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Jäh wird Anka aus ihrem gewohnten Leben und Umfeld gerissen, als das Haus, in dem die 17-jährige mit ihren Eltern wohnt, einem Brand zum Opfer fällt. Obdach finden Anka und ihre Eltern bei den Hellers, einer befreundeten Familie. Dirk, der 19-jährige Sohn der Hellers, teilt spontan sein Zimmer mit Anka. Im Gegenzug hilft sie ihm bei der Renovierung einer alten Villa, in die er bald gemeinsam mit ein paar Freunden und Kommilitonen umziehen will. Die Freundschaft zwischen Dirk und Anka vertieft sich, und zwar so sehr, dass Ankas Freund Guido bald darauf folgenschwer ausrastet...
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Tina Engel
Feuer und Flamme
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Impressum neobooks
Anka lag auf ihrem Bett und war nun schon seit etwa zwei Stunden in ein interessantes, von Liebe und Leid handelndes Buch vertieft, als ein Schrei sie aufhorchen ließ.
„Feuer!!!“ schrie diese Männerstimme erneut, lauter und panischer als vorher. Hatten ihre Eltern mal wieder den Fernseher zu laut gestellt? Jedenfalls kam das Geschrei unten aus dem Wohnzimmer.
Anka dachte sich nichts weiter dabei und suchte die Zeile in ihrem Buch, bei der sie eben angelangt war.
Plötzlich polterte es auf der Treppe, ihr Vater riss die Tür zu ihrem Zimmer auf und rief atemlos: „Los, raus hier, es brennt!“
„Waaas?“ Jetzt sprang sie auf und schnappte geistesgegenwärtig ihren Rucksack, in dem sich ihre Papiere und ein paar persönliche Dinge befanden. Ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet. „Wo?“ fragte sie schnell und mit einer ungeheuren Angst in der Stimme. Der Vater griff sie am Arm und zog sie mit sich aus dem Zimmer. „Im Keller!“
Auf der Treppe nach unten schlugen ihnen bereits erste Rauchschwaden entgegen. Petra Weiß, Ankas Mutter, wartete an der Haustür ungeduldig auf die Beiden.
„Hast du die Feuerwehr gerufen?“ rief Martin Weiß im Hinunterlaufen seiner Frau zu.
„Es ging nicht, das Telefon ist gestört“, antwortete sie nur, dann liefen alle Drei hinaus ins Freie und erst mal weg von ihrem Haus.
An der Kellertreppe knackte es. Schon kroch das Feuer an der Wand entlang hinauf in das Erdgeschoss.
„Oh mein Gott“, stöhnte Ankas Mutter und schluchzte trocken auf.
Anka zitterte am ganzen Körper. Ihr Blick haftete an dem Haus, hinter dessen Fenstern im Erdgeschoss es vereinzelt gefährlich zu flackern begann.
Der Vater lief unterdessen zu einem Nachbarn, um von dort aus die Feuerwehr zu alarmieren. Vielleicht hatte auch einer der Nachbarn sie schon gerufen.
Wenig später kehrte Martin Weiß zurück zu Frau und Tochter.
Fassungslos standen sie da und starrten auf die Flammen, die sich nach und nach im gesamten Erdgeschoss ausbreiteten.
Zu allem Unglück explodierten im Keller auch noch zwei Gasflaschen. Durch die Druckwelle splitterten die Scheiben meterweit in den Garten. Im Nu stand auch die obere Etage in Flammen.
Verzweifelt stöhnte Anka auf. Nein, mein schönes Zimmer, meine ganzen Erinnerungen…
Nach wenigen Minuten kam die erste Feuerwehr angerauscht. Rasch und routiniert leiteten die Feuerwehrleute die ersten Löscharbeiten ein. Ein erbitterter Kampf gegen eine wahre Flammenhölle begann.
Keine zwei Minuten später rollten zwei weitere Löschfahrzeuge heran. Schläuche wurden ausgerollt, angeschlossen und Wassersäulen auf die Flammen gerichtet, so dass es überall zischte, knackte, dampfte.
Immer wieder loderte das Feuer an neuen Stellen wieder auf. Die Feuerwehrleute hatten mächtig zu tun.
Es dauerte lange, ehe sie den Brand einigermaßen unter Kontrolle bekamen.
„Petra?“ rief hinter den Dreien eine Frau und trat zaghaft näher.
Ankas Mutter drehte sich um und erkannte die Person, von der sie gerade gerufen worden war. „Ingrid!“ Die beiden Frauen machten einen Schritt aufeinander zu und umarmten sich.
„Ich war gerade auf dem Heimweg vom Krankenhaus, als ich die Rauchwolken sah. Ich hatte so ein ungutes Gefühl, dass es hier bei euch sein könnte. Verdammt, hier brennt es wirklich!“ Entsetzt starrte sie auf das Haus der Familie Weiß. Doch dann wandte sie den Kopf wieder den Dreien zu. Stumm ließ Frau Weiß, die ständig mit den Tränen kämpfte, sich von ihr wieder in die Arme nehmen.
Dazu konnte man einfach nichts mehr sagen.
Immer mehr Schaulustige kamen hinzu. Einige Leute aus der Nachbarschaft erkundigten sich bei Ankas Eltern, ob sie helfen konnten.
Da bot Frau Heller ganz spontan an: „Ich nehme euch nachher erst mal mit zu uns. Dann sehen wir weiter.“ Sie hatten genug Platz in ihrem Haus. Martin Weiß nickte nur und legte Frau und Tochter je einen Arm um die Schultern.
Anka flüsterte erstickt: „Jetzt ist alles weg...“
Stumm vor Entsetzen und Hilflosigkeit verfolgten sie das schreckliche Schauspiel nur wenige Meter vor ihnen.
Knacken, knistern, lodernde Flammen, durch das Wasser erstickendes Feuer, Zischen, Wiederaufflackern, dichter grauer und weißer Qualm...
Es verging unendlich viel Zeit, bis die Flammen schließlich gelöscht waren. Immer noch stieg vereinzelt Rauch aus den Hausöffnungen empor.
