Findet Alex! - Thomas Koopmann - E-Book

Findet Alex! E-Book

Thomas Koopmann

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Beschreibung

Eigentlich könnte Titus das normal verrückte Leben eines vierzehnjährigen Teenagers leben, wären da nicht Kevin und Matthias, die ihn regelmäßig schikanieren, sowie sein drängender Wunsch, endlich viele coole Freunde zu haben. In seiner Verzweiflung erfindet Titus kurzerhand online einen Freund namens Alexander, um seine Mitschüler zu beeindrucken. Doch dann begeht er einen folgenschweren Fehler und ist gezwungen, einen echten Alex aufzutreiben. Damit beginnen eine spannende Suche und eine lustige Odyssee durch die Hektik und das Treiben einer deutschen Großstadt.

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2017

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WIDMUNG

Dieses Buch widme ich meiner Ehefrau Franziska, die immer für mich da ist und die ich über alles liebe,

meiner Familie, die mich immer unterstützt,

und meinem Freund Stefan, der stets mit mir durch dick und dünn geht.

Findet Alex!

- von Freunden und Feinden -

ein Jugend- und Entwicklungsroman von Thomas Koopmann

Copyright © 2017 Thomas Koopmann

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Franziska Koopmann

Lektor: Thomas Koopmann

Verlag: tredition GmbH

Grindelallee 188

20144Hamburg

ISBN Paperback 978-3-7439-4744-3

ISBN Hardcover 978-3-7439-4745-0

ISBN e-Book 978-3-7439-4746-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1

„Ey, Spasti!“ Zu spät sah Titus die leere Zigarettenschachtel auf sich zufliegen, die ihn mit einem hohlen Geräusch am Kopf traf und danach unbeholfen zu Boden segelte. Die Schachtel, nicht Titus. Denn auch wenn er stets etwas unbeholfen und wankend durch die Gänge der Heinrich-Böll-Gemeinschaftsschule watschelte, trotzte sein stabiler Körperbau jeder Art von Pappattacke. Selbst an den Kopf gedonnerte Donuts konnten ihn, und das wusste er aus sicherer Erfahrung, nicht aus dem Gleichgewicht bringen, wobei das Geräusch fettigen Gebäcks, das an die Rübe eines Vierzehnjährigen klatschte, fülliger und wuchtiger klang als das leerer Kippenschachteln.

Im Laufe seiner Schulzeit hatte Kevin ihm das Sortiment ganzer Bäckereibetriebe an den Kopf geballert, aber Zigarettenpäckchen – ja, das war mal was Neues. Und so erwachsen! Womöglich hatte Kevin die gesamte Nacht wach gelegen, um diese geniale Idee in allen Einzelheiten zu planen, alle Eventualitäten abzuwägen und jeden Schritt sorgsam durchzugehen. Doch sicherheitshalber hatte er sich, wie immer, Unterstützung dazugeholt. Denn vier Augen sahen bekanntlich mehr als zwei und zwei Spatzenhirne ergaben beinahe schon ein normales. Neben Kevin hockte nämlich Matthias auf der Fensterbank des Schulganges, grinste bis über beide Ohren und musterte Titus mit einem höhnischen Blick.

„Na! Wochenende schön gelernt? Oder was treiben Spackos wie du so, wenn keine Schule ist?“

Titus sah zunächst auf Kevin, dann auf Matthias und wieder zurück. Beide waren ein Jahr älter als er und sahen aus wie aus einem dieser bescheuerten Musik-Videos, die Titus aus dem Fernsehen kannte; nur mit dem Unterschied, dass Kevin allerhöchstens mit Müll anstatt mit Dollarscheinen um sich schmeißen und Matthias statt mit heißen, nackten Frauen mit einer stattlichen Pickelsammlung angeben konnte. Ansonsten stimmte das Gangster-Image schon recht gut mit dem der anderen Möchtegern-Badboys überein, die Titus‘ dreizehnjährige Schwester Melanie als lebensgroße Poster über ihrem Bett hängen hatte.

Kevin hatte raspelkurzes, blondes Haar, ein schmales Gesicht, trug zerrissene Jeans und ein Death-Metal-Shirt. Matthias‘ Haare waren eine fettige, dunkelbraune Matte, die er morgens unbeholfen nach oben gelte. Er trug am liebsten abgewetzte Jogginghosen und hautenge T-Shirts, die seinen (nicht vorhandenen) Bizeps unterstreichen sollten. Die beiden waren einen knappen Kopf größer als Titus, obwohl sie immer wie zwei Schimpansen leicht vorgebeugt liefen. Die zwei Halbaffen gingen in seine Parallelklasse, die 8b, und mussten gemeinsam eine Ehrenrunde drehen, weil die Noten Eins bis Drei auf ihrem Zeugnis seltener waren als die Blaue Mauritius.

