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Pointierte Miniaturen erzählen von besonderen Momenten im Leben von Menschen wie Du und ich. Manchmal zum Nachdenken, oft aber auch heiter mit überraschenden Wendungen. Kurze Geschichten voll Witz und Poesie. Der dritte und letzte Band aus der erfolgreichen "Momente"-Serie als deren krönender Abschluss.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Was sich nie und nirgends zugetragen hat, ist deshalb keinesfalls unmöglich.
Ernst R. Hauschka (geb. 1926), deutscher Aphoristiker
Vorwort
Die Enttäuschung
Hilfe
Spiele
Krank
Internet
Ordnung
Muttertag
Ausgebrannt
Perspektiven
Auserwählt
Hochzeit
Der Wein und die Liebe
Einst und jetzt
Die Wandlung
Das Land
Der Schatz
Essenz
Die Unbekannte
Am Berg
Weihnachten 2016
Das letzte Mal
Rückgängig
Gut gegen Gut
Schnee
Die Vernissage
Advent
Fasten
Am Meer
Grün
Denken
Zeichen
Gartenfrühling
Einkauf
Wienerwaldweg
Steine
Abenteuer
Kulturen
Normal
Seitenwechsel
Finale
Anmerkungen
Eine Begegnung, eine Emotion, Veränderung, Freude, Enttäuschung, Glück. Wir alle haben täglich Erlebnisse, die uns vielleicht selbst betreffen, die oft aber auch völlig unbedeutend scheinen, jedoch für andere von geradezu kosmischer Wichtigkeit sind. Doch oft verstellt das Umfeld in Beruf oder Familie den Blick dafür, weil eigenes Empfinden, eigene Wünsche und Anliegen sich stets in den Vordergrund drängen. Um den Blick für die kleinen großen Episoden im Leben zu schärfen komponiere ich Musik und schreibe Kurzgeschichten.
Im ersten Fall arrangiere ich mit elektronischen Nachbildungen akustischer Instrumente Musiktitel, die sich stilistisch nicht ganz einordnen lassen. Manches swingt, anderes klingt orchestral. Fad ist es nie! Bisher erschienen sind zwei CDs: „Wege“ mit vierzehn Instrumentaltiteln, und „Ich und Du“, auf der auch gesungen wird. Die dabei verwendete Kunstsprache lässt viel Raum für Phantasie.
Im zweiten Fall entstehen Kurzgeschichten, die nicht immer die volle Wahrheit des realen Vorbildes erzählen, aber immer den Kern der Gefühle dahinter. Nachdem die ersten Bände „Momente“ und „Lebenslied“ erfreulich viel Gegenliebe gefunden haben, hoffe ich, dass auch dieser Abschluss der Serie ein wenig Freude bereiten wird!
Was für eine seltsame Reaktion! Hubert stand neben dem kleinen Tischchen, an dem der Autor saß und auf dem dessen Bücher lagen. Er verstand die Welt nicht mehr. Eben war diese Lesung zu Ende gegangen und hatte ihm ehrlich Freude bereitet. Normalerweise las er ja selbst und hatte nie verstanden, warum er sich vorlesen lassen sollte. Aber ein Zufall hatte ihn hierher geführt und ihm so eine genussvolle halbe Stunde beschert. Feinsinnig beobachtete Begebenheiten, gekonnt komprimierte Momentaufnahmen mit der Gefühlswelt seiner Protagonisten im Mittelpunkt. Gewürzt mit manchmal überraschenden Wendungen war das der Inhalt seiner Bücher, dem der Autor mit seinem Vortrag zusätzlich Leben eingehaucht hatte: Einmal schneller, dann langsamer, lauter oder leiser, zögernd an den rechten Stellen und mit wechselndem Tonfall in Sequenzen direkter Rede hatte er Hubert derart in seinen Bann gezogen, dass er nicht fortgehen wollte ohne ein Buch gekauft zu haben – als Erinnerung und als kleine Aufmerksamkeit für seine Frau, die mit solchen Kurzgeschichten sicher auch ihre Freude haben würde.
Es war wohl wirklich dieses Gefühl, etwas gefunden zu haben, womit er seine Edith glücklich machen konnte, das ihn sein Alter vergessen und regelrecht aufspringen hatte lassen und hindrängen an den Lesetisch.
„Ich möchte gerne so ein Buch haben“, hatte er gesagt, aber nur eine undeutliche Antwort erhalten, die für Hubert wie „das geht nicht“ geklungen und ihn irritiert das Buch zurücklegen hatte lassen. Was für eine seltsame Reaktion.
