Fische, die auf Bäume klettern - Sebastian Fitzek - E-Book
Beschreibung

Bestsellerautor Sebastian Fitzek stellt sich in diesem Buch den existentiellen Fragen: Was zählt im Leben? Wie findet man sein Glück? Welche Lebensziele sind richtig? Was lernt man aus Niederlagen? Und wie geht man mit seinen Mitmenschen um? In spannenden persönlichen Episoden erzählt er, was im Leben wichtig ist und wie ein glücklicher Lebensweg gelingen kann. Inspiriert wurde Sebastian Fitzek zu diesem Buch durch seine Rolle als Vater – und die Frage, was er seinen Kindern für das Leben mitgeben würde, wenn ihm nicht mehr viel Zeit bliebe. Und so ist „Fische, die auf Bäume klettern" das sehr persönliches Vermächtnis eines Vaters an seine noch jungen Kinder – und ein Buch für alle, die Halt suchen und sich der Werte, die ihnen wichtig sind, vergewissern möchten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:295


Sebastian Fitzek

Fische, die auf Bäume klettern

Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben

Knaur e-books

Über dieses Buch

Glück? Erfolg? Große Ziele? Was ist es, das im Leben zählt?

»Was würde ich meinen Kindern heute sagen wollen, wenn ich morgen die Gelegenheit dazu nicht mehr hätte?«, fragt sich Bestsellerautor Sebastian Fitzek eines Tages – und beschließt, sich den existentiellen Fragen zu stellen. In spannenden persönlichen Episoden erzählt er, was im Leben wichtig ist und wie ein glücklicher Lebensweg gelingen kann.

Fische, die auf Bäume klettern ist das sehr persönliche Vermächtnis eines Vaters an seine noch jungen Kinder – und ein Buch für alle, die Halt suchen und sich der Werte, die ihnen wichtig sind, vergewissern möchten.

Inhaltsübersicht

MottoWie dieses Buch überhaupt entstand …1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel
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Jeder ist ein Genie.

Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.

 

Albert Einstein

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Wie dieses Buch überhaupt entstand …

Im Januar 2014 saß ich in der Wartehutschachtel am Gate 9 des Flughafens Tegel und wollte nach München zu einem Treffen mit meinen Lektorinnen im Verlag fliegen. Kurz vor dem Einsteigen – die Maschine war mit einer halben Stunde Verspätung endlich aufgerufen worden – bekam ich einen Anruf von meiner Frau Sandra, die mir mit der Frage »Hast du eigentlich dein Testament gemacht?« noch rasch beruhigende Abschiedsworte mit auf den Weg geben wollte.

Nein, hatte ich nicht. Eigentlich müsste man ja davon ausgehen, eine Person, die sich beruflich mit dem Tod beschäftigt (und zwar täglich, wenn auch nur fiktional), würde als Vater von drei Kindern mal auf den Gedanken kommen, das Thema »proaktiv« anzugehen, wie es unter Menschen heißt, die den falschen Rhetorik-Kurs besucht haben.

Hatte ich aber nicht.

Kontovollmacht? Patientenverfügung? Einen Wegweiser durch den Unterlagendschungel, der nach dem Chaos-Prinzip geordnet meine Schreibtischschubladen bevölkert? Passwortaufstellung, damit erst mein Computer und dann die Datei mit dem noch unveröffentlichten Buch geöffnet werden kann, das zwar in der ersten Fassung fertig ist, aber noch nicht abgegeben wurde?

Fehlanzeige. Nein, hatte ich nicht. Kein Testament. In solchen Dingen benehme ich mich wie der Arzt, der seinem Patienten rät, das Rauchen einzustellen, und sich dabei selbst eine Fluppe ansteckt.

