Finding You - Emily Lewis - E-Book
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Emily Lewis

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Beschreibung

Die 18-jährige Vanessa wird über Weihnachten von ihrer Großmutter zu einer Reise eingeladen. Vanessas Wunschziel ist klar: Cambridge, der Ort, an dem ihre verstorbenen Eltern die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht haben. Dort angekommen trifft Vanessa unverhofft auf Trevor, der sie sofort verzaubert und mit dem sie traumhafte Tage im winterlichen Cambridge verbringt. Dabei entpuppt er sich nicht nur als romantischer Gentleman, sondern hilft Vanessa sogar dabei, das Geheimnis um eine fünfzig Jahre alte Postkarte, die sie auf dem Dachboden entdeckte, zu lüften. Doch dann zieht sich Trevor plötzlich und ohne jede Erklärung zurück.

Und noch während Vanessa eine märchenhafte alte Liebesgeschichte aufdeckt, zerplatzt ihr eigenes Winter-Weihnachtsmärchen wie eine Seifenblase ...

Vormals unter dem Titel "Weihnachtsküsse und Schneegestöber" erschienen.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Die 18-jährige Vanessa wird über Weihnachten von ihrer Großmutter zu einer Reise eingeladen. Vanessas Wunschziel ist klar: Cambridge, der Ort, an dem ihre verstorbenen Eltern die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht haben. Dort angekommen trifft Vanessa unverhofft auf Trevor, der sie sofort verzaubert und mit dem sie traumhafte Tage im winterlichen Cambridge verbringt. Dabei entpuppt er sich nicht nur als romantischer Gentleman, sondern hilft Vanessa sogar dabei, das Geheimnis um eine fünfzig Jahre alte Postkarte, die sie auf dem Dachboden entdeckte, zu lüften. Doch dann zieht sich Trevor plötzlich und ohne jede Erklärung zurück.

Und noch während Vanessa eine märchenhafte alte Liebesgeschichte aufdeckt, zerplatzt ihr eigenes Winter-Weihnachtsmärchen wie eine Seifenblase ...

Vormals unter dem Titel "Weihnachtsküsse und Schneegestöber" erschienen

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Emily Lewis

Finding You

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

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1. Kapitel: Vanessa, 13. Oktober, Gegenwart

2. Kapitel: Vanessa, 13. Oktober, Gegenwart

3. Kapitel: Katrina, August 1967

4. Kapitel: Vanessa 15. Dezember 2017

5. Kapitel: Vanessa, Samstag 16. Dezember, Gegenwart

6. Kapitel: Katrina, 02. September 1967

7. Kapitel: Vanessa, 17. Dezember 2017

8. Kapitel: Vanessa Sonntag, 17. Dezember 2017

9. Kapitel: Katrina, 06. September 1967

10. Kapitel: Vanessa 18. Dezember, Gegenwart

11. Kapitel: Vanessa, Dienstag 19. Dezember, Gegenwart

12. Kapitel: Katrina, Samstag. 23. September 1967

13. Kapitel: Vanessa, 19. Dezember, Gegenwart

14. Kapitel: Vanessa Mittwoch 20. Dezember, Gegenwart

15. Kapitel: Katrina, 27. September 1967

16. Kapitel: Vanessa, Donnerstag, 21. Dezember, Gegenwart

17. Kapitel: Vanessa, Freitag, 22. Dezember, Gegenwart

18. Kapitel: Katrina, Donnerstag 28. September 1967

19. Kapitel: Katrina, November 1967

20. Kapitel: Vanessa, Weihnachten, Gegenwart

Kapitel 21: Vanessa, 1. Weihnachtsfeiertag, Gegenwart

Kapitel 22: Katrina, 1. Weihnachtsfeiertag, Gegenwart

Kapitel 23: Vanessa, 2. Weihnachtstag, Gegenwart

Kapitel 24: Vanessa, Silvester, Gegenwart

Kapitel 25: Katrina, Silvester, Gegenwart

Kapitel 26: Vanessa, Silvester, Gegenwart

Impressum

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1. Kapitel: Vanessa, 13. Oktober, Gegenwart

Kurz nach neun am Morgen bog Vanessa in die Stradbrook Avenue ein. Sie sah sofort, dass ihr Bruder in Schwierigkeiten steckte. Vigo stand mitten auf der Straße, raufte sich verzweifelt die Haare und starrte zu dem Fenster hinauf, aus dem gerade seine Klamotten heraussegelten.

Vanessa parkte ihr Auto, schloss die Augen und atmete ein paar mal tief ein und aus. Die Frage, warum Vigo sie gebeten hatte, eine leere Reisetasche mitzubringen, war beantwortet. Ihre Schläfen begannen zu pochen. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, ruhig zu bleiben, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie war gerade auf dem Weg zum Bäcker gewesen, als Vigos Anruf sie erreichte, was bedeutete, dass sie noch nicht einmal gefrühstückt hatte. Nicht zu fassen, dass er sich für dieses Drama ausgerechnet ihren 18. Geburtstag ausgesucht hatte.

Wenn man wie sie an einem Dreizehnten geboren wurde, fiel der eigene Geburtstag regelmäßig auch auf einen Freitag. Bisher hatte Vanessa damit nie ein Problem gehabt, denn sie hatte schon vor langer Zeit den Entschluss gefasst, dass sie nur einen einzigen Katastrophentag in ihrem Leben zulassen würde – und dieser war längst an den Tag vergeben, an dem ihre Eltern bei einem tödlichen Autounfall verunglückt waren. Damals war sie fünf Jahre alt gewesen und hatte fast drei Monate gebraucht, um wieder aus ihrer Schockstarre zu erwachen.

Nun hatte also ausgerechnet ihr Bruder Vigo beschlossen, diese Entscheidung mit Füßen zu treten und den diesjährigen Freitag den dreizehnten in ein Fiasko zu verwandeln.

»Lou, lass es mich bitte erklären!«, hörte sie Vigo rufen.

