Feurige Nacht - kaltes Erwachen - Maisey Yates - E-Book

Feurige Nacht - kaltes Erwachen E-Book

Maisey Yates

0,0
2,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Einmal noch in Rafes Armen liegen und von ihm auf seine einzigartige Weise geküsst werden: Mehr will Charlotte nicht. Am Morgen danach wird sie wieder gehen. Denn Rafe hat sie schon einmal eiskalt im Stich gelassen – und jetzt kann Charlotte dem Millionär nie mehr vertrauen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 181

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



IMPRESSUM

Feurige Nacht - kaltes Erwachen erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2017 by Maisey Yates Originaltitel: „The Italian’s Pregnant Prisoner“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRABand 447 - 2018 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg Übersetzung: Susann Rauhaus

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2023.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751522113

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Es war einmal …

Lass dein Haar herunter!

Charlotte Adairs Herz pochte so heftig, dass sie sicher war, die Person neben ihr konnte es hören. Zitternd kämpfte sie gegen die ansteigende Flut von Gefühlen und Erinnerungen, die ihre Fähigkeit, klar zu denken, gefährdete.

Obwohl die Tatsache, dass sie überhaupt hier war, eigentlich schon zur Genüge bewies, dass sie nicht in der Lage war, klar zu denken.

Charlotte hatte entkommen können. Seit fünf Jahren war sie jetzt schon frei.

Aber es gab eine unerledigte Angelegenheit. Rafe.

Er würde immer eine unerledigte Angelegenheit für sie bleiben. Da gab es keine Lösung. Aber sie würde ihn wenigstens noch ein letztes Mal sehen.

Ohne dass er sie sehen könnte …Schmerz machte sich in ihrer Brust breit, heiß und bitter, und ihr Magen zog sich zusammen. Ja, dass er sie verlassen hatte, hatte ihr wehgetan. Unglaublich wehgetan. Doch der Gedanke, dass ein so mächtiger Mann wie er derartig verletzt worden war, fühlte sich ebenso schmerzhaft an.

Jeder Gedanke an Rafe war schmerzhaft.

Unglücklich stand Charlotte im dunklen Vorzimmer zum Ballsaal und rieb ihre klammen Handflächen aneinander. Ihr rotes Kleid fühlte sich plötzlich so eng an, dass sie kaum atmen konnte.

Sie konnte die Erinnerungen nicht länger zurückhalten …

„Lass dein Haar herunter!“

„Du weißt, dass ich das nicht darf“, erwiderte Charlotte und rückte von Rafe weg, obwohl sie ein Prickeln bis in alle Nervenspitzen verspürte. Jeder Teil von ihr verlangte danach, seiner Aufforderung nachzukommen, unabhängig von den Konsequenzen.

Denn es entsprach ihrem eigenen Verlangen. Einem Verlangen, das sie vom ersten Moment an, seit sie ihn gesehen hatte, verspürt hatte.

Sie wollte ihn. Zu Anfang war ihr nicht klar gewesen, was das bedeutete. Nur dass sie in seiner Nähe sein wollte. Immer.

„Verstehe. Aber du darfst Männer in deinem Schlafzimmer empfangen?“

Sie errötete, und ihre Haut wurde ganz heiß. „Niemand darf jemals davon erfahren! Allerdings hat mein Vater es mir nie ausdrücklich verboten …“

Rafe lächelte, was ihr durch und durch ging. Er war der schönste Mann, den sie je gesehen hatte. Das war ihr erster Gedanke gewesen, als er vor zwei Jahren angefangen hatte, für ihren Vater zu arbeiten.

Charlotte war sich über die genauen Umstände nicht ganz klar, wusste nur, dass er für ihren Vater arbeitete. Und genau das schlug ihr auf den Magen. Denn auch wenn die Geschäfte ihres Vaters zum großen Teil ein Geheimnis für sie waren, war sie nicht dumm. Sie hatte den größten Teil ihres Lebens in seiner Villa in Italien verbracht, nachdem sie bereits als Kind aus den USA übergesiedelt war. In dieser Abgeschlossenheit hatte sie gelernt, wie man Informationen sammelte, indem man einfach nur stumm beobachtete.

Charlotte war im Laufe der Zeit fast zu einem Teil des Mobiliars in der Villa geworden. Deswegen wurde sie oft unterschätzt, was ihr durchaus gefiel.