Tatsächlich hatte ich mir bislang nur überlegt, was mal auf meinem Grabstein stehen soll: meine Handynummer. Kein Witz (oder doch ein Witz, aber eben mein Humor) – ich habe mir überlegt, dass ich es lustig fände, wenn Menschen, die vor meiner letzten Ruhestätte stehen, eine auf meinem Grabstein eingravierte Nummer wählen und dann folgende Ansage hören: »Leider bin ich derzeit für eine vermutlich sehr lange Weile nicht zu erreichen. Sobald ich hier eine Möglichkeit gefunden habe, meine Mailbox abzuhören, werde ich mich bei Ihnen melden. Kann aber etwas dauern. Bis dahin können Sie mir Ihre Nachricht nach dem folgenden Signalton hinterlassen!«

Die Nachrichten würden dann auf meine Homepage geroutet und könnten von allen Menschen auf der ganzen Welt abgehört werden. Unsinn? Ganz genau! Ich liebe Unsinn, wenn er Menschen zum Lachen bringt und dabei niemanden verletzt. Allerdings, und das fiel mir dann beim Abheben des Fliegers auf, scheiterte diese einzige Überlegung, die ich für den Fall meines Ablebens bislang angestellt hatte, an ebenjenem fehlenden Testament, das Sandra zu Recht angemahnt hatte, sollte ich in Zukunft häufiger alleine in Maschinen steigen, die einen mit Brachialgeschwindigkeit in über zehn Kilometern Höhe durch die Luft schießen.

Denn wer bitte soll veranlassen, dass mein Handyvertrag bis in alle Ewigkeit fortläuft? Wer soll einen Dauerauftrag einrichten, damit auch noch nach meinem Tod die Grundgebühr bezahlt wird? Wer die Mailbox pflegen und all die betrunkenen Nachrichten meiner verhaltensauffälligen Freunde löschen, wenn niemand davon weiß, dass ebendies mein Letzter Wille ist?

Während ich mir etwa über Hannover einen Tomatensaft bestellte (meine Theorie ist, dass wir die dicke Brühe da oben so lieben, weil wir von den Fluggesellschaften kaum noch etwas zu essen bekommen, wenn wir nicht bereit sind, zehn Euro für ein labbriges Brötchen zu bezahlen, und da ist Tomatensaft sozusagen ein 2-in-1-Drink: sättigt und löscht den Durst, vorausgesetzt, man kippt sich nicht wie ich eine Wagenladung Salz und Pfeffer rein, aber ich schweife ab) … Während ich also einen Tomatensaft bestellte, dachte ich nach. Mein Testament. Ich ging im Geiste durch, was ich alles regeln musste, und dabei machte ich mir weniger darüber Gedanken, ob zum Beispiel David meine Uhr bekommt, Felix mein Schlagzeug oder Charlotte das Von-Hassel-Bild, denn das und alles andere wird Sandra schon regeln, auch ohne meine Anweisungen. Viel mehr, so stellte ich fest, beschäftigte mich mein ideeller Nachlass.

Unsere Kinder sind klein. Richtig klein. Die Älteste war zu diesem Zeitpunkt fünf. Viel konnte ich ihr also noch nicht mit auf den Weg geben. Sollte ich jetzt die Grätsche machen, dann würde das, was ich meinem Nachwuchs noch hätte sagen wollen, ein ganzes Buch füllen. Aber ich würde es eben nicht mehr schreiben können! Ich würde die Chance für immer vertan haben, ihnen etwas fürs Leben mitzugeben.

Und so beschloss ich, lange noch bevor wir in das Luftloch über dem Frankenwald gerieten und der Tomatensaft meinen Schritt vollkleckerte, dieses Projekt anzugehen.

Unter der Fragestellung »Was würde ich meinen Kindern heute sagen wollen, wenn ich morgen nicht mehr die Gelegenheit dazu hätte?« begann ich meine Gedanken zu sortieren. Und heraus kam dieses Buch.

Nicht sofort und nicht unbedingt in Rekordzeit, um ehrlich zu sein. Dabei war ich zu Beginn der Arbeit felsenfest davon überzeugt, dass es nicht allzu schwer sein könnte, meine grundlegenden Überzeugungen, Prinzipien und Werte einfach und verständlich in Worte zu fassen. Doch ich sollte rasch eines Besseren belehrt werden.

Ich wollte ausformulieren, was ich im Leben (für mich, rein subjektiv) für wirklich wichtig halte. Und ich musste feststellen, dass mir selten etwas so schwergefallen ist, wie mich hier unmissverständlich festzulegen.

