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In einem abgelegenen Bergdorf lernt die Journalistin Vera einen jungen Fremden kennen. Sie schreibt an einem Artikel über rätoromanische Literatur, er hat ein altes Haus geerbt und versucht seine Kriegserinnerungen hierhin zu verbannen. Die beiden treffen sich zu Spaziergängen, essen zusammen in der Dorfbeiz und erzählen sich nach und nach mit wenigen Worten von ihrer Vergangenheit. Kálmán erinnert Vera an ihre ältere Schwester Sophia, die ihrerseits in einer eigenen Welt lebt. Als Sophia zu Besuch kommt, begegnet auch sie dem geheimnisvollen Kálmán, und es entsteht eine überraschende Verbindung, die beide verändert. Mit starken Bildern erzählt Gianna Olinda Cadonau von der Begegnung traumatisierter Menschen. Ein Roman, der ohne Erklärungen auskommt und gleichzeitig Unsagbares sichtbar macht. Ein universelles, beeindruckendes Debüt. Der Roman wurde 2022 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debütmanuskript ausgezeichnet.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2023
www.lenos.ch
Gianna Olinda Cadonau
Roman
Lenos Verlag
Gianna Olinda Cadonau, geboren 1983 in Indien, wuchs im Engadin auf, studierte Internationale Beziehungen in Genf und Kulturmanagement in Winterthur. Bei der Lia Rumantscha ist sie für die Kulturförderung verantwortlich, darüber hinaus engagiert sie sich in verschiedenen Institutionen für die Kultur im Kanton Graubünden. Sie schreibt Lyrik und Prosa auf Romanisch und Deutsch. Bisher erschienen zwei Gedichtbände in der editionmevinapuorger. Feuerlilie ist ihr erster Roman. Gianna Olinda Cadonau lebt mit ihrer Familie in Chur.
Der Verlag dankt der Studer/Ganz-Stiftung, der Kulturförderung Kanton Graubünden/SWISSLOS und der Stadt Chur für die Unterstützung.
E-Book-Ausgabe 2023
Copyright © 2023 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Coverillustration: Andrew Boligolov / Shutterstock
eISBN 978 3 03925 708 9
Vera
Kálmán
Vera
Sophia
Vera
Kálmán
Vera
Kálmán
Sophia
Kálmán
Vera
Kálmán
Sophia
Vera und Kálmán
Vera
Sophia
Kálmán
Vera und Sophia
Kálmán
Sophia
Kálmán
Dank
Was ist mir zugedachtan Fragen, dir indeine dichter werdendeFremdheit folgend?
Mariella Mehr
Er wacht auf, als der Zug hält. Sein Kopf ist nicht vornübergekippt und unkontrolliert hin und her gezuckt und hochgeschreckt wie bei mir, wie bei vielen Zugschläfern. Sein Kopf kippte etwas nach hinten, die Augen waren manchmal ein bisschen offen. Ganz ruhig. Anfangs genierte ich mich, ihn zu beobachten, dann wurde auch ich ganz ruhig und betrachtete ihn. Seine Haut ist hellbraun, die Wimpern ziemlich dicht, kein Bart. Eine dünne Narbe zieht sich über seine rechte Wange, durchschneidet die rechte Augenbraue und verschwindet in der Mitte der Stirn, kurz vor dem Haaransatz.
Der Zug hält auf einer Brücke. Zwischen den Brettern der Brückenwand scheint Licht hindurch und zeichnet helle Flecke auf seine Haut. Seine Narbe verschwindet in den Licht- und Schattenzeichnungen auf seiner Haut. Er öffnet die Augen, sieht zum Fenster hinaus. Dann schaut er kurz zu mir und wieder zum Fenster hinaus.
Er sagt leise, mehr zu sich selbst als zu mir: »Ist das – sind wir …«
Ich erschrecke ein bisschen, bin nicht sicher, ob er mit mir spricht, ob er eine Antwort möchte. »Nein«, sage ich schliesslich und zucke die Schultern.
Er zögert, senkt den Blick, als ob er sich geirrt hätte. Mein Puls geht schneller. Ich ärgere mich, dass ich nicht mehr gesagt habe, einen ganzen Satz. Zum Beispiel: Ich weiss auch nicht – oder: Wir fahren sicher gleich weiter. Aber der Mann hat den Kopf wieder zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Er öffnet sie auch nicht, als der Zug langsam wieder anfährt.