„Was ist los, Penner? Nix deutsch, oder was?“ Kevin funkelte ihn mit seinen grünen, zusammengekniffenen Augen an. Titus suchte krampfhaft nach einer schlagfertigen Antwort. „Äh!“ Na also, ging doch.

„Äh! Was?“, zischte Matthias, während er sich mit dem Zeigefinger das linke Nasenloch zuhielt und das rechte mit der Wucht eines Kompressors auf Titus‘ fliederfarbenem Pullover entleerte.

„Guck mal. Der Idiot kann seine Farbe wechseln - von tuntenrosa zu grün.“ Die beiden grölten vor Lachen.

„Ja, stimmt. Wie diese Echsenviecher“, grunzte Matthias.

„Du meinst Chamäleons“, entfuhr es Titus unabsichtlich. Schlagartig verstummten die beiden und starrten ihn wütend an.

„Was hast du gesagt? Reißt du jetzt die Fresse auf? Hä?“ Titus verfluchte sich selbst für seinen Kommentar. Doch noch ehe er etwas erwidern konnte, sprangen die beiden von der Fensterbank, kamen auf ihn zu und umkreisten ihn. Also, sie umkreisten ihn nicht wirklich, denn sie waren ja nur zu zweit, aber Titus vermutete, dass die beiden das bereits für einen Kreis hielten.

Jetzt musste er improvisieren, ansonsten hätte er in wenigen Sekunden Hein Blöds Faust im Gesicht. „Ich… äh… na ja… das fiel mir gerade so ein, weil ich doch von einem dieser Viecher gebissen worden bin und“, er räusperte sich, „immer noch mit diesen schrecklichen Folgen zu kämpfen habe. Ihr wisst schon!“

„Wat?“ Matthias zog eine Grimasse. Nicht, dass sein Gesicht sonst wesentlich hübscher anzuschauen war, aber wenn er sich über etwas wunderte, und das kam bei ihm oft vor, legte er die Stirn in Falten und rümpfte die Nase. Ein bisschen sah er dann aus wie ein Klingone mit Verstopfungen, aber das behielt Titus lieber erst einmal für sich. Zunächst musste er aus dieser Chamäleonnummer wieder raus.

„Ja, mich hat doch letzte Woche so ein Biest gebissen. Mit Blut und all dem ganzen Drumherum.“

„Geil!“ Kevin grinste.

„Na ja, und dann musste ich ins Krankenhaus.“

„Hat er dir in den Schniedel gebissen?“ Die beiden klatschten sich lachend ab, während Titus seinen linken Ärmel hochkrempelte und auf eine kleine, kaum erkennbare Narbe deutete.

„Nein, in den Arm. Direkt hier. Seht ihr? Auf jeden Fall musste ich sofort ins Krankenhaus und habe eine Tetanus-Spritze bekommen.“

„Eine Tetra- was?“ Matthias verwandelte sich wieder in einen Klingonen.

„Tetanus. Das bekommt man, wenn man gebissen wurde und die Gefahr besteht, dass man dadurch weich im Kopf wird.“

Die Bemerkung So wie ihr sparte er sich klugerweise.

„Auf jeden Fall hat der Arzt gemeint, dass die Gefahr, sich anzustecken, in einer Woche bei null Prozent liegt und…“

„Hä? Wieso anstecken?“ Kevin und der außerirdische Faltenkopf guckten sich fragend an.

„Ihr wisst doch. Wenn man mit so Virus-Zeugs infiziert ist, dann kann man das über die Haut und so übertragen. Deswegen setzt Frau Müller mich in der Klasse auch diese Woche ganz nach hinten. Die anderen wissen schon Bescheid. Ist alles halb so wild. Man bekommt höchstens Übelkeit, etwas Jucken und vielleicht Haarausfall, wenn man sich ansteckt. Aber wie gesagt, das geht nur über Hautkontakt. Oder Speichelaustausch und so.“ Hoffentlich funktionierte der Bluff.

„Alter, du bist echt ein Freak“, zischte Matthias. Doch anstatt sich weiter drohend vor Titus aufzubauen, wich er, beinahe unmerklich, einen Schritt zurück. Hatte der sonst so harte Spinner etwa Schiss vor der Chamäleonseuche? Es schien fast so, denn Matze, wie ihn nur die anderen obercoolen Jungs nennen durften, hielt sich die Hand vor die Nase. Er hatte wohl Angst, die Chamäleon-Viren könnten über seine Atemwege in den Körper gelangen und ihn zu einem unkontrollierten Spasten machen. Falls ja, Glückwunsch. Das hatte er bereits ohne die Viren geschafft.

