Finding myself in you - Franziska Hoffmann - E-Book

Finding myself in you E-Book

Franziska Hoffmann

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Beschreibung

Du hast mir gezeigt, dass ich sein kann, wer ich will. Aber wirst du mir anvertrauen, wer du einmal warst? Paige hat sich in ihrer Highschool nie irgendeiner Clique zugehörig gefühlt und als sie merkt, dass ihre beste Freundin nicht wirklich ehrlich zu ihr ist, verliert sie auch noch die letzte Person, an die sie sich halten konnte. Dass Aaron, der sehr beliebt ist und für den sie insgeheim schwärmt, sich plötzlich für sie zu interessieren scheint, stürzt ihre Gefühlswelt zusätzlich ins Chaos. Ist Aaron vielleicht doch nicht der geheimnisvolle unnahbare Junge aus der Großstadt, den alle in ihm sehen wollen und versteht Paige viel besser, als diese es sich jemals hätte vorstellen können? Und wer wird er sein, sobald ihn seine Vergangenheit eingeholt hat?

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Seitenzahl: 774

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für das 16-jährige Ich in jedem von uns

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch

Intro

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zweites Buch

Intro

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Drittes Buch

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Outro

Erstes Buch

– Paige & Aaron -

Intro

Die Schließfächer und Fenster flogen förmlich an mir vorbei, während ich die Gänge meiner High School entlangrannte. Ich wusste nicht, wo ich hinwollte, nur, dass ich wegmusste. Wie hatte mein Leben sich so schnell ändern können? Noch vor ein paar Minuten war es perfekt gewesen und dann mit einem Mal … alles weg. Mein Schicksal entglitt mir einfach. Ich hatte immer gedacht, es läge in meiner Hand, wie mein Leben verlief, doch da hatte ich mich offensichtlich getäuscht. Plötzlich brachte mich etwas zum Straucheln und ich sah, wie mir der Boden entgegenkam, noch bevor ich begriffen hatte, was passiert war. Ich fiel hin, hielt die Tränen allerdings noch zurück. Kurzerhand riss ich mir die High Heels von den Füßen und stand wieder auf. Dann rannte ich weiter. Jetzt stand das Salzwasser schon in meinen Augenwinkeln, lange konnte ich es nicht mehr daran hindern, in Strömen über mein Gesicht zu laufen. Als ich um eine Ecke bog, hielt ich mich an der Kante eines Schließfaches fest, um gegen keine Wand zu prallen. Die ganzen Leute mussten mich wohl für völlig durchgeknallt halten, denn nun fing ich auch noch hemmungslos an zu schluchzen. Die Tränen liefen über meine Wangen und durch den Wasserschleier, der über meinen Augen hing, sah ich fast nichts mehr. Auf einmal stieß ich gegen etwas oder jemanden, der aus dem Nichts vor mir aufgetaucht war und fiel abermals zu Boden. Meine Schuhe rutschten mir aus den Händen, die Schultasche sprang auf und der Inhalt verteilte sich über die gesamte Breite des Schulflurs. Leise fluchend kroch ich umher und sammelte hektisch alles wieder ein. Da kam mir eine Hand zu Hilfe und reichte mir einen Stapel Bücher. Der Jemand, den ich umgerannt hatte, redete mit mir. Er klang sehr besorgt und nicht einmal wütend, dass ich in ihn hineingelaufen war.

»Alles okay?«, erkundigte er sich mit besorgter Stimme. Ich schluchzte noch heftiger.

Eins

»Ja los, dreh dich um. Ich will doch so gerne dein Gesicht sehen.«, murmelte ich vor mich hin, während ich an einer Weintraube kaute. Doch er wollte sich wohl nicht umdrehen, er unterhielt sich lieber mit seinen Freunden. Enttäuscht seufzte ich und senkte meinen Blick wieder auf meine Brotdose vor mir.

»Oh schau mal, er guckt her.«, flüsterte meine beste Freundin neben mir.

»Wirklich?«, fiepte ich aufgeregt und blickte wieder auf.

»War nur ein Scherz, Mann. Wenn das dein Freund sehen würde.« Ich verdrehte die Augen und wollte mich gerade wieder meinem Essen widmen, als er wirklich in meine Richtung schaute. Er lächelte breit und winkte mit der Hand, als Zeichen, dass ich zu ihm kommen sollte. ›Was, ich?‹ Ich machte ein fragendes Gesicht und deutete mit dem Zeigefinger auf mich. Sollte ich wirklich seiner Bitte nachkommen? Es bestand kein Zweifel. Er wollte, dass ich zu ihm kam. Gerade als ich mich erhob, stieß mich plötzlich jemand brutal zur Seite, so dass ich mir meine eigene Faust in die Wange schlug und mit den Knien auf dem Granitboden des Schulflurs aufschlug. Circa ein Dutzend Weintrauben rollten in verschiedene Richtungen davon.

»Jordan.«, knurrte ich, richtete mich wieder auf und klopfte mir den Staub von der Jeans, dann rieb ich mir die Wange, »Aua. Mann, tut das weh.« Währenddessen war Jordan schon bei Aaron, um ihn mal beim Namen zu nennen. Küsschen links und rechts und ein süßes: »Hallohoo.«, von Jordan, dann hatte er sich auch schon wieder umgedreht. Abermals seufzte ich. Wie hatte ich nur glauben können, dass Aaron Baxter mich, Paige Young, bei sich haben wollte? Bescheuert, echt. Da hörte ich ein Kichern von der Seite. Abby, meine beste Freundin. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und tat so, als müsste sie husten, doch ich hörte trotzdem ihr Lachen.

»Sorry Paige, aber das war einfach gerade echt witzig.« Ich funkelte sie böse an, bevor ich mich wieder abwandte und weiter Aaron beobachtete.

Mein Name ist Paige Young, ich bin 15 Jahre alt und wohne in einer kleinen Stadt namens Winston-Salem in North Carolina, über eine Stunde vom Strand entfernt. Ich habe schulterlange, glatte und schokoladenbraune Haare und langweilige dunkelbraune Augen. Langweilig jedenfalls, wenn es nach mir geht. Meine Mom zieht mich oft damit auf, dass sie eigentlich rehbraun sind. Als würde das irgendeinen Unterschied machen.

Neben Aaron bernsteinfarbenen, strahlenden Augen, kann alles andere nur farblos und stumpf wirken. Okay, ich übertreibe vielleicht etwas, aber es ist eben Aaron Baxter. Seine Haare sind dunkelblond, fast braun und außerdem immer perfekt gestylt. Von seiner Statur fange ich besser gar nicht erst an. Aber das Allerbeste an ihm ist: Seine Eltern sind nicht reich.

An die West Salem High School gingen sonst nur Kids, die von ihren Eltern teure Ballettstunden bezahlt bekamen. Oder Gesangsstunden. Aber so einer war Aaron nicht. Und ich auch nicht. Meine Mom, mein kleiner Bruder Ethan und ich wohnten schon seit ich denken konnte in einem drei Zimmer Appartement. Und Aaron wohnte mit seiner Mutter seit einiger Zeit gleich drei Stockwerke über uns. Jeden Nachmittag ging er mit seinem Golden Retriever spazieren. Auf diesen Spaziergängen hielt er jedes Mal im Stadtpark an, wo einige Freunde Hip-Hop Musik hörten und dazu tanzten. Und Aaron konnte sehr gut tanzen, ohne jemals eine einzige Tanzstunde genommen zu haben. Es war ›nur‹ Freestyle, aber darin war er wirklich der Beste, den ich kannte. Noch besser: Mrs Sparks, die Musiklehrerin, hatte ihn gebeten eine AG aufzubauen. Die AG Tanz: Hip-Hop, Freestyle, Break Dance. Ballett hatten wir hier schon genug. Natürlich hatte ich mich in die Liste für die AG eingeschrieben. Aaron war in der Abschlussklasse, ich in der Zehnten.

»Paige. Hallo.« Abby wedelte vor meinen Augen mit ihrer Hand herum. »Bist du noch da?« Ich blinzelte.

»Ja … ja klar.« Abby lachte.

»Wo du schon wieder mit den Gedanken bist. Es hat geklingelt.« Hastig sprang ich auf und schnappte meine Tasche. Der Flur war schon leer, bis auf Jordan und Aaron. Sie versuchte sich ihm an den Hals zu schmeißen, doch er hielt sie auf Abstand und lachte.