Ein Mann in kompletter Feuerwehrmontur trat auf sie zu und schüttelte nur mit dem Kopf. „Da war leider nicht mehr viel zu machen.“
Herr Weiß erinnerte sich daran, dass sie ihre ganzen Versicherungs- und andere wichtige Dokumente in einem feuerfesten Behälter im Wohnzimmerschrank aufbewahrt hatten. Er fragte den Feuerwehrmann, ob es möglich war, diesen sicherzustellen. Rasch erklärte er, wo im Haus - was es bis vor zwei Stunden zumindest noch gewesen war - sich dieser Kasten befand und wie er aussah. Man wollte sich darum kümmern.
Nach einiger Zeit kam einer der Männer wirklich mit einer ruß verschmierten Metallkiste zu ihnen. Herr Weiß schaute sofort nach dem Inhalt derselben und stellte nebenbei fest, dass sich noch etwas Bargeld darin befand.
Der Überbringer der Kiste fragte, ob noch nach weiteren wichtigen Sachen gesucht werden sollte.
Das eine oder andere Teil wurde ihnen danach noch gebracht, aber dann fiel den Dreien zunächst nichts an wertvollen, eventuell unversehrt gebliebenen Dingen mehr ein.
Der Rest war eh den Flammen zum Opfer gefallen.
Frau Heller hatte inzwischen ihre Familie angerufen und sie auf die Situation, die nun auf alle zukam, vorbereitet.
Jetzt kehrte sie zurück zu den drei Obdachlosen und sagte: „Kommt mit, ihr Drei. Ich habe Heinz und Dirk Bescheid gegeben, dass ich mit Euch zusammen zu uns nach Hause fahre.“
Herr Weiß sah als erster ein, dass es keinen Sinn hatte, wenn sie noch länger auf das zerstörte Haus starrten und hofften, dass noch irgendein Wunder geschah.
Der Polizei hatte er auch längst Rede und Antwort gestanden, hätte sich sogar beinah noch mit einem der Herren angelegt, weil der Beamte doch tatsächlich geäußert hatte, dass man Brandstiftung nicht ausschließen konnte.
Anka nahm ihren Rucksack und folgte den drei Erwachsenen. Dabei wischte sie die Tränen fort und versuchte, nun um die Augen herum trocken zu bleiben. Was sollte Dirk von ihr denken?
Sie stieg bei ihrem Vater in den Wagen, während ihre Mutter bei Ingrid auf dem Beifahrersitz Platz nahm.
Nach wenigen Fahrminuten hatten sie das Einfamilienhaus, in dem Familie Heller wohnte, ziemlich zeitgleich erreicht.
Dirk saß auf der Treppe vor der Haustür.
Anka wusste sofort, dass er es war, denn er hatte ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden, trug einen Ring im Ohr und sah auf den ersten Blick aus wie ein Räuber. So lief er immer auf Partys oder in der Disco herum, so kannte man ihn.
So kannte Anka ihn.
Als Dirk auf seine Mutter und die befreundete Familie aufmerksam wurde, rief er ins Haus nach seinem Vater und erhob sich langsam.
Sofort erschien auch Herr Heller in der Haustür.
Anka ließ sich von dem etwa zwei Jahre älteren Dirk in die Arme nehmen.
Obwohl heute etwas Furchtbares passiert war, lächelte er sie verschmitzt an. „Um uns zu besuchen, hättet ihr eigentlich nur anzurufen brauchen. Müsst ihr gleich euer Haus in Brand stecken?“
Nun fiel auch von Anka der Schrecken ein wenig ab.
Sie versuchte zu lächeln.
„Und deshalb hast du dir auch gleich die Ferien ausgesucht“, stellte Dirk fest.
Sie nickte nur. Dann wurde sie auch von Dirks Vater begrüßt und betrat hinter den Erwachsenen das Haus.
Als sie im Wohnzimmer Platz genommen hatten, brauchten sie noch eine Weile, um das Geschehene einigermaßen zu verdauen. Entsprechend gedrückt war die Stimmung zunächst.
Ingrid begann, von ihrem Dienst im Krankenhaus zu erzählen, was sich dort heute zum Beispiel auf ihrer Spätschicht wieder Interessantes oder Amüsantes zugetragen hatte. Sie wollte die Anspannung etwas lösen.
Nach einiger Zeit gab Heinz seiner Neugier nach und fragte schließlich: „Wie kam es eigentlich zu dem Brand?“
Ankas Vater antwortete: „Die Feuerwehr geht nach ersten Angaben von einem Kabelbrand im Sicherungskasten aus. Und der befand sich im Keller.“
Seine Frau fand nun auch die Sprache wieder: „Wir haben ferngesehen und wollten eigentlich bald schlafen gehen. Da ging plötzlich der Fernseher aus. Zuerst begann es, stark verschmort zu riechen, und dann stank es innerhalb kurzer Zeit auf einmal immer mehr nach Rauch. Martin ging, um nachzuschauen. Als er zum Keller hinunter stieg, sah er schon, wie der Qualm unter der Kellertür raus quoll. Er brauchte die Tür gar nicht zu öffnen, vielmehr war es wohl auch besser, dies zu unterlassen. Ich bin zu ihm hin. Wir hörten, wie es hinter der Tür laut geknistert hat. Martin hat Anka von oben heruntergeholt und ich habe nur noch schnell unsere Ausweise, Schlüssel und das Nötigste eingesteckt. Und dann ging alles sehr schnell. Wir waren gerade aus dem Haus raus, als das Feuer vom Keller durchbrach. Und dann gab es auch noch diese Explosion!“
„Bis zum Dach alles in Schutt und Asche. Das Haus können wir nur noch abreißen“, meinte Martin betrübt.
„Aber ihr seid doch versichert, oder?“ warf Dirk ein. Bei dem Gedanken daran, wie es geendet hätte, wenn die Drei nur ein paar Sekunden später auf den Brand aufmerksam geworden wären, wurde ihm ganz flau.
Ankas Vater nickte. Ein schwacher Trost.
Die persönlichen, emotionalen Werte waren nicht zu ersetzen, ein harter Fakt. Besonders für Anka. Sie saß auf der Couch wie ein Häuflein Elend und hatte Mühe, gegen die Tränen anzukämpfen.