Wir steigen beide an der Endstation aus, ich vor ihm, stelle mein Gepäck auf den Boden, schaue dem Zug entlang zurück, dann zur gegenüberliegenden Talseite. Er bleibt neben mir stehen, gerade so weit entfernt, dass man sehen könnte, wir gehören nicht zusammen, wir haben nur im selben Zugabteil gesessen, mehr nicht. Eine Weile stehen wir da, betrachten die Berghänge, dunkle Nadelwälder, schmale, steile Bachbetten, Geröll, die Bergspitzen verdeckt von der Überdachung des Bahnsteigs. Dann wendet er sich zu mir, schaut auf sein Gepäck, überlegt eine Weile, schliesslich nickt er bestätigend, als hätte ich etwas gesagt, wendet sich ab und geht. Ich habe nicht darauf geachtet, ob sonst noch jemand aus dem Zug gestiegen ist, jetzt ist der Bahnsteig leer. Bis auf ihn. Ich schaue ihm nach. Er hinkt.
Der Hausschlüssel hat einen violetten Schlüsselring. Ich habe ihn selten benutzt. Ich bin nie ohne die anderen hier gewesen, die auch alle einen Schlüssel hatten und von denen meistens jemand vor mir an der Haustür war.
Sophias Schlüsselbund ist mir zugeschickt worden, damit ich, falls nötig, in ihre Wohnung komme. Daran ist auch ihr Schlüssel zum Haus. Er hat einen metallenen Ring.
Das Haus ist alt, hundertdreiundsechzig Jahre alt. Ich weiss nicht, ob das sehr alt ist, so alt, dass man deswegen stolz sein kann. Soweit ich weiss, ist nichts Ungewöhnliches darin passiert, die Menschen haben darin gelebt und sind darin gestorben, wie sonst wo auch. Ich kenne ihre Geschichten nicht genau. Wenn das Wetter umschlägt, knackt es im Gebälk unterm Dach. Im Keller und im anliegenden Stall, der schon seit Jahrzehnten leer steht, ist es manchmal ein bisschen unheimlich. Mehr ist da nicht.
Ich packe mein Necessaire aus, stelle alles ins Bad, lege meine Kleider in den grossen Schrank im Schlafzimmer und räume die wenigen Lebensmittel, die ich mitgebracht habe, in den Kühlschrank ein. Es ist Freitagabend.
Mit Sophia bin ich oft durchs Dorf gegangen, am liebsten dann, wenn es wie jetzt menschenleer war. Wir sind den Dorfbewohnern selten begegnet, in der Beiz waren wir immer nur nachmittags, haben auf der kleinen Terrasse heisse Schokolade mit Rum getrunken, oder Campari, je nach Jahreszeit, und geraucht.
Jetzt sitze ich am Küchentisch auf der Eckbank, klappe meinen Laptop auf und versuche, einen Arbeitsplan für die nächsten Wochen zu machen. Eine Weile gelingt das ganz gut, dann schaue ich aus dem Fenster auf das Nachbarhaus, ich sehe nur das Dach und darüber die Berge, die jetzt schwarz sind vor dem dunkelblauen Himmel. Ich denke an den Mann im Zug und bin froh, ist Sophia jetzt nicht hier und sieht mich an. Sie würde merken, dass ich nicht bei der Sache bin, nicht an die Arbeit denke, sondern an etwas anderes, wonach sie fragen würde.
Es dauert ein paar Tage, bis ich ihn wiedersehe. Er steht oben an der steilen Strasse, schaut eine bemalte Hausfassade an, sieht hinauf zum Dorfrand und zur Kirche. Ich bleibe stehen. Betrachte ihn, wie er wieder die Fassade mustert, ein bisschen der Hausmauer entlanggeht, in den Himmel blickt, als müsse er dort etwas prüfen, wieder die Mauer ansieht und dann mich. Wir sehen uns an, die steile Strasse zwischen uns. Ich denke daran, dass ich schon weiss, wie seine Stimme klingt, dass mich das beruhigt. Einer von uns könnte sich jetzt abwenden, dann könnten wir das aufschieben, für eine weitere Weile, das erste Gespräch zwischen zwei Fremden, die Fragen, wer der andere ist, die andere, warum er hier ist und ich, warum gerade hier.
Stattdessen setzt er sich in Bewegung, die Strasse hinunter in meine Richtung. Ich bleibe stehen. Er hinkt stärker beim Abwärtsgehen, die Hände in den Manteltaschen, seinen Blick auf die Strasse gerichtet, konzentriert. Er hebt ihn erst, als er wenige Schritte vor mir stehen bleibt. Er nickt leicht, sagt nichts, und wir gehen gemeinsam weiter, als ob wir verabredet wären, vorbei am grossen Dorfbrunnen, biegen in die Hauptstrasse ein, die zur Beiz führt.
