Finstermoos – Am schmalen Grat - Janet Clark - E-Book

Finstermoos – Am schmalen Grat E-Book

Janet Clark

5,0

Beschreibung

Die Spannung hält an! Der zweite Band von Janet Clarks Thrillerserie rund um das geheimnisumwitterte Feriendorf Finstermoos lässt Lesern den Atem stocken. Gemeinsam mit Basti, Luzie und Valentin macht Mascha sich in der unberechenbaren Bergwelt auf die Suche nach ihrer Mutter. Doch schon kurz nach ihrem Aufbruch stoppt unerwartet der Lift, der sie über eine gefährliche Schlucht bringen soll. Nachdem Mascha und ihre Freunde den Abend über in schwindelerregender Höhe ausharren mussten, setzt sich der Lift nach Sonnenuntergang plötzlich wieder in Bewegung. Aber statt erleichtert zu sein, kann Mascha an nichts anders denken als an das Gespräch, das sie wenige Stunden zuvor belauscht hat und in dem sie und ihre Mutter bedroht wurden. Hat einer der heimtückischen Männer den Lift bedient? Und wartet er womöglich nur, bis sie direkt zu ihm an den Ausstieg gebracht werden? "Finstermoos" ist die neue Thrillerserie von Bestseller-Autorin Janet Clark, die neben ihren Jugendbüchern auch erfolgreiche Spannung für Erwachsene schreibt ("Ich sehe dich" und "Rachekind"). Atemberaubender Nervenkitzel und Spannung für alle Fans von Krystyna Kuhns "Das Tal"! "Am schmalen Grat" ist der zweite Band der Finstermoos-Reihe. Der Titel des ersten Bandes lautet "Aller Frevel Anfang". Mehr Infos rund um Finstermoos unter: www.finstermoos.de

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Was bisher geschah …  

Hinter den idyllisch bemalten Häuserfassaden des Bergdorfes Finstermoos lauert eine Wahrheit, die niemand aussprechen darf. So schrecklich, dass sie das Leben der Dorfbewohner verpestet, ganz besonders das der 17-jährigen Luzie, die deshalb ihre große Liebe Basti nur heimlich treffen kann. Umso mehr freut sie sich, als Valentin, ihr Kumpel aus Berlin, zu Besuch kommt. Was Luzie jedoch nicht ahnt: Valentin ist über beide Ohren in sie verliebt und fest entschlossen, Luzie in diesem Urlaub seine Liebe zu gestehen. Doch dann entdeckt Valentin auf der Baustelle seines Vaters eine vor vielen Jahren verscharrte Babyleiche. Die Entdeckung bringt große Unruhe in das Dorf und lockt eine Menge Journalisten an, darunter die Berlinerin Armina Lindemann und ihre Tochter Mascha. Gleich nach der Ankunft lernt Mascha Valentin kennen, als er mit seinem Fahrrad stürzt und sie dabei um ein Haar über den Haufen fährt. Sie freunden sich an und Valentin lädt Mascha zu einem Ausritt mit Luzie und Basti auf den einsamen Mosbichl-Hof ein. Dort lösen der Anblick von Mascha sowie Bastis kreuzförmige Narbe am Oberkörper bei der seltsamen Hofbesitzerin Brigitta eine Schockreaktion aus. Die Freunde reiten los und noch während sie überlegen, was Brigitta so erschreckt haben könnte, kracht ein Schuss durch den Wald. Maschas Pferd geht durch und erst in letzter Sekunde kann Luzie Mascha vor einem Sturz in eine Schlucht retten. Am nächsten Tag finden Valentin und Basti Valentins Vater wie tot in seiner Baugrube liegen. Die Baustelle ist verwüstet und mit Runen beschmiert und Valentin verdächtigt die merkwürdige Brigitta als Täterin.

Die Unfälle reißen nicht ab und Mascha gerät erneut in Lebensgefahr. Sie will abreisen, doch dann bemerkt sie, dass ihre Mutter verschwunden ist. Die Freunde beginnen sich zu wundern: Das sind zu viele Unfälle, zu viele Zufälle – was ist hier los?

Auf der Suche nach der Wahrheit bricht Valentin im Mosbichl-Hof ein und findet eine Zeichnung des autistischen Bruders des Hofbesitzers, Toni, aus der eindeutig hervorgeht, dass ausgerechnet Luzies Vater, der Förster, seinen Vater in die Grube gestoßen hat! Dann findet er auch noch heraus, dass es ebenfalls der Förster war, der sein Fahrrad sabotiert und damit seinen Sturz verschuldet hatte!

Obwohl Bastis Bruder Nic bereits nach Maschas Mutter sucht, brechen auch Valentin, Luzie, Mascha und Basti in die Berge auf, um ihrer Spur zu folgen. Um den Weg abzukürzen, nehmen sie den Lift, doch mitten am Berg stoppt dieser – genau über einer tödlichen Schlucht. Stundenlang hängen sie über dem Abgrund. Erst als es dunkel ist, springt der Lift plötzlich wieder an und trägt sie ins Ungewisse …

31.Juli1

Das nächste Mal würde er Nein sagen.