»Verpiss dich aus meinem Leben!«, brüllte Malou zurück und knallte das Fenster zu. Vigo ließ sich auf den Rasen fallen und vergrub seinen Kopf in den Händen. Wie ein Häufchen Elend saß er in dem hübschen Vorgarten, umgeben von seinen Shirts, Hosen, Socken und Shorts.

»Wolken im Paradies?«, frage Vanessa, als sie aus dem Auto ausstieg.

»Hey«, sagte er matt und richtete sich auf. »Danke, dass du mich holst.« Er lief zu Vanessa und nahm sie in den Arm. »Herzlichen Glückwunsch, kleiner Käfer.«

Anstelle einer Antwort seufzte sie. Noch im Auto war sie sich sicher gewesen, dass sie ihm den Kopf abreißen würde, doch das brachte sie nun nicht mehr fertig, denn Vigo sah furchtbar aus.

Wortlos drückte Vanessa ihm die Reisetasche in die Hand und sie begannen damit, seine Klamotten zusammen zu klauben. Nachdem sie den letzten Pulli aufgehoben hatte, klappte plötzlich die Haustür und Malou kam heraus. Ohne Vigo auch nur eines Blickes zu würdigen, lief sie auf Vanessa zu und umarmte sie.

»Tut mir leid, dass das ausgerechnet heute passieren musste. Ich hab dich wirklich lieb Süße, aber das mit deinem Bruder und mir ist vorbei. Trotzdem: Hier ist dein Geschenk. Happy Birthday, Liebes!«

»Danke«, murmelte Vanessa und sah betreten an Malou vorbei zu Vigo, der mit hängenden Schultern zum Auto lief. »Das renkt sich doch sicher wieder ein, oder?«

Malou schüttelte den Kopf und Vanessa sah die Tränen in ihren Augen. »Diesmal nicht.«

Vanessa hätte sie gern gefragt, was vorgefallen war, doch auf einmal hatte sie einen Kloß im Hals, also bedankte sie sich rasch für das Geschenk und half dann Vigo dabei, die Tasche im Auto zu verstauen.

Sie lenkte ihren Wagen schweigend aus der Stradbrook Avenue, dann hielt sie es nicht mehr aus. »Was hast du angestellt, Vig?«

»Woher willst du wissen, dass es meine Schuld ist?«, schnaubte er ungehalten.

»Du hast ihr ›lass es mich erklären‹ zugerufen, also hast du es verbockt«, gab Vanessa zurück. Er zuckte zusammen und sah aus dem Seitenfenster.

»Jetzt red schon!«

»Ich habe sie angelogen und sie hat es herausgefunden«, gab er zu.

»Worum ging es denn? Du willst doch nicht wirklich die letzten fünf Jahre einfach wegwerfen?«

»Von wollen kann keine Rede sein. Ist ja nicht so, als würde Malou mir eine Wahl lassen.«

Vanessa sah ihren Bruder von der Seite an und trommelte ungeduldig auf dem Lenkrad herum. »Lässt du die Katze noch aus dem Sack oder muss ich mir selbst zusammenreimen, was passiert ist?«

»Ich habe ihr erzählt, ich wäre mit Ethan unterwegs.«

»Aber?«

»Aber ... aber was wohl?«, giftete er. »Ich habe mich mit Megan getroffen«, murmelte er mit gesenktem Kopf.

»Du hast was?«, rief Vanessa und trat mit voller Wucht auf die Bremse. Sie stemmte sich mit beiden Armen gegen das Lenkrad, Vigo wurde in seinen Sicherheitsgurt geschleudert, doch das war ihr egal.

»Megan? Die dir seit Wochen hinterhersteigt und die dich damit angeblich so nervt? Wie kannst du nur so dämlich sein?«, bombardierte sie ihn mit Fragen, während sie den Motor abstellte. »Lou ist die toleranteste, lustigste und liebevollste Frau, die es gibt. Außerdem ist sie das schönste Wesen unter der Sonne und sie hat bei jeder deiner Scheißaktionen zu dir gehalten. Vor weniger als vier Wochen hast du mir noch erklärt, dass du mit ihr alt ...«

»Hör auf«, unterbrach Vigo sie. »Das weiß ich alles selbst.«

»Dann sag mir warum!«

Anstelle einer Antwort zuckte er mit den Schultern und starrte stur geradeaus. Sein zusammengekniffener Mund war ein deutliches Zeichen. Heute würde Vanessa nichts mehr aus ihm herauskriegen.

Als sie wenig später aus dem Auto stiegen, war Vanessa jede Lust auf ihren Geburtstag vergangen – und das, obwohl sie längst wusste, welches großartige Geschenk sie erwarten würde. Sie schielte zu ihrem Bruder und schüttelte den Kopf. Nie hätte sie gedacht, dass seine Beziehung in die Brüche gehen könnte. Seit mehr als fünf Jahren waren er und Malou unzertrennlich, Vanessa hatte schon beinahe damit gerechnet, dass sie demnächst entweder Nachwuchs oder ihre Verlobung bekanntgeben würden.

»Grandma hat den Frühstückstisch gedeckt«, unterbrach Vig ihre trüben Gedanken und deutete mit einem verkniffenen Lächeln auf den hell erleuchteten Erker ihres Hauses.

Der warme Schein von Kerzenlicht flackerte durch die halbhohen Gardinen und Vanessa sah, dass ihre Grandma um den runden Esstisch herum huschte, vermutlich sortierte sie gerade mit geschickten Handgriffen Blumen in der Vase oder rückte Geschirr zurecht.

Sie musste unwillkürlich lächeln und spürte wie sich eine wohlige Wärme in ihr ausbreitete. Nach dem Unfall ihrer Eltern hatte Grandma es irgendwie geschafft, sie und Vigo wieder glücklich zu machen – und das, obwohl Katrina am Tod ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes selbst fast zerbrochen wäre. Oft genug hatte Vanessa gehört, wie sie sich nach einem ereignisreichen Tag – Ruhe würde nur zu Grübeleien führen, sagte sie immer – in den Schlaf geweint hatte.