Es war schön, unsichtbar zu sein.

Aber dann war Rafe aufgetaucht und hatte ihr nicht erlaubt, weiter unsichtbar zu bleiben. Er hatte sie gesehen. Und zwar von Anfang an. Sie war sechzehn gewesen, und bei seinem Anblick hatte ihr Herz einen Moment lang aufgehört zu schlagen. Nicht nur weil er schön war – das war er zweifellos. Er war Anfang zwanzig, hatte breite Schultern, ein ausgeprägtes Kinn und dunkle Augen, in denen sie am liebsten versunken wäre.

Er war hochgewachsen, fast zwei Meter groß, und sie hatte den Eindruck, dass sie ihm kaum bis zur Brust reichte. Gegen die sie sich liebend gern gelehnt hätte …

Ja, ihre Obsession war vom ersten Moment an da gewesen, und sie war nie verblasst. Offenbar war es für ihn genauso gewesen. Er hatte versucht, sie von sich fernzuhalten, doch sie hatte sich nicht abschrecken lassen. Sie hatte sich zum Narren gemacht und war ihm überallhin gefolgt. Aber es hatte funktioniert, denn irgendwann hörte Rafe auf, sie fortzuschicken und sie begannen, Freundschaft miteinander zu schließen.

Allerdings mussten Freunde sich normalerweise nicht heimlich treffen. Freunde mussten nicht warten, bis das Haus dunkel war und alle eingeschlafen waren. Mussten sich nicht an abgelegenen Orten treffen, um einen ungestörten Moment miteinander zu haben.

Ihre Zusammentreffen waren keusch und züchtig gewesen. Immer.

Bis zu jenem Nachmittag, an dem sie sich in der Scheune getroffen hatten und er ihr gesagt hatte, dass es Zeit für ihn war, zurück zu seiner Arbeit zu gehen – was immer das bedeutete. Das hatte Charlotte mit einer Verzweiflung erfüllt, gegen die sie nicht ankämpfen konnte.

Sie hatte sanft sein Gesicht gestreichelt, woraufhin er sie mit eisernem Griff am Handgelenk packte. Seine Augen hatten einen dunklen Glanz angenommen, wie sie es noch nie gesehen hatte.

Noch bevor sie protestieren konnte, hatte sie seinen Mund auf ihren Lippen gespürt. Besitzergreifend, als wollte er sie für immer als die Seine kennzeichnen.

Bis zu diesem Moment war Charlotte noch nie geküsst worden. Aber Rafe zu küssen, war so gewesen, als hätte sie die Oberfläche der Sonne berührt. Sie konnte es kaum ertragen.

Es war zu heiß. Zu hell. Zu viel.

Und viel zu kurz.

Doch in der Nacht war er dann über das Gitter geklettert und in ihr Zimmer gekommen. In ihr Turmzimmer, hoch über dem Haus gelegen und von allen anderen getrennt. Niemand kam je in ihr Schlafzimmer.

Aber er war gekommen. Und er hatte sie noch einmal geküsst. Und noch einmal.

Zwei Wochen lang war Rafe jede Nacht in ihr Zimmer gekommen. Ihre Küsse waren noch länger und tiefer geworden. Sie hatten angefangen, ihre Kleidung auszuziehen. Sie lagen miteinander auf dem Bett und tauschten Zärtlichkeiten aus, die Charlotte noch vor Kurzem schockierend gefunden hätte.

Doch mit Rafe fühlte sich all das richtig an – und sie hatte ihn um mehr gebeten. Hatte ihn gebeten, ihr ihre Jungfräulichkeit zu nehmen.

Es war in Ordnung für sie gewesen, zu warten. Aber in dieser Nacht fühlte sie eine Dringlichkeit, die neu war. Charlotte wusste, dass sie Rafe von der Unterhaltung mit ihrer Stiefmutter am frühen Morgen erzählen musste.

Ihr Vater sprach nicht oft mit ihr. Wichtigere Informationen bekam sie meistens von ihrer Stiefmutter Josefina übermittelt, die die abgebrühteste und misstrauischste Person darstellte, der Charlotte je begegnet war. Und angesichts der Tatsache, dass Charlotte auf einem Anwesen mit Kriminellen zusammenwohnte, wollte das schon etwas heißen.