Definitiv.

Nic stellte das Quad quer zum Hang und zog den Schlüssel ab. Das grelle Scheinwerferlicht erlosch und das Lifthäuschen verschwand in der Finsternis. Er schaltete seine Stirnlampe ein. So eine hirnrissige Idee! Das konnte nur auf Bastis Mist gewachsen sein. Einfach loszurennen, ohne auf seine Rückkehr zu warten – wozu war er eigentlich zur Schmugglerhütte hochgestiegen, wenn sich nun niemand dafür interessierte, ob er Maschas Mutter gefunden hatte oder nicht? Und dann noch diese blödsinnige Lügenstory. Als ob Basti sich nicht hätte denken können, dass Luzies Vater mitbekam, mit wem seine Tochter losmarschiert war … Und wer durfte nun die vier vom Berg zurückholen, weil ihr Vater völlig austickte?

Vielen Dank, Bruderherz.

Nic stieg vom Quad. Ächzte. Das Letzte, was er nach der Bergtour heute gebraucht hätte, war diese Kamikazefahrt zum Fehlingerlift. Er stieg die letzten Meter zum Lifthäuschen hoch. Verlassen und still lag es vor ihm.

Wahrscheinlich war das seine letzte Chance, Mascha noch einmal zu sehen. Sonst hätte er sich geweigert. Er drehte den Kopf zum Berg. Der Lichtstrahl erfasste die stehenden Sessel, die wie von Geisterhand bewegt leicht im Wind schwankten. Er atmete tief durch.

Er hätte Nein sagen sollen.

Mascha hin, Mascha her. Sollte doch sein Vater im Dunkeln in diesen verdammten Lift steigen und die vier nach Hause holen.

Nics Blick wanderte den Berg hoch. Er stutzte.

Ein Licht zuckte durch das Schwarz der Nacht. Er kniff die Augen zusammen. Was war das? Zu tief für ein Wetterleuchten. Zu hoch für einen verirrten Wanderer. Wieder schnitt ein schwacher Lichtstrahl durch die Finsternis. Wo kam der her? Aus dem Lift?

Hastig knipste er seine Stirnlampe aus. Sofort wurde der Lichtstrahl am Berg deutlicher. Hing da oben jemand im Lift fest?

Etwa Basti?

Das Licht wanderte von links nach rechts, dann erlosch es.

Im Losrennen knipste Nic seine Stirnlampe wieder an. Er erreichte das Lifthäuschen und sperrte die Bedienerkonsole auf. Der Schalter war noch auf »an« gekippt – also hatte jemand den Lift oben ausgeschaltet. Er runzelte die Stirn. Entweder jemand hatte aus Versehen den Lift gestoppt, als die vier noch drinsaßen, oder die vier waren oben angekommen und Basti hatte den Lift ausgeschaltet, ohne zu merken, dass unten noch jemand eingestiegen war. Er lief zum Fenster und sah den Berg hoch.

Schwärze.

Hatte er sich getäuscht? Er kniff die Augen zusammen, doch die Schwärze blieb undurchdringlich.

Und wenn nicht?

Rasch lief er zur Bedienerkonsole zurück und legte die Hand an den Schalter. Zögerte.

Wenn er den Lift einschaltete, gab es für den, der drinsaß, zwei Möglichkeiten: oben aussteigen oder wieder herunterfahren. Nic starrte auf den roten Schalter. Was würde er selbst tun?

Umkehren.

Er zog die Hand von dem Schalter zurück und lief zum Einstieg. Bevor er den Lift anschaltete, musste er sich die letzte Sesselnummer merken, dann konnte er warten, bis sie wiederkam, bevor er selbst einstieg. So wie der heutige Tag bisher gelaufen war, würde er sonst den anderen im Lift begegnen oder selbst auf halber Strecke hängen bleiben.

2

Du musst es ihr sagen.

Basti öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

Und wie?

Übrigens, Luzie, es war dein Vater, der Vals Dad in die Baugrube gestoßen und fast umgebracht hat, und Val kann's beweisen. Mit den Zeichnungen, die er dem Toni geklaut hat.

Basti schnaubte und Luzies Haare kitzelten ihn an der Nase. Ihr Kopf ruhte schwer auf seiner Schulter. Sie musste eingenickt sein. Er schob mit der Nase seinen Ärmel zurück und sah auf die Uhr. Nach neun. Jetzt saßen sie bereits über drei Stunden in diesem windigen Sessellift fest. Luzie bewegte ihre Finger, sie glitten warm über seinen Bauch und wanderten hoch zu seiner Narbe. Als wäre alles in Ordnung. Als hätten sie sich nie gestritten. Als hingen sie nicht in pechschwarzer Finsternis direkt über der tiefsten Schlucht des Tals.

Du musst es ihr sagen!

Denn wenn sie erfuhr, dass er davon gewusst und sie nicht gewarnt hatte, dann war das Gewitter, das sich gerade über ihren Köpfen zusammenbraute, ein milder Luftzug gegen das, was ihn erwartete.