Vanessa steckte den Schlüssel ins Schloss, kam allerdings nicht mehr zum Aufschließen. Übermütig und mit einem breiten Lächeln im Gesicht riss Grandma die Tür auf.

»Da bist du ja endlich. Wie lange kann es denn dauern, Frühstückscroissants zu holen?« Sie zog Vanessa an sich und drückte sie so fest, dass ihr die Luft wegblieb. »Happy Birthday, meine süße Nessie«, flüsterte sie und wiegte ihre Enkelin hin und her, als wäre sie gerade fünf geworden.

»Grandma, wann hörst du endlich auf, mich Nessie zu nennen? Ich bin doch kein Kind mehr!«

»Nie. Finde dich damit ab«, antwortet Katrina und hielt sie eine Armeslänge von sich. »Sieh dich nur an! Du bist eine bildschöne junge Frau geworden, Nessie!«

Grandma wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen und Vanessa ahnte, woran sie dachte. Sie wusste, dass sie heute genauso aussah wie ihre Mutter Victoria vor zwanzig Jahren: Ihre langen dunkelbraunen Haare fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern und für ihr schmales Gesicht schienen die dunklen Augen fast ein wenig zu groß geraten, was durch ihre kräftigen Augenbrauen noch betont wurde. Der einzige Unterschied, den Vanessa zwischen sich und den Bildern ihrer Mutter ausmachen konnte, war die Augenfarbe, denn die ihrer Mutter waren grün gewesen. Wenn Vanessa heute in Grandmas dunkelbraune Augen sah, war sie dankbar dafür, wenigstens diese kleine Winzigkeit von ihr zu haben.

Einer spontanen Eingebung folgend umarmte sie ihre Grandma noch einmal. »Ich danke dir für alles, Grandma. Ich weiß nicht, was ohne dich aus mir geworden wäre.«

»Aber ich«, gluckste Vigo hinter ihrem Rücken. »Du würdest noch heute in deinem Kinderbett auf dem Rücken liegen und erklären, dass du von nie wieder aufstehen wirst.«

In Vigos Blick lag die gleiche Liebe und Dankbarkeit, die auch Vanessa fühlte, wenn sie ihre Grandma ansah.

Sie schmunzelte und dachte daran zurück, wie er ihr vor knapp dreizehn Jahren den Spitznamen »Käfer« verpasst hatte. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie tagelang apathisch auf dem Bett gelegen. Vigo hatte es irgendwann nicht mehr ausgehalten und ihr erklärt, dass sie ewig so tun könnte, als wäre sie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und sich nicht von allein umdrehen kann – er würde immer und immer wieder kommen um sie auf die Füße zu stellen. Und genau das hatte er getan. Mit seinen gerade einmal acht Jahren hatte er seine fünfjährige Schwester aus dem Bett gehoben und hingestellt als wäre sie eine Puppe. Mehrfach hatte sich Vanessa anschließend wieder aufs Bett plumpsen lassen, nur um zu testen, wie ernst es ihm war, und er hatte sie so oft aus dem Bett geholt, bis er ganz verschwitzt war. Schließlich hatten sie sich lachend und weinend in den Armen gelegen und Vigo hatte ihr zugeflüstert, dass er immer auf sie aufpassen würde. Als Vanessa zehn wurde, hatte er ihr ein Tagebuch zum Geburtstag geschenkt. »Ich zeichne, wenn ich traurig bin. Du hast gar nichts«, hatte er gemurmelt und ihr das leere Büchlein in die Hände gedrückt. Aus dem einstigen Tagebuch war inzwischen ein Blog geworden, ihrem allerersten Eintrag hatte sie den Titel »A Thing called Death« verpasst.

Einen Monat lang schrieb sie über den Tod ihrer Eltern, über die die Momente, in denen sie sie am meisten vermisste und über die schönen, skurrilen und witzigen Erinnerungen, die sie mit ihnen verband.

In kürzester Zeit hatte Vanessa eine ansehnliche Zahl Stammleser gewonnen, die eigene Erfahrungen in Kommentaren schilderten, Bilder oder Gedichte schickten und sich so austauschten.

Nach den ersten vier Wochen hatte Vanessa beschlossen, den Blog in etwas abgeänderter Form weiterzuführen. Sie gab ihren Lesern am Ende jedes Monats eine Woche lang Zeit, um neue Ideen vorzuschlagen und aus den Vorschlägen das Thema für den nächsten Monat auszuwählen.

Der Oktober trug das Thema A Thing called Adoption und während Vanessa Fakten zum Thema recherchierte und den Leitartikel dazu schrieb, berichteten sowohl kinderlose Eltern von ihrer Hoffnung auf ein Adoptivkind als auch Adoptierte, die auf der Suche nach ihren Wurzeln waren. Die Wahl für den nächsten Monat stand zwar noch aus, doch aus dem Adoptionsthema heraus hatte eine Leserin A Thing called Trust vorgeschlagen – ein spannendes Thema und durchaus aktuell, wie ihr Vig und Lou gerade bewiesen hatten.

»Was zum ...!«, gellte Grandmas Stimme plötzlich aus dem Flur und riss Vanessa aus ihren Gedanken. »Was hat die Tasche hier verloren? Ich wäre fast im hohen Bogen drüber geflogen – mitsamt der Kaffeekanne! Vigo, Vanessa, antreten! Erklären!«

»Vig hat sich aufgeführt wie ein Trottel und Malou hat ihn rausgeworfen«, antwortete Vanessa ohne darüber nachzudenken, ob er überhaupt darüber sprechen wollte.

»Verstehe«, gab Grandma zurück. »Darüber sprechen wir beim Frühstück«, rief sie, stellte die Kaffeekanne auf den Tisch und nahm Vanessa die Tüte mit den Croissants ab.

