Firewatch - Colin Hadler - E-Book

Firewatch E-Book

Colin Hadler

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Beschreibung

Robin kennt den Mörder seines besten Freundes. Und wenn die Polizei ihn nicht überführt, wird er es tun. Ein Jahr zuvor: Aaron übernimmt bei einem Ferienjob die Firewatch in einem kalifornischen Nationalpark. Stationiert im Firetower nebenan: Der gleichaltrige Schriftsteller Kian, der eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Aaron ausübt – obwohl er spürt, dass Kian etwas verbirgt. Für ihn verlässt Aaron heimlich seinen Posten – und kehrt nie zurück. Als die Ermittlungen eingestellt werden, fasst sein bester Freund Robin einen riskanten Plan: Er will Kian daten, um sein Vertrauen zu gewinnen und Aaron zu rächen. - Ein perfides Spiel um Tod, Liebe und Vertrauen – Suspense-Romance vom Feinsten! - Der neue Star am New-Adult-Suspense-Himmel: Wie kaum ein anderer verbindet Colin Hadler große Emotionen mit nervenzerreißender Spannung »Firewatch ist wie ein brennender Sommer: heiß, gefährlich und voller Twists, die einen bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen!« Antonia Wesseling

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Seitenzahl: 465

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

ROBIN KENNT DEN MÖRDER SEINES BESTEN FREUNDES.

UND WENN DIE POLIZEI IHN NICHT ÜBERFÜHRT, WIRD ER ES TUN.

 

Ein Jahr zuvor: Aaron übernimmt bei einem Ferienjob die ›Firewatch‹ in einem kalifornischen Nationalpark. Stationiert im Firetower nebenan: Der gleichaltrige Schriftsteller Kian, der eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Aaron ausübt – obwohl er spürt, dass Kian etwas verbirgt. Für ihn verlässt Aaron heimlich seinen Posten – und kehrt nie zurück. Als die Ermittlungen eingestellt werden, fasst sein bester Freund Robin einen riskanten Plan: Er will Kian daten, um sein Vertrauen zu gewinnen und Aaron zu rächen.

 

Suspense-Romance vom Feinsten: Ein perfides Spiel um Tod, Liebe und Vertrauen

Colin Hadler

Firewatch

Thriller

Für Elisabeth,

meine Sonne

PROLOG

Wenn er leben wollte, musste er auf diesen Turm. Er musste zu einem Verbandskasten. Dorthin, wo es stärkeren Empfang gab. Und er musste raus aus dem Wald.

Keuchend schleppte er sich aus dem Dickicht. Auf der Anhöhe war das Mondlicht verräterisch hell. Er ächzte und biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Es gelang ihm nicht wirklich. Die verzweifelten Laute pressten sich dennoch durch seine Schneidezähne.

Als er die Leiter erreichte, packte er eine Sprosse und wollte sich hochziehen, doch seine Wunde explodierte vor Schmerzen. Er schrie auf. Brach zusammen. Wimmerte.

Er versuchte es noch einmal, vergeblich. Seine Handflächen waren zu blutig und rutschten ihm von den Sprossen, und sein Blickfeld verengte sich, wurde schwarz. Schließlich blieb er am Boden.

Gequält lehnte er sich mit dem Rücken an einen der Holzpfosten und sah zum Wald. Da bemerkte er es: das fremde Licht. Es war ihm bis zur Anhöhe gefolgt und kam stetig näher. Bereit, die Sache zu Ende zu bringen.

Mit letzter Kraft streckte er seinen Rücken durch, um sich größer zu machen. Und während ihm die Tränen unaufhaltsam über die Wangen liefen, wanderte er mit dem Funkgerät zu seinem Mund.

»Kann mich …« Er schluchzte, seine Stimme brüchig. »Kann mich irgendjemand hören?«

Und es hörte ihn jemand.

Schon die ganze Zeit.

1HEUTE

Ich drohe zu ersticken, und es gibt tosenden Applaus.

Erst will ich die Enge in meiner Brust gar nicht wahrhaben. Ich schiebe sie auf das Lampenfieber und die körperliche Anstrengung. Nach dem Zwischenapplaus trete ich auf die Bühne; ich gehe auf die Knie und lasse Sand durch meine Finger rinnen, so wie geprobt.

Nicht zum Publikum schauen, ermahne ich mich. Die Nervosität muss mir vorhin einen Streich gespielt haben.

Doch egal, wie sehr ich auf mich einrede, die Enge bleibt. Sie hat sich in der ersten Hälfte in meinen Körper geschlichen, als ich durch die Reihen geblickt habe.

»Wir könnten aus Palmenblättern einen Hilferuf legen«, sage ich und klammere mich an meinen Text wie an einen Anker. Ich schaue zu Sarah, meiner Spielpartnerin. »Wenn ein Schiff vorbeikommt, werden sie uns retten.«

Sie schüttelt vehement den Kopf und zückt ein Messer. »Ich will jagen! Wir brauchen Fleisch!« In ihrem Haar stecken Zweige, und zusammen mit der Kriegsbemalung wirkt sie wild und bedrohlich.

»Nein, es sollten alle mit anpacken. Wir müssen Prioritäten setzen.«

»Prioritäten? Du weißt nichts über das Jagen! Du und deine dummen Regeln.«

Ich stehe auf und mache ein paar Schritte auf sie zu – die Bühne ist mit einem cremefarbenen Tuch überzogen, das den Strand darstellen soll. Hinter uns hängen grüne Stoffbahnen von der Decke, der Dschungel.

»Es geht nicht nur ums Jagen.« Ich atme tief durch. »Es geht darum, gerettet zu werden. Um nach Hause …« Mitten im Satz halte ich inne.

Es war nur ein Blick. Ein verdammter, kurzer Blick. Weil ich mir beweisen wollte, dass er nicht echt ist; dass er nicht wirklich zwischen all den Menschen sitzt und mich mit diesem leeren Gesichtsausdruck anstarrt. Aber er tut es.

Das kleine Theater hat bloß wenige Scheinwerfer; in der fahlen Dunkelheit erkenne ich ihn in der dritten Reihe. Unsere Blicke treffen sich, und sofort schießen mir Tränen in die Augen.

Aaron.

Die Haut seines Gesichts schält sich in Fetzen von seinem Körper; die Brandwunde erstreckt sich von seiner Stirn bis zu seinem Kinn. Aarons Mittelscheitel ist zerzaust, als hätte man ihm einige Büschel Haare ausgerissen. In seinem linken Auge ist eine Ader geplatzt, das Blut sickert durch das Weiß. Er ist vollkommen entstellt.

Die Enge in meiner Brust nimmt zu, lähmt mich. Ich bekomme kaum noch Luft. Niemand sonst scheint ihn zu bemerken.

»Du meinst, du willst nach Hause?«, höre ich Sarah dumpf die nächste Textzeile runterrattern. »Aber hier sind wir frei.«

Obwohl ich mich keinen Millimeter bewege, tobt es in mir. Ich will ihn anschreien, dass er mich im Stich gelassen hat, zehn verfluchte Monate lang. Und dann will ich mich entschuldigen, dass ich laut geworden bin – und über all die Dinge reden, über die wir immer geschwiegen haben, weil wir dachten, wir hätten noch Zeit. Ich will Tausende Dinge gleichzeitig, und ihn eigentlich nur in den Arm nehmen.

Ein Murmeln geht durch den Zuschauerraum. Wie in Trance nehme ich wahr, dass sich Sarah mir nähert. »Alles okay, Robin?«, wispert sie. Mein echter Name reißt mich aus meiner Starre.

Ich blinzele, schaue zu ihr, versuche, mich zu fassen.

»Das nennst du frei?« Die Worte kommen bruchstückhaft zu mir zurück. »Gestrandet auf einer Insel, ohne Hilfe. Wir müssen zusammenarbeiten, um zu überleben.«

Als ich erneut in das Publikum blicke, sitzt da jemand anderes auf seinem Platz. Aaron ist verschwunden.

 

-----

 

Nach der Aufführung wird mir auf die Schulter geklopft, Sarah lächelt mir zufrieden zu, als sie an mir vorbeigeht – aber ich bin wie in einem Tunnel. Der Umkleideraum leert sich. Die anderen gehen nach draußen ins Foyer, zu ihren Freunden und ihren Familien. Ich bleibe.

Reglos betrachte ich mich im Spiegel, als müsste ich kontrollieren, dass ich noch ganz bin; mein welliges braunes Haar, meine Sommersprossen, meine blassen Lippen. Und meine Tränen.

Auf der Bühne habe ich sie noch zurückgehalten; jetzt lasse ich sie einfach laufen, wehre mich nicht dagegen. Der Theaterkurs an meinem College war ein Safe Space für mich. Die Proben haben mich abgelenkt, mich in vereinzelten Momenten an etwas anderes denken lassen. Der Auftritt hätte mir gehören sollen.

