7,99 €
Es ist ein schwüler Juni. Die 21-jährige Alicia kehrt zu der Beerdigung ihrer Großmutter in ihr Heimatdorf zurück, das sie vor drei Jahren fluchtartig verlassen hat. Ihrer von Wahnvorstellungen geplagten Mutter verspricht sie, einige Tage zu bleiben. Während der Sommer immer heißer wird und Träume in die Realität rinnen, trifft sie auf Menschen, die sie kannte, einen Fremden und ein undurchdringliches Kindheitstrauma. Melancholie und Wahnsinn verschlingen sich, wilde Leidenschaft wird umhüllt von kühler Depression, Schönheit wandert an morbiden Albträumen entlang. ›Ein Roman, der schleichend einen intensiven Sog entwickelt, gefüllt mit in der Hitze flimmernden, vagen Mysterien. Schön, düster und außergewöhnlich.‹
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2023
Buch
Es ist ein schwüler Juni. Die 21-jährige Alicia kehrt zu der Beerdigung ihrer Großmutter in ihr Heimatdorf zurück, das sie vor drei Jahren fluchtartig verlassen hat. Ihrer von Wahnvorstellungen geplagten Mutter verspricht sie, einige Tage zu bleiben. Während der Sommer immer heißer wird und Träume in die Realität rinnen, trifft sie auf Menschen, die sie kannte, einen Fremden und ein undurchdringliches Kindheitstrauma. In diesem außergewöhnlichen Roman verschwimmen nicht nur Wirklichkeit und Traum, sondern auch vermeintliche Dichotomien in Stil, Ausdruck, Form, Inhalt und menschlichem Gefühl. Kommunizierte Gegensätzlichkeiten und Gewissheiten verlieren sich in der Unschärfe des glühenden Sommers, während ein eigenwilliger Sog entsteht, durchsetzt von poetischer Schwermut und Leidenschaft, rätselhaften Mysterien und Abscheulichkeiten.
Autor
Simon Patschureck, geboren in Mannheim. »Fiebriger Sommer« ist sein Debütroman und zugleich sein erstes literarisches Werk überhaupt.
Simon Patschureck
Fiebriger Sommer
Roman
HoFN
Erste Ausgabe
© 2023 Simon Patschureck
Verlagslabel: HoFN
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
ISBN Softcover: 978-3-347-86514-3
ISBN Hardcover: 978-3-347-86516-7
ISBN E-Book: 978-3-347-86515-0
ISBN Großschrift: 978-3-347-86517-4
Helles Gelb, dunkles Orange
FIEBRIGER SOMMER
Cover
Buch
Titelblatt
Urheberrechte
1. Dunkles Orange, helles Gelb
2. Beerdigungen
3. Altes Zimmer
4. Blasen steigen empor
5. Lamin und Elisabeth
6. Das Dorf
7. Nadine
8. Leere Dusche
9. Die Nadel setzt auf
10. Hügel
11. Kühlweiße Kegel
12. Lärm und Stille
13. Trichter
14. Die Nacht dauert an
15. Ein Schatten kauert
16. Grüne Holztür
17. Eisenbahnbrücke
18. Der Fremde
19. Letzter Traum
20. Fuchskadaver
21. Helles Gelb, dunkles Orange
Cover
1. Dunkles Orange, helles Gelb
Titelblatt
Urheberrechte
21. Helles Gelb, dunkles Orange
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
1
Dunkles Orange, helles Gelb
Die Hitze schwängerte die Luft, ließ sie dick und träge durch Orte wabern, die in dem ausgestoßenen, monotonen Geruch von kokelndem Leder zähflüssig ineinander zerflossen, sodass man überall und nirgendwo sein konnte, nie wissend, wo man wirklich war. Aber hier wusste sie es.
Ein einsamer, grauer, sich in die Länge ziehender Feldweg vor einem gravitätischen Meer aus Roggen. Darin zu ertrinken, wäre ein erfüllender Tod.