Dabei hatte ich mich als Autor von Psychothrillern schon oft mit grundlegenden Werten beschäftigt. Viele denken jetzt womöglich, ich mache mal wieder einen meiner merkwürdigen Scherze, aber die wenigsten Thriller-Schriftsteller schreiben ausschließlich über Tod, Gewalt und die dunkle Seite des Schicksals. Wir beschäftigen uns mit dem Leben und seinen Werten, die es gegen die größten Angriffe zu verteidigen gilt. In Der Augensammler habe ich kaum ein Wort über den Modus Operandi des Täters verloren, aber seitenlange Abhandlungen über die falsche Prioritätensetzung zwischen Familie und Beruf geschrieben.

Je mehr ich versuchte, mich zu meinen Ansichten über Lebenssinn, Freundschaft, Erfolg und Glück zu positionieren, desto mehr merkte ich, wie verdammt schwierig das war.

Mir wurde klar, dass all die großen Reden, die ich im Freundeskreis über Prinzipien und Charakterstärke geschwungen hatte, längst nicht so fundiert gewesen waren, wie sie in meinen Ohren geklungen hatten. Und dass mein Standpunkt im Leben längst nicht so gefestigt war, wie ich geglaubt hatte. Und so machte ich mich an die Arbeit, ihn zu definieren.

Meinen Standpunkt, wohlgemerkt. Ich maße mir hier nicht an, irgendeine bahnbrechende, neue Erkenntnis gewonnen zu haben. Meine Gedanken sind nicht weltbewegend, oft banal, wurden von vielen klügeren Frauen und Männern schon sehr viel früher gedacht und von eloquenteren Menschen sehr viel besser diskutiert. Sie mögen nicht einzigartig und neu sein, auch tauge ich ganz bestimmt nicht zum Vorbild, das anderen ein Wegweiser sein könnte.

Dieses Buch ist folglich kein Masterplan, sein Nutzen liegt nicht darin, es wie ein Rezept zu verwenden. Es ist vielmehr als ein Stolperstein gedacht, für jeden, der darauf stößt. Keine Aufforderung zur Zustimmung, sondern eine Ermunterung, selbst zu Stift und Papier zu greifen und ein Abenteuer zu versuchen: Markieren Sie Ihren Standpunkt im Leben.

Ich habe das hiermit getan. Und als ich endlich fertig war, wollte ich dieses Buch selbstverständlich nicht veröffentlichen, schon alleine, damit meine Kinder mir keinen Spiegel vorhalten können, sollte ich mal gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen, nach dem Motto: »Wie, ich soll mein Zimmer aufräumen? Du hast doch in Kapitel 11 selbst geschrieben, es wäre sinnlos, gegen das Naturgesetz der Entropie anzukämpfen, das besagt, dass alles im Universum dem Zustand der geringsten Energie und damit der größten Unordnung zustrebt.«

Der Satz »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?« ist noch sehr viel schwerer auszusprechen, wenn das Geschwätz sogar schriftlich festgehalten wurde.

Aber genau diese Bedenken gaben am Ende den Ausschlag. Ich will mich festlegen. Ich will, dass meine Kinder mich an etwas Greifbarem messen können.

Erstmals musste ich die Hosen runterlassen und klipp und klar Stellung beziehen. Ich habe dieses Buch also nicht nur für meine Kinder, sondern auch für mich geschrieben. Um meine Gedanken zu ordnen und mir über mich selbst klar zu werden. Darüber, wofür ich stehe.

Die Veröffentlichung dieser Gedanken war am Ende ein für mich zwingend notwendiger Schritt. Hätte ich nur einen Ausdruck für mich allein in der Schublade, könnte ich ihn je nach Lebenssituation anpassen. Dann aber wäre es so, als würde ich ein Spiel spielen, dessen Regeln ich nach Lust und Laune zu meinem Vorteil abändern kann.

 

Hoffentlich werden David, Felix und Charlotte diese Seiten hier erst in vielen, vielen Jahren und in meinem Beisein lesen. Hoffentlich ist das hier nur die Feuerversicherung, die man nie braucht, es sei denn, man hat vergessen, sie abzuschließen.

Aber wie heißt es so schön: Der Mensch plant, und Gott lacht. Weswegen mein erster Tipp schon mal lautet: Lachen wir mit ihm gemeinsam!

Oder mit ihr.

