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Als Militärstochter ist es Haley von kleinauf gewohnt nur für kurze Zeit an einem Ort zu leben. Doch nun soll sie ihre letzten beiden Schuljahre auf dem Stützpunkt Fort Duke verbringen. Ein Stützpunkt der mehr einem kleinen Dorf gleicht am Rande der Vereinigten Staaten. Ihr einziger Lichtblick ist ihre beste Freundin Molly, die schon seit einem Jahr auf Fort Duke lebt. Mit Unannehmlichkeiten, wie der Schulzicke Alison oder auch, dem von dunkler Gefahr umgebenen, Leutnant Devilon, konfrontiert, muss sie sich erst einmal zurecht finden. Als sie Scott kennenlernt, eröffnet sich ihr eine Welt voll Magie und dem großen Geheimnis um ihr Leben und ihre Träume. Das Tor nach Camelot wird sich öffnen...
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2021
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All den wunderbaren Menschen in meinem Leben, die mich inspiriert, gestärkt und gepusht haben....
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
»Imograin wo willst du hin?« Victoria und die beiden Teenager liefen atemlos hinter der älteren Dame her. »Es gibt nur diese eine Möglichkeit die Kinder zu retten!« schrie Imograin Victoria zu. Rund um sie hörte man nur Schreie und ohrenbetäubende Geräusche, die augenscheinlich von Explosionen stammten. »Was hast du vor?« Victoria blieb erschrocken stehen. »Victoria, ich weiß es ist mein Sohn, der all das hier anrichtet, aber du musst mir vertrauen. Die Kinder müssen gerettet werden und es gibt nur einen Weg. Wir müssen sie von diesem Ort hier fortschaffen!« Imograin schaute Victoria tief in die Augen, in denen eine schmerzliche Traurigkeit glänzte. Sie wusste, was sie tat und hoffte inständig, dass Victoria ihr das nötige Vertrauen schenken würde. »Ich vertraue dir! Wenn du eine andere Möglichkeit sehen würdest, wären wir nicht hier. Dich trifft keine Schuld. Du kannst nichts dafür, dass dein Sohn sich nun endgültig seinem Wahnsinn hingibt. Du hast versucht ihn aufzuhalten, doch dies lag nicht in deiner Macht.« Victoria versuchte ruhig zu klingen, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug und die Trauer sie fast erdrückte. »Kinder!« Nun wandte sich Imograin endlich an die beiden Teenager.
»Wir müssen euch fortbringen. Weg von diesem Ort, weit weg von Carlington. Wir haben nur diese eine Chance! Wir bringen euch in eine andere Welt. Mit diesem Trank...« Imograin hielt ein durchsichtiges Fläschchen in die Höhe. Der Inhalt sah aus wie ein zäher brauner Schleim, von dem ein grüner Rauch aufstieg. »... werdet ihr euch an nichts mehr erinnern können. Nicht an eure Flucht, nicht an den Angriff, nicht an Carlington oder mich und auch dieser Ort wird in eurem neuen Leben keinen Platz mehr haben.« Das Mädchen sah Victoria erschrocken an. Ihre beiden Augen füllten sich zusehends mit Tränen »Imograin...
NEIN... ist dies wirklich der einzige Ausweg?« Imograin nickte Victoria mit traurigem Blick zu. Victoria umarmte ihre Tochter so fest sie nur konnte. »Meine wunderbare Kleine...« sie strich ihrer Tochter die Tränen von der Wange. »Imograin weiß genau was sie tut. So sehr es uns auch noch schmerzen mag, ihr müsst fort von hier. Carlington wird nicht eher ruhen, bis er auch euch beide vernichtet hat. Es geht um eure Zukunft und die unserer Linien. Ihr müsst leben und dies scheint der einzige Weg zu sein euch zu retten.« Nun umarmte Victoria auch den Jungen. »Ihr beide seid unsere Zukunft, vergesst das nie« »Victoria wir müssen schnell weiter. Uns läuft die Zeit davon. Es ist nicht der richtige Augenblick für weitere Erklärungen.« Imograin drängte Victoria und die Kinder in einen dunklen Raum. Victoria war sofort klar wo sie sich befanden. Vor ihnen stand er, der berühmte runde Steintisch ihrer Vorfahren. Plötzlich wurde Victoria bewusst was Imograin vorhatte.
Wohin sie die Kinder schicken wollte. »Du willst sie wirklich dorthin schicken? Niemand von uns war je an diesem Ort oder weiß auch nur annähernd wie es dort sein mag.« Victoria war sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich die richtige Entscheidung trafen.
»Vertrau mir!« Victoria haderte mit sich, doch sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.
Das Leben ihrer Tochter war ihr das Wichtigste. Doch hatte sie eine Bedingung.
»Imograin bitte, wenn ich dir vertrauen soll musst du mir einen Gefallen tun.« »Jeden!« Imograin war trotz der Ereignisse der letzten Tage die Ruhe in Person. »Geh mit den Kindern. Beschützte sie mit deinem Leben« Imograin sah Victoria erschrocken an. »Aber was ist mit dir. Ich kann dich hier nicht dir selbst überlassen. Er wird dich töten!« »Ich komme klar. Carlington würde mir nie etwas antun. Ich bin seine einzige Möglichkeit die Kinder zu finden. Kinder, ihr werdet einander nicht kennen in dieser Welt und ihr werdet uns nicht mehr kennen. Versprecht mir eins ... Findet euch!« ....
Der rote Nebel wurde dichter, die Bilder verschwammen und diese Stimme hallte wieder und wieder durch ihren Kopf. »Findet euch!« Schweißgebadet wachte Haley Benett auf. Der Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie nicht einmal ganz eine Stunde geschlafen hatte. Seit ihre Eltern ihr vor zwei Wochen eröffnet hatten, dass sie erneut umziehen würden, hatte sie immer wieder denselben Traum und von Mal zu Mal blieben ihr mehr Details nach dem Aufwachen im Kopf. Der rote Nebel, ein runder steinerner Tisch, zwei Hände, die auseinandergerissen wurden, und diese zwei Worte. Sie wusste nicht was das alles zu bedeuten hatte und konnte sich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht ausmalen, was vor ihr lag. Und doch spürte sie tief in ihrem Inneren, dass dieser Umzug alles für immer verändern würde...