In dieser Sekunde geht die Tür auf, und Haley betritt den Raum. »Hier bist du«, stößt sie erleichtert aus. »Ich hab dich überall gesucht. Warum …« Als sie meine Tränen sieht, verstummt sie. Schnell wische ich mir mit meinem Ärmel über die Wangen.

»Nicht«, sagt sie, und in ihrer Stimme liegt eine vertraute Wärme. »Ab jetzt werden wir die sammeln. Wenn du bald auf noch größeren Bühnen stehst, verkaufen wir deine Tränen für viel Geld.«

Unwillkürlich schmunzeln wir uns an. Sie nimmt mich in den Arm und streicht mir über den Rücken. »Du warst großartig.«

Als ich mich von ihr löse, schlucke ich. »Ich habe ihn gesehen, Haley. Im Publikum. Er … er hat so echt gewirkt! Und er war entstellt, sein Gesicht zerfetzt, blutig und …« Ich blicke hilflos durch die Umkleide, gerate beinahe wieder in Atemnot. »Er hat mich einfach nur angestarrt, mit diesem toten Gesichtsausdruck. Ich wusste nicht, was er von mir wollte … es war …«

»Schau mich an!« Haley packt mich an den Schultern. »Schau mich an, Robin!« Sie verstärkt ihren Griff. »Er war nicht hier. Das war nicht er, okay?« Trotz ihrer klaren Worte sehe ich, wie ihre Augen glasig werden. Wir beide gehen durch den gleichen Schmerz.

Haley, Aaron und ich waren unzertrennlich: eine Dreiergruppe, die so oft zusammen abgehangen hat, dass andere schon aufgestöhnt haben, wenn wir gekommen sind. Wir kennen uns von klein auf.

In Haleys glasigen Augen schimmern für mich all die vergangenen Erlebnisse: Die Museumsbesuche, wo wir uns für Kunstwerke bescheuerte Titel ausgedacht haben. Die Studentenpartys, auf denen Aaron Typen für mich angesprochen hat, die ich süß fand. Und die Morgen danach, in denen uns Haley als gelernte Barista mit literweise Kaffee versorgt hat.

Wahrscheinlich wird das nie wieder so sein.

»Geht schon«, murmle ich und richte mich auf. »Danke.«

Haley schnappt sich einen Piratenhut vom Garderobenständer neben ihr und zieht ihn sich über. »Jetzt tröste ich dich noch«, sagt sie. »Aber wenn der Tränenverkauf anläuft, darfst du keine Rücksicht mehr von mir erwarten.«

»Immer noch ganz die Geschäftsfrau«, erwidere ich und spüre, wie ich allmählich wieder zu mir komme.

Sie grinst aufmunternd, legt den Hut zurück und deutet zur Tür. »Sollen wir?«

Einige Minuten später spazieren wir durchs nächtliche Lancton. Haley begleitet mich nach Hause, wobei ich einen Umweg nehme.

Die Stadt ist nur eine halbe Stunde von dem Gebiet entfernt, in dem Aaron das letzte Mal gesehen wurde: dem Goldenfalls-Nationalpark, einem der vielen Naturschutzareale Kaliforniens. Er wurde dort von seinen Eltern zu einem Ferienjob verdonnert, von dem er nicht mehr zurückgekehrt ist.

Um nicht wieder in den Sog meiner Gedanken gezogen zu werden, versuche ich, mich abzulenken: »Neuer Haarschnitt?«, frage ich und stecke die Hände in die Tasche meines Pullovers, da ich immer noch leicht zittere.

»Ich hatte schon befürchtet, du fragst nie.« Haley wirft zufrieden ihren Kopf nach hinten. »Ich dachte, wenn ich als Kulturbanausin mal ins Theater gehe, mache ich mich wenigstens schick.« Sie hat sich ihre Haare etwas gestutzt, damit sie ihr nur bis zur Schulter gehen. Die silbergraue Färbung hatte sie schon zuvor.

Dass ihr schickes Auftreten eine Ausnahme ist, kann ich allerdings nicht bestätigen. Egal ob in ihrer Arbeit in der Bar oder privat, sie ist immer eine Erscheinung. Für den Abend heute hat sich Haley einen violetten Blazer rausgesucht, darunter ein weißes Shirt und eine lange schwarze Stoffhose.

»Sieht gut aus.«

»Apropos gut. Also … ihr habt wirklich toll gespielt, aber … das Bühnenbild?«

»Ich weiß gar nicht, was du meinst.« Ich grinse in mich hinein. »Strand, gelbes Tuch. Dschungel, grünes Tuch.«

»Beeindruckend.«

»Und wir hatten echten Sand!«

Sie hebt amüsiert die Augenbrauen. »Lass mich raten: Ihr musstet dafür sämtliche Sandkisten von Lancton plündern. Das Stück gesponsert von siebzehn weinenden Kindern!«

»Künstlerische Freiheit«, entgegne ich bloß und hake mich bei ihr ein.

Haley will mir gerade antworten, da bleibt sie stehen. Sie sieht nach vorne, dann zu mir – und ihre Gesichtszüge verhärten sich. »Robin«, seufzt sie und mustert mich. »Ich habe befürchtet, dass du diesen Weg gehen würdest.«

Ich schweige einige Augenblicke, bis ich flüstere: »Ich kann nicht anders.«

Das Theater liegt außerhalb des Stadtzentrums; in dieser Gegend kann man sich noch für relativ wenig Geld schöne Häuser leisten. Und in einem von ihnen lebt Aarons Mörder.

Wir befinden uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite, können ihm aber förmlich in die Küche sehen. Sein Anwesen ist nicht sonderlich groß, dafür stilvoll und modern – lang gezogene Fenster, ein gepflegter Garten. Es ist das einzige Haus in der Straße, in dem noch Licht brennt.

»Da drinnen ist er«, hauche ich zu Haley, auch wenn sie das natürlich weiß. »Auf freiem Fuß.«

In den zehn Monaten sind mir unzählige Szenarien durch den Kopf gegangen, was mit Aaron passiert sein könnte. Nahezu jedes hängt mit ihm zusammen: Kian Foster, Schriftsteller, fünfundzwanzig – also nur ein Jahr älter als ich. Aaron hat uns während seines Ferienjobs von ihm erzählt. In unserem letzten Telefongespräch hat er Andeutungen gemacht, dass mit Kian etwas nicht stimmt. Und kurze Zeit später war er spurlos verschwunden.

Aarons Leiche wurde nie gefunden. Faktisch gesehen kann ich gar nicht wissen, ob Kian tatsächlich ein Mörder ist. Es ist mehr ein Bauchgefühl. Und ein Teil in mir glaubt – oder besser gesagt: hofft –, dass Aaron noch lebt. Dass die Polizei endlich genug Beweise findet, Kian in Handschellen abführt und herausfindet, was er mit ihm angestellt hat. Ob Aaron irgendwo gefangen gehalten wird.

Kian ist der Einzige, der als Täter infrage kommt, zumindest was den Tatort und die Tatzeit betrifft. Was das Motiv angeht, habe ich keine Ahnung. Und das Schlimmste an der Sache ist, dass ich nichts anderes tun kann, als hasserfüllt auf sein Haus zu starren, während meine Hoffnung mit jedem Tag schwindet.

Ich schaue zu Haley, die mit derselben Abscheu auf das Licht blickt – doch sie zügelt sich und schüttelt den Kopf. »Ich verstehe dich«, flüstert sie. »Und glaub mir, wenn dieser Kian wirklich etwas mit Aarons Verschwinden zu tun hat, dann würde ich …« Sie atmet tief aus. »Nein. Das ist ein Abgrund, in den wir gar nicht schauen dürfen. Hörst du?«

Ich nicke und verschweige ihr, dass ich mich gefühlt schon längst in diesem Abgrund befinde.

Haley stupst mich liebevoll in die Seite. »Komm, lass uns weitergehen.«

 

-----

 

Als ich nach einer halben Stunde Fußweg meine Wohnung betrete, kommt mir abgestandener Geruch entgegen. Die Küche ist unaufgeräumt; Leo hat sein dreckiges Geschirr noch nicht abgewaschen und auch nicht den Müll runtergebracht, so, wie es ausgemacht war. Wenn das so weitergeht, werde ich nicht nur auf der Bühne Herr der Fliegen spielen müssen.

Genervt blicke ich zur angelehnten Tür meines Mitbewohners, aus der flackerndes Licht dringt und Schussgeräusche zu hören sind. Er zockt.

»Leo«, rufe ich. »Kannst du bitte …« Ein Maschinengewehr übertönt mich, und ich setze erneut an: »Kannst du bitte den Müll –«

»Ich hör dich nicht, sorry!«

Klar, denke ich und antworte: »Wenn du mich nicht gehört hättest, hättest du wohl kaum rea–«

»Ja?« Unerwartet öffnet er die Tür. Leo ist unrasiert und bloß mit einem Tanktop und Boxershorts bekleidet; mit seiner breiten Statur füllt er fast den gesamten Türrahmen aus. Sein Buzz Cut ist neu.

