Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
September 1990: Edith, eine Frau Mitte Vierzig, macht sich von Berlin aus auf den Weg zu einem ihr unbekannten Mann, von dem sie vermutet, dass er ihr Vater ist. Vor allem während ihrer Kindheit hat der abwesende Vater in ihrer Fantasie eine wichtige Rolle gespielt. In der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter war er ihre Zuflucht. Sie erträumte sich von ihm die Geborgenheit, die sie bei ihrer Mutter vermisste. Nachdem Ediths Mutter 1988 Suizid begangen hat, findet sie in ihrem Sekretär einen alten Zeitungsartikel über einen gewissen Otto Guse, der im Rheinland auf den Höhenzügen des Westerwaldes lebt. Sie vermutet, dass es sich um ihren Vater handelt. Jetzt, nach der Wende, reist sie zu ihm. Sie trifft einen vereinsamten, alkoholkranken und feindseligen Mann auf einem heruntergekommenen Bauernhof, der mit dem Vater in ihren Träumen nicht das Geringste gemeinsam hat. Trotz ihrer Enttäuschung entschließt sie sich zu bleiben, um die Wahrheit herauszufinden: Ist er ihr Vater? Warum hat ihre Mutter sich stets geweigert, von ihm zu sprechen? Trägt er Verantwortung dafür, dass Ediths Mutter ihre vierzehnjährige Tochter vor dreißig Jahren im Stich gelassen hat und mit ihrem damaligen Mann, der Edith nie akzeptierte, in den Westen geflohen ist? Mit Edith und dem "Alten", wie sie ihn für sich nennt, prallen Gegensätze aufeinander. Auf der einen Seite die kurz nach dem Krieg (1946) geborene Ostberlinerin aus städtischem Milieu, die sich nach der Wende neu orientieren muss. Auf der anderen Seite der "Alte", der vor dem Ersten Weltkrieg (1914) in dem Dorf geboren wurde, in dem er noch immer lebt, und dessen entscheidende Lebensdramen sich - abgesehen von der Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg – dort abgespielt haben. Für Edith wie für den "Alten" wird die Begegnung zu einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Mit verdrängten Verletzungen und verdrängter Schuld und mit der Frage, wie weit scheinbar freie Lebensentscheidungen auf Selbstbetrug und Zwängen beruht haben. Für Edith endet die Begegnung mit einer schwer erträglichen Wahrheit. Wird sie trotzdem befreit daraus hervorgehen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 606
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Silke Grigo
Findeltochter - Vaterkind
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Impressum neobooks
Edith fand die Puppe am Rand eines Trümmergrundstücks unter einem Strauch, dessen weiße Blüten winzigen Schuhen glichen. Sie war stehen geblieben, um die seltsamen Gebilde zu bewundern. Ihre Mutter hatte zuerst versucht, sie weiterzuziehen, dann jedoch innegehalten. Vielleicht faszinierte die Schönheit der Blüten auch sie. So ließ sie ihr Zeit, mit ihrer Nasenspitze die Ränder der kleinen Höhlen zu berühren und ihren Duft einzuatmen. Sie streichelte die Blüten und wunderte sich darüber, dass sie ihre Zartheit mit ihren Fingerkuppen kaum ertasten konnte. Eine Blüte löste sich vom Zweig, und sie folgte ihr mit den Augen, bis sie sanft auf der Erde landete, als sei sie der Schuh einer Fee, die behutsam ihren Fuß dort aufsetzte. Dann erblickte sie den kleinen Mund, der sie durch die Zweige anlächelte. Sie ging in die Hocke.
„Pfui, Edith, lass das liegen.“
Die Stimme ihrer Mutter strich kühl über ihren Nacken, als fiele ein Schatten darauf. Sie hob die Puppe trotzdem auf und blies behutsam die kleinen Erdklumpen fort, die sich in der Kleidung verfangen hatten.
„Guck mal, ein kleiner Mann.“
Er war seltsam gekleidet, in eine beigefarbene, eng anliegende Hose und eine Bluse mit winzigen Stickereien. Auf seinen strohigen Haaren saß eine schwarze Kappe mit steil nach oben geklapptem Filzrand. An den Füßen trug er winzige braune Schuhe mit gekreuzten Lederbändern über dem Spann. Das Gesicht bestand ebenfalls aus zarten Stickereien: einem lächelnden roten Mund, schwarzen, punktförmigen Augen und einer kleinen, spitzen Nase. Sie drehte das Figürchen zwischen ihren Fingern hin und her. Sein Filzkörper schmiegte sich weich unter ihre Fingerkuppen. Mit den ausgestreckten Armen und Zehenspitzen fühlte er sich lebendig an, als sei er mitten in einer Bewegung, die seine Muskeln und Sehnen anspannte. Im Kindergarten spielten sie manchmal mit Puppen, die wie Handwerker oder Bauarbeiter angezogen waren. Aber dieser kleine Mann trug keine Arbeitskleidung und keinen Helm.
„Was hat er an?“
„Eine Tracht.“
„Wozu braucht man eine Tracht?“
„Leute auf dem Dorf tragen sie beim Fest.“
Die Stimme ihrer Mutter klang jetzt ungehalten.
„Komm, wir müssen weiter. Tante Hannelore wartet schon.“
Sie umklammerte die Puppe fest, während ihre Mutter sie mit sich fortzog.
Als sie den Frisiersalon betraten, hob Tante Hannelore gerade schwungvoll die Trockenhaube vom Kopf einer Kundin und rief ihnen über die Schulter zu: „Setzt euch schon mal, ihr Lieben. Ich muss gerade noch Frau Rosinski fertig machen.“ Edith fand Trockenhauben unheimlich. Bestimmt konnte man darunter ersticken. Sie würde sich niemals so ein Ding über den Kopf stülpen lassen, auch wenn Tante Hannelore immer behauptete, Frauen würden dadurch schön. Jetzt nahm sie der Frau Rosinski das Netz vom Kopf und begann, mit flinken Bewegungen die Lockenwickler aus ihren Haaren zu lösen. Immer wieder wunderte Edith sich über ihre schlanken und behenden Finger. Dabei war Tante Hannelore dick, und wenn sie sich über einen Kunden beugte, stellte sie sich oft vor, wie sie das Gleichgewicht verlor und Hinterkopf oder Gesicht unter ihrem großen, schweren Busen begrub.
„Worüber lachst du?“
Ihre Mutter stieß sie in die Seite.
„Komm, wir sind dran.“
Tante Hannelore eilte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.
„Jetzt bin ich für euch da.“
Dann sah sie die Puppe, die Edith immer noch an sich gepresst hielt.
„Ein Tänzer! Wie schön. Wo ist denn die Tänzerin?“
„Ich weiß nicht.“
Ratlos sah Edith den kleinen Mann an, sein lachendes Gesicht und seine ausgebreiteten Arme, spürte seine schmale Taille in ihrer Handfläche. Warum hatte ihre Mutter ihr nicht gesagt, dass er ein Tänzer war und eine Tänzerin dazu gehörte? Vielleicht lag die Tänzerin noch im Gebüsch. Sie schluckte.
„Na, guck nicht so traurig. Pass mal auf.“
Ehe sie sich versah, hatte Tante Hannelore ihr den kleinen Mann aus der Hand genommen, summte eine Melodie und drehte sich schwungvoll durch den Raum. Dabei hob sie ihn mit beiden Händen über den Kopf, sah zu ihm auf und lächelte ihm zu. Ihre Augen glänzten und ihr Gesicht rötete sich. Die Spiegel warfen ihr Bild zurück und verwandelten den Salon in einen Saal voller Tante Hannelores, deren füllige Körper von allem Gewicht befreit an Sesseln, Waschbecken und Trockenhauben vorbei schwebten, mit kleinen, schlanken Männern in den Händen, zu denen sie das Gesicht aufhoben. Schließlich beendeten sie den Tanz mit einer letzten eleganten Drehung. Die Spiegel leerten sich. Tante Hannelore kam zu ihr, noch etwas außer Atem, und drückte ihr das Figürchen wieder in die Hand. „Pass schön auf ihn auf. Tänzer findet man schwer und verliert sie leicht.“
Der Alte hatte nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit einem Tänzer. Eher mit einem Riesen, dem sein Körper zu groß geworden war. Jede Bewegung war ein wütender Kampf mit dem schweren Leib und den überlangen Armen. Er stapelte Holz an der Wand eines baufälligen Hauses, trug es von einem Haufen neben einem Hackklotz dorthin. Nahm nie mehr als vier Scheite auf einmal. Wackelte beim Gehen wie jemand, der versucht, aus einem schwankenden Kahn ans Ufer zu treten. Seine schütteren Haare bewegten sich im Wind wie Wollgras. Die Strickjacke war über die Schulter nach unten gerutscht und entblößte ein schmutziges Unterhemd über gebräunter Haut voller Altersflecken. Im Spiel der Schultermuskeln zuckte ein Echo der einstigen Riesenkraft. Konnten seine Arme noch festhalten? Wie würde sich sein Bart anfühlen, wenn sie ihre Wange auf seiner Brust ruhen ließe? Sie biss sich auf die Unterlippe, als gäbe es einen Zeugen ihrer Gedanken, vor dem sie sich schämen müsste. Dann sah sie, dass die Brust des Alten nicht zum Anlehnen einlud. Sie lag eingesunken unter seinem Bart wie eine Grube unter dichtem Gestrüpp.
