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Kann der falsche Freund seiner Schwester sein echter Freund werden? Als Kendall O'Hara seinen Freund beim Fremdgehen erwischt, rennt er zu seiner Schwester - der einzigen Person, auf die er sich in der Stadt verlassen kann. Aber sie ist auf einer Geschäftsreise, und so muss Kendall vorübergehend mit ihrem superheißen und ebenso netten Lebensgefährten zusammenwohnen. Luke Hales Familie hat ihn in Bezug auf Beziehungen so abgestumpft, dass er kein Problem damit hat, so zu tun, als wäre er der Freund seiner besten Freundin. Das war nie ein Problem, bis ihr süßer, liebenswerter Bruder auftaucht. Kendalls Leidenschaft für seinen Food-Channel ist ansteckend und seine Offenheit und Verletzlichkeit sind berauschend. Beide wissen, dass der andere tabu sein sollte, aber die gemeinsame Zeit – kochen, reden, lachen – ist so einfach und wunderbar. Ihre Anziehungskraft ist unbestreitbar, und als Kendall erfährt, dass Luke tatsächlich zu haben ist, brechen alle Dämme. Die knisternde Chemie weicht schnell echten Gefühlen. Aber Kendalls Aufenthalt ist nur vorübergehend. Kann aus ihrer "Freundschaft plus" eine Liebe für immer werden, oder werden beide am Ende wieder allein dastehen?
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2022
Crystal Lacy
Roman
© dead soft verlag, Mettingen 2022
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Brother-in-law material
Übersetzung: Mia Rusch
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Giuseppe Parisi - shutterstock.com
© Inside Creative Hose – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-536-7
ISBN 978-3-96089-537-4 (epub)
Kann der falsche Freund seiner Schwester sein echter Freund werden?
Als Kendall O'Hara seinen Freund beim Fremdgehen erwischt, rennt er zu seiner Schwester – der einzigen Person, auf die er sich in der Stadt verlassen kann. Aber sie ist auf einer Geschäftsreise, und so muss Kendall vorübergehend mit ihrem superheißen und ebenso netten Lebensgefährten zusammenwohnen.
Luke Hales Familie hat ihn in Bezug auf Beziehungen so abgestumpft, dass er kein Problem damit hat, so zu tun, als wäre er der Freund seiner besten Freundin. Das war nie ein Problem, bis ihr süßer, liebenswerter Bruder auftaucht. Kendalls Leidenschaft für seinen Food-Channel ist ansteckend und seine Offenheit und Verletzlichkeit sind berauschend.
Beide wissen, dass der andere tabu sein sollte, aber die gemeinsame Zeit - kochen, reden, lachen - ist so einfach und wunderbar. Ihre Anziehungskraft ist unbestreitbar, und als Kendall erfährt, dass Luke tatsächlich zu haben ist, sind alle Wetten verloren. Die knisternde Chemie weicht schnell echten Gefühlen. Aber Kendalls Aufenthalt ist nur vorübergehend. Kann aus ihrer "Freundschaft plus" eine Liebe für immer werden, oder werden beide am Ende wieder allein dastehen?
Es gab doch wirklich nichts Besseres, als frühzeitig von einem Meeting heimzukommen. Ich freute mich schon darauf, mehr Zeit mit meinem geliebten Freund zu verbringen. Allerdings erwischte ich besagten Freund leider dabei, wie er gerade von unserem Nachbarn gefickt wurde. Ohne Kondom. Dem Nachbarn hatte ich vor zwei Tagen auch noch selbst gebackene Kekse vorbeigebracht! Zugegebenermaßen waren sie am Rand etwas verkohlt gewesen.
Vielleicht ist das die Rache für die Kekse, dachte ich, als ich rückwärts aus dem Raum stolperte und prompt mit dem Hintern voran gegen die teuflisch spitze Kante der Kommode lief.
»Verdammte Scheiße«, jaulte ich. So viel dazu, dass ich mich ungesehen rausschleichen und so zumindest meinen Stolz bewahren wollte.
»Heilige … Kendall! Ich dachte, du … Wann bist du …?«
Zumindest besaß er den Anstand, beschämt auszusehen. Dave, der Nachbar, der nicht einmal verbrannte Kekse verdient hatte, begann zu fluchen. Er zog seinen Schwanz aus meinem Freund, sodass ich jetzt freie Sicht auf sein bestes Stück hatte.
»Ich will das nicht sehen«, murmelte ich, wirbelte herum und stürmte aus dem Zimmer. Verdammter Dave und sein riesiger Schwanz. Verdammter Maverick und sein fremdgehender Arsch!
»Kendall, warte!«
Ein kleiner, pathetischer Teil von mir wollte tatsächlich stehen bleiben und sich anhören, welche Ausreden Maverick mir auftischen würde. Wie wollte er sich aus der Sache rausreden? Wie wollte er mir erklären, dass die letzten zwei gemeinsamen Jahre keine Lüge gewesen waren?
Zum Glück rutschte Maverick in exakt diesem Moment aus. Vielleicht auf einem Klecks Gleitgel, oder was auch immer es war, das neben dem Bett, unserem Bett, auf dem Boden klebte. Nun kniete er nackt da, Dave hinter ihm, immer noch mit raushängendem Schwanz.
Der Anblick reichte, um mich wieder zur Vernunft zu bringen. Ich drehte ihm erneut den Rücken zu und zeigte ihm den Mittelfinger. »Schönes Leben noch, Maverick.«
Zum Glück schloss sich die Tür des Aufzugs immer schnell. Sonst wäre Maverick vielleicht noch rechtzeitig gekommen, um zu sehen, wie ich zusammensackte und in Tränen ausbrach. Noch mal Glück gehabt.