Er zupfte am Schlafsack herum und zog ihn zu ihrem Kinn hoch, bevor der kühle Nachtwind ihre Körperwärme stehlen konnte.

Was ist jetzt?

Er zählte stumm bis drei. Zögerte. Genau betrachtet war das gerade kein besonders guter Zeitpunkt, um Luzie in alles einzuweihen. Dass sie über der Schlucht festhingen, setzte ihr schon genug zu. Er streifte mit den Fingern über ihre Wange. Ihre Haut war kalt. Und die Nacht noch lang und wenn sie Pech hatten, würde es hier oben bald ziemlich ungemütlich werden.

Eine Bö erfasste den Sessel und drückte ihn jäh zur Seite. Luzie versteifte sich. Er zog sie näher an sich und presste seine Lippen auf ihr Haar. Sofort spürte er, wie ihre Anspannung nachließ.

Vielleicht war jetzt doch ein guter Zeitpunkt, um es ihr zu sagen. Denn wenigstens konnte sie nicht einfach aufspringen und weglaufen. Sie würde ihm bis zum Ende zuhören müssen.

Die nächste Bö ließ den Sessel nach hinten schwingen. Er hielt die Luft an. So ähnlich hatte es sich angefühlt, als der Lift plötzlich rückwärtsgefahren war. Sein Griff um Luzies Schulter wurde fester. Hätte sie ihn vorhin nicht in letzter Minute zurückgerissen, wäre er nach seinem Absprung ziemlich sicher in die Schlucht gestürzt, so nah wie der Sessel an der Kante gewesen war.

Sie hatte ihm das Leben gerettet. Und er schaffte es nicht einmal, ihr die Wahrheit über ihren Vater zu sagen.

Los!Jetzt!

»Luzie, hör mal, ich –«

Ein Ruck.

Der Sessel schaukelte heftig. Luzie schnellte in eine aufrechte Sitzposition und erstarrte. Er streichelte über ihren Arm.

»Keine Panik, das war nur der Wind.« Er streichelte weiter und hoffte, dass sie das leise Knarzen über ihnen nicht hörte. So unauffällig wie möglich sah er nach oben. Doch da war nur Finsternis.

Wieder das Knarzen. Dieses Mal lauter. Sein Puls beschleunigte sich.

Riss jetzt das Seil?

Unmöglich! Zwölf ineinander gewundene Stahlstränge waren unzerreißbar. Aber – auch unsabotierbar? Sie hingen nicht zufällig seit Stunden über der Schlucht. Das war der einzige Absturzort, der für alle vier unausweichlich tödlich enden würde.

Er musste nachsehen, woher das Knarzen kam. »Gibst du mir mal die Taschenlampe?«

»Warum?«, fragte Luzie.

Ehe er antworten konnte, gab es einen zweiten Ruck. Dann bewegte sich der Sessel. Glitt langsam durch die pechschwarze Nacht.

 »Ist das … gut? Dass … wir wieder fahren?« Luzies Hand umklammerte seinen Arm. »Heißt das … sie haben uns gefunden? Sind wir in Sicherheit?«

»Ich weiß es nicht.« Er legte seine Hand auf ihre. Gefunden? Sie wurden nicht vermisst. Wer also bediente den Lift und was hatte das zu bedeuten? »Ich wüsste nicht, wer nach uns gesucht haben soll.«

Sie hatten sich ordnungsgemäß abgemeldet und waren offiziell bis morgen Nachmittag unterwegs. Ihre Eltern hatten keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

»Basti!«

Er horchte auf. Valentins Stimme gellte schrill durch die Nacht.

»Das ist eine Falle! Wir müssen abspringen! Sofort!«

»Abspringen? Spinnt der?« Luzie beugte sich nach vorn, als wollte sie Valentin antworten, doch Basti hielt sie zurück.

»Stopp! Val hat recht! Warum sonst parkt uns jemand über der Schlucht, bis es finster ist? Da will uns jemand im Dunkeln empfangen.«

»Das meinst du nicht ernst!«

Doch. Todernst. Es war schon viel zu viel passiert, um Valentins Befürchtung nicht ernst zu nehmen. Und schlimmer, ausgerechnet ihr Vater hing in der Sache mit drin, er musste nur an das Bild in der Höhle denken, um sich das Motiv für seine Attacken gegen Valentin und seinen Vater zusammenzureimen.

»Basti!« Wieder Valentin, noch schriller, noch dringlicher. »Das ist eine Falle! Du musst uns sagen, wann wir springen können. Hörst du mich?«

Basti formte mit seinen Händen einen Trichter. »Ja. Öffnet die Bügel und haltet euch bereit.«

»Du willst nicht wirklich springen.« Luzie packte seinen Arm. »Du siehst doch gar nicht, wohin!«

Er riss sich los. »Deine Taschenlampe, schnell!«

Sie reagierte. Fummelte ihre Lampe aus dem Rucksack. »Ich kann nicht glauben, dass du dich –«