Das Bild des Mannes auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto hatte ihr während der Fahrt fast ständig vor Augen gestanden. Sie sah ihn im Führerhaus seines Traktors thronen und das Lenkrad umarmen, während die Muskelstränge ein Relief unter seine Haut zeichneten. Stellte sich vor, wie er beim Aussteigen die Stufe unter dem Führerhaus mit einem gelenkigen Schwung nahm und dabei in die Sonne blinzelte. Genau wie der Alte hatte er breite Schultern und eine Nase mit kugelförmiger Spitze. Und das, was sie beim Betrachten des Fotos immer für einen Schatten gehalten hatte, der ihm mitten auf die Brust fiel, konnte in Wirklichkeit die Kuhle sein. Möglich also, dass sie den Mann gefunden hatte, den sie suchte. Ihr Puls beschleunigte sich.
Hinter einem Geräteschuppen mit bröckelnden Mauern tauchte ein Schäferhund auf, trabte zu dem Haufen mit Holzscheiten, verharrte dort mit aufgerichteten Ohren und knurrte sie an. Ihre Achseln überzogen sich mit kaltem Schweiß. Sie zwang sich, ruhig zu atmen und ihren Fluchtimpuls zu unterdrücken. Als der Hund zu bellen begann, entdeckte der Alte sie. Er kam näher, und der Hund lief neben ihm her, blieb dann mit gespreizten Vorderpfoten dicht vor ihr stehen und schnellte im Rhythmus seines Gebells angriffslustig mit dem Kopf in ihre Richtung. Es sah aus, als würde er große Stücke aus der Luft herausbeißen. Er musste ihre Angst riechen. Der Stoff unter ihren Achseln war mittlerweile durchgeweicht.
„Was wollen Sie?“
Durch das Gebell konnte sie kaum verstehen, was der Alte sagte. Seine Stimme klang rauh und ungeübt, als habe er lange nicht mehr gesprochen.
„Ist hier die Gastwirtschaft Otto Guse?“
Jetzt packte der Alte energisch das Halsband des Hundes und rief: „Aus, Tasso!“ In seiner leeren Mundhöhle blitzte ein einzelner, gelb verfärbter Zahn auf. Der Hund verstummte und entspannte seinen Körper. Dann winkte der Alte sie heran, mit einer Geste, die sich nicht zwischen Unbeholfenheit und Grobheit entscheiden konnte, drehte ihr abrupt den Rücken zu und ging zum Haus. Der Hund trottete mit hängendem Schwanz hinter ihm her, ohne noch länger Notiz von ihr zu nehmen. Sie folgte, ließ aber den Hund nicht aus den Augen und blieb auf Abstand.
Der Hof war heruntergekommen. Rost zerfraß die Geräte im Schuppen, der den Vorplatz nach rechts abschloss, und das Haus wirkte wie eine Anhäufung von Bauschutt. Nur ein Teil der Mauer war verputzt. Bims- und Ziegelsteine wechselten ohne erkennbares System miteinander ab. Im Giebel führte eine Tür ins Nichts, offensichtlich ein Notbehelf, um ein fehlendes Fenster zu ersetzen. Sie folgte dem Alten hinter das Haus. Dort gab es einen Platz unter der ausladenden Krone einer Linde, auf dem orange gestrichene Biertische und –bänke standen. Kleine Aststücke und verwelkte Lindenblüten lagen auf den Tischen verstreut. Stellenweise war die Farbe abgeblättert, und das Holz hatte Risse und Mulden, in denen kleine Pfützen standen. Dazwischen Flecken von Vogelkot. Offensichtlich war lange niemand mehr hier gewesen.
„Setzen Sie sich. Ich hole etwas zu trinken.“
Der Alte zermahlte die Worte zwischen seinen zahnlosen Kiefern zu Brei. Dann erstieg er schwerfällig, mit krummbeinigen Schritten, die Stufen zum Hintereingang des Hauses, während der Hund sich neben einer rostigen Tonne niederließ und den Kopf auf die Vorderpfoten legte.
Sie suchte auf den Bierbänken einen Platz, der ihr einigermaßen sauber erschien, und setzte sich. Sofort spürte sie, wie die Feuchtigkeit aus dem Holz durch den dünnen Stoff ihres Rocks und ihren Schlüpfer drang. Sie hasste die frühherbstliche Kühle, die Jahr für Jahr so überraschend kam wie ein Verrat. Sie bot dem Verrat die Stirn, indem sie weiter Röcke trug, den ganzen Winter hindurch. Rüdiger hatte für diese Gewohnheit nur ein Stirnrunzeln übrig. „Du holst dir einen Schaden.“ Als ob das noch eine Rolle spielte. Sie zwang sich, den Gedanken an ihn zur Seite zu schieben.
Der Anbau, in dem der Alte verschwunden war, wirkte genauso zusammengewürfelt wie das Haus, eine Glasveranda, die aus unterschiedlichen Türen zusammengezimmert war. Breite Rundbögen wechselten mit schmalen, rechteckigen Rahmen ab. Sie musste an das provisorische Gewächshaus denken, das Rüdiger als Junge im Schrebergarten seiner Mutter neben der Laube gebaut hatte.
Der Alte kehrte mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Gläser mit einer blassgelben Flüssigkeit standen, und stellte eins davon vor sie auf den Tisch. Als er seine Hand wegnahm, blieb eine bräunliche Schmiere in Form seiner Fingerabdrücke zurück. Sie unterdrückte einen Würgreiz. Auf der Herfahrt hatte sie versucht, sich von Vorstellungen und Wünschen frei zu machen. Sich gesagt, dass sie nicht wissen konnte, was sie hier erwartete. Trotzdem kämpfte sie jetzt mit ihrer Enttäuschung. Der Alte setzte sich ächzend schräg gegenüber auf die andere Bank.
„Das ist Holunderbeerwein. Selbst gemacht.“
Sie glaubte zu hören, dass er diesen Satz schon oft gesagt hatte, mit dem Stolz des Hausherrn, der ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Doch er brach mitten im letzten Wort ab, als habe sein Stolz plötzlich einen Sprung bekommen. Ein Zucken ging durch sein Gesicht und verzerrte seine Mundwinkel. Aber schnell hatte er sich wieder gefasst. „Prost!“
Er schwenkte sein Glas in ihre Richtung, bevor er es an die Lippen setzte und trank. Auch sie nahm ihr Glas und vermied dabei sorgsam die Berührung mit der Schmiere. Von sich aus hätte sie keinesfalls ausgerechnet jetzt Alkohol bestellt. Sie wollte den Alten genau beobachten. Sie musste im rechten Moment die richtigen Fragen stellen. Doch vielleicht riskierte sie, ihn vor den Kopf zu stoßen, wenn sie den Wein zurückwies. Also nippte sie einmal kurz und sagte:
„Ich muss noch fahren.“
„Ich habe kein Auto gehört.“
Was sollte das? Glaubte er ihr nicht?
„Die Schranke war abgeschlossen.“
Der Alte brummte etwas Unverständliches. Dann atmete er tief ein, und die Luft zitterte in seinem Brustkorb.
„Meine Frau ist gestorben.“
Der Satz hing in der Luft wie ein drückendes Gewicht.
„Das tut mir leid“, sagte sie, dachte aber im selben Moment: Dann muss ich keine Rücksicht auf sie nehmen. Natürlich hatte sie sich gefragt, ob sie ihn allein antreffen würde oder ob er eine Frau und Kinder hatte, die ihr unerwartetes Auftauchen in Unruhe versetzen würde. Sie hatte sich gefragt, wer ihr das Recht gab, das Leben dieser Menschen durcheinanderzubringen. Doch die Möglichkeit, die sich eröffnete, als sie das Foto und den Zeitungsartikel in Händen hielt, hatte die Frage schnell wieder verschluckt.
Als sie den Blick von der Tischplatte hob, sah sie, dass der Alte weinte. Er presste die Hand vor das Gesicht, und seine Schultern vibrierten. Es war ein verstecktes, lautloses Weinen, als dürfe niemand es sehen und hören. Erst nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass sie nur noch flach atmete, um den Alten ihre Anwesenheit vergessen zu lassen. Leise rückte sie ein Stück ab von den vibrierenden Schultern und den verzerrten Gesichtszügen. Jetzt aufstehen und leise weggehen. Aber sie blieb sitzen und sah zu, wie ein paar Tränen auf die Tischplatte tropften und ein Fleckchen Vogelkot aufweichten.
Nach einiger Zeit holte der Alte ein zerknülltes Tuch aus seiner Hosentasche und schneuzte sich hinein.