Ich schluchzte immer noch, als zehn Minuten später mein Uber kam. Als der Fahrer hielt, sprang ich hinter dem Busch hervor. Ich hatte mich dort versteckt, aber Maverick hatte nicht den Anstand besessen, mir nach draußen zu folgen. Erst als ich ins Auto stieg, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, wohin die Reise gehen sollte. Das passierte eben, wenn man vor lauter Weinen nicht erkannte, welche Adresse man in der App ausgewählt hatte. Ich wischte mir entschlossen die Tränen ab, verengte die Augen und starrte auf mein Handy, um herauszufinden, welches Ziel ich eigentlich eingegeben hatte. Erleichtert seufzte ich auf. »Gott sei Dank«, ächzte ich.
Keira.
Ich hatte auf Keiras Adresse geklickt. Die App hatte wahrscheinlich einfach die Adresse vorgeschlagen, die ich beim letzten Mal eingegeben hatte. Und das war Keiras Adresse. Es musste schon Monate her sein. Wir waren bei einem Familienessen gewesen. Nach dem Essen hatten wir beide ein paar Drinks zu viel gehabt und wir waren zu betrunken gewesen, um allein nach Hause zu kommen.
Nach Hause. Genau.
Ein Zuhause.
Das, was ich im Moment nicht hatte, weil mein Freund ein lügender, fremdgehender Hurenso…
»Äh, brauchen Sie vielleicht ein Taschentuch?«, fragte mein Fahrer, der mich im Rückspiegel betrachtete.
»Gott, ja, danke«, sagte ich, als er mir bereits mit einer Hand eine Packung Taschentücher reichte. Die Packung war sogar noch ungeöffnet. »Vielen Dank.«
»Harte Nacht gehabt?«
»Mein Freund hat mich betrogen. Ex-Freund, schätze ich.«
»Oh, verdammt«, sagte der Mann.
Erst jetzt fiel mir ein, dass ich ganz allein in seinem Auto saß und keine Ahnung hatte, ob er vielleicht was gegen schwule Männer hatte. Besser gesagt, gegen schwule Männer, die verheult und mit verrotzter Nase auf seinem Rücksitz saßen. Nicht, dass ich seinen Rücksitz mit meinem Rotz besudelt hatte oder so, aber möglicherweise befürchtete er, dass ich das tun würde. Vielleicht hatte er mir deshalb die Taschentücher gegeben.
»Haben Sie einen Bruder oder einen Kumpel, der Ihnen dabei helfen kann, ihn zusammenzuschlagen?«, fragte er.
Oh, gut. Okay, vielleicht nicht so gut, dass er Gewalt guthieß. Aber immerhin war es Gewalt zu meinen Gunsten, oder? Ich machte mir nicht mal die Mühe, so zu tun, als wäre ich beleidigt, weil er angenommen hatte, dass ich Maverick nicht allein zusammenschlagen konnte. Es stimmte ja. Ich hatte auf jeden Fall mehr Hirn als Muskeln. Obwohl sich darüber auch streiten ließ, denn immerhin hatte ich zwei Jahre mit Maverick verschwendet, statt etwas Sinnvolles zu tun, wie zum Beispiel Party machen. Ich schnäuzte mir die Nase, vielleicht ein bisschen zu laut, und schüttelte den Kopf. Dann fiel mir ein, dass er es ja nicht sehen konnte. Er bog gerade scharf um eine Kurve. »Nein, keinen Bruder. Aber eine Schwester. Vielleicht hilft sie mir.«
Das würde sie wahrscheinlich wirklich tun. Vielleicht könnte sie Luke mitnehmen. Den großen, gut aussehenden Luke mit dem netten Lächeln, der schon seit Jahren glücklich mit meiner Schwester zusammen war. Er würde sie niemals mit Dave betrügen. Verdammt, er würde Dave nicht einmal ansehen.
Der Fahrer hielt vor Keiras Wohnhaus. Das Gebäude war protzig; typisch für den New Yorker Stadtteil Tribeca. Die Miete war wahrscheinlich dreimal so teuer wie das, was Maverick und ich für unsere Wohnung in Kips Bay zahlten.
Nicht mehr unsere Wohnung. Seine Wohnung.
Ich unterdrückte ein weiteres Schluchzen und sah hinunter auf mein Handy, um dem Fahrer Mike noch mehr Trinkgeld zu geben und ihn mit fünf Sternen zu bewerten. »Danke, Mike. Bitte fahren Sie vorsichtig.«
»Passen Sie auch gut auf sich auf, junger Mann.«
Er winkte mir zu, dann reihte er sich wieder in den Verkehr ein und ließ mich allein vor dem Hauseingang zurück.
Es gab einen Wachmann am Empfang, aber entweder war er nicht sehr gut in seinem Job oder ich sah so jämmerlich und ungefährlich aus, dass er mich einfach mit einem Nicken passieren ließ. Rasch ging ich auf den Aufzug zu.