Seine Hände schlossen sich um ihre Wangen, er drehte ihr Gesicht zu sich. »Luzie. Bitte.« Er legte so viel Ruhe in seine Stimme wie möglich. »Vertrau mir. Valentin hat seine Gründe.« Er löste die Hände von ihrem Gesicht und griff nach der Taschenlampe. Knipste sie an und leuchtete nach unten. Schwärze. Dazwischen hellere Flecken. Felsen. Immerhin, sie hatten das Ende der Schlucht erreicht. Er leuchtete zur Seite. Wann genau begann das flache Gelände hinter der Schlucht? Jetzt müssten doch endlich Fichten in seinem Lichtstrahl erscheinen. Er leuchtete wieder nach unten. Einzelne Felsen tauchten auf. Sie waren über der Almwiese – aber wie abschüssig war sie hier? Er beugte sich vor, verfolgte den Lichtstrahl. Der Sicherheitsbügel drückte schmerzhaft gegen seine Hüfte. Er brauchte mehr Licht! Wenn er sich täuschte, weil er im Dunkeln die Entfernung falsch einschätzte, wäre der Sprung tödlich.

Nur einen kleinen Hinweis. Mehr brauchte er nicht.

Der Lichtstrahl erfasste einen Pfosten. Der Pfeiler! Kurz danach kommt die flache Stelle! Erneut formte er mit seinen Händen einen Trichter.

»Val! Wenn ihr über den Pfeiler rumpelt, zählst du langsam bis zehn. Dann werft ihr die Rucksäcke ab und springt. Erst du, dann Mascha.«

»Verstanden! Pfeiler, zehn zählen, springen.«

»Val!«, rief er hinterher. »Nutzt eure Schlafsäcke wie Fallschirme! Links und rechts packen und Arme nach oben!«

»Schlafsack, Fallschirm, klar!«

Rasch stopfte Basti die Taschenlampe tief in Luzies Rucksack. So würde sie den Sturz überstehen. Mit einer Hand öffnete er seinen Sicherheitsbügel. »Luzie, mach deinen Bügel auf.«

 »Bist du irre?« Sie umklammerte seinen Arm. »Wir können nicht im Dunkeln abspringen! Das ist im Hellen schon lebensgefährlich!«

Sie mussten abspringen.

Er löste ihre Hand und hielt sie fest. »Bitte«, sagte er leise. »Vertrau mir. Ich weiß, dass du Angst hast. Ich würde das nie von dir verlangen, wenn es nicht sein müsste.«

»Wir … Pfeiler!«, rief Valentin.

Basti zählte stumm mit.

»Jetzt! Rucksäcke! Valentin, spring!«

Ein dumpfer Schlag, kurz darauf ein zweiter. Valentin und Mascha mussten die Rucksäcke abgeworfen haben.

»Fuuuuck!« Ein Aufprall. »Autsch. Bin unten!«

Valentin war gelandet.

»Mascha! Jetzt! Und sofort raus aus unserer Falllinie!«

Ein leiser Schrei. Dann der Aufprall.

»Boah. Unten! Valentin? Wo bist du?«

Die ersten beiden waren in Sicherheit.

»Du schaffst das!« Basti drückte Luzies Hand.

Schon ratterte ihr Sessel über die Rollen des Pfeilers. Eins. Zwei. Drei. Vier. Luzies Rucksack baumelte an seinem Fuß. Fiel.

Acht. Neun. Zehn.

»Los, spring, Arme über den Kopf, Schlafsack nicht loslassen!«

»Ich –«

Er schubste sie hart nach vorn. »Bitte. Für mich.«

Sie sprang. Schrie auf. Sekunden später verriet ein dumpfes Geräusch ihren Aufprall. Warum fluchte sie nicht? Sein Magen krampfte sich zusammen. War sie auf einem Stein gelandet? Verletzt?

Er sprang. Kam federnd auf den Ballen auf und rollte sich in den Berg hinein ab.

»Luzie?« Schon war er auf den Beinen, lief los und peilte den Punkt an, wo sie abgesprungen sein musste. War sie falsch aufgekommen? Mit dem Kopf gegen einen Felsen gestoßen? Bewusstlos? Etwas setzte sich in seiner Kehle fest und schnürte ihm die Luft ab. Hätte er wenigstens sein Handy da! Selbst die mickrige Lichtfunzel darin war besser als diese totale Finsternis. »LUZIE?!«

Leises Stöhnen antwortete. Ganz in der Nähe. Da. Wieder. Er folgte dem Geräusch. »Luzie?«

»Tritt ja nicht auf mich drauf!«

Sie lebte.

Und sie war sauer.

Alles war gut.

Er ging in die Hocke, seine Hände glitten über den Boden. Tatsächlich, da saß sie. Er tastete nach ihrem Kopf, neigte sich über sie und suchte mit seinen Lippen ihren Mund. Ihre Haut fühlte sich samtig an, der Mund warm und weich. Er küsste sie. Ihre Lippen öffneten sich und sie erwiderte seinen Kuss, wütend und trotzig – und voller Leidenschaft. Er hatte sie nicht verdient. Er hätte sie längst einweihen müssen. Bevor die Geheimnisse sich wie eine Mauer zwischen ihnen aufgetürmt hatten. Er hätte ihr längst erklären müssen, warum er sich nicht zu ihr bekennen konnte. Obwohl sie für ihn das einzigartigste und wunderbarste Mädchen der Welt war und er …

»Basti? Luzie?«

Valentins Stimme drang durch seine Gedanken. Er löste seine Lippen von ihren und richtete sich auf.