Wir setzen uns an einen der kleinen Tische auf der Terrasse, warten, bis die Bedienung kommt, die mich vertraut und ihn höflich grüsst, bestellen und warten wieder. Als die Getränke vor uns stehen, Kaffee, wissen wir immer noch nicht, wie beginnen, als ob wir einfach nur beisammensitzen wollten, ohne etwas vom anderen zu erfahren. Als ob wir den anderen auf Abstand halten wollten, weil wir einander so wertvoller sind, jetzt, in diesem Dorf, das weder seins ist noch meins. Drinnen am Stammtisch sitzen zwei Bauern und der Kondukteur. Sie haben Pause. Sie schauen zu uns raus.
»Wie lange bleibst du hier?«, frage ich.
Er atmet ein, schüttelt ganz leicht den Kopf. »Eine Weile – zwei, drei Wochen sicher. Wahrscheinlich brauche ich länger. Und du?«
»Ja, auch etwa so. Mal schauen, wie gut ich vorankomme.«
Wir belassen es dabei.
»Ist es gut, da, wo du wohnst?«, frage ich.
»Ja, das ist gut«, sagt er und: »Bei dir auch?«
»Ja«, antworte ich.
»Es ist wichtig, ohne das kann man nichts tun«, sagt er, »man müsste dann erst mal das Wohnen erledigen – vor allem anderen.«
Da muss ich lächeln. Ich stelle mir vor, wie ich das tun würde, das Wohnen erledigen, stelle es mir anstrengend vor. Er sieht mich an. Lächelt dann auch ein bisschen und senkt den Blick, trinkt einen Schluck.
»Kennst du diesen Ort? Das Haus?«, frage ich.
»Nein, nur von Erzählungen. – Du kennst es, nicht wahr?«
»Ja, von früher.«
Dann reden wir weiter, er beschreibt das Haus, in dem er wohnt, es ist jetzt seins, ich beschreibe meins, das nicht nur meins ist, es gehört auch Sophia. Wir zählen Zimmer um Zimmer auf, bleiben bei Einzelheiten hängen, Dingen, die wir mögen, das Geländer meiner Kellertreppe, der niedrige Türrahmen seines Schlafzimmers. Beschreiben das Wohnen in diesen Zimmern, die sich noch sträuben, unsere Gewohnheiten anzunehmen, und dabei hält er manchmal inne, erzählt nichts vom Zimmer, sondern beschreibt nur dessen Tür, die Aussicht aus dem Fenster. Danach schweigen wir wieder, die Kaffeetassen sind leer. Es ist kühl jetzt.
Später gehen wir die Hauptstrasse entlang bis zum Brunnen, wo wir einander zunicken und ich in die mittlere Gasse einbiege und er die steile Strasse Richtung Dorfrand nimmt. Eine Schar Dohlen fliegt über den obersten Häusern.
Hier träume ich. In der Stadt war der Schlaf leer, dunkelgrau, gross. Gegen Morgen, wenn das Zeug nicht mehr wirkte, wurde er hellgrau und schwer. Aber jetzt bin ich hier.
Im Schlaf bin ich in den anderen Zimmern, den Zimmern von früher, ich sehe die Zelle, da sind Stimmen. Sie kommen, sie kommen alle. Ich sehe keinen. Sie sind bald da. Das kann nicht sein. Nicht hier in diesem Zimmer. Ich weiss, ich schlafe.
Dann vergesse ich es, jetzt bin ich angekettet, hinter mir eine Felswand oder eine Mauer. Es ist feucht. Auch jetzt kommen sie, ich höre sie. Aber jetzt habe ich ein Messer in der rechten Hand. Ich sehe es nicht, es ist schwer. Die Hände sind seitlich über mir angekettet. Ich kann die Ketten nicht zerschlagen. Ein Junge kommt, er ist weiss, wie die Menschen hier, wie die Frau im Zug. Er steht vor mir. Ihn erreiche ich mit dem Messer. Ich stosse es in seine Brust. Jetzt kann er nichts tun. Aber er spricht mit mir. Er erklärt etwas. Ich verstehe nicht. Er ruft. Er ruft meinen Namen, aber ich verstehe ihn nicht. Etwas rauscht. Er beschreibt einen Weg. Das verstehe ich jetzt. Wieder sagt er meinen Namen, aber da ist nur Rauschen. Es schluckt den Namen. Blut tropft aus seiner Wunde. Ich wache auf. Es ist noch Nacht.