Ich hätte vorher anrufen sollen. Normalerweise kam ich nie unangemeldet bei Keira vorbei. Aber ich war ja schon im Haus, da machte es auch keinen Sinn mehr, sie anzurufen, oder? Klingeln war Ankündigung genug, richtig? Genau das machte ich auch, als ich den zwanzigsten Stock erreichte. Und dann läutete ich ein zweites Mal. Nichts. War ja klar, dass meine Schwester noch auf der Arbeit war, bei meinem Glück. Dabei war es schon … Ich blickte auf mein Handy. 20:30 Uhr. So spät? Klar, manche Menschen hatten eben ein Leben. Manche Menschen aßen mit ihrem heißen Freund, der sie nicht betrog, im Restaurant zu Abend. Ich hätte Keira anrufen können, um sie zu fragen, wann sie zu Hause sein würde. Aber dann würde ich sie vom Abendessen abhalten und sie verdiente ein nettes Abendessen. Genau wie ich. Verdammt, ich verdiente auch ein nettes Abendessen!
Das erinnerte mich daran, dass ich eigentlich vorgehabt hatte, mir etwas vom chinesischen Restaurant zu bestellen, das ganz in der Nähe meiner Wohnung lag. Stattdessen stand ich vor der Wohnungstür meiner Schwester. Sie war nicht da und ich war am Verhungern. Außerdem trug ich noch meine Arbeitsklamotten von heute, die zerknittert und voller Grasflecken waren, weil ich mich hinter dem Busch versteckt hatte.
Ich kämpfte eisern die Tränen zurück und wählte die Nummer meiner Schwester. Es klingelte und klingelte. Dann landete ich auf der Mailbox. Ich unterdrückte ein Ächzen und sprach ihr eine Nachricht aufs Band.
»Hey, Keira. Ich bin’s. Ähm … ich stehe vor deiner Tür. Es ist … Es ist etwas passiert. Mit Maverick.« Ich musste aufhören und mich räuspern, weil meine Stimme brach, als ich seinen Namen aussprach. »Ähm … etwas ist passiert und ich brauche für eine Weile einen Platz, wo ich bleiben kann … Oder zumindest heute Nacht. Aber bitte mach dir wegen mir keinen Stress. Ich warte einfach hier, bis du nach Hause kommst.«
So. Das musste reichen. Ich rieb mir über das tränenüberströmte Gesicht, bis meine Haut brannte. Verzweifelt versuchte ich, an etwas anderes als an den stöhnenden Dave und seinen Riesenschwanz zu denken. Urgh. Ich musste mich mit irgendetwas ablenken. Also zog ich mein Handy wieder hervor und scrollte schniefend durch den Hashtag foodporn. Nach fünf Minuten musste ich aufhören. Klar, es lenkte mich von Maverick und Dave ab, aber es machte mich auch hungrig und ich hatte noch immer nichts gegessen. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt, wieder nach unten zu gehen, mir etwas zu essen zu holen und zu hoffen, dass der Wachmann noch immer schlecht in seinem Job war, wenn ich zurückkam.
Als ich gerade Richtung Aufzug gehen wollte, hörte ich, wie dessen Tür aufging. Das Klirren von Schlüsseln erklang und dann bog Luke Hale um die Ecke. Er sah mit seinem dunklen Haar, dem kantigen Kiefer und seinem großen, durchtrainierten Körper genauso gut aus wie eh und je. Hmpf. Warum hatte Keira immer so ein Glück? Tolle Karriere, tolles Apartment, umwerfender Freund.
Hör auf, dich zu bemitleiden. Und sei nicht neidisch auf deine Schwester.
Keira verdiente all diese tollen Dinge. Letzterer der tollen Dinge, Luke, blieb stehen, als er mich erblickte. Er blinzelte. Dann eilte er auf mich zu.
»Kendall?«, fragte er. »Ist alles okay? Was machst du denn hier?«
Die Besorgnis in seiner Stimme und die Wärme in seinen hellbraunen Augen gaben mir den Rest. »Luke«, würgte ich hervor, schlang die Arme um ihn und hielt mich an ihm fest. »Ich habe solchen Hunger. Bitte gib mir etwas zu essen.«
»Setz dich«, bat ich Kendall und bugsierte ihn zu einem Barhocker, der vor der Kücheninsel stand.
Er setzte sich widerspruchslos. Seine Nase kräuselte sich, als er schniefte und sich mit dem Ärmel seines zerknitterten Hemds über die Augen wischte. Ich musterte ihn eingehend. Tränen schimmerten in seinen strahlend blauen Augen, auch seine Wangen waren tränenüberströmt. Seine roten Lippen waren zu einem Schmollmund verzogen und sein goldblondes Haar sah aus, als hätte er daran gezerrt. Das hatte ich öfters beobachtet, als er noch jünger gewesen war. Obwohl er richtig fertig wirkte, sah er unglaublich süß aus.
Ich wandte ihm den Rücken zu, um dem niedlichen Anblick auszuweichen, ging zum Kühlschrank und durchsuchte das Gemüsefach. Dann machte ich mich an die Arbeit und begann die Zutaten auf der Arbeitsfläche vorzubereiten. Nun, da ich ein Messer in der Hand hatte und Zwiebeln schnitt, fühlte ich mich schon mehr in der Lage dazu, mich mit Keiras süßem kleinen Bruder auseinanderzusetzen. Zumindest mehr als vor fünf Minuten. Ich räusperte mich. »Willst du mir erzählen, was passiert ist?«
Als er nicht antwortete, sah ich auf. Er starrte fasziniert auf die Zwiebeln, die ich auf dem Schneidebrett aufgehäuft hatte. Erst, als er merkte, dass ich innehielt, schien er sich wieder zu fangen. Noch immer war der Ausdruck in seinen blauen Augen tieftraurig. Sie glänzten feucht. Das war wahrscheinlich das erste Mal seit dem Begräbnis meiner Großmutter, dass ich einem weinenden Erwachsenen so nahe war.
