen eines Blickes zu würdigen. Er wartete scheinbar auf eine Entgegnung des Lehrers, die aber ausblieb. So fuhr er denn mit einer vernichtenden Schärfe fort:

„Da nun aber der Schüler dadurch, dass er heute, wie auch schon früher, wieder hinter die Schule gegangen ist, da er dadurch, sage ich, sich jeder Milde und jeden Mitleids unwert gezeigt hat, so werde ich heute noch an die Behörde berichten und die Überführung des Jungen in ein Fürsorgehaus von neuem beantragen.“

„Verzeihen Sie, Herr Rektor,“ sagte Mathiessen noch ebenso bestimmt und ruhig, „vorläufig liegt nach meiner Überzeugung dazu nicht der geringste Grund vor. Und eine derartige Massregel wird das Provinzialschulkollegium kaum gutheissen, ohne den Bericht des Klassenlehrers des Jungen geprüft zu haben. Ich selbst aber müsste von einer solchen Massnahme in bezug auf Erwin Behrendt ganz entschieden abraten. Es liegt, wie gesagt, vorläufig auch nicht der geringste Anlass dafür vor.“

Der Rektor wollte wieder aufbrausen, aber er besann sich; die Überlegenheit des anderen war, in diesem Punkte wenigstens, zu augenfällig. Die Sache, das sah der Rektor wohl ein, liess sich in seinem Sinne erst durchkämpfen, wenn Beweise gegen den Schüler vorlagen.

Indessen sprach Lehrer Mathiessen so gelassen weiter, als gäbe es gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und dem Rektor ... Er hätte sich lange Zeit gerade mit diesem Kinde eifrig beschäftigt und hätte gefunden, dass wirklich gute Anlagen vorhanden seien. Erwins schlimmes Erbteil, das er offenbar von dem Vater, einem Gewohnheitstrinker, habe, sei seine Abenteuerlust, sein romantischer, übertriebenen Vorstellungen nur allzu leicht zugänglicher Sinn. Sonst sei er trotz der dummen Räubereien draussen in den Gärten, wegen deren er vor dem Jugendgericht gestanden habe, ein ordentlicher und recht sympathischer kleiner Kerl; voller Dankbarkeit für erwiesene Güte und, wenn auch zu Flunkereien geneigt, doch einer freundlichen, ernsten Mahnung gegenüber im ganzen aufrichtig ... Mitleidig und hilfsbereit sei er sicher, das hätte sich in der Schule mehr als einmal gezeigt.

Mit einem Lächeln voller Ironie hatte der Rektor zugehört.

„Also Erwin Behrendt ist ein Produkt der Vererbung, wollen Sie sagen, und seine Anlagen ...“

„Ja,“ fiel Lehrer Mathiessen rasch ein, „allerdings kommen dazu die Lebensumstände, in denen er aufwächst. Seine Mutter, der er leidenschaftlich zugetan ist, ist eine zarte, schwache Frau, die ein wahres Höllenleben zu führen scheint an der Seite dieses Behrendt.“

„Nun, es heisst ja, Sie geben sich die grösste Mühe, die arme Frau zu trösten, Herr Mathiessen?“

Der Lehrer blieb stehen, er sah den Rektor voll an.

„Wer behauptet das?“

Die Stirne, die Wangen wurden allmählich ganz licht in dem so gesunden Gesicht des blondbärtigen Mannes, nur der Glanz in seinen Augen verstärkte sich.

Der Rektor, etwas verwirrt, wollte sich mit einem Scherz aus der Affäre ziehen.

„Na, man sagt so ... Sie wissen doch, wenn unsereiner mal ’ne Minute länger bei einer hübschen Frau stehenbleibt und wenn die dann noch obendrein die Mutter eines Schülers ist ...“

Mit einer Handbewegung, die glatt durch die Luft strich, unterbrach ihn der Lehrer.