Was ein Feuer innerhalb weniger Stunden doch alles zerstören konnte. Dirk gab sein Bestes, um das Mädchen wenigstens etwas aufzumuntern.
Ingrid stand nach einer Weile auf und sagte: „So, ich werde jetzt mal das Gästezimmer herrichten.“
„Warte, ich helfe dir“, entgegnete Ankas Mutter und erhob sich ebenfalls.
„Anka kann ja erst mal bei mir einziehen“, schlug Dirk vor und zwinkerte dem Mädchen dabei zu.
Seine Mutter drehte sich zu ihm um, hob drohend den Finger und schimpfte lächelnd: „Das sieht dir wieder ähnlich. Aber Dummheiten unterbleiben! Sonst gibt’s was auf die Ohren!“
„Na hör mal!“ Dirk setzte ein völlig unschuldiges Gesicht auf. „Wofür hältst du mich eigentlich.“ Für diese Frage hatte seine Mutter nur ein wissendes Lächeln übrig.
Dann drehte sie sich um, die Frauen verschwanden nach nebenan in das Gästezimmer.
„Du siehst müde aus“, meinte Dirk leise zu seiner Nachbarin.
„Schau mal auf die Uhr. Ist nicht mehr ganz meine Zeit, für mitten in der Woche...“ Anka hielt ihm ihre Armbanduhr hin und direkt vor die Augen, so dass Dirk lachend zurückwich. Es war kurz nach zwei Uhr.
„Na dann ab mit Euch in die Falle“, meinte Martin gutmütig.
Anka erhob sich und zog Dirk vom Sofa hoch. Allerdings folgte er ihr sofort bereitwillig.
„Mein Bett ist groß genug für Zwei.“ Spitzbübisch funkelte er sie an, als sie in seinem Zimmer angekommen waren. Vor den Erwachsenen hätte er das freilich nicht sagen dürfen, da hätte er gleich eins drüber gekriegt.
Anka stieß ihm in die Rippen. „Wenn du auf der Kante schläfst, bestimmt.“
„Hey, das ist ganz schön hart!“ jammerte er.
„Ja nun… Was soll mein Freund sonst dazu sagen?!“ hob sie nur kühl die Schultern. Vor allem, was hat das dann noch mit schlafen zu tun? Wir beide im gleichen Bett, das geht niemals gut…
„Upsss“, duckte Dirk sich. „Ist er groß und stark?“
Anka nickte und bekräftigte dies mit einem äußerst überzeugten „Hmmm“.
„Na dann spiel ich doch lieber nur den Bettvorleger“, gab er kleinlaut zurück.
Dirk stellte ein Gästebett auf und holte noch Bettzeug von seiner Mutter herauf. Dann gab er Anka eins von seinen T-Shirts, das ihr aufgrund der Größe als Nachthemd diente.
Damit verschwand sie im Bad, das sich gegenüber von seinem Zimmer befand. Kurze Zeit später kam sie zurück. Sie schlüpfte in Dirks Bett, da er ihr großzügig gestattet hatte, darin zu übernachten.
Als auch Dirk es sich auf seinem Lager bequem gemacht hatte, erzählten sie noch eine Weile.
Dann wurde es bald ganz ruhig in diesem Zimmer.
Am nächsten Morgen wurde Anka von allein wach. Sie öffnete die Augen und bemerkte, dass Dirk gerade im Begriff war aufzustehen. Er blinzelte zu ihr hinüber und wünschte ihr einen wunderschönen Morgen.
Wie beifällig warf sie einen Blick zur Uhr. Sie erschrak. Halb Neun! „Warum hat mich keiner geweckt? Die Schule hat schon lange angefangen.“
„Sie kommen heute auch mal ohne dich aus. Du musst dich doch schließlich von der vergangenen Nacht erholen, oder?“ zwinkerte er ihr zu.
„Ich glaube, du hast Recht. Und warum stehst du jetzt erst auf?“
„Weil ich gleich meine erste und letzte Vorlesung für heute habe“, erklärte er und suchte seine Sachen zusammen. „Bleib ruhig noch liegen, ich gebe dir Bescheid, wenn das Bad wieder frei ist, okay?“
Anka ließ sich zurückfallen und kuschelte sich also noch einmal in die Kissen. Doch je munterer sie wurde, um so mehr brachte sich der vergangene Abend in Erinnerung.
Als Dirk ein paar Minuten später kurz den Kopf ins Zimmer steckte und grünes Licht gab, lag sie schniefend im Bett. Er kam zu ihr ans Bett und sank auf die Bettkante.
„Komm mal her“, zog er sie sanft in seinen Arm.
„Sorry“, flüsterte sie erstickt.
„Hey, ich kann dich verstehen, Mäuschen.“ Behutsam strich er über ihren Rücken. „Du packst das schon. Ich bin da, okay?“
Langsam nickte sie. „Danke.“ Sie löste sich von ihm, schnäuzte sich die Nase und stand schließlich auf.
Im Esszimmer stellte Anka später fest, dass sie nun alle vollzählig waren. Sie waren eine Person mehr als gestern. Klein Lisa saß auch am Frühstückstisch. Sie war Dirks kleine Schwester, die natürlich gestern schon geschlafen und von dem ganzen Trubel nichts mitbekommen hatte.
Sie war es auch, die jetzt aufsprang und zu Anka hinstolperte, um sie stürmisch zu begrüßen.
Als alle gefrühstückt hatten, verabschiedete Dirk sich zum Studieren.
Ingrid Heller beschäftigte ihre kleine Tochter ein bisschen, und die anderen Vier beschlossen, sich das Unheil vor Ort und bei Tageslicht anzuschauen.
Dirks Vater hatte sich kurzfristig einen Tag frei genommen, um Martin und seiner Familie zur Seite zu stehen.
Vielleicht konnte doch noch einiges aus dem Haus geschafft werden, was man im Dunkeln nicht mehr hatte ausfindig machen können. Nicht alle Räume waren völlig ausgebrannt. Nach einem kurzen Telefonat mit der zuständigen Stelle bei der Kripo hatten sie die Erlaubnis, in den Überresten nach Unversehrtem zu suchen. Das Haus war trotz der Explosion zum Glück nicht einsturzgefährdet.