Jordan … mit ihren schlanken braun gebrannten Beinen, den langen dunklen Haaren und ihren leuchtend grünen Augen, war auch in der Abschlussklasse und eine Balletttänzerin der Extraklasse. Dessen war sie sich auch leider bewusst und nutzte es gegenüber den Jungs aus. Sie hing oft bei der Gruppe um Aaron ab, aber er hatte sie noch nie als etwas Anderes als eine Bekannte angesehen. Was nicht wirklich seltsam war, denn ich hatte ihn noch mit keinem Mädchen knutschen sehen. Wahrscheinlich tat er das nicht öffentlich, denn es gab genug Mädchen, die auf ihn standen. Jedenfalls gafften ihn die meisten verträumt an, wenn er vorbeilief und mussten dann von Freunden wieder auf die Erde zurückgeholt werden. Wie ich gerade zum Beispiel. Abby schmiss ihre hellbraunen Haare nach hinten, musterte mich noch einmal mit ihren grauen Augen und zog mich dann weiter zu unserem Klassenzimmer.

»Mein Gott, das ist ja schon fast peinlich, wie du diesen Aaron anhimmelst. Wenn Jack das mal sehen würde. Du weißt doch wie eifersüchtig und besitzergreifend Footballspieler oft sind.« Jack war seit drei Monaten mein fester Freund und Mitglied des Schulfootballteams, den ›Wolverines‹. Sein Traum war es – genau wie der aller anderen Spieler – die Position des Quarterbacks zu erreichen.

»Ach, ich himmle ihn doch nicht an. Ich finde ihn nur hübsch, wie jedes Mädchen an dieser Schule.« Sie hob abschätzig die Augenbrauen, doch dann ließ sie das Thema fallen und packte ihre Sachen aus. Ich war froh darüber und tat es ihr gleich. Wir hatten Biologie, aber was der Lehrer erzählte verstand ich größtenteils nicht, also gab ich auf und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Ich konnte nur daran denken, dass morgen zum ersten Mal die AG stattfand. Keine Ahnung wo, aber das würde ich heute hoffentlich erfahren.

»Paige. Der Typ will was von dir.«, flüsterte Abby und stupste mich an.

»Aaron? Wo?«, keuchte ich erschrocken, weil ich so plötzlich aus meinen Gedanken gerissen worden war. Sie schlug sich die Hand gegen die Stirn und schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Miss Young. Würden Sie freundlicherweise meine Frage beantworten?« Ich fuhr zusammen und drehte meinen Kopf langsam herum zu unserem Lehrer, der vorne an der Tafel stand und mich streng ansah.

»Ach der Typ.«, meinte ich zu mir selbst und knirschte mit den Zähnen.

»Mann, war das peinlich. Ich wäre am liebsten im Boden versunken.«, jammerte ich auf dem Weg zu Mathe und holte einen Apfel aus meiner Tasche, um einen Biss davon zu nehmen, bevor die nächste Unterrichtsstunde begann.

»Ich sag immer wieder, du sollst besser aufpassen, aber du willst ja nicht auf mich hören.« Ich schenkte Abby nur noch meine halbe Aufmerksamkeit, denn ein blauer Zettel am schwarzen Brett nahm gerade die andere Hälfte in Beschlag.

Wegen der großen Anzahl Interessierter an der AG Tanz, können wir diese nicht in einem der kleinen Tanzstudios veranstalten. Die Schule stellt uns freundlicherweise einen größeren Raum zur Verfügung, so dass wir uns dienstags (erstes Mal am 25. September) 14:30 im Tanzstudio 3 treffen. Ich freue mich auf euch.

Aaron Baxter

Neben mir schielte Abby auf den Aushang. Ihr Mund öffnete sich empört.

»Unglaublich. Die Schule bestärkt diesen kulturlosen Quatsch auch noch. Das Studio 3 ist das Größte, das sie hier haben. Wahrscheinlich haben plötzlich alle ihr Hirn verloren.« Abby war sehr stolz an eine Schule zu gehen, an der Kunst, vor allem der Tanz, so gefördert wurde. Aber eben nur wenn es sich um klassische Tanzarten handelte. Sie wollte später einmal Primaballerina werden und auf den ganz großen Bühnen stehen beziehungsweise tanzen. Wie man hier nun auch so nicht-klassische Tanzarten wie Hip-Hop und Break Dance aufnehmen konnte, verstand sie gar nicht.

»Mach dir nichts draus Abby. Du musst ja nicht hingehen.« Grinsend drehte ich mich um und wollte weitergehen, doch etwas traf mich an der Schulter und ich fiel hin. Der Apfel rutschte mir aus der Hand und rollte ein Stück über den Boden. Dann erschien eine Hand in meinem Blickfeld, die ich ergriff und von der ich mich wieder auf die Füße ziehen ließ.

»Heute ist wohl nicht gerade mein Glückstag. Schon das zweite Mal umgerannt.« Wütend schaute ich auf und erstarrte.

»Sorry, das wollte ich nicht. War keine Absicht … Ähm …« Aaron schaute mich fragend an, bis ich endlich kapierte.

»Ach so … ja … äh Paige.« Er nickte.

»Okay, war keine Absicht Paige. Oh hier.« Er hob den Apfel auf und hielt ihn mir entgegen.

»Ach, behalte ihn.«, sagte ich verlegen lächelnd. Er zuckte mit den Schultern und lief davon.

»Bis irgendwann mal Aaron.«, rief ich ihm noch nach, aber wahrscheinlich hörte er es eh nicht mehr.

»Ach mach dir nichts draus Paige. Der Apfel wird ihn schon noch dazu bewegen, sich in dich zu verlieben.« Abby grinste belustigt von meiner peinlichen Begegnung und fing dann an zu lachen. Ich musste unwillkürlich die Augen verdrehen und wurde im nächsten Moment abermals überrascht.

»Na Süße? Schon wieder auf Männersuche?« Zwei Hände fassten mich sanft an den Schultern und drehten mich um.

»Hey Jack. Natürlich nicht.« Er nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und küsste mich sanft.

»Da bin ich ja froh.«, flüsterte er und fuhr mit den Fingern zu meiner Hüfte hinab, dann steckte er seine Hände in meine hinteren Hosentaschen. Ich legte meine Arme um seinen Hals und lächelte ihn an. Er grinste schief zurück. Abby wurde es anscheinend zu blöd, denn sie seufzte genervt und lief weiter.

»Du bist so süß Paige.«, murmelte Jack und küsste mich wieder.

»Ja du bist auch … echt … scharf?« Er lachte und in seinen Augenwinkeln bildeten sich Lachfältchen.

»Scharf? Na gut, das lasse ich mal gelten. Übrigens sind meine Eltern heute Abend nicht da. Du könntest zu mir kommen … na ja du weißt schon.« Ich schluckte schwer, versuchte mich aber trotzdem an einem Lächeln. Es sah vermutlich zum Fürchten aus.

»Ja ähm … weißt du Jack … das ist heute ganz schlecht. Ich … Ethan. Tja Mom ist nicht da und da muss ich die ganze Zeit auf Ethan aufpassen.« Er nahm die Hände von mir weg und trat einen Schritt zurück.

»Ach so … na dann eben nicht.« Er schaute beiläufig umher. An einem Punkt hielt er inne und stöhnte entnervt.

»Also dieser Aaron Baxter bringt mich echt auf die Palme. Er steht nur da und isst einen Apfel und alle Mädchen schmachten ihn an. Das ist ja so erbärmlich.« Ich drehte mich um und sah, dass Jack recht hatte. Aaron lehnte an einer Wand und aß meinen Apfel.

»Na ja in fünf Minuten geht die nächste Stunde los, ich geh mal Süße.« Er küsste mich noch einmal kurz auf die Wange, dann war er verschwunden.

Am nächsten Tag war es endlich so weit. Vom Unterricht vormittags bekam ich überhaupt nichts mit, ich war nur auf den Nachmittag fixiert. Nach der letzten Stunde verschwanden alle und sehr schnell wurden die Flure sehr leer. Ich allerdings ging bis in den obersten Stock, wo sich die vier Tanzstudios befanden. In jedes konnte man hineinsehen, denn alle waren vollverglast. Die Parkettböden glänzten und die Spiegel zeigten den ganzen Raum noch einmal. Auch hier war niemand, außer im dritten Studio. Von dort kamen viele Stimmen, also lief ich hin und schaute hinein. Schüler saßen auf dem Boden und redeten miteinander, an der Tür stand Aaron und schaute auf ein Klemmbrett. Ein Mädchen ging gerade in den Raum, also trat ich etwas zögernd zu Aaron.

»Hey.« Er blickte auf und lächelte.

»Hey. Name?« Ich war überrascht und mein Mund stand offen.

»Ähm … wir haben uns gestern … gesehen.« Er runzelte die Stirn.

»Ach ja? Wann?«

»Ich … du … hast mich umgerannt.«, stotterte ich und da lachte er.

»Ach ja. Sorry noch mal. P … Paige. Richtig?« Ich nickte. Er fuhr mit dem Finger auf der Liste nach unten.

»Paige Young? Zehnte Klasse?« Ich nickte abermals.