»Wo seid ihr?«

Maschas Stimme.

Ein schmaler Lichtstreif tanzte über den Hang. Valentin musste die Lampe seines Handys eingeschaltet haben. Die einzige brauchbare Handyfunktion in dieser Gegend.

»Hier drüben!« Er tastete nach Luzies Hand und zog sie hoch. Sie knickte ein und stöhnte. Dieses Mal laut.

»Autsch! Mein Bein!«

Sie setzte sich wieder. Behutsam zog er ihr den Wanderstiefel aus und befühlte ihren Knöchel. Bewegte den Fuß im Kreis.

Zischend sog sie die Luft ein.

»Gebrochen ist nichts.« Er legte die Hand um den Knöchel. Mist. Er war jetzt schon geschwollen. »Mit ein bisschen Glück hast du ihn nur verknackst. Oder die Bänder gezerrt.« Und mit etwas Pech gerissen. Er half ihr, den Schuh wieder anzuziehen. Sie hatte Schmerzen und er war schuld. Und vor den anderen konnte er sie nicht einmal in den Arm nehmen.

Verstohlen streichelte er über ihre Wade. Diese Scheißheimlichtuerei musste aufhören. Er zog ihre Hose über den Stiefelschaft. Sie würden Luzie auf dem Weg zur Notunterkunft stützen müssen. Donnergrollen hallte drohend über den Berg. Auch das noch! Sie mussten die Schutzhütte erreichen, bevor das Gewitter sie einholte.

»Val! Mascha! Habt ihr eure Rucksäcke gefunden?«

Der wackelige Lichtschein von Valentins Handy bewegte sich bergab.

»Meinen.« Wieder Maschas Stimme. »Der von Valentin muss weggekullert sein.«

»Hier ist einer!«, rief Valentin. »Ich hab Luzies!« Sein funzeliges Licht wanderte hügelabwärts, verweilte, wanderte weiter. »Ich glaube, ich seh was.« Wieder hüpfte das Licht, verschwand dann in einer Senke. Kurz darauf strahlte Valentins Stirnlampe auf. »Das ist meiner! Fehlt nur noch Bastis.«

Wetterleuchten erhellte das Bergmassiv. Höchste Zeit aufzubrechen.

»Den hole ich morgen früh!«, rief Basti. »Wir müssen los, bevor uns das Gewitter erwischt.«

Er half Luzie hoch und legte seinen Arm um ihre Hüfte. »Geht's?«

»Muss wohl.« Sie belastete den Fuß und stöhnte auf, als Valentin und Mascha sie erreichten.

Valentin trat zu ihr. »Was ist mit dir?«

»Mein Knöchel.« Luzie verlagerte ihr Gewicht und ächzte. »Das wird ein Spaß.«

Basti verstärkte seinen Griff um ihre Hüfte und zog sie näher zu sich. »Wir müssen Luzie stützen. Mascha, bleib dicht hinter uns. Val, geh auf Luzies andere Seite.«

Da erhellte ein Blitz den Hang.

Basti zählte.

Donner.

Gute zwanzig Sekunden. Sieben Kilometer.

Das Unwetter kam viel zu schnell näher. Sie sollten zum Lift hochlaufen und den regulären Weg nehmen, um Zeit zu sparen.

Über ihm ratterte ein Sessel über den Pfeiler.

Nein. Selbst wenn es länger dauerte, sich abseits der Wege den Berg hochzukämpfen – solange er nicht wusste, wer und was sie dort oben erwartete, mussten sie so viel Abstand zum Lifthäuschen halten wie möglich. Auf die harte Tour also. Hang queren und den Wald nordöstlich hochlaufen, bis sie auf den Weg stießen. »Los, Leute«, drängte er. »Wenn wir's nicht zur Schutzhütte schaffen, bevor das richtig losgeht, kann ich für nichts garantieren.«

3

Achtundvierzig.

Der nächste Sessel.

Neunundvierzig.

Noch zwanzig Sessel, dann waren sie einmal durch. Nic richtete seine Stirnlampe zum Berg. Leere Sessel, so weit er blicken konnte. Entweder er hatte sich getäuscht, oder wer immer im Lift gesessen war, hatte oben seinen Weg fortgesetzt. Ein Blitz erhellte den Himmel.

Na super. Und jetzt? Umkehren oder hinterher? Er zählte, bis der Donner durch die Stille der Nacht barst. Dreiundzwanzig. Fast acht Kilometer. Vielleicht zog es vorbei.

Er blickte zum sternenlos schwarzen Himmel, zu den Sesseln, zum Himmel. Dann stieß er hart die Luft aus. Wenn er zu den anderen wollte, dann sofort oder gar nicht.