Martin und Heinz arbeiteten sich vorsichtig ins Wohnzimmer vor. Sämtliche Möbel waren durch den Brand komplett zerstört, Teppiche gab es keine mehr, nur noch verbrannte Stofffetzen und jede Menge Asche.
Martin hatte gleich am Morgen bei der Versicherung angerufen und den Brand gemeldet. Für den Nachmittag hatte sich ein Sachverständiger angesagt, um das Dilemma zu begutachten und sich mit ihnen über die Regulierung zu unterhalten.
Anka stand vor dem Haus und warf einen Blick nach oben - dorthin, wo ihr Zimmer einmal war. Die Wände standen noch, aber es sah sogar von Ankas Blickpunkt entsetzlich da oben aus. Ihr Vater schaute nun vorsichtig dort aus dem Fenster und schüttelte resignierend den Kopf.
„Meine ganzen Klamotten, meine Bücher, meine CD’s, meine Fotos...“, stöhnte sie leise.
Ihre Mutter trat zu ihr und legte einen Arm um sie. „Ich weiß, das tut weh, aber es ist nicht mehr zu ändern. Wir kleiden uns komplett neu ein und dann hast du halt neue Lieblingsklamotten. Und deine Musik kriegst du auch schon wieder irgendwie zusammen.“
Sie sahen sich an. Anka schluckte. „Ihr braucht ja auch alles neu.“
Frau Weiß nickte wehmütig.
„Weiß Holger eigentlich schon Bescheid?“ fragte Anka jetzt. Holger war ihr um vier Jahre älterer Bruder, der seit zwei Jahren in München studierte.
„Ich habe ihn heute Morgen angerufen und alles erzählt. Er wollte sofort zu uns kommen, aber ich habe ihn beruhigt und gesagt, dass wir zwar für eine Weile keinen eigenen Wohnraum haben, aber dass wir bei Hellers gut aufgehoben sind. Er kommt am Wochenende her und will bei einem Freund übernachten.“
Martin kam nach einer Weile aus dem Haus. „Das Feuer hat ganze Arbeit geleistet. Nichts ist übrig geblieben, nichts, was man noch irgendwie verwerten könnte.“
Heinz, der ebenfalls das Haus wieder verlassen hatte, pflichtete seinem Freund bei.
Schließlich fuhren sie zusammen zurück zum Haus der Familie Heller. Anka wurde sofort von Lisa in Beschlag genommen und lange Zeit nicht mehr fortgelassen.
Also spielte sie mit der Kleinen. Sie bekam eine Puppe nach der anderen in die Hand gedrückt und erhielt vorgeschrieben, was sie zu sagen und zu tun hatte.
Sie schmunzelte darüber und befolgte brav Lisas Anordnungen. Mit ihren fünf Jahren war sie schon recht aufgeweckt und verstand es, die anderen, und vor allem die Erwachsenen, in ihre Spiele mit einzubeziehen.
Eines Tages würde Anka auch so ein süßes Mädchen haben, da war sie sich ganz sicher.
Sie dachte an Guido, mit dem sie seit einigen Wochen zusammen war. Sie hatten sich in Ankas Lieblingsdisco kennen gelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, zumindest bei Anka. Aber dass auch Guido sich rasch in sie verliebt hatte, konnte wohl niemand bezweifeln.
Er war dem Aussehen nach ein typischer Traummann, hatte ein süßes Gesicht, war auf seinem gesamten sportlichen Körper herrlich braungebrannt. Nur über seinen Charakter ärgerte Anka sich manchmal. Er war sehr von sich eingenommen und hatte eigentlich immer Recht – zumindest wenn es nach ihm ging. Aber wenn er dann wiederum so lieb und zärtlich zu ihr war, vergaß Anka ihren Ärger sehr rasch.
Dann bewies er, dass er auch Vorzüge hatte.
Umwerfende Vorzüge.
Ein kleines schimpfendes Stimmchen holte sie aus ihren Gedanken. Lisa machte auf sich aufmerksam.
Anka beschloss, ihren Freund abends zu besuchen und widmete sich vorerst der Kleinen wieder.
* * *
Nachmittags rief Ankas Freundin Gitta im Hause Heller an, um sich nach deren Befinden zu erkundigen.
Anka hatte mittags dort angerufen und für Gitta die Nachricht mit dem Brand und ihrer neuen Bleibe, inklusive Telefonnummer, hinterlassen. Von dem Brand wusste Gitta bereits aus der Schule. Nachdem Ankas Mutter morgens in der Schule angerufen und Anka entschuldigt hatte, hatte es sich in der Schule herumgesprochen wie ein wahrhaftiges Lauffeuer.
„Habe ich viel versäumt?“ fragte Anka.
„Nööö, du weißt doch, in zwei Wochen ist eh Schluss. Da wird doch jetzt nicht mehr viel gemacht. Ich habe übrigens ein paar Sachen für dich mitgeschrieben, damit du nicht so viel nachholen musst.“
„Super. Hast du Zeit?“
„Ja. Willst du vorbeikommen? Komm ruhig.“
Also verblieben sie so, dass Anka ihrer Freundin gleich einen Besuch abstattete. Sie durfte Ingrids Fahrrad nehmen, da es ein ziemliches Stück Weg bis zu Gitta war.
Unterwegs kaufte sie noch rasch neues Schreibzeug, damit sie für die Schule am nächsten Vormittag gewappnet war.
Auch ein paar Kleidungsstücke wie T-Shirts, zwei Hosen, Kurzes, Langes, Unterwäsche usw. - alles, was sie dringend benötigte, nahm sie auf dem Weg zu ihrer Freundin noch mit.
Dann radelte sie weiter zu Gitta.
Die Mädchen unterhielten sich über den Brand und über die Schule.
Anka warf einen Blick auf die heute in der Schule durchgenommenen Dinge und wechselte bald wieder das Thema. Sie kam auf Gittas Freund zu sprechen.