»Okay, dann willkommen. Schön, dass du da bist.« Nun lächelte er freundlich und winkte mich durch. Ich erwiderte das Lächeln und lief weiter. Mitten im Raum blieb ich stehen. Jordan ... saß an einem Spiegel in schwarzen Leggins mit rosa Stulpen und einem engen lila Top. Sie schien sich gerade zu dehnen. Seufzend stellte ich meine Tasche an eine Wand und setzte mich daneben. Noch ein Mädchen kam herein und dann schloss Aaron die Tür.

»Okay Leute. Zieht bitte erst einmal die Schuhe aus. Die Lehrer mögen hier keine schwarzen Striemen auf dem Fußboden. Und so lässt es sich dann auch leichter tanzen. Danach setzt ihr euch doch bitte in der Mitte in einem großen Kreis zusammen.« Ich schnürte meine Chucks auf und stellte sie vor meine Tasche. Aaron kam auf mich zu und blieb neben mir stehen. Er trat sich seine Schuhe – und ich konnte es kaum glauben, aber auch er trug Chucks – von den Füßen, dann zog er seinen Pullover über den Kopf. Das T-Shirt, dass er darunter trug, wurde ein kleines Stück von dem Pullover mitgezogen, bevor der Saum wieder locker herabfiel Ich wollte eigentlich wegschauen, doch ich konnte einfach nicht. Ich hatte mir Aaron Baxter immer mit Sixpack und stählernen Armmuskel vorgestellt. Nun bekam ich die Bestätigung. Sein Bauch war flach und sicherlich gut durchtrainiert. Er zog das weiße T-Shirt zurecht und lief zur Mitte des Raumes, wo schon alle in einem großen Kreis saßen. Er setzte sich mit hinein und schaute sich dann um.

»Paige. Willst du nicht mit herkommen? Los Leute rutscht noch etwas, damit Paige noch einen Platz findet.«

»Oh ja, sorry.« Hastig stand ich auf und setzte mich neben Aaron, an den einzig freien Platz im Kreis. Er lächelte strahlend.

»Okay, jetzt müssten alle, die sich in die Liste eingeschrieben hatten, auch da sein. In Zukunft wäre es cool, wenn ihr euch irgendwelche bequemen Klamotten mitbringt. Jogginghosen, weite Oberteile und so weiter. Egal was oder wie es aussieht, es muss bequem sein und ihr müsst euch darin gut bewegen können. Ab nächster Woche. Da wir jetzt mindestens ein Jahr hier zusammen üben werden und vielleicht auch Auftritte haben, sollten wir uns kennen lernen. Dazu haben wir die erste Stunde heute. Die AG geht immer eine Stunde, also von 15 Uhr bis 16 Uhr. Wenn wir nach dem organisatorischen Teil heute noch Zeit haben, können wir schon ein bisschen beginnen. Gut, als Erstes, würde ich vorschlagen, stellt sich jeder nach der Reihe vor. Sicherlich wissen wir dann in ein paar Wochen die meisten Namen. Also fange ich gleich mal an. Ich bin Aaron aus der Abschlussklasse. Also bin ich 17 und ich freue mich schon, an diese Schule mal etwas nicht ganz so Klassisches wie Break Dance oder Hip-Hop bringen zu dürfen.« Dann stellten sich die anderen nach der Reihe vor. Es waren sogar einige Jungs in der AG, von denen ich vermutete, dass es ihnen nicht um Aaron ging. Als Allerletzte war ich an der Reihe.

»Ja also ich bin Paige aus der zehnten Klasse. Ich bin 15 und na ja ich wollte eben nie Ballett oder so tanzen, aber Tanzen an sich gefällt mir, also dachte ich, könnte ich diese AG mal ausprobieren.« Alle nickten zustimmend und lächelten, ich lächelte in die Runde zurück.

»Okay, dann gibt es jetzt noch ein paar Infos.«, ergriff Aaron dann wieder das Wort, »Wir werden uns, wie schon gesagt, immer dienstags 15 Uhr hier treffen. Wenn jemand krank ist, dann sagt einfach einer Freundin oder einem Freund Bescheid, der hierherkommt oder ruft mich auf 14:30 an. Meine Nummer gebe ich euch gleich mal.« Er gab einen Stapel kleiner Zettel rum, auf denen eine Handynummer stand. Ich steckte den Zettel sofort in meine Hosentasche.

»Die Schule hat außerdem entschieden, dieses Jahr ein Fest zu veranstalten, bei dem die Schüler ihre Talente zeigen können. Solisten werden singen, ein Chor wurde gegründet, die verschiedenen Tanzgruppen werden ihr Können unter Beweis stellen und … wir. Wir dürfen den Leuten eine eigene Choreografie zeigen, wenn wir möchten, und das werden wir. Bis dahin sind es noch ein paar Monate also haben wir noch viel Zeit zum Üben. Wenn es so klappt, wie ich hoffe, wird jeder im Laufe der Zeit seinen eigenen Stil entwickeln. Ich vermute, dass auch noch einige aufhören werden, weil sie merken, dass es doch nichts für sie ist. Dann können wir, denke ich, bis zum Konzert eine Choreo zusammenstellen. Wahrscheinlich werden nicht alle mitmachen können und deshalb werden manche allein weiter trainieren, aber das ist keineswegs der Weltuntergang. Denn beim nächsten Mal sind diese dann sicher mit am Start. Es ist unwahrscheinlich, dass jeder gleich beim ersten Auftritt mit dabei ist und ich hoffe, ihr nehmt es mir dann auch nicht übel.« Alle nickten verständnisvoll. »Okay cool … dann legen wir doch gleich mal los. Ihr könnt übrigens auch eigene Musik mitbringen. Für Vorschläge von eurer Seite bin ich immer offen.«

Am späten Nachmittag saß ich in meinem Zimmer und machte Hausaufgaben. Meine Haare hingen strähnig herab, weswegen ich sie auch in einem losen eingedrehten Zopf zusammengebunden hatte. Neben mir stand eine Tüte mit Chicken Nuggets, die ich nach der AG gekauft hatte und jetzt genüsslich aß. Mom war mit meinem kleinen Bruder auf einem Spielplatz in der Nähe. Ich erwartete niemanden, so dass ich mich zu Tode erschrak, als es an der Tür klingelte. Stöhnend stand ich auf und lief den Flur entlang zur Wohnungstür.

»Was ist denn jetzt schon wieder Mrs Bringston?«, rief ich im Gehen. Mir war es egal, wie ich gerade aussah, ich hatte sogar meine Chicken Nuggets in der Papiertüte mitgenommen. Sicher war es wieder die alte Dame aus dem Stockwerk unter uns, die sich wieder einmal wegen irgendeiner eingebildeten Ordnungswidrigkeit bei uns beschweren wollte. Genervt öffnete ich die Tür … »Sorry, aber ich bin leider nicht Mrs Bringston.« … und schlug sie sofort wieder zu. Das hatte ich nicht erwartet. Klar wusste ich, dass er drei Etagen über uns wohnte, aber es überraschte mich doch, dass er plötzlich vor meiner Tür stand.

»Hey … Paige. Richtig? Ich wusste gar nicht, dass du hier wohnst.«

»Tu ich auch nicht. Ich heiße gar nicht Paige. Mein Name ist … Caitlin und ich kenne dich nicht. Fremde darf ich nicht in die Wohnung lassen.« Er lachte auf und ich sah förmlich vor mir, wie er seinen Kopf für einen Moment in den Nacken legte.

»Okay Caitlin und warum machst du die Tür einer fremden Wohnung auf und nicht die Eigentümerin?« Ich schwieg. »Komm schon Paige mach auf, ich will doch nur ein bisschen Chili- und Paprikapulver ausleihen. Bei der alten Bringston will ich nicht fragen, die ist mir unsympathisch.« Ich seufzte und öffnete die Tür einen Spalt.

»Mach die Augen zu.« Er lächelte belustigt, tat aber wie ihm geheißen.

»Und warum?«

»Egal.« Er lächelte noch breiter.

»Na dann kann ich sie ja auch wieder aufmachen.« Ich wollte gerade protestieren, da schaute er mich auch schon an und grinste nun so breit, dass seine Lippen wohl bald reißen würden. Dann hustete er, um sein Lachen zu verbergen. Ich schaute hinunter auf mein Sweatshirt und entdeckte an der Stelle, die er betrachtete, einen großen Ketchup Fleck, der von den Chicken Nuggets stammen musste.

»Jetzt lachst du mich aus.« Er verstummte.

»Nein Quatsch. Ich finde das süß. Schlimmer wäre es doch gewesen, wenn du nackt vor mir gestanden hättest, oder?« Ich senkte den Blick zu Boden. »Darf ich?«, fragte er und deutete auf die Tüte in meiner Hand. Ich hielt sie ihm hin und er nahm sich einen Chicken Nugget. »Und wo ist jetzt der Ketchup?« Nun hielt ich ihm einen kleinen Becher mit Ketchup hin. Er schmierte sich etwas auf sein Nugget und biss grinsend davon ab. Dann wischte er seine Finger an seinem Pullover ab, so dass ein roter Fleck entstand.