»Bist du okay?«, fragte ich. Dann erst fiel mir auf, wie dämlich diese Frage war. Natürlich war er nicht okay. Er heulte Rotz und Wasser.
Aber Kendall hob die Hand und winkte ab. »Ah, ja, ja. Sind nur die Zwiebeln.« Er wischte sich wieder achtlos mit dem Ärmel übers Gesicht, doch sofort flossen neue Tränen über seine Wangen. »Wow, normalerweise ist es nicht so schlimm. Ich bin einfach super empfindlich, was Zwiebeln angeht.«
»Alles klar.« Ich griff wieder nach dem Messer und schnitt weiter eilig Zwiebeln. Dann füllte ich sie in eine Schüssel, die ich mit dem passenden Deckel verschloss, sodass Kendalls empfindliche Augen geschützt waren. »Also, ähm …«
Kendall hatte sich inzwischen mit den Ellbogen auf der Theke gestützt und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er murmelte irgendetwas durch seine Finger.
»Wie bitte?«, fragte ich, als ich den letzten Pilz in Scheiben schnitt.
Kendall schob die Hände nach oben, sodass zumindest sein Mund zu sehen war. »Ich habe meinen Freund dabei erwischt, wie er es mit dem Nachbarn getrieben hat.«
»Oh.«
So war das also. Ich kramte in meinem Gedächtnis, versuchte, das Bild von Kendalls Freund abzurufen. Sie waren sicher schon über ein Jahr zusammen. Ich hatte die beiden bei ein paar der Familientreffen gesehen, zu denen Keira mich eingeladen hatte. Soweit ich mich erinnerte, war er nichts Besonderes, aber Kendall hatte eigentlich ganz glücklich mit ihm gewirkt. Nun, jetzt war er jedenfalls alles andere als glücklich. Genau aus diesem Grund hielt ich mich von Beziehungen fern. Man wurde am Ende sowieso nur enttäuscht, egal wie toll alles am Anfang wirkte. Jahrzehntelang hatte ich das wieder und wieder in meiner Familie miterlebt und beschlossen, dass ich nicht der Mensch für eine Beziehung war. Aber irgendwie hatte ich erwartet, dass es bei Kendall besser laufen würde.
»Zwei Jahre. Wir waren zwei Jahre zusammen. Ich habe ernsthaft gedacht, dass wir für immer zusammen sein würden. Unseren Weg gemeinsam gehen würden. Uns vielleicht eines Tages das Ja-Wort geb… Oh, das sieht ja total lecker aus. Ist das Schweinebauch?« Er lehnte sich mit großen Augen nach vorn. »Und das ist für mich?«
Zumindest musste ich mir jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob er vielleicht Vegetarier war. »Ja.« Ich schnitt den Schweinebauch in kleine Häppchen und warf die Stücke in die Pfanne.
Kendall stöhnte auf. Obwohl das Fleisch laut brutzelte, war es deutlich zu hören. »Das riecht himmlisch. Nach fettigem, leckerem, himmlischem Fleisch.«
Erleichtert bemerkte ich, dass er nicht mehr weinte, obwohl er immer noch niedergeschlagen wirkte. Doch jetzt glänzten seine Augen vor Vorfreude, nicht vor Tränen.
»Was essen wir dazu?«
»Ramen-Nudeln.«
Er schwieg eine Weile und sah mir aufmerksam beim Kochen zu. Als ich ihm seine Schüssel voller Nudeln hinstellte, schenkte er mir ein strahlendes Lächeln mit blitzend weißen Zähnen, was ihn noch zehnmal niedlicher aussehen ließ. Gott, ich musste mich wirklich zusammenreißen. Ich durfte nicht so über Keiras kleinen Bruder denken. Als ich ihn kennengelernt hatte, war er noch nicht einmal ein Teenager gewesen, sondern ein dürrer kleiner Junge. Nun war er zwar ein schlanker, erwachsener Mann, aber er war tabu. Doch es war ja nichts Schlimmes dabei, wenn ich nett zu ihm war und ihn ein bisschen umsorgte. Nach diesem beschissenen Tag brauchte er das sicher.
»Das … Luke. Das ist so was von lecker. Hast du das Fleisch mariniert?«
Ich nickte und spürte Stolz in mir aufsteigen. Es schien ihm wirklich zu schmecken. Klar, es wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, einfach Ramen von einem guten Restaurant zu bestellen. Es war nun wirklich nicht so, als könnte ich es mir nicht leisten. Viele meiner Freunde kochten nie. Keira versuchte es sogar nicht mal, was ganz gut war, denn ihre Kochkünste ließen stark zu wünschen übrig. »Ich koche gerne, auch einfach nur für mich selbst.«
Wieder glitt ein Stöhnen über seine Lippen, halb obszön, halb süß. »Keira hat so ein Glück.«
»Ich koche eigentlich gar nicht so oft für sie. Sie ist wegen der Arbeit nicht oft zu Hause. Nicht einmal, wenn sie gerade nicht durch die Weltgeschichte reist.« Keira hatte einen stressigen Job; sie war Vorsitzende der Rechtsabteilung in einer internationalen Textilfirma. Oft hatte sie Meetings in anderen Ländern und reiste viel. In letzter Zeit war sie viel in Japan gewesen.