Er beobachtete, wie die herunterfahrenden Sessel aus der Dunkelheit gespuckt und die hochfahrenden von ihr verschluckt wurden. Mascha war da oben. Jetzt wurde nicht gekniffen. Komm schon! Sein Herzschlag beschleunigte sich schlagartig.

Denk an was Schönes.

Mascha.

Er gab sich einen Ruck und stellte sich an den Einstieg. In der Nacht ist es einfacher.

Keine Sicht. Keine Höhe. Keine Höhenangst.

Wieder stieß er die Luft aus. Dann stieg er in den nächsten Sessel und schloss den Bügel. Schon hob der Lift ihn nach oben und trug ihn durch die Finsternis. Seine Zähne knirschten. Er öffnete den Mund und lockerte den verkrampften Kiefer. Du hast das schon öfter geschafft. Atme. Sieh nicht nach unten. Er richtete den Blick starr geradeaus. Im Licht der Stirnlampe zählte er die vorbeigleitenden Fichtenwipfel. Von wegen, in der Nacht ist es einfacher! Der Sessel ratterte über den ersten Pfeiler. Sein Kiefer verkrampfte wieder.

Stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa. Im Fernsehen läuft Fußball. Vor dir ein eiskaltes Radler.

Was musste er auch seinem durchgeknallten Bruder nachrennen!

Er streckte seine Beine durch und winkelte sie wieder an. Morgen hatte er garantiert einen Monstermuskelkater. Zum Glück waren es von der Liftstation zur Schutzhütte nur fünfzehn Minuten, im Dunkeln vielleicht zwanzig. Ein Katzensprung im Vergleich zu seinem nutzlosen Gewaltmarsch zur Schmugglerhütte. Kein Lebenszeichen von Maschas Mutter, allerdings war jemand in der Hütte gewesen, der dort nichts zu suchen hatte. Jemand, der keine Skrupel gehabt hatte, das Fenster einzuschlagen, um sich Zutritt zu verschaffen. Durchaus möglich, dass Maschas Mutter dort Unterschlupf gesucht hatte. Aber wo war sie von da aus hin?

Eine Bö zerrte an dem Sessel. Nic atmete flach, seine Hände klammerten sich um den Sicherheitsbügel.

Hoffentlich schaffte er es zur Schutzhütte, bevor der Sturm sich in ein Fetzenunwetter verwandelte.

Das Schaukeln des Sessels ebbte ab. Seine Hände lösten sich von dem Bügel. Basti konnte sich auf einen Einlauf gefasst machen, das war sicher. Wenn nicht von seinem Vater, dann von ihm.

Nic drehte den Kopf. Fichtenwipfel links. Undurchdringliches Schwarz rechts. Er musste kurz vor der Schlucht sein. Rattern. Er hielt den Atem an.

Mann, Basti, hättest du nicht dein Hirn einschalten können? Oder wenigstens das Satellitentelefon?

Basti wusste genau, dass ein hingeschmierter Zettel auf dem Küchentisch nicht akzeptabel war. Bin mit Valentin auf Tour, rechtzeitig zum Arbeiten zurück. Bei all seinen idiotischen Ideen war es normalerweise selbst für Basti ein Tabu, ohne klare Orts- und Zeitangabe loszustiefeln. Dazu kannte er die Gefahren in den Bergen zu gut.Die einzige Erklärung war, dass er Mascha und Luzie nicht hatte erwähnen wollen. Hätte er sich sparen können. Nachdem sie Wolferl getroffen und seine Sturmwarnung in den Wind geschossen hatten, musste Basti ohnehin klar gewesen sein, dass der schnurstracks ihren Vater anrufen und ihm nicht nur stecken würde, wohin er gehen wollte, sondern auch, dass die Mädchen dabei waren. Was Maschas Sympathiewerte bei seinem Vater endgültig in den Keller geschossen hatte. Vielen Dank, Bruder.

Es blitzte. Verdammt. Er zählte. Dann der Donner. Sechzehn Sekunden. Nur mehr fünf Kilometer. Das Gewitter kam rasend schnell auf ihn zu. Sein Herz schlug hart gegen seine Brust.Seine Augen flitzten von Seite zu Seite. Rechts – schwarz. Links – schwarz. Keine Fichten. Er musste über der Schlucht sein. Seine Hände krampften sich wieder um den Bügel. Noch zwei Pfeiler.

Die anderen nach Hause zu holen, konnte er bei dem Wetter knicken.

Sowieso lachhaft, dass Luzies Vater so einen Terror veranstaltete, nur weil Luzie mit Valentin und Basti unterwegs war. Luzie war siebzehn. Wann kapierte der endlich, dass seine Tochter fast erwachsen war? Aber so wie Naomi am Telefon geklungen hatte, war sie kurz vor einer Panikattacke gewesen. So unbedingt, wie sie ihre Tochter vom Berg herunter haben wollte, traute sie ihrem Mann offenbar das Schlimmste zu.

Der Sessel ratterte über den nächsten Pfeiler. Nic hielt die Luft an. Noch einer, dann war er oben.