„Ich habe mich nie in meinem Leben um die Frau eines anderen gekümmert, und ich selber bin verheiratet — das muss Ihnen und muss jedem anderen genügen.“

Der Rektor biss sich auf die Lippen. Es war die zweite Niederlage, die er heute erlitt. Aber er hatte noch einen Trumpf in petto. Und über den letzten Disput hinweggehend, als habe er gar nicht stattgefunden, sagte er leichthin:

„Also hinsichtlich des Jungen stehen Sie vollkommen auf dem Prinzip der Erblichkeit ... Sie sagen einfach: der Mensch ist von dem Vater und der Mutter geboren, er wächst auf unter diesen und jenen Umständen — also ist er so, wie er ist! muss so sein! ... kann gar nicht anders! ... Nicht wahr? Von einer Erbsünde im Sinne der christlichen Religion haben Sie scheinbar nie etwas gehört? Dass jeder Mensch seinen freien Willen als das höchste Gottesgeschenk mit ins Leben bekommt, davon wissen Sie offenbar nichts oder wollen vielleicht auch gar nichts davon hören, Herr Lehrer Mathiessen? ... Sie sollen der Jugend ein Beispiel von Gottesfurcht und von echter wahrer Religiosität geben! ... Und wie das sich noch mit ihren Anschauungen vereinigen lassen soll, das, das sag’ ich Ihnen offen, Verehrtester, das ist mir rätselhaft!“

Der Rektor hatte mit der Zeit immer lauter gesprochen; er sah den ruhig neben ihm hergehenden Lehrer an, als ob er glaube, dass er nun zum Schluss doch noch Sieger über ihn geblieben sei ... Da sagte Klaus Mathiessen, ohne sich überhaupt zu einer Erwiderung auf die Worte des anderen zu verstehen:

„Ich gehe jetzt hier die kleine Baustrasse hinunter, Herr Rektor, da wohnen Erwin Behrendts Eltern ... Ich will mich mal erkundigen, warum der Knabe heute der Schule ferngeblieben ist.“

„So?“ Herr Kurzmichel war unschlüssig, ob er seines Weges gehen oder seinem Begleiter weiter bis an dessen Ziel folgen sollte, entschied sich aber schnell dafür, mitzugehen. Doch war er viel zu sehr erbittert über Klaus Mathiessen, besonders über dessen stillschweigende Abfertigung seines letzten Angriffs, als dass er nicht auch hier die Gelegenheit erfasst und noch einmal versucht hätte, den anderen zu ärgern.

„Ist diese Mutter von dem Behrendt, mein’ ich, nicht ein uneheliches Kind ... von einem Fräulein ... einer früheren Gouvernante, was weiss ich?“

Lehrer Mathiessen nickte.

„Ja, das ist Frau Behrendt.“

„Nu also!“ hohnlachte Rektor Kurzmichel. „Da kann man sich doch nicht weiter wundern! ... Der Vater ein Säufer!“ — Er bedachte wohl nicht, dass er jetzt den Theorien des Lehrers selber beipflichtete. — „Die Mutter von solcher Abstammung, was kann daraus werden?“

„Von der wissen wir ja eben nichts Sicheres ... von der Abstammung!“ sagte Klaus Mathiessen mit einem feinen Lächeln. „Soviel ich gehört habe, ist der Vater von Frau Behrendt eine sehr hochgestellte, adlige Persönlichkeit gewesen, in deren Hause das alte Fräulein, die Mutter der Frau Behrendt, die Stelle einer Gouvernante bekleidete ...“

„So,“ der Rektor machte eine wegwerfende Gebärde, „na, für solche Sachen interessiere ich mich nun grundsätzlich nicht! ... Aber was ist denn da los? ... Da stehn doch soviel Leute!“

Lehrer Mathiessen ging auf einmal schneller: der Menschenauflauf war ja vor dem Hause, in dem Behrendts wohnten! Er ging nicht, er rannte förmlich, so dass der Rektor ihn am Arme zog mit den Worten:

„Aber Kollege, man sieht auf uns ... Wir müssen doch daran denken, was wir unserer Stellung schuldig sind!“

Doch Klaus Mathiessen hörte nicht, er nahm so lange Schritte, dass der Rektor mit seinen kurzen Beinen ihm kaum folgen konnte.