»Wow.« Kendall wirkte ungläubig. »Wenn ich einen Freund hätte, der so gut kochen kann wie du, wäre ich immer zum Abendessen zu Hause. Egal, wie viel ich arbeite.«
Ich zuckte nicht zusammen, als er das Wort Freund aussprach. Aber es fühlte sich immer noch komisch an, wenn mich jemand als Keiras Freund bezeichnete. Keira und ich behaupteten schon seit vielen Jahren, zusammen zu sein. Das machte es einfacher, unsere Wohnverhältnisse zu erklären. Außerdem waren ihre Eltern damit zufrieden und niemand mischte sich in unsere Angelegenheiten ein. Weil ich keine Beziehung wollte, und Keira anscheinend auch nicht, war es ganz praktisch, eine Beziehung mit meiner besten Freundin vorzutäuschen. Keira besuchte ihre Familie nur selten, sie wohnte fast vier Stunden Fahrt entfernt in Harrisburg. Es überraschte mich allerdings, dass sie Kendall nicht die Wahrheit erzählt hatte. »Apropos, Keira ist gerade auf Geschäftsreise. In Japan. Sie ist heute Morgen aufgebrochen und wird vielleicht eine Weile nicht erreichbar sein.«
Kendall riss die Augen auf, sagte jedoch nichts und schlürfte stattdessen eine lange Nudel in seinen Mund. Er kaute und antwortete erst dann. »Verdammt. Sie hat so etwas in die Richtung erwähnt, aber ich dachte wirklich, dass sie schon wieder zurück ist. Scheiße. Ich habe gehofft, ich könnte eine Weile hier bei ihr bleiben. Ähm, bei euch, meine ich. Weil ich, ehrlich gesagt, keinen Platz habe, wo ich sonst hinkönnte … Ich muss mir jetzt eine eigene Wohnung suchen …«
Kendalls Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Menschen, der vor einem vollen Teller verhungerte. Was lächerlich war, denn er futterte gerade all das Essen, das eigentlich für zwei Tage hätte reichen sollen.
»Hast du keine Freunde, bei denen du eine Weile unterkommen könntest?«
Er schüttelte traurig den Kopf und starrte hinunter auf seine Schüssel. Seine Wimpern waren braun, an den Spitzen glänzten sie jedoch goldfarben. Sie schimmerten im hellen Schein des Küchenlichts. »All meine Freunde sind auch mit Maverick befreundet.« Seine Unterlippe begann zu zittern, doch er biss darauf, um sie still zu halten. »Ich meine, ich schätze, ich könnte Gerry anrufen; er ist sozusagen mein Ex. Wahrscheinlich könnte ich bei ihm bleiben. Auch nachdem wir Schluss gemacht haben, hat er ständig mit mir geflirtet. Er hat erst aufgehört, als ich mit Maverick zusammengekommen bin. Seitdem hatten wir nicht viel Kontakt. Aber abgesehen von dir und Keira ist er der Einzige in New York, den ich fragen könnte.«
Der Gedanke, dass Kendall mitten in der Nacht seinen Ex anrufen wollte, gefiel mir nicht. Er hatte nur die Kleidung, die er trug, und eine kleine Umhängetasche, sonst nichts. Verdammt, er war Keiras kleiner Bruder. Was für ein Freund wäre ich, wenn ich ihn einfach zu jemandem schickte, der vielleicht unlautere Absichten hatte? »Du kannst hierbleiben«, sagte ich. »Zur Auswahl stehen die Couch oder Keiras Zimmer. Was dir lieber ist. Es macht Keira sicher nichts aus. Sie benutzt ihr Zimmer ja sowieso nicht oft.«
Kendall sah mit weit aufgerissenen blauen Augen auf, in denen Hoffnung funkelte. »Wirklich? Es stört dich nicht, wenn ich eine Weile bleibe? Nur ein paar Tage. Oder Wochen. Solange es eben braucht, um eine eigene Wohnung zu finden. Aber ich bin mir sicher, es wird nicht lange dauern.«
»Nein, es stört mich nicht. Keira ist ja sowieso weg, also ist es nicht so, als würde die Wohnung dann aus allen Nähten platzen.«
Das Lächeln, das er mir schenkte, war so strahlend, dass es den ganzen Raum erhellte. »Du bist der Beste. Ich erzähle es gleich Keira. Sie wird dir sicher auch total dankbar sein.«
»Alles gut, mach dir keine Gedanken. Ruf einfach deine Schwester an und sag ihr kurz Bescheid, dass du erst mal hierbleiben wirst, ja?«
Er nickte enthusiastisch. »Ja, klar, das mache ich. Danke. Ehrlich, du weißt gar nicht, wie sehr du mir damit hilfst. So kann ich zumindest den letzten Rest meiner Würde bewahren. Wenn ich zu einem unserer gemeinsamen Freunde gegangen wäre, hätte ich nie geheim halten können, dass Maverick mich mit Riesenschwanz-Dave betrogen hat.«
»Riesenschw…?«
»Äh, sorry. So nenne ich ihn insgeheim. Also, ich meine, erst seit heute. Vorher habe ich ihn ›den gut aussehenden Nachbar Dave‹ genannt. Na ja, über das gut aussehend lässt sich streiten. Ich glaub es einfach nicht, ich habe dem Typen Kekse gebacken! Und dann isst er meine Kekse und fickt meinen Freund mit seinem riesigen … Scheiße, ich wollte es nicht noch einmal erwähnen. Du willst wahrscheinlich gar nicht wissen, wie groß Daves Schwanz ist.«
Das wollte ich tatsächlich nicht wissen, also deutete ich mit dem Kopf auf seine Schüssel. »Iss auf, dann zeige ich dir, wo alles ist.«
Es hatte definitiv Vorteile, eine reiche Anwältin zu sein, die für eine Riesenfirma arbeitete. Und einen reichen Freund zu haben, der … Was machte Luke noch gleich beruflich? Es war nicht das erste Mal, dass ich in Luke und Keiras Apartment war. Aber es war das erste Mal, dass ich länger als fünf Minuten blieb und das ganze Gebäude mit all seinen Vorzügen besichtigte. Es gab einen Pool, einen Tennisplatz, eine Sauna und sogar ein Kino, in dem die Bewohner sich zum Filmegucken Sitzplätze reservieren konnten. Ich könnte mich daran gewöhnen, hier zu leben. Nur, dass ich leider früher oder später wieder ausziehen musste. Es war ein Wunder, dass Luke mich überhaupt hierbleiben ließ. Wir hatten uns eigentlich nur ein paarmal miteinander unterhalten. Wenn ich ehrlich war, war ich damals als Teenager immer zu schüchtern gewesen, auf ihn zuzugehen. Und nun war er eben Keiras Freund, der sich höflich mit allen unterhielt und vielleicht ein kleines bisschen langweilig war. Langweilig, erfolgreich, gut aussehend und nett. Das war auf jeden Fall besser als ein lügender, fremdgehender Mistkerl. Mann, ich musste wirklich damit aufhören, Luke mit Maverick zu vergleichen. Das war einfach zu deprimierend.