Er starrte angestrengt geradeaus, bis im Licht der Stirnlampe die pilzförmige Wendesäule erschien. Nic öffnete den Bügel, wartete, bis der Sesselarm über den letzten Pfeiler ratterte, und stieg aus. Zielstrebig ging er zur Bedienerkonsole und stellte den Lift ab. Ein Blitz erhellte die Liftstation. Nic zählte. Die leeren Sessel schaukelten gespenstisch im Wind, dann tauchten sie wieder ins Schwarz der Nacht.

Zehn, elf, zwölf.

Donner.

Das Gewitter zog tatsächlich in seine Richtung. Wenigstens saß er nicht mehr im Lift. Er drückte den Beleuchtungsknopf seiner Uhr. Kurz vor zehn. Die anderen mussten inzwischen die Notunterkunft erreicht haben.

Er lief zum Einstieg des schmalen Waldweges, seine Beine schwer wie Blei. Den Kopf nach unten gebeugt, suchte er im wackeligen Lichtstrahl seiner Stirnlampe auf dem unebenen, von Wurzeln und losen Felsbrocken durchzogenen Trampelpfad nach Stolperfallen. Dass ausgerechnet er sich einen nächtlichen Wettlauf mit dem Gewitter lieferte, während Basti in der sicheren Hütte saß – verkehrte Welt.

Der nächste Blitz zuckte durch die Nacht. Keine zehn Sekunden später knallte der Donner laut wie ein Kanonenschuss durch die Bäume. Er versuchte, schneller zu gehen, den Blick weiterhin fest auf den Boden geheftet, als etwas in der Nähe raschelte. Was war das? Ein Tier? Ein Mensch?

Er blieb stehen und drehte den Kopf in Richtung des Geräusches. »Hallo?« Er lauschte, sein Puls beschleunigte sich. Wieder Rascheln. Knacken.

»Basti? Luzie?«

Unsinn. Sie waren schon längst in der Hütte. Vielleicht der Förster? »Hallo?«

Keine Antwort.

Also doch ein Tier. Nur gut, dass er hier nicht auf die Bären achten musste.

4

Luzie presste die Zähne zusammen. Sie würde sich ihre Schmerzen nicht anmerken lassen. Sonst würde Basti noch darauf bestehen, sie abwechselnd mit Valentin zu tragen. Langsam hatte sie den Dreh raus. Nur mit den Zehenspitzen auftreten, minimale Belastung, dann mit dem gesunden Fuß weiter. Etwas holprig, aber Hauptsache, sie kamen voran und erreichten die Hütte, bevor das Gewitter noch näher kam.

Plötzlich sackte Valentins Schulter ab und ihr Gewicht landete auf dem verletzten Fuß. »Autsch!«

Sie spürte, wie Basti seinen Griff um ihre Hüfte verstärkte, und verlagerte schnell ihr Gewicht auf den unverletzten Fuß zurück. Ihr Knöchel pochte und hämmerte. Sie atmete ein paarmal ein und aus und wartete, dass der Schmerz sich beruhigte.

»Tut mir leid!« Valentin legte seinen Arm wieder um ihre Hüfte. »Ich bin ausgerutscht.«

Ekelerregender Geruch verfing sich in ihrer Nase.

Tierkot. Sie presste ihren Arm auf die Nase. Fleischfresser oder Allesfresser. Der Kot von reinen Pflanzenfressern roch anders. »Du bist in einen Scheißhaufen getreten.« Luzie rümpfte die Nase. »Riechst du das nicht?«

»Uäähh. Jetzt, wo du es sagst.« Valentin drehte sich nach hinten und der Lichtstrahl seiner Stirnlampe blendete sie für einen Moment. »Achtung Mascha, Riesenscheißhaufen, genau vor dir!«

»Riesen…?«

»…scheißhaufen. So was Widerliches!« Angeekelt wischte Valentin seinen Fuß auf dem Waldboden hin und her.

Riesenhaufen? »Darf ich?« Schon zog Luzie Valentin die Lampe vom Kopf. Sie löste sich aus Bastis Arm und drehte sich auf einem Bein zum Kothaufen zurück. Ein großer, unförmiger, matschiger, auf einer Seite zertretener Haufen: dunkles Braun durchsetzt mit hellen Sprenkeln. »Mensch! Das ist Bärenkot.«

»Das macht es auch nicht besser. Stinkt wie die Seuche.« Valentin knickte seinen Fuß abwechselnd nach innen und außen, um die Seiten des Schuhs von dem übelriechenden Kot zu befreien.

»Leute!«, rief Luzie ungeduldig, während sich in ihrem Magen Unbehagen festsetzte, das nicht von dem Gestank des Haufens stammte. »Das ist frischer Bärenkot. Läutet's jetzt langsam?«

»Du meinst …« Mascha trat zu ihr und betrachtete den zertretenen weichen Kothaufen im Licht der Taschenlampe. »Der Bär hat den erst vor Kurzem hier hingesetzt?«

»Genau das meine ich.« Langsam leuchtete Luzie den Boden rundum ab.