An diesem Morgen hatte Josefina ihr mitgeteilt, dass die Pläne ihres Vaters kurz vor der Vollendung standen. In einer abgelegenen Ecke Italiens hatte er einen Gangsterboss gefunden, der eine Frau suchte. Das war eine Allianz, die ihr Vater mit seiner eigenen Blutlinie zementieren wollte. Eine dynastische Verbindung. Der einzige Nutzen, den eine Tochter für ihn haben konnte, die er von Anfang an nicht gewollt hatte.

Josefina schien überglücklich über die Aussicht zu sein, ihre Stieftochter, auf die sie immer eifersüchtig gewesen war, endlich loszuwerden. Diese Eifersucht hatte Charlotte nie verstehen können, denn schließlich war sie nichts als eine Gefangene im Heim ihres Vaters. Aber Josefina war einmal ein armes Mädchen aus dem Dorf gewesen, und sie hatte sich hochgearbeitet – von Michael Adairs Geliebter zu seiner Frau. Charlotte hatte den Verdacht, dass ihre Stiefmutter insgeheim Angst hatte, eines Tages ihre hohe Stellung wieder zu verlieren. Vielleicht war es diese Angst, die Josefina so bösartig werden ließ?

Sie wirkte jedenfalls definitiv bösartig, als sie Charlotte von ihrer bevorstehenden Hochzeit erzählte.

Auf eine vage Art und Weise hatte Charlotte immer gewusst, dass ihr Leben in dieser Weise verlaufen würde. Denn ihr Vater war wie ein Gebieter aus dem Mittelalter, der über alles und alle herrschte, die von ihm abhingen. Daher war es auch nur naheliegend, dass er seine Macht in der kriminellen Welt durch eine Heirat zementieren wollte.

Aber obwohl sie immer gewusst hatte, dass diese Möglichkeit bestand, hatte sie ihr Bestes getan, nicht daran zu denken. Und jetzt gab es auch noch Rafe.

Rafe, durch den Liebe und Sex plötzlich nichts Abstraktes mehr waren, sondern etwas, wonach sie sich sehnte.

Die Vorstellung, dass sie ihren Körper mit jemand anderem … Nein, das war unerträglich. Ihre Sehnsucht nach Rafe, nach seinen Berührungen, nach seinen Küssen, nach allem … das war für sie so intim. Es war mehr als Verlangen.

Es war eine Sache des Herzens! Er war ihr Herz.

Und nun war Charlotte mit Rafe in ihrem Schlafzimmer. Der Mann ihres Herzens blickte sie an, und seine Augen verdunkelten sich. „Ich möchte, dass du ein paar Regeln für mich brichst. Mir ist klar, dass dein Haar als etwas Besonderes gilt. Du darfst es nicht schneiden, nicht wahr?“

Charlotte strich über ihren schweren Haarknoten. „Das stimmt nicht ganz. Ich lasse die Spitzen schneiden. Aber ansonsten stimmt es. Mein Vater glaubt, dass mein Haar einen Teil meiner Schönheit ausmacht.“ Und was sich ihr Vater von ihrer Schönheit erhoffte, war Charlotte gerade an diesem Morgen alarmierend bewusst geworden.

„Das ist irgendwie unheimlich.“

Sie zwang sich zu einem Lachen. „Du kennst ihn doch. Schließlich arbeitest du für ihn.“

„Ich arbeite nur so lange für ihn, bis meine Schuld beglichen ist. Ich schulde ihm keine Loyalität.“

Es war das erste Mal, dass Rafe so etwas zu ihr sagte.

„Ich habe nicht … das habe ich nicht gewusst, Rafe.“

„Und ich darf eigentlich auch gar nicht darüber reden. Aber ich dürfte ja auch nicht hier sein und dich so berühren, wie ich es jetzt tue.“ Er legte ihr die Hand auf die Wange und küsste sie. „Lass dein Haar herunter!“, flüsterte er gegen ihre Lippen.

Dieses Mal gehorchte sie. Für ihn. Nur für ihn …

Charlotte wurde in die Gegenwart zurückkatapultiert, und ihr Herz pochte genauso heftig wie in jener Nacht. Wenige Wochen danach war alles auseinandergebrochen. Und sie war allein zurückgeblieben, bis ins Tiefste verwundet.