Haley versuchte mit aller Gewalt wieder einzuschlafen, doch es gelang ihr einfach nicht. Träge von dem Schlafmangel und verwirrt durch ihre ständig wiederkehrenden Träume, stand sie auf. Ihr erster Weg führte sie ins Badezimmer. Der Blick in den Spiegel erschreckte sie, ihre Augen waren verquollen und rot. Sie drehte den Wasserhahn leicht auf und hoffte ihre Eltern dadurch nicht zu wecken. Sie klatschte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht und wusch sich ihre Augen gründlich aus, in der Hoffnung schnell wieder zu Sinnen zu kommen. Binnen Sekunden fühlte sie sich hell wach, aber trotzdem nicht klarer im Kopf. Sie starrte ihr vor Nässe triefendes Spiegelbild an und versuchte nicht an ihren Traum zu denken, doch dies gelang ihr so gut wie nie. Immer wieder flackerten die Bilder und Worte in ihrem Kopf auf. Sie griff sich das violette Handtuch, das neben dem Waschbecken hing und trocknete sich wieder ab. Sie warf das Handtuch auf den Boden und blickte erneut in ihr müde wirkendes Gesicht. Sie sah nicht gerne in den Spiegel, schon gar nicht, wenn sie noch den sprichwörtlichen Kopfkissenabdruck an ihrer Wange kleben hatte. Dein Spiegelbild zeigt dir wer du bist.
Doch wer war Haley Benett eigentlich. Wenn man ihr diese Frage stellte, wusste sie nie genau was sie ihrem Gegenüber antworten sollte. Die meiste Zeit des Tages versuchte sie eigentlich nicht aufzufallen, was aber durch ihr Aussehen nicht immer einfach war. Ihre Augen waren ungewöhnlich blau, sie sahen aus wie ein strahlend blauer Frühlingshimmel. Doch es waren nicht nur ihre Augen, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Es war eher die Mischung dieser extrem blauen Augen mit ihrem langen, kohlrabenschwarzen Haar. Eine ungewöhnliche Kombination, die es ihr nicht immer einfach gemacht hatte. Ihre Mutter erklärte ihr immer, dass dieses Phänomen nur existiert, weil sie etwas ganz Besonderes sei. Jahrelang hatten sie und ihr Vater versucht ein Kind zu bekommen und als es auch nach acht Jahren nicht klappte, hatten sie sich schon damit abgefunden kinderlos zu bleiben. Doch dann kam, wie aus dem nichts, ihre wunderbare Tochter. Haley sei ein Engel, der zu ihnen geschickt wurde, zumindest war das die Erklärung ihrer Mutter und der letzte Satz, den sie Haley jeden Abend sagte, seit sie ein Baby war.
Doch auch wenn die Worte von Mira, Haleys Herz erreichten, war es keine einfache Bürde.
Vor allem in der Schule war es nicht immer leicht. Nicht nur, dass sie durch ihr Los als Militärstochter, längstens drei Monate in einer Schule verbrachte, wurde sie von ihren Mitschülern behandelt als wäre sie ein Alien.
Wie oft Haley schon gehört hatte, dass ihr Aussehen nicht normal sei, konnte sie gar nicht mehr zählen. Haley konnte sich noch schmerzlich daran erinnern, als sie versuchte ihre Augenfarbe zu ändern. Sie war gerade 13 Jahre geworden und stand kurz davor wieder in eine neue Schule zu kommen, da hatte sie die glorreiche Idee ihre Augen mittels Kontaktlinsen in ein schönes sattes dunkelbraun umzufärben. Leider scheiterte dieser Versuch und außer einer Augenentzündung hatte sie gar nichts davon.
Aber mit den Jahren lernte sie damit zu Leben. Sie konnte nichts Anderes tun als ihr Aussehen zu akzeptieren. Haley stand noch immer vor dem Spiegel und wirkte als würde sie ins Leere starren. Sie musste kurz ihren Kopf schütteln um wieder in der Realität zu landen. An Schlaf war nicht mehr zu denken also schnappte sie sich ihren Morgenmantel von der Rückseite ihrer Schlafzimmertüre und ging nach unten in die Küche. Sie hatte sich so an ihr Haus in Washington gewöhnt, dass sie nicht einmal Licht anmachen musste um alles in der Küche zu finden. Wie von selbst öffnete sie den Schrank über dem Waschbecken griff sich eine Schüssel, aus dem Schrank neben dem Kühlschrank schnappte sie sich eine Packung Cornflakes und auch die Milch aus dem Kühlschrank nahm sie ohne wirklich hinzusehen. Sie wirkte fast wie in Trance. Während sie die Milch in die Schüssel goss und diese in die Mikrowelle stellte um die Milch zu wärmen, versank sie komplett in ihren Gedanken...
24 Schulen hatte sie in den letzten 16 Jahren besucht. Sie lebte in den unterschiedlichsten Städten, sogar eine Zeitlang in Europa.
Dieses Vagabundenleben hatte sie nie wirklich gestört. Sie kannte es auch nicht anders. Von klein auf hieß es alle drei Monate: eine neue Stadt, eine neue Schule und auch neue Mitschüler. Ihr Vater, Adam Benett, war erster Offizier bei der US Army und hatte seine Familie zu jeder Versetzung mitgenommen. Er wollte nie getrennt sein von ihnen. Freunde zu finden, wenn man immer auf Abruf bereitstand, war für Haley nie leicht gewesen. Die meisten Mitschüler und vor allem die Mitschülerinnen waren ihr eher zuwider. Sie konnte mit diesem ganzen IT-Girl-Gehabe nichts anfangen. Nicht nur in den Großstädten, auch in den kleineren gab es immer die ach so beliebten Mädchen, deren größter Traum es war Model oder Schauspielerin zu werden, oder doch nur einen reichen Mann zu finden, der ihnen alle möglichen Designerklamotten zahlt. Für Haley war immer eines klar, sie würde einmal in die Fußstapfen ihres Vaters treten und eine Karriere beim Militär anstreben. Sie war nie zum Girly geboren. Sie spielte lieber mit kleinen Plastiksoldaten als mit Puppen. Sie las keine Magazine, interessierte sich nicht für Mode oder die neuesten Make-Up Trends.
Ihre tägliche Schminkroutine war in fünf Minuten erledigt, ein bisschen Abdeckpuder gegen Hautunreinheiten, Wimperntusche und ein naturfarbenes, matteres Lipgloss, war alles was ihre zarte Haut berührte. So gehörte sie nie zu den “coolen Kids“ und auch zu den Strebern gehörte sie nie, ihre Noten spielten sich immer nur im mittleren Drittel ab. Sie wollte lieber im Hintergrund bleiben. Doch nun würde sich so einiges für sie ändern. Ihr Vater bat bei seinem Vorgesetzten für zwei Jahre an den amerikanischen Stützpunkt Fort Duke versetzt zu werden. Fort Duke war kein normaler Stützpunkt, es war fast schon eine eigene Kleinstadt für Militärsangehörige, mit einer eigenen Schule auf die nur Army Kids gingen. Haleys Dad fasste diesen Entschluss nur, da ihre Mom wollte, dass sie ihre letzten Schuljahre und ihren Abschluss in Ruhe machen konnte. Kein Umziehen, keine neuen Städte, keine neuen Leute, die vielleicht doch einmal Freunde werden könnten, sondern nur Army Kids, die lange dasselbe Leben geführt hatten wie Haley. Der einzige Lichtblick war, dass Haleys beste Freundin, Molly Ringer, aus Kindergartentagen auch auf dem Stützpunkt lebte. Molly war die einzige wirkliche Freundin, die Haley je hatte.