„Wir sehen uns noch!“ Und während die beiden weggingen, wobei sie rückwärts liefen, damit die Viren nicht von hinten über sie herfallen konnten, überlegte Titus fieberhaft, ob und wie die beiden wohl herausbekommen würden, dass es keine Chamäleonseuche gab. Aus Büchern würden sie es wohl nicht erfahren, denn die benutzten Matthias und Kevin allerhöchstens als Bierdeckel. Auch die Narbe an Titus‘ Arm stammte nicht von einer blutigen, heldenhaften Schlacht mit einem zwanzig Zentimeter großen Reptil, sondern von seiner eineinhalb Jahre jüngeren Schwester Melanie. Sie hatte Titus nämlich vor einem halben Jahr während eines sachlichen Gesprächs in der Küche glaubhaft versichern können, dass ihr Hintern in Leggings gar nicht zu fett sei. Und wie alle großen Redner hatte sie ihre Aussage mit einem schlagkräftigenArgument untermauert und Titus vorsorglich eine Gabel in den Arm gerammt. Sicher war ja bekanntlich sicher und Titus war seither fest davon überzeugt, dass seine Schwester in allem, was sie trug, den knackigsten Hintern ever hatte.

Gut, dass Matze und Kevin von der Leggings-Diskussion nichts wussten. Die Geschichte mit dem Tierbiss klang ja auch viel cooler und hielt ihm die beiden Nervensägen wenigstens für einige Tage vom Hals. Und dann würde der ganze Schwachsinn wieder von vorne losgehen. Alles in allem war es ein ganz normaler Schultag im Leben eines ganz normalen Freaks. Dass die Mädchen in seiner Klasse seinen Vornamen heute Vormittag in „Titti“ umbenannt hatten, stellte zwar eine kleine Abwechslung von den üblichen Sticheleien dar, war aber auch nichts sonderlich Kreatives.

Nach der fünften Stunde ertönte endlich die erlösende Schulglocke, deren schrilles Kreischen nur noch von Frau Scherings „Ich beende die Stunde, nicht der Gong“ übertrumpft wurde. Und nachdem sie auf pädagogisch wertvolle Weise ein paarmal mit dem Klassenbuch auf das Pult eingedroschen und alle Schüler die Deutschunterlagen wieder auspacken lassen hatte, erklärte sie mit einem breiten Grinsen, dass die Stunde nun zu Ende sei.

Auf dem Nachhauseweg von der fünfhundert Meter entfernten Bushaltestelle, an der er jeden Tag nach der Schule ausstieg, betrachtete Titus seinen Pullover und den Fleck genauer, den ihm Matthias freundlicherweise nasal überlassen hatte. Grün war er nicht mehr, eher ockerfarben. Dafür erinnerte der Umriss jetzt ein wenig an eine Brezel. Seiner Mutter würde er einfach erzählen, er habe sich beim Niesen eine Brezel auf den Pulli gerotzt - ja, das würde sie glauben und sich, wie Mütter das eben so machen, liebevoll um das Problem kümmern. Und wenn sie den Dreck nicht herausbekam, würde der fliederfarbene Pullover, den Titus‘ Mutter für „ach so unwiderstehlich“ hielt, endlich zum Putzlappen verarbeitet werden. Tut mir leid, mein Junge, der Fleck ging nicht raus! Titus grinste bei dem Gedanken. Für die fröhlich lachende Frau aus der Waschmittelwerbung, die Titus aus dem Fernsehen kannte, wäre der Fleck sicherlich kein Problem, denn sie war schon mit ganz anderen Verschmutzungen klargekommen. Flecken machten der Frau sogar Freude. Zumindest erzählte sie das ständig in der Werbepause. Andererseits hatte die nette Fernsehdame aber auch den ganzen lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als in ihrer strahlend sauberen Küche darauf zu warten, dass ihre Kinder mit Schokoladen-, Gras-, Himbeer- und Vogelscheißeflecken beschmiert ins Haus gestürmt kamen.

Titus‘ Mutter stand nie fröhlich lachend vor der Waschmaschine und versprach der Familie auch nicht, dass sie dank ihres neuen Waschmittels mit Aktivperlen ruckzuck alle Flecken entfernen könne. Stattdessen war Frau Henke die meiste Zeit auf der Arbeit und zeigte irgendwelchen reichen Leuten irgendwelche Häuser, damit die reichen Leute dann irgendwelchen anderen reichen Leuten zeigen konnten, wie reich sie waren.

Das Waschen erledigte sie nebenbei am Wochenende oder Titus‘ Vater übernahm diese Aufgabe. Aber auch er hatte nicht viel mit der Waschmittelreklamefrau gemeinsam, die wahrscheinlich in einem Haus für reiche Menschen lebte, das ihr von einer Immobilienmaklerin verkauft worden war, die reichen Leuten Häuser für Reiche verkaufte, um anderen waschwütigen reichen Hausfrauen zu zeigen, wie reich sie mit Hilfe ihrer Waschmaschine geworden war.