»Der Müll«, seufze ich.

Leo grinst. »Sag das doch gleich.« Er schnappt sich den Müllsack und bewegt sich Richtung Treppenhaus. »Ach ja, wie war die Aufführung?«

»Ist gut gelaufen.«

»Schön.«

»Ja, ich war –« Die Tür knallt zu, und Leo ist verschwunden. Ich verdrehe die Augen. Warum versuche ich es eigentlich?

»Hat mich echt gefreut, dich dort zu sehen«, murmle ich und mache mir einen Kaffee mit Hafermilch, da ich nach dem Vorfall heute sowieso nicht gleich einschlafen werde können. Vielleicht lese ich noch ein paar Seiten – vorausgesetzt, die Ballergeräusche von Leos Computerspiel treiben mich nicht komplett in den Wahnsinn. Ich wette, er hat seine Kopfhörer absichtlich zerstört.

Mit ihm zusammenzuziehen, war eine praktische Entscheidung. Als meine Eltern vor einem Jahr für die Arbeit nach Oregon gezogen sind, bin ich in Lancton geblieben. Haley hatte zu dieser Zeit bereits eine Wohnung und Aaron sein riesiges Kinderzimmer. Die Wahl ist also auf Leo gefallen.

Leo ist ein ehemaliger Schulfreund, wobei ich ihn vor meinem Einzug anders eingeschätzt hätte. Er lässt sich zwar gerade zum Polizisten ausbilden, ernährt sich aber ausschließlich von Tiefkühlprodukten. Als er einmal betrunken nach Hause gekommen ist, hat er unserer Mikrowelle sogar ein Brautkleid und einen Kussmund aufgemalt. Seit ein paar Monaten hat er eine Freundin, die ich noch nie zu Gesicht bekommen habe, und langsam frage ich mich, ob sie überhaupt existiert.

Aaron und er sind nie so richtig miteinander klargekommen – zwei Egos, die aufeinandergeprallt sind.

Bevor ich mich bettfertig mache, gieße ich noch meine Blumen: die Orchidee, die Kakteen und den Efeu, der in Körben von der Decke hängt. Dabei fällt mein Blick auf meine Fotowand, wie so oft in letzter Zeit.

Die meisten hätten die Aufnahmen von Aaron bestimmt abgehängt, ich nicht. Es ist gerade der Schmerz, der mich spüren lässt, dass ich am Leben bin und noch an ihm festhalte.

Melancholisch gehe ich die Fotos durch. Auf einem ist Leo in Uniform zu sehen, ich daneben. Auf einem anderen meine Eltern. Rechts davon eine Collage mit Halloween-Verkleidungen von mir als Kind: in einem Jahr als Fledermaus, im anderen als Turnschuh.

Das nächste: Haley, Aaron und ich in einer Fotobox auf unserem Abschlussball – Haley streckt die Zunge heraus, Aaron zeigt gespielt eitel seinen Bizeps, und ich grinse unbeschwert.

Etwas weiter hängen zwei Theaterkarten. Mein Lieblingsstück, in das ich bald mit Haley gehen werde. Meine Eltern haben sie mir letzte Weihnachten geschenkt.

Es fühlt sich gar nicht so an, als wäre ich mit Aaron und Haley bloß befreundet. Sie sind wie Geschwister. Wir hatten auch nie viele Gemeinsamkeiten; aber wir haben uns gefetzt, zusammen gefeiert, geweint, und manchmal auch stundenlang nichts getan. Aaron war der Partymensch von uns, Haley die Realistin, und ich …

Ich lächle schwach.

Aaron hätte jetzt gesagt, ich wäre der Träumer. Der hoffnungslose Weltverbesserer. Der Künstler. Er hat mehr in mir gesehen als ich selbst. Aaron war der Bruder, den ich mir immer gewünscht habe.

Ich nehme mir ein Foto von der Wand, auf dem nur wir beide sind, Arm in Arm, auf einem Flugplatz. An dem Tag habe ich ihn von einem Fallschirmsprung abgeholt. Für Aaron konnte kein Erlebnis extrem genug sein. Ich schätze, er hat diese Grenzerfahrungen immer gebraucht, um sich zu spüren. Weil er das bei seinen Eltern nie konnte. Sie waren meist beruflich unterwegs – und auch sonst war er nur dann ihr vorzeigbarer, geliebter Sohn, wenn er Leistungen erbracht hat. Obwohl er schon damals ein Rebell war, hat ihn das nie ganz kaltgelassen.

Aaron war mit seinem Zynismus und seinen provokanten Kommentaren auch nicht sonderlich beliebt, weder in der Highschool noch auf dem College. Die Leute sind auf seine Partys gegangen, haben aber hinter seinem Rücken schlecht über ihn geredet.

Sie hatten keine Ahnung, wie er in Wirklichkeit war. Wie empathisch, wenn es darauf ankam – vor allem bei seinem leiblichen Bruder Jack.

Zugegeben: Aaron hat auch nicht viele an sich rangelassen. Zumindest emotional. Was das Körperliche anging, kannte er dagegen keine Hemmungen.

Als ich ihn mir so anschaue, blitzt immer wieder sein entstellter Geist vor mir auf, der in der Aufführung gesessen hat. Die Fetzen. Das Blut. Sein leerer Gesichtsausdruck.

Erschöpft reibe ich mir die Augen und beiße die Backenzähne aufeinander, kann aber nicht aufhören, auf das Foto zu starren.

Ach, Aaron …

Was zur Hölle ist nur mit dir passiert?

2DAMALS

Goldenfalls-Nationalpark, Kalifornien

Zehn Monate zuvor

Aaron konnte seinen Blick nicht von der Bärenfalle losreißen, die er auf einem Spaziergang durch die Wälder entdeckt hatte. Am Fuße des Berges, auf dem er stationiert war, glänzte sie in der Vormittagssonne. Es war eine Todesfalle; ein ovales Metallgerüst mit eisernen Zähnen, die sich tief in das Fleisch von jedem Tier graben würden, das den Mechanismus auslöste.

Er wusste nicht viel über die Jagd, aber sehr wohl, dass dieses Scheißding seit Jahren verboten war – was die Frage in den Raum warf, wer sie hier aufgestellt hatte. Und wieso? Einen Bären zu jagen, war schließlich nichts, was man einfach so machen konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

Aaron schaute sich suchend um. Es war ein verstörender, aber gleichermaßen faszinierender Kontrast. Die Natur des Nationalparks war eine Idylle: mächtige Baumriesen mit weitreichenden Verzweigungen, Wurzeln so dick wie Arme, der harzige Geruch von Pinien und Wacholder, und das Säuseln der Nadeln und Blätter. Die Falle dagegen war pures Leid.

»Park-Control, hier ist Firetower One. Over«, meldete Aaron in sein Funkgerät, den Blick auf die Reißzähne geheftet.

»Firetower One, Park-Control, Grace spricht. Was gibt es? Over.«

»Ich habe eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht. Etwa eine Meile südlich vom Maple River. Over.«

»Aaron … ich habe dich doch gebeten, dich nicht zu weit von deinem Turm zu entfernen.« Er hörte die Rangerin über das Funkgerät seufzen. »Was ist es denn?«

»Eine Bärenfalle.«

»Eine was?!« Graces Stimme war so oder so schon ziemlich rauchig, doch ihr Ausruf war nicht mehr als ein Krächzen. »Welcher Penner … entschuldige mich …« Das Funkgerät knackste. »Sende mir bitte deine Koordinaten. Ich schicke jemanden, okay? Und, Aaron … fass nichts an und geh zurück in deinen Turm. Over.«

Zu Befehl, My Lady, dachte sich Aaron und gab ihr die Koordinaten durch. Danach machte er sich widerwillig auf den Weg zurück.

Es war erst eine Woche her, seit der Job begonnen hatte – und Aaron wusste nicht, wie er ihn noch weitere zwei Monate aushalten sollte.

Nachdem er ein Stück gegangen war, sah er von der Ferne seinen Fire-Lookout-Tower. Das Gebäude thronte an der Spitze des Berges und überragte die Wildnis des Nationalparks wie ein wachendes Auge.

Der Turm war auf robusten Planken errichtet, und eine steile Leiter führte zur erhöhten Aussichtsplattform; das Holz hatte im Laufe der Jahre eine honigbraune Patina angenommen. Im Grunde war es ein Haus – bestehend aus einem einzigen Zimmer und einem Balkon, der sich um das ganze Gebilde zog. Auch auf den Außenseiten des Turms erstreckten sich breite Fensteröffnungen, die den Panoramablick auf die Gebirgsketten und Wälder freigaben. Der lästige Nebeneffekt bestand für Aaron darin, dass ihm jeder Vogel beim Masturbieren zuschauen konnte.