Sie wusste jegliche Geheimnisse von ihr und dasselbe galt auch umgekehrt. Sogar über die Träume hatte sie bisher nur mit ihr gesprochen. Auch wenn man sich in all den Jahren nicht oft gesehen hatte, hielten sich die beiden über Video-Telefonate immer auf dem laufenden und als Haley Molly erzählt hatte, dass sie nun auch nach Fort Duke ziehen würde, konnte man Mollys Freudenschreie sogar noch auf dem Mond hören.
Das typische Piep-Geräusch der Mikrowelle riss Haley aus ihren Gedanken. Sie schnappte sich die Schüssel kippte sich eine große Menge Cornflakes in die heiße Milch, nahm sich einen Suppenlöffel und ging wieder in ihr Zimmer. Sie machte es sich auf ihrem Bett bequem, nahm sich ihr iPad und schaltete sich auf Netflix ihre derzeitige Lieblingsserie ein. Das Bild von Neal Caffrey auf ihrem Bildschirm ließ sie jeglichen Stress vergessen. Sie war förmlich süchtig nach White Collar und immer der Überzeugung, dass ihr Neals Scharfsinn und Methoden eines Tages bei ihrer Militärlaufbahn helfen würden. Sie aß genüsslich ihr Müsli und schaute gut drei Folgen bis ihr doch wieder die Augen zufielen.
Diesmal schlief Haley ruhig durch bis die Sonne hoch am Himmel stand. Direkt nachdem sie wach wurde, ging sie, noch etwas schlaftrunken, nach unten. Ihre Eltern erwarteten ihre Tochter schon mit einem reich gedeckten Frühstückstisch. Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Haley an den Tisch und goss sich erst einmal eine Tasse Kaffee ein. Weder ihre Mom, noch ihr Dad sagten auch nur ein Wort zu ihr, beide wussten es könnte tödlich enden, wenn man Haley vor ihrem ersten Schluck Kaffee ansprach. Als sie endlich die erste Tasse Kaffee geleert hatte, konnte Mira gefahrlos mit ihrer Tochter sprechen. »Guten Morgen, mein Engel. Ich hoffe der Kaffee schmeckt und tut seinen Dienst.… « Haley nickte, goss sich eine zweite Tasse ein und schenkte ihrer Mom endlich die volle Aufmerksamkeit. »Der Umzugswagen kommt in zwei Tagen und wir haben noch allerhand zu tun. Dein Dad und ich haben schon 90% des Hauses eingepackt.
Es fehlt nur mehr die Küche und wenn ich gestern nicht falsch gesehen habe, dein ganzes Zimmer. Du hattest mir schon vor drei Tagen gesagt, du hättest angefangen. Es liegt aber alles noch auf seinem Platz! Oder habe ich etwas auf den Augen?« Die Stimme ihrer Mom versuchte streng zu klingen, aber durch ihr liebevolles Lächeln wurde der Versuch zunichtegemacht. Sie klang fast schon etwas amüsiert, als hätte sie gewusst, dass ihre Tochter bis zum letzten Augenblick warten würde. Haley, die sich gerade ein Marmeladenbrot schmierte, lächelte Mira an.
»Ach, Mom! Mach dir keine Sorgen! Ich bin doch schon ein Profi im Einpacken. Du wirst sehen, in nicht mal einem Tag ist alles brav in Kisten verstaut.« Mira wusste genau, dass ihre Tochter irgendetwas im Schilde führte, womit sie nicht ganz falsch lag. Haley zögerte das Packen hinaus, da sie nicht nach Fort Duke ziehen wollte und sie wusste, jetzt war der perfekte Moment und auch die letzte Chance ihre Eltern doch noch zur Vernunft zu bringen. Sie nahm all ihren Mut zusammen, denn insgeheim wusste sie schon wie die beiden auf ihren erneuten Protest reagieren würden. »Mom! Du weißt ich habe immer volles Vertrauen in euch und ihr entscheidet euch immer für den Weg, der in euren Augen das Beste für mich und natürlich auch für euch ist. Ihr handelt aus voller Liebe zu mir und doch muss ich eure nun getroffene Entscheidung hart anzweifeln.
Ich bin noch immer der Meinung, dass wir einen riesen Fehler machen. Zwei Jahre an ein und demselben Ort, das kann für uns doch gar nicht funktionieren. Wir sind dieses Vagabundenleben gewohnt, wir können nicht an einem Ort bleiben, wir würden, wie eine Pflanze ohne Wasser, zu Grunde gehen.« Dies war nicht Haleys erster Versuch, ihre Eltern vom Gegenteil zu überzeugen, und auch wenn sie bis jetzt kein Glück hatte, keimte in ihre die Hoffnung auf, das Ruder doch noch wenden zu können. Haley hatte wie so oft die Rechnung ohne ihre Mutter gemacht, denn keiner konnte so gut mit Argumenten umgehen wie Mira Benett. »Mein Schatz, das Thema hatten wir doch schon. Für dich ist es der beste Weg. Du sollst dich die letzten zwei Jahre deiner High-School Zeit voll und ganz auf die Schule konzentrieren und nicht darauf, wieder eine neue Stadt kennen zu lernen, wieder umzuziehen und wieder Tage vom Unterricht verpassen. Du willst doch noch immer wie dein Vater zum Militär.
Oder? Und dafür brauchst du einen tadellosen Abschluss. Fort Duke hat noch einen Vorteil, du bist direkt auf einem Stützpunkt und kannst nach dem Abschluss ohne Verzögerung mit deiner Ausbildung beginnen. Du siehst es hat nur Vorteile oder meinst du noch deine vorgebrachten Nachteile überwiegen meine, gerade aufgezählten, Vorteile?« Haley schüttelte nur ihren Kopf und doch hatte sie noch nicht alle Argumente vorgebracht, die sie sich zurechtgelegt hatte. »Mom! Deine Argumente sind vielleicht nicht ganz verkehrt und doch muss ich dir widersprechen...« Doch Haley konnte ihre Ausführungen nicht mehr weiter vortragen, denn ihr Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. »Es reicht! Deine Mutter und ich haben diesen Entschluss getroffen und jetzt Schluss der Diskussionen!« Als wäre nichts gewesen, widmete sich Adam Benett wieder seinem Frühstück. Er wurde nie laut, schon gar nicht seiner Tochter gegenüber, doch Haley hatte seine Nerven eindeutig auf eine Zerreißprobe gestellt.