Und das – wie überhaupt das Thema Jungs - war Nachmittag füllend.
Anka aß bei ihrer Freundin noch Abendbrot und fuhr von dort aus später weiter zu Guido.
Er hatte im Regionalradiosender gehört, was geschehen war, aber nicht gleich gewusst, wo genau. Das hatte er heute in der Firma erfahren. Nun umarmte er sein Mädchen erst einmal innig. Dann wollte auch er Einzelheiten wissen. Als alles berichtet war, gingen sie zum angenehmeren Teil des Abends über.
* * *
Wieder zu Hause angekommen, erfuhr Anka, dass man nach und nach zur Tagesordnung zurückfand. Ihre Eltern nahmen sich noch zwei, drei Tage frei, weil sie gleich morgen und in den nächsten Tagen verstärkt nach einer neuen Wohnung Ausschau halten wollten.
Je eher sie eine neue Bleibe hatten, um so eher wurde die befreundete Familie wieder entlastet. Auch wenn diese das Ganze nicht so eng sah.
Anka zog sich in Dirks Zimmer zurück, weil sie vom Tag geschafft war und schlafen gehen wollte.
Dirk selbst war noch nicht zu Hause. Wo er war, wusste sie nicht. Jedenfalls blieb er bis spät in der Nacht weg.
Morgen wollte sie ihn fragen, wo er gesteckt hatte. Vielleicht konnte er sich nicht von seiner Freundin trennen.
Am nächsten Tag nach der Schule wollte Anka erst mal in die Stadt gehen und sich noch ein paar weitere Kleidungsstücke kaufen. Die Mutter hatte ihr an diesem Abend ein paar Scheine in die Hand gedrückt, worüber sie sich natürlich gefreut hatte.
Sie war zu müde, um sich noch weitere Gedanken über irgendwas zu machen, und schlief schon bald ein.
Der kommende Tag war ausgefüllt mit Schule und Einkaufen. Zum Einkaufsbummel nahm sie Gitta mit.
Nach erfolgreicher Plünderung einiger Läden aßen die Mädchen noch ein Eis zusammen.
Anka hatte mittlerweile mehrere große Einkaufstüten an den Händen. Da ihre Arme immer länger wurden, suchte sie die nächste Telefonzelle auf und rief Guido an.
Er war glücklicherweise gerade daheim und holte sie wenig später von der Telefonzelle ab, um sie heimzufahren.
Als Anka die Sachen bei den Hellers abgeladen hatte, kam sie wieder aus dem Haus und stieg erneut bei Guido ein, um sich von ihm zum Abendessen ausführen zu lassen.
* * *
Als sie später am Abend in das Hellersche Haus zurückkehrte, gesellte sie sich noch zu ihren Eltern im Wohnzimmer und klinkte sich in deren Unterhaltung mit ein.
Eine Wohnung für sie war leider noch nicht in Aussicht. Aber Anka war es eigentlich ganz recht so. Sie begann, sich in Dirks Zimmer wohl zu fühlen. Es war beinahe wie damals, als Holger noch zu Hause gewohnt hatte.
Nur hatten sie sich eher öfter mal in der Wolle gehabt, wie das bei Geschwistern mitunter üblich war.
Mit Dirk konnte sie sich das nicht vorstellen.
Dirk kam an diesem Abend ausnahmsweise mal etwas eher nach Hause. Die jungen Leute zogen sich alsbald nach oben zurück, um dort noch etwas fernzusehen.
„Habe ich dich letzte Nacht eigentlich gestört, als ich ins Zimmer kam und über ein riesiges Gebirge neuer Klamotten gestolpert bin?“
„Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier“, lachte Anka. „Wo kamst du denn her?“
„Ich war bei Kalle, einem Kommilitonen, mit dem ich schon lange befreundet bin. Er hat sich da so einen Floh ins Ohr gesetzt und mich und drei andere von uns so lange bequatscht, bis er uns schließlich mit seiner Idee angesteckt hat.“
„So schlimm?“ hakte Anka nach. Dirk nickte und grinste.
Leiser fuhr er fort: „Am Stadtrand steht eine alte Jugendstil-Villa leer. Kalle hat sich erkundigt. Das Haus ist noch bewohnbar und es ist sogar zu vermieten. Nur kostet dieses Prachtstück halt entsprechend Miete. Eine WG hätte da prima drin Platz, denn es sind acht geräumige Zimmer. Bis jetzt wären wir zu fünft. Wir wollen noch ein oder zwei Leute fragen, ob sie mit einziehen würden. Wenn das klappt, dann gibt es bald viel zu tun.“
„Du willst hier raus?“ fragte Anka erstaunt.
„Ich bin Neunzehn und kein Kind mehr. Ich bin soweit, dass ich für mich alleine sorgen kann.“
„Aber das kostet doch Miete und Unterhalt.“
„Wenn wir zu mehreren dort einziehen, wird der Mietanteil pro Person immer kleiner. Darin sehe ich kein Problem.“
Bewundernd schaute sie ihn an. Er wollte raus aus dem heimischen Nest und sein eigenes Leben leben.
Gut, er war erwachsen. Anka wollte ja auch irgendwann von zu Hause raus und auf eigenen Füßen stehen. Im Augenblick war sie mit ihren knapp siebzehn Lenzen noch zu jung dafür, zumal sie ihren Geburtstag erst vor drei Wochen gefeiert hatte.
Sie lagen auf ihren Betten, geschafft vom Tage.
Dirk ließ sich noch ein wenig über die Villa aus. Er und seine Leute hatten sich selbige am gestrigen Abend angesehen.
Dirk hatte ein Faible für alte Häuser und deren Geschichte. Nicht umsonst studierte er Architektur.
Als beiden langsam die Augen zufielen, beschlossen sie, der Müdigkeit nachzugeben.
Ein paar Tage später kamen Ankas Eltern mit einer tollen Neuigkeit nach Hause. Sie hatten endlich eine passable Wohnung gefunden, die sie ab August beziehen konnten.
In knapp vier Wochen sollte es also schon soweit sein, dass sie ihre Zelte hier wieder abbrachen.