„Tut mir leid. Ist sonst nicht meine Art, meinen Gästen was vorzuheulen.“
Die Worte klangen wie durch eine Watteschicht gedämpft. Sie zuckte die Schultern, als könne sie damit ihre Verlegenheit abschütteln.
„Es ist noch nicht lange her, oder?“
„Vier Wochen. Ganz plötzlich.“
Seine Stimme schleppte die Worte herbei wie Lasten. Dann winkte er ab.
„Lassen wir das, lassen wir das.“
Es klang wie eine Beschwörung.
„Mir ist auch jemand gestorben.“
Aus der Leere in ihrem Kopf tauchte dieser Satz auf, ohne dass sie darüber nachgedacht hatte, ob es klug war, dass sie jetzt schon von sich erzählte. Der Alte fixierte sie mit zusammengekniffenen Lidern.
„Da haben sich ja die Richtigen gefunden.“
Für einen Augenblick fühlte sie sich, als würde ein wärmender Mantel um ihre Schultern gelegt. Sie wartete darauf, dass er fragen würde, wer ihr gestorben sei. Doch stattdessen zog er eine Pfeife und eine Tabakdose aus der Hosentasche, legte die Tabakdose auf den Tisch, öffnete sie und begann, die Pfeife zu stopfen. Seine Finger waren dick und ungelenk, mit Schmutzrändern unter den Nägeln. Sie zitterten, während er sich mit den Tabakkrümeln abmühte, und es dauerte eine Weile, bis er die Pfeife endlich anzünden konnte. Dann blies er eine Rauchwolke in ihre Richtung. Der süßliche Geruch juckte in ihrer Nase.
„Ist ne komische Sache, das Altwerden“, begann er leise. „Als ich jung war, habe ich öfter an den Tod gedacht als später. Doch dann stirbt die Frau...“
Er brach ab, nahm einen großen Schluck Wein und zog an seiner Pfeife. Sein Atem begann, nach Alkohol zu riechen. Sie konnte ihre Ungeduld nicht länger zügeln.
„Meine Mutter ist nicht sehr alt geworden. Sie hat sich das Leben genommen.“
Wieder starrte er sie zwischen zusammengekniffenen Lidern an.
„Gut gemacht“, murmelte er, aber so, dass es doch deutlich zu verstehen war. „Wenn man nicht alt werden will, muss man rechtzeitig den Absprung wagen. Hinterher schafft man nicht einmal mehr das.“
„Klingt nicht sehr mitfühlend.“
Der Alte winkte ab.
„Mitgefühl, ach. Das haben wir doch alle nur mit uns selbst.“ Dann wechselte er abrupt die Tonlage.
„Sie trinken ja gar nicht. Ich habe noch zu tun.“
Sie leerte ihr Glas in einem Zug, obwohl sie wusste, dass sie das nicht vertrug, und fragte sich gleichzeitig, warum sie das Zeug nicht einfach stehen ließ. Die Antwort war leicht. Sie wagte es nicht, weil sie das Gefühl hatte, dass sie den Alten damit verärgern würde. Das erschien ihr nicht ratsam. Schließlich würde sie wiederkommen. Nicht ohne Vorbehalte. Vielleicht sogar widerwillig. Aber sie würde wiederkommen.
Die Linde drehte sich leicht vor ihren Augen, als sie aufstand und schwankend über die Bank stieg.
„Ich halte Sie nicht länger auf. Bis bald.“
Der Alte sah an ihr vorbei einer Rauchwolke nach. Ihren Abschiedsgruß erwiderte er nicht.
„Warum tanzt du nie?“
„Mit wem denn?“
Ihre Mutter nahm gerade einen Teller aus der Geschirrablage neben der Spüle und rieb ihn mit einem Tuch trocken. Sie unterbrach ihre Arbeit nicht, während sie antwortete, und sah sie auch nicht an. Ihre dichten Locken fielen über ihre linke Schläfe und Augenbraue. Immer sorgte ihre Mutter dafür, dass die rosige Narbe bedeckt war, die einen Wulst über ihrer linken Braue bildete. Edith konnte das verstehen. Die Narbe war wirklich hässlich. Aber es war schade, dass damit auch der Blick ihrer Mutter oft vor ihr verborgen blieb. So auch jetzt.
„Mit mir vielleicht.“
Ihre Mutter stieß ein Lachen aus, aber es klang nicht fröhlich, eher wie das wütende, abgehackte Bellen eines Hundes, den man versehentlich getreten hat. Sie kam zum Tisch und stellte den Teller vor sie hin, mit einer solchen Wucht, dass er ein lautes, klackendes Geräusch auf der Tischplatte machte.
„Fang schon mal an zu essen, sonst kommen wir zu spät zum Kindergarten.“
Edith griff nach einer Brotscheibe und schmierte Marmelade darauf. Butter gab es zur Zeit nicht.
„Warum kann Tante Hannelore so schön tanzen?“
„Sie hat früher mit ihrem Mann getanzt, als er noch lebte. Und jetzt hör auf mit dem Quatsch.“
„Hast du mit meinem Vater auch getanzt?“
Ihre Mutter zermalmte den Brotbissen, den sie gerade in den Mund gesteckt hatte, mit so schnellen und heftigen Bewegungen, dass ihre Kaumuskeln unter der Haut hervortraten. Sie sah starr auf ihren Teller.
„Du hast keinen Vater.“
„Aber...“
„Kein Aber. Und jetzt will ich nichts mehr hören. Mach voran.“
Ihr Stimme überschlug sich wie immer, wenn sie wütend war. Sie hatte überhaupt eine besondere Stimme. Sie klang, als seien die hohen Töne herausgeschnitten worden und nur ein paar tiefe, heisere übrig geblieben. Man wusste nie im Voraus, wann sie beim Sprechen die Lücken erwischte. Wenn das geschah, wurden die Buchstaben und Wörter zu einem rauhen Hauch. So auch jetzt. Vom „nichts“ waren nur das „ch“ und das „ts“ hörbar, ein empörtes Zischen. Es war besser, nicht mehr zu widersprechen, auch wenn Edith wusste, dass das, was ihre Mutter behauptete, nicht stimmen konnte. Alle Kinder hatten schließlich einen Vater. Vielleicht wusste Tante Hannelore etwas über ihren. Sie beschloss, sie zu fragen, wenn sie wieder zum Haareschneiden musste.
Tante Hannelore schenkte ihr ein Erdbeerbonbon, nachdem sie auf dem Stuhl vor einem der Spiegel Platz genommen hatte, und hüllte sie in einen Plasteumhang.
„Na, wie geht es deinem Tänzer?“
„Gut. Wir tanzen jeden Abend vor dem Einschlafen.“
Tante Hannelore lachte. Es sah aus, als führe eine Brise in die großen Blütenblätter auf ihrem Kittel.
„Das ist gut. Bestimmt hast du danach schöne Träume, stimmt´s?“
Edith nickte. Warum konnte ihre Mutter nicht ein bisschen so sein wie Tante Hannelore? Ihre Mutter war schöner und klüger. Aber man durfte sich selten richtig freuen in ihrer Gegenwart. Dann wurde sie meist ärgerlich.
„Haare so wie immer?“
Tante Hannelore hielt die Schere schon in der Hand.
„Mama will sie wieder ganz kurz.“
„Und du?“
„Ich nicht. Immer denken die Leute, ich bin ein Junge.“
„Dann lassen wir hier ein paar Locken stehen.“
Tante Hannelore berührte leicht die Haare, die in ihre Stirn fielen.
„Einverstanden?“
„Mama wird schimpfen.“
„Ich rede mit ihr, versprochen.“
Dann strich sie ihr behutsam über den Kopf und begann zu schneiden.
Edith beobachtete sie eine Weile im Spiegel, sah ihren zufriedenen Gesichtsausdruck unter der blonden, helmartigen Frisur, während sie über ihren Hinterkopf gebeugt dastand, sah ihren großen Busen, der sich unter ihren ruhigen Atemzügen auf- und abbewegte. Schließlich fiel ihr wieder ein, was sie sich für heute vorgenommen hatte.
„Kennst du eigentlich meinen Vater?“
Tante Hannelores Busen hörte schlagartig auf sich zu bewegen, und die Schere schwebte für ein paar Sekunden über ihrem Kopf.
„Wie kommst du darauf?“
„Mama behauptet, ich habe keinen, aber das kann ja nicht stimmen.“
Tante Hannelores Atem setzte wieder ein, mit einem tiefen Seufzer.
„Er ist tot.“
„Hast du ihn gekannt?“
„Nein. Und deine Mutter spricht nicht gerne über ihn, weil es ihr zu weh tut.“
„Ist sie traurig, dass er tot ist?“
„Ja sicher.“
„Aber dein Mann ist auch tot und bei euch zu Hause steht ein Bild von ihm.“
„Vielleicht hat deine Mutter keins.“
„Sagst du zu Rüdiger auch, dass er keinen Vater hat?“
„Nein.“
Tante Hannelore starrte die ganze Zeit ihr eigenes Gesicht im Spiegel an, während sie antwortete. Das tat sie sonst nie. Und ihre Worte klangen, als habe jemand sie säuberlich nebeneinander auf eine eiserne Stange gespießt, damit keines besonders hervorstach. Da begriff Edith, dass es keinen Zweck hatte weiterzufragen. Sie beschloss, dass ihre Vaterlosigkeit ein Ende haben musste. Sie würde sich nicht länger damit abfinden.