Denn Josefina hatte ihr mitgeteilt, dass Rafe gegangen war, dass er sie nicht wollte. Und dass sie gar keine andere Wahl hatte, als Stefan zu heiraten. Charlotte hatte dagegen protestiert. So sehr, dass man sie eingesperrt hatte. So sehr, dass ihr endlich das wahre Wesen ihres Vaters klar geworden war. Er liebte sie nicht. Überhaupt nicht. Er würde sie umbringen, wenn sie nicht den Mann heiratete, den er für sie ausgewählt hatte. Das waren seine Worte gewesen, und sie hatte ihm sofort geglaubt.

Aber Charlotte wollte ihr Schicksal nicht akzeptieren. Denn wenn sie durch das Zusammensein mit Rafe etwas gelernt hatte, dann dass es im Leben noch mehr gab als ihre Villa. Noch mehr als ihr Turmzimmer.

Als ihr Vater sie schließlich unter strenger Bewachung zu ihrem zukünftigen Mann schickte, hatte Charlotte an einer Tankstelle die Gelegenheit zur Flucht ergriffen.

Sie war bis tief in den Wald hinein geflohen. Innerlich spürte sie, dass man ihr dorthin nicht folgen würde, und sie hatte recht gehabt. Die Männer hatten auf den Highways nach ihr gesucht und verschiedene Autos angehalten.

Niemand hatte der verwöhnten Erbin des Adair-Imperiums zugetraut, dass sie sich im Wald verstecken würde, wo Wölfe und Füchse unterwegs waren.

Doch genau das hatte sie getan.

Schließlich war sie bis nach Deutschland gelangt, wo sie sich in ländlichen Gebieten mit einfachen Jobs über Wasser hielt. Sie blieb nie lange an einem Ort, damit man sie nicht finden konnte.

Es war ein ziemlich einsames Leben, doch es war auch befreiend.

Erst Jahre später hatte sie Rafe wiedergesehen, und zwar auf der ersten Seite einer Zeitung. Berichtet wurde die Geschichte eines Mannes, der sich von den italienischen Slums hochgearbeitet hatte und der zu einem der reichsten Männer der Welt geworden war.

Es war die Geschichte eines blinden Mannes. Verwundet bei einem Unfall, über den zu sprechen er sich weigerte.

Danach hatte Charlotte ihn oft in den Schlagzeilen gesehen. Es wurde nie einfacher für sie. Und auch nie weniger schmerzhaft. Denn sie sehnte sich nach ihm. Sehnte sich nach dem, was sie hätten haben können, wenn er sie wirklich so geliebt hätte, wie sie es geglaubt hatte. Und es tat ihr in der Seele weh, dass Rafe sein Augenlicht verloren hatte.

Seine Milliarden waren ihr gleichgültig. Sie hatte immer gewusst, dass Rafe sein Schicksal meistern würde. Er war einzigartig, war es immer gewesen.

Dann hatte sie vom überraschenden Tod ihres Vaters erfahren – und davon, dass Rafe zu einem gesellschaftlichen Event in London erwartet wurde. Sofort hatte Charlotte sich entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen.

Denn jetzt, da ihr Vater tot war, würde gewiss niemand mehr nach ihr suchen.

Und was Rafe anging … Nun, er würde sie nie mehr sehen können. Aber sie konnte ihn sehen. Und das musste sie auch, damit sie mit ihrem Leben vorankam. Die Zeit, in der sie sich versteckt hatte, war vorbei. Trotzdem gab es noch ein paar Dämonen, die sie besiegen musste.

Charlotte holte tief Luft und trat aus dem Schatten ans Licht. Das erste Mal seit fünf Jahren.

Sie spürte, wie die Blicke der Anwesenden ihr folgten, als sie den Ballsaal durchschritt. Aber das war ihr egal. Sie war nicht hier, um bewundert zu werden. Sie war seinetwegen hier.

Sie trug ihr schönstes Kleid für ihn, auch wenn es albern war, denn natürlich würde er sie nicht sehen können …

Dann sah sie ihn, sein Anblick zog sie an wie ein Magnet. Er stand in der Mitte des Saals und unterhielt sich mit ein paar Männern in Anzügen. Er war noch immer der schönste Mann, den sie je gesehen hatte. Aber mit dreißig wirkte er jetzt viel reifer als mit fünfundzwanzig. Er war ein bisschen kräftiger, seine Gesichtszüge ein wenig ausgeprägter. Er trug einen Dreitagebart, und sie fragte sich, wie es sein mochte, ihn zu berühren. Denn seit Rafe hatte sie keinen Mann mehr berührt. Es hatte sie einfach nicht interessiert.