Anka bedauerte es insgeheim, Dirks Zimmer dann wieder verlassen zu müssen. Aber andererseits war sie auch schon neugierig auf ihr neues Zimmer. Sie würde sich komplett neu einrichten, mit lauter neuen Möbeln und Accessoires.
* * *
Für Samstag war in Hellers Garten eine kleine Grillparty angesetzt, zu der auch Ankas Bruder Holger kam.
Das Wetter meinte es gut, an diesem Abend war es angenehm lau draußen. Man saß in gemütlicher Runde zusammen und genoss die gegrillten Leckerbissen und Salate.
Thema Nummer Eins war auch an diesem Abend das in Schutt und Asche gelegte Haus der Familie Weiß.
Holger war mittags kaum in der Stadt angekommen, da hatte er sich unmittelbar zum Haus seiner Kindheit und Jugend begeben und die kläglichen Überbleibsel in Augenschein genommen.
Auch ihm ging es an die Nieren, zumal er in diesem Haus aufgewachsen war und ihn sehr viele Erinnerungen damit verbanden. Das Haus sollte in nächster Zeit abgerissen werden, da dieses Bild auch für die umliegenden Bewohner und alle anderen, die dort vorbeikamen, kein guter Anblick war.
Holger und Dirk vertieften sich alsbald in ein angeregtes Gespräch übers Studieren und über so manch amüsante Anekdote aus dem Uni-Leben. Sie hatten sich lange nicht gesehen, und daher gab es viel Neues auszutauschen.
Anka klinkte sich irgendwann in die Unterhaltung der Jungs ein. Man hörte die Drei viel lachen.
* * *
Am späten Abend klingelte es an der Haustür der Familie Heller. Anka sprang sofort auf, um gleich selbst zu öffnen, denn sie spürte, dass es Guido war.
Er kam, um sie zur Disco abzuholen. Da es sehr spät werden konnte, kündigte Anka an, dass sie über Nacht bei ihrem Freund bleiben würde.
Sie fragte die beiden Jungs, ob sie später auch noch in die Stadt wollten. Doch die winkten einstimmig ab und wollten hier im Garten nur ganz in Ruhe ein paar Bierchen zischen und quatschen.
Also verblieb Anka mit ihrem Bruder so, dass sie sich am nächsten Mittag noch mal treffen wollten, um noch ein bisschen plaudern zu können, bevor er wieder in Richtung Süden abfuhr.
Guido wartete derweil vor der Haustür auf seine Freundin. Er hatte keine Lust, jetzt schon mit der gesamten Familie konfrontiert zu werden. Zumal sich die Beiden erst seit ein paar Wochen kannten, wie er vorgab.
Anka stob mit Guido von dannen. Sie stürzten sich in das Nachtleben ihrer Stadt und gingen tanzen. Natürlich in Ankas Lieblingsdisco, wo auch Guido sich gern blicken ließ. Im Fever hatten sie sich kennen gelernt.
Gitta war auch zugegen. Die beiden Mädchen tauschten erst einmal die neuesten Neuigkeiten aus. Dann tanzten sie fast ununterbrochen, probierten ständig neue Tanzschritte und angesagte Steps aus den neuesten Musikvideos aus und amüsierten sich köstlich darüber.
Guido hatte ein paar seiner Freunde getroffen und sich zu ihnen gesellt. In dieser Gruppe gab sich einer cooler als der andere. Kein Wunder, dass Anka sich davon nicht sonderlich angezogen fühlte.
Nach einer Weile seilte Guido sich von seinen Jungs ab. Er wollte nun doch mal ein paar Takte mit seiner Freundin tanzen, denn der DJ legte im Augenblick nur langsame Scheiben auf. Zu solcher Musik tanzte er besonders gern mit ihr. Lieber er, als irgendwer anders, dachte er so für sich.
Spät in der Nacht zog das Paar sich zweifach angeheitert und etwas ermüdet aus der Disco zurück.
Zu Fuß und Hand in Hand liefen sie zu Guidos Wohnung. Aber an Schlaf war auch hier zunächst noch nicht zu denken...
* * *
„Wir haben sie!“ rief Dirk aus, als er an einem der nächsten Abende sein Zimmer betreten und Anka auf dem Bett erspäht hatte.
Sie sprang auf und ließ sich durch die Umarmung in Dirks Freudentaumel mit hineinziehen. Sie freute sich aufrichtig mit ihm, dass sein Wunsch bezüglich der Villa in Erfüllung gehen sollte.
„Der Besitzer hat uns erlaubt, dass wir sofort in das Haus dürfen, damit wir mit der Entrümpelung und mit dem Renovieren beginnen können.“
„Seit ihr also endlich genug Leute für die geplante WG?“ folgerte Anka neugierig.
„Ja. Zwei Mädchen aus der Uni ziehen noch mit ein. Dann sind wir sieben.“
„Na, dann geht es ja schon in den nächsten Tagen los, was?“
„Worauf du dich verlassen kannst“, strahlte Dirk sie an und rieb sich die Hände.
„Was sagen deine Eltern eigentlich dazu?“ warf Anka vorsichtig ein.
Dirk schwieg einen Augenblick lang. Dann antwortete er: „Besonders begeistert waren sie nicht. Aber letztendlich können sie nichts machen, weil ich volljährig bin. Außerdem bleibe ich ja in der Stadt, worüber sie dann doch froh sind.“
Die Schulferien begannen und somit auch die Semesterferien. Anka hatte endlich viel Freizeit, und Dirk hatte seinerseits viel Arbeit vor sich. Nebenbei jobbte er in einer Pizzeria, um etwas Geld zu verdienen. Das brauchte er für die Renovierung in dieser alten Villa. Er hatte in den letzten Monaten für unvorhergesehene Anschaffungen ein bisschen was angespart und den größten Teil seines Lohnes an die Seite gelegt, was ihm nun zugute kommen sollte.
Das Wetter zeigte sich nach drei total verregneten Tagen auch endlich wieder von einer besseren Seite.
Es war auf jeden Fall gut genug, um mit Gitta und den anderen aus der ehemaligen Klasse baden zu fahren.