Vor ein paar Monaten hatte er den Job des Fire-Observers selbst noch nicht gekannt: die ehrenwerte Aufgabe, den ganzen Sommer in dieser Legebatterie zu hocken und jede halbe Stunde zu checken, ob es irgendwo rauchte. Tatsächlich waren in Amerika bloß wenige Firetower überhaupt noch in Betrieb, da sie zunehmend durch moderne Technik ersetzt wurden. Im Goldenfalls-Nationalpark gab es noch zwei.

Aaron befürchtete aber, dass das mit der modernen Technik nur ein Vorwand war und alle Fire-Observer schlichtweg an Langeweile verreckt waren und sich kein neues Personal mehr finden ließ.

Er selbst war notgedrungen wegen seiner Eltern da. Aarons Leistungen im College hatten stetig nachgelassen, und nach dem Vorfall am Fluss in Lancton hatten sie ihn hierhergeschickt. Per Eilpost verfrachtet. Wenn seine Eltern auf ein Problem stießen, schoben sie es gern ab, um sich nicht darum kümmern zu müssen. Und Aaron war das Problem, nicht nur in diesem Fall.

Diesen Sommer solle er sich vernünftige Gedanken über sein Leben machen und nebenbei fürs College lernen – wobei sein einziger Gedanke bis jetzt darin bestand, sich die Gesichter seiner Eltern auszumalen, sollte er ironischerweise selbst durch einen Waldbrand ums Leben kommen. Todesursache: Nickerchen am Nachmittag.

Hätte Aaron den Ferienjob allerdings abgelehnt, hätten sie ihm den Geldhahn zugedreht. Und das wollte er ehrlicherweise auch nicht. Dann doch lieber auf die Studentenpartys verzichten, seine Strafe absitzen und das Beste draus machen.

Immerhin hatte er eine Kaffeekanne im Tower, auch wenn die Brühe nicht einmal halb so gut war wie die von Haley. Er stellte das Wasser zum Kochen auf und schaute auf die Uhr: 10:47.

Toll.

Es waren gefühlt zwei Minuten vergangen, seit er das letzte Mal draufgeschaut hatte. Aaron blickte sich weiter um, dabei war der Innenraum des Turms genauso leer wie sein Energievorrat; ein schmales Bett, ein Schreibtisch und eine Küche, wobei er sich schon die ganze Woche von Dosenfutter ernährte. In der Mitte gab es dann noch das Herzstück, den Osborne-Fire-Finder.

Das Gerät bestand aus einer drehbaren, kreisrunden Karte mit einem Kompass, auf der die Topografie des Geländes sowie einige Orientierungspunkte eingezeichnet waren. Damit konnte man, im Ernstfall, den genauen Standort eines Feuers bestimmen.

Als sich Aaron ein paar Minuten später auf den Balkon setzte und an seinem Kaffee nippte, kehrte die Energie langsam zu ihm zurück. Trotz der Langeweile musste er sich eingestehen, dass der Ausblick etwas ganz Besonderes war. Er fühlte sich wie in einem Cockpit.

Der Goldenfalls-Nationalpark machte seinem Namen alle Ehre; rechts und links vom Tal ragten Felsformationen in die Höhe, und selbst von hier konnte er einige Wasserfälle glitzern sehen. Das Sonnenlicht brach sich hinter den baumwollartigen Wolken und durchflutete die Landschaft mit goldenem Licht.

Durch das Tal schlängelten sich die Baumformationen – die Mammutbäume, Waldkiefern und Eichen. Es war ein grünbrauner Fluss an Wipfeln und Ästen, oder, wie Grace es bei seiner Einführung genannt hatte: ein riesiger Haufen Zunder.

In der Stille musste Aaron unerwartet wieder an die Bärenfalle denken.

11:28 – Als er am Himmel den größten Vogel seines Lebens entdeckte, verschüttete er beinahe seinen Kaffee. »Verdammt, wer bist du denn?«, zischte Aaron und stürmte ins Innere, um sein Fernglas zu holen. Er umkreiste den Balkon und verfolgte das Tier fasziniert mit seiner Linse. Es war ein Goldadler.

Aaron hatte noch nie einen in echt gesehen.

»Krass, bist du schön«, flüsterte er und erschrak selbst darüber, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte. »Liebes Tagebuch«, nuschelte er sarkastisch, und der Adler wurde zu einem kleinen Punkt am Horizont. »Langsam fange ich also damit an, mit mir selbst zu reden. Mein psychischer Zustand lässt zu wünschen übrig. Ich gebe mir höchstens noch ein paar Tage, bis ich anfange, aus meinen Beinhaaren ein Armband zu flechten, oder versuche, aus den Blättern eines Mammutbaums einen Joint zu drehen. Vielleicht kann ich mich aber auch retten, und ich werde eins mit der Natur. Und wie in einem schlechten Hollywood-Film strecke ich dann die Arme aus und fange voller Inbrunst an zu schreien.« Aaron grinste bei dem Gedanken. »Ach was, warum ein paar Tage warten?« Er trat näher an das Geländer, streckte seine Arme aus und ließ einen lauten Schrei los. Zu seiner Überraschung fühlte es sich irgendwie befreiend an. Von weiter weg hörte er den Ruf eines Vogels – vielleicht sogar den des Adlers –, und sein Grinsen wurde noch breiter.

12:07 – Da es an dieser Stelle des Nationalparks keinen Empfang gab, hatte Aaron im Vorhinein Songs heruntergeladen und eine Musikbox samt Powerbank mitgebracht. Er tanzte über den Balkon und stellte sich dabei vor, in einem prall gefüllten Club zu sein, Körper an Körper. Weil die Sonne nun hoch oben stand und ungefiltert auf den Tower knallte, zog er sein Shirt aus. Oberkörperfrei tanzte er zu Snap! und La Bouche.

13:21 – Aaron stieg vom Firetower und ging zur Wetterstation – ein Stahlschrank, der ungefähr so groß war wie er. Etwa hundert Meter weiter stand das Plumpsklo.

Nach und nach ging er alle Messgeräte durch; vom Thermometer bis zum Barometer, hin zum Anemometer. Vor dem Ferienjob hatte er maximal seinen Alkoholpegel bei der Polizei messen müssen, und jetzt volles Programm. Es war einer der wenigen Fixpunkte am Tag – morgens, mittags und abends.

Der Anstieg des Luftdrucks konnte auf Wetterveränderungen hinweisen, die das Risiko von Waldbränden erhöhten. Genauso wie die Windgeschwindigkeit. Aus allen Parametern ergab sich dann eine Gefahrenstufe; ein Indiz, ob es ein stressfreier Tag werden würde. Oder eben nicht.

»Firetower One; bereit zum Wettercheck. Over.«

»Park-Control, Grace, ich höre.«

»Die Temperatur liegt bei 79 Grad Fahrenheit, bei einer Luftfeuchtigkeit von 30 Prozent. Die Windgeschwindigkeiten sind moderat, zwischen fünf und zehn Meilen pro Stunde; keine extremen Wetterbedingungen in Sicht. Gefahrenstufe ist erhöht.«

»Danke dir, Aaron. Over and out.«

13:52 – Dosen-Ravioli.

14:28 – Bei einem Routinescan über die Wildnis hielt Aaron kurz inne, als der zweite Turm in sein Blickfeld kam. Er befand sich am anderen Ende des Nationalparks und war nur vage mit dem Fernglas zu erkennen. Dort stationiert: Kian Foster.

Aaron wusste nicht, wer er war oder wie er aussah – aber er hörte gelegentlich seine Stimme, wenn Kian mit der Zentrale funkte. Sie war kraftvoll, tief, und trotzdem irgendwie sanft; Aaron hing an seinen Worten.

Er hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, ihn anzufunken, hatte es aber doch immer gelassen. In der Einsamkeit lechzte man nach Kontakt wie nach einem Tropfen Wasser in der Wüste.

Wenn Robin und Haley hier gewesen wären, hätten sie eine Menge Spaß gehabt. Sie hätten die Bude ordentlich auf den Kopf gestellt.

Oder sein jüngerer Bruder Jack. Obwohl einige Jahre zwischen ihnen lagen, waren sie ein eingespieltes Team. In der Vergangenheit hatte es genug Momente gegeben, in denen sie nur einander gehabt hatten, und auch wenn Aaron vieles in seinem Leben schleifen ließ, wollte er für ihn da sein. Dass er durch seinen Zwangsaufenthalt hier Jacks sechzehnten Geburtstag verpasste, würde er seinen Eltern nie verzeihen.

Social Media ging Aaron sonderbarerweise weniger ab, wobei er sich aus Gewohnheit immer noch mit allerlei Dingen verglich: Bizepsvergleich mit Baumstämmen, Schwanzvergleich mit Tannenzapfen und Schönheitsvergleich mit einem Stück Felsen, den er, als alleiniges Mitglied der Jury, immer gewann.

15:33 – Nichts, absolut nichts.