Und eins stand fest – noch immer zog er sie unwiderstehlich an. Er berührte ihren Körper, ihr Herz und ihre Seele.

In diesem Moment verabschiedete er sich von den Männern und ging direkt auf sie zu. Charlotte erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Oder wie eine Frau, die Rafe Costa anstarrte.

Und sie war nicht die Einzige, die das tat. Bewundernde Blicke folgten ihm. Seine Bewegungen waren geschmeidig und sicher. Nie hätte Charlotte vermutet, dass er blind war.

Er kam näher, und ihr Herz schlug immer schneller. Ihre Hände begannen zu zittern, und sie wünschte sich mit aller Macht, ihn berühren zu können.

Oh, sie wollte ihn mehr als alles andere, wollte ihn mehr als ihren nächsten Atemzug. Mit aller Kraft wünschte sie sich, sein Gesicht noch einmal streicheln, seine Lippen noch einmal zu schmecken. Und die Hände auf seine Brust zu legen, um zu sehen, ob sie sein Herz immer noch zum Rasen bringen konnte.

In diesem Moment war es ihr egal, was ihre Stiefmutter ihr gesagt hatte. Dass Rafe ein Angebot seines Vaters, früher aus dessen Diensten auszusteigen, genutzt hatte. Dass er sie einfach vergessen hatte.

Hatte er auch vergessen, wie sie ihn angefleht hatte, ihr ihre Jungfräulichkeit zu nehmen und sie ganz in Besitz zu nehmen?

Aber das hatte er nicht getan.

Aus Gründen der Ehre, hatte er gesagt. Und um sie zu schützen.

Die Wahrheit war jedoch, dass er sie nie gewollt hatte. Dass er nur mit ihr gespielt hatte.

Das durfte sie nie vergessen. Und auch ihr verräterischer Körper durfte es nicht vergessen. Aber das tat er nicht. Ihr Magen begann zu flattern und schien plötzlich voller Schmetterlinge zu sein.

Rafe kam immer näher, die Menschen machten ihm Platz und wichen vor ihm zurück.

Die Zeit schien sich zu verlangsamen, und Charlotte spürte ihren eigenen Herzschlag, ihren Atem.

Dann stand er vor ihr. So nah, dass sie nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren.

Er sah sie an, sah über ihre Schultern hinweg, seine dunklen Augen hatten keinen Fokus. Doch er ergriff sie am Handgelenk und zog sie an seinen muskulösen Körper.

„Charlotte.“

2. KAPITEL

Das kann nicht wahr sein!

Charlotte war vor fünf Jahren verschwunden. Nein, sie war nicht einfach nur verschwunden, sie hatte einen anderen Mann geheiratet.

Das triumphierende Lächeln auf dem Gesicht ihrer Stiefmutter war das Letzte, was Rafe gesehen hatte. Das Letzte, was er überhaupt gesehen hatte.

Er konnte scharfe Kontraste zwischen Licht und Dunkelheit unterscheiden, doch konnte er keine Gesichter oder Farben sehen. Nichts Subtiles.

Aber Rafe hatte ihren Duft gerochen, als er auf sie zugegangen war. Und in diesem Moment hatte er so vieles gesehen. Farbe und Licht waren in seinem Geist explodiert, hell und scharf. Sonnengetränkte Tage in der Toskana, die für ihn die Hölle auf Erden gewesen wären ohne diese Frau. Sanft perlmuttschimmernde Haut, die zu fein, zu erlesen war, um sie zu berühren. Und trotzdem hatte er es getan. Er hatte ihre Haut berührt – und ihr wunderschönes blondes Haar, von dem ihr Vater auf eine so eigenartige Weise besessen war.

Es war unglaublich lang und immer zum Knoten hochgesteckt, sodass niemand es wirklich sehen oder bewundern konnte. Die Erinnerungen stürmten plötzlich mit aller Macht auf Rafe ein …

„Lass dein Haar herunter!“, flüsterte er Charlotte zu, während er sie auf den Hals küsste. Sie lagen gemeinsam auf ihrem großen Himmelbett.

Er flehte sie um dieses Privileg an, jede Nacht. Das Privileg, dass er ihr durchs Haar streichen durfte. Dass er die seidenen Strähnen berühren und sie nackt sehen durfte. Nackt bis auf das Haar, das ihren hellen Körper wie ein Wasserfall umfloss, sodass ihre pinkfarbenen Brustspitzen durch den goldenen Vorhang hindurch kaum zu sehen waren.