Vor einem geringen und ziemlich baufälligen Hause, aus dem wüster Lärm tönte, standen die Leute ... Mathiessen übersah die Situation mit einem Blick: im Parterre, wo die Fensterscheibe, deren Splitter auf den Kopfsteinen der Strasse lagen, zerbrochen war, da wohnten Behrendts.

„Er hat wieder mal seine Tour!“ sagte der Barbier, dessen Laden gegenüber offen stand. „Mir dauert bloss die arme, kleene Frau!“

Indem tönte ein neues Geschrei und Gebrüll aus der Wohnung, und wieder splitterte eine Fensterscheibe. Die Umstehenden wichen schimpfend aus. Dann hörte man eine Frauenstimme hinter den Gardinen, die zugezogen waren, bitten und flehen; doch das heisere Gekreisch des Trunkenen übertönte ihre Klagen.

„Wenn das die Familie Behrendt ist, dann wundert mich nichts mehr!“ meinte der Rektor und blickte sich vergeblich nach seinem Kollegen um.

Klaus Mathiessen war schon hinein in den Flur des Hauses. Aber er fand die Tür zur Behrendtschen Wohnung verschlossen. Da er die Frau im Interesse des Jungen einmal beim Waschen auf dem Hofe aufgesucht hatte, wusste er, dass die Wohnung noch einen zur Küche hineinführenden Hintereingang hatte. Den suchte er, und der stand offen.

Schnell in das einzige Zimmer tretend, sah er sich einem hässlichen, mitleidswürdigen Bilde gegenüber. Die Frau sass oder lag vielmehr, ihrer Sinne kaum noch mächtig, mit zerrauftem Haar und zerrissenen Kleidern auf dem kleinen, verbrauchten Sofa ... Im Zimmer, dessen armselige Einrichtungsgegenstände umgeworfen und zerbrochen auf dem Estrich verstreut waren, tobte und heulte der Trunkenbold in immer neuen Anfällen des Deliriums ... Und aus der Kammer hervor, gegen deren Tür seine kleinen Fäuste hämmerten, schluchzte und schrie das Kind, das seiner Mutter hatte zu Hilfe eilen wollen und das von dem wütenden, berauschten Vater da hineingestossen worden war.

Als Klaus Mathiessen von der Küche her eintrat, stutzte der Säufer einen Augenblick. Dann ging er mit vorgereckten Fäusten auf ihn los ... Der Lehrer musste nach einem Stuhl greifen und, diesen vor sich hinhaltend, den Elenden abwehren. Dabei redete er auf ihn ein, versuchte ihn zu begütigen, und in seine dringlichen Ermahnungen flocht das arme, gequälte Weib, dessen misshandeltes Angesicht dick verschwollen war, sein Flehen und Bitten ... Wie ein Tiger stürzte sich der Arbeiter, dem Schaum vorm Munde stand, dessen Augen aus ihren Höhlen hervorquollen, von neuem auf die zarte Frau. Klaus Mathiessen sprang dazwischen, wehrte den Schlag ab und empfing den Stoss, der ihr gelten sollte. Indem hatte Frau Alice in ihrer Herzensangst die Kammer aufgeriegelt, in die Erwin eingeschlossen war.

Wie ein wütendes kleines Tier, dessen Toben man vermehrt hat, dadurch, dass man es so lange festhielt, stürzte sich das Kind auf seinen Vater und stiess ihn hinterrücks über den Haufen, dass er lang hinschlug zwischen die zerbrochenen Möbel und Geschirre ... Und der Knabe liess auch nicht ab von dem Mann, der für ihn kein Vater, der nicht einmal Mensch mehr schien für den eigenen Sohn!

Der Lehrer sprang von neuem hinzu und riss das Kind zurück in dem Augenblick, wo ebenfalls von hinten durch die Küche der Rektor hereindrang mit einem Stadtpolizisten, den er rasch aufgetrieben hatte.

Nun sass der Trunkene auf dem Boden und starrte blöde auf die Männer, unter denen ihm die obrigkeitliche Uniform wohl am meisten imponieren mochte. Er wehrte sich wohl noch, aber er setzte seiner Abführung durch den Beamten keine ernsten Schwierigkeiten mehr entgegen.