Die hochstehende Sonne verwandelt das Roggenfeld in eine gezeichnete Erinnerung. Dunkles Orange, helles Gelb. Dahinterliegend: Nichts. Keine Zeit. Keine Erwartungen. Weder welche, die von anderen an einen gestellt werden, noch welche, die man an sich selbst oder wiederum an andere stellt.
Stetig wiederkehrend drückt sich der sommerliche Wind gegen den Roggen, schiebt ihn mit sich und lässt ihn zurückfallen. Pause, Wiederholung. Ein animiertes Bild, ein echtes Bild.
Alicia versinkt in diesem Schauspiel, inhaliert den Wind, lässt die Nostalgie durch ihren Körper wehen. Es sind einige Jahre vergangen, seit sie das letzte Mal hier stand. Damals war es ihr Ort. Ihre Mutter war ihm so unbekannt wie gleichgültig. Er blieb unberührt von ihrer eigenen Traurigkeit, als würde sie nicht existieren. Und außerhalb von ihr tat sie das auch nicht. Sie musste nur von innen nach außen entkommen. Es gibt viele Leben jenseits desjenigen, das man lebt. Und irgendwann würde sie in eines davon eintauchen. Eine leichte Nachmittags-Hoffnung, die an jedem darauffolgenden Morgen schwer geworden in einem Treibsand aus Müdigkeit einsank.
Manchmal schloss Alicia vor dem sich bis zum Horizont erstreckenden Roggenfeld die Augen, ließ sie stundenlang geschlossen und überlegte auf ewig hierzubleiben, nicht nach Hause zurückzukehren, dort, wo ihre Traurigkeit Bedeutung hatte, dort, wo ihre Mutter einen Namen hatte, dort, wo sie selbst einen Namen hatte. Niemand hätte sie vermisst und sie hätte genauso wenig irgendjemanden vermisst.
Immer wieder wird die Hitze vom aufkommenden Wind gebrochen, dessen wellenartiges Rauschen sich in das Zirpen scheinbar unzähliger Grillen einflechtet. Das Geräusch eines Sommers. Der zweiundzwanzigste Sommer ihres Lebens.
Sie schließt die Augen, so wie sie es früher tat. Diesmal keine Stunden andauernd. Das Leben ist schneller geworden, die Zeit weniger. So zu fühlen wie damals wird nie mehr möglich sein, nur es zu simulieren. Hinter den geschlossenen Lidern findet Alicia vergessene Impressionen, in denen sich nasse Erde in den Zwischenräumen kindlicher Schuhsohlen verfangen hat. Im strömenden Regen mit winzigen Fingern aus den Rillen ausgeschabt, ergibt die Erde eigensinnig geformte, weiche Klumpen. Doch im Jetzt spürt Alicia ausschließlich die Trockenheit eines harten Bodens unter ihren Füßen.
Als sie ihre Augen wieder öffnet, steht zwanzig Meter von ihr ein Mann im Wind. Frisch aus der heißen Junisonne geboren. Sein Gesicht hat er auf die Ferne gerichtet, sein in stetiger Bewegung flatternder, dünner Mantel ist eine einsame Gestalt, die der Wind angenommen hat.
Der Mann schaut heraus auf das Meer aus Roggen, so wie sie es immer tat. Als wäre dasselbe Leid der Auslöser dafür, die Weite so sehnsüchtig in sich aufnehmen zu wollen.
Dann wendet er seinen Blick Alicia zu. Zerwühltes, dunkles Haar. Sein entferntes Gesicht ist ein melancholischer Ort. Kantig, traurig, anziehend. Heimat. Alicia faltet ihre Hände. Heimat ist eine Illusion, etwas, wovon sich die Menschen erzählen wie von nicht existierenden Göttern.
Sein Gesicht dreht der Mann wieder hin zur Ferne und läuft ihr entgegen, sein Gang geprägt von einer sonderbar hypnotischen Ruhe. Mit jedem weiteren Schritt verschwindet er tiefer im Roggenfeld. Dabei sieht es aus, als löse der Wind Fragmente seiner äußeren Hautschicht und verteile sie als transparente, gleißende Flächen im Cyan des Himmels. Bald darauf ist der Mann nicht mehr zu sehen, eingesickert in das Roggenmeer.