Nach einem Moment des Nachdenkens kam er aber zu dem Schluss, dass er sich wohl undeutlich ausgedrückt hatte und es daher zu einem Missverständnis gekommen war. Vielleicht hatte seine Frage suggeriert, dass er ein Geschenk erwartete? Er musste lächeln. Nein, nein, das brauchte er nicht! Er würde seine Frage wiederholen und so Klarheit schaffen.
„Ich möchte gerne dieses Buch kaufen“, sagte er also mit entschlossener Stimme und zur Verdeutlichung zählte er den entsprechenden Betrag genau auf den Tisch, steckte die Geldbörse wieder weg und nahm mit zufriedener Miene das oberste Buch vom Stapel.
Der Dichter aber nahm das Geld nicht an und stammelte leise irgendwas. Hubert war seltsam berührt, denn da war keine Spur mehr von der sprachlichen Gewandtheit, mit der er zuvor gelesen hatte, dafür ein hilfesuchender Blick in die Runde.
„Seltsamer Mensch“, dachte Hubert, schüttelte seinen Kopf und wandte sich zum Gehen.
Doch in diesem Augenblick eilte eine Frau herbei, nahm ihm das Buch aus der Hand, legte es zurück auf den Stapel und sagte zu dem Autor:
„Aber du weißt doch: Diese Bücher sind reserviert!“
Hubert war fassungslos. Groß gewachsen und mit seinem vollen Bart eine durchaus respektable Erscheinung, fühlte er sich in diesem Moment wie der sprichwörtliche begossene Pudel. Was war hier los? Aus welchem Grund hatte der Autor denn hier gelesen, wenn nicht, um seine Bücher zu verkaufen? Und wenn sich jemand dafür interessierte, wollte er sie nicht hergeben? Er hatte ja immer gewusst, dass Künstler seltsame und schwer zu verstehende Menschen waren, aber eine Reaktion wie diese verstörte ihn dennoch.
„Bitte entschuldigen Sie“, wandte sich nun die Dame – offenbar die Frau des Autors – an ihn. „Wissen Sie, der Erfolg seines neuen Buches hat meinen Mann und auch mich überrascht. Wir haben tatsächlich nur mehr diese paar Exemplare, die aber andere Gäste vorhin reserviert haben und heute noch abholen wollen. Daher können wir Ihnen im Moment leider kein Buch mitgeben. Für Ihr Verständnis kann ich mich nur bedanken und wenn Sie mir Ihre Karte, eine Adresse oder Telefonnummer hier lassen, werden wir Sie sofort verständigen, wenn wir in den nächsten Tagen Nachschub aus der Druckerei erhalten.“
Diese Worte waren zwar der Versuch einer Erklärung, nahmen aber dieser Situation nicht ihren schalen Beigeschmack. Hubert holte also seine Geldbörse noch einmal aus der Jacke, steckte die Scheine und Münzen wieder ein und zog dafür eine Visitenkarte heraus, die er der Dame übergab. Allerdings mit wenig Hoffnung, denn diese Vorgangsweise wirkte doch eher chaotisch und das umso mehr, als ringsum kaum Menschen waren, die den Anschein erweckten, ihre reservierten Bücher abholen zu wollen.
Nur flüchtig grüßend wandte Hubert sich zum Gehen. Bei der Tür angekommen, blickte er nochmals zurück und sah, wie der Autor und seine Frau aufgeregt miteinander tuschelten. Galt das etwa ihm? War er vielleicht als Kunde nicht gut genug? Sollte der Autor wirklich so arrogant sein, dass er einem wie ihm sein Buch nicht anvertrauen wollte? Grollend verließ er den Raum endgültig.
Zuhause angekommen, merkte seine Frau sofort, dass Hubert etwas über die Leber gelaufen sein musste. Zunächst wollte er gar nichts erzählen und diese Begebenheit so schnell wie möglich vergessen. Wie für sie aber durchaus typisch, ließ Edith nicht locker und so gab er bald schon nach, erzählte ihr die Episode mit wenigen Worten und sagte abschließend voll Wehmut: „Eine Freude habe ich dir machen wollen. Aber so ist das halt nichts geworden.“
Sie gab ihm einen Kuss, nahm ihn in die Arme und versuchte, ihn zu trösten: „Lassen wir doch den Willen für das Werk stehen! Ich freue mich trotzdem, einfach, weil du an mich gedacht hast!“
Er aber reagierte nicht. Da war keine Wut, kein Zorn. Der große, starke Mann, den sie so liebte, war einfach enttäuscht.