16:12 – Aaron lag lang gestreckt auf seinem Stuhl und war kurz davor einzuschlafen. Leise hörte er das penetrante Summen einer Mücke, sonst war es ruhig.

Alles änderte sich in einer einzigen Sekunde.

Aaron neigte den Kopf und schreckte unvermittelt hoch, und auch sein Puls schoss in die Höhe.

In der Ferne sah er eine Rauchwolke.

3HEUTE

»Du warst am Handy ziemlich kryptisch. Ist was passiert?« Haley zieht die Glasschale mit Nüssen zu sich und schiebt sich eine in den Mund. Wir haben uns im Bullseye verabredet, dem Lokal, in dem sie angestellt ist.

Da alle anderen Tische schon belegt waren, haben wir uns an die Theke gesetzt und warten nun auf unsere Getränke. Haleys Kollege an der Bar – ein Austauschstudent aus Neuseeland – ist maßlos überfordert. Ich spüre, wie es meiner besten Freundin in den Fingern juckt, ihm den Cocktailmixer aus der Hand zu reißen und mitzuhelfen. Aber sie hat heute frei.

Nach Aarons Verschwinden ist es zu einem wöchentlichen Ritual geworden, dass wir uns hier treffen und über Zeiten reden, in denen wir noch zu dritt waren.

»Robin?«, hakt sie nach und sieht mich besorgt an. Dabei muss sie das diesmal gar nicht sein. Ich bringe zwar kein Wort heraus, innerlich bin ich mir aber sicherer denn je.

Das Erlebnis bei der Aufführung hat die letzten Tage noch an mir genagt. Am nächsten Morgen hat mein Gesicht angefangen zu brennen, als würde sich auch meine Haut von meinem Körper schälen wollen – und in meiner Erinnerung nimmt der leere Blick von Aaron vorwurfsvolle Züge an. Als würde er mich für sein Verschwinden verantwortlich machen.

Doch jetzt ist da keine Trauer mehr.

In mir hat sich etwas verändert. Die Melancholie, die mich zuvor wie ein Parasit befallen hat, ist zu Entschlossenheit mutiert. Allein wenn ich daran denke, was ich vorhabe, spannt sich alles in mir an, und ich fühle mich getrieben.

»Leo hat heute in der Polizeischule etwas erfahren«, bringe ich schließlich hervor, und die Gedanken, die mir seitdem durch den Kopf gegangen sind, bündeln sich. »Er hätte es mir noch nicht sagen dürfen, aber …« Ich atme tief durch. »Sie haben die Ermittlungen in Aarons Fall eingestellt.«

Haleys Gesichtszüge entgleisen. »Nein«, flüstert sie. »Nein! Warum …« Sie verstummt, redet nicht weiter – weil wir genau wissen, warum.

Es ist bald elf Monate her. Die Polizei von Lancton hat Suchaktionen durchgeführt, Fernsehaufrufe, Nachforschungen. Alles vergeblich. Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch gefunden wird – dass Aaron tatsächlich lebt –, ist unfassbar gering.

Aber nicht gleich null.

»Das muss ich erst einmal verdauen.« Haley blickt zerstreut zur Bar. »Wir brauchen definitiv unsere Drinks.« Da die Cocktails noch immer nicht gekommen sind, ruft sie ihren Kollegen, doch der rüttelt gerade verzweifelt an der Eiswürfelmaschine und scheint sie nicht zu hören. Haley seufzt. »Vergiss es.« Mit den Händen stemmt sie sich auf die Theke und mit einer eleganten Bewegung schwingt sie sich auf die andere Seite.

Perplex hebe ich meine Augenbrauen.

»Was denn?«, fragt sie. »Sollen sie mich feuern?« Geschickt fängt Haley damit an, unsere Getränke zu mischen; auch ohne Ausbildung fällt mir auf, dass sie deutlich mehr Alkohol in die Drinks kippt als normal.

Sie schiebt mir meinen Caipirinha zu. Haley selbst hat sich eine Moscow Mule gemacht – erst mustert sie das Glas, dann mich. »Es war abzusehen«, murmelt sie. »Aber es fühlt sich falsch an. Sie können Aaron doch nicht einfach so aufgeben.«

Ich nicke nachdenklich und drifte mit meinem Blick ab. Die Einrichtung des Bullseye ist gleichermaßen modern wie altmodisch; eine Zusammenstellung aus dunklem Holz und hellem Marmor, und von der Decke baumelnden Glühbirnen, die an Rohren befestigt sind.

Währenddessen wühle ich in meinem Kopf – auf der Suche nach irgendetwas, das mich von meiner Idee abbringen könnte. Ein Gedanke, eine Emotion. Doch da ist nichts.

»Dein Blick gefällt mir nicht«, bemerkt Haley zögerlich.

Ich wende mich wieder zu ihr um, und mein Herz setzt eine Sekunde aus, als ich sage: »Ich werde versuchen, mich an Kian ranzumachen.«

Haley prustet einige Schlucke Moscow Mule auf die Theke. Sie verschluckt sich, hustet, greift nach einer Serviette.

»Geht’s?«, frage ich.

»Bitte sag mir, dass ich mich verhört habe.« Haley fixiert mich ungläubig. »Du willst was?!«

In der damaligen Pressekonferenz hat der zuständige Officer gemeint, Aaron wäre in einem anderen Turm gewesen, bevor er verschwunden ist. Und es gab nur den von Kian. Der einzige Zeuge. Wovon die Behörden allerdings nichts wissen, sind die Zweifel, die Aaron ihm gegenüber hatte. Irgendwie hat er schon gespürt, dass mit Kian etwas nicht stimmt. Aber er hat sich blenden lassen.

Als mir Leo heute Vormittag erzählt hat, dass die Polizei die Ermittlungen einstellt, ist mir eine Sache klar geworden: Es gibt da niemanden mehr, der nach ihm sucht. Und deswegen muss ich es tun.

Aaron war derjenige, der mich immer aus meiner Komfortzone holen wollte. Es fühlt sich geradezu schicksalhaft an, diese Rolle für ihn einzunehmen, nicht aufzugeben. Vielleicht hätte ich das schon viel früher machen sollen.

»Haley.« Meine Stimme ist überraschend fest. »Ich will mich nicht bis an mein Lebensende fragen, was mit Aaron passiert ist. Die Ungewissheit frisst mich sonst auf. Ich muss wissen, was Kian mit ihm angestellt hat!« Und ihn hinter Gitter bringen.

»Du denkst, er wird es dir einfach sagen? Wie stellst du dir das überhaupt vor? Wirst du bei ihm anklopfen und erwarten, dass er dir sein Herz ausschüttet?«

»Du hast recht«, meine ich. »Er wird es mir nicht gleich sagen. Vielleicht auch gar nicht. Aber wenn ich Zutritt zu seinem Haus habe, kann ich mich selbst auf die Suche nach Hinweisen machen. Ich werde ihm nicht verraten, dass ich Aaron kenne. Es geht bloß darum, sein Vertrauen zu gewinnen. Damit er unaufmerksam wird.«

Haley stützt ihre Arme auf der Theke ab, beugt sich vor. »Wenn ich dir so zuhöre, klingt das, als würdest du wollen, dass er sich in dich verliebt!« Ich werfe ihr einen vielsagenden Blick zu, und sie schüttelt vehement den Kopf. »Verdammt, Robin! Du willst, dass er sich in dich verliebt!«

»Das wäre der Jackpot.«

Allmählich scheinen die vollen Dimensionen meines Plans zu ihr durchzusickern. Sie ext ihre Moscow Mule, verzieht das Gesicht und atmet hörbar aus.

»Es ist wie ein Theaterstück, Haley! Und du hast doch gesagt, ich kann gut spielen.«

»Auf der Bühne, Robin! Das ist was komplett anderes! Du hattest noch nie eine richtige Beziehung und willst jetzt jemanden daten, den du eigentlich hasst?!«

»Ich werde vorsichtig sein, versprochen! Es braucht nur eine passende Situation, in der ich ihm begegne. Dann werde ich Interesse vorheucheln. Vielleicht ergibt sich eine Freundschaft. Vielleicht verliebt er sich. Im Grunde ist das egal. Hauptsache, ich komme ihm näher!« Ich muss demjenigen schmeicheln, den ich auf der ganzen Welt am meisten verabscheue. Nur so gelange ich an die Wahrheit. »Sobald ich die nötigen Beweise habe, gehe ich zur Polizei! Oder zu Leo.«

»Er weiß, was du vorhast?«

»Nein, natürlich nicht.«

Sie schnauft. »Das ist viel zu gefährlich. Kian ist ein potenzieller Mörder! In jedem Fall ein Psychopath! Ich … ich kann das nicht zulassen.«

»Hör auf! Du bist nicht meine Mom!«

Haley stockt. Ich begreife selbst, dass ich zu laut geworden bin; die ersten Gäste drehen schon ihre Köpfe in unsere Richtung. In Haleys Augen sehe ich die Kränkung.