»Danke, du Hexe«, zischte Vigo, nachdem Grandma in der Küche verschwunden war. »Vielleicht mal auf die Idee gekommen, dass ich das nicht an die große Glocke hängen wollte?«

»Dachtest du, du könntest das vor ihr geheim halten?«, fragte Vanessa grinsend, doch sie erkannte sofort, dass sie besser die Klappe gehalten hätte.

»Spar dir dein doofes Grinsen«, giftete er. Sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass sie zu weit gegangen war. Sie hätte es ihm überlassen müssen, Grandma alles zu beichten.

»Übrigens ist dein Volltrottel Joshua kein bisschen besser. Ich empfehle dir einen Blick in meine Insta-Story mit den Aufnahmen aus dem Pub, in dem ich gestern war. Sieh genau hin.« Vigos Stimme klang gehässig und Vanessas Herz raste plötzlich.

»Wovon zum Teufel sprichst du?«, fragte sie und griff nach Vigos Oberarm.

»Tut mir leid. Ich wollte dir das heute eigentlich nicht sagen, aber nachdem du gerade zur Hexe mutiert bist, ist es einfach mit mir durchgegangen.«

Von einer Sekunde auf die andere hatte sich Vigos Gesichtsausdruck verändert. Die Wut war gewichen und hatte seinem ›ich-beschütze-dich-Blick‹ platz gemacht.

Vanessa kramte ihr Handy aus der Tasche und rief die Storyline ihres Bruders auf. Die Kamera schwenkte durch den Raum, blieb an einem hübschen, aber seelenlosen weiblichem Gesicht hängen, das der Kamera – und damit Vigo – viel zu nah kam.

»Megan! Diese Schnalle kann Malou nicht das Wasser reichen. Was findest du nur an der?«, fragte sie doch ihr Bruder zuckte nur niedergeschlagen die Schultern.

»Schau genauer hin«, flüsterte er zurück.

Vanessa brauchte mehrere Anläufe, bevor sie verstand, wovon er sprach. In einer der Sitzecken im Hintergrund erhob sich ein Pärchen. Der Kerl zog das Mädchen hoch und versuchte verzweifelt, sein Gesicht hinter seiner Hand zu verstecken, was sinnlos war, denn natürlich erkannte Vanessa die Cap, die sie Joshua zu Weihnachten geschenkt hatte.

»Er hat mich gesehen und ist sofort mit dieser Tussi geflüchtet. Vermutlich hoffte er, ich würde ihn nicht erkennen. Es tut mir ehrlich leid, kleiner Käfer.«

Vanessa nickte mechanisch, drehte sich um und setzte sich an den gedeckten Frühstückstisch. Der Appetit war ihr gründlich vergangen und sie starrte angestrengt an ihrem Bruder vorbei aus dem Fenster.

Das durfte doch nicht wahr sein! Sie hatte es jahrelang geschafft, nicht daran zu glauben, dass Freitag der Dreizehnte Unglück bedeuten könnte. Und nun war es ausgerechnet ihr Bruder, der ihr unmissverständlich klar machte, dass sie damit komplett falschgelegen hatte: Ihre Lieblings-Fast-Schwägerin hatte Vig in die Wüste geschickt und Joshua, ihr erster fester Freund, hatte sich mit irgendeiner Tussi vergnügt, anstatt mit ihr ihren 18. Geburtstag zu feiern. Vanessa schüttelte angewidert den Kopf, als sie daran dachte, wie wehleidig Joshua ihr gestern eine fiebrige Grippe vorgespielt und sie ihm völlig arglos Medikamente aus der Apotheke geholt hatte. Sie hatte mit all ihren Freunden in ihren Geburtstag hineingefeiert und jedem, der danach fragte, erklärt, wie dreckig es Joshua ging und dass er total unglücklich darüber wäre, das Bett hüten zu müssen, statt auf ihrer Party zu sein. Was war sie nur für eine Idiotin! Von wegen, nie wieder Unglückstage. Das hier kam einem Unglückstag verdächtig nahe.

Vanessa schluckte gegen die Tränen an, die sich gerade ihren Weg bahnen wollten, und schalt sich selbst immer wieder ein dummes Naivchen. Sie hatte schon seit einiger Zeit gespürt, dass sich die Dinge zwischen ihr und Josh verändert hatten, doch sie hatte ihre Zweifel immer wieder beiseitegeschoben und sich eingeredet, dass er es ihr mit Sicherheit sagen würde, wenn er diese Beziehung nicht mehr wollte. Sie hatte sich geirrt. Josh war offensichtlich ein feiger Mistkerl, der es lieber ihrem Bruder überließ, ihr die Wahrheit beizubringen. Kein Wunder, dass er sich heute noch nicht bei ihr gemeldet hatte.

Kurz entschlossen griff sie nach ihrem Handy. Sie würde ihm zuvorkommen. Hastig tippte sie eine Nachricht:

Ich weiß Bescheid. Bleib mir bloß vom Hals.

Sie wartete auf die zwei kleinen Häkchen, die ihr zeigten, dass Joshua ihre Nachricht gelesen hatte. Dann blockierte sie ihn und schaltete ihr Handy aus.

»So«, hob Grandma an, stellte die Croissants und eine Schale mit frischem Obstsalat auf den Tisch und setzte sich, »und jetzt erzählt ihr mir der Reihe nach, was hier eigentlich los ist.«

Vanessa sah ihren Bruder an und beide nickten ergeben. Grandma würde ihnen ohnehin keine Ruhe lassen, bis sie redeten, also konnten sie genauso gut gleich damit anfangen.

Nachdem Vanessa und ihr Bruder ihre Grandma in Kurzfassung auf den neuesten Stand gebracht hatten, nahm diese sich Zeit für ihre Antwort. Erst füllte sie ihre Kaffeetasse, rührte frische Schlagsahne und Zucker unter und trank einige Schlucke. Sie sah aufmerksam zwischen Vanessa und Vigo hin und her.