Nachdem die Frau gegangen ist, räumt er die Gläser ab und bleibt im Haus. Die restlichen Holzscheite müssen bis morgen warten. Günstig ist das nicht, denn die Luft ist so feucht heute abend. Vielleicht wird es über Nacht regnen. Aber er ist zu müde, um weiter zu arbeiten. Das Reden mit der Frau hat ihn müde gemacht. Er hat viel zu viel erzählt. Und geheult. Dabei hasst er undichte Männer. Er muss jetzt aufpassen, dass er nicht so ein alter Schwätzer wird, der nachher nicht mehr weiß, was er geredet hat. Seine Knie und Füße schmerzen, als er ins Schlafzimmer geht. Vor allem das linke Knie, das sie ihm kaputt geschossen haben. Seit Grete tot ist, spürt er die alten Wunden wieder stärker. In dem Augenblick, als er sie im Gemüsegarten hat liegen sehen, ist es ihm zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder so eng um die Brust geworden, dass sein Atem einige Sekunden lang stockte. Das alte Gefühl zu ersticken. Erst, als er wieder zu Atem kam, konnte er auch wieder denken. Die Grete legt sich doch nicht einfach so hin, dachte er. Die legt sich doch nicht einfach hier im Gemüsegarten so mitten auf den Weg. Das hatte sie nie getan, sich hinlegen, tagsüber, bevor die Arbeit erledigt war. Da wurde ihm alles klar. Sein Körper hatte es ja schon vorher gewusst. Er bückte sich, packte ihre schlaffen Handgelenke und schleifte sie über die Steinplatten aus dem Gemüsegarten hinaus vor das Haus. Die Stufen zum Eingang schaffte er nicht mehr. Also ließ er Grete auf dem Vorplatz liegen, in der Vormittagssonne, die heiß auf seinen Rücken brannte. Dann erst kam er auf die Idee, Dr. Zeitz anzurufen. Der gab ihm eine Beruhigungsspritze, nachdem er kurz Gretes leblosen Körper untersucht hatte, und sagte noch: „Sehen Sie zu, dass sich jemand um Sie kümmert, Sie sollten jetzt nicht allein sein“, bevor er wieder fuhr. Aber wer sollte das tun? Der Bestatter, den Dr. Zeitz angerufen hatte, kam, und seine Männer legten Gretes Körper in einen Zinksarg und nahmen ihn mit. Er kam noch gerade rechtzeitig auf die Idee, sie zu darum zu bitten, dass sie ihm ihre Kittelschürze daließen. Tasso jaulte zuerst noch leise vor sich hin und schnüffelte in allen Ecken des Hauses nach Gretes Geruch. Dann wurde es still. Es war meist still hier oben, außer in den Ferien und an den Wochenenden, wenn Gäste kamen, aber diese Stille war besonders. Sie umgab das Haus wie eine dickflüssige Substanz, die jede Bewegung lähmte und das Atmen schwer machte. Er ging ins Haus, aber sie war auch dort und drückte auf seinen Brustkorb. Sie beugte ihn. Er strengte sich an, sich aufzurichten, aber es gelang ihm nicht.
Im Schlafzimmer angekommen, lässt er sich schwer auf die Bettkante fallen und holt noch einmal mühsam tief Luft, bevor er Hemd und Strickjacke gleichzeitig über den Kopf zieht. Dabei streift seine Hand die Kuhle neben seinem Brustbein, wo zwei Rippen fehlen. Unwillkürlich hält er die Luft an, als habe er nicht gelernt, trotz dieser Kuhle und der leichten Krümmung, die sie seinem Körper aufzwingt, ruhig zu atmen. Gretes Tod hat die Jahre ausgelöscht. Er ist wieder Herkules geworden. Dieser Name. Jahrzehnte ist es ihm gelungen, ihn aus seinem Gedächtnis zu streichen. Zuerst mit Mühe, weil er sich immer wieder wie ein ungebetener Gast in seine Erinnerung drängte. Später verschwand er von selbst. Grete hatte ihn nie von ihm gehört. Sie wusste nicht, dass es eine Zeit in seinem Leben gegeben hatte, in der dieser Name ihm zugefügt worden war wie ein Brandmal. Er hätte nicht sagen können, wozu er imstande gewesen wäre, wenn sie es erfahren hätte. Ihr Nichtwissen war alles entscheidend. Dadurch konnte er vergessen. Bis jetzt.
Er greift nach Gretes Kittelschürze, die auf seinem Kopfkissen liegt, presst den vom vielen Waschen weich gewordenen Stoff vor sein Gesicht und atmet den Geruch von Erde und Gretes Haut ein, versucht, den Damm zwischen sich und seiner Erinnerung wieder zu errichten. Was soll er tun, wenn der Geruch verschwunden sein wird? Schon jetzt fällt es ihm Abend für Abend schwerer, ihn wiederzufinden. Er muss mit seiner Nase tief in den Stoff eintauchen. Aber sobald er ihn riecht, geht sein Atem leichter und die zähflüssige Stille entlässt ihn für einen Augenblick aus ihrer Umklammerung. Noch am Abend des Tages, an dem sie Gretes Körper weggebracht haben, hat er ihren Kittel neben sich auf das Kopfkissen gelegt. Es war fast, als sei sie noch da, neben ihm, mit dem leichten, unhörbaren Atem des ersten Schlafes.
Herkules. Dieses Mal schützt Gretes Geruch ihn nicht. Der schnoddrige Berliner Tonfall, in dem das gesagt wurde. Herablassend, mit leichter Ironie, als sei der Name ein guter Witz. Grete hat nie so mit ihm reden dürfen. Ein bisschen berlinern ja, aber nicht so. Mit der Zeit hat sie es sich ganz abgewöhnt. Gut so. Jetzt kehrt diese verfluchte Stimme zu ihm zurück. Dabei gehört auch sie einer Toten. Warum überlebt eine Stimme fast fünfzig Jahre, ein Geruch aber nicht einmal ein paar Tage?
Er hat die Frau vergessen, die heute da war. Die hat so ähnlich geredet wie die, die ihn Herkules genannt hat. Die ist Schuld, dass er das Brandmal auf einmal wieder spürt. Dieses Rabenaas. Tut harmlos in einem albernen Ballettröckchen, für das sie viel zu alt ist. Versteckt ihr Haar. VERSTECKT IHR HAAR. Er knüllt Gretes Kittelschürze zusammen und schleudert sie in eine Ecke. Die Frau soll es nur nicht wagen wiederzukommen.
Sie tanzten nun schon lange miteinander, ohne dass der Tanz seinen Zauber verlor. Edith wurde nicht müde, die schlanke, straffe Taille des kleinen Mannes zu umfassen und ihren Blick zu seinem feinen Gesicht aufzuheben, einer sicheren Insel inmitten des Kreisens. Oft genügte es ihr, sich im Klang der Melodie zu verlieren, die sie leise summte. Manchmal jedoch, wenn sie sich über etwas freute oder Kummer hatte, erzählte sie ihm davon. Sie musste dazu den Mund nicht öffnen. Wenn sie wollte, konnte sie sogar gleichzeitig die Melodie summen. Sie erzählte ihm alles mit ihren Gedanken und durch ihre Blicke, und sie wusste, dass er sie verstand, ebenso wortlos, wie er während ihres Tanzes wuchs und ihr mit seinem Körper Halt gab. Meine Mutter sagt, ich habe keinen Vater. Sein Gesicht ist ihr zugeneigt. Sein feiner, roter Mund lächelt. Das glaubst du so wenig wie ich, nicht wahr? Sie verstärkt ihren Schwung und dreht sich schneller. Die Decke ist nun eine Scheibe, und sie beide sind Akrobaten, die auf der Scheibe Kunststücke vollführen, mit Händen und Füßen halten sie sich an Griffen fest und lassen sich vor den Augen der Leute, die bewundernde Rufe ausstoßen, kopfüber herumwirbeln. Schwindlig wird ihnen nicht, denn sie sind es gewohnt. Außerdem haben sie sich ja gegenseitig. Das Lächeln des kleinen Mannes wird breiter, größer. Jetzt begreift sie auf eimal, warum. Er weiß es besser als ihre Mutter, denn er ist ihr Vater, ein Akrobatenvater, der mit einem Zirkus herumzieht. Deshalb sind ihre Treffen so heimlich und voller Zauber. Sie dreht sich schneller, schneller. Ihr Pferdeschwanz fliegt. Sie ist eine Zirkusprinzessin mit einem Akrobatenvater. Er bringt ihr alle Kunststücke bei, das größte besteht darin, dass er sie auf seinen Händen balanciert, in einem kurzen silbernen Kleid, unter den staunenden Blicken der Zuschauer. Sie wirbelt um ihre eigene Achse, so schnell sie kann, und fühlt sich so leicht wie noch nie zuvor in ihrem Leben. An jenem Abend, an dem sie begriff, dass der kleine Mann ihr Vater war, sprach er zum ersten Mal mit ihr. Er sagte: „Ich bin stolz, dich in meinen Armen zu halten.“
Im selben Jahr kam Hildegard in ihren Kindergarten, ein dünnes, blondes Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, die in der Sonne glänzten wie frisch gebackener Butterteig. Als sie diesen Glanz zum ersten Mal sah, wusste sie, dass Hildegard ihre Freundin werden musste. In der ersten Pause setzte sie sich neben sie und gab ihr von ihrem Frühstücksbrot und ihrem Apfel ab. Sie sammelte die Bonbons, die Tante Hannelore ihr schenkte, und teilte sie mit ihr. Eines Tages lud Hildegard sie zu sich nach Hause ein. Im Wohnzimmer stand eine große, dunkle Geschirrvitrine. Zwischen Tellern mit Blumenmustern gab es ein Foto von einem Mann mit kurzem, sehr glattem blonden Haar in einer Soldatenuniform. Hildegard bemerkte, dass sie es ansah.