„Weißt du“, sagte sie mit milder Stimme, „ich liebe dich aus ganzem Herzen. In drei Wochen feiern wir wieder unseren Hochzeitstag und auch ich wollte dir eine Freude machen. Aber nun glaube ich, das kann nicht so lange warten. Und nach so vielen Jahren kommt es ja auf die drei Wochen auch nicht an.“
Edith stand auf, holte ihre Tasche und aus dieser ein kleines Päckchen, das mit Zeitungspapier umwickelt war.
„Geschenkpapier habe ich halt heute noch keines. Aber vielleicht rettet das doch noch deinen Tag. Alles Liebe!“
Irritiert zerriss Hubert das Papier und war völlig sprachlos, als daraus die beiden Bücher eben jenes Autors zum Vorschein kamen. Edith lachte: „Siehst du, er durfte sie dir wirklich nicht verkaufen! Ich habe es ihm verboten. Alles Gute zum Hochzeitstag!“
Gemütlich saß man beisammen, manche ein Glas Wein, andere ein Bier vor sich, als Thomas sich erhob und das heitere Palaver unterbrach:
„Liebe Freunde! Wie ihr euch sicher erinnert, habe ich euch unlängst von Teresa erzählt, einer Frau Mitte dreißig, deren Mann einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ist und sie mit ihrem halbwüchsigen Sohn zurückgelassen hat. Abgesehen vom menschlichen Leid ist sie auch mit unerwarteten Kosten konfrontiert: Sein Gehalt fällt ja weg und das gemeinsame Konto bleibt gesperrt bis die Erbschaft abgewickelt ist. Daraufhin habt ihr auf meine Bitte Bares in ein Kuvert gesteckt und ich habe es vor ein paar Tagen Teresa übergeben.“
Sie sei sehr gerührt gewesen ob dieser Zuwendung von unerwarteter Seite, berichtete Thomas weiter, habe ihn hinein gebeten, ein Glas Wein angeboten und ihn durchs Haus geführt. Überall Spuren ihres geliebten Mannes, oft Kleinigkeiten, die sie sonst vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte, die jetzt aber beinahe erdrückende Erinnerungen in ihr aufsteigen ließen. Immer wieder sei sie in Tränen ausgebrochen, in Tränen, die zu weinen gut tat, die sie sich sonst aber versagen musste, weil sie ihrem elfjährigen David ja eine starke, tröstende Schulter bieten wollte. Er, Thomas, habe zumeist einfach zugehört und nur dann und wann versucht, ein auflockerndes oder tröstendes Wort einzubringen, sich dabei aber direkt hilflos gefühlt: Was waren schon Worte im Angesicht solchen Leides. Dennoch seien aus der geplanten kurzen Kuvert-Übergabe letztlich ganze zwei Stunden geworden, bevor er sich endlich verabschiedet habe, was er, wie er schmunzelnd hinzufügte, auch erst seiner Frau habe erklären müssen.
„Noch einmal“, schloss Thomas seinen Bericht, „hat sie sich bei mir herzlich bedankt und mich gebeten, diesen Dank an euch alle weiterzuleiten. Danke!“
Manche klatschten, andere klopften zustimmend auf den Tisch, doch Thomas hob gleich wieder eine Hand um anzuzeigen, dass er noch etwas zu sagen hätte, worauf es gleich wieder ruhig wurde.
„Ihr habt es sicherlich geahnt: Die Beerdigung und eine Vielzahl an Behördenwegen mit untrennbar verbundenen Gebühren – gebt euch doch noch einmal einen Ruck!“
Die Freunde nickten fast perfekt synchronisiert und griffen ohne zu zögern in ihre Brieftaschen. Da ein kleiner, dort ein großer Schein und flugs war das Kuvert wieder gefüllt. Thomas bedankte sich bei der Runde für deren Großzügigkeit und versprach, vom nächsten Treffen mit der jungen Mutter wieder zu berichten.