»Ich fange bei dir an, Nessie, denn das geht schneller: Kerle wie Josh gibt es wie Sterne am Himmel – nur das dieser Idiot nicht ganz so helle leuchtet, was?« Katrina gluckste über ihr kleines Wortspiel und Vanessa nutzte ihre Redepause, um nachzuhaken.

»Kerle wie Josh? Du hast mir nie gesagt, dass du nichts von ihm hältst.«

»Wozu auch? Meine Ablehnung hätte dich nur dazu gebracht, ihn flammend zu verteidigen. Nutzlos. Er ist der Typ Mensch, der Frauen neben sich gern kleinhält, damit er selbst ein bisschen größer wirkt. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Mein Exmann gehörte genau zu dieser Sorte Mensch. Wie du weißt, habe ich ihn zum Teufel gejagt und sieh dir an, wie glücklich ich heute bin!« Grandma deutete mit beiden Händen an sich herab und strahlte übers ganze Gesicht.

Vanessa wusste, dass sie ihren Mann – lange bevor sie oder Vigo auf der Welt waren – vor die Tür gesetzt hatte. Ihre einzige Erklärung war gewesen, dass sie ihn und sein Gemaule nicht mehr ertragen hätte. Und ja, Katrina sah glücklich aus. Sie strahlte Gelassenheit aus und wenn man ihr gewinnendes Lächeln sah, würde man nie davon ausgehen, dass sie ihre eigene Tochter hatte zu Grabe tragen müssen. Abgesehen davon war sie in Vanessas Augen nach Malou die schönste Frau, die es gab. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht, ihre weißen Haare zu färben. In wilden Locken hingen sie ihr bis über die Schultern und sie dachte nicht daran, sie zu bändigen oder gar zu kürzen. Sie trug eine schwarze, runde Brille, die ihr etwas Jugendliches gab und die das warme Braun ihrer Augen betonte. Außerdem hatte Katrina ein Händchen für Stil. Sie kleidete sich leger, meist in Jeans und Blusen, deren Ärmel sie gern hochschlug. Was bei anderen Frauen ihres Alters lächerlich aussah, verlieh ihr eine unaufgeregte Eleganz.

»Danke Grandma«, sagte Vanessa. »Du hast vermutlich recht. Aber Vig hat mir die Wahrheit gerade erst um die Ohren gehauen.«

Sie starrte ihren Bruder aus zusammengekniffenen Augen an und griff dann doch nach einem Croissant. Der kurze Vortrag ihrer Grandma hatte ausgereicht, um sie etwas zu besänftigen – oder zumindest, um ihren Appetit zurückkehren zu lassen. Natürlich tat es weh, hintergangen worden zu sein. Aber Josh war es ganz sicher nicht wert, auf dieses fantastische Frühstück zu verzichten.

»Und jetzt zu dir.« Grandma wandte sich langsam zu ihrem Enkel um. »Du erkennst also, dass Josh ein Idiot ist, siehst aber nicht, was du selbst Malou antust?«

Vigo rutschte auf seinem Stuhl hin und her und vermied es, ihr in die Augen zu sehen.

»Ich höre?«, bohrte sie.

Vigo setzte sich aufrecht hin und zog seine Schultern zurück, als würde er sich kampfbereit machen. »Ich weiß, dass du Malou ins Herz geschlossen hast. Aber ich werde das hier und heute nicht mit euch besprechen. Ich bring das wieder in Ordnung.«

Vanessa sah zu ihrer Großmutter und stellte überrascht fest, dass sie tatsächlich dabei war, nachzugeben.

»In Ordnung«, sagte sie. »Sie wird es dir nicht leicht machen, Vigo. Für dich und für mich hoffe ich, dass du das wieder hinkriegst. So. Jetzt haben wir uns genug um eure Liebesangelegenheiten gekümmert. Vanessa«, sie drehte sich zu mir, »mach endlich deine Karte auf!«

Vanessa wusste genau, was jetzt kam, trotzdem begann ihr Herz zu rasen. Schon seit Wochen grübelte sie darüber nach, ob sie bei der Entscheidung bleiben sollte, die sie bereits vor Monaten getroffen hatte, oder ob sie sich nicht doch ein aufregenderes Reiseziel aussuchen sollte.

Sie griff nach dem großen Umschlag, den Grandma gegen die Blumenvase gelehnt hatte und öffnete ihn feierlich. Längst kannte sie die Zeilen, die dort standen, auswendig. Ihr Cousin und ihre beiden Cousinen hatten die gleichen Zeilen an ihren 18. Geburtstagen zu lesen bekommen und ihr Bruder ebenso.

Vanessa war das Nesthäkchen der Familie und damit das letzte von Katrinas Enkelkindern, das dieses Geschenk erhalten würde.

Ohne die Karte aufzuklappen, murmelte sie die Worte, die sich Grandma vom Dalai Lama geliehen hatte:

Besuche einmal im Jahr einen Ort, den du noch nicht kennst.

Darunter stand noch ein:

Und in diesem Jahr nimm deine Grandma mit!

»Falls du noch nicht weißt, wohin unsere Reise gehen soll, Liebes, dann habe ich hier ein kleines Hilfsmittel für dich.« Sie erhob sich, lief zur Kommode im Flur, holte den großen Globus und stellte ihn Vanessa vor die Nase. »Einfach drehen, Augen schließen und mit dem Finger drauf tippen.«

»Grandma, ich weiß genau, wohin ich will.« Vanessa erhob sich, lief um den Tisch und zog Katrina vom Stuhl. »Danke für dieses Wahnsinnsgeschenk. Seit ich das Foto zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich an diesen Ort.«

Das Foto, das sie meinte, war auf der Hochzeitsreise ihrer Eltern entstanden. Die beiden saßen in einem Stocherkahn, der von einer jungen Frau, vermutlich einer Studentin, angestoßen wurde. Ihre Mutter hatte den Kopf an die Schulter ihres Vaters gelehnt und es war nicht zu übersehen, wie verliebt sie waren. Am unteren Bildrand stand Victoria & Noah Tremblay, Stocherkahnfahrt auf der Cam, Cambridge, Juli 1993.