Haley traute sich nicht mehr auch nur ein Wort zu sagen und widmete sich still ihrem Frühstück. Sie blickte kurz von ihrem Marmeladenbrot hoch und lächelte ihren Vater an. Sie war heilfroh, denn auch er lächelte zurück. Man könnte glauben, dass Adam Benett, als Army Soldat ein strenger Vater wäre, doch dem war nicht so. Natürlich musste er im beruflichen Umfeld, vor allem seinen Untergebenen gegenüber, eine gewisse Strenge und Härte ausstrahlen, doch wurde er von allen sehr geschätzt und war regelrecht beliebt bei seinen Untergebenen und auch bei seinen Vorgesetzten. Doch seiner Familie und vor allem seiner Tochter gegenüber war er der liebste Mensch auf Erden. Haleys Vorteil als Einzelkind war es, dass Adam ihr keinen Wunsch abschlagen konnte. Er wollte seine Prinzessin immer glücklich sehen. Man konnte sich kein liebevolleres Zuhause als das der Benetts, vorstellen. Auf der einen Seite das große Herz des Vaters, auf der anderen Seite ein zauberhaftes Wesen als Mutter. Mira Benett war eine wundervolle Ehefrau und Mutter.
Sie war liebevoll, hatte immer ein offenes Ohr und überzeugte jeden mit ihren Argumenten.
Sie schaffte es, dass jeder glaubte ihre Ideen kamen von einem selbst. Sie holte das Beste aus einem heraus und kam doch einmal eine dunkle Seite ihres Gegenübers hervor, blies sie diese mit ihrer puren Sanftmut davon.
Und Haley fragte sich oft, ob sie wirklich zu dieser Familie gehörte. Wie oft hatten sie nicht schon gehört, ob sie Haley adoptiert hatten und wenn sie dies verneinten, hieß es immer ob sie sich sicher waren, dass das Kind nicht im Krankenhaus vertauscht wurde. Manchmal hatte auch Haley diese Gedanken. Ihre beiden Eltern hatten hellbraune Haare und braune Augen, ganz im Gegenteil zu ihr. Wie passte sie in diese Familie, woher kam ihr Aussehen und warum fühlte sie sich manchmal so als würde sie nicht ihr eigenes Leben führen. Sie fühlte sich immer wie im sprichwörtlich falschen Film.
Haley starrte wie in Trance auf ihre Erdbeermarmelade. Vor ihrem geistigen Auge schwebte der roten Rauch aus ihrem Traum über ihrem Frühstück. »Erde an Haley! Bist du noch hier oder schon auf deinem Heimatplaneten?« Miras Worte rissen ihre Tochter aus ihren Gedanken. »Was... wer... ich? Ich bin doch eh hier!« Haley klang verwirrt, was ihre Mom sehr amüsierte. Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ich habe dich gefragt, ob wir heute Abend einen Familien-Film-Abend machen wollen? Aber du musst vorher deine Kisten gepackt haben.“
Mit dem kleinen Zusatz klang Miras Idee mit dem Filmabend fast schon wie Bestechung.
»Aber Mom wir haben doch noch zwei volle Tage. Ich verspreche dir ich packe zumindest die Hälfte ein.« Haleys Mom belächelte sie nur.
»Alles! Oder es gibt keinen Film für dich.« Haley gab sich mit einem halbseitigen Lächeln geschlagen. Kaum hatten sie ihr Frühstück beendet, schnappte sich Haley ein paar Umzugskisten und machte sich auf den Weg hoch in ihr Zimmer. Doch die große Lust zu packen hatte sie nicht, also legte sie sich lieber auf ihr Bett und startete wieder mit White Collar. Doch sie hatte die Rechnung ohne ihre Mutter gemacht, denn nur zehn Minuten später stand Mira auch schon in der Türe.
»Eine interessante Interpretation von Umzugskartons packen. Die Uhr tickt mein Kind und Neal wird dir nicht helfen, weder beim Einpacken noch bei der Flucht!« So schnell sie in der Tür aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Doch Haley wusste, dass sie sich ihrer Mom geschlagen geben musste. Vor allem freute sie sich schon auf den Filmabend mit ihren Eltern, denn durch den Job beim Militär sah sie ihren Vater nicht so oft, wie sie es gerne hätte und wer weiß wie es erst am Stützpunkt werden würde.
Haley schloss auf ihrem Tablet Netflix und startete stattdessen Musik. Wenn sie ihre Serie weiterlaufen gelassen hätte, wäre die Ablenkung alleine durch Matt Bomers Aussehen so hoch gewesen, dass die Kisten nie voll geworden wären. Doch ganz ohne Hintergrundgeräusche ging es einfach nicht.
Neben ihrer Liebe zu Serien, gab es nichts Besseres als Musik für Haley. Passend zu ihrer bevorstehenden Packorgie hatte sie sich schon vor ein paar Tagen eine ganz spezielle Playlist zusammengestellt. Sie trug den liebevoll gewählten Namen, “Mom will go crazy“ und war voll mit Rocksongs von Guns ‚n’ Roses über The Rasmus bis hin zu 30 Seconds to Mars, blieben keine Wünsche offen. Mira hasste es, wenn Haley lautstark Rockmusik hörte, sie war eher der Fan der großen Pop Diven, wie Cher, Celine Dion oder Whitney Houston. Auch Haley hörte gerne Popmusik, aber gerade an einem Tag wie heute, fand sie es einfach lustig, ihre Mutter zu ärgern. Die Musik strömte nicht nur durch Haleys Körper, sondern auch durch den Rest des Hauses, denn sie war eindeutig lauter als laut und brachte das Tablet zum Dröhnen.
Das Packen der Kartons war wieder komplett vergessen, stattdessen tanzte Haley wie wild durch ihr Zimmer. »...auch durch tanzen werden die Kisten nicht voller! Und das ist noch immer keine Musik...« rief Mira im Vorbeigehen in Haleys Zimmer hinein. Haley ließ sich lachend und atemlos auf ihr Bett fallen. Sie lag da und starrte an die Decke.
Ihre Gedanken waren schon lang nicht mehr beim Packen. Das Tanzen hatte irgendetwas in ihr ausgelöst. In ihrem Kopf blitzen wieder einmal Bilder auf, von einem unbeschwerten Tanz. Doch es wirkte wie aus einem anderen Leben, als wäre Haley in ihre Träume gefallen.
Träume hatten doch immer etwas zu bedeuten, doch was die Bedeutung hier war, mochte ihr einfach nicht klarwerden, wenn sie auch noch so kräftig nachdachte. Das Klingeln ihres Tablets oder besser gesagt von Skype ließ sie hochschnellen. Es gab nur eine Person, die sie jetzt auf Skype anrufen würde.