Noch nie zuvor hatte sie hier jemanden stehen sehen. Es kam ihr als Kind so vor, als würde eine dünne, nicht sichtbare Glasschicht das weite Feld umschließen, bei der nur sie wusste, wo sich die schmale Öffnung zum Durchschreiten befand. Sie
war dann das Mädchen hinter Glas.
2
Beerdigungen
Ein Tag an irgendeinem November, da bekam Alicia von ihrer Großmutter eine graue Wollmütze geschenkt. »Immer bist du draußen unterwegs und jedes Mal sind deine Haare dann ganz nass. Das macht dich noch ganz krank«, hatte sie gesagt.
Vermutlich ist sie deswegen zu ihrer Beerdigung gekommen. Vielleicht hatte sie auch nur darauf gehofft, hier Stille zu finden. Falsche Hoffnungen, damit kennt sie sich aus. Niemand sagt etwas, aber Stille gibt es hier keine. Beerdigungen sollten anders sein. In dem Versuch, sich an das Begräbnis ihres Vaters zu erinnern, sieht sie lediglich eine cremefarbene Wandecke vor sich, von welcher der Putz abbröckelt, während auf ihrem Trommelfell ein dumpfer Druck liegt, als würde sie jemand kopfüber in eine gefüllte Badewanne tunken.
Die Hand ihres Freundes streift ihre. Sie bemerkt, wie er ihr Seitenprofil ansieht. Alicia hatte ihn gebeten, sie am Weg zum Roggenfeld herauszulassen, zum Friedhof vorzufahren und dort auf sie zu warten. Er gab keine Widerworte. Früher hätte er vergeblich darum gebeten, sie begleiten zu dürfen, aber mittlerweile hat er sich mit ihrem wiederkehrenden Drang nach Einsamkeit abgefunden.
Die Sonne steht noch immer hoch, so wie sie es eine Stunde zuvor tat, herabscheinend auf den Mann im Wind. Und nun: Gesichter, als hätte jemand sie vor dem Grab auf hohen Holzpfählen in einer Reihe aufgesteckt und ihnen die trauernden Augen nur aufgemalt. Alicia blickt in jedes einzelne. Keine Heimat, auch nicht in den Gesichtszügen ihres Freundes, als er gezwungen lächelnd zurückschaut.
Alicia treibt davon. Wohin? Irgendwohin. Hat überhaupt jemand etwas gesagt? Verlorengegangene Worte für ein verlorengegangenes Leben?
»Mein Beileid.« Eine korrekte Hand, die ihre sich mechanisiert entgegen bewegende umgreift, holt sie zurück. Zurück wohin? Irgendwohin.
»Mein Beileid.« Die Worte verändern sich nicht, aber sie kommen näher. Bis irgendwann ihr Freund aus Teenagerzeiten vor ihr steht. Anton. Vierundzwanzig ist jung, sagt man. Doch auch in seinem Gesicht hat sich der Ernst ausgebreitet, die Unbekümmertheit zurückgedrängt. Und er wird sein Werk vollenden.
Antons Augen sind kühles Blau, seine Haare kühles Blond. Erst jetzt bemerkt sie die Kälte. Er streift mit seinem Handrücken seitlich über die Wange, als hätte Alicia seine Bartstoppeln nicht registriert und er müsste sie erst darauf aufmerksam machen. Seine Augen verfangen sich in ihrem Gesicht. Die Art, wie sie andere ansehen, gefällt ihr besser als die Art, wie sie sich selbst ansieht. Auch wenn sie ihr Spiegelbild jetzt im Juni besser erträgt. Sie ist das Kind eines späten Herbstes, aber sie hat das Gesicht eines flirrenden Sommers. Die langen, blonden Haare sind die sich über Häuserdächer, Baumkronen, Felder legenden, goldenen Sonnenschleier, und die Sommersprossen sind die darin tanzenden Mücken.