Anka und ihre Freunde waren viel mit dem Rad unterwegs und checkten gern abwechselnd die Seen in der Umgebung.
Ihre Lehrstelle im Krankenhaus hatte Anka längst sicher.
Deshalb brauchte sie sich im Gegensatz zu einigen ihrer ehemaligen Klassenkameraden um die Zeit nach den Ferien erst mal nicht zu sorgen und konnte nun tun und lassen, was sie wollte.
* * *
Dirk und sie sahen sich manchmal tagelang nicht.
Um zu erfahren, wie es ihm ging, fuhren Anka und ihre Freundinnen eines Abends ins Pizza-Haus. Das war die Pizzeria, in der Dirk ein paar Mal in der Woche abends jobbte.
Als er die vier Mädchen entdeckte, nahm er sofort seinen Block und ging zu ihnen an den Tisch, um ihre Bestellungen aufnehmen zu können.
„Hallo Anka, hallo Mädels! Wie geht es?“ Er sah dabei mehr zu Anka und zwinkerte ihr zu. Er reichte den Mädchen die Speisekarten und lächelte dabei jedes auf seine ganz eigene, umwerfende Art an.
„Danke, keine Klagen. Und wie geht es auf euerm Bau voran?“ sah Anka zu ihm auf.
„Komm doch mal vorbei, dann siehst du es.“ Er schrieb nebenbei die Getränke auf, und auch die Gerichte waren schnell gefunden. Dann verließ er sie für kurze Zeit.
Schon stürmten Ankas Freundinnen mehrstimmig und wortgewaltig auf sie ein. „Ist der süß!“ – „Hat der `ne Freundin?“ - „Ist er solo?“ - „Ist der öfter hier?“ - „Wie heißt er denn?“ - Wie alt, wie allein, was hat er so drauf, wo wohnt er... Fragen über Fragen.
Erst als er mit den Getränken erneut an ihren Tisch trat, war plötzlich Ruhe. Nur Anka schmunzelte ihn an und wirkte ziemlich gelassen. Er war wie ein Bruder für sie.
Sie kannten sich schon, so lange sie in ein und derselben Stadt wohnten. Seine Eltern waren vor acht Jahren hergezogen. Ihr und sein Vater kannten sich seit der Lehrzeit und waren seither immer in Kontakt und ziemlich gut befreundet geblieben. Zum Glück, denn sonst hätte Anka Dirk nie kennen gelernt.
Belustigt nahm er die schmachtenden Blicke der anderen Mädchen dieses Tisches zur Kenntnis. Als er fragte, mit wem er denn hier so das Vergnügen hätte, stellte Anka alle drei vor. Damit hatte sie ihre Schuldigkeit getan und überließ das Reden den anderen.
Lange konnte er sich allerdings nicht an ihrem Tisch aufhalten, denn er musste sich noch um weitere Gäste kümmern.
Etwas später brachte er den Mädchen das Essen, natürlich nicht ohne seine witzigen Sprüche.
Nun hatte er erst mal alle Hände voll zu tun, denn das Pizza-Haus füllte sich nach und nach bis auf den letzten Platz. Es war auch die beste Zeit des Abends, in der es hier oft ziemlich voll wurde.
* * *
Als die Mädchen die Pizzeria wieder verlassen hatten, machten sie noch einen ausgiebigen Spaziergang durch die City.
Dann verabschiedete sich nach und nach eins der Mädchen aus der Truppe und bog in eine andere Richtung ab.
Anka blieb als letzte übrig, denn sie wohnte am weitesten vom Stadtzentrum entfernt. Im Moment jedenfalls, solange sie noch bei Hellers gastierten.
Aber das würde sich ja bald ändern.
Hoffentlich funktioniert die Klingel, dachte Anka ein paar Tage später, als sie die Stadt hinter sich gelassen hatte und gerade auf die Villa zuradelte. Aber diese Besorgnis konnte sie verwerfen, denn die Haustür stand sperrangelweit offen. Umso besser.
Anka stellte ihr Rad neben der breiten Treppe an der Hauswand ab.
Vorsichtig warf sie oben an der Haustür einen Blick ins Innere des Gebäudes. Sie hörte ein Hämmern und Sägen. Langsam und bedächtig schritt sie durch den großen Flur im Erdgeschoss. Gleich vorn hinter der Haustür führte links eine halbgewendelte Treppe in das Obergeschoss.
Anka blieb mitten in der Diele stehen. Zu ihrer Linken waren zwei Türen dicht nebeneinander und zu ihrer Rechten war eine Tür ganz vorn bei der Haustür und eine auf ihrer Höhe. Geradezu vor ihr befanden sich ebenfalls zwei Türen, eine davon links und eine rechts. Soviel zum Erdgeschoss.
„Haaallo!“ rief sie laut durch den Hausflur.
Ein mehrfaches „Hallo“ wurde in der oberen Etage aus verschiedenen Zimmern zurückgerufen. Sie kicherte leise und lief über die Treppe nach oben, wo die Hallos hergekommen waren. Dort fand sie Dirk bei der Arbeit.
„Ach du bist das Hallo“, stellt Dirk fröhlich fest und umarmte sie kurz. „Das ist aber schön, dass du mal vorbeischaust.“ Er schien sich wirklich zu freuen.
„Jungs! Kommt mal her!“ rief er laut. Hinter Anka erschienen die drei anderen. „Darf ich vorstellen, das ist eine gute Freundin von mir. Eigentlich heißt sie Bianka, aber sie wird Zeit ihres kurzen Lebens nur Anka gerufen. Anka, das sind meine Kommis Kalle, Otto und Kai. Wollen alle drei mit hier einziehen.“ Es gab ein freundlich-fröhliches Händeschütteln.
Dann nahm Dirk Anka mit hinunter ins Erdgeschoss. „Ich mache jetzt mit dir eine Villenbesichtigung.“
„Okay.“ Sie hakte sich bei ihm unter. Er tat, als wären sie in einem Museum mit hochinteressantem Anschauungsmaterial und wertvollen kulturellen Schätzen, und führte sie durch verschiedene Zimmer. Zu jedem der Räume spann er sich eine Kurzgeschichte aus der Zeit des Jugendstils - also kurz nach der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert - zusammen.