Freitagnachmittag läutete Thomas wieder an Teresas Tür, doch diesmal öffnete ihm David und erwiderte artig seinen Gruß. Doch sein junges Gesicht blieb ernst und auf die Frage, wie es ihm gehe, zuckte er nur mit den Schultern, ging ein paar Schritte ins Haus und rief nach seiner Mutter. Gleich darauf erschien Teresa, das Haar zerzaust und unter den Augen Ringe. Dankend nahm sie das Kuvert entgegen und entschuldigte sich für ihren Aufzug. Sie habe Thomas nicht erwartet und sei gerade damit beschäftigt, ein paar Sachen ihres Mannes zu entsorgen und so eine neue Ordnung in ihr Heim zu bringen, was wichtig sei, aber gar nicht leicht. Thomas nickte verständnisvoll, blickte von ihr zu David, dann zu einem Ball, der vor dem Haus in der Wiese lag und schließlich fragend wieder zu Teresa zurück. Ihr Blick hellte sich auf und so trabte ihr Sohn, zunächst unsicher, ob das in seiner Situation erlaubt wäre, von der Mutter aber ermutigt, mit Thomas zur nahen Fußballwiese. Das verschaffte ihm Ablenkung und Teresa Luft.
Beim nächsten Treffen erzählte Thomas, dass er diesen Ausflug zwar genossen, aber unterschätzt und mit ziemlichem Seitenstechen und später mit Muskelkater gebüßt habe. Lachend füllte man sogleich wieder jenes Kuvert und als Thomas das nächste Mal an Teresas Tür läutete tat er dies in Begleitung eines Freundes, der nicht nur etwas jünger, sondern vor allem deutlich sportlicher war als er und dem jungen Mann eher Paroli würde bieten können. Diesmal hatte er seinen Besuch avisiert und da sie David versorgt wusste, freute sich Teresa auf ein befreiendes Gespräch.
Zwar habe sie schon ein wenig Abstand gewonnen, erzählte sie, dennoch fehle er ihr und es gebe viele Momente, in denen sie ihn immer noch an ihrer Seite fühle. Sie sprach von Einsamkeit, von Liebe und Trauer und tupfte immer wieder Tränen ab. Auf ihren Sohn sei sie sehr stolz, tapfer trage er sein Los und sei ihr direkt eine Stütze. Manchmal sagte sie minutenlang gar nichts, dann ließen die Beiden einfach die Stille wirken. Als Thomas nachfragte, erzählte sie ihm einige Begebenheiten aus ihrem früheren Leben, Anekdoten, über die sie sogar manchmal lachen mussten bis Teresa eine ungewohnte Leichtigkeit verspürte und Thomas zum Abschied einen kurzen Kuss auf die Wange drückte.
Mit einem weiteren Kuvert ausgestattet läutete Thomas eine weitere Woche später wieder an Teresas Tür um ihr seine Hilfe und die seiner Freunde anzubieten. Ihr Gesicht war jetzt nicht mehr so sorgenschwer wie bei seinem ersten Besuch, auch nicht mehr so fahl, sie schien tatsächlich wieder ins Leben zurückgefunden zu haben. Als er ihr, so wie die letzten Male, den Umschlag entgegenhielt, wehrte sie lächelnd ab und sagte: „Vielen, vielen Dank, aber das möchte ich nicht mehr annehmen. Ihr habt mir in einer schwierigen Phase sehr geholfen und so möchte ich mich heute erkenntlich zeigen.“
Mit diesen Worten drückte sie Thomas ebenfalls ein Kuvert in die Hand. Es war dick, dicker als jenes, das er mitgebracht hatte. Was mochte es wohl enthalten? Er wog es nachdenklich in seiner Hand. Hatte Teresa etwa ein Geschenk gekauft? Oder selbst etwas gebastelt? Für ihn? Oder für die Freundesrunde? Neugierig öffnete er den Umschlag, konnte aber nicht fassen, was er da sah und blickte Teresa ratlos in die Augen.
„Geld?“, fragte er schwach.
Sie lachte: „Ja, Geld!“
Und zwar exakt der Betrag, den Thomas ihr bei seinen Besuchen gebracht habe. Er und seine Freunde seien ihr in dieser schweren Zeit tatsächlich eine große und wertvolle Stütze gewesen und dafür sei sie ihnen allen aus tiefstem Herzen dankbar. Das Geld habe im ersten Moment sehr geholfen, war doch ihr Zugang zum gemeinsamen Konto gesperrt gewesen. Für einen Notgroschen aber hätte sie zu allen Zeiten vorgesorgt gehabt und so sei ihre finanzielle Situation seit der Testamentabwicklung jetzt in trockenen Tüchern. Sicher brauchten es andere notwendiger.