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1. Kapitel

Fische, die auf Bäume klettern

Liebe Charlotte, lieber David, lieber Felix,

als ich jung war, also vor mindestens dreißig Jahren, wollte ich nur eines: Spaß haben. Möglichst viel und möglichst lange. Spaß war für mich damals ein anderes Wort für »Glück«, und ich dachte, das finde ich, wenn ich gut aussehe und/oder viel Geld verdiene.

Na ja, mit dem Gut-Aussehen ist das so eine Sache, wenn man eine »Kartoffelnase« hat, wie eine Journalistin in einem ansonsten sehr netten Artikel einmal über mich schrieb, und die Geheimratsecken die Ausmaße von Landebahnen eines Flughafens annehmen. (Sorry, Jungs, ich fürchte, das könnte ich euch neben diesem Buch hier auch vererbt haben.) Also brauchte ich wohl, so dachte ich früher, mehr Geld, um von meiner fehlenden Brad-Pitt-Optik etwas abzulenken.

Die meisten Menschen machen in frühen Jahren den gleichen Fehler wie ich und denken, um im Leben glücklich zu sein, müsse man Millionär sein oder wenigstens für einen Millionär gehalten werden, weil man berühmt ist.

Keine Sorge, ich belästige euch jetzt nicht mit Allgemeinplätzen wie »Geld macht nicht glücklich« (obwohl mir der Zusatz »Aber wenn ich die Wahl habe, weine ich lieber im Taxi als in der U-Bahn« schon sehr gut gefällt).

Keine Frage: Geld ist wichtig. Ohne Geld fehlt euch aber nicht das Fundament, um glücklich zu sein, sondern das Fundament, um überhaupt zu leben. Es ist eine triviale Überlegung, doch wenn wir die Dinge von Beginn angehen, sollten wir den Gedanken wenigstens einmal gemeinsam zu Ende denken: Um zu leben, braucht ihr Wasser, Lebensmittel, Energie, Kleidung, eine sichere Wohnung und medizinische Versorgung. Und das kostet Geld.

Auf alles andere könntet ihr verzichten und dennoch achtzig Jahre alt werden. Ich sage nicht, dass ihr darauf verzichten sollt, aber Autos, Handys, Flugreisen, Puppen, Computerspiele, Fahrräder, Bücher – alles nicht zwingend notwendig. Anders als ausreichend zu essen, ein warmes Dach über dem Kopf und Hilfe im Krankheitsfall.

Das sind alles Dinge, die wir meist für selbstverständlich halten, aber auch nur, weil wir in der Spermalotterie gewonnen haben und in Europa zur Welt gekommen sind, und hier sogar in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde.

Einige Tausend Kilometer weiter südlich geboren, und wir würden mit einiger Wahrscheinlichkeit zu der knappen Milliarde Menschen zählen, die aktuell hungern und keinen Zugang zu frischem Trinkwasser haben.

Ohne Geld könnten wir uns den Luxus überhaupt nicht leisten, darüber nachzudenken, wie wir glücklich werden können. Jeder einzelne Gedanke würde allein darum kreisen, den Tag zu überstehen und die Nacht zu überleben.

Solange sich unsere Welt- und Wirtschaftsordnung also nicht gravierend ändert, ist Geld eine notwendige Voraussetzung, um das Leben bestreiten zu können.

Was für ein Glück also, dass ihr euch um Geld keine Gedanken machen müsst. Das sage ich nicht, weil ihr einmal sehr viel erben werdet. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, hat euer Vater einige kostspielige Hobbys, unter anderem das Reisen. Es ist gut möglich, dass ihr irgendwann bei der Testamentseröffnung sitzt und dem Nachlassverwalter an die Gurgel wollt, weil er euch erklärt, dass sämtliche Buchtantiemen für die einjährige Weltreise draufgegangen sind, zu der euer Erzeuger auch noch seine gesamten Freunde eingeladen hat. Schon meine Mutter wusste, dass ich große Probleme haben würde, mein Geld zusammenzuhalten. Das war eine ihrer größten Sorgen.

Und dennoch, selbst wenn ich euch Schulden hinterlasse und ihr deshalb das Erbe ausschlagt, braucht ihr nicht fürchten, verhungern zu müssen. Denn ihr lebt in Deutschland.