Als sie volljährig geworden ist, hat sie beide Eltern bei einem Autounfall verloren – und das war ein geschmackloser Kommentar von mir.

»Tut mir leid«, sage ich, diesmal ruhiger. »Tut mir leid! Aber … ich muss es versuchen. Selbst wenn es nicht klappt und Kian mich abweist, habe ich zumindest alles, alles in meiner Macht Stehende getan, um Aaron zu retten! Ich könnte sonst nie meinen Frieden damit schließen.«

Haley sieht mich lange an, prüfend. In der Zwischenzeit wird unsere Bestellung gebracht, doch wir rühren die Drinks nicht an.

Ich spüre, wie sie mich zu verstehen beginnt. Wie Haley realisiert, dass wir gar keine andere Wahl haben – dass wir sonst, jetzt, hier in der Bar, unsere Hoffnung endgültig begraben müssten. Und das wollen wir beide nicht.

»Wenn ich dich schon nicht davon abbringen kann«, flüstert sie, »dann lass mich dir wenigstens helfen.«

Aus einem Impuls heraus umarmen wir uns, über die Theke hinweg. »Du bist wahnsinnig, Robin«, haucht sie in mein Ohr. »Du bist verdammt noch einmal wahnsinnig geworden. Aber weißt du …« Sie löst sich wieder, ihre Augen feucht. »Aaron hätte das Gleiche auch für dich getan.« Haley schnappt sich ihr Getränk, und ich mir meines.

»Auf Aaron«, sage ich, und wir stoßen an.

Ich werde ihm also bald begegnen, dem Menschen, der hinter deinem Verschwinden steckt.

Und ich schwöre dir, Aaron, ich werde beweisen, dass er schuldig ist.

4DAMALS

Aarons Hand schnellte zum Funkgerät, doch Kian Foster kam ihm zuvor.

»Park-Control, hier ist Firetower Two, ich habe einen Brand gesichtet. Bitte um Bestätigung. Over.«

»Firetower Two, Grace spricht; schieß los!«

Als Kian seine Daten übermittelt hatte, klinkte sich Aaron in das Gespräch ein, um die Koordinaten abzugleichen. Es war das erste Mal, dass er aktiv mit Kian kommunizierte.

Eine Viertelstunde später durchbrach das mächtige Brummen des Löschflugzeugs die Stille – Aaron schaffte es gerade noch nach draußen, als es knapp über seinen Firetower hinwegpreschte. Und auch wenn der Brand viel zu weit weg war, konnte er ihn förmlich in seinem Nacken spüren.

Gebannt verfolgte Aaron das Flugzeug, so wie davor den Goldadler. In diesem Augenblick hätte er alles dafür gegeben, selbst in der Maschine sitzen zu dürfen; tiefer in das Tal zu fliegen, an den Baumkronen und Felsen vorbei.

Aaron schnappte sich sein Fernglas und beobachtete, wie das Flugzeug das orange Flammschutzmittel über dem Nationalpark entleerte. Es sah seltsam bunt und knallig aus, wie ein von Pestiziden verseuchter Wasserfall.

Obwohl es ein Ausnahmezustand war – die Feuerwehrmänner brauchten vier Stunden, bis sie den Brand vollständig löschen konnten –, fühlte sich Aaron beflügelt. Das Adrenalin durchströmte ihn wie ein reißender Fluss.

23:12 – Aaron schlief mit dem Gedanken ein, ob Kian wohl gerade noch wach war und in den sternenübersäten Himmel schaute.

 

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Am nächsten Morgen war von dem Adrenalinschub keine Spur mehr, und die Einsamkeit kehrte heftiger zurück denn je. Aaron zog seine dünne Decke näher zu sich heran und vergrub sich in ihr, atmete flach in den weichen Stoff.

Nach dem ersten Kaffee setzte er sich auf seinen Stuhl am Balkon, oberkörperfrei, das Funkgerät fest mit den Fingern umschlossen. Der einzigartige Ausblick war gleich einzigartig wie gestern. Und vorgestern. Und vorvorgestern.

Und die Zeit verging. Minute für Minute für Minute.

Dabei wuchs ein Bedürfnis in ihm, bis er es nicht mehr ignorieren konnte: Er wollte Kian anfunken. Bei dem Kontakt gestern hatte er Blut geleckt. Das kurze Gespräch hatte ihn aus dem monotonen Alltag geholt, und er wollte noch nicht akzeptieren, dass es vorbei war.

Aaron war kein nervöser Mensch, am College fiel es ihm nie schwer, vor Menschenmengen zu sprechen oder eine Gruppe anzuleiten, doch als er jetzt mit dem Mikrofon zu seinem Mund wanderte, war da eine merkliche Anspannung.

»Firetower Two?«, fragte er, ärgerte sich aber sofort darüber, Kian nicht mit seinem Namen angesprochen zu haben.

Erst war da nichts, nur das Rauschen der Blätter und sein Herzschlag. Dann knackte das Funkgerät, und seine Atmung wurde instinktiv schneller. »Ich bin hier.« Kians tiefe, sinnliche Stimme. »Aaron, oder?«

»Ja, richtig. Aus dem anderen Firetower. Ich dachte, ich melde mich mal bei dir, weil …«

Weil es in dieser verfluchten Weite nichts anderes gibt als Wald, Berge und deine erotischen Funksprüche, dachte er sich. Die Wahrheit konnte er ihm wohl schlecht sagen – aber das musste er gar nicht, denn Kian kam ihm wieder einmal zuvor: »Ich verstehe dich.«

Aaron lächelte, weil er keine Ahnung hatte, was genau Kian verstand, aber das machte auch eigentlich keinen Unterschied.

»In der ersten Woche gleich ein Feuer, was?« Er schaute zum Waldabschnitt, in dem gestern noch die Rauchfahne zu sehen gewesen war.

»Kam ziemlich überraschend.«

Aaron atmete tief durch; dieser leichte Kitzel, der ihm bei jedem Wort von Kian über den Rücken lief, war das, wonach er gesucht hatte. »Was treibt dich hierher? In die Wildnis?«

»Verzweiflung.«

»Wie poetisch.« Aaron setzte ab, und auch wenn er keinesfalls spirituell war, konnte er nahezu spüren, dass Kian schmunzelte.

»Mit der Poetik hast du gar nicht so unrecht. Ich … ich bin Schriftsteller. Aber ohne Ideen. Ich hatte mir erhofft, dass mit der Einsamkeit auch die Inspiration kommt. Und das tut sie … aber nicht sonderlich schnell. Als würde sie auf Krücken gehen oder so.« Kian hielt einen Moment inne. »Und ich liebe die Natur. Alles daran. Aber ja, genug von mir. Warum bist du hier?«

»Das … ist kompliziert.«

Kian lachte. »Ach ja? Du weißt aber schon, dass Smalltalk nicht so viel Sinn macht, wenn man keine Fragen beantwortet.«

»Ja … Smalltalk ist auch kompliziert.« Aaron grinste ins Funkgerät und wunderte sich in derselben Sekunde, dass er Hemmungen hatte, gewisse Dinge zu sagen. Das war er nicht von sich gewohnt. Aaron schüttelte sich durch. Stell dich nicht so an, dachte er sich. Du kennst den Typen doch gar nicht. »Wie siehst du aus, Kian?«

»Wie ich aussehe?« Er klang verdutzt – als hätte er nach der ausweichenden Antwort nicht so eine offensive Frage erwartet, aber als würde sie ihm auch irgendwie gefallen. »Dunkelbraune Haare, fast schwarz. Blaue Augen, fast grau. Andere meinen, ich hätte ein kantiges Gesicht; ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Hier im Tower habe ich mir einen Dreitagebart wachsen lassen. Und über andere Behaarungen zu reden, würde jetzt vermutlich zu weit gehen.« Aaron konnte schwören, Kians Zwinkern gehört zu haben. »Aber wenn du es genau wissen willst, lehne ich gerade mit einer Gummienten-Badehose an meinem Turm, obwohl ich mir die hätte sparen können. Und du?«

»Hellbraune Haare, fast blond. Meistens trage ich sie zu einem Mittelscheitel. Dass mir andere sagen, mein Gesicht wäre kantig, hätte ich gern, aber leider sind sie ehrlich. Auch mein Bartwuchs lässt zu wünschen übrig, was übersetzt so viel heißt wie: Ich habe keinen.«

»Klingt irgendwie deprimiert.«

»Nein, keine Sorge. Ich bekomme auch viele Komplimente.«

»Für was?«

»Für meine Lippen. Und meine grünen Augen.«

»Grün wie der Wald?«

»Eher wie eine Echse. Flink, listig und stechend. Was mein Outfit angeht … für ein Shirt war es mir heute definitiv zu heiß. Und …« Er verstummte.