»Du kannst meine Dusche benutzen, wenn du willst«, bot Luke an, als er mich in der Wohnung herumführte. Er zeigte auf das große Badezimmer, das zwei Waschbecken mit zwei Schränken darüber hatte. »Wenn du in Keiras Badezimmer duschst, wirst du nachher sicher nach Rosen duften. Willst du zuerst duschen?«
»Äh, nein, schon okay. Ich, äh … Zuerst muss ich mich um frische Klamotten kümmern. Ich bin nämlich abgehauen, ohne irgendetwas mitzunehmen. Noch zu warten, bis Dave seinen Schwanz wieder eingepackt hätte, wäre … Das wäre zu viel gewesen.«
Luke brummte mitfühlend. »Ich kann dir was leihen, aber ich weiß nicht, ob ich eine Hose habe, die dir passt.« Er musterte mich von Kopf bis Fuß. »Du bist schlanker als ich.«
»Du kannst es ruhig aussprechen, ich bin dürr. Ein Twink eben, das ist mein Stil. Aber ich nehme alles, was du findest. Du bist ein Lebensretter.« Manchmal wünschte ich, es würde im echten Leben Emojis geben. Ich hätte ihn nämlich gerne mit Herzchen-Emojis überhäuft.
Er nickte. »Ich gucke gleich mal, nachdem ich geduscht habe.«
»Okay. Ich sehe mich währenddessen in der Küche um, wenn es dir nichts ausmacht.«
»Nein, mach ruhig.«
Ich hörte, wie die Dusche im Badezimmer angestellt wurde. Währenddessen beschäftigte ich mich damit, neugierig in die Küchenschränke zu spähen und die verschiedenen Gerätschaften zu inspizieren. Luke und Keira hatten eine Menge Zeug, die Küche war mit allem bestückt, was man sich nur vorstellen konnte. Wenn ich nicht schon neidisch auf meine Schwester wäre, dann spätestens jetzt. Ich bewunderte die KitchenAid-Küchenmaschine, die in einem Schrank unter der Spüle stand. Daneben waren fein säuberlich eine Unmenge Rührhaken und anderes Zubehör aufgereiht.
Obwohl ich Lukes Erlaubnis hatte, fühlte ich mich, als würde ich herumschnüffeln, während ich auch in den Kühlschrank und den Vorratsschrank spähte. Beides war weniger voll, als ich erwartet hatte, wenn man all die Geräte bedachte. Aber da Keira ja auf Geschäftsreise war, aß Luke wahrscheinlich nicht so oft zu Hause.
Ich hörte, wie die Badezimmertür geöffnet wurde, und wandte mich um, weil ich Luke fragen wollte, ob er all das Küchenzubehör gekauft hatte. Meine Schwester war nie eine große Köchin gewesen, als sie noch zu Hause gewohnt hatte.
Ich blieb wie vom Blitz getroffen stehen, als Luke aus dem Bad kam. Eine Dampfwolke stieg hinter ihm auf, wie in einer Werbung für Männerduschgel. Er trug nur ein Handtuch, das er um die Hüften gewickelt hatte. Und, Gott, hatte dieser Mann Bauchmuskeln. Mein Mund wurde schlagartig trocken, als mein Blick über seinen Bauch wanderte. Ja, Luke hatte immer schon gut ausgesehen, aber wer hätte gedacht, dass sich unter seiner Kleidung das hier verbarg?
»Was ist denn? Hab ich da noch Seifenschaum?«, fragte er und griff tatsächlich nach unten, um sich mit einer Hand über die Bauchmuskeln zu fahren.
Ich biss mir rasch auf die Lippen, um nicht laut zu fluchen. Oh mein Gott. Es war, als hätte das Universum beschlossen, dass der heutige Tag noch nicht schwer genug war. Nun folterte es mich auch noch. Auf gute Art, ja, aber trotzdem. Luke war hetero. Und auch, wenn er nicht der Freund meiner Schwester wäre, er war definitiv nicht meine Liga. Er mochte eindeutig Blondinen mit Brüsten und langen Beinen, nicht dürre blonde Twinks. »Nein«, presste ich hervor, wandte den Blick ab und versuchte, nicht in nervöses Gelächter auszubrechen. »Ich frage mich nur, was für Work-outs du machst, weil … Na ja, ich habe überlegt, vielleicht mal ins Fitnessstudio zu gehen, und ich frage mich, wie ich trainierter werden kann. Du machst eindeutig etwas richtig.« Das war überzeugend. Total. Ich war überhaupt nicht durchschaubar wie Zellophanpapier.