Sie nahm den Videoanruf schnell entgegen und sah vor sich das lächelnde Gesicht eines Teenager Mädchens mit roten schulterlangen Locken und warmen, grünen Augen. »Es sind noch genau 36 Stunden und dann bist du endlich hier! Ich kann es immer noch nicht glauben, nach all der langen Zeit! Ich muss dir so viel zeigen. Die Liste wird immer länger.« Molly holte nicht einmal Luft und redete in einer Geschwindigkeit, dass sogar eine Antilope neidisch geworden wäre. Molly konnte durch einen einzigen Blick eine ganze Person bis ins kleinste Detail lesen. Deswegen musste Haley gar nichts sagen, um ihrer besten Freundin mitzuteilen wie sie sich fühlte. »Was ist los Haley? Ich weiß, du bist nicht glücklich über den Umzug, aber du wirst sehen, die nächsten zwei Jahre werden die besten unseres Lebens. Wir sind endlich wieder zusammen und das ist doch alles was zählt.« Molly schenkte Haley ihr wärmstes Lächeln. »Du hast Recht, aber ich weiß nicht ob ich nach Fort Duke passe. Ich bin es gewohnt, kurzweilige Bekanntschaften zu machen. Ich bin nicht der Mensch, der zwei Jahre an ein und demselben Ort bleiben kann.
Dieses Leben kann ich mir einfach nicht vorstellen.« Molly nickte nach jedem Satz, der von Haley kam. „Denkst du mir ging es vor einem Jahr anders? Die Umstellung war total komisch, aber du hast einen Vorteil!« »Ach ja... und welchen?« »Du hast mich! Du hast einen Insider hier. Ich werde dir alles zeigen und kann dich vorher schon über alles informieren. Du startest hier nicht alleine. Ich war letztes Jahr komplett alleine. Und du wirst sehen die Leute sind wirklich nett. Okay außer vielleicht der Leiter des Stützpunktes.
Leutnant Devilon, der Typ ist irgendwie komisch. Keiner kann ihn so richtig einschätzen, meine Mom meint immer, das ist nur, weil er der Chef ist und so die Leute mehr Respekt vor ihm haben. Aber das glaube ich nicht so ganz. In ein paar Stunden kannst du dir selbst ein Bild von ihm machen. In der Schule sind alle sehr nett, vor allem unsere Gesichtslehrerin. Aber wie jede High-School müssen auch wir eine typische Klischee-Zicken-Prinzessin haben. Ihr Name ist Alina Sawyer, sie glaubt mit ihren langen Beinen und ihren langen blonden Haaren, ist sie die Beste, Schönste und Tollste. Sie hat auch ihren passenden Hofstaat und natürlich den Schul-Sunny-Boy Scott Carlson zum Freund.
Die Ausgeburt der Hölle, wie ich ihn gerne nenne. Er ist vielleicht ganz hübsch anzusehen, aber unsympathisch hoch drei.
Ich bin heilfroh, dass ich von ihnen die meiste Zeit ignoriert werde.« In Mollys Stimme konnte man die Verachtung für alle drei zu tiefst spüren. »Molly deine Worte klingen so aufbauend...« Haley konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Es wird toll werden! Wir beide zusammenstecken die Möchtegern-Prinzessin mit ihrem Hofstaat doch locker in die Tasche. Deine ersten Tage hier habe ich schon verplant. Ich habe vor, dir die ganze Stadt zu zeigen.« »Wow! Du hast ganze 30 Minuten meines Lebens verplant, wie soll ich dir dafür nur je danken.« Haley versuchte erstaunt zu klingen, klang aber eher belustigt.
»Du wirst dich noch wundern, Haley Benett!
Fort Duke ist nicht so langweilig, wie du vielleicht denkst. Oh, Hey Mira!« »Du meinst wirklich ich falle darauf rein, dass meine Mom hinter mir steht? Der Witz funktioniert im Film schon nie, warum also bei mir?« Doch da spürte Haley schon die Hände ihrer Mom auf den Schultern. »Hey Molly! Alles gut bei dir?« Haley sah verschmitzt zu Mira hoch und biss sich auf die Lippen. Molly musste sich ein Lachen verkneifen. „Alles gut bei mir! Meine Mom freut sich schon sehr dich wiederzusehen.“ Mira hatte ein absolutes Pokerface aufgesetzt. »Ich freu mich auch schon sehr auf sie.« Mira blickte sich im Zimmer um. »Oh wie ich sehe, haben sich die Kisten nicht von Zauberhand gefüllt. Molly, euer Gespräch ist vorerst einmal beendet, sonst muss meine liebe Tochter nackt in Fort Duke herumlaufen. Denn wenn sie die Kisten nicht einpackt, kann sie auch nichts mitnehmen.« Molly konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Die beiden Teenager verabschiedeten sich voneinander und Haley wandte sich ihrer Mom zu. »Schau Haley, ich verstehe, dass dir dieses Mal das Packen so gar keinen Spaß macht, aber es gehört gemacht. Ich habe einen Deal für dich... du packst zumindest die Hälfte der Kisten und ich mach morgen in der Früh den Rest.« Mira gab Haley einen Kuss auf die Stirn. »Okay Mom du hast gewonnen. Ich gebe mich geschlagen und fang jetzt wirklich an zu packen.« Mira schien ihrer Tochter nicht zu 100% zu vertrauen, aber sie wollte ihr eine Chance geben. »Und bitte such vernünftige Musik heraus. Mir bluten schon die Ohren von deiner Rockmusik...« Haley streckte ihrer Mom die Zunge entgegen und Mira verließ lachend das Zimmer. Haley nahm sich die erste Kiste und stellte sich vor ihr Bücherregal. Wie viele Bücher sie in all den Jahren schon gelesen hatte, konnte sie gar nicht mehr zählen. Klassiker wie Moby Dick, Sagen von König Arthus, die zauberhaften Geschichten des Jungen Harry Potter oder schnulzige Liebesromane, von allem war etwas dabei. Es waren so viele Bücher, dass Haley drei Kisten brauchte um sie alle unterzubringen. acht Kisten brauchte sie, um ihren ganzen Kram aus dem Zimmer einzupacken. Der Großteil der Kisten ging für ihren Kleiderschrank drauf. Haley hatte gar nicht im Blick wie viel Kleidung sie eigentlich besaß und trotzdem trug sie immer dasselbe.