Was ist das Schlimmste, was euch hier in ökonomischer Hinsicht widerfahren kann?

Richtig, aktuell Hartz IV. Das ist übel, in keiner Weise erstrebenswert und für die meisten Bezieher dieser Unterstützung ein deprimierender, zum Teil diskriminierender Zustand. Man kann damit nicht »gut leben«, wie einige der wohlhabenderen Menschen es sich und anderen gerne einzureden versuchen. Aber man kann »überleben«. Die unabdingbaren Grundvoraussetzungen zum Leben sind in Deutschland, anders als in vielen, vielen anderen Ländern auf der Welt, gesichert.

Wenn sich die Dinge bei uns nicht dramatisch zum Schlechteren wandeln, werdet ihr nicht Joghurtbecher auf Müllkippen auskratzen oder auf der Straße verdursten, so, wie es unzählige Kinder in den Entwicklungsländern tun.

Für eure minimale Grundversorgung wird also bereits gesorgt, und zwar ohne dass ihr etwas dafür tun müsst. Dass das Wasser aus dem Hahn kommt, der Strom aus der Steckdose, dass die Apotheken mit Medikamenten bestückt sind, die Feuerwehr losfährt, sobald man die 112 wählt, und ihr auf dem Weg zur Schule keinen Heckenschützen aus dem Weg gehen müsst – das ist toll, aber nicht euer Verdienst.

Bitte, vergesst das nie: Kein Mensch hat das Schicksal, in das er geboren wurde, verdient. Weder im positiven noch im negativen Sinne.

Der sechsjährige Junge in Bangladesch zum Beispiel, der sich an Sextouristen verkaufen muss, um zu überleben, hat sich sein Elend nicht ausgesucht. Er wurde in seine Welt hineingeboren – so wie ihr in eure Welt, in der es eine staatliche Rechtsordnung gibt, die Kinderarbeit und Schlimmeres unter Strafe stellt.

Aber das ist nicht eure Leistung, auch nicht meine, sondern die von zahlreichen Frauen und Männern vor unserer Zeit, die diese Gesellschaft erschaffen haben. (Ein Grund, weshalb ihr im Geschichtsunterricht nicht auf Durchzug stellen solltet.)

Im Übrigen gilt das ebenso im Umkehrschluss: Auch das Schicksal der sexuell versklavten Kinder in Bangladesch ist nicht eure Schuld, denn auch deren Welt habt ihr nicht geschaffen. (Allerdings könnt ihr sie gestalten, dazu später mehr!)

Aus den bisherigen Überlegungen folgen zwei wichtige Erkenntnisse, die ihr auf eurem Lebensweg immer und immer wieder beachten solltet:

 

Habt kein Anspruchsdenken!

Habt keine Schuldgefühle!

 

Lebt euer Leben nicht im ständigen Gram, weil es Menschen gibt, denen es schlechter geht als euch. Aber bitte denkt auch nie, nie, nie, dass euch das Leben, das ihr führen dürft, zusteht. Nichts im Leben ist selbstverständlich. Allein die Tatsache, dass ihr lebt – mit anderen Worten: dass ihr, nachdem ihr aus dem Bauch eines anderen Wesens gequetscht wurdet, auf einer rotierenden Kugel hockt, die mit einer Umlaufbahngeschwindigkeit von 20,1 Kilometern pro Sekunde durchs Weltall rast, während sie sich dabei im Rotationsschleudergang von 1650 Kilometern pro Stunde befindet –, ist ein unglaubliches Wunder. Dass ihr Deutsche seid und weiße Hautfarbe habt, ist reiner Zufall und keine Vorherbestimmung, wie manche Rassisten euch glauben zu machen versuchen werden.

Doch nun, da ihr das unverdiente Glück habt, in Deutschland zu leben, nutzt dieses wunderbare Geschenk, um ein erfülltes, glückliches, sprich: ein gutes Leben zu genießen.

Doch was ist das? Was macht ein Leben zu einem guten Leben?