Luke kaufte es mir anscheinend auch nicht ab, zumindest legte er den Kopf schief und musterte mich skeptisch. Zum Glück war er nett genug, um nichts zu sagen. »Ich kann dir mal meine Aufwärmroutine zeigen. Es gibt im Keller ein Fitnessstudio, da gehe ich jeden Morgen vor der Arbeit hin.«
Früh aufzustehen und zu schwitzen, war so ziemlich das Letzte, was ich morgens tun wollte, aber ich nickte trotzdem enthusiastisch.
Alles, um ihn zu überzeugen.
»Das wäre cool.«
»Warte mal einen Moment. Ich ziehe mir schnell was an und suche dann Klamotten für dich.« Er ging den Flur entlang und verschwand in einem Zimmer, das wahrscheinlich seines war. Die Tür ließ er einen Spalt offen.
Es war viel zu einfach, sich vorzustellen, wie er nun das Handtuch auszog und nackt nach Klamotten suchte. Verdammt, ich musste aufhören, mir das vorzustellen. Sofort. Bevor ich noch einen Ständer hatte, wenn Luke zurückkehrte. Himmel, er war der Freund meiner Schwester! Vielleicht war das so was wie umgekehrtes Karma. Vielleicht hatte das Universum vorausgesehen, wie ich den Freund meiner Schwester anglotzen würde, und deswegen Dave geschickt, der mir meinen Freund geklaut hatte. Jepp. So musste es sein. Das Karma hasste mich. Aber hey, zumindest beruhigte sich mein Schwanz augenblicklich, sobald ich an Dave und Maverick dachte.
Jackpot.
Also, nein, kein Jackpot, aber zumindest ein kleiner Sieg.
Luke kehrte endlich zurück, gekleidet in eine lange Pyjamahose und ein T-Shirt. So konnte ich zwar noch seine Arme sehen, aber zumindest nicht den ganzen Rest von ihm. Er streckte mir ein Bündel Kleidung entgegen. »Das ist das Beste, was ich finden konnte.«
Er verließ den Raum, ich zog mich aus und faltete die Klamotten auseinander. Eine Jogginghose mit elastischem Bund und ein altes, weiches T-Shirt mit Collegeaufdruck, das so aussah, als wäre es in der Wäsche eingelaufen. Ich war mir ziemlich sicher, dass mir beides zu groß sein würde, aber zumindest musste ich so nicht in meinen dreckigen Arbeitsklamotten oder nackt in Keiras Bett schlafen.
»Danke«, murmelte ich, als ich mich an ihm vorbeischob und das Bad betrat. Es war immer noch von warmen Dampfschwaden erfüllt. Ich atmete tief ein. Wow, Lukes Duschgel roch echt gut. Nicht extrem maskulin, aber frisch und mit leicht waldigem Duft. Es fühlte sich komisch an, einen Klecks davon auf meine Hand zu drücken und es auf meinem Körper zu verteilen. Lukes Geruch. Auf mir.
Ernsthaft, Kendall. Du Schlampe. Hör auf, daran zu denken. Sofort. Du stehst nicht auf Luke, auf gar keinen Fall.
Ich schaffte es, ohne weitere schmutzige Gedanken zu Ende zu duschen. Aber nur, weil ich begann Nicki Minajs Bed of Lies zu singen. Wahrscheinlich viel zu laut. Ich sang trotzdem weiter, bis ich wieder aus der Dusche trat. Zumindest heulte ich nun nicht mehr. Ich hatte wegen Maverick genug Tränen vergossen. Ich würde über ihn hinwegkommen und mich nicht in Luke verknallen. Alles würde gut werden. Zumindest war das der Plan.
Als ich in die Küche zurückkehrte, machte Luke gerade den Abwasch. Sofort fühlte ich mich ein wenig schuldig. »Sorry, das hätte ich übernehmen sollen«, sagte ich und trat näher, während Luke die Pfanne schrubbte.
»Du hattest einen harten Tag. Mach dir keinen Kopf. Keira hat übrigens angerufen, während du duschen warst. Ich habe ihr gesagt, dass du eine Weile bleibst, bist du wieder auf die Beine kommst. Sie meinte, du kannst ruhig ihr Zimmer haben, also vergiss das mit der Couch. Sie ruft dich nachher wahrscheinlich auch noch an, sobald sie im Hotel ist.«
»Wow. Danke. Ehrlich. Ich weiß, wir haben nie viel miteinander zu tun gehabt, aber ich mochte dich schon immer. Und jetzt mag ich dich noch mehr.« Vielleicht zu sehr. Aber das würde vorübergehen. Ich war nur in einem verletzlichen Zustand, meine Emotionen waren aufgewühlt. Und da brachten mich gut aussehende Männer mit Waschbrettbauch eben durcheinander. Keine große Sache.
»Ruh dich einfach aus, ja? Ich mache noch schnell den Abwasch, dann gehe ich wahrscheinlich gleich schlafen.«
»Klar. Du bist recht spät heimgekommen. Musstest du Überstunden machen?«
»Ich hatte ein Onlinemeeting mit einem Geschäftspartner in Taiwan, also musste ich heute etwas länger bleiben.«
»Oh. Was machst du eigentlich genau?« Plötzlich interessierte es mich brennend. »Ich weiß, dass du in deiner Firma irgendein hohes Tier bist, aber …« Luke war so etwas wie ein Mysterium für mich. Was ein Zeichen dafür war, dass ich nicht genug über das Leben meiner Schwester wusste.