Verrückte Welt, dachte Titus, während er in die Einfahrt seines Elternhauses einbog. Es war ein fast fünfzig Jahre altes Einfamilienhaus mit einem etwas windschiefen Dach, das links und rechts beinahe die großen Tannen berührte, die das Grundstück umsäumten. Das Dach war nicht wirklich windschief. Herr Henke hatte vielmehr darauf bestanden, es selbst zu decken, und das war dabei herausgekommen. Titus hatte sich fest vorgenommen, ihn eines Tages zu fragen, ob er beim Dachdecken besoffen gewesen sei, doch er fürchtete sich vor der Reaktion. Es konnte nämlich passieren, dass dann die ganze Familie helfen durfte, das windschiefe Dach abzudecken und neu zu richten; nur um dann festzustellen, dass das Ergebnis wieder einem Sturmschaden glich.

Titus stieg die drei Stufen bis zur Haustür hinauf und betrachtete die rote Katzenklappe, die im Vergleich zum Dach doch recht gerade in die Haustür gesägt worden war. Herr Henke hatte sie erst letztes Jahr eingebaut, da seine Frau sich nichts sehnlicher gewünscht hatte als zwei Katzen. Kurzum und ohne langes Gerede hatte er zur Säge gegriffen und die Haustür malträtiert, während seine Gattin sich in der Zwischenzeit überlegt hatte, dass sie doch eher auf Hunde stand.

Zwar hatte „Wuschel“, wie Frau Henke ihren Yorkshire Terrier getauft hatte, die optimale Größe für die Katzenklappe, doch leider machte der Hund keinen Gebrauch davon. „Wuschel hat eben Stil und schlüpft nicht durch so eine alberne Klappe“, hatte sie daraufhin versichert, wohingegen der Rest der Familie hinter ihrem Rücken gelästert hatte, dass der Hund einfach zu doof sei, die Klappe zu öffnen. Aber - doof hin oder her - ungenutzt war die neue Konstruktion dennoch nicht geblieben, wie Titus eines Nachts feststellt hatte. Im Gegensatz zu Wuschel hatten die Nachbarskatzen das Prinzip der Klappe nämlich sofort durchschaut und bewiesen, dass man innerhalb weniger Minuten in ein Gebäude schlüpfen, auf den neuen Teppich der Familie pinkeln und dann wieder verschwinden konnte. Wuschel hatte dem bunten Treiben zwar aufmerksam zugeschaut, aber nicht eingegriffen. Womöglich, so hatte Titus gemutmaßt, war er einfach von der Frage überrumpelt gewesen, wie es fünf, teilweise fettleibige Katzen geschafft hatten, durch eine geschlossene Haustür zu schlüpfen.

Titus zog seinen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss die Haustür auf, welche sich mit einem leichten Knarren öffnete. Er schritt durch den Flur, begrüßte Wuschel mit einem Krauler hinter dem linken Ohr, stellte seinen Rucksack im Flur ab und ging in die Küche.

„Hi, ich bin wieder da!“

„Herrje!“ Sein Vater sah erschrocken vom Küchentisch auf. Um ihn herum lagen unzählige Kleinteile aus Plastik und Metall verstreut. „Ich habe dich gar nicht reinkommen hören, mein Junge.“

„Ähm?“ Titus starrte auf den Tisch und deutete auf den undefinierbaren Kleinteilehaufen.

Herr Henke folgte seinem Blick. „Ach so! Die Teile hier. Ja, weißt du, deine Mutter hat sich beschwert, dass die Radiosender ständig rauschen, und ich wollte einen Verstärker einbauen, um den Empfang zu verbessern. Aber irgendwie… Kaum hat man mal zwei Schrauben rausgedreht, fällt einem das ganze Innenleben des Radios entgegen.“

Titus verdrehte die Augen. Er wusste, was jetzt folgte: Die übliche „Früher hat man für sein Geld wenigstens noch anständige Qualität bekommen“-Rede, gefolgt vom „Da konnte man noch alles selbst reparieren“-Vortrag. Und wenn Titus Glück hatte, folgte als Sahnehäubchen noch ein deftiger „Ich wette die Bosse dieser Produktionsfirmen würden ihre Schrottprodukte selbst nicht kaufen“-Abschluss.

„Eines kann ich dir versichern.“ So – und los ging‘s! „Als ich in deinem Alter war, da hat man für ein paar Mark anständige Ware bekommen. Das war noch richtige Technik. Deutsche Wertarbeit! Und soll ich dir was sagen? Das Zeugs konnte man noch selbst reparieren. Aufschrauben, reparieren, zuschrauben. So einfach war das damals. Und heute bricht dir der ganze Mist schon in tausend Teile, wenn du mit dem Schraubenzieher nur in die Nähe des Geräts kommst.“ Herr Henke drehte frustriert mit dem Zeigefinger am Senderrädchen des ausgeschlachteten Radios herum. „Und ich wette mit dir, dass die Chefs der Firmen, die sowas produzieren, sich ihre Produkte selbst niemals in ihre Villen stellen würden. Die wissen nämlich ganz genau, was das für ein Schrott ist, den die da fabrizieren. Die kaufen dann lieber Produkte von anständigen Unternehmen.“

„Und warum tust du das nicht?“, erwiderte Titus, doch er kannte die Antwort schon.