„Das ist mein Vater. Er ist als Soldat im Krieg gefallen. Vor meiner Geburt.“
„Erzählt deine Mutter oft von ihm?“
Hildegard nickte eifrig.
„Oh ja. Er war so stark, dass er meine Mutter nach der Hochzeit die ganze Treppe hoch getragen hat, vom Erdgeschoss bis hier oben. Und lustig. Für meine Cousins hat er zum Geburtstag immer Kasperletheater gespielt. Alle Rollen. Er konnte seine Stimme verstellen wie ein Schauspieler. Meine Mutter sagt immer, mit dem Papa hättest du deinen Spaß gehabt.“
„Vermisst du ihn?“
Hildegard legte den Kopf schief.
„Ja.“
In Ediths Brust wuchs ein großer Klumpen. Sie holte tief Luft.
„Mein Vater ist Akrobat bei einem Zirkus. Deshalb wohnt er nicht bei uns. Mein Vater kann alles, Seiltanzen, Saltos, Turnen am Trapez. Und er bringt mir alles bei. Er nimmt mich mit, und dann treten wir zusammen auf. Weißt du, was das Beste ist? Wenn er mit mir zusammen auf einem Pferd reitet und mich auf seinen Händen balanciert.“
Hildegards Augen waren groß geworden, und ihr Mund stand ein wenig offen.
„Nimmst du mich mal mit?“
„Ganz bestimmt. Du bist doch meine beste Freundin.“
Sie griff nach Hildegards Hand, die sich heiß und feucht anfühlte. Im selben Augenblick spürte sie, dass hinter ihr jemand ins Zimmer gekommen war. Als sie sich umdrehte, sah sie Hildegards Mutter im Türrahmen stehen. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und in ihrem schmalen Gesicht zeichnete sich ein feines Lächeln ab.
Der Schlagbaum war noch immer abgeschlossen. Also parkte sie auf einem schattigen Seitenpfad und machte sich zu Fuß auf den Weg. Während sie auf die Hofeinfahrt zuging, hallten Axtschläge durch die Luft. Dann sah sie den Alten. Er stand mit erhobenen Armen da und holte mit erstaunlichem Schwung aus. In der nächsten Sekunde sauste die Schneide auf das Holz nieder, das auf dem Hackklotz lag. Für den Bruchteil eines Augenblicks blitzte das Metall im Sonnenlicht auf, bevor das Holz genau in der Mitte auseinanderbrach. Währenddessen trabte der Hund in einiger Entfernung auf dem Hof im Kreis und verschwand dann in einem Unterstand mit angerosteten Geräten. Der Alte bückte sich, nahm das nächste Holzstück auf und legte es auf den Hackklotz. Dann hob er wieder die Axt mit beiden Händen über den Kopf. Sie sah, dass seine Arme fast unmerklich zitterten, aber auch, dass sie immer noch muskulös waren. Er führte den nächsten Schlag aus, aber der ging daneben. Die Schneide blieb im Klotz stecken, und der Alte hatte Mühe, sie wieder herauszuziehen. Er bewegte ein paar Mal den Griff wie einen verkeilten Hebel, legte dann eine Pause ein und wischte sich mit einem zerknüllten und durchgeweichten Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. Sie sah, wie sein Bauch sich im Rhythmus seiner heftigen Atemstöße abwechselnd vorwölbte und zurückzog, während die Brust starr blieb. Er bemerkte sie nicht. Daher beschloss sie, einfach weiterzugehen. Der Hund hatte nicht angeschlagen, also würde er sie wohl nicht mehr wie einen Eindringling behandeln. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihr Atem etwas schneller ging und sie ein paar Schweißperlen auf ihrer Brust spürte, während sie die Hofeinfahrt hinter sich ließ.
Sie näherte sich dem Alten, rief: „Guten Morgen!“ und bemühte sich, dabei unbeschwert zu klingen. Der Alte sah gar nicht zu ihr hin und machte eine Handbewegung, als verscheuche er ein lästiges Insekt.
„Gehen Sie! Ich habe keine Zeit!“
Wieder packte er den Stiel der Axt und rüttelte daran.
„Ich habe gestern vergessen zu bezahlen.“
Noch immer würdigte der Alte sie keines Blicks und fuhr mit seinen Bemühungen fort.
„Hau´n Sie ab!“
Im selben Moment, in dem er das sagte, löste sich die Schneide aus dem Klotz. Der Alte ließ sie auf dem Holz ruhen, hielt den Stiel fest und keuchte. Dann riss er auf einmal die Axt blitzschnell hoch über seinen Kopf, drehte sich in ihre Richtung und brüllte:
„Haben Sie nicht gehört? Oder soll ich Ihnen Beine machen?“
Sie erstarrte. Sah, wie seine Hüfte seitlich einknickte und er taumelte. War plötzlich bei ihm, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war, stemmte eine Hand gegen seine Schulter, um seinen Fall abzuwehren, griff mit der anderen nach dem Stiel und schleuderte die Axt fort. Durch ihre Seite zuckte ein reißender Schmerz. Sie presste auch die andere Hand gegen seine Schulter, spürte sein Gewicht. Es gelang ihr, seinen Körper zu halten und aufzurichten. Er keuchte, als würde er im nächsten Augenblick ersticken. Sie hielt weiter seine Schulter fest, wartete, bis er wieder ruhig atmete. Es dauerte lange.
„Können Sie allein stehen?“
Er nickte. Langsam ließ er sich auf dem Hackklotz nieder und senkte den Kopf. Er wirkte benommen. Seine Haare waren verklebt und strähnig. Auf seiner stark geröteten Glatze perlte Schweiß.
„Haben Sie einen Hut? Sie holen sich sonst einen Sonnenstich.“
„In der Küche. Hinten.“
Er sprach leise und atmete wieder schwer.
Sie ging hinter das Haus und betrat die Glasveranda. Drinnen herrschte Chaos. Ein schaler Geruch nach ungewaschener Kleidung, faulenden Essensresten und Schmutz sickerte wie eine zähflüssige Masse in ihre Nase. Sie bekam das Gefühl, ihre Nasenlöcher verschlössen sich. An der linken Wand stand eine Spüle, auf der sich ungewaschenes Geschirr türmte. Der Topf auf dem Herd daneben war mit schimmligen Überresten einer Soße verklebt. Sie wandte den Blick nach rechts zu einem Küchentisch, der mit weiteren Geschirrstapeln, schmutzigen Gläsern und alten, noch säuberlich zusammengefalteten Zeitungen bedeckt war. Da, wo der einzige Küchenstuhl stand, lag ein krümelübersätes Frühstücksbrettchen mit einem marmeladebeschmierten Messer, auf dem Fliegen krabbelten. Neben dem Brettchen stand eine durchsichtige Flasche mit der blassgelben Flüssigkeit, die der Alte ihr gestern als Holunderbeerwein vorgestellt hatte. An der Stuhllehne hing ein brauner Hut aus Wildleder mit einer weichen Krempe. Er sah genauso aus wie der, den der junge Otto Guse auf dem Foto trug. Sie griff danach. Dann nahm sie ein Glas vom Tisch, spülte es aus und füllte es mit Wasser. Auch um die stinkenden Teller in der Spüle summten Fliegen.
Draußen wurde ihr übel, und ihr Mageninhalt schoss in ihre Kehle. Sie kam gerade noch dazu, sich vorzubeugen und Hut und Glas so weit wie möglich von sich weg zu halten, bevor sie sich übergeben musste. Es dauerte nur Sekunden. Das Erbrochene schoss aus ihrem Mund wie herauskatapultiert. Danach war ihr Mund trocken und ihr schwindelte. Der Hund kam um die Ecke getrabt und steckte seine Nase hinein. Sie sah zu, dass sie so schnell wie möglich wieder zu dem Alten kam.