Eines der Zimmer war seins. In dem standen sie jetzt.
„Du musst dir mal vorstellen, hier war alles voll gestellt mit lauter altem Kram. Wir haben das ganze Zeug auf den Dachboden geschmissen.“
„Was meinst du, wann ihr mit allem hier fertig seid?“
Er seufzte und fuhr sich durch seine kurzen dunklen Locken. „Schwer zu sagen. Kai und Otto fahren morgen Nacht für zwei Wochen in den Urlaub, und Suse muss den ganzen Sommer über bei ihren Eltern auf dem Feld schuften.
Bleiben nur noch Kalle, Alex, Steffi und ich übrig.“
Anka hatte mitbekommen, dass die Tapeten teilweise herunterhingen und noch in allen Räumen abgekratzt werden mussten, damit man neue dran tapezieren konnte. Im Garten gab es ebenfalls viel zu tun. Sie hatte von Dirks Zimmer einen direkten Blick darauf. Der Garten glich momentan allerdings eher einem Urwald.
„Das Dach haben wir auch schon abgedichtet. Oben hat es in eines der Zimmer immer wieder reingeregnet. Das haben wir inzwischen Gott sei Dank trockengelegt. Dielen haben wir ausgewechselt...“ Dirk zählte noch einige Sachen auf und war dabei ganz in seinem Element.
„Das bezahlt alles ihr?“ fragte Anka skeptisch. „Oder der Vermieter?“
„Nee, wir, aber dafür brauchen wir drei Monate lang weder Miete noch Nebenkosten zu zahlen. So sind die Kosten wieder raus.“
Sie gingen in die Küche hinüber, die schön geräumig war und als einzige mit Möbeln ausgestattet war, die ausnahmsweise nicht rausgeschmissen werden sollten.
„So richtig alte Bauernmöbel. Sehen urig aus und erfüllen ihren Zweck.“ Er holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte eine Thermoskanne mit Kaffee auf den großen Tisch.
„Du möchtest doch Kaffee, oder?“
Anka nickte und nahm kurz darauf die volle Kaffeetasse entgegen. Sie trank den Kaffee schwarz, das wusste Dirk bereits von daheim. So musste er glücklicherweise nicht erst nach Milch suchen, geschweige denn nach Zucker.
Anka nahm einen Schluck und meinte dann entschlossen: „Ich helfe euch. Du musst mir nur sagen, was ich tun soll.“
„Nee, lass man, das brauchst du nicht“, erwiderte Dirk etwas verlegen.
„Ihr habt uns aus der Patsche geholfen, da kann ich dir doch auch helfen, oder?“ Eindringlich sah sie ihn an.
„Na gut, bevor du mich schlägst...“ Insgeheim freute er sich sogar, dass Anka ihm helfen wollte, man sah es ihm auch an.
Anka machte nun ein ganz ernstes Gesicht: „Ich bin gegen Gewalt und fange bei dir auch nicht damit an.“ So ernst klang es jedoch nicht.
Er legte ihr seine flache Hand auf die Schulter. „Das beruhigt mich doch sehr.“
Ausgerechnet du, der den schwarzen Gürtel hat! dachte Anka amüsiert.
* * *
Es war schon später Nachmittag, als das Mädchen von der Villa wieder fortfuhr. Dirk musste bald zur Schicht und fuhr kurz darauf mit seinem alten Auto ebenfalls heim, um sich kurz frisch zu machen und umzuziehen.
Anka machte es sich nach ihrer Rückkehr in das Hellersche Haus mit einem Buch auf Dirks Bett bequem.
Nach dem Abendessen holte Gitta ihre Freundin ab.
Sie hatten vor, ins Kino zu gehen, weil gerade ein interessanter, neuer Action-Thriller angelaufen war, den sie sich unbedingt ansehen wollten.
Am nächsten Vormittag nahm Dirk Anka mit zur Villa hinaus.
Dort packte sie kräftig mit an, als noch einige zerlegte Möbel auf den Dachboden geschafft und dort deponiert werden sollten. Damit war der Rest des Vormittags perfekt ausgefüllt.
Am späten Nachmittag begann sie gemeinsam mit Steffi, in einem der Zimmer die Tapete von den Wänden zu kratzen. Die Räume waren drei Meter hoch. Immer wieder ging es Leiter rauf, Leiter runter...
Als es langsam dunkel wurde, wunderte Anka sich, wie schnell doch die Zeit vergangen war.
„Für heute haben wir genug getan.“ Dirk lehnte in der Tür. Er schien ihr eine Weile zugesehen zu haben. Langsam kletterte sie die Leiter hinunter und griff sich in das schmerzende Genick.
Als er das sah, meinte er: „Komm mal her“, und winkte sie zu sich. Brav ging Anka zu ihm hin und ließ sich von ihm leicht den Nacken massieren.
„Wenn du dich schon für uns abrackerst, dann sollst du auch den Service des Hauses auskosten dürfen.“ Er lächelte und bemerkte, wie sehr sie seine Massage genoss und sich dabei etwas entspannte. Sie stöhnte wohlig auf und kicherte, als sie Dirks verdutzten Blick sah. Sofort hielt er in der Massage inne und stotterte scheinbar verlegen: „Okay, ähm...das...wird...wohl...reichen.“ Doch dann gab er ihr einen frechen Klaps auf den Po und lachte lausbubenhaft.
„Danke“, meinte sie daraufhin mit honigsüßem Blick. Sie ließ den Spachtel fallen und streckte sich noch einmal.
Dirk trat hinaus in den Flur und rief hinauf: „Kalle, machst du oben überall das Licht aus?“
„Jaaa!“ kam es aus einem der Zimmer im Obergeschoss zurück.
Nach einer Weile kam Kalle die Treppe heruntergepoltert.
Steffi ließ ihren Spachtel nun auch fallen. „Ich schwinge mich jetzt auf mein Rad und fahre heim.“
Alex kam aus dem Keller. „Kalle, nimmst du mich mit?“