Viele, gerade konservative Menschen denken, es käme im Leben darauf an, tolle Noten zu haben, einen anerkannten Berufsabschluss zu machen, Geld zu verdienen und rechtzeitig etwas für die Altersvorsorge zurückzulegen. Das ist sicher ein vernünftiger Plan, um ein möglichst komfortables Leben zu führen, und dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Wenn man anderen Menschen gefallen will. Was im Grunde ja nicht verwerflich ist, aber meiner Meinung nach nicht lebenserfüllend sein kann. Daher die Frage, die ihr euch ganz egoistisch stellen dürft und sollt: Was ist mit mir? Was will ich vom Leben?

Bevor ihr jetzt über das Ziel nachdenkt, möchte ich eure Aufmerksamkeit auf das wichtigste Wort in dem Satz lenken: ich! Nicht: Was wollen andere?, sondern: Was will ich vom Leben?

Das ist die schwierigste aller Fragen. Und weil sie so schwierig zu beantworten ist, verdrängen wir sie gerne und lassen andere entscheiden, was das Beste für uns wäre. Am Anfang sind das aus gutem Grund die Eltern, aber – ja, ich gebe es zu, wenn auch ungern – auch die haben nicht immer die Weisheit mit Suppenkellen gelöffelt.

Ich zum Beispiel war ein Lehrerkind und bin stinkkonservativ erzogen worden. Einer der Lieblingssprüche von Mama und Papa war der von der »Leistungsgesellschaft«. Um in ihr zu bestehen, sprich, um ein »erfolgreiches« Leben führen zu können, sollte ich am besten immer gute Noten haben und studieren.

Und auch ihr seid in eine Welt geboren, in der man von Anfang an von euch verlangt, dass ihr funktioniert. Wenn es nach meist selbst ernannten Karriereexperten geht, sollt ihr schon möglichst im Kindergarten zweisprachig erzogen werden, ballett- und kampfsporterfahren von der Grundschule an gute Noten nach Hause bringen, mit Auslandspraktika gestützt in Rekordzeit das Studium absolvieren, um danach der Gewinnmaximierung eines Konzerns zu dienen, also reiche Menschen noch reicher zu machen, die ihr gar nicht kennt.

Dabei ist euer Lehr- und Auswendiglernplan so vollgestopft mit prüfungsrelevantem Wissen, dass ihr gar nicht mehr zum Nachdenken kommt. Und das will auch kaum jemand. Ihr sollt nicht nachdenken, zumindest nicht über euch und schon gar nicht über den Sinn und Unsinn dessen, was ihr da gerade lernt.

Ich selbst bin das beste Beispiel für einen Hamster im Laufrad gewesen. Ich habe Anfang der Neunzigerjahre Jura an der FU Berlin studiert. Da ich das Studium möglichst schnell hinter mich bringen und eine gute Note erzielen wollte, sah ich mir den Prüfungsstoff fürs erste Staatsexamen an. Es war so unglaublich viel, dass ich wusste: »Sebastian, in acht Semestern bekommst du das niemals alles in deinen Kopp!«

Also ging ich strategisch vor und strich alle Fächer aus meiner Lernliste, die nicht oder nur selten geprüft wurden. Mit anderen Worten: Ich besuchte keine einzige Vorlesung in Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie oder Rechtsethik.

Ich legte ein Prädikatsexamen ab, das dazu führte, dass mich die besten und größten Kanzleien für sich gewinnen wollten. Dabei hatte ich mich nicht ein einziges Mal mit dem Sinn und Unsinn unseres Rechtssystems beschäftigt. Ich hatte auch gar nicht die Zeit dazu, denn ich musste eine Prüfung bestehen. Ich musste sie gut bestehen, weil ich funktionieren wollte. In einem System, dessen Regeln ich zwar auswendig gelernt, aber nie infrage gestellt hatte.

So ergeht es Millionen von jungen Menschen weltweit. Und es passiert nicht nur an der Uni, schon bereits in der Schule. Die Lehrpläne sind so überfrachtet, dass einige Schüler nach dem Unterricht bis dreiundzwanzig Uhr Hausaufgaben machen müssen und es schon Grundschüler gibt, die wegen Burn-out in psychologischer Behandlung sind. Und das – ich sage es noch einmal –, um in einem System zu funktionieren, das sich andere ausgedacht haben.