Dann bat der Rektor die Leute, von denen inzwischen immer mehr in die Stube sich hineingedrängt hatten, wieder fortzugehen, und trat an die Frau heran, die weinend und nicht imstande, ihre Fassung wiederzugewinnen, noch auf dem Sofa sass. Neben ihr am Boden hockte der Junge und murmelte Worte und drückte die feinen Hände der Mutter, denen alle Arbeit den Adel nicht hatte rauben können, an sein tränenvolles Gesicht.

Da nahm der Rektor, dessen kühler Bürgersinn dieser Trauer gegenüber nicht standhielt und der nebenbei ein vermögender Mann war, ein Geldstück aus seinem Portemonnaie und legte es neben die Arme hin, die ihm nur mit ihren Augen danken konnte.

2

An diesem Tage, einem Mittwoch, konnte Robert Wegberger nur eine knappe halbe Stunde zu Hause verweilen; er kam so schon zu spät in die Klinik, wo es alle Hände voll Arbeit gab ... Er sah wohl, dass zwischen seinem Stiefvater und der Mutter wieder eine arge Verstimmung lag, doch fand der junge Arzt darin nichts Besonderes. Es kam leider in den letzten Monaten allzu häufig vor, dass er die erregte, laut schallende Stimme seiner Mutter hörte und dabei voller Mitgefühl in Klaus Mathiessens vor nervöser Aufregung bebendes Gesicht sehen musste. Heute war überdies der Sturm schon vorbei. Frau Karoline hatte rotgeweinte Augen, lag auf dem blumenprangenden Zitzsofa, und die Stube, in der Lehrer Mathiessen angst- und reuevoll hin und her lief, duftete nach Melissengeist.

Doktor Wegberger war wenig mit dem Verhalten seines Stiefvaters bei solchen Anlässen einverstanden. Er hätte auch dann gleich wieder das Haus verlassen, wenn seine Arbeit ihn nicht so eilig davongetrieben hätte ... Er, der wirklich ein guter Sohn war, er würdigte seine Mutter heute keines Wortes! Er wusste, dass diese hysterischen Anfälle, in denen Frau Karoline jede Mässigung, jede Verfügung über ihr eigenes Ich verlor, wohl zurückzudämmen, ja auf die Dauer vielleicht zu beseitigen gewesen wären. Sie hatte im Vaterhaus, in ihrer ersten Jugend sehr schwächlich und immer reizbar, als etwas ganz Besonderes gegolten, an das sich die bäuerliche Derbheit ihrer Eltern nicht heranwagte. Dazu kam diese wirklich seltsame Begabung, die sich am stärksten nach solchen Ohnmachten bei dem jungen Mädchen zeigte, das den Leuten mancherlei über ihr heut und morgen zu sagen wusste, was „doch eigentlich kein Mensch wissen konnte“.

Robert Wegberger, den dieser medizinisch so schwierige Fall, dessen Gegenstand ja seine Mutter war, besonders interessierte, erinnerte sich aus seiner Kindheit nicht so sehr an solche jede Harmonie störenden Zwischenfälle ... War die Frau in ihrer ersten Ehe zufriedener gewesen? Da hatte es auch Szenen gegeben, gewiss! Aber entweder scherzte sie der Doktor Wegberger senior aus der Welt, oder, wenn es gar zu schlimm wurde, dann entlud sich dieser Mann in einer so gewaltigen Grobheit, dass der Frau der scheltende Mund offen blieb. Und dann war wieder für eine gute Weile Ruhe. Adolf Wegberger war der Mann gewesen, den Frau Karoline brauchte, und ihn hatte sie leider zu früh verloren, als dass dieser regellose Geist vorher noch auf ein sicheres Gleis zu bringen gewesen wäre.

Der Sohn hatte eine ähnliche Macht über die Mutter. Schon als Kind war sie mehr ihm, als er ihr gefolgt ... Aber die Ehe mit Klaus Mathiessen, dessen goldenen Charakter — der leider auch den Härtemangel dieses Metalls besass — der damalige Student schon erkannt hatte — diese Ehe hatte Robert Wegberger auch nicht verhindern können.