»Du weißt aber schon, dass ich deine Gedanken nicht hören kann, Nessie? Von welchem Foto sprichst du und wohin soll unsere Reise gehen?«

Vanessa klatschte aufgeregt in die Hände. »Das von deinem Nachttisch, Grandma. Mit Mama und Papa in Cambridge.«

Kaum hatte Vanessa die Worte ausgesprochen, veränderte sich die Mimik ihrer Großmutter. Sie presste ihre Lippen fest aufeinander und ihre Augen verengten sich. »Jeder andere Ort, Vanessa – aber nicht dieser!«

Ohne ein weiteres Wort der Erklärung erhob sie sich und lief in die Küche. Vanessas Magen verkrampfte sich. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Sie warf Vigo einen fragenden Blick zu, doch seine Mine verriet ihr, dass auch er nicht verstand, was in Katrina gefahren war.

»Grandma, warte!«, rief Vanessa und lief ihr hinterher. »Was ist denn los?«

Anstelle einer Antwort begann Katrina damit, die völlig saubere Arbeitsplatte in der Küche abzuwischen. Dann drehte sie sich abrupt zu ihrer Enkelin um.

»Du hast die Möglichkeit, die ganze Welt zu sehen, und alles, was dir einfällt, ist Cambridge? Dein Bruder ist mit mir quer durch Thailand gereist, deine Cousine Annabell und ich haben in Mexiko alles, was auch nur annähernd mit Azteken zu tun hat, entdeckt und erkundet.«

Katrina schnaufte. Sie war tatsächlich wütend. Vanessa hatte keine Ahnung, warum.

»Und ich möchte Cambridge sehen!«, rief sie aufgebracht. »Mama und Papa sehen so glücklich aus auf diesem Foto. Wenn ich da wäre, würde ich mich ihnen irgendwie näher fühlen, kannst du das nicht ...«

Katrina schlug mit der flachen Hand auf die Küchenanrichte. »Cambridge ist ausgeschlossen – und damit basta!«

Vanessa öffnete den Mund, um zu antworten, doch der Blick in Katrinas wütendes Gesicht ließ sie verstummen. Noch nie hatte sie ihre Grandma so außer sich erlebt. Selbst dann nicht, als sie mit vierzehn wegen Rauchens auf dem Schulgelände einen Verweis erhalten hatte.

»Das ist wirklich dein letztes Wort?«, fragte Vanessa leise und ihre Stimme brach, denn sie ahnte, was die Antwort ihrer Grandma sein würde.

»Ja, das ist mein letztes Wort.«

Vanessa nickte einmal kurz. Ihre Hände begannen vor Wut zu zittern, ebenso ihre Lippen. Sie lief zurück an den Frühstückstisch und griff nach ihrer Geburtstagskarte.

»Einen Ort, den ich nicht kenne?«, schrie Vanessa nun fast. »Du hättest außer Cambridge ergänzen sollen!«

Vor den Augen ihrer Großmutter und unter dem entsetzten Blick ihres Bruders zerriss sie die Geburtstagskarte in winzige Schnipsel, die sie achtlos auf den Wohnzimmerteppich warf. In Tränen aufgelöst rannte sie die Treppen hoch, vorbei an ihrem Zimmer und weiter hinauf in die Dachkammer.

Dort bewahrte Grandma alle Sachen ihrer Tochter auf und genau das brauchte Vanessa in diesem Augenblick: Erinnerungsstücke an ihre Eltern. Sie schloss die Kammer hinter sich ab, rutschte an der Tür hinunter und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Ihr Geburtstag hatte sich in einen Albtraum verwandelt. Es ging längst nicht mehr nur darum, dass ihre Beziehung zu Joshua vorbei war oder dass Malou und Vigo sich getrennt hatten. Grandma und sie hatten sich auf eine Art und Weise gestritten, wie Vanessa es noch nie zuvor erlebt hatte und sie hatte keine Ahnung, woran das lag.

2. Kapitel: Vanessa, 13. Oktober, Gegenwart

Vanessa brauchte fast zehn Minuten, bis sie sich wieder im Griff hatte und ihre Tränen versiegt waren. Sie putzte sich die Nase, wischte sich mit den flachen Händen über das Gesicht und öffnete die alte Holztruhe, die neben dem Fenster der Dachkammer stand.

Sie zog sich einen kleinen Hocker neben die Truhe, setzte sich und griff nach einem Lederetui. Vorsichtig strich sie über die eingeprägten Buchstaben Glückwunsch zum Examen, Vicky. Es war nicht nötig, das Etui zu öffnen, Vanessa wusste, was sich darin befand. Zu besonderen Anlässen hatte sie immer mal wieder mit dem schweren Füller ihrer Mutter geschrieben. Doch da weder sie noch Vigo sich dazu hatten durchringen können, den Füller im Alltag zu benutzen, war die Tinte inzwischen ausgetrocknet.

Der Reihe nach zog Vanessa Gegenstände aus der Truhe, die sie an ihre Eltern erinnerten: Eine knallbunte Wollmütze mit Bommel, die Victoria ihrem Mann während eines kurzen Anflugs von Handarbeitsbegeisterung gestrickt hatte, alte Schulfotos, die ihren Vater mit langen Haaren und ihre Mutter mit Zahnspange zeigten, selbst geschriebene Briefe und Karten ihrer Mutter an Grandma und die unzähligen Comics, die ihr Vater, solange Vanessa denken konnte, auf jeden Fetzen Papier gekritzelt hatte, den er in die Finger bekam.

Vigo hatte sein Zeichentalent geerbt, doch er nutzte es nicht, was Vanessa für eine große Verschwendung hielt.