Sie hob die Hände, zog die Haarklammern heraus und folgte seinem Befehl. In den letzten Wochen, als er jede Nacht auf ihr Zimmer gekommen war, hatte er sie immer gebeten, dies für ihn zu tun. Und sie folgte seinem Wunsch. Die Tatsache, dass Charlotte es nie herunterließ, bevor er im Zimmer war, ließ ihn glauben, dass ihr dieses Spiel gefiel. Das Spiel seiner Befehle und ihres Gehorsams.

Er hatte nichts dagegen, denn ihm gefiel es auch.

Es war gefährlich, dieses Spiel. Leicht, sich vorzumachen, dass es eine Art harmloser Verabredung war. Aber Rafe machte sich keine Illusionen. Wenn man ihn mit Charlotte erwischte, würde ihr Vater ihn töten. Und wenn sich herausstellte, dass sie keine Jungfrau mehr war, würde vielleicht auch Charlotte getötet werden.

Deshalb nahm er ihr ihre Jungfräulichkeit nicht, sondern erweiterte nur Nacht um Nacht ihre Grenzen. Jede Nacht bat sie ihn um mehr. Jede Nacht lehnte er ab. Aber Rafe wurde langsam schwach. Viel länger würde er es nicht mehr ertragen können. Und um ehrlich zu sein, wollte er das auch gar nicht.

Rafes Fluchtplan wurde immer konkreter. Sein geheimes Vermögen wuchs und wuchs – und das war auch gut so. Denn er konnte Charlotte kaum in ein Leben in Armut stürzen, nachdem sie als die Tochter eines Gentleman Gangsters jahrelang ein Leben im Luxus geführt hatte. Michael Adairs Imperium gab sich zwar nach außen hin den Anschein der Legitimität, aber in Wirklichkeit war es alles andere als das.

Rafe wusste nur allzu gut Bescheid über die Macht, die Männer wie Michael ausübten. Er wusste auch, wie es sich anfühlte, von einem Leben in Luxus in eines von Armut gestürzt zu werden. Denn sein eigener Vater war gar nicht so anders als Michael Adair. Oh, er war vielleicht kein Krimineller, aber er hatte ebenfalls keine Skrupel, Menschen wie Gegenstände zu behandeln.

Bis sie keinen Nutzen mehr für ihn hatten und er sie mit der Stiefelspitze zertreten konnte. Daran erinnerte sich Rafe, der seinen Vater seit seinem fünften Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte, noch genau. Wie sehr sein Erzeuger es genossen hatte, anderen Schmerzen zuzufügen.

Als er ihn und seine Mutter auf die Straße geworfen hatte, hatte ihm das offensichtlich Vergnügen bereitet. Vielleicht hatte er seine Macht dadurch noch deutlicher spüren können.

Macht. Ja, solche Männer liebten die Macht.

Und Rafe hatte viele Jahre ohne Macht verbracht. Er hatte gebettelt. Gestohlen. Hatte alles getan, um seiner Mutter zu helfen, zu überleben.

Dann hatte er zusammen mit einer Gruppe Jungen kleine Straftaten begangen. Hatte Päckchen ausgeliefert, von denen er nicht gewusst hatte, was sie enthielten. Solche Sachen eben.

Am Ende war er von der Polizei erwischt worden, und man hatte ihn wegen Drogenhandel vor Gericht gestellt, obwohl er noch ein Junge war. Ein Junge, der keine Ahnung gehabt hatte, worauf er sich einließ.

Und auf diesem Weg hatte er Michael Adair kennengelernt.

Erst sehr viel später erkannte er, dass dieser Mann eine Verbindung zu den Drogenhändlern gehabt haben musste, für die er gearbeitet hatte.

Michael Adair hatte Rafe nicht nur befreit, sondern ihm auch eine Ausbildung ermöglicht. Er hatte dafür gezahlt, dass er eine der besten Privatschulen Europas besuchen konnte. Und Rafe hatte es begierig akzeptiert. An die möglichen Konsequenzen hatte er keinen Gedanken verschwendet …

Michael hatte ihm versprochen, dass er sich eines Tages diesen Gefallen würde zurückzahlen lassen. Und tatsächlich hatte er diese Drohung wahr gemacht.