Nun blieb ihm nichts übrig, als zu vermitteln und des Stiefvaters nachgiebigen Sinn zu festigen. Viel Erfolg hatte Robert damit nicht ... Er fragte sich oft, was diese beiden Menschen eigentlich zueinander gebracht hatte? Gewinnsucht auf seiten des Stiefvaters konnte es am allerwenigsten gewesen sein. Seine Mutter war mehrere Jahre Witwe gewesen, und es hatte ihr, die damals noch eine schöne Frau war und die man für vermögend hielt, an Heiratsanträgen nicht gefehlt ... Aber sie schlug jeden aus, bis Mathiessen kam ... Der hatte ein Zimmer bei der hübschen Witwe gemietet, die als Frau Doktor Wegberger einen guten Ruf genoss.

Und dann eines Tages, da erzählte sie Robert unter einem Tränenregen, er sollte nun einen neuen Vater kriegen, einen, der ihn schon lange lieb hätte und der ihm gewiss auch gefallen würde. Und dann meinte sie, Robert sollte einmal raten, wer es wäre?

Und da war dem gerade und einfach denkenden Jungen abermals ein so peinliches und unbequemes Gefühl aufgestiegen: Was sollte denn dieses Versteckspielen? ... Er hatte doch oft genug Zeuge sein müssen, wie sie den blonden Lehrer, dem Robert wirklich recht zugetan war — wie sie ihn immer mehr in ihre Reize verstrickte! ... Gewiss drängte sich dazwischen bei Robert die Liebe zu der Frau, die ihn geboren hatte ... Und diese Zärtlichkeit für sie liess ihn nach Entschuldigungen suchen, ja sie redete sich zuzeiten in einen förmlichen Hass gegen den Lehrer hinein, der am Verlobungstage so gar nicht den Eindruck des Glücklichen machte, dem heute seine liebsten Hoffnungen in Erfüllung gingen. Aber schon in dem Knaben steckte ein zu starkes Gerechtigkeitsgefühl, als dass er nicht doch am Ende begriffen und voll erkannt hätte, wer in diesem Fall der zu Bedauernde war ... Es kamen auch in der kurzen Brautschaft des guten Mathiessen schon jene Szenen vor, die seine Ehe wie eine üble Musik, die nie aufhörte, begleiten sollten ... Nur hielt Frau Karoline damals noch darauf, dass ihr Sohn davon so wenig als möglich hörte.

Ach, hätte sie das wenigstens heute auch noch getan! ... Der junge Arzt empfand diese Zänkereien zwischen seinen Eltern als eine fortdauernde Störung seines inneren Gleichgewichts sehr unangenehm. Er war wohl geschaffen, für die Menschheit einzutreten, den Menschen durch sein Können von Krankheit und Mühsal zu helfen ... Aber seine ganze Persönlichkeit aufgeben, wie es Klaus Mathiessen auch aus tiefinnerster Überzeugung tat, dazu war Robert Wegberger nicht geschaffen, das hielt er auch eines Mannes unwert!

So ass der Arzt schnell ein paar Bissen und verliess das Haus ... Nachmals hat er oft und oft beklagt, dass er sich an diesem Tage nicht mehr Zeit genommen habe.

Er hatte noch kaum die Strasse gewonnen, da richtete sich Frau Karoline ächzend auf und sagte zu ihrem Manne:

„Also gib das her!“

Mit allen Zeichen des Gegenwillens, der sich doch nicht behaupten kann, ging Klaus Mathiessen an den alten Mahagonischreibtisch, dessen Rollschub er aufzog, um langsam, mit widerstrebenden Händen Papiere und Schreibmaterial zurechtzulegen.

„Liebe Karoline ...“ sagte er zaghaft.

„Was willst du?“ Ihre Stimme klang wie eine Drahtsaite.

„Ich möchte dich noch einmal bitten, Karoline! ... möchte dir das noch einmal vorstellen ... die Versicherung ...“

Sie stand dicht an seiner Seite und stiess ihn brutal fort.