»Und?«

Aaron zögerte, sagte dann aber: »Ich habe noch ein Tattoo. Auf meinem Arm.«

Kian wartete merklich darauf, dass er weitersprach, doch das tat er nicht. »Willst du, dass ich dich frage, welches?«

Aaron schwieg weiterhin, sein Grinsen wurde breiter.

»Okay. Welches?«

»Ein Papierflugzeug.« Pause. »Seltsam, das einem komplett Fremden anzuvertrauen, aber … ich finde die Vorstellung spannend, Pilot zu sein. In jedem Land neue Leute kennenzulernen, alles zu erleben, nicht eingesperrt zu sein wie in diesem Turm. Und die Welt und ihre Probleme werden mit einem Mal unbedeutend, wenn man hoch oben ist.« Stattdessen studierte Aaron Political Science und wohnte im Haus seiner Eltern. Während seiner Vorlesungen hatte er oft die Sehnsucht, einfach abzuhauen. Er war noch nie außerhalb von Amerika gewesen. Seine Eltern würden das nicht erlauben, und er brauchte ihr Geld. Und immerhin blieb ihm die Sehnsucht. »Warst du schon einmal auf einem anderen Kontinent?«

»Ja, ein paar Mal. In Australien zum Beispiel, da hatte ich eine Spinne im Hotelzimmer, die war so groß wie meine Hand.«

»Ich meine …« Aaron legte seine Stirn in Falten. »Da du es bei deiner Personenbeschreibung gewagt hast, die Größe deiner Hand mit keinem Wort zu erwähnen, kann das jetzt alles bedeuten.« Amüsiert hievte er seine Beine auf das Geländer und überkreuzte sie. »Du hast gesagt, du schreibst?«

»Ja, ich versinke gern in den Welten anderer. Sonst hält man es in Lancton auch schwer aus.«

»Lancton? Das ist ja ein Zufall, da wohne ich auch.«

»Ich war aber viel unterwegs die letzte Zeit.«

»Wieso?«

»Beruflich.«

»Als Autor sitzt man doch meistens herum, oder nicht?«

»Es … ist kompliziert.«

Dieser gewiefte Mistkerl, ging es Aaron durch den Kopf, und er lächelte. »Ich bin mir sicher, im Goldenfalls werden deine Ideen zu dir zurückfinden. Zumindest wenn dich Langeweile inspiriert. Bis auf den Brand und die Falle war bis jetzt ja tote Hose.«

»Die Falle?«

»Hast du es nicht mitbekommen?«

»Nein, ich …« Kians Tonfall veränderte sich schlagartig. Seine Stimme verlor all die Ruhe, die sie zuvor ausgestrahlt hatte; wurde schneidend und angespannt. »Was meinst du mit Falle?«

»Kein großes Ding. Irgendjemand hat eine Bärenfalle aufgestellt, mehr nicht.«

»Scheiße.« Es klang, als würde Kian unabsichtlich auf dem Sendeknopf bleiben. Er atmete unregelmäßig in das Mikrofon. »Ist sie noch dort, wo du sie gefunden hast? Hast du … hast du sie gemeldet?«

Aaron antwortete nicht – er war viel zu irritiert, was Kians plötzliche Stimmungsschwankung zu bedeuten hatte.

»Aaron? Aaron, bist du noch da?«

»Ja … ja, ich bin noch hier. Ist alles okay?«

Er hörte ihn tief ausatmen, sich spürbar sammeln. »Tut mir leid. Alles gut.« Und so schnell die Unruhe gekommen war, so schnell konnte sich Kian wieder fangen. Seine Stimme nahm die gewohnte Sicherheit an: »Wie vertreibst du dir die Zeit im Tower?«

Aaron nahm den Themenwechsel gelassen.

»Musik, am liebsten trashige Discohits aus den Neunzigern. Manchmal beobachte ich die Bäume … und wenn ich ganz experimentell drauf bin, beobachte ich die Felsen. Ich … beschäftige mich einfach viel mit mir selbst.«

»Mit dir selbst? Weißt du, wonach das klingt?«

»Nach spirituellem Schnickschnack?«

»Nach Selbstbefriedigung.«

Aaron schnappte nach Luft. Der Themenwechsel war sogar noch besser als gedacht. Normalerweise war er derjenige, der solche Sprüche riss. Kian brachte ihn aus dem Konzept, und das machte ihn unwillkürlich hart.

»Was … ähm … was machst du hier, wenn du nicht gerade schreibst?«

»Die Stille genießen, mich bräunen lassen. Und … ja, ich beschäftige mich auch viel mit mir selbst.«

Aaron wusste, es gab nur eine Möglichkeit, das Ruder wieder an sich zu reißen. Er wurde leiser, einnehmender, und sagte: »Ich schulde dir noch eine Antwort.«

»Der Grund, wieso du hier bist?«

»Ich wurde dazu verdonnert. Als Strafe.« Bei seinen nächsten Sätzen schloss er die Augen: »Vor ein paar Wochen hat mich der Bürgermeister von Lancton beim Vögeln erwischt. Mit einem Typen aus meinem College. Es war Nacht. Der Bürgermeister war mit seinem Hund am Fluss Gassi und hatte den Schock seines Lebens.«

Stille.

Aarons Herz pochte schneller, und er befürchtete, mit dieser Ehrlichkeit zu weit gegangen zu sein. Kian lachte nicht, wie er es gehofft hatte. Seine Antwort bestand aus einem einzigen Satz: »Hier gibt es auch viele Flüsse.«

Unerwartet kriselte das Funkgerät, und eine ganz andere Stimme war zu hören. »Jungs«, grölte Grace. »Nichts für ungut, aber konzentriert euch bitte auf die Arbeit. Oder nehmt euch wenigstens eine eigene Frequenz!«

Fuck.

Aaron brach in schallendes Gelächter aus.

5HEUTE

Seit geschlagenen zwei Stunden sitze ich in meinem Auto und starre auf Kians Anwesen. Bis jetzt hat er sein Haus kein einziges Mal verlassen, und bald setzt schon die Dämmerung ein.

Es ist eine Sache, Haley von meinem waghalsigen Plan zu erzählen, und eine ganz andere, ihn auch tatsächlich durchzuziehen. In der Bar hatte ich es so locker formuliert: Eine passende Situation, vorgeheucheltes Interesse – und bingo!

Sobald es dunkel ist, würde allerdings jeder Flirtversuch so wirken, als würde ich ihm hinter dem nächsten Busch für fünfzig Dollar einen blasen wollen. Prostitution oder Drogenverkauf, und beides würde meine Chancen auf ein Date nicht sonderlich erhöhen.

Ich seufze und greife zum dritten Mal zum Handschuhfach, um mich mit Deo einzusprühen. Es ist immer wieder ernüchternd, wenn meine Vorstellung auf die Realität trifft. Aber was habe ich mir überhaupt gedacht? Dass Kian rauskommt und ich ihn versehentlich anremple wie in einer dieser kitschigen Schnulzen? Und zusammen klauben wir dann meine fallen gelassenen Bücher auf, wobei sich unsere Finger beiläufig berühren. »Oh, du liest Shakespeare? Wie schön! Was dagegen, wenn ich dich küsse?«

Innerlich verdrehe ich die Augen.

Selbst wenn ich einen vernünftigen Plan hätte, wie ich ihn auf der Straße ansprechen könnte, müsste er dafür erst einmal vor die Tür gehen. Was, wenn er sich gerade in einer Schreibphase befindet? Gehen Autoren überhaupt raus? Gehen Psychopathen überhaupt raus?

Das ist doch alles bescheuert!

Ich spüre, wie meine Fingerspitzen taub werden. Die Verzweiflung frisst sich Stück für Stück durch meinen Körper, und ich versuche, mich an das Gefühl der Entschlossenheit zu erinnern, das ich im Bullseye hatte. Für so was hier bin ich einfach nicht gemacht. Aaron hätte dazu die Eier gehabt, keine Frage.

In unseren pseudophilosophischen Gesprächen hat er das Leben immer mit einer Zigarette verglichen. Aaron war davon überzeugt, er würde früh sterben, weil er viel intensivere Züge genommen hat als die anderen. Zu mir hat er gesagt, ich wäre unsterblich. Weil ich in die Ferne schaue und vergesse, an der Zigarette zu ziehen.

Nachdenklich blicke ich in den Rückspiegel und mustere mich. Dann fahre ich mir vorsichtig über die Narben an meinen Ohrläppchen, wo vor ein paar Jahren noch Ohrringe gesteckt haben.

In solchen Momenten wundere ich mich, dass ich mich überhaupt spüre. Vielleicht bin ich ja genau wie der Spiegel – eine Reflexionsfläche. Als ob es mich nur gibt, damit sich andere in mir sehen. Dass ich mich immer so verhalte, wie mein Gegenüber das von mir will.

Und doch sind da diese seltenen Augenblicke, in denen ich mich frage, wie ich wohl aussehen oder sein würde, hätte ich mir nichts aus den gehässigen Kommentaren meiner Mitschüler gemacht. Aus den missbilligenden Blicken, den Übergriffen auf der Schultoilette. Wenn ich so wäre wie Aaron.