„Aber die Gespräche, das Ballspielen mit David und schon alleine das Gefühl, dass da jemand ist, dem ich und mein Schicksal etwas bedeuteten – das hat mir wirklich sehr geholfen bei meinem Neubeginn! Danke!“
Irritiert standen die Menschen vor dieser Erscheinung, einer seltsamen duftigen Wolke, die wie ein Schleier vor ihnen lag und etwas zu verdecken schien. Neugierige drängten etwas näher, Ängstliche suchten Distanz, aber alle waren voll Ehrfurcht vor diesem Phänomen, das sie sich nicht erklären konnten, umso weniger, als sie auch noch eine Stimme vernahmen, die aus jenem Nebel zu kommen schien:
„Dies ist mein Geschenk für euch. Nur ein Wunsch ist damit verbunden: Es soll euch Freude machen!“
Der Schleier hob sich, löste sich auf und gab den Blick frei auf drei identische Gegenstände: Auf wundersame Art rund in alle Richtungen und aus einem Material, das sie nicht kannten. Sie teilten sich in drei Gruppen, die jeweils einen dieser Gegenstände umrundeten und von allen Seiten inspizierten. Ratlos blickten die Menschen auf diese Objekte und dann einander fragend in die Augen.
Endlich nahm einer sich ein Herz, berührte einen dieser Gegenstände, hob ihn hoch und legte ihn sanft auf den Boden. Er stieß ihn vorsichtig mit einem Fuß an und sah ihn ein kurzes Stück weit rollen. Dann wandte er sich an seine Gruppe:
„Das Rätsel ist gelöst! Ich nenne diesen Gegenstand ‚Ball’ und werde euch anleiten, ihn zu verwenden. Seht: Mit einem Fuß gebe ich ihm einen Stoß, auf dass er zu einem von euch rolle. Der soll ihn wiederum mit einem Fuß zu einem Nächsten spielen und immer so fort. So werden wir alle viel Freude damit haben!“
Währenddessen hob auch in einer anderen Gruppe einer einen Ball hoch und wog ihn sanft in seinen Händen. Er warf ihn ein kleines Stück in die Höhe und fing ihn sogleich wieder auf. Dann wandte er sich an seine Gruppe und sprach:
„Ich habe das Rätsel gelöst und werde euch anleiten: Ich glaube nicht, dass wir diesen Ball mit Füßen treten sollen, aber seht: Ich werfe ihn in die Höhe und fange ihn wieder auf – das ist ganz leicht und macht Spaß. Ich werde ihn einem von euch zuwerfen, der ihn fangen und zum nächsten werfen soll.“ So geschah es und bald war die Gruppe lachend in Bewegung.
Einer aus der dritten Gruppe hatte die ersten beiden beobachtet und wandte sich dann an seine Leute:
„Den Ball mit Füßen zu treten erscheint mir völlig falsch. Ihn mit den Händen zu spielen ist die bessere Art, aber es steht uns nicht an, ihn zu fangen und ganz zum Körper zu nehmen. Aber seht, ich werde euch anleiten!“
Und bald schon spielte diese Gruppe Volleyball.
Natürlich war es in dem fröhlichen Treiben nicht zu vermeiden, dass sich hin und wieder ein Ball von einer Gruppe zu einer anderen verirrte. Dann bugsierte ihn eben einer der Spieler zurück – zumeist mit seiner Technik. Manche aber versuchten auch die fremde und machten sich dann oft ein wenig lustig über diese andere, seltsame Art, Ball zu spielen. Einige fanden aber auch Gefallen daran, wechselten sogar die Gruppe und spielten bei jener anderen Variante mit. Insgesamt herrschte also ein fröhliches, unbeschwertes Treiben.
Mit der Zeit allerdings fanden sich einige aus der Volleyball-Gruppe ein wenig an den Rand gedrängt, weil sie nicht das Geschick der anderen hatten und auch nicht deren Eifer zeigen wollten. Also lugten sie nach links und rechts und pöbelten Spieler einer anderen Gruppe an:
„Habt ihr nicht gehört, dass wir den Ball nicht mit den Füßen treten dürfen? Wie könnt ihr es dennoch tun?“
Hin und wieder schlugen sie sogar jemanden oder rissen ihn zu Boden, um ihn am Weiterspielen zu hindern. Danach wandten sie sich an die Handballer, denn die Hand sei zwar edler als der Fuß, aber die Lehre sage, man dürfe den Ball nicht fangen oder gar zum Körper nehmen. Und schließlich richtete sich ihr Unmut sogar gegen die eigene Gruppe, weil ein derart sorgloser Umgang mit einem derart heiligen Geschenk ganz einfach falsch sein müsse. Die einzige Freude dürfe darin bestehen, die Bälle hinzulegen und zu betrachten. Dabei wäre ebenso klar, dass ein Ball für Frauen und zwei Bälle für die Männer gedacht wären.