„Weil die, die noch gute Qualität verkaufen, gleich das Zehnfache für die Geräte verlangen und ich bin weiß Gott nicht der Schar von Persien.“

„Na dann, viel Glück beim Zusammenbauen.“ Dass sein Vater sehr viel Glück brauchen würde, stand für Titus außer Frage. Herr Henke war leidenschaftlicher Bastler und Erfinder. Na ja, das war vielleicht etwas übertrieben. In der Regel schraubte er einfach irgendwelche Geräte auseinander, fummelte dann darin herum und baute sie wieder zusammen, wobei am Ende immer zwei bis drei Bauteile übrig blieben, von denen er stets behauptete, dass man sie eh nicht brauche. Einmal hatte er sogar versucht, den neuen Hightech-Backofen seiner Frau an einen Computer anzuschließen, um die Hitze beim Backen mittels Software steuern zu können. Das mit der Hitze hatte auch ganz gut funktioniert, allerdings hatte sich diese nicht im Herd entwickelt, sondern im Computer, der schließlich lichterloh abgefackelt war.

Wenn das Familienoberhaupt nicht gerade Technik zerlegte oder Dinge im Haushalt zu reparieren versuchte, verdiente er Geld mit Gelegenheitsjobs. Eigentlich war er gelernter Bürokaufmann, doch diesen Beruf hatte er schnell wieder an den Nagel gehängt. Warum, das hatte Titus nie verstanden. Sein Vater hatte einmal etwas gesagt wie, er sei ein Freigeist und wolle sich nicht von der Wirtschaft versklaven lassen, oder so ähnlich. Was genau ein Freigeist war, das wusste Titus auch nicht. Seine Mutter hatte den Begriff einmal mit „Vollpfosten“ übersetzt, aber er bezweifelte, dass das die richtige Definition war. Dass Titus‘ Mutter von der Entscheidung ihres Mannes, Geld nur durch Nebenjobs zu verdienen, nicht sonderlich begeistert war, hatte sie bereits mehr als einmal deutlich gemacht.

Ganz egal was ein Freigeist auch sein mochte, nach all dem Stress, den seine Eltern deswegen hatten, würde er lieber keiner werden. Titus wollte stattdessen richtig arbeiten gehen, so mit Büro und Kollegen oder vielleicht in einem Labor oder in einer eigenen Praxis oder so. Was genau, wusste er noch nicht, aber etwas total Cooles würde es sein, da war er sich sicher.

„Wenn du Hunger hast, das Essen steht im Kühlschrank.“

„Was gibt’s denn, Papa?“

„Spaghetti.“

Eigentlich war die Frage überflüssig. Wenn Herr Henke kochte, gab es immer Spaghetti. Außer samstags, da gab es Nudeln.

„Oh Spaghetti. Das ist ja eine Überraschung.“

Es folgte ein finsterer Blick des Vaters. „Wenn der feine Herr das Essen nicht mag, kann er gerne hungrig in sein Zimmer gehen. Ich habe hier alle Hände voll zu tun, da kann ich für Monsieur nicht auch noch ein Buffet aufbauen. Außerdem könnte deine Mutter auch mal…“, der Rest des Satzes ging als unverständliches Gemurmel unter, da Herr Henke zwischenzeitlich die Küche verlassen hatte und mutigen Schrittes Richtung Toilette gestampft war, die am anderen Ende des Flures lag. Während er noch irgendetwas von Spaghetti und Undankbarkeit seiner Kinder erzählte, fing er an, sich an der seit zwei Tagen verstopften Toilette zu schaffen zu machen.

Titus hatte eh keinen großen Hunger und leistete seinem Vater Gesellschaft, der sich kritisch über das Klobecken beugte, um fachmännisch festzustellen, dass das nicht abfließende Wasser auf eine Verstopfung zurückzuführen sei.

„Kann ich helfen, Papa?“

„Nee, das krieg‘ ich schon hin. Aber danke.“

„Ist Mama gar nicht da? Ich dachte, sie hat heute frei.“

„Ja, das dachte sie auch. Aber dann hat noch ein neuer Kunde angerufen, der was Wichtiges klären wollte, und wie ein Wirbelwind ist sie abgebraust.“

Einige Minuten schwiegen beide, während der Toilette mit allen erdenklichen Hilfsmitteln zu Leibe gerückt wurde.

„Wie war’s denn in der Schule?“

„Na ja, das Übliche“, nuschelte Titus.