„Hier.“
Ihre Stimme klang noch belegt, aber ihr Magen hatte sich beruhigt. Der Alte saß immer noch mit gesenktem Kopf auf dem Klotz, aber als er sie hörte, sah er hoch und nahm Hut und Glas entgegen.
„Danke.“
Er trank das Glas mit bedächtigen Schlucken in einem Zug leer.
„Ah, das tut gut.“
Sein Seufzer klang behaglich. Da fing ihr Körper auf einmal an zu zittern.
„Ich habe ja Glück gehabt, dass Sie nicht mehr so gut in Form sind.“
„Warum?“
Er sah zu ihr hoch, als wisse er nicht, wovon sie redete. Die Krempe lag halb über seinen Augen, was sie unter anderen Umständen lächerlich gefunden hätte.
„Sie wollten doch mit der Axt auf mich einschlagen.“
„Ach was. Ich wollte weiter Holz hacken und habe mich dabei kurz zu Ihnen umgedreht.“
„Und gebrüllt, dass Sie mir Beine machen.“
Er sah wieder vor sich hin.
„Ich habe mich geärgert, weil Sie mich gestört und nicht locker gelassen haben.“
Die Beschuldigung verschlug ihr für einen Moment die Sprache. Sie war also verantwortlich dafür, dass es so weit gekommen war. Noch während sie überlegte, ob es klug war, weiter mit ihm zu streiten, sagte er:
„Gute Frau, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie behalten das Geld und lassen mich in Ruhe. Die Gastwirtschaft ist nämlich geschlossen.“
„Was erzählst du für Lügen!“
Das Gesicht ihrer Mutter sah blass und zerfurcht aus, und die Haare standen wirr um ihren Kopf, als sei sie durch einen heftigen Wind gelaufen. Sie war gerade mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen zur Wohnungstür hereingekommen, während Edith auf dem Weg durch den Flur in die Küche war, um sich ein Glas Milch zu holen. Ehe sie sich versah, packte ihre Mutter sie an beiden Schultern und schüttelte sie. Sie prallte mit dem Rücken gegen die Wand.
„Sieh mich nicht so an mit deinen Unschuldsaugen. Du weißt genau, wovon ich rede.“
Sie wusste es nicht. In ihrem Körper kämpften ein großes Zittern und eine ebenso große Starre einen wilden, unentschiedenen Kampf. Sie konnte sich nicht rühren, nicht einmal ihren Mund öffnen.
„Komm!“
Ihre Mutter ließ ihre Schultern los und schloss mit blitzartiger Geschwindigkeit eine Hand wie einen Schraubstock um ihren Arm.
„Zieh dir was über, los, los!“
Sie gehorchte, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Dann zog ihre Mutter sie ins Treppenhaus, die Treppe hinunter, auf die Straße. Das Sonnenlicht glich einem Hohnlachen. Immer noch hielt ihre Mutter ihren Arm mit eisernem Griff fest und lief, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie kaum Luft bekam. Sie stolperte hinterher. Dann standen sie vor dem Haus, in dem Hildegard wohnte. Ein Klumpen fiel in ihren Magen und erzeugte eine Übelkeit, aus der eine leise, noch vage Ahnung aufstieg.
„Los, mach schon. Ich habe nicht vor, meinen ganzen Tag mit deinen Lügen und ihren Folgen zu verbringen.“
Sie glaubte zu ersticken. Ihre Knie gaben bei jeder Stufe nach, aber die Hand ihrer Mutter zerrte sie unbarmherzig die sechs Stockwerke hoch.
Als Hildegards Mutter die Wohnungstür öffnete, schlug ihr Herz in ihrer Kehle, und sie konnte nur noch verschwommene Umrisse sehen.
„Ich bin mit meiner Tochter gekommen, damit sie den Mist, den sie verzapft hat, richtig stellt.“
„Ach Gott“, sagte Hildegards Mutter, dann lange nichts und dann noch einmal: „Ach Gott. Nun nehmen Sie das doch nicht so tragisch, Frau Ohm.“
„Doch.“
Sie spürte, dass der Körper ihrer Mutter bei diesem Ausruf bebte.
„Edith muss lernen, dass Lügen Konsequenzen haben. Sie muss lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wir stören Sie auch nicht lange. Hildegard ist doch da?“
„Ja“, antwortete Hildegards Mutter mit einem leisen Zögern, dem Edith unter der Hülle der Verzweiflung, die sie umgab, schon anhörte, dass sie nachgeben würde.
„Aber wir sind gerade beim Essen.“
Dann öffnete sie die Wohnungstür ganz und ließ sie ein. Ediths Herz raste in ihrer Brust wie ein verängstigtes und zorniges Tier in einem Käfig. Ihr Herz würde sie erschlagen. Sie atmete nicht mehr. Die Hand ihrer Mutter, die ihre eigene immer noch mit hartem Griff fest hielt, zitterte jetzt so stark, dass dieses Zittern auch auf ihren Körper übergriff. Hatte ihre Mutter auch Angst?
Sie traten ins Wohnzimmer. Hildegard sah von ihrer Suppe auf, zuerst erstaunt und dann schlagartig besorgt. Ihre Augenbrauen zuckten. In der nächsten Sekunde nahm Edith etwas wahr, das sie erstarren ließ. Am Tisch saß noch ein Junge. Er sah neugierig zu ihrer Mutter und ihr hinüber, ohne eine Miene zu verziehen. Für einen kurzen, wahnwitzigen Moment hoffte sie, dass er ihre Rettung sein würde. Ihre Mutter würde ein Einsehen haben und ihr Schonung gewähren. Aber schon schlug deren Stimme zu:
„Hildegard, Edith hat dir etwas zu sagen.“
Ein Stoß traf ihren Rücken, und sie taumelte auf den Tisch zu. Der Junge fixierte sie immer noch mit seinem neugierigen Blick, Hildegards Augenbrauen tanzten nervös. Edith öffnete den Mund. Er war trocken, auch ihre Zunge war trocken, ihre Zähne waren trocken. Ihre Mundhöhle war mit Schmirgelpapier ausgeschlagen, das jeden Ton verschluckte, noch bevor er sich in ihrer Kehle geformt hatte. Und ihr Kopf war zementschwer. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, hatte immer noch nicht begriffen, warum ihre Mutter so wütend war.
„Jetzt sag etwas. Raus mit der Sprache.“
Die Stimme ihrer Mutter peitschte ihren Nacken, wieder traf ihre Faust ihren Rücken. Ediths Herzschlag setzt wieder ein, aber dieses Mal in ihrem Magen. Ihr Herz tobte sich an ihren Magenwänden aus, prügelte eine große, nicht mehr zurückzudrängende Übelkeit hinein. Bevor sie etwas dagegen unternehmen konnte, lag sie auf den Knien und übergab sich auf den Wohnzimmerteppich.
„Ach Gott“, hörte sie Hildegards Mutter sagen, weit weg hinter ihrem Rücken. Und gleich darauf über ihrem Kopf die Stimme ihrer Mutter, die jetzt zitterte vor Entschlossenheit: „Edith hat dich angelogen, Hildegard. Sie hat gar keinen Vater, der sie besucht. Und schon gar nicht beim Zirkus.“
Sie lachte ihr gequältes, bellendes Lachen.
„Sie hat sich das alles nur ausgedacht, um ein bisschen aufzuschneiden. Ich denke, das solltest du wissen.“
In ihrem Körper breitete sich schlagartig eine überwältigende Schwäche aus. Sie konnte sich nicht mehr auf den Knien halten. Ihre Arme hatten keine Kraft mehr, ihren Oberkörper zu stützen. Das letzte, das sie wahrnahm, war der Gestank ihres eigenen Erbrochenen, als sie mit dem Gesicht hinein fiel.
Abends war der kleine Mann verschwunden. Sie suchte nicht nach ihm, denn sie wusste, dass es ihr unmöglich sein würde, den Tanz mit ihm fortzusetzen. Der Gestank ihres Erbrochenen haftete jetzt daran. Die Stimme ihrer Mutter, die ihren Nacken peitschte. Die zuckenden Augenbrauen Hildegards. Als sie wieder zum Haareschneiden ging, fragte Tante Hannelore sie nach ihm.
„Wir tanzen nicht mehr. Er ist gestorben.“
Tante Hannelore sah sie erschrocken an, und einen Moment lang zitterte ihre Unterlippe. Dann strich sie ihr über den Kopf und sagte leise:
„Da kann man nichts machen.“
Danach sprach niemand mehr über ihn. Sie vergaß ihn siebenunddreißig Jahre lang.
Der Wirt stand hinter der Rezeption und hielt den Telefonhörer in der Hand, als Edith die Pension betrat. Sobald er sie sah, rief er: „Frau Löffler, Ihr Mann. Ich stelle nach oben durch.“
Schon im nächsten Augenblick hörte sie es in der ersten Etage hinter ihrer Zimmertür klingeln. Der Wirt reichte ihr den Schlüssel über die Theke. Sie hastete die Treppe hinauf, obwohl sie nichts weniger wollte als jetzt mit Rüdiger telefonieren. Doch das ging den Wirt nichts an. Im Zimmer hob sie, noch außer Atem, den Hörer ab.