Sie nahm sich für jede einzelne Seite der Comics Zeit und las sogar die Sprechblasen zu den Zeichnungen. Noah Tremblay hatte eine Comic-Heldin erschaffen, die an Tollpatschigkeit nicht zu überbieten war und der er den treffenden Namen Clumsy Crumpet verpasst hatte.

Vanessa grinste, als sie nach der nächsten Zeichnung griff. Darauf war Clumsy Crumpet wild fluchend mitten im Sturz von einem Hoteldach zu sehen. Vigo hatte dieses Bild geliebt und Vanessa erinnerte sich noch gut daran, wie ihre Mutter ihn dazu ermutigt hatte, sich eigene Clumsy Crumpet Abenteuer auszudenken. Seine Zeichnungen hatten damals schon bewiesen, dass er seinem Vater in Sachen Talent in nichts nachstand.

Vanessa legte den Comic zur Seite und griff wieder in die Truhe. Doch statt einer weiteren Clumsy Crumpet-Folge hielt sie nun eine Postkarte in der Hand, die zwischen die Bilder gerutscht sein musste.

Das vergilbte Foto auf der Vorderseite zeigte ein riesiges Anwesen, das sich möglicherweise irgendwo in Großbritannien befinden könnte – zumindest ließ der akkurat getrimmte Rasen diesen Schluss zu. Sie drehte die Postkarte um und das Abbild der jungen Königin Elisabeth auf der Briefmarke bestätigte ihre Vermutung: Die Karte war in Großbritannien abgeschickt worden. Auf der Rückseite standen nur wenige Worte: One Day, Kathy, my foxy Lady und dazu November 1967 und eine Unterschrift, die sie als Edward Stringer entzifferte.

Edward Stringer? Sie hatte keine Ahnung, wer das sein sollte. Nicht, dass Vanessa das beste Namensgedächtnis hatte, doch sie war sich sicher, diesen Namen noch nie zuvor gehört zu haben. Sie konnte sich auch nicht daran erinnern, dass Katrina je erzählt hatte, dass ihr Spitzname Kathy gewesen war. Doch an wen sollte die Karte sonst gerichtet sein?

Statt zurück in die Truhe legte Vanessa die Karte neben sich auf den Fußboden und wühlte sich weiter durch die Vergangenheit ihrer Eltern. Als sie bei deren Hochzeitsalbum angekommen war, riss ein Klopfen an der verschlossenen Tür sie aus ihren Gedanken.

»Nessie, mach die Tür auf«, bat Grandma.

Vanessa rang mit sich. Einerseits war sie wütend auf ihre Großmutter und darauf, dass sie ihr ohne jede Erklärung das Reiseziel Cambridge verboten hatte. Andererseits kannte Vanessa sie gut genug, um zu wissen, dass diese Reaktion einen triftigen Grund haben musste.

Vanessa entschied sich dennoch für die trotzige Variante. »Geh weg«, rief sie, ohne sich vom Fleck zu rühren.

»Nein, lass mich rein. Zwing deine alte Grandma nicht dazu, den Zweitschlüssel suchen zu müssen. Das gehört sich nicht!«

Seufzend schob Vanessa die Postkarte in ihre Gesäßtasche, rappelte sich auf und öffnete die Tür. Katrina trat ein und warf einen kurzen Blick durch den Raum. Sie setzte sich auf den Hocker, schloss die Truhe und klopfte auf den Deckel, um Vanessa zu verstehen zu geben, dass sie sich setzen sollte.

»Es tut mir leid«, sagte Katrina und griff nach Vanessas Hand. »Selbstverständlich fahren wir nach Cambridge, wenn das dein Wunsch ist.«

»Äh«, gab Vanessa verblüfft zurück, denn ihr fiel beim besten Willen nicht ein, wie sie auf den plötzlichen Meinungsumschwung ihrer Grandma reagieren sollte. Katrina strich liebevoll über ihren Handrücken und wartete geduldig, bis sie sich wieder gefangen hatte.

»Tut mir leid, dass ich die Karte zerrissen habe.«

»Verständlich«, sagte Katrina schlicht. »Die Abmachung war ganz klar: Wir reisen zu zweit, das Ziel bestimmst du. Ich hätte dich nicht so vor den Kopf stoßen sollen.«

»Was hast du denn für ein Problem mit Cambridge?«

Katrina wich ihrem Blick aus und zuckte mit den Schultern. »Zu viele schmerzhafte Erinnerungen an Victoria«, antwortete sie, doch Vanessa hatte das Gefühl, dass das noch nicht die ganze Wahrheit war.

»Das ist alles?«

»Aber ja. Und ich will dich gleich darauf vorbereiten, dass die Reise ein bisschen anders wird als das, was ich mir für uns beide vorgestellt hatte.«

»Wie meinst du das?«

»Der 18. Geburtstag ist für mich und alle meine Enkel etwas Besonderes, wie du weißt. Quasi das letzte große gemeinsame Erlebnis, bevor ihr ...« Grandma stockte und schluckte. »Bevor ihr ins Leben hinausgeht.«

»Aber das wird es doch auch, wenn wir nach Europa fahren.«

»Ich würde dir gern zustimmen, aber das wäre nicht ehrlich. Du weißt es vielleicht nicht, aber ich habe viele Freunde aus früheren Zeiten. Und wenn ich schon einmal da bin, würde ich sie sehr gern wiedersehen.«

»Aber das ist doch großartig, Grandma!«, rief Vanessa.