Sein Vater legte die Stirn in Falten. „Ärger?“

„Nee, nur langweilig.“

„Ach Junge, raff dich auf. Da musst du durch. So ist das Schulleben.“

„Hm.“

Herr Henke spürte, dass etwas mit seinem Sohn nicht stimmte. Er spürte schon eine ganze Weile, dass irgendwas in ihm vorging. Besorgt drehte er sich zu ihm um und musterte den Knaben.

„Unternimm doch mal was mit deinen Klassenkameraden. Dann ist es auch nicht mehr so öde in der Schule. Oder triff dich mal wieder mit Clara und Chris.“

Clara ging auf die „Konkurrenzschule“, war fünfzehn Jahre alt und hatte eine Klasse übersprungen. Titus hatte sie während eines schulübergreifenden politischen Planspiels kennengelernt. Chris ging in die Parallelklasse, die 8c, und teilte mit Titus das Hobby, keine Hobbys zu haben. Irgendwie hatten sich die beiden angefreundet, als sie in der sechsten Klasse schweigend und kauend nebeneinander auf der Fensterbank des Erdgeschossflurs gehockt hatten. Danach hatten sie sich ab und zu getroffen, um rumzuhängen oder zu lernen. Irgendwann hatte Titus Clara mit eingespannt und von da an hingen sie regelmäßig zu dritt rum. Titus starrte verlegen auf die weißen Fliesen des Fußbodens vor der Toilette und zählte die Fugen.

„Na?“

„Was?“, fragte Titus, doch er wusste genau, worauf sein Vater hinaus wollte.

„Lad die beiden doch mal wieder zu uns ein. Vielleicht am Wochenende.“

„Ja, mal gucken!“ Eigentlich hing Titus ständig mit ihnen rum. Und das war auch toll und sie waren nett – sie waren halt normal. Tatsächlich wollte er aber endlich mal mit den richtig angesagten Leuten chillen; mit denen, die immer vor dem Aldi rumlungerten, lässige Handschläge zur Begrüßung durchturnten und heimlich mit den Autos ihrer großen Geschwister rumfuhren. Er wollte die Sorte Schüler sein, die sich nicht von Idioten wie Matthias und Kevin rumschubsen ließ - einer, der solchen Typen zeigte, wo es langging, und der von allen respektiert wurde.

„Mal gucken, mal gucken. Was ist denn in letzter Zeit los?“

Herr Henke entdeckte den Fleck auf dem Pullover seines Sohnes und zeigte mit dem Finger darauf. „Oder hast du Stress mit jemandem?“

Titus traute sich nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. „Nein“, log er und schämte sich, vor allem auch deswegen, weil er dieses Thema ausgerechnet mit seinem Vater besprechen sollte.

„Falls du Hilfe brauchst, sind wir für dich da.“ Herr Henke blickte Titus aufmunternd an. „Egal was dich bedrückt... Du bist ein fixer Junge. Du bist intelligent und hast was auf dem Kasten. Aus dir kann richtig was werden. Und wenn du nicht mit uns reden möchtest, ist das in Ordnung. Aber lass den Kopf nicht hängen.“ Er hielt kurz inne und fuhr mit ruhiger, eindringlicher Stimme fort: „Und weißt du was? Du wirst das schaffen, denn du bist ein toller Typ. Und deine Mutter und ich sind sehr stolz auf dich.“

Titus spürte die liebevolle Sorge um ihn und auch, wie ihm die aufmunternden Worte wie ein wärmendes Kribbeln durch den ganzen Körper gingen. Wahrscheinlich hätten sie ihn sogar mit neuem Mut erfüllt, wenn sein Vater, während er sie sprach, nicht mit einem Klopümpel vor seiner Nase herumgewedelt hätte.

„Ich gebe mir Mühe, Papa“, presste Titus hervor, um das Gespräch zu einem Ende zu führen.

„Ganz der Vater“, erwiderte selbiger und verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Mühe, Durchhaltevermögen und Fleiß führen zum Erfolg!“ Wie zum Beweis und als müsste diesen Worten Nachdruck verliehen werden, verriet ein plötzliches Gluckern in der Toilette, dass er den Kampf gegen die Verstopfung in der Keramikschüssel gewonnen hatte. Und während er noch lautstark im Selbstgespräch darüber philosophierte, dass Toiletten zu seiner Zeit nicht nur billiger, sondern auch seltener verstopft gewesen waren, ging Titus die Treppe hinauf in den ersten Stock.