»Ich arbeite in der Consultingfirma meiner Familie. Dort bin ich für Schulungen zuständig.«
»Was für Schulungen?«, fragte ich neugierig.
Luke zuckte mit den Schultern. »Alle möglichen. Jeder Kunde ist anders. Mein Job ist es, sicherzustellen, dass Klienten die richtigen Schulungen erhalten. Hauptsache, es funktioniert und wir erzielen Resultate.«
»Das klingt ganz schön stressig.«
»Ist es manchmal auch. Aber mein Job erfüllt mich, auch wenn ich oft Überstunden machen muss.«
»Verstehe. Dann lass ich dich lieber mal in Ruhe, damit du dich entspannen kannst.«
Er nickte und spülte weiter Geschirr, während ich meine Tasche in Keiras Zimmer brachte und die Tür hinter mir schloss.
Das Zimmer wirkte wirklich so, als würde es nur selten benutzt werden. Es war in Weiß und Beige gehalten. Das Einzige im Raum, das so aussah, als wäre es oft in Gebrauch, war der Kleiderschrank. Die Tür stand halb offen. Es ergab Sinn, dass Keira nicht oft in ihrem Zimmer war. Sie hatte ja Luke.
Ich ließ mich aufs Bett fallen und machte es mir unter der Decke gemütlich. Sie roch leicht nach dem Lieblingsparfüm meiner Schwester, was irgendwie seltsam beruhigend war. Noch beruhigender war das Licht, das die Lampe auf dem Nachttisch verbreitete. Der sanfte Schein erleuchtete den Raum zwar, doch es war nicht so grell, dass man nicht schlafen konnte. Ich seufzte und schloss die Augen. Zumindest war das Bett bequem. Ich hatte ein leckeres Abendessen bekommen und Luke wirkte wie ein guter Mitbewohner. Um alles andere würde ich mich morgen kümmern.
Genau. Morgen. Doch erst einmal würde ich schlafen.
Ich absolvierte gerade im Fitnessstudio im Keller mein morgendliches Work-out, als mein Handy klingelte. Mit gerunzelter Stirn hob ich ab. »Hallo?«
»Hallo, ist da Mister Hale?«, fragte eine Frauenstimme, die mir irgendwie bekannt vorkam.
»Ja«, antwortete ich, stieg vom Rudergerät und wischte mit dem Handtuch darüber. »Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Hier ist Priya von der Rezeption. Wir haben eine Benachrichtigung erhalten. In Ihrem Apartment wurde soeben der Feueralarm ausgelöst. Soll ich die Feuerwehr rufen?«
Shit. Kendall hatte noch geschlafen, als ich runter ins Fitnessstudio gegangen war. Was, wenn ihm etwas passiert war? »Ich bin gerade im Keller. Aber ich gehe sofort rauf und sehe nach. Ich rufe gleich zurück, wenn ich Näheres weiß.«
»Danke, Sir. Bitte rufen Sie an, wenn Sie Hilfe brauchen.«
»Klar, danke.«
Mein erster Impuls war es, Kendall anzurufen und ihn zu warnen, beziehungsweise zu fragen, ob alles okay war. Doch in diesem Moment fiel mir ein, dass ich seine Nummer nicht hatte. Ich joggte zum Aufzug und sprang hinein. Während der gesamten Fahrt nach oben sah ich vor meinem inneren Auge Kendalls Blick. Wie er mich gestern angesehen hatte, als er die Nudeln gegessen hatte … Keira würde durchdrehen, wenn ihrem Bruder irgendetwas passiert war.
Im Flur, der zu meiner Wohnung führte, wirkte alles wie immer. Kein Rauchgeruch, keine Flammen. Das war schon mal beruhigend. Doch als ich die Wohnungstür öffnete, musste ich sofort ein Husten unterdrücken. Japp, das war eindeutig Rauch. »Kendall!«, rief ich.
»Hier drüben«, schrie er über das laute Piepsen des Rauchmelders hinweg.
Ich folgte dem Klang seiner Stimme, bog um die Ecke und blieb wie angewurzelt stehen, als ich die Küche betrat. Nicht weniger als drei Pfannen standen auf dem Herd. In allen dreien brannte das Essen an. Kendall wedelte verzweifelt mit einem Pfannenwender aus Silikon, was absolut nicht gegen den Rauch half, der aus der Pfanne vor ihm stieg. Mit der anderen Hand versuchte er, eine weitere Pfanne vom Herd zu nehmen. Gemüseschalen, Schüsseln und andere Kochutensilien standen auf dem Tresen verstreut. »Geh mal kurz aus dem Weg«, sagte ich, nahm die zwei Pfannen, die am schlimmsten rauchten, und stellte sie ins Backrohr. Dann drehte ich die Dunstabzugshaube an. »Bitte reiß die Fenster auf. Alle.«
Die dritte Pfanne rauchte immer noch. Doch die war aus Gusseisen, deshalb brauchte ich einen Topflappen, um sie anzufassen. Ich stellte sie ebenfalls ins Backrohr. Rasch sah ich mich in der Küche um, aber es sah aus, als wäre ansonsten alles in Ordnung. Seufzend zog ich mein Handy aus der Tasche und rief Priya zurück.
»Hallo, Glenhall Towers, Rezeption.«