Die Schatten an der Zimmerdecke, grosse Kerle, sie schieben einander zur Seite, stehen in einer Reihe, wanken hin und her. Das Fenster ist offen, ein Spalt, grau und kalt.
Im Haus ist es still. Wie ein Vakuum. Der Flur ist dunkel. Warten, bis die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, dann schauen. Die beiden Zimmertüren sind verschlossen. Gegenüber die Garderobe, der Hocker, dann die Küchentür, verschlossen. Daneben die Stubentür, da ist der Schatten ein wenig heller, sie ist noch offen. Die Nacht draussen ist nicht ganz dunkel.
Am Abend standen sie da, in dieser Tür, im Lichtfleck auf dem Boden. Zwei grosse Raubkatzen. Manchmal sind sie bloss Schatten, aber manchmal werden sie fest, ganze Körper. Sie sahen zu mir, nur kurz, dann ging einer langsam in die Stube und der andere ganz in die dunkle Flurecke. Jetzt sind sie weg. Vielleicht in der Stube. Das macht nichts, ich will nichts von ihnen.
Sie waren nicht von Anfang an bei mir. Bevor sie kamen, in die Wohnung in der Stadt, war es grau um mich herum, manchmal dunkler, manchmal heller. Es war nicht sicher in den Zimmern da, es zog. Nicht Luft, aber Stimmen zogen hindurch, manchmal Lichtstreifen, Feuchtigkeit und der Gestank von Exkrementen und Desinfektionsmittel. Die Wohnung war klein, in keinem Zimmer konnte ich bleiben. Es zog, es pochte, in mir drin und in der Luft. Ich vergass, was die Ärzte sagten, was sie mir rieten, ich wusste nichts mehr. Die Dinge geschahen, wieder und wieder, immer gleich, meistens aber langsamer als in Wirklichkeit. Im Treppenhaus, vor dieser Wohnung, sah ich sie zum ersten Mal. Zwei Pumas, Männchen, angriffslustig und hungrig. Sie bewachten diese Zimmer. Sie witterten mich, rannten auf mich zu, sprangen mich an, knurrend, dann wischten sie zur Tür hinein, in die Wohnung, weg von mir, zu mir hin, wieder ins Treppenhaus hinaus, die Stufen hinunter, auf die Jagd.
Hier im Haus ist es anders. Die Zimmer sind anders, die Küche. In der Küche kann ich Wasser trinken, das Zeug schlucken. An die Frau denken. Ihre kurzen braunen Haare, dunkle Locken. Wie sie mir gegenübersitzt, ihre Stimme, tief und ein bisschen heiser, sie spricht nicht schnell, ruhig, ihr Atem zwischen den Wörtern, fast hört man ihn.
Das Wasser mit dem Zeug geht aus dem Magen in die Bahnen, in den Kopf. Die Dinge werden zurechtgerückt, die Ordnung wiederhergestellt. Jetzt kann ich schlafen.
Dann bin ich wieder wach, draussen ist es noch dunkelgrau, ich spüre sie, die einzelnen Teile dieses Körpers. Meines Körpers. Sie sollten zusammenhalten. Sie halten nicht. Nicht bis zum Ende. Sie sind zerschnitten und verschoben. Deshalb werden sie nicht langsam müde werden, vorhersehbar, berechenbar. Sie werden brechen, Stück für Stück, plötzlich. Und dann fallen. Bis dahin wird es ziehen, reissen, schieben.
Vor der Haustür liegt eine Maus. Ich schaue sie eine Weile an, beuge mich über sie, versuche sie zu würdigen, schliesslich ist sie ein Geschenk. Sie sieht aus, als schliefe sie mit offenen Augen. Nur das bisschen Blut an der Flanke verrät, dass sie tot ist. Ich lasse sie liegen, vielleicht kommt die Katze ja doch noch und frisst sie, wenn sie sieht, dass ich sie nicht haben will.
Während ich Jacke und Schuhe ausziehe, denke ich an den Mann. Ich weiss nicht, wie er heisst. Ich setze Wasser auf und überlege, welche Namen zu ihm passen würden. Ich komme zu keinem Schluss, die einen sind zu gewöhnlich, passen nicht zu seiner Haut mit der Narbe und zum Hinken, die anderen sind zu exotisch, zu kitschig und sowieso von anderen Geschichten entlehnt. Namen der Gegend, aus der er wahrscheinlich stammt, kenne ich fast keine.