Auf dem Weg in sein Zimmer kam er an dem seiner Schwester vorbei. Die Tür stand heute ausnahmsweise offen. Der Fernseher lief ohne Ton. Melanie lag bäuchlings auf ihrem Bett und starrte gebannt auf ihr Smartphone, während sie in regelmäßigen Abständen auf dem Display herumdrückte, was wiederum mit piepsenden Geräuschen belohnt wurde. Herr Henke hatte sie einmal gefragt, ob sie den ganzen lieben langen Tag nichts Besseres zu tun hätte, als dämlich grinsend in ihr Handy zu sabbern. Daraufhin hatte Melanie zu ihren rhetorisch wertvollen Mitteln gegriffen und ihrem Vater lautstark versichert, dass es ihn einen Scheiß angehe, was sie den ganzen Tag treibe. Eine Gabel hatte sie dieses Mal nicht parat gehabt, was sie aber mit hysterischem Kreischen und Fluchen wieder wettgemacht hatte. Ganz fair war die Frage auch wirklich nicht gewesen. Schließlich hatte Melanie weit mehr zu tun, als den ganzen Tag mit ihrem Smartphone zu posten und Apps herunterzuladen. Denn da gab es ja auch noch das Fernsehprogramm, das Melanie jeden Nachmittag und jeden Abend sorgsam studierte. Dabei zappte sie sich von Geldeintreibern, die arbeitslose Schuldner durch deutsche Großstädte jagten, hin zu Müllspezialisten, die Messie-Wohnungen putzten. Danach folgten dann meist Wettbewerbe für wasserstoffblonde Topmodels und Videos von muskelbepackten Rappern, die mit bösen Blicken versicherten, dass sie bereits mit den Müttern aller Zuschauer Liebe gemacht hätten. Abgerundet wurde die Reise seiner Schwester durch die deutsche Privatsenderlandschaft durch Realityformate mit kettenrauchenden, dicken Menschen, die Streit mit allen anderen Leuten in ihrer Nachbarschaft hatten. Wenn Titus das Prinzip richtig verstanden hatte, schickte der Sender dann eine etwas weniger moppelige Moderatorin vorbei, die das ganze Elend dokumentierte und versuchte, zu vermitteln. Dabei hatten einige der Menschen, die die Fernsehfrau besuchte, Balken vor den Augen oder verzerrte Gesichter. Klar, die wollten anonym bleiben, weil die etwas weniger assig waren und nicht erkannt werden wollten, mutmaßte Titus. Aber wie schafften die Fernsehmacher es eigentlich immer, dass die Kameras schon in der Wohnung waren und von innen filmten, bevor die verzerrten Balkengesichter die Haustür öffneten, um die hilfsbereite Moderatorin hereinzulassen? Auf diese Frage fand Titus nie eine Antwort.

„Hi.“ Titus blieb in der Tür stehen.

„Was ist?“ Melanie starrte finster von ihrem Bett herüber.

„Ich wollte nur Hallo sagen.“

„Und?“

„Nichts. Bin schon weg!“

Er warf einen spöttischen Blick zum Fernseher, in welchem ein verdeckter Ermittler offenbar einen Verdächtigen observierte. „Hast du dich eigentlich mal gefragt, wie es sein kann, dass diese Ermittler“, beim letzten Wort machte Titus Gänsefüßchen mit beiden Zeige- und Mittelfingern, „niemals entdeckt werden, obwohl die den Verdächtigen“, erneute Gänsefüßchen, „mit einem Kameramann, einem riesigen Mikrofon, einem Mikrofonmann und der Moderatorin verfolgen? Ich meine, wie könnte man jemandem denn noch auffälliger hinterherlaufen?“ Im Prinzip fehlten doch nur noch Blaulicht, ein Marktschreier, der das Ganze mit einem Megafon kommentierte, und ein Helikopter, der die Szene perfekt ausleuchtete, dachte sich Titus. Aber der Verfolgte im Fernsehen hatte keine Ahnung, dass man ihn beobachtete, und das, obwohl er bereits dreimal in die Kamera geguckt hatte.

Titus konnte jetzt nicht weiter darüber nachdenken, denn Melanie hatte sich aufrecht hingesetzt und war offensichtlich wild entschlossen, seine Behauptungen zu widerlegen. Blitzschnell zog Titus die Tür von außen zu. Irgendetwas Hartes donnerte mit einem dumpfen Knall gegen die Innenseite, zerbrach und verteilte sich geräuschvoll auf dem Fußboden.

„Oh, das wird doch nicht etwa das schöne Smartphone gewesen sein?“, feixte Titus amüsiert, während durch die geschlossene Tür ein ins Kissen gebrüllter Kreischanfall zu hören war.