„Bist du´s endlich?“
Rüdiger stieß die Worte mit hoher, zittriger Stimme hervor, wie immer, wenn er ungeduldig war. Sicher hatte er jetzt die tiefe, steile Falte auf seiner Stirn, die wie ein Ausrufezeichen zwischen seinen Augenbrauen stand.
„Wie kommst du dazu, einfach abzuhauen, ohne ein Wort?“
Seine Empörung klang echt. Ihm schien nicht im Entferntesten der Gedanke gekommen zu sein, dass es eine naheliegende Erklärung gab. Fühlte er sich tatsächlich so sicher?
„Woher weißt du, wo ich bin?“
Er holte tief Luft, bevor er sagte:
„Du hast mir keine andere Wahl gelassen.“
Unter seinem anklagenden Ton hörte sie jetzt Scham. Da begriff sie.
„Du hast in meinem Tagebuch gelesen.“
„Glaubst du, ich lehne mich geruhsam zurück, wenn du so mir nichts, dir nichts verschwindest? Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Typisch Rüdiger. Die Sorge. Der große Sockel seiner Selbstgerechtigkeit. Nie sah er, wen er mit seiner Sorge beschwerte. Wen er damit über den Haufen rannte.
„Was willst du?“
„Komm zurück. Du verrennst dich da in etwas.“
„Ich habe dich und Silvia gehört.“
Das Stakkato seines Orgasmus war ihr schon vor der Wohnungstür entgegen gekommen. Sie hätte auf dem Absatz kehrt machen können. Niemand hätte ihren Rückzug beobachtet. Niemand hätte gesehen, dass nicht sie der Grund war. Doch sie schloss die Tür auf, weil sie das immer tat und die Bewegung ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. Ihr Kopf war zu sehr damit beschäftigt, das zu begreifen, was vor sich ging, um eine Alternative zu erwägen. Dann stand sie im Flur, während aus dem Schlafzimmer das hohe, anschwellende Wimmern einer Frau drang. Ihr war plötzlich kalt, und sie drängte sich fröstelnd zwischen die Mäntel und Jacken, die an der Garderobe hingen. Nach einer Weile öffnete sich die Schlafzimmertür. Eine kleine, rundliche Gestalt trat heraus und kam durch den Flur auf sie zu. Im Halbdunkel erkannte sie Silvia, die einen Bademantel lose vor ihrem Körper zusammenraffte. Ihren Bademantel. Sie wich weiter gegen die Wand zurück wie ein Kind, das sich zwischen Mänteln und Jacken versteckt. Silvia bemerkte sie nicht, als sie zur Wohnungstür ging und sie öffnete. Das Geräusch der Hausschuhe, die gegen ihre Fußballen klappten, wurde leiser, während sie die Treppe hinunter zur Toilette lief. Edith hatte auf das Schließen der Toilettentür gewartet und sich dann, als sei sie der Eindringling, aus der Wohnung geschlichen.
Rüdiger schwieg einen Moment. Schließlich fragte er:
„Seit wann kümmert dich, mit wem ich schlafe?“
„Silvia ist unser Lehrling. So etwas tut man nicht.“
Sie hörte ihn schnauben.
„Das ist ja ganz neu, dass du dich für das interessierst, was im Geschäft vor sich geht. Sei ehrlich: Du hast einen Grund gesucht, heimlich zu fahren. Du wusstest, dass ich nicht einverstanden sein würde.“
„Habe ich dich etwa angestiftet, in unserem Schlafzimmer fremd zu gehen?“
Er lachte. Es klang wie eine Explosion.
„Unser Schlafzimmer? Das ist es doch schon lange nicht mehr.“
„Seit du ein Sterbezimmer daraus gemacht hast.“
Die Pause, die folgte, war so lang, dass sie schon glaubte, Rüdiger habe aufgelegt. Doch dann hörte sie ihn schwer atmen.
„Du warst einverstanden.“
Einverstanden. Was hätte sie denn tun sollen?
„Ich habe keine Lust, noch länger zu streiten“, sagte sie. „Es führt ja doch zu nichts.“
„Komm zurück.“
Er verlegte sich jetzt aufs Bitten.
„Ganz sicher nicht.“
Als sie den Hörer vom Ohr nahm, um aufzulegen, hörte sie leise seine Stimme durch die Schallmuschel:
„Du hast doch keine Ahnung, auf was du dich da einlässt.“
Die Frau muss er so schnell wie möglich vergessen. Den ganzen Mittag hackt er Holz, während der Schweiß ihm in Strömen über den Körper läuft, an Bauch und Rücken hinunter bis in seine Hose. Es wäre doch gelacht, wenn er nicht einmal mehr das hinbekäme. So weit ist es noch nicht mit ihm gekommen. Das heute Vormittag ist nur passiert, weil diese lästige, verblühte Ballerina ihn gestört und aus dem Tritt gebracht hat. Als die Sonne hinter den Blättern der Linde verschwindet, muss er aufhören, weil er seine Arme nicht mehr heben kann. Er hat ein schönes Stück geschafft. Neben dem Klotz liegt ein großer Haufen neuer, frisch geschlagener Scheite. Nur ein bisschen ausruhen, dann kann er anfangen, die Scheite zu den anderen an die Hauswand zu tragen. Dazu könnte er die Schubkarre gut gebrauchen. Aber die steht noch im Gemüsegarten. Dort hat er keinen Fuß mehr hin gesetzt, seit... Erst etwas essen. Er hat nur zwei Scheiben Brot gehabt heute morgen.
Er wirft den letzten Scheit auf den Haufen. Seine Muskeln zittern vor Erleichterung und Erschöpfung. Hinter dem Haus riecht es komisch. Erst im letzten Moment sieht er das Erbrochene, kann es gerade noch vermeiden, mitten rein zu treten. Das muss diese Ziege gewesen sein. Belästigte ihn erst und kotzte ihm dann vor die Tür.
Im Kühlschrank sind noch fünf Scheiben Brot. Das Marmeladenglas ist zu mehr als der Hälfte geleert. Er muss Einkochen lernen. Aber um die Brombeeren zu ernten, müsste er in den Gemüsegarten. Heute abend genehmigt er sich drei Scheiben Brot. Schließlich hat er hart gearbeitet. Oder doch lieber nur zweieinhalb. Er ist ja noch nicht fertig mit dem Holz. Als er die erste Scheibe auf das Brettchen legt, sieht er einen pelzigen Schimmelfleck am Rand. Schneidet das Stück, auf dem der Schimmel sitzt, ab und schiebt es mit dem Messer auf das Zeitungspapier hinter dem Brettchen. Beißt ab und kaut. Das Brot schmeckt trocken und kalt.
In seiner Kindheit waren Brote warm und dufteten. Die Frauen brachten den Teig in Tücher gehüllt zum Backhaus hinter der Schule. Der Duft wehte bis ins Klassenzimmer, und jedes Mal lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Im Winter, wenn es durch die undichten Fenster zog und der kleine Ofen in der Ecke die Temperatur kaum über dem Gefrierpunkt halten konnte, verströmte der Duft des Brotes Wärme und Behaglichkeit. Er stellte sich vor, wie er es in seinen Händen hielt und daran roch, während er in Wirklichkeit mit seinen Fingern trotz der Handschuhe kaum den Griffel halten konnte. So auch an dem Wintertag, an dem Heinrich verschwand und ihn ins Elend stürzte. Der Duft des Brotes wiegte ihn in Sicherheit. Trügerischer Duft. Am Brot lernte er das Wesen des Betrugs kennen.
Die Zeitung sollte er abbestellen. Die liegt hier bloß nutzlos herum. Er liest schon lange keine Zeitung mehr. Grete ja, die hat immer gesagt, man muss wissen, was in der Welt los ist, gerade wir hier oben brauchen die Zeitung, weil wir sonst nichts mitkriegen. Da hat er nachgegeben, obwohl es Geld kostete, das sie eigentlich nicht hatten. Aber Grete hat das Geld gut genutzt. Wenn er zum Frühstücken kam, hatte die Zeitung schon Eselsohren und Marmeladenflecken, und ein paar Krümel lagen auf der ersten Seite. Sie legte sie immer ordentlich zusammengefaltet neben seinen Platz, obwohl sie wusste, dass er sie nie las. Aber sie wusste eben auch, dass er sie bezahlte.