»Oh jetzt habe ich mich auch noch vollgekleckert. Wie ungeschickt.« Er aß das Nugget auf und grinste breit. »Tja, so schnell kann es kommen. Darf ich jetzt rein? Wenn Mrs Bringston mich so sieht, hält sie mich noch für einen Obdachlosen und benachrichtigt das Jugendamt oder so, du weißt ja, wie sie ist.«, meinte er lächelnd. Ich musste lachen und winkte ihn herein.

»Die alte Schreckschraube kam heute schon wieder zwei Mal. Einmal war Ethan angeblich zu laut und beim zweiten Mal, meinte sie wir hätten den Strom in ihrer Wohnung ausgeschaltet, was zwar logistisch unmöglich ist, aber na ja.« Er lachte und legte den Kopf tatsächlich in den Nacken, so wie ich es mir noch einen Moment zuvor vorgestellt hatte.

»Zu uns kommt die alte Dame auch des Öfteren. Meistens behauptet sie, dass Lio auf ihrer Fußmatte Dreck gemacht hat, na ja …« Lio war Aarons Golden Retriever. Ich lief ihm voraus in die Küche.

»Also Chili- und Paprikapulver, ja?« Als ich nach hinten schaute, sah ich wie er nickte und öffnete nebenbei die Schranktür, hinter der sich unsere Gewürze befanden.

»Ja, wenn ihr habt. Das wäre toll. Ich mache gerade Hühnchen. Meine Mom kann nicht sonderlich gut kochen.« Ich hob die Augenbrauen.

»Und du schon?« Er grinste und legte den Kopf von einer auf die andere Seite.

»Tja … ja. Jedenfalls besser als sie, bei mir erkennt man wenigstens, was es darstellen soll.« Ich musste unwillkürlich lachen.

»Na und das ist doch eigentlich die Hauptsache.« Ich gab ihm die Gläser mit den Gewürzen.

»Das denke ich auch.«, antwortete er und nahm sie entgegen, »Danke Paige und du warst heute übrigens echt gut.« Ich lief rot an, was hervorragend zu dem Fleck auf einem Oberteil passen musste.

»Danke, aber das sagst du doch nur so.« Er schüttelte den Kopf und einer seiner Mundwinkel hob sich ein Stück.

»Nein wirklich. Ich meine es ernst.« Dann drehte er sich um. »Ich finde selbst die Tür. Keine Sorge. Danke nochmals.« Und schon war er verschwunden. Ich lauschte noch bis die Tür ins Schloss fiel, dann ging ich raus auf den Flur. Ich konnte es kaum glauben. Aaron Baxter war gerade bei mir zu Hause gewesen und er hatte mit mir gesprochen, ganz normal. Einen Moment lang blieb ich noch stehen und fixierte die Tür, dann machte ich mich weiter an die Hausaufgaben.

Als ich diese fertig hatte, ging ich ins Bad, um zu duschen. Mom und Ethan waren immer noch nicht da. Gerade als ich aus der Dusche stieg, klingelte es erneut an der Haustür.

»Ja Mom. Ich mache dir gleich auf.«, schrie ich, während ich mir ein Handtuch um den Kopf und eines um den Körper wickelte. Sie hatte wohl wieder einmal ihren Schlüssel liegen gelassen. Mit nassen Füßen tapste ich den Flur entlang und als ich die Tür geöffnet hatte, musste ich grinsen.

»Das musste wohl so kommen.«, seufzte ich und lehnte mich in den Türrahmen.

»Na das kommt dem Nacktsein doch schon ziemlich nahe.« Er grinste ebenfalls und hielt die Gewürze hoch. »Eigentlich wollte ich nur zurückbringen, was ich ausgeliehen hatte. Aber vielleicht sollte ich später wiederkommen?« Ich winkte ab und stieß mich vom Holz des Türrahmens ab.

»Ach nein, gib einfach her.« Ich wollte die Gläser gerade nehmen, doch dann presste ich mir die Hände auf die Brust, als ich merkte, dass das Handtuch zu rutschen begann.

»Vielleicht könntest du sie einfach hier abstellen? Das wäre nett.« Ich deutete auf die kleine Kommode hinter mir. Er lachte leise und gab ein Nicken als Antwort.

Er schob sich an mir vorbei und stellte die Gewürzgläser auf das Schränkchen, dann durchquerte er abermals den Türrahmen hinaus in den Flur.

»Danke nochmal für … die Gewürze.«, meinte er noch und ich musste kurz auflachen, als mir das Ausmaß dieser seltsamen Situation noch einmal deutlich wurde.

»Gerne doch, wenn du dann mal Curry machst, weißt du an wen du dich wenden musst.« Auch er lächelte in sich hinein und nickte. Da hörten wir plötzlich Stimmen durch das Treppenhaus.

»Ich denke mal das sind meine Mom und mein kleiner Bruder.« Er schaute zum Aufzug, der seit einigen Tagen außer Betrieb war, so dass meine Mom und mein Bruder die Treppe würden nehmen müssen.

»Dann gehe ich mal. Trockne dich schnell ab, nicht dass du wegen mir noch eine Erkältung bekommst.« Zwinkerte er und lief gerade die ersten Stufen hinauf, als meine Mutter mit Ethan an der Hand um die Ecke bog. Sie schaute ihm nach und mich dann verwundert an.

»Wer war das? Und was ist denn hier in meiner Abwesenheit so passiert?« Ich seufzte halb verzweifelt und lief in die Wohnung zurück.

»Er hat sich nur ein paar Gewürze ausgeliehen.« Sie lachte und folgte mir.

»Ach so und du warst ganz zufällig unter der Dusche und musstest ihm halb nackt die Tür öffnen, oder wie?«

»Ja, genau so war es.« Sie lachte abermals und hängte ihren Schlüssel an ein Brett mit Haken neben der Tür.

»Sicher Paige. Du kannst mir deinen neuen Freund ja mal vorstellen. Allerdings dachte ich, du wärst noch mit Jack zusammen. ... Aber er war doch nicht mit unter der Dusche … oder?«

»Oh nein. Mom hör auf mit so etwas. Er kam, um sich Chili- und Paprikapulver auszuleihen, dann bin ich unter die Dusche und als es wieder klingelte, dachte ich, dass ihr es seid. Aber es war Aaron, der die Gewürze zurückbringen wollte. Und jetzt gehe ich meine Haare trockenföhnen.« Ich kehrte ihr den Rücken zu, doch ich hörte noch ihr unterdrücktes Lachen hinter mir.

Am nächsten Tag in der Schule hatte ich ein Hochgefühl. Ich hatte mit Aaron Baxter geredet und mich letzten Endes nicht völlig blamiert. Selbst Abby bemerkte meine übertriebene Fröhlichkeit.

»Was ist denn mit dir heute los, Paige?« Ich zuckte die Achseln.

»Tja ich bin eben einfach glücklich.« Sie hob fragend eine feine Augenbraue.

»Ach wie war denn die Tanz AG gestern?«, fragte sie nach, doch es klang ein wenig so, als hoffte sie, es wäre schlecht gelaufen.

»Ja schön … war echt cool.« Sie blinzelte fragend.

»Wie … cool?« Ich musste leicht lachen.

»Na eben cool. Wir haben erst einmal mit ganz einfachen Sachen angefangen und es macht wirklich Spaß.« Nun schien sie völlig verwirrt.

»Du hast dich nicht bis auf die Knochen blamiert?« Ich verdrehte genervt die Augen und lief weiter vor ihr her. »Na ja es hätte ja sein können, dass du kein Wort rausbekommst, weil er da war.« Ich musste weiter lächeln, schüttelte aber den Kopf.

»Nein keine Sorge. Es ist alles … super gelaufen.« Da kam Aaron mir plötzlich entgegen, die Treppe herauf. Ich war mir nicht sicher, was jetzt passieren würde. Er sah mich, lächelte und deutete im Vorbeigehen auf mein Oberteil, das ausnahmsweise mal kein Ketchup Fleck zierte.

»Hey Paige. Hübsches Shirt.« Er zwinkerte mir zu und ich wusste sofort, woran er dachte. Dann lief er weiter zu seinen Freunden. Ich wollte ebenfalls weiterlaufen, doch Abby hielt mich am Arm zurück.

»Was war denn das gerade eben?«, fragte sie mit riesigen Kulleraugen. Ich zuckte mit den Schultern und tat so, als wäre das gerade keine große Sache gewesen.

»Keine Ahnung. Was war denn?« Innerlich grinste ich breit und war überglücklich. Abby folgte mir trotz einiger Verwirrung. Da kam mir Jack entgegen.

»Hey Paige Schatz.« Er nahm mich in den Arm und küsste mich. Abby stolzierte an mir vorbei, mit einem Blick, der sagte: ›Also da will ich jetzt wirklich nicht dabei sein. ‹ Plötzlich steckte Jack mir seine Zunge in den Mund. Ich schubste ihn erschrocken von mir und er schaute mich verwirrt an.