Er schüttelte den Kopf, während er in sein Zimmer ging. Puh, dieses Mädchen war echt verrückt. Das war jedenfalls Titus‘ Diagnose. Seine Mutter sprach immer von pubertärer Phase und so, während sein Vater ständig behauptete, das Cholerische habe Melanie von ihrer Mutter. Was cholerisch bedeutete, wusste Titus nicht so recht. Vielleicht hatte es was mit Cholera zu tun. Was das war, wusste er zwar auch nicht, aber man benutzte das Wort häufig in Kombination mit Pest. „Wie Pest und Cholera…“, sagte seine Oma Irmgard immer, wenn ihr etwas nicht gefiel. Wahrscheinlich passte das Wort cholerisch also ganz gut zu seiner Schwester. Der Hausarzt hatte mal irgendwas von Hyperaktivität und angestauten Aggressionen erzählt, oder so ähnlich. Melanie hatte dann Tabletten bekommen und für einige Wochen Oma Irmgard auf dem Land besucht. Sie sollte dort mal zur Ruhe kommen, hatte seine Mutter gemeint. Und tatsächlich war sie nach ihrer Rückkehr weniger aggressiv gewesen - zumindest die ersten Tage. Dann kam Oma zum Kaffee vorbei. „Seit Melanie wieder bei euch ist, fehlt mir etwas Wichtiges.“

„Oh, das ist aber lieb“, hatte Frau Henke gerührt geantwortet, während Oma Irmgard, schon etwas rot im Gesicht, eingeworfen hatte: „Ja, meine goldene Armbanduhr.“

Die Uhr war dann sehr schnell in einem Schuhkarton unter Melanies Bett gefunden worden, in welchem sie ihre Liebesbriefe aufbewahrte, welche sie an irgendwelche Rapper schrieb und die mit so komischen Glitzersteinchen verziert waren. Titus hatte nie verstanden, warum Mädchen immer alles mit Glitzer vollschütten mussten. Vielleicht fühlten sie sich dann wie Prinzessinnen, die auf ihren Prinzen warteten. Wobei Melanies Prinz wohl statt eines Kusses von ihr gehörig eins in die Fresse bekommen würde. Wahrscheinlich würde sie ihm sogar das Pferd stehlen.

Titus ging in sein Zimmer. Es war ein großer Raum mit Tapeten, auf denen die Sternbilder aufgedruckt waren. Er setzte sich an seinen großen Glasschreibtisch, holte sein Handy aus der Hosentasche und schaute auf sein leicht zerkratztes Display. 1 entgangener Anruf, bemerkte er freudig. Doch zu seiner Enttäuschung stellte er fest, dass sein Vater sich wohl wieder beim Telefonieren vertippt hatte. Mehr als einmal schon hatte Herr Henke statt der Elektro-Bestellhotline aus Versehen seinen Sohn angerufen und ihn per Mailbox darum gebeten, ihm Kondensatoren, Kabel und Spulen zu schicken. Frustriert warf sich Titus aufs Bett und starrte an die Decke. Er war zu träge, um sich zu rühren. Nicht einmal den verrotzten Pullover zog er aus. Der Fleck war eh schon getrocknet. Und außerdem – wen interessierte das schon, ob er mit schmutzigem Pulli rumlief?

Ein ganz normaler Tag im Leben eines ganz normalen Freaks, dachte er. Manchmal wünschte er sich, eine dieser Frauen, die im Privatfernsehen gestörte Menschen besuchten und aufpäppelten, würde bei ihm zu Hause klingeln und ihm helfen, ein neues Leben anzufangen. Im Fernsehen sah das doch immer so leicht aus. Dicke, hässliche oder dumme Menschen, die in einer farblosen Welt mit dramatischer Hintergrundmusik lebten, bekamen Besuch von einer fröhlichen Moderatorin, die ihnen Fett absaugte, ihnen neue Zähne einsetzte, die Wohnung putzte und einen Haufen neuer Freunde schenkte. Danach war die Welt dann bunt. Auch die dramatische Hintergrundmusik war dann verschwunden und wurde durch herzzerreißende Balladen ersetzt.

Manchmal tauschten die im Fernsehen sogar ganze Mütter, die sich dann per Videobotschaft erzählten, warum die andere doof war und stank. Vielleicht machten die sowas ja auch mit Schwestern und Titus bekäme nicht nur eine Fettabsaugung, viele coole Freunde und eine eigene Ballade, sondern auch eine fröhlichere Schwester.

Während er über all diese Dinge und die Erlebnisse des Tages nachdachte, überfiel Titus eine bleierne Müdigkeit. Seine Augen schlossen sich, ohne dass er es merkte, und er tauchte ab in einen Sumpf unruhiger Träume.

2

„Wie sieht denn dein Pullover schon wieder aus? Bist du zu blöd, dir richtig die Nase zu putzen?“ Der Blick der strengen Moderatorin ließ Titus das Blut in den Adern gefrieren. Er stand, umringt von vier Fernsehkameras, inmitten einer kleinen Wohnung, die vor Müll fast auseinanderzubrechen drohte. Hinter jeder Kamera stand ein mannsgroßer Klopümpel und filmte alle seine Bewegungen, während sich Titus Hilfe suchend umsah. Wo war er? Und wer war diese Frau mit den streng gebundenen, blonden Haaren?

„Kannst du mir nicht antworten?“

„Wo bin ich?“

Einer der großen Klopümpel gab der Moderatorin mit gestrecktem Daumen zu verstehen, dass die Technik bereit war und es weitergehen konnte.