Geschlagene vier Stunden brauchte sie um alles einzupacken, und dann bestand ihr Zimmer nur mehr aus ihren leeren Möbeln, ihrem Bett und gepackten Kisten. Ein komischer Anblick, das Zimmer so leer zu sehen, auch wenn sie nur vier Monate in Washington verbracht hatte, fühlte sie sich in diesem Zimmer doch zu Hause. Der Anblick schmerzte sie tief in ihrem Inneren. Ob dieses Heimatgefühl in Fort Duke je aufkommen würde? Eine Frage, die in Haleys Innerem immer wieder aufkam und noch keine Antwort fand. Nachdem Haley mit ihrem Zimmer fertig war, half sie ihrer Mom die Bilderrahmen vom Kamin mit Luftpolsterfolie zu umwickeln und in Kartons zu packen. Es hatte sich doch in all den Jahren einiges angesammelt, was von Haus zu Haus mitgenommen wurde. Um kurz vor 20 Uhr waren sie endlich mit allen Räumen fertig. Mira ließ sich auf die Couch fallen. »Wenn wir nicht immer bis zum letzten Moment warten würden, könnten wir uns viel Stress ersparen.« Haley ließ sich neben ihre Mutter fallen, kam aber so hart auf, dass ihr die Rückseite augenblicklich schmerzte. Ihr Gesäß reibend sah sie sich in dem Haus um.
Alles schien auf einmal so leer wie noch nie.
„Aber gerade der Packstress macht es doch spannend, außerdem sind wir schon solche Vollprofis, dass wir es immer noch rechtzeitig geschafft haben.« Die Eingangstür öffnete sich und der Geruch von heißer Pizza stieg den beiden in die Nase. Adam begrüßte seine beiden Frauen mit zwei großen Pizzaschachteln in der Hand. Haley sprang auf und nahm, ganz uneigennützig, ihrem Dad die Pizzakartons ab. „Danke mein Engel!
Ich freu mich auch dich zu sehen.« »Sorry Dad!
Mein Magen isst sich schon selber, da sind die Augen nur auf das Essen gerichtet.« Haley streckte ihrem Dad die Zunge entgegen, ging dann aber doch noch auf ihn zu und gab ihm einen Begrüßungskuss. Sie ging zurück zur Couch und öffnete die obere Schachtel.
»Iiiiihhh Schinken.« Ohne einen weiteren Kommentar stellte sie die Pizza auf den Platz ihres Vaters und öffnete schnell die zweite Schachtel. Ein Traum aus Auberginen und Mais strahlte ihr entgegen, schon schön in die typischen Dreiecke geschnitten. In nicht einmal einer Minute hatte sie schon das erste Stück verputzt, noch bevor ihre Eltern überhaupt bei ihr saßen. »Hey, lass mir auch noch was übrig.« Mira lachte ihre Tochter an und biss von dem Stück ab, das Haley gerade in der Hand hielt. Haley drehte sich von ihrer Mom weg und schützte ihr Pizzastück mit ihrem Arm vor ihr. „Das ist meins, nimm dir dein eigenes.« Alle drei mussten lauthals lachen. Den restlichen und letzten Abend in Washington verbrachten sie zusammen, wie eine typisch Amerikanische Familie mit Pizza, Popcorn und einem Film. Die Filmauswahl artete in eine hitzige, aber doch lustige Diskussion aus. Haley und Mira wollten ihren Lieblingsfilm „30 über Nacht« sehen, Adam lieber etwas mit mehr Action. Der Herr des Hauses nutzte seine typische Major-Stimme um die Diskussion zu gewinnen. »Und Ende!
Ich bestimme für heute den Film und somit spielt es jetzt Die »Bourne Identität« und das ohne weitere Diskussion. Danach geh ich sowieso ins Bett und ihr beiden Damen könnt euch dann euren Film ansehen.« Adam versuchte streng und militärisch zu klingen und doch war seine Stimme seiner Frau und seiner Tochter gegenüber sanft und liebevoll.
Haley und Mira gaben sich ohne ein weiteres Wort zu der Entscheidung geschlagen. Adam ließ sich zufrieden auf die Couch nieder und schaltete den Film ein. »Oh wie durch ein Wunder liegt die DVD wohl schon im Player.« Mira fand es amüsant, dass ihr Mann schon vorbereitet war und auch nicht verwundert.
Ihr Mann gewann eben gerne, das war der Major in ihm. Haley machte es sich auf der Couch bequem und kuschelte sich an ihren Dad. »Danke Daddy!« »Wofür mein Engel?« Adam sah seiner Tochter tief und voller väterlicher Liebe in die Augen. »Du gibst für mich so vieles auf und ich habe dir die ganze Zeit das Gefühl gegeben, dass ich es nicht zu schätzen weiß. Aber das kann ich! Du warst dieses Nomadenleben, genauso wie wir, gewohnt und dein Beruf ist für dich alles. Und nun bleibst du nur für mich zwei Jahre an ein und demselben Ort.« Haley drückte ihren Dad so fest sie konnte. »Und ich würde die Entscheidung jede Sekunde wieder genauso treffen. Ich habe dich lieb, mein Engel. Und es gibt nichts Wichtigeres für mich als dich und deine Mutter.« Er gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn und still sahen sie sich den Film an. Haley starrte auf den Fernseher, bekam aber von dem Film rein gar nichts mit, denn ihre Gedanken schweiften immer wieder zu ihren Träumen ab. Wem mochten die zweite Hand gehören? Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass eine der Hände ihre sein musste, aber wem sollte die zweite gehören.
Und was hatte dieser rote Nebel zu bedeuten und wem sollte sie finden? Den Besitzer der zweiten Hand? Hatten die Träume wirklich so viel zu bedeuten oder steigerte sie sich da in etwas hinein? »Na mein Engel...bist du eingeschlafen?« »Was? Nein! Wieso?« Haley war so in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nichts von dem Film mitbekommen hatte.
»Der Film ist aus und du warst die ganze Zeit so still. Kein Mucks gab es von dir! Und das Popcorn hat den Film auch noch überlebt.« Dass Haley das Popcorn nicht anfasste war praktisch unmöglich, aber dieses Mal war sie wirklich kurz in ihrer eigenen Welt. »Wo warst du denn?« Mira musste sich ein Lachen verkneifen. »Ich habe nur an Fort Duke gedacht und an Molly. Ich freu mich, dass ich sie morgen endlich wiedersehe und sie mir den Stützpunkt zeigen kann.« Natürlich war Haleys Erzählung eine Lüge, aber sie konnte den beiden nicht so einfach die Wahrheit erzählen. Über ihre Träume sprach sie bisher nur mit Molly. Adam stand auf und gab seiner Frau noch einen Kuss. »Nun gehört der Fernseher euch. Ich werde ins Bett gehen. Ich habe morgen doch noch eine lange Fahrt vor mir und wertvolle Fracht in meinem Auto.