»Hey Jack. Was soll das?« Er zuckte mit den Schultern und trat wieder einen Schritt näher zu mir.

»Ich dachte du magst das vielleicht. Wollte es mal ausprobieren. Aber anscheinend stehst du nicht auf Zungenküsse.« Ich seufzte und schaute über seine Schulter. An einem kleinen Tisch mitten im Flur saß Aaron und schaute zu mir. Er runzelte die Stirn und tat so, als ob er ins Leere starren würde, doch ich bildete mir ein, dass er uns beobachtete. Halb eifersüchtig, halb desinteressiert. Schnell schaute ich wieder Jack in die Augen.

»Entschuldige Jack, ich … egal.« Hastig küsste ich ihn und löste mich dann aus seinen Armen, um weiterzugehen, doch er hielt mich zurück.

»Paige weißt du … ich warte ja auf dich. Ich respektiere deine Entscheidungen und deinen Willen, aber weißt du, womit du mir eine riesige Freude machen könntest?« Ich schüttelte den Kopf und runzelte etwas verwirrt die Stirn. Was würde nun kommen?

»Du könntest dich mal hübsch machen. Ich meine ich finde dich natürlich auch so hübsch, aber du könntest dich ja mal etwas mädchenhafter anziehen. Etwas Make-Up oder so, verstehst du? Ich will dich natürlich zu nichts drängen, aber ich möchte auch nicht, dass die Jungs weiter über dich sagen, dass du wie ein Junge rüberkommst. Ich liebe dich auch so, aber vielleicht würde es dir helfen.« Ich schluckte schwer und nickte dann wie betäubt.

»Okay … ja klar … mädchenhafter. Make-Up. Ja, mach ich … Schatz.« Er lächelte glücklich, legte die Hände an meine Taille und küsste mich, die Zunge ließ er dieses Mal in seinem Mund.

»Mädchenhafter anziehen, pah. Make-Up pff. Ich bin total das Mädchen, das sieht man doch.«, murmelte ich, vier Stunden später auf dem Heimweg, wütend vor mich hin. Niedergeschlagen schaute ich an mir hinab … ein schwarzes Shirt mit einem karierten Hemd darüber, eine einfache Jeans und ein paar ausgetretene Chucks … und seufzte. Er hatte recht. Ich sah wirklich nicht wie ein typisches Mädchen unserer Schule aus, aber das konnte ich ja ändern. Zuhause angekommen durchwühlte ich sofort meinen Kleiderschrank und fand, was ich suchte. Dann ging ich ins Bad und durchsuchte dort die Schränke. Mein nächster Halt waren Moms Kommoden. Mit einem Arm voller Dinge und einem breiten Grinsen im Gesicht schob ich die Schubladen wieder zu und kehrte in mein Zimmer zurück. Die Leute in der Schule würden schon sehen, wie feminin ich sein konnte. Jack würden am nächsten Tag sicher die Augen aus dem Kopf fallen, redete ich mir ein, während ich mich an meine Hausaufgaben setzte. Später am Nachmittag ließ ich Wasser in die Badewanne und legte mich mit meiner Lieblingsmusik auf den Ohren in die entspannende Wärme. Genüsslich schloss ich die Augen und konzentrierte mich auf die Klänge aus dem Kopfhörer und die Wärme um meinen Körper. Dabei stellte ich mir schon die Blicke der anderen vor, wenn sie mich morgen sehen würden.

Zwei

»Auf diesen Moment, liebe Paige, habe ich schon mein ganzes Leben gewartet. Oder jedenfalls, seitdem du in die Pubertät gekommen bist.«, meinte meine Mom und betrachtete mich von allen Seiten. »Sieht super aus. Anders … aber gut.« Sie zupfte hier und da an den Klamotten und nickte dann fröhlich.

»Also so bekommst du den Jungen von letztens sicher rum.« Ich seufzte.

»Um den geht es doch gar nicht Mom. Das hier ist für Jack.« Sie hob überrascht die Augenbrauen und war einen Moment sprachlos.

»Paige, ich hoffe du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst. Auch wenn es ernster mit Jack wird und ihr …« Ich unterbrach sie sofort.

»Nein. Stopp Mom. Das ist peinlich und so etwas will ich aus dem Mund meiner Mutter auch gar nicht hören. Ich gehe jetzt zur Schule.« Sie lächelte und nickte.

»Du bist wunderschön Paige … egal was du trägst, vergiss das nicht.«, meinte sie sanft, woraufhin ich die Augen verdrehte und mich zur Tür wandte.

»Paiki is wundersön Mommy, nich?«, rief nun Ethan. Abermals seufzte ich. Mein dreijähriger Bruder konnte noch nicht einmal meinen Namen richtig aussprechen, plapperte aber alles andere nach, was er so hörte. Dann verließ ich die Wohnung, leicht schwankend wegen der hohen Absätze der High Heels. Da ich in den Schuhen den Schulweg nicht zu Fuß bewältigen wollte, nahm ich heute den Bus. Ich nahm mein Handy aus der Handtasche, die ich am Arm trug, um zuschauen wie viel Zeit ich noch hatte. Da rempelte mich plötzlich etwas von hinten an, so dass ich stolperte, aber zum Glück nicht hinfiel, da mich das etwas am Oberarm packte und mich so vorm Sturz bewahrte.

»Oh sorry. Ich war in Eile und da habe ich Sie nicht geseh … Paige?«, meinte Aaron erschrocken und gleichzeitig nach Verzeihung bittend.

»Oh hallo Aaron.«, stotterte ich und richtete meine Kleidung wieder.

»Ich habe wohl ein Talent dafür, dich umzulaufen.«

»Oder ich, im Weg zu stehen.« Er nickte belustigt und konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen.

»Aber um ehrlich zu sein, hätte ich dich ohne Ketchup Fleck und verwuschelte Haare fast nicht erkannt. Deine Haare sind … offen und lockig … ganz anders.« Ich lächelte leicht und schob verlegen eine Strähne meines Haars hinter mein rechtes Ohr.

»Ja … gefällt’s dir?« Er öffnete den Mund, sagte jedoch nichts. »Ach, auch egal … ich muss los.«, meinte ich dann und er nickte. Als ich schon ein paar Meter entfernt war, ergriff er doch noch einmal das Wort.

»Läufst du?«, rief er mir nach, wobei ich mich kurz umwandte und den Kopf schüttelte.

»Nein, ich fahre heute mal mit dem Bus wegen …« Ich schaute auf meine Füße, die in den nicht ganz so bequemen Schuhen steckten.

»Oh ja … in solchen Dingern sollte man ja nicht so lange Wege zurücklegen … dann, bis später … vielleicht.« Ich nickte und beobachtete noch, wie er in sein Auto stieg. Es war nicht das Allerneuste oder besonders teuer gewesen, aber er pflegte es gut, so dass es ihn zur Schule und zurückbrachte. Dann wandte ich mich zum Gehen, doch da rief er mich zurück.

»Paige … ähm … willst du vielleicht … vielleicht bei mir mitfahren?« Ich drehte mich zu ihm um und war einen Moment fassungslos.

»Ich? Ja … ähm … ja klar.« Und schon saß ich auf dem Beifahrersitz. Er redete nicht wirklich viel auf der kurzen Fahrt zur Schule und schaute mich auch nicht an. Auf dem Schulparkplatz stellte er sein Auto ab und ich stieg aus. Als ich an den Jungs vor dem Schultor vorbeilief, pfiffen sie mir nach. Aaron stieg nach mir aus dem Auto und die Jungs waren noch entzückter, anhand der Tatsache, dass ich aus Aaron Baxters Auto gestiegen war.

»Hey Aaron. Neue Braut am Start? Super, Mann. Oder ist das etwa deine kleine Schwester? Hast uns noch nie was von ihr erzählt, wenn es so ist.«, meinte einer von ihnen, die anderen lachten. Aaron seufzte und lief in mindestens fünf Metern Abstand hinter mir her, wahrscheinlich damit uns nicht noch mehr Leute zusammen sahen.

Komisch an diesem Tag war, dass ich mich dauernd im Mittelpunkt wiederfand. Die meisten Jungs schauten mich an, als wollten sie mich ausziehen oder als wären ihre Augen Nacktscanner. Die Mädchen sahen mich eher abschätzig und zu einem gewissen Teil auch abwertend an. So fühlte ich mich sehr unwohl in meiner Haut. Die Schule, in die ich seit fünf Jahren ging, wurde mir plötzlich unheimlich. Doch zum Glück kam Abby und sie schaute mich fröhlich lächelnd an.

»Hey Paige. Hübsch siehst du aus. Gefällt mir.« Ich lächelte etwas verlegen und sie hakte sich bei mir ein.