»Mein Beileid.«
»Danke.«
Die Dämmerung kündigt sich mit leicht ins Rötliche übergehenden Verfärbungen des Himmels zaghaft an. Widersprüchlich geben sich die nüchtern engräumig angeordneten Gräber keine Nähe, sondern Distanz. Die dunkle Erde liegt zu Füßen, als wäre sie selbst eine Leiche. Auf dem hellgrauen Grabstein ihrer Großmutter ist in akkuratem Schriftverlauf mit breiten Buchstaben ›Marta Gerlspeck‹ eingraviert, darunter ihr Todesdatum. Zu Lebzeiten roch sie nach aufgefächerten Büchern und ausgelaufener Tinte. Sie war in dem kleinen Lebensmittelladen des Dorfes, als sie plötzlich umkippte und auf den Fliesen aufschlug. Herzstillstand; die Versuche, sie zu reanimieren, scheiterten. Das war es, was Alicia am Telefon über Martas Tod erfuhr.
Die meisten sind bereits gegangen, aber Alicias Mutter ist noch hier. Sie steht wie immer etwas abseits. Der Wunsch, nicht gesehen zu werden. Keine Chance, denn gefunden wird man hier so oder so. Eine alte Frau steht bei ihr, der Rücken gedrückt von der Last vieler Lebensjahre.
Alicia fühlt den unbearbeiteten, radikalen Zug vom Brustkorb ausgehend in ihren Hals hinein. Das Herz hält an oder es zerberstet. Sie bemerkt, wie ihr Freund sich zu ihr wendet. Sie möchte nicht in sein mildes Gesicht schauen, den unausgesprochenen Worten ›Soll ich dich begleiten?‹ keinen Anstoß geben, ausgesprochen zu werden.
»Ist schon gut, Lamin.« Ihre nach unten durchgeführte Bewegung der Handfläche bedeutet ihm hierzubleiben.
Alicia läuft auf ihre Mutter zu. Sie erlaubt sich kein Zögern. Die alte Frau nimmt wahr, wie Alicia sich nähert und weiß, dass es Zeit ist, zu gehen. Zum Abschied umschlingt sie die Hand von Alicias Mutter. Eine archaische Hand mit einer erschöpften vereint.
Die Frau versucht ihren Rücken gegen die darauf angesammelte Last zu stemmen, dem Schwund ihrer Stimme entgegenzuwirken: »Mach’s gut, Elisabeth.«
Dann geht sie tief gebeugt davon. Der Rücken hat den Kampf gegen die Last verloren.
Alicias Blick ist auf das Profil ihrer Mutter gerichtet. Die langen Haare sind weiß und dünn geworden, um die abgesunkene Nasenspitze herum haben sich Einkerbungen gebildet. Und zugleich wird ihr Gesicht nach wie vor von dieser bedrohlichen Ästhetik überzogen, die schon immer ein Rätsel für Alicia war.
Elisabeth dreht ihren Kopf leicht, nicht weit genug, um Alicia anzusehen. Unter ihrer dürren Haut am Hals wohnt etwas Bleiches, das im schwindenden Sonnenlicht durchscheint.
»Wirst du hier bleiben? Wie versprochen?«
Der Klang ist gleichgültig, die Frage ist es nicht.
»Vorübergehend.«
»Okay. Ich fahre vor und ihr folgt mir dann.«
Obwohl ihre Mutter nicht hinschaut, führt Alicia erneut ihre Handfläche nach unten, versucht das mitschwingende Zittern aus ihren Antworten herauszuhalten.
»Ich kenne den Weg noch.«
3
Altes Zimmer
Das Rot am Himmel breitet sich aus, verschwimmt an den Enden. Lamin fährt, Alicia schaut aus dem Seitenfenster. Das Dorf, in dem sie aufwuchs durch einen glasigen Schutzfilm, der das Licht aufspaltet und auf ihrem Gesicht verteilt. Provinzielle Häuser, weiße Wände, rot-braune Dächer, grünes Gras, darüber der aufgespannte, schläfrig gewordene Himmel. Hier hätte ein anderes Leben stattfinden sollen. Die, das Dorf umschlingenden Bäume sind Gitterstäbe.