Habt noch viel Spaß mit eurer Jennifer!« Haley streckte ihrem Vater die Zunge entgegen und tauschte schnell die DVDs im Player aus. Sie und ihre Mom hatten den Film sicher schon 100 Mal gesehen, konnten aber einfach nicht genug davon bekommen. Sie ließ sich wieder in die Kissen der Couch fallen, schnappte sich die Fernbedienung und wollte gerade den Film starten. Da merkte sie, dass ihre Mom sie regelrecht anstarrte. »Was?« fragte Haley und an ihrer Stimme merkte man, dass sie sich leicht unwohl fühlte. »Du hast vorhin gelogen?« »Nein! Was meinst du?« Doch Haley wusste sie konnte ihrer Mom nichts verheimlichen. »Okay... du hast Recht!« Doch Haley bremste sich selbst, jetzt war nicht der richtige Moment mit ihrer Mom über ihre Träume zu reden. »Ich bin nervöse wegen Fort Duke. Ich weiß nicht was mich dort erwartet.
Wie es sein wird auf eine Schule zu gehen, wo jeder ein “Militärs-Kind“ ist. Es wird ein ganz neues und ungewohntes Leben für uns alle und ich glaube, das macht mir einfach ein bisschen Angst.« Mira nahm ihre Tochter fest in den Arm. „Das ist auch völlig verständlich.
Es wird für uns alle eine riesen Umstellung, aber wir sind zusammen und gemeinsam haben wir bis jetzt alles gemeistert. Du wirst sehen, es wird alles gut.« Sie starteten den Film und kuschelnd sahen sie ohne ein weiteres Wort den Film. Nun widmete sich Haley auch endlich ihrem heißgeliebten Popcorn. Als der Film zu Ende war, merkte Haley wie müde sie mittlerweile war. Sie half ihrer Mom noch, das benutzte Geschirr abzuwaschen und in die Kisten einzupacken.
Die beiden gingen nach oben und machten sich fürs Bett fertig. Mira stand noch im Badezimmer und putze sich ihre Zähne, da kam Haley und umarmte sie. »Ich habe die besten Eltern auf der ganzen Welt!« Mit diesen Worten ging sie in ihr Zimmer und legte sich ins Bett. Für eine kurze Zeit starrte sie noch an die Decke, doch dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Atemlos lief Haley durch die langen Gänge.
»Ich kann nicht mehr.« Nach Luft schnappend blieb sie stehen. »Wir müssen weiter. Wir haben es sicher gleich geschafft.« Ein blonder Junge, er musste ungefähr in ihrem Alter gewesen sein, griff ihre Hand und zog sie weiter. Ab da war alles verschwommen... Haley sah den Jungen und diese wunderschöne Frau, die ihr vom Aussehen her so ähnlich war, aber ein paar Jahre älter sein musste. Der rote Nebel kam auf, sie hörte wieder die ihr mittlerweile bekannten Worte und sah nur ihre Hand, die versuchte die ihr ähnlich sehende Frau zu erreichen. Haley hörte sich selbst laut schreien »Mutter!!!« Sie schreckte hoch und blickte direkt in das lächelnde Gesicht von Mira. »Mein Engel! Was schreist du denn so?« Haley fiel ihrer Mom um den Hals. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. »Ach Mom! Diese Träume... immer wieder diese Träume...« Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. »Ich habe seit zwei Wochen immer wieder diese Albträume, aber dieses Mal war es so unglaublich realistisch« Mira strich ihrer Tochter mit der Handfläche über die Wange.
»Das ist nur der Umzugsstress. Du wirst sehen, wenn wir den Umzug hinter uns haben und erstmal in Fort Duke angekommen sind, werden auch deine Träume aufhören.« Sie gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn und umarmte sie noch einmal fest. »Und jetzt mach dich fertig, dein Dad möchte bald losfahren, damit wir rechtzeitig zu seinem Termin in Fort Duke ankommen.« Noch verschlafen und verwirrt von ihrem Traum, tapste Haley ins Badezimmer, wusch sich ihr Gesicht und putzte sich ihre Zähne. Sie ging zurück in ihr Zimmer und zog sich an. Sie hatte sich am Vortag schon ihre Reisekleidung bereitgelegt.
So zog sie sich ihre schwarze Stoff-Culotte und ein weißes T-Shirt, mit der Skyline von New York darauf, an. Ihre schwarz-weiß gestreifte College Jacke steckte sie in ihren Rucksack, da es draußen doch zu warm dafür war. Auch ihren Pyjama, ihr Tablet und ihre restlichen Dinge aus dem Badezimmer warf sie noch in ihren dunkelroten Rucksack.
Ein letztes Mal ließ Haley ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Sie war das andauernde Umziehen gewohnt und doch wurde ihr, bei dem Anblick des leeren Raumes, das Herz schwer. Die letzten Monate war hier Haleys Rückzugsort und jetzt erinnerte nichts mehr an sie. Sie schnappte sich ihren Rucksack und ging die Stufen hinab. Unten herrschte reger Trubel, die Umzugsfirma verlud gerade die letzten Kisten in den LKW, dirigiert von ihrem Dad. Haley ging in die Küche und bekam den Schock ihres Lebens, auch hier war schon alles eingepackt. Nichts machte den Anschein, dass sie noch ein Frühstück oder zumindest einen Kaffee bekam, bevor sie losfahren würden. »In der Küche ist auch schon alles verpackt! Wir fahren gleich los und gehen unterwegs etwas frühstücken!« rief Adam von draußen seiner Tochter zu. Haley stand fassungslos vor der Küche. Ihre Eltern wussten doch, dass sie ohne Kaffee nicht überleben konnte. Mira stand in der Türe und lächelte ihre Tochter an. »Mach die Lucke zu bevor sich noch Fliegen in deinem Mund einnisten.« Sie hielt ihrer Tochter einen Thermobecher mit duftenden, heißen Kaffee unter die Nase. »Wir wollen ja nicht, dass du stirbst. Und jetzt ab ins Auto.« Mira kannte ihre Tochter einfach zu gut und wusste wie zickig sie ohne Kaffee sein würde. Um sich unnötigen Ärger zu ersparen, hatte Mira vorgesorgt. Haley griff schnell nach dem Becher und nahm den ersten Schluck. Sie spürte wie das Koffein durch ihren Körper floss. Da war es auch nebensächlich, dass sie sich die Zunge verbrannte. »Danke Mom, du bist und bleibst die Beste.« Haley umarmte dankbar ihre Mutter. Adam saß schon ungeduldig im Wagen, das zeigte er auch seinen beiden Damen, durch lautstarkes Hupen. »Ich glaub dein Dad will los.« Liebevoll schob sie ihre Tochter die Haustüre hinaus.
Mira nahm neben ihrem Mann am Vordersitz Platz und Haley machte es sich auf der Rückbank bequem. Adam hatte seiner Tochter sogar ihr Kissen und ihre Decke hinten bereitgelegt. Kaum hatten die beiden sich angeschnallt fuhr Adam auch schon los.
Auch wenn sie in all den Jahren schon so oft umgezogen waren, an die langen Autofahrten konnte sich Haley nie gewöhnen.