»Die schauen mich alle so komisch an.«, flüsterte ich meiner besten Freundin ins Ohr. Sie lachte.

»Sei einfach selbstbewusster, dann starren sie nicht mehr so.« Ich nickte, trotzdem fühlte ich mich noch nicht völlig sicher. Nach der dritten Unterrichtsstunde traf ich dann Jack. Er stand mit ein paar Footballkumpels im Flur herum. Ich atmete tief ein und nahm meinen ganzen Mut zusammen. Dann stöckelte ich so gerade und selbstsicher wie möglich zu ihnen hinüber. Keine Reaktion, als ich ankam.

»Jack?« Ich stupste ihn an der Schulter an. Immer noch keine Reaktion, er redete weiter mit seinen Kumpels.

»Jack.«, machte ich nun nachdrücklicher auf mich aufmerksam und drehte ihn zu mir um. Erst schien erst ziemlich verärgert, doch als er mich erkannte, hellte sich seine Miene sofort auf.

»Paige … wow … ich bin echt beeindruckt.« Ich schaute noch einmal an mir hinunter. High Heels von meiner Mom, ein enger schwarzer Rock mit einer Feinstrumpfhose darunter, ein pinkes Top mit einem Jäckchen mit kurzen Ärmeln darüber. Er nahm mich an der Hand und lief mit mir ein paar Schritte von der Gruppe weg.

»Du siehst super aus.«, flüsterte er, legte die Arme um meinen Oberkörper und küsste mich. Ich ließ es zu und war glücklich, denn auch er schien glücklich zu sein.

»Du bist wirklich wunderschön.« Und wieder drückte er seinen Mund auf meinen und seine Zunge teilte meine Lippen. Ganz geheuer war mir das nicht, aber ich sagte mir einfach, dass es auch mal einen nächsten Schritt geben musste und so ließ ich es zu. Nach ein paar Momenten löste er sich von mir und strahlte mich an.

»Weißt du wie sehr ich mich freue? Komm wir gehen an einen Ort, wo wir etwas unbeobachteter sind.« Ich lächelte, schüttelte allerdings den Kopf.

»Sorry Jack, aber ich muss weiter zur nächsten Stunde ich wollte nur schnell mal Hallo sagen.« Er seufzte, akzeptierte aber meinen Einwand.

»Na dann bis später. Hab dich lieb.«, murmelte ich und küsste ihn noch einmal kurz. Dann verschwand ich um die nächste Ecke, wo ich mich gegen die Wand drückte, seufzend ausatmete und mich umsah. Niemand war zu sehen, außer ein paar Mädchen, die lachend auf einer Bank saßen und mich glücklicherweise nicht beachteten, so dass ich normal weitergehen konnte.

Nach dem Unterricht machte ich mich mit Abby auf zum Shoppen. Ich hatte mir etwas Geld von Mom geben lassen. Zuerst gingen wir in eine Boutique, bis wir merkten, dass ich mir kein einziges Kleid dort leisten konnte. Sie kosteten ungefähr doppelt so viel wie ich hatte, aber sie waren schön. Dann gingen wir in einen Laden, in dem man zwar keinen kostenlosen Champagner bekam, dafür aber Klamotten, die um einiges billiger waren und die man sich leisten konnte.

»Okay, zuerst brauchst du ein paar schöne Schuhe, in denen du auch laufen kannst und dann stellen wir dir ein paar Outfits zusammen.«, meinte Abby und lief sofort los, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Auch ich ging und schaute mir ein paar Schuhregale an. Nach einigen Minuten kam Abby mit den Armen voller Schuhe wieder.

»Die probierst du alle an.«, befahl sie mir und drückte mich auf einen Stuhl. »Währenddessen suche ich noch ein paar andere.« Seufzend nahm ich mir das erste Paar Schuhe und zog sie an. Leicht schwankend stand ich auf und lief einige Schritte. Diese Schuhe waren auf jeden Fall schon einmal verträglicher als die, die ich von meiner Mutter ausgeliehen hatte. Sie hatten einen Keilabsatz und mit einer Schnürung.

»So, hier ist die nächste Ladung.« Abby betrachtete mich und strahlte.

»Ich weiß ja nicht …«, ich zog mir die Schuhe wieder von den Füßen und schaute mir den Haufen Schuhe an, den sie mir herausgesucht hatte. Abby seufzte und drückte mir ein Paar mit Riemchen in die Hand.

»Doch Paige. Die sind jetzt total angesagt und sie stehen dir super. Die nehmen wir auf jeden Fall.« Ich zog noch unzählige andere an, doch am Ende entschieden wir uns für einige, die ein Kompromiss aus Abbys und meinen Ansprüchen darstellten. Dann begaben wir uns zu den Kleiderständern. Ich verbrachte circa zwei Stunden in der Kabine. Abby brachte mir immer wieder neue Sachen zum Anprobieren. Zum Schluss hatte ich in meiner Einkaufstüte helle und schwarze Strumpfhosen, einen schwarzen Faltenrock, ein paar Basic Tops in verschiedenen schlichten Farben, zwei Röhrenjeans, verschiedene Oberteile und zwei Hotpants. Mein Portemonnaie war danach leer. Schwer beladen, aber trotzdem glücklich machte ich mich auf den Weg nach Hause. Abby ebenfalls, aber sie musste in eine ganz andere Richtung. Langsam taten mir durch die Absätze meine Füße weh, doch ich hielt schwankend durch. Ein junger Mann kam mir entgegen auf meinem Weg durch den Park. ›Ziemlich süß‹, dachte ich mir und musterte ihn verstohlen ›Nur nicht zu sehr schwanken Paige. Jedenfalls solange er dich sehen kann.‹, redete ich mir ein und verfestigte meine Schritte. Genau als wir aneinander vorbeiliefen, schaute er mir in die Augen. Die seinen waren tiefblau und seine Haare waren hellbraun. Er hatte diese Frisur, die viele Typen zurzeit hatten. An den Seiten kurz geschnitten und oben etwas länger. Er lächelte nur leicht und lief weiter. In dieser Sekunde war ich zu abgelenkt, stolperte über eine winzige Unebenheit im Boden und die Steinplatten des Gehwegs kamen mir entgegen. Mir entfuhr ein erschrockenes Japsen und ich wirbelte mit den Armen durch die Luft, im Versuch das Gleichgewicht zurückzuerlangen. Aus Peinlichkeit blieb ich auf dem Boden knien und schlug mir die Hände vors Gesicht. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.

»Hey, alles okay?« Ich nahm langsam die Hände weg und hob vorsichtig den Kopf. Die blauen Augen lachten mich an. Ich nickte langsam und ließ mir beim Aufsetzen helfen.

»Danke.«, krächzte ich und machte meine Schuhe auf.

»Nichts zu danken. Diese Dinger können schon echte Todesfallen darstellen.« Er sagte es nicht so, als würde er sich über mich lustig machen wollen, eher als merke er wie peinlich mir die Situation war und lächelte leicht. »Ich bin Gabe. Also eigentlich Gabriel, aber ich finde, das klingt so biblisch, deswegen lieber Gabe.« Ich nickte lächelnd und stellte die High Heels zur Seite.

»Ich bin Paige.« Wir schüttelten uns die Hände und er zog mich auf die Füße.

»Du warst wohl extrem-shoppen.«, bemerkte er mit Blick auf die Tüten. Ich nickte abermals.

»Ja, sozusagen. Ich habe halt ein paar Sachen gekauft.« Er schaute in die Schuhtüte.

»Ah, noch mehr Todesfallen, klar davon könnt ihr Frauen ja nicht genug besitzen, habe ich gehört.« Ich nahm die Tüten in eine Hand und die Schuhe in die andere.

»Ja, ich wollte gerade nach Hause.« Er nickte immer noch lächelnd und streckte eine Hand nach den Griffen der Einkaufstüten aus.

»Gib her, ich nehme dir etwas ab.« Er nahm alle Tüten, so dass ich nur noch meine Schuhe tragen musste. Dann liefen wir nebeneinanderher weiter durch den Park.

»Danke, dass du dich nicht über mich lustig machst.« Er lächelte schief.

»Warum sollte ich auch? Erstens könnte ich selber in so was nicht laufen und zweitens hättest du dir irgendwas brechen können und das finde ich nur ganz selten witzig. Obwohl es schon ziemlich crazy aussah, wie du deine Arme herumgewirbelt hast.« Ich musste selbst etwas lachen.

»Sei froh, dass du nicht in solchen Dingern laufen musst.«, erwiderte ich murmelnd, woraufhin er wieder ein bisschen lachte.

»Na ja, wer zwingt dich denn dazu? Wenn du willst, kannst du es doch lassen. Oder etwa nicht?« Es war komisch mit Gabe. Er gab mir nicht das Gefühl, dass er sich über mich amüsierte, aber er fühlte sich auch nicht dazu gezwungen nicht ehrlich das auszusprechen, was ihm in den Sinn kam.