»Ist alles okay?« Lamins Blick ist für einen Moment bei Alicia, dann wieder auf die Straße gerichtet.
»Es sieht alles so aus wie vor drei Jahren.« Ist es Bitterkeit oder Angst, die sie schmeckt, als sie ihre Zunge bewegt?
Lamin legt seine Handfläche auf ihren Handrücken. Seine Hand ist warm. Eine physische Gegebenheit, nicht mehr. Sie zieht ihre Hand unter seiner weg; er atmet hörbar aus.
Aus Obuasi in Ghana waren seine Eltern vor vielen Jahren nach Hamburg gekommen. Sein älterer Bruder Enam war bereits geboren, Lamin kam erst drei Jahre später zur Welt. Er wuchs auf zwischen Eisenbetten und einer Toilette, seine Eltern husteten und ihre Glieder schmerzten.
In einem Nachtclub sah sie ihn. Lagerhalle, stahlblaue Beleuchtung und ein kaltblütiges Gewitter an Lichtern, inmitten derer Lamin tanzte, er war nicht zu brechen, nicht zu bändigen. Die Menschen um ihn herum verschwammen ineinander, bildeten eine klumpige Masse und Alicia ging auf ihn zu. Er tanzte weiter, jedoch fand seine Sicht in Alicia einen Fokus. Sie suchten sich ein Motel und schliefen in derselben Nacht miteinander. Als sie aufwachte, stand er nackt am Fenster und als er sich umdrehte, lächelte er sie an. Es war bereits Mittag, Sonnenstrahlen bekleckerten die Scheibe.
Zwei Jahre ist das mittlerweile her. Sie war neunzehn, er vierundzwanzig.
»Hier rechts.« Alicias Arm ist gegen das Seitenfenster gelehnt, ihr Kopf wird von ihrer Hand gestützt.
»Hier?«
»Ja. Und dann geradeaus, bis ich Stopp sage.«
Alicia schließt die Augen, als Lamin mit dem roten Hyundai Pony in die Straße ihres Elternhauses einbiegt. Sie atmet ein, die Lider öffnen sich wieder. Sie atmet aus. Der Lindenbaum am Anfang der Straße hat seine Baumkrone aufgespannt. Natursteinmauern, durch deren Fugen das Grün drängt. Angrenzend daran die Vorgärten der Häuser, Hortensien schließen hier an Stockrosen an, Stauden vor den Hauswänden, Purpurglöckchen, Pfingstrosen, grüne Büsche in Eintönigkeit achtsam zurechtgeschnitten. Die Häuser geben einander und der Natur ausreichend Raum. Die stille, asphaltierte Straße steigt steil an und lässt Alicias Elternhaus erst nach ein paar Metern zum Vorschein kommen.
Erinnerungsfetzen krabbeln wie tausende kleine Spinnen in Alicias Seele. Ihr Körper möchte sie in hektischen Bewegungen herunterschütteln, doch er ist gelähmt. Die Zähne schleifen aufeinander, sie knirschen und mahlen, als würden sie Schichten von sich abtragen. Das Gebäude nimmt das Sichtfeld gefangen. Ein Kletterstrauch hat sich um die hohe, weiße Fassade geschlungen, ragt bis zum zweiten von drei Stockwerken – Die Trompetenblume, deren gelb-orange-roten Blüten sich noch nicht zeigen.
Alicias Worte verrauchen als Nachhall einer erschöpften Schallreflexion: »Stopp hier. Das ist es.«
Die Fenster sind ausdruckslose Pupillen von Menschen in U-Bahnen, der warme, braunrote Farbton des Satteldachs ist eine hämisch kalte Lüge.