Früher hat ihn die Zeitung interessiert. Da brachten sie manchmal etwas über das Dorf, vor allem, als die Politiker anfingen, den Leuten hier einzureden, dass sie es anderswo besser hätten. Er hat sogar ein paar Mal mit Zeitungsleuten geredet und wollte dann natürlich wissen, was sie hinterher über ihn schrieben. Grete hatte die Zeitung zuerst, und er sah immer schon an ihrem Gesicht, wenn etwas über Radorf und den Hof darin stand. Ihre Augenbrauen sanken dann nach unten hinter ihre dicken Brillengläser. Vergeblich versuchte sie, ihre Stirn zu glätten, wenn sie merkte, dass er sie beobachtete. Über das Umsiedeln waren sie immer unterschiedlicher Meinung gewesen. Aber er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht gehen würde. Niemals. Sie wollten ihn, obwohl er erst in seinen Vierzigern war, zu einem alten Mann machen, der nutzlos in einer winzigen Stadtwohnung saß und von Sozialhilfe lebte. Arm zu sein, hätte ihn nicht gestört. Sie waren auch hier oben immer arm gewesen. Aber nutzlos sein – niemals. Er wusste, was Nutzlos-Sein bedeutet, seit er Herkules gewesen war. Willi Schmitz versuchte alles, um aus ihm wieder einen Herkules zu machen. Ausgerechnet er. Machte von seinem Bürgermeisterposten Gebrauch und stiftete den Grafen an, ihm den Pachtvertrag zu kündigen. Aber dieses Mal kämpfte er und gewann. Deshalb ist er noch hier. Der Sieg ist die Einsamkeit wert.
Mittlerweile kaut er den letzten Bissen der letzten für heute vorgesehenen Brotscheibe. Satt ist er noch nicht. Aber es muss reichen. Vom Wein ist immerhin noch genug da. Der hilft, den Hunger zu vergessen. Nicht nur den Hunger. Eigentlich dumm, dass er hier sitzt und sich sein Leben erzählt. Vergessen ist doch das Beste. Nicht so viel denken, nicht so viel erzählen. Damit hält man nur die Wunden offen. Er greift nach der Weinflasche neben dem Brettchen und setzt sie an die Lippen.
Jedes Mal, wenn sie sich nachts im Bett umdrehte, fuhr eine scharfe Schneide in ihre rechte Seite. Der Schmerz zwang sie, die Luft anzuhalten. Er ließ das Bild des Alten wieder lebendig werden, die erhobene Axt in seinen Händen, seinen zornigen Blick, seine angeschwollene Stimme. Rüdiger konnte nicht wissen, dass die Wirklichkeit seine Skepsis bereits überholt hatte. Sie begann sehr wohl zu ahnen, auf was sie sich einließ. Der Alte war unberechenbar, egozentrisch und trank zu viel. Er hatte sie schon zweimal innerhalb kürzester Zeit dazu gebracht, sich selbst zu schaden. Sie musste auf der Hut sein. Oder das Unternehmen abbrechen. Ein paar Sekunden lang stellte sie sich vor, wie sie am nächsten Morgen ihre Sachen packen und nach Berlin zurückfahren würde. Wie sie unterwegs den Zeitungsartikel und das Foto zerriss und die Schnipsel auf irgendeinem Rastplatz in den Papierkorb warf. Ihr wurde klar, dass sie es sofort bereuen würde. Die Entscheidung, hier zu sein und Otto Guse zu treffen, war nicht in ihr eigenes Belieben gestellt, sondern folgte einer Notwendigkeit, die bisher noch einer Kette ohne Anfang und Ende glich. Wie durch einen Dämmer konnte sie einzelne Glieder ausmachen: Den unterstrichenen Namen im Zeitungsartikel und das Ausrufezeichen daneben, mit so viel Nachdruck geschrieben, dass der Stift das Papier durchstoßen hatte; die Tänzerpuppe, die, in den Artikel eingewickelt, im Sekretär ihrer Mutter gelegen hatte; die Sehnsucht und Qual vieler Jahre. Noch kannte sie den Faden nicht, auf dem diese Glieder aufgereiht waren. Sie war hier, um zu verstehen. Der Aufgabe zu verstehen konnte man sich nicht ohne Schaden entziehen.
Sobald sie in einen unruhigen Schlaf fiel, suchte sie vergeblich nach dem Traumbild des jungen Otto Guse, das sie in den Nächten der letzten Monate begleitet hatte. Es war von einem Loch in ihrem Bewusstsein verschluckt. An seine Stelle trat eine schwindelerregende Leere. Am nächsten Morgen erwachte sie erschöpft. Sie stand zeitig auf und war die erste im Frühstücksraum. Der Wirt kam und fragte nach ihren Wünschen. Er sprach in einem dauervergnügten, leicht singenden Tonfall, den sie befremdlich fand. Nachdem sie einen Kaffee und zwei Brötchen bestellt hatte, sagte er:
„Wir haben auch sehr schöne Doppelzimmer.“
Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er auf den Anruf anspielte, den er gestern für sie entgegengenommen hatte.
„Danke“, antwortete sie, „ich werde das mit meinem Mann besprechen.“
Gleich anschließend ärgerte sie sich darüber, dass sie sich zu dieser überflüssigen Ankündigung hatte hinreißen lassen. Sie war unnötig defensiv, wie alle, deren Ehe in die Brüche ging, ohne dass sie schon begonnen hatten, das zu akzeptieren. Machte anderen etwas vor, um selbst den Tatsachen nicht ins Auge sehen zu müssen. Sie frühstückte ohne Appetit und machte sich danach auf den Weg nach Radorf.
Dieses Mal hatte sie keine Eile anzukommen. Deshalb war es ihr recht, dass sie einige Zeit brauchte, um durch ein Gewirr von Gässchen auf die Hauptstraße zu gelangen. Reisstadt, der Ort am Rheinufer, in dem ihre Pension lag, bestand im Kern aus einer dichten Ansammlung niedriger Fachwerkhäuser, die ihr vorkamen, als stammten sie aus einem Spielzeugbaukasten. Auf den ersten Blick wirkten sie anheimelnd, allerdings auf eine Art und Weise, die sehr schnell ein Unbehagen in ihr erzeugte. Sie fühlte sich beengt, als würde sie in eine winzige Kammer gesperrt. Am Abend, nachdem der Alte sie mit der Axt bedroht hatte, war sie auf der Uferpromenade spazieren gegangen, um ihre Fassung wiederzugewinnen. Die Fließwellen des Rheins hatten das Abendlicht zu bizarren Formen auseinandergezogen, die Bakterien unter einem Mikroskop gleichen. Zum gegenüberliegenden Flußufer hin verfärbte die Wasseroberfläche sich im Schatten bewaldeter Hügel schwarzgrün. Das Gefühl von Enge und Eingesperrtsein war gewichen, allerdings nur, um einem dumpfen Ekel Platz zu machen.
Hinter dem Ortsausgang von Reisstadt stieg eine schmale Asphaltstraße steil zwischen Wiesen mit Obstbäumen an, bevor sie in einen dichten Wald mündete. Es gab noch ein Hinweisschild auf den Ort, obwohl bis auf den Hof kein Haus mehr stand. Der Wald hatte alle Spuren des Dorfes überwuchert und getilgt. Bevor sie den Artikel zu ersten Mal gelesen hatte, war ihr nicht klar gewesen, dass es auch im Westen Wüstungen gab. Bis dahin hatte sie die Vernichtung ganzer Wohnviertel und Dörfer für eine Spezialität Ulbrichts, Honeckers und ihrer Leute gehalten. Im Gleimviertel hatte sie die Mauer und den Sperrbezirk immer vor Augen gehabt. Sie lebte damit wie mit einer Wunde, die zwar notdürftig verheilt ist, aber weiterhin so empfindlich, dass jede Berührung schmerzt. So weit wie möglich vermied sie es, ihr zu nahe zu kommen; vermied es, sich an die Zeit der Unversehrtheit zu erinnern, als auf dem Mauerstreifen noch Häuser standen und man die angrenzenden Straßen ohne Passierschein betreten durfte.
Waren die Menschen aus Radorf vertrieben worden wie die Bewohner des Sperrbezirks?
Sie steuerte ihren angestammten Parkplatz in der Nähe des Schlagbaums an und stieg aus. Dieses Mal hallten keine Axtschläge vom Hof herüber. Ein leichter Wind bewegte die Baumkronen am Waldrand. Es klang, als tuschelten sie miteinander und tauschten ihr Erstaunen aus über diese hartnäckige Fremde, die schon wieder da war. Vielleicht standen sie in einer geheimnisvollen Verbindung mit dem Alten und kündigten ihr Kommen an. Bei diesem Gedanken blieb sie stehen und drehte sich um. Lieber sichergehen, dass er ihr nicht heimlich folgte. Glücklicherweise war er unsicher auf den Beinen. Solange sie auf Abstand zum ihm blieb, konnte ihr nichts passieren. Doch sie durfte sich nicht von ihm überraschen lassen. Auf dem Weg hinter ihr war niemand. Alles, was sie sah, waren der rissige Asphalt, der sich als schmale, gerade Bahn bis zur Schranke erstreckte, die Eichenblätter am Waldrand, die im Sonnenlicht des Vormittags grün schimmerten, und die hügeligen Wiesen, auf denen Apfelbäume verstreut standen. Sie trugen noch ihre Früchte, die bereits gelb und fleckig geworden waren. Offensichtlich machte sich niemand die Mühe, sie zu ernten.