Ich hätte mich vermutlich nicht dafür geschämt, dass ich so spät in den Stimmbruch gekommen bin. Und ich hätte mich farbenfroher angezogen, vielleicht auch ab und zu einen Rock. Ich hätte Make-up getragen und Schmuck. Meine Ohrringe hätte ich behalten und vielleicht sogar noch imposantere ausgesucht. Und ich wäre auf dieses Haus zuspaziert und hätte Kian Foster die Tür eingetreten.

Aber ich bin nun einmal nicht Aaron.

Seit er weg ist, habe ich das erdrückende Gefühl, dass etwas von mir fehlt. Als wäre Aaron all die Jahre ein Teil von mir gewesen – oder als hätte ich in seinem Schatten gelebt.

Ich kurble das Fenster ein Stück weit nach unten und lasse frische Luft rein, um nicht an meinen Gedanken zu ersticken. »Verdammt«, flüstere ich und kralle meine Finger ums Lenkrad. »Verdammt, was mache ich hier bloß?«

Auf der Straße vor mir joggt ab und zu jemand vorbei, vereinzelte Autos, eine Frau mit Kinderwagen. Von weiter weg höre ich eine Sirene. Und die Minuten verstreichen.

So muss sich Aaron im Firetower gefühlt haben. Ewiges Warten auf eine Katastrophe.

Ich bin kurz davor, den Motor zu starten und mich aus dem Staub zu machen, als ich den Pizzaboten sehe. Mit seinem Fahrrad kommt er die Straße entlang und hält direkt vor Kians Anwesen. Ich kann das Logo auf seiner Kappe gerade noch so erkennen: Pizza Paradise.

Innerhalb weniger Sekunden fährt alles in mir hoch. Meine Sinne schärfen sich, und ich halte den Atem an. Jetzt oder nie.

»Hey!«, rufe ich und stolpere regelrecht aus dem Auto. Dann bewege ich mich auf den Mann zu, der den Pizzakarton soeben vom Gepäckträger schnallt. »Hey, sorry! Die Bestellung ist für mich.« Ich zwinge mich zu einem breiten Lächeln. »Da bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen, was?«

Mein Gegenüber scheint perplex, und ich versuche, ihn erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen. »Wie viel?«, frage ich, hole meine Geldbörse hervor und krame in meinem Bargeld.

Der Pizzabote kneift die Augenbrauen zusammen. »Sie haben doch schon online bezahlt.«

»Ja … ähm … stimmt.« Ich kratze mich am Hinterkopf. »Ich meinte … wie viel für die Kappe?«

»Die Kappe, Sir?«

»Ja. Ja, genau.« Als er nicht gleich reagiert, setze ich nach: »Ist so ein Sammler-Ding! Ich sammle … Werbung.«

»Aha.«

Ich versinke in Grund und Boden.

Der Pizzabote beäugt mich zwar etwas skeptisch, setzt dann aber seine Kappe ab und überreicht sie mir mitsamt der Pizza. »Können Sie haben. Bei uns steht ein ganzer Karton von den Dingern rum.« Dann schwingt er sich auf sein Fahrrad und verschwindet.

Okay, tief durchatmen. Tief durchatmen!

Es dauert einige Momente, bis ich halbwegs in meine Rolle finde. Ich, Robin Adams, bin Pizzalieferant. Entschieden setze ich mir die Kappe auf, dann öffne ich den Karton. Eine ganz gewöhnliche Pizza. Auch wenn ich nichts anderes erwartet habe, lässt der Anblick Wut in mir hochkochen.

Kian Foster ist der Mörder meines besten Freundes und isst verfickte Pizza mit Peperoni und Mais.

Es ist genau das Gefühl, das ich brauche. Wut. Wut auf diesen Mistkerl, der davongekommen ist, obwohl er hinter Gitter gehört.

Ich schließe den Karton wieder und betrete zielsicher Kians Grundstück. Vorbei an dem sauber gemähten Rasen, zu dem sauber aufgekehrten Treppenaufgang. Bis zu seiner Tür.

Bevor ich mich in irgendeinem Gedanken verrenne, betätige ich die Klingel. Ein schrilles Geräusch ertönt. »Pizza Paradise, Ihre Bestellung ist da«, murmle ich in die Sprechanlage. Danach wird es ruhig. Eine zerreißende, kaum erträgliche Stille.

Wenn Kian die Tür aufmacht, muss ich bloß überrascht genug wirken. Ich könnte ihm sagen, dass wir uns von früher kennen – ob er sich nicht an mich erinnern kann. Vielleicht fühlt er sich ja schuldig, dass er es nicht tut, und lädt mich auf einen Drink ein.

Es ist riskant. Aber es ist einen Versuch wert.

Doch … es tut sich nichts. Das Haus bleibt dunkel und still, und ich klingle erneut.

Als die Sprechanlage plötzlich zu sirren beginnt, setzt mein Herz für eine Millisekunde aus. Kians Stimme: »Sorry, kann gerade nicht zur Tür. Bitte legen Sie die Pizza einfach auf die Fußmatte. Danke!« Das Sirren bricht ab.

Ungläubig stehe ich da und bewege mich nicht vom Fleck. Bitte … was? Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder. Vor die Tür legen?

Noch immer überrumpelt bücke ich mich und lege ihm den Karton auf die Fußmatte. Wie in Hypnose drehe ich dem Haus den Rücken zu, steige zurück in mein Auto und ziehe mir die Kappe vom Kopf. Etwa fünf Minuten später öffnet sich die Tür – doch ich sehe nur eine Hand, die sich nach der Pizza ausstreckt.

Hin- und hergerissen starre ich weiter auf das Gebäude. Soll ich es noch einmal versuchen? Aber wie? Ich verharre reglos, bis ich realisiere, dass ich es keine Minute länger hier aushalte.

Ich starte den Motor und fahre los.

 

-----

 

Als ich anschließend durch die Innenstadt von Lancton gehe, ist die Sonne schon halb untergegangen. Das letzte Licht trifft auf den aufgeheizten Asphalt. Ich steuere das Bullseye an, um Haley von ihrer Schicht abzuholen, aber ich habe es nicht eilig. Der Misserfolg sitzt mir nach wie vor in den Knochen. Ich fühle mich wie ein Versager. Nicht nur, weil ich nicht mit Kian gesprochen habe – sondern auch wegen der Leichtigkeit, die ich verspürt habe, als ich es nicht musste.

Ich lasse meinen Blick über die verschiedenen kleinen Geschäfte schweifen, über die Antiquariate und süßen Cafés, Tür an Tür mit den Waffenläden und Fast-Food-Ketten. Dabei tue ich das, was ich am besten kann: mir den Kopf zerbrechen.

In der Nähe vom Bullseye halte ich jedoch inne. Ich mustere die Wand vor mir, die von oben bis unten plakatiert wurde. Konzerte, Wahlslogans, Rabattaktionen für eine Supermarktkette. Ein Plakat sticht besonders hervor. Und dann, als ich in den Tiefen meines Gedächtnisses krame, erinnere ich mich.

Verflucht, das ist es!

Ich reiße den Zettel von der Wand, weite meine Augen. Als ich die Zeilen überfliege, weiß ich mit einem Mal, was ich zu tun habe. Und ich weiß, wo Kian Foster nächsten Samstagabend sein wird.

Genau wie ich.

6DAMALS

Das nächste Missgeschick passierte gleich einen Tag später, als sich Aaron nackt auszog, um sich zu waschen. Er fixierte den Duschsack – ein Behälter mit aufgefülltem Wasser – an einem tief hängenden Ast, in der Nähe des Firetowers.

Aaron drehte den Hahn auf und stöhnte. Der Wasserstrahl war erbärmlich; es würde bestimmt Monate brauchen, um eine einzige Achsel sauber zu bekommen.

Als er sich gerade das Shampoo aus den Haaren schrubbte, entdeckte er Grace. Seine Chefin trat auf die freie Fläche und blickte sich suchend um, in den Händen eine Kiste mit Proviant.

»Grace!«, schrie Aaron. »Warte kurz, ich bin na-« Die alte Rangerin schaute in seine Richtung, und er flitzte hinter einen Busch. »Ich bin nackt! Unter der Dusche! Ich … ähm … ich komme gleich!«

Die Proviantlieferung, schoss es ihm ein. Natürlich!

Jede Woche bekam er frisches Wasser, Dosenfutter und Hygieneartikel. Da die Tage allerdings zunehmend miteinander verschwammen, hatte er vergessen, dass es heute schon so weit war.

Die Landstraße, die bis zum Fuß des Berges reichte, war unbefestigt und steinig – und der US-National-Park-Service besaß einen speziellen Range Rover dafür. Die letzten zwanzig Minuten waren jedoch ausschließlich zu Fuß zu erreichen, deswegen hatte er auch keinen Motor gehört.