»Nein, ja klar. Du hast recht. Eigentlich habe ich mich selbst in diese Lage gebracht.«, überlegte ich laut und stimmte ihm dabei zu. Er musterte mich von der Seite und tat dann so, als würde er ganz angestrengt nachdenken.

»Mhh okay, dann rate ich jetzt einfach mal, ja?« Er betrachtete mich noch einmal. »Also entweder bist du so 15-16Jahre alt und hast zu wenig Selbstwertgefühl oder du bist 11 und bist zu selbstbewusst. Aber ich tippe eher mal auf … 16. Oder doch 11?« Er grinste und ich schüttelte belustigt den Kopf.

»Okay, jetzt bin ich dran. Also entweder bist du ein totaler Macho oder ein ganz netter Kerl, der es mit dem Flirten etwas übertreibt.« Er lächelte keineswegs verlegen und nickte, weil er wusste, dass er diesen kleinen Seitenhieb verdient hatte.

»Und was ist, wenn ich ein 35-jähriges Muttersöhnchen bin und versuche mein Leben zu ändern, indem ich mich an minderjährige Mädchen ranmache?«, witzelte er dann und brachte mich sofort zu Lachen. Doch dann schüttelte ich den Kopf.

»Nein, dann hättest du wahrscheinlich nicht so abgetragene Kleidung an, wenn Mama sie dir immer fein waschen und bügeln würde.« Ich lachte und er tat es mir gleich.

»Abgetragen also. Jetzt hör mir mal zu Schätzchen. Nicht jeder braucht Markenkleidung und manche Leute stehen halt auf lässig.« Ich verdrehte die Augen nach oben, ließ mein Grinsen allerdings noch etwas breiter werden.

»Das war doch nur ein Witz, du siehst total lässig aus.« Er grinste schelmisch.

»Ich weiß.«

»Na ja trotzdem denke ich nicht, dass du ein Muttersöhnchen bist. Also tippe ich auf ›ganz netter Kerl‹ und du bist … 18?« Er lachte auf und hob überrascht die Augenbrauen.

»20, aber trotzdem danke. Ich übertreibe also mit dem Flirten, ja?« Das Lächeln schien nicht mehr von meinem Gesicht weichen zu wollen.

»Nur ein ganz kleines bisschen.«, meinte ich dann und zeigte ihm das Ausmaß seines übertriebenen Verhaltens zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Und du bist also 15. Woher kommt das fehlende Selbstbewusstsein?« Ich zuckte mit den Schultern, denn ich wusste tatsächlich nicht, was ich darauf antworten sollte.

»Ich habe mich in meinen Jeans und Chucks immer wohl gefühlt, aber mein Freund meinte, ich solle mich mal etwas femininer anziehen.« Gabe wurde plötzlich ganz still.

»Ah … dein … Freund.«, murmelte er dann nachdenklich, »Na ja, das hätte ich mir ja denken können. So ein hübsches Mädchen … klar hast du einen Freund. Aber wenn er sagt, dass du dich femininer anziehen sollst, will er Sex … das ist dir doch klar?« Ich nickte seufzend.

»Und wenn du mit mir flirtest, willst du das nicht?« Nun lächelte er wieder munter.

»Nein, ich hätte mir höchstens einen Kuss erhofft.« Wir waren an meinem Haus angekommen.

»Danke fürs Tragen, aber ich denke bis nach oben schaffe ich es allein.« Er nickte und deutete noch ein schiefes Lächeln an.

»Okay, war mir ein Vergnügen, Paige.« Er stellte die Tüten neben mich und ich dachte schon, er würde sich jetzt umdrehen und gehen, als er sich plötzlich noch einmal an mich wandte und den Mund öffnete. »Ich weiß, wir haben uns gerade zum ersten Mal getroffen, aber ich mag dich echt und würde dich gerne einmal wiedersehen. Also falls dir dein Freund irgendwann mal auf die Nerven geht …« Er zog einen schwarzen Filzstift aus der Jackentasche und schrieb mir eine Nummer in die Hand. Dann drehte er sich um und ging davon.

»Du machst das wohl öfters.«, rief ich ihm nach und er drehte sich zu mir um.

»Was?«

»Na Mädchen, die du gerade erst getroffen hast, deine Nummer aufschreiben. Ich meine kein normaler Mensch hat einfach so einen Filzstift in der Jackentasche.« Er lachte und lief weiter.

»Dann bin ich eben nicht normal.« Ich schaute ihm hinterher, als er die Straße entlangging, in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

Mit den ganzen Beuteln kämpfte ich mich die Treppen hinauf, da der Fahrstuhl zurzeit außer Betrieb war und bereute Gabe weggeschickt zu haben. Als ich an der Wohnung ankam, holte ich keuchend Atem und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Bei dem Versuch, meinen Schlüssel aus der Tasche zu bekommen, ließ ich einige Tüten fallen, die umkippten, so dass sogar ein Paar Schuhe ein paar Stufen der Treppe hinunter fielen.

»Ach Mann. Shit.«, fluchte ich und steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch, bevor ich auf dem Boden herumkroch, um alles einzusammeln.

»Hey, kann ich helfen?«, fragte Aaron hinter mir.

»Nein … ich meine ja, danke.«, seufzte ich unentschlossen.

»Lio sitz.«, wies er leise seinen Hund an und kniete sich neben mich. »Große Shoppingtour, was?« Ich nickte erst nur stumm, dann wollte ich doch die Stille überbrücken und versuchte, mich zu erklären.

»Ja, na ja … irgendwann muss man sich ja mal anpassen nicht?« Er holte von den Treppenstufen die Schuhe und legte sie zurück in eine Tüte.

»Anpassen nennst du das also … ja na da hast du wahrscheinlich sogar recht.« Er gab mir alles zurück und nahm Lios Leine wieder in die Hand.

»Danke für die Hilfe.«, murmelte ich noch und sperrte die Wohnungstür auf.

»Ja klar, kein Problem.«, meinte er nur dazu und ich hörte schon seine Schritte, wie er die Treppe hinab ging.

»Aaron?«, rief ich ihm mit dünner Stimme hinterher. Er schaute zurück.

»Ja?« Ich schluckte schwer.

»Dir … dir gefällt das nicht, oder?« Ich deutete auf meine Klamotten und er zuckte die Schultern.

»Mir muss das doch auch nicht gefallen, oder? Wir kennen uns kaum.« Ich nickte traurig und wandte mich zur Tür.

»Paige?«, ertönte Aarons Stimme dann noch einmal. Ich wandte mich überrascht um und hielt mich an der Tür fest. »Du solltest nicht so sehr auf die Meinung anderer achten. Es ist dein Leben und du musst es leben, niemand sonst.« Dann lief er endgültig die Treppe hinab und als die Haustür zuschlug, schloss auch ich die Wohnungstür. Mom kam mir sofort entgegen.

»Na Schatz? Hast du dir was Schönes gekauft?« Ich lachte, momentan vollkommen verwirrt von all den Dingen, die Gabe, Aaron, Abby und Jack zu mir gesagt hatten. Und nun kam auch noch meine Mom daher und ich wusste erst gar nicht, was ich auf diese einfache Frage antworten sollte. Doch dann beschloss ich einfach das zu sagen, was die meisten von mir zu erwarten schienen.

»Oh ja, Mom.« Sie lächelte mich milde an und betrachtete die Tüten. »Mein Geld ist dann wohl vermutlich weg, was?« Doch sie schien nicht böse zu sein und strich mir übers Haar.

Ich hatte wirklich die beste Mutter der Welt.

Ungefähr eine Woche später klingelte es eines Nachmittags an der Wohnungstür. Seit der peinlichen Begegnung mit Aaron, bei der ich ihm im Handtuch die Wohnungstür geöffnet hatte, hatte ich mir angewöhnt, immer erst durch den Türspion zu schauen. Doch zum Glück war es dieses Mal nicht Aaron, was mich auch gewundert hätte. Seit unserer Unterhaltung im Treppenhaus hatte er, außer in der Tanz AG, keinen Kontakt mehr zu mir aufgenommen. Die Gespräche in der AG waren allerdings auch nicht sehr tiefgründig, denn sie bestanden aus einer Begrüßung meinerseits: »Hey Aaron. Wie geht’s?« und einer Antwort seinerseits: »Gut, du musst mehr in die Knie gehen und halt deinen Arm ausgestreckt, nicht schlapp werden.« Also im Prinzip Funkstille.

Ich öffnete die Wohnungstür und lächelte der Person davor entgegen.

»Hallo Schatz.«, begrüßte Jack mich und trat einen Schritt zu mir, um mich küssen zu können.

»Hey Jack, was machst du denn hier?« Er lächelte und drängte mich in die Wohnung.

»Na ich wollte dich besuchen.« Er schloss die Wohnungstür hinter sich und fing wieder an mich, zu küssen.