Katrina seufzte. »Ich weiß nicht. Die Reise sollte eine ganz besondere Großmutter-Enkel-Zeit werden. Nur für uns zwei, verstehst du? Genau das werde ich dort aber nicht einhalten können. Zwei meiner ältesten Freundinnen leben in Cambridge. Die wären tödlich beleidigt, wenn ich sie nicht besuchte. Dazu kommen ehemalige Teamkameraden aus meinen aktiven Lacrosse-Zeiten, von denen einige mit ihren Ehemännern nach Europa gingen und die nun in und um London verstreut leben. Es wird vermutlich darauf hinauslaufen, dass du immer wieder auf dich allein gestellt sein wirst, weil ich von diesen lieben, aber durchaus auch sehr aufdringlichen Menschen in Beschlag genommen werde.«

Vanessa wusste beim besten Willen nicht, warum sich ihre Grandma darum sorgte. »Ich bin doch kein Kind mehr. Wenn du alte Freunde besuchen möchtest, dann tu das. Mir fällt ganz sicher etwas ein, womit ich die Tage fülle, an denen du verplant bist.«

Katrina legte ihren Kopf schief und sah Vanessa eindringlich an. »Sicher?«, fragte sie nochmal.

Vanessa lachte. »Ganz sicher. Rund um die Uhr mit dir Händchen halten wäre jetzt ohnehin nicht so ganz mein Ding gewesen, Grandma.«

»Ich weiß«, kicherte Katrina. »Also gut, abgemacht. Und jetzt komm raus hier.«

Vanessa griff nach dem Hochzeitsalbum ihrer Eltern und erhob sich.

»Was willst du damit?«, fragte ihre Grandma.

»Ach, ich hab da so eine Idee für die Dezemberausgabe meines Blogs.«

Katrina zog skeptisch ihre Augenbraue hoch. »Gib nicht zu viel von deinem Privatleben preis, Nessie.«

»Keine Sorge, das habe ich nicht vor. Die Idee ist auch noch nicht ganz spruchreif. Ich muss noch ein bisschen daran feilen.«

Vanessa und ihre Grandma liefen zurück zu Vigo, der noch immer am Esstisch saß und in sein Handy versunken war. Als sie sich neben ihn setzte, packte er es hastig wieder ein, als hätte er etwas zu verbergen.

»Vor mir brauchst du es nicht zu verstecken«, sagte Vanessa. »Was immer du mit deinen Frauen vorhast – ich werde dich sicher nicht verurteilen.«

»Mit meine Frauen?«, schnaubte Vigo. »Von wegen. Es gibt nur eine und der muss ich irgendwie klarmachen, dass ich nicht der Vollidiot bin, für den sie mich seit gestern hält.«

»Da werden ein paar Nachrichten vermutlich nicht ausreichen«, antwortete Grandma und setzte sich ebenfalls an den Tisch.

»Können wir dieses Thema bitte lassen? Was ist mit euch? Alles wieder in Ordnung?«

Vanessa und Katrina nickten gleichzeitig.

»Cambridge steht, ich werde mich noch an diesem Wochenende an die Planung machen. Zu blöd, dass ich morgen noch arbeiten muss. Ich würde viel lieber gleich damit beginnen, ein hübsches, verschlafenes Cottage für uns zu finden. Grandma, können wir Weihnachten dort verbringen?«

»Ich weiß nicht, Nessie. Wir haben immerhin schon Mitte Oktober. Dürfte nicht mehr ganz leicht sein, so kurzfristig noch eine Bleibe für die Weihnachtsfeiertage zu finden.«

»Das schaffe ich schon«, rief Vanessa überzeugt und lächelte zwischen Großmutter und Bruder hin und her.

Als sich Vanessa am nächsten Morgen auf den Weg in die Bibliothek machte, war ihre Laune am Boden. Dabei konnte sie sich eigentlich nicht beschweren, denn nach dem chaotischen Geburtstagsmorgen war der Rest des gestrigen Tages entspannt verlaufen.

Doch so sehr sie versuchte, daran zu glauben, dass sie ohne Joshua besser dran war – sie musste zugeben, dass sein Vertrauensbruch an ihr zu schaffen machte. Sie beide hatten immerhin eine zweijährige Beziehung hinter sich und er war ihr erster richtiger Freund gewesen.

Die Tränen, die gestern nicht kommen wollten, kündigten sich ausgerechnet in dem Moment an, in dem sie vor der Bibliothek aus dem Auto stieg. Also kroch sie zurück auf den Fahrersitz und verriegelte die Tür von innen. Sie ließ ihren Kopf aufs Lenkrad sinken und im nächsten Augenblick strömten ihr die Tränen über das Gesicht.

Joshua war ein Idiot und sie wollte ihn nie wiedersehen. Gleichzeitig wünschte sie sich, dass alles, was sich vorgestern Abend in diesem Pub abgespielt hatte, völlig harmlos gewesen war.

Abrupt setzte Vanessa sich auf und starrte durch die Frontscheibe. »Und dann?«, fragte sie sich selbst laut und schüttelte angewidert den Kopf. Selbst wenn das Treffen zwischen Josh und diesem Mädchen harmlos gewesen war – er hatte sie eiskalt angelogen. Vermutlich war tatsächlich nichts gelaufen, immerhin hatten die beiden fluchtartig die Kneipe verlassen und es war davon auszugehen, dass das ungeplante Aufeinandertreffen mit Vigo ihm das Date gründlich versaut hatte. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass Josh dieses Treffen von langer Hand vorbereitet und sich sogar so krank gestellt hatte, dass sie noch zur Apotheke gerannt war. Das hätte er wohl kaum getan, wenn er nichts zu verbergen gehabt hätte.

Vanessa spürte, wie sich ihre Trauer in Wut verwandelte. Dieser Mistkerl hatte nicht eine einzige ihrer Tränen verdient. Sie putzte sich die Nase und straffte ihre Schultern. Der Zeitpunkt dieser Heulattacke hätte nicht ungünstiger sein können. Ihre Schicht in der Bibliothek begann in fünf Minuten.

Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihr, dass sie genau so aussah, wie sie sich fühlte: mies. Ihre Augen waren vom Heulen gerötet und ihre Lider geschwollen. Bevor sie auf ihre Kollegen traf, musste sie dringend einen Abstecher in Richtung Toilette machen.

Für den Vormittag stand wie jeden Samstag Nessie’s Lesestunde