„Weg! ... weg da! ... Ich mach’s mir alleine! brauch dich gar nicht dazu! ... Du wirst nachher einfach unterschreiben und damit basta!“

Das war nicht der richtige Weg, damit zwang sie es nicht, und das wusste sie auch. Aber die Tonfolge ihrer Mittel steigerte sich eben bis zur brutalen Verletzung jedes Anstandes; sowie sie dann merkte, dass solche Art und Weise ihn im Widerstreben stärker machte, gingen die Tränenschleusen bei ihr von neuem auf, und der Anfall kam noch immer rechtzeitig, um den in seiner Güte so schwachen Mann schliesslich doch zu überwinden.

Das geschah auch diesmal. Mit einem ruhigen, aber festen: „Nein!“ ging Lehrer Mathiessen zur Tür.

Im nächsten Augenblick war sie hinterdrein gestürzt, hatte ihn mit ihren vollen Armen umklammert und schrie und jammerte, als sollte ihr Glück, ihre Seligkeit noch in dem nämlichen Augenblick auf immer verlorengehen.

Mit einem Seufzer, der diesem unwürdigen Spiele galt, das er so tief durchschaute und ebenso beklagte, wie ihm die Kraft fehlte, es zu ändern, ging Klaus Mathiessen zurück und setzte sich vor den Schreibtisch hin auf den Stuhl, den seine Frau ihm eilig herrückte.

„Karoline,“ sagte er, ohne sich durch ihre abermalige Kampfstellung beirren zu lassen, „ich tue dir deinen Willen, hörst du!“ — Sie wurde im selben Augenblick weich und schmiegsam und lächelte sogar leise — „aber vorher muss ich dir noch einmal meine Gründe sagen ... meine Ansichten darüber ... und weshalb ich es für falsch, ja direkt gesetzwidrig halte.“

„Meinethalben!“ Sie zuckte mit beleidigender Gleichgültigkeit die fleischigen Schultern. Und da er einen Moment zögerte, rief sie unfreundlich: „So rede doch! Los! ... ich höre ja!“

Dabei verschränkte sie die Arme über der Brust und blieb in ihrer herausfordernden Haltung neben ihm stehen.

Er sah auf zu ihr, sie blickte weg.

Dann sprach er seufzend:

„Als wir uns heirateten, Karoline, und du mir auseinandersetztest, es wäre am besten für dich, wenn das Geld von deinem ersten Mann in einem Geschäft angelegt würde — weisst du noch, wie ich dir damals abgeraten habe ... Ich habe ja alles das vorausgesehen.“

Der Frauenkopf mit den starken, schon etwas hängenden Wangen fuhr herum, und ein lauernder Blick fing des Lehrers blaue Augen, die so gut und so traurig und ach so weltfremd blickten, dass Karoline gleich merkte, er wisse nichts von dem, was sie durchaus vor ihm verborgen halten wollte.

„Aber ich brachte es nicht fertig, Karoline, ich bracht’ es nicht fertig, dir meine Einwilligung zu dem Geschäftsankauf zu versagen ... Wie ich es doch hätte tun sollen; denn dies Geschäft, es raubt uns den Frieden ... es ist zuviel für dich, deine Nerven sind dem nicht gewachsen ... und ... und ich glaube, Karoline, du findest dich auch rechnerisch nicht hindurch!“

Sie lachte laut und schallend.

„Ach! ... Unsinn! ... Wenn du doch bloss nich immer reden wolltest! ’s ist doch alles ... alles ganz anders! Du kannst’s natürlich nich wissen! ... Lächerlich! ... Ich weiss doch, was ich tue! ... Nich wahr? ... Und übrigens, was heisst denn das! ... Ich finde schon durch, da lass du dir man keine grauen Haare darüber wachsen!“

Er schüttelte gequält den Kopf, musste aber noch einen Schwall von ähnlichen Redensarten über sich ergehen lassen, ehe er sagen konnte:

„Das Geschäft ist mit zwanzigtausend Mark versichert. Ich kenne ja deine Rechnungen nicht, du verschliesst deine Bücher und lässt mich nicht hineinsehen ... Aber das kann ich doch auch einigermassen beurteilen, dass die Warenbestände hier mit Inventar zusammen kaum soviel ausmachen. Unsere Wohnungseinrichtung ist mit fünftausend Mark ebenfalls schon reichlich bezahlt — und da willst du die Police wieder um fünftausend Mark höher schrauben?“