»Es ist wohl gar niemand da?«, murmelte er, als er sich kurz von mir löste. Ich schüttelte zur Antwort den Kopf und hätte mich im nächsten Moment schon dafür ohrfeigen können.

Er lächelte breit, hob mich hoch und trug mich in mein Zimmer. Dort legte er mich aufs Bett und stützte sich über mir ab. Wieder fing er an mich leidenschaftlich zu küssen, doch es war auch ein Drang darin, der mir gar nicht gefiel.

»Jack, ich glaube meine Mom müsste bald wieder da sein. Sie ist schon eine Weile weg.« Er schob seine Hand unter mein T-Shirt und lächelte.

»Hey Paige, keine Angst. Schatz, ich will doch nur ein bisschen kuscheln.« Er küsste mich am Bauch und fuhr dabei immer weiter nach oben. »Du bist so wunderschön Paige. Ich liebe dich so sehr.« Er war schon bei meinem BH-Verschluss angelangt, als ich ihn wegstieß.

»Jack, bitte. Hör auf damit.« Er war von mir heruntergerollt und hob beschwichtigend seine Hände. Während er auf dem Bett liegen blieb, stand ich auf und richtete meine Kleidung hastig.

»Sorry, Paige … Das wollte ich nicht. Komm her, ich werde es wieder gut machen. Versprochen.« Einen Moment lang überlegte ich, wie ich reagieren sollte. Doch dann legte ich mich wieder zu ihm. Er nahm mich in den Arm, wie er es immer getan hatte, strich mit der Hand über meine Schulter und küsste mich auf die Wange.

»Ich liebe dich Paige.«, murmelte er an meinem Ohr und ich nickte nur stumm.

»Ich habe dich auch lieb.«, flüsterte ich mit kratziger Stimme. Ich wusste nicht, ob er meine Satzstellung bemerkte, aber ich tat es und auf eine unerklärliche Weise machte es mich traurig zu wissen, dass ich immer noch nicht ›ich liebe dich‹ zu ihm sagen konnte.

Es war Dienstagnachmittag und ich verbrachte meine Zeit nach dem Unterricht im Tanzstudio 3. Einige der anderen tanzten Freestyle zu selbst mitgebrachter Musik und zeigten einander verschiedene Schrittfolgen, während Aaron plötzlich auf mich zukam und mich zur Seite zog.

»Hey Paige, ich muss mal mit dir reden.« Ich erstarrte, da ich nicht wusste, was er mir zu sagen hatte. »Es geht um das Schulkonzert, bei dem wir auftreten sollen.« Mein Herz machte einen Sprung. Ich war dabei. Schon letzte Wochen hatte Aaron verschiedene Leute angesprochen und sie sozusagen mit ins Boot geholt.

»Ja also … das ist jetzt etwas unangenehm. Paige … du hast super Fortschritte gemacht und du bist echt gut geworden, aber … es tut mir leid. Du kannst nicht mitmachen. Eigentlich sind wir vollzählig und na ja du bist halt nicht … gut genug.« Ich schwieg kurz und nickte, dann schluckte ich schwer.

»Nicht … gut … genug. Ich verstehe … okay.« Ich drehte mich um und lief zur Tür, als er mir hinterherrief.

»Es tut mir leid, Paige … wo willst du hin?«

»Ich muss mal kurz … sorry.« Es war so übertrieben, in diesem Moment zu heulen. Aaron hatte uns zu Beginn der AG schon gesagt, das nicht alle am Konzert würden teilnehmen können. Deshalb war es kindisch, so traurig darüber zu sein, dass er mich nicht dabeihaben wollte. Doch dann wurde mir klar, dass das gar nicht der eigentliche Grund war, warum mir plötzlich Tränen in den Augen brannte. Es war eine Mischung aus allen Situationen und Gesprächen, die ich in den letzten Tagen und Wochen durchgemacht hatte. Jack, Aaron, Abby, meine Mom, dieser Fremde Gabriel … irgendwie hatte sich einiges an Verwirrtheit in mir angestaut und wollte jetzt raus. Und dann rannte ich los. Weg von diesem schrecklichen gläsernen Kasten und den anderen Mädchen und Jungen, die so hart für das Konzert trainierten. Halt machte ich erst vor der Tür der Mädchentoilette, die, genau wie die Jungentoilette in diesem Stockwerk, mit Duschen ausgestattet war. Dadurch konnte man nach dem Tanzen gleich duschen. Dort setzte ich mich in eine geflieste Ecke und zog die Beine an die Brust. Meinen Tränen ließ ich freien Lauf, auch wenn sie jetzt wohl die ganze Wimperntusche verschmierten. Mein Schluchzen hallte in dem ganzen Raum, wodurch ich die näherkommenden Schritte nicht hörte. Plötzlich legte sich eine Hand auf meinen Arm und zog ihn von meinem Gesicht.

»Paige …«, flüsterte Aaron und zog auch noch den anderen Arm zur Seite. Ich versuchte ihn klar zu sehen, doch die Tränen hinderten mich daran.

»Geh. Du sollst mich nicht so sehen.« Er sagte nichts dazu und kniete sich direkt vor mich. »Aaron bitte. Geh. Du dürftest nicht einmal hier sein.« Er lächelte schief und schien belustigt, dass ich trotz der Tränen noch an die Schulregeln dachte.

»Das ist ja nun wirklich das kleinste Übel. Paige … sieh mich an, bitte.« Ich schüttelte den Kopf und vergrub ihn wieder in meinen Armen. Ich spürte, wie er sich neben mich an die Wand setze, doch er schwieg einfach. Nach ein paar Minuten Stille schniefte ich und wischte mir die Tränen weg.

»Warum machst du das?«, fragte ich noch verwirrter und schaute ihn vorsichtig von der Seite an.

»Warum mache ich was?« Er wandte den Kopf zu mir.

»Na hier sitzen und versuchen, mich zu trösten. Du hättest mich doch einfach heulend hier sitzen lassen können. Du hättest mir nicht einmal nachgehen müssen. Du hast gesagt wir kennen uns kaum und deshalb braucht es dich nicht zu interessieren, wie es mir geht.« Er seufzte, was ebenfalls im gefliesten Raum hallte.

»Ach Paige … du musst wohl immer alles kompliziert machen. Ich kenne dich jetzt schon eine kleine Weile und weiß Einiges über dich. Wenn du auf dem Flur mit einem Lehrer redest, ziehst du automatisch den Kopf ein. Du magst keine Zungenküsse und wenn du mal nichts in der Hand hast, fährst du dir ständig nervös durchs Haar. Ich könnte dir jetzt noch mehr aufzählen, aber das würde noch eine Weile dauern. Der Punkt ist: Ich lerne dich immer mehr kennen und wenn ich mir die Mühe mache, dann ist es mir definitiv nicht egal, wie es dir geht und ob ich dich verletze. Ich mache mir nicht sehr oft die Mühe, jemanden richtig kennen lernen zu wollen … denn nicht die Hälfte meiner Mitmenschen ist interessant genug, jedenfalls nach meiner Auffassung.« Ich errötete leicht. »Lass mich dich trösten Paige. Ich vermute mal, nicht nur meine Nachricht hat dich in die Mädchentoilette getrieben. Von den anderen Dingen habe ich vielleicht keine Ahnung, aber es tut mir wirklich leid, dass du bei dem Konzert nicht mitmachen kannst. Ich wünschte ich könnte wenigstens daran etwas ändern, aber ich entscheide das nicht allein, sondern mit den anderen zusammen.« Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und nickte. Ich war froh, dass er wusste, dass ich nicht nur weinte, weil er mir eine Absage für das Konzert erteilt hatte. Ich wollte es mir zuerst nicht eingestehen, weil es so abwegig war. Aber Aaron Baxter schien mich – ob widerwillig oder nicht – tatsächlich ein kleines bisschen zu kennen.

»Du hättest mir wirklich nicht folgen müssen.«, stellte ich klar, während er mir eine Hand reichte, um mir auf die Füße zu helfen.

»Ich weiß.«, war seine nüchterne Antwort darauf, doch sie ließ mich etwas lächeln. Wir liefen zu den Spiegeln und ich blieb stehen, um mich darin zu betrachten.

»Ach deswegen brauchen Mädchen immer so lange auf der Toilette.«, bemerkte Aaron belustigt, der schon halb die Tür geöffnet hatte. Er stellte sich nun vor den nächsten Spiegel und zupfte an seinem Haar.

»Ach ich hasse meine Haare … und meine Augen. Schrecklich und außerdem bin ich so wahnsinnig fett. Warum hat Gott mich nur so gemacht?«, spielte er das durchschnittliche West Salem High School Mädchen perfekt nach und grinste. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, presste mir aber eine Hand auf den Mund.

»Jetzt übertreib mal nicht.«, kicherte ich und er schüttelte belustigt den Kopf.

»Sagen Mädchen so was denn nicht?« Es folgte einen Moment Stille.