Normalerweise würde sie 80 % der Autofahrt schlafen, aber diesmal war daran einfach nicht zu denken. Zu groß war ihre Angst wieder in ihre Träume zu fallen. Haley wollte nicht, dass sie plötzlich wieder zu schreien beginnt und ihr Dad vielleicht noch einen Unfall bauen würde, das alles nur wegen ihr.
Nach gut eineinhalb Stunden Autofahrt hatte Haley das Gefühl, dass ihr Magen lauter grummelte als die Musik, die aus ihren Kopfhörern in ihre Ohren drang. »Dad? Wie sehr hasst du mich eigentlich?« Wenn Haley Hunger hatte, konnte sie noch wehmütiger jammern als sonst. »Lass mich raten, mein Engel... du stehst kurz vorm Verhungern!
Müssen wir schon Amnesty International informieren?« Haleys jammern amüsierte Adam und versüßte ihm die monotone Autofahrt. »Ein bisschen musst du dich noch gedulden, aber es wird sich lohnen, du wirst sehen.« Mira kicherte, wie ein Schulmädchen, das ein Geheimnis hatte. Haleys Eltern hatten eindeutig vor, ihre Tochter mit einem besonderen Frühstück zu überraschen.
Schon als kleines Kind liebte Haley die Autostopps im “Waffel Land“, doch in den letzten Jahren wurden diese Stopps immer seltener, da sie meistens in der Nacht zu ihrem neuen Wohnort fuhren. Doch diesmal fuhren sie in der Früh los. Mira hatte sich informiert und herausgefunden, dass sie nach knapp zwei Stunden Fahrt an einem “Waffel Land“ Laden vorbeikamen. Sie wollte ihrer Tochter etwas Gutes tun. Mira wusste, dass Haley nicht glücklich war über den Umzug, aber vielleicht konnte ein Besuch im “Waffel Land“ ihre Stimmung wieder heben.
Haley starrte aus dem Fenster und versuchte nicht vor Hunger zu sterben. Sie wollte gerade wieder zu jammern beginnen, da fuhr ihr Dad schon von der Autobahn. Ihr fiel ein Schild von ihrem geliebten “Waffel Land“ ins Auge. »Würden sie wirklich...« ging es ihr durch den Kopf, da blieben sie auch schon vor ihrem persönlichen Essenshimmel stehen. Haley grinste über das ganze Gesicht und dies freute ihre Eltern mehr als sie selbst. Das Waffel Land ließ keine Geschmackswünsche offen. Es gab die typischen Waffeln mit Zimt, Schokolade und allen möglichen Obstsorten, aber die Besonderheit, die es hier gab, waren die Waffel Wraps. Haleys absolutes Lieblingsessen! Es war ein pikanter Waffelteig zu einem Wrap gerollt, gefüllt mit allem was das Herz begehrte. Von Thunfischcreme, über Ham and Eggs, bis hin zu einer Bolognese Sauce, gab es so gut wie alles. Alle drei konnten sich nicht entscheiden, ob sie süßes Waffeln oder doch einen Waffel Wrap essen sollten und so wählten sie beides.
Adam bestellte sich eine Waffel mit Nougatcreme und zwei Waffel Wraps, einen mit Schinken und Käse und einen mit knusprigem Speck und Rührei. Mira entschied sich für eine süße Waffel mit frischen Erdbeeren und einen Waffel Wrap mit Basilikum-Pesto und Tomaten. Haley hingegen nahm eine Waffel mit warmen Apfelstückchen und Zimt als süße Versuchung und wie ihr Dad gleich zwei Waffel Wraps, einmal Rührei und einmal Avocado Creme mit frischen Avocadostreifen.
Sie mussten kurz warten bis ihre Bestellung fertig gestellt war. Dann suchten sie sich einen freien Platz, wie immer war der Laden zum Bersten voll, doch sie fanden einen freien Tisch am Fenster. Haley hatte ihren Waffel Wrap mit Rührei schon auf dem Weg zum Tisch aufgegessen. Sie konnte nicht warten bis sie saß, ihr Hunger war einfach zu groß. Haleys Magen tanzte Tango vor Freude, als er endlich etwas zu essen bekam. »Siehst du Dad...« schmatzend sprach Haley ohne über ihre Worte nachzudenken. »... wenn wir die nächsten zwei Jahre in Fort Duke bleiben, kommen wir so schnell nicht mehr in den Genuss dieser leckeren Waffelkreationen. Ihr werdet mir doch beide Recht geben, dass…« »Haley es reicht!
Endgültig!« Adam schnaubte kurz vor Wut und widmete sich dann stumm seinen Waffeln, ohne seine Tochter auch nur eines Blickes zu würdigen. Für Haley war die Stille und die plötzliche Kälte, die ihr Dad ihr entgegen ausstrahlte, unerträglich. »Dad, es tut mir leid. Ihr wollt nur das Beste für mich, das weiß ich und ich bin endlich wieder mit Molly zusammen. Es wird sicher toll werden.« Haley legte ihren Kopf an Adams Schulter und hoffte er würde ihr schnell verzeihen. Er sagte weiterhin kein Wort, aber er küsste seine Tochter auf die Stirn und beide wussten, dass alles wieder Okay war.
Genüsslich aßen sie ihre Waffeln auf und entspannten bis Adam langsam nervös wurde. »Lasst uns weiterfahren, es ist noch ein weiter Weg.«
Mit vollen Mägen setzten sie sich wieder ins Auto und fuhren weiter. Haley überkam plötzlich eine wahnsinnige Müdigkeit, gegen die sie nicht mehr ankämpfen konnte. Ihr fielen die Augen zu und um sie herum verschwamm wieder einmal alles. Durch eine Erschütterung wurde sie geweckt, erst nach ein paar Sekunden wurde ihr bewusst, dass jemand wie verrückt an ihren Schultern rüttelte. Erschrocken schlug Haley die Augen auf und blickte in das Gesicht, der ihr so ähnlich sehenden Dame aus ihren Träumen.
»Mein Kind, du musst wach werden. Wir müssen weg hier und zwar schnell.« Sie war wieder in ihre Träume gestürzt. Wie von Sinnen sprang Haley aus dem Bett und nahm die Hand der Frau. Sie liefen so schnell sie konnten aus dem Zimmer. Vor dem Raum stand der blonde Junge, den sie schon in ihren letzten Träumen immer wieder gesehen hatte. Er schloss Haley in seine Arme und küsste sie. Doch eine ältere Dame zog den Jungen von ihr weg. »Dafür ist keine Zeit. Wir müssen los!« Sie rannten die Gänge hinunter, Haleys weißes Nachthemd flatterte im Wind, die Umgebung um sie herum gab ihr das Gefühl, sich in einem Schloss zu befinden.