Um ihre Idee auch durchzusetzen störten sie die anderen Gruppen immer mehr. Daher sahen diese sich gezwungen, einzelne Mitglieder vom Spiel auszuschließen und zur Bewachung abzustellen, was wiederum andere Gruppen nervös machte, vom Spielen ablenkte und zu Gegenmaßnahmen zwang. Das gegenseitige Misstrauen wurde mit jeder Minute größer, immer wieder kam es zu kleinen Rangeleien bis endlich alles in einem riesigen Tumult mündete, jeder gegen jeden und ohne Rücksicht auf Verluste.
Am Boden lagen völlig unbeachtet drei Bälle und keiner merkte in diesem Chaos, wie sich wieder jener wolkenartige Schleier darüber senkte. Ja, sie hörten nicht einmal mehr die Stimme, die zu ihnen sprach:
„Mein einziger Wunsch war es, euch Freude zu machen!“
Genau so hatte es ja kommen müssen! Am Arbeitsplatz und in der Straßenbahn waren in den letzten Tagen die Huster und die Schnäuzer immer mehr geworden, hatten ihn regelrecht umzingelt und von allen Seiten bedroht. Er aber war standhaft geblieben, peinlich darauf bedacht, sich möglichst oft die Hände zu waschen und mit aufgestelltem Kragen attackierende Tröpfchen abzuwehren. Nun aber schien alles umsonst gewesen zu sein, denn schon am Vormittag hatte er einmal niesen müssen und gerade eben schon wieder. Jetzt hatte es also auch ihn erwischt.
Er ließ sich auf einen Sessel sinken und begann, seinen Körper nach Symptomen abzuscannen. Das deutlichste Zeichen war die Nase, denn ihm schien, als würde er gleich wieder niesen müssen. Sein Hals wirkte normal, aber da konnte er sich auch täuschen, denn wenn er sich ganz darauf konzentrierte, vermeinte er schon einen leichten Schmerz zu spüren. Resigniert ließ er seine Arme sinken und im selben Augenblick wurde ihm bewusst, wie sehr ihn seine Kraft verlassen hatte. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Er war schwer krank. Seufzend erhob er sich wieder und setzte sich mit schwerfälligen Schritten in Bewegung. Nun galt es, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, in sein Heim und zu seiner Frau. Sie würde seinen Zustand sofort erkennen, entsprechend handeln und ihn pflegen. Dieser Gedanke war ihm Trost und Antrieb, die paar Minuten Straßenbahnfahrt, danach ein kurzes Wegstück und zuletzt noch die Stufen in den ersten Stock zu überwinden. Als er endlich vor der Tür zu seiner Wohnung stand, fühlte er sich aber bereits zu schwach, ebendiese auch selbst zu öffnen. Außerdem galt es ja auch, seine Frau, deren Betreuung er jetzt so dringend nötig hatte, zu alarmieren. Also drückte er den Klingelknopf.
Nina öffnete, begrüßte ihn mit einem flüchtigen Kuss und sagte:
„Schön, dass du schon da bist! Aber warum sperrst du nicht selbst auf? Hast du deinen Schlüssel vergessen?“
Sollte dieser großartigen Frau, die sonst in Bruchteilen einer Sekunde Stimmungen und Befindlichkeiten ausloten konnte, sein schlimmer Zustand tatsächlich verborgen geblieben sein? Es dauerte einen Moment, bis er antworten konnte:
„Nein, ich … ich … mir geht es nicht so gut. Ich glaube, jetzt hat die Grippe auch mich erwischt.“ Gemeinsam mit einer gleichzeitigen müden Geste hatten diese Worte ihre Wirkung nicht verfehlt und Nina, die sich bereits abgewendet hatte, drehte sich wieder zu ihm. Sie blickte ihm kurz in die Augen, fühlte mit einer Hand seine Stirn und sagte ruhig:
„Na, jetzt komm doch einmal herein und mach es dir bequem.“
Dem kam er gerne nach. Nina nahm ihm Jacke und Tasche ab, er schlüpfte aus seinen Schuhen, schlurfte ins