Die Eingangstür steht weit offen – der leblos herunterhängende Kiefer eines Tierpräparats. Davor wartet bereits Alicias Mutter, die Arme in die Länge gestreckt und eng anliegend an ihrem schwarzen Kleid.
»Scheiße, die steht ja da wie Nosferatu.« Lamins Bemerkung kommt aus dem Nichts.
Alicia mag seinen Humor noch immer. Und doch lacht sie mittlerweile seltener darüber. Sie ist zu müde geworden.
Lamin fährt das Auto seitlich auf den Bordstein, stellt den Motor ab. Er steigt schneller aus der Fahrertür, als Alicia es sich wünscht. Sie wartet einen Moment, dann verlässt auch sie den Wagen.
Lamin hat bereits das Gepäck aus dem Kofferraum geholt. In seiner linken Hand hält er seine Sporttasche, aus seiner rechten nimmt Alicia ihren Koffer entgegen.
Sie gehen auf das Haus zu, Elisabeth steht reglos im Türrahmen als letzte verbliebene Schaufensterpuppe in einem dauerhaft geschlossenen, ausgeräumten Bekleidungsgeschäft. Lamin ist etwas voraus, doch Alicia beschleunigt ihre Schritte, um auf seine Höhe zu kommen. Sie drängt sich so dicht an ihn heran, wie sie es allenfalls vor zwei Jahren gelegentlich tat, insbesondere wenn sie getrunken hatte. Erst aus der Nähe geht das Plastik in Elisbeths Gesicht in eine dünne Haut über, die ihre Falten wie feine gewollte Risse eines chinesischen Craquelé-Porzellans trägt.
»Hallo, ich bin Lamin. Alicias Freund.«
Lamin streckt Elisabeth seine freie Hand hin, doch die ersten Regungen macht ihr Mund. »Ich weiß.« Dann nimmt sie seine Hand mit ihrer knapp entgegen. Lamin lässt sich nichts anmerken, doch er muss die Verbrennungsnarben auf ihrer rechten Handfläche spüren. Narben, wie sie an der gleichen Stelle ebenso bei Alicia eingebrannt sind.
»Bringt eure Sachen erst mal hoch in Alicias Zimmer. Ich mache Essen. Ich denke, so in dreißig Minuten könnt ihr dann wieder runterkommen.«
Alicia nickt. »Ist okay.« Ihre Stimme kriecht verschollen auf dem Grund einer unterirdischen Höhle und dürstet nach einem Echo, das jedoch ausbleibt.
Nachgebende Helle – die Dunkelheit zerrt an ihren Beinen, schleift sie schleppend aus dem Haus. Mit der Gewissheit eines rentablen Aufwands. Die letzten dünn gewordenen Arme der Helligkeit liegen bereits erschlafft auf dem glatten Boden des langgezogenen Flurs, von wo aus eine Wendeltreppe zu Alicias altem Zimmer führt.
Alicia und Lamin tragen das Gepäck die Treppe hinauf. Der Blick nach oben gerichtet, spiralförmig dem Verlauf des Geländers folgend, hypnotisierend. Immer wenn Alicia auf eine der Holzstufen tritt, hinterlässt es den Klang eines grollenden Traumas. Als hätte es sich im Hohlraum der Treppenstufen schlafen gelegt und sie würde es mit ihren Schritten unachtsam wecken. Sie versucht schleichender zu gehen, aber ihr sich beschleunigender Atem ist zu laut, der sich auf ihrer Haut bildende Schweiß zu wahrnehmbar.