Sie lachte herausfordernd und sagte:

„Sieh mal, das verstehst du bloss nicht ... Als ich das Geschäft anfing, wo doch mein Erster eben geschieden war, von mir und von dieser Welt ... und mit sei’m Geld, da hab’ ich mir gleich gesagt, fange gross an! Solche Kleinigkeiten nutzen nichts! Entweder oder! Denn damals war doch die Kartoffelteuerung gerade und waren nicht zu haben, für kein Geld! Na, und da habe ich es denn genommen; es war ja billig und ein altes Geschäft, aber ’n bisschen verkommen ... Oder hat’s uns etwa nich schön ernährt die ganze Zeit? ... Wovon hätt’ ich denn den Jungen studieren lassen sollen, den Robert?“

Klaus Mathiessen machte eine leicht abwehrende Bewegung. Er kannte dieses endlose Gerede seiner Frau; er war überzeugt, dass es sich dabei von ihrer Seite keineswegs um eine absichtliche Irreführung handelte; ihr schwankender und nur in seinem Eigensinn unendlich fester Geist zeigte sich hier eben am deutlichsten. Aber in diesem Augenblick mehr als jemals sonst galt es, sie festzulegen auf die Fragen, die er an sie richten musste. Er wiederholte also:

„Was bewegt dich aber, liebe Karoline, jetzt die Versicherungsprämie zu erhöhen?“

„Das verstehst du doch nicht,“ erwiderte sie brüsk, „und wenn ich es dir zehnmal sage! ... Im übrigen ist das auch ganz gleichgültig, das Geschäft gehört mir, ich kann machen, was ich will ...“

„Aber ich muss unterschreiben“, sagte er ruhig.

„Ja, ja, ja!! Du musst unterschreiben! Allerdings, das musst du!“ brach sie von neuem los.... „Und wenn ich ... wenn ich ...“

Da hatte er schon die Feder genommen, die Antragsformulare ausgefüllt und seinen Namen unterzeichnet.

„So! ... siehst du!“ Sie war mit einemmal wieder ganz froh und freundlich. „Und nu gehst du nachher gleich mit ’ran bei Küper und gibst sie ab!“

„Ich?“ meinte er. „Nein, das tu’ ich auf gar keinen Fall! ... Ich denke nicht dran!“

Sie lachte kreischend.

„Das tust du! Das tust du! Du wirst mal sehn, du tust es! ... Sieh mal!“ ... Sie nahm plötzlich einen Ton an, als wollte sie, die kluge und einsichtsvolle Frau, ihren ganz unvernünftigen und halsstarrigen Mann mit Güte belehren. „Sieh mal, Klaus, du musst das doch einsehen! Ich kenne doch das Geschäft! Und der Küper, der kennt mich doch auch! Der Mann ist doch kein Kind mehr! Der hat doch hier die Versicherung schon seit Achtundneunzig, glaub’ ich. Aber damals hat er noch am Markt gewohnt, wo jetzt das Putzgeschäft ist von Niebuhr. Na, und jetzt in der Niedern-Strasse, da wohnt er schon so lange, wie wir verheiratet sind! Der Mann kennt mich doch! Und der weiss Bescheid! Also da gehst du nachher hin und sagst ihm: Meine Frau und ich, sagst du zu ihm, wir sind übereingekommen, wir wollen die Police höher machen, sagst du! Weiter gar nichts! Dann wird er schon herkommen! Und ich mach’ es dann schon mit ihm ab! ... Die grosse Scheune ist doch jetzt, wo ich alles habe reparieren lassen, von Behrendt ...“

„Ja,“ warf er, schon wieder geschlagen, ein, „den hast du auch wieder bei dir, diesen widerlichen Menschen; trotzdem du mir fest versprochen hast, du willst ihn nicht mehr aufnehmen!“

„Aber ich krieg’ doch keinen andern, Menne!“ So nannte sie ihn nur in Kosestunden und drängte auch jetzt ihren vollen Körper dicht an seine Seite; er rückte leicht weg, aber sie schien das nicht zu empfinden, legte den Arm um seinen Hals, tätschelte seine Wange und lachte.