»Bist du dir sicher?« Basti war neben sie getreten und legte seinen Arm erneut um ihre Hüfte. Erleichtert stützte sie sich mit dem freien Arm bei ihm ab und setzte den verletzten Fuß mit den Zehenspitzen leicht am Boden auf. Sie schwenkte die Lampe und das Licht glitt über Boden und Bäume.

 »Schau!« Aufgeregt ließ sie den Lichtstrahl auf drei quer über den Baumstamm verlaufenden, etwa zwanzig Zentimeter langen Kratzspuren verweilen. »Das stammt von Bärenkrallen.«

»Schla…schlafen Bären nachts nicht?« Sie hörte die Unsicherheit in Valentins Stimme, sogar sein Fuß stand endlich still.

»Nachtaktiv«, antwortete Basti, noch bevor sie etwas sagen konnte. »Hören extrem gut, riechen noch besser, sehen gerade mal so gut wie wir. Keine Angst, solange wir sie nicht mit unseren Essenssachen anlocken oder erschrecken oder uns ihrem Jungen nähern, passiert nichts. Also, Rucksäcke runter. Wir lassen sie hier, nehmt nur die Schlafsäcke mit.« Er löste seine Hand von ihrer Hüfte und stellte ihren Rucksack am Boden ab. Dann knotete er den Schlafsack von den Halteösen los. Valentin und Mascha folgten seinem Beispiel. Kaum war er fertig, spürte sie wieder den festen Druck seiner Hand an ihre Hüfte. Kurz darauf war auch Valentin so weit und nahm seine Position ein. Sein Arm kreuzte Bastis in ihrem Rücken und sie legte die Arme auf ihren Schultern ab.

Mit dem ersten Schritt stimmte Basti das gleiche Wanderlied an wie am Nachmittag, als der vermeintliche Bär sich als Brigitta entpuppt hatte. Sie sang mit, hörte von hinten Maschas helle Stimme, von Valentin nur ein dunkles Summen. Sie spürte, wie er seinen Kopf nervös hin- und herdrehte, als hörte er überall verdächtige Geräusche. Sie konnte sich vorstellen, wie es in ihm arbeitete, auch sie lauschte auf jedes Geräusch, das ihr Gesang nicht übertönte. Bei der vierten Wiederholung des Liedes stoppte sie.

»Wir sollten umdrehen.«

»Jetzt?« Basti lockerte seinen Griff. »Noch ein paar Hundert Meter und wir haben den Weg erreicht. Selbst in dem Schneckentempo brauchen wir keine Viertelstunde mehr zur Notunterkunft!«

»Nie einem Bären folgen, schon gar nicht nachts! Der hört und riecht uns, lange bevor wir ihn sehen. Und wenn wir ihm zu nahe kommen, fühlt er sich von uns bedroht.« Luzie nahm Bastis Lampe und richtete sie auf einen Abdruck im weichen Waldboden. »Da. Schaut euch die Tatzenspuren an. Seht ihr den breiten Abdruck und vorne die Zehen und die Krallen? Wir gehen in die gleiche Richtung wie die Bären.« Sie schwenkte den Strahl der Taschenlampe über die Bäume. Eine Markierung, eindeutig Bärenkratzer, tauchte wie eine Warnung in ihrem Lichtschein auf. Allerhöchste Zeit umzudrehen. »Wir sind viel zu nah dran!«

»Was schlägst du vor?«, fragte Basti.

»Wir laufen zum Lift hoch und fahren runter. Und zur Not bleiben wir unten im Lifthäuschen.«

»Du willst in den Lift?«, protestierte Mascha ungläubig. »Hast du vergessen, was da eben passiert ist?«

»Er fährt doch wieder«, gab sie zurück.

»Aber wir wissen nicht, warum, und wieso er überhaupt angehalten hat! Und außerdem … es gewittert!«, rief Mascha aufgeregt. Vielleicht hatte sie wirklich Angst vor dem großen Unbekannten, der angeblich am Liftausstieg auf sie gelauert hatte. Vielleicht wollte sie aber auch nur nicht aufgeben, ohne die Spur ihrer Mutter verfolgt zu haben. Trotzdem konnten sie darauf jetzt keine Rücksicht nehmen.

Luzie seufzte. Auch wenn sie Mascha gerne helfen würde, sie mussten zuerst sich selbst in Sicherheit bringen. »Falls am Ausstieg jemand auf uns gewartet hat, ist der längst weg. Der hat doch nach zehn Minuten gespannt, dass wir nicht mehr kommen.«

»Und meine Mutter?«

Luzie zeigte auf ihren Fuß. »Spätestens morgen früh muss ich sowieso runter vom Berg.«

»Luzie hat recht«, mischte Valentin sich ein. »Heute können wir nichts mehr tun und einer Bärenspur im Dunklen zu folgen, halte ich für unverantwortlich. Mann, wenn was ist, kann Luzie nicht mal wegrennen.«

»Soll sie auch nicht.« Bastis Ton wurde belehrend, sein Griff an ihrer Hüfte so fest, als wollte er seine Zugehörigkeit zu ihr beweisen. »Was habe ich vorhin gesagt? Nicht wegrennen.«

»Du weißt, was ich meine«, sagte Valentin genervt.