Das Podest des zweiten Stocks ist erreicht. Rechts von ihnen eine Eingangstür mit großflächigem Ornamentglas, welches von beigem Holz umrahmt wird. Hier hat Alicias nun verstorbene Großmutter gewohnt und auch ihr Großvater, der allerdings bereits seit elf Jahren nicht mehr am Leben ist. In Alicias Gedächtnis flackert er in fernem Neonlicht als schemenhafte Gestalt auf. Seine Silhouette an Stellen unvollendet skizziert, sodass daraus keine menschliche Form entsteht. Das Gesicht nicht erkennbar, aber weder unsichtbar noch schwarz, sondern von einer nicht existierenden Farbe überzogen. Plötzlich zuckt es wie von einem epileptischen Anfall getrieben vor und zurück, bewegt sich für Sekundenbruchteile in das hektischer werdende Flackern hinein. Knochige Lippen werden beleuchtet, dann ausgedünnte Augenbrauen, eingefallene Wangen, dürre, lange, weiße Haarsträhnen. Lediglich wie unter eine Lupe gehaltene Ausschnitte davon. Der Schweiß auf Alicias Haut hinterlässt eine ekelhafte Kälte, ihr Atem passt sich dem panischen Rhythmus des Flackerns an, bis dieses sich verlangsamt und in ein tiefes Schwarz zurückzieht. Ihre Hand krampft sich um den Griff des Koffers, die Knochen treten weiß hervor. Lamin streichelt über ihr Schulterblatt: »Alles okay?« Die Finger um den Griff des Koffers lockern sich.
»Ja.«
»Sicher?«
»Sicher.«
Auf halbem Weg vom zweiten ins dritte Stockwerk hängt ein impressionistisches Gemälde an der weißen Wand. Eingeschlossen von einem vergoldeten Rahmen, zeigt es in neblig violett-blauen Farbtönen einen in Öl verlaufenden See, auf dem ein einsames Boot treibt. Das Gemälde hängt dort schon immer, genauso wie das oben anschließende Schwarz-Weiß-Foto. Darauf zu sehen sind zwei namenlose Männer, die seitlich versetzt vor zwei namenlosen Stühlen stehen. Sie tragen dieselben Hüte und dasselbe anonyme Gesicht, das ihren mit Gewissheit längst eingetretenen Tod bereits ankündigt. Der Bilderrahmen ist so formal, dass man ihn nicht bemerkt.
Alicia verharrt hier und bewegt sich gleichzeitig nach oben hin fort, bis sie im Flur des Dachgeschosses steht. Direkt vor ihr die Tür zu ihrem Zimmer, dunkelbraun und aus Holz. Alicia schiebt sie auf. Ihr Kopf wehrt sich gegen apodiktische Hände, die zupacken und versuchen ihn sowohl nach rechts zur Schlafzimmertür ihrer Mutter, als auch nach links zu drehen, wo sich am Ende des Flurarms eine kauernde, in blassem Grün gestrichene Holztür befindet.
»Ist was?« Lamins klare Stimme kommt rechtzeitig. Seine Brust berührt ihren Rücken und er schiebt sie mit sich in ihr Zimmer.
Alicia und Lamin stellen ihr Gepäck ab.
Das kleine Dachfenster am Ende des Zimmers lässt spärliche Linien an Licht hineinfallen, die weder ausreichen, dem Raum den dunklen Grauton zu nehmen, noch ihm einen Organismus zu geben.
Das Zimmer ist groß, die Wände weiß, der Boden aus hellem Laminat. Links an der Wand steht Alicias Holzbett mit farbloser, kalkuliert aufliegender Bettwäsche. Etwas seitlich versetzt ein aus dem gleichen dunklen Holz bestehender Kleiderschrank. Ein stramm stehender, desillusionierter Soldat, der sich hat vergessen lassen und sich nie mehr rühren wird. Gegenüber, auf einem Hocker abgestellt, ist ein träger Röhrenfernseher hin zum Bett ausgerichtet. Das Gehäuse schwarz, der Bildschirm schwarz, der Hocker schwarz. Auf der Fensterseite befindet sich ein Schreibtisch, dessen Holz sich ebenfalls nicht unterscheidet. Wo einst Stifte und beschriftete Papierblöcke lagen, ist nichts mehr. Nicht einmal der schmale Lichtkegel erreicht den Tisch. Ebenso wenig wie den kleinen, weißen Plastikstuhl davor, dem die Armlehnen fehlen.