„Lass mich man machen, Menne! ... Ich richte schon alles ein! ... Nich wahr, es is uns doch immer noch recht gut gegangen! Und wo könnten wir so leben, wenn wir das Geschäft nicht hätten!“

Er wollte sagen, dass er an diesen Nutzen, den der Fouragehandel angeblich abwarf, nie geglaubt habe. Und dass ihm jede Einschränkung recht wäre, wenn die Frau das Geschäft aufgeben würde ... Aber seine Kraft und Energie waren verbraucht; mit einem müden Lächeln stand er auf und verabschiedete sich von ihr.

Sie begleitete ihn bis vor die Haustür, auf die Strasse hinaus, was er nie gern sah, und sagte, nach der Niedern-Strasse hinüberdeutend:

„Vergiss ja nicht! ...“

Klaus Mathiessen nickte leise und ging, ohne sich umzusehen, die kleine Baustrasse hinauf.

Die Frau stand noch eine geraume Weile im Torbogen und sah ihrem Manne nach ... Dann ging sie wieder hinein, setzte sich auf den Stuhl, auf dem Klaus Mathiessen den Antrag an die Versicherung unterschrieben hatte, und holte ihre Bücher hervor. Sie rechnete und rechnete, ohne zu einem Resultat zu kommen. Dann rief sie ihren Arbeiter herein.

Der Verwachsene, der das Delirium überwunden hatte und der in seiner rauschfreien Zeit einen ganz hellen Kopf besass, grinste beim Eintreten.

„Vörhin wär da ’n Wechsel von Rasmussen un Sähn. ... Dat möt bis morjen betolt wern!“ Er sprach gerne Platt, besonders da er wusste, dass Frau Karoline das nicht leiden mochte. „Ick häv’n jo nich rinloten, wil ick doch weess, dä Herre wär dor! ... Na, un dä hätt wüll’n schünen Skandal makt, wenn hei dat hüren soll!“

„Quatsch er nich, Behrendt!“ Die Frau sah gar nicht auf. „Er is ’n Esel und das ’n ganz grosser!“

„Nä,“ grinste der Arbeiter, „ick nich!“

Aber sie hörte nicht auf ihn; wie zu sich selber sagte sie:

„Übermorgen is wieder einer fällig von fünfhundert ... wenn ich bloss wüsste ... aber die Kerls zahlen ja alle nich ... da war er doch noch mal, nich wahr? ... bei Köstritz u. Co?“

„Jo, wör ick all vorjestern ... soll morjen widderkamen! ... Aberst Zweck hat dat keen! ... Dä Lüd sin ful, öwerful! ... Dä hebben alleene nix to freten!“

„Na, und Emil Haldang?“

Behrendt machte wieder eine höhnische Bemerkung; sie hörte es aber nicht, sie rechnete schon wieder und sagte zwischendurch, ohne aufzublicken, mit dem Kopf winkend:

„Er kann gehn!“

Worauf der Arbeiter grinsend verschwand.

3

In allen Sommerfarben glühten die Blumen, und die Rosen dufteten überall. Der Morgen war wie ein Rausch. Aber dann kam mit der emporsteigenden Sonne die Hitze. Die Blumen verhauchten sterbend ihre Seele, die Wasser versiegten, und Menschen und Tiere liessen die Köpfe hängen.

So war der Tag, an dem Klaus Mathiessen die Schicksalsstunde schlug.

Der Lehrer hatte um zehn Uhr seine Klasse entlassen; denn die Hitze lähmte die Kinder, dass sie mit ihren kleinen Köpfen auf die Bänke sanken und einschliefen.

Als der Lehrer aber das Schulzimmer verlassen wollte, kam Erwin Behrendt auf ihn zu und bat mit bittenden Augen um etwas.

„Was hast du denn?“ fragte Mathiessen, der zu diesem besonders gütig war. „So sag es doch, mein Junge!“