Man könnte den Eindruck gewinnen, die Gesellschaft erwarte von euch Sprösslingen, dass ihr noch vor dem Einser-Abi an die Altersvorsorge denkt und zu Sportskanonen werdet, später neben einer Sechzig-Stunden-Arbeitswoche die formvollendeten (verheirateten) Ehepartner seid, also die statistischen 1,3 Kinder mit Wonne ins Bett und in den Kindergarten bringt, zwischen den ehrenamtlichen Tätigkeiten und der politischen Aktivität, den Fortbildungsmaßnahmen und regelmäßigen medizinischen Check-ups.

Wenn wir euch das alles tatsächlich abverlangen würden, würdet ihr in einem Leben funktionieren, das womöglich sogar ein Traumleben ist. Nur nicht eures, sondern das eurer Eltern, denen ihr keine schlaflosen Nächte bereitet, eurer Lehrer, denen ihr keinen Ärger in der Klasse macht, und das eures Chefs, für den ihr schöne Umsätze erwirtschaftet.

Aber ist es euer Leben?

Ein Literaturkritiker schrieb einmal über meine Bücher: »Fitzek sollte sich lieber mit dem Schreiben von TV-Drehbüchern versuchen. Das würde besser funktionieren.«

Vorab muss ich eines klarstellen: Ich habe mir nicht ausgesucht, Schriftsteller zu werden. Die wenigsten Menschen, die ich kenne, wachen eines Tages auf und sagen: »Oh, ich glaub, ich werde doch nicht Anwältin.« Oder: »Die Mechatroniker-Ausbildung sagt mir nicht zu. Ich mach eine Lehre als Schriftsteller.«

Schreiben ist, wenn es ernsthaft betrieben wird, ein Ausdruck der Persönlichkeit. Auf die Frage: »Wieso schreiben Sie?«, antworte ich mit der Gegenfrage: »Wieso atmen Sie?«

Doch nicht, um zu funktionieren. Sondern, um zu leben.

Als der Kritiker also meinte, ich solle etwas machen, das besser funktioniert, hatte ich nichts als Fragezeichen im Kopf: Wieso?

Warum sollte ich mich und mein Schreiben (und damit mein Leben!) verändern? Für wen? Wem ginge es dann besser? Ihm, dem Kritiker, dem ich nie begegnet bin? Oder mir? Aber woher weiß der Kritiker, der mich als Mensch gar nicht kennt, womit es mir besser gehen würde? Und was ist der Maßstab dieses »Funktionierens«? Immerhin war ich damals nicht ganz erfolglos mit meinen Büchern. Auflage konnte er nicht meinen. Klar war nur, dass er meine Bücher nicht mochte.

Ich konnte also nur davon ausgehen, dass der Mann meinte, ich als Autor solle etwas schaffen, das für ihn, einen mir unbekannten Menschen, funktioniert, indem ich mich für ihn beruflich verändere. Selten spricht jemand so deutlich aus, dass er Mitbürger für Menschen hält, die einem von ihm festgelegten Daseinszweck zu entsprechen haben.

Sollte euch jemals Ähnliches passieren (und das wird es, wenn ihr euer Leben selbstbestimmt lebt, es ist nur eine Frage der Zeit), dann denkt bitte an diesen Satz:

 

Ihr seid keine Mikrowellen!

 

Kaffeemaschinen funktionieren, Computer, Flugzeuge (hoffentlich), und manchmal tun es sogar Tipps, zum Beispiel, wie man im Laden testen kann, ob einem die Hose passt, ohne sie anziehen zu müssen. (Einfach zugeknöpft den Bund einmal um den Hals legen. Wenn er einmal rumgeht, ohne zu eng oder zu weit zu sein, dann passt es!)

Aber der Daseinszweck eines Menschen besteht niemals darin, eine Funktion erfüllen zu müssen. Auch ihr müsst leben und nicht funktionieren, wie häufig man auch immer es euch einzureden versucht. Ihr seid Menschen, keine Mikrowellen. Das allerdings macht die ganze Sache mit dem Leben so schwer. Wir alle bekamen keinen Beipackzettel von der Hebamme in die Hand gedrückt, kaum dass wir unsere Lungen freigebrüllt hatten und unter der Wärmelampe strampelten. Wir müssen selbst