Die Teekanne stelle ich mitten auf den Stubentisch, dann richte ich mich an einem Tischende ein – Bücher, Notizen, Laptop, Teetasse – und beginne zu arbeiten. Ich habe es nicht eilig, der Artikel ist erst in zwei Monaten fällig. Ich war mir nicht sicher, wie gut ich hier arbeiten kann, wusste nicht, ob ich mich konzentrieren würde, in dieser Stille, allein, in diesem grossen Haus. Heute gelingt es gut. Zwischendurch denke ich an früher, an Sophia und das Nachbarsmädchen, wie wir im Schuppen Sichbefreien gespielt, uns abwechselnd gegenseitig eingesperrt haben und dann das Vorhängeschloss mit einem trockenen Zweig vom Riegel schieben mussten. Das Schloss war alt, der Schlüssel längst verloren. So hatten wir immer ein bisschen Angst, das Schloss würde doch einmal einschnappen und eine von uns wirklich einschliessen im schummrigen Schuppen. Das ist nie passiert. Nur einmal, als wir Sichbefreienundverfolgen spielten, konnte Sophia sich nicht befreien. Das Nachbarsmädchen und ich waren davongerannt, hatten uns unter dem Hauseingang am Hang versteckt und gewartet. Aber Sophia kam nicht, und dieses Warten war seltsam, denn es wäre logischer gewesen, ich wäre im Schuppen eingeschlossen gewesen, dann hätten Sophia und das Nachbarsmädchen zusammen warten können, sie waren gleich alt und verstanden sich gut, ich war bloss Sophias kleine Schwester. Wir sagten kein Wort, warteten nur und wünschten, Sophia käme bald, würde uns aufscheuchen und jagen, damit wir danach wieder zu dritt spielen konnten. Aber Sophia kam nicht, Vater kam und rief nach uns. Er hatte Sophia weinend im Schuppen gefunden, als er Brennholz holte. Später beim Nachtessen sagte sie nichts, auch beim Zähneputzen nicht und auch nicht, als wir nebeneinander im Bett lagen.
In der Nacht schlägt das Wetter um, es stürmt, ein Fensterladen schlägt gegen die Hausmauer. Am nächsten Tag bleibe ich im Haus, arbeite und gehe manchmal durch die Zimmer.
Ich schlafe im Elternschlafzimmer, das ist grösser und heller als unser altes Kinderzimmer. In unserem Zimmer sind unsere Lieblingsplüschtiere aufgereiht, darüber hängt eine grosse Kinderzeichnung, die wir zusammen gemacht hatten und die deshalb nicht in ein Zeichenalbum geklebt wurde, nicht in Sophias und nicht in meins. Ein grosser grauer Berg, die Spitze schneebedeckt, ein paar Häuser auf der einen Seite des Bergs und ein schlafender Drache auf der anderen. Ich hatte die Häuser gezeichnet, Sophia den Drachen.
Wenn es Sophia nicht gutgeht, bin ich bevollmächtigt, für sie zu entscheiden. Dann entscheide ich darüber, was mit ihren Dingen geschehen soll, mit ihrer Medikation, mit ihr. Ich entscheide, so gut ich kann. Wenn ich sie besuche, erzähle ich ihr davon. Manchmal besuche ich sie nur deswegen. Sie muss wissen, was ich entschieden habe, ich muss wissen, dass sie es weiss, dass sie es hört, aus meinem Mund, während ich vor ihr stehe, vor ihr sitze und sie ansehe, während sie aus dem Fenster schaut oder an die Decke, je nachdem, ob sie sitzt oder liegt.
Du suchst die nächste Tür. Das ist gut, es ist Zeit. Du traust dich kaum noch raus, nicht wahr? Es hat sich etwas verschoben. Ganz leicht nur. Du bist unter die Oberfläche geraten, und die Dinge haben angefangen sich zu vermischen, der Abwasch mit dem Kochen, das An- und Ausziehen der Kleider, das Abwischen des Tischs, das Essen. Drinnen weisst du, wie es funktioniert, kennst die Distanz zwischen Anrichte und Tisch, zwischen Schrank und Stuhl. Drinnen passiert dir nichts. Auch dann nicht, wenn es verschwimmt und du nur noch die grösseren Veränderungen siehst, den heller werdenden Tag, die dunklere Nacht. Wenn du eigentlich nicht mehr rausgehen willst, weil du dir nicht traust. Die Tür, die du suchst, ist aber draussen. Die Tür zur nächsten Wirklichkeit. Geh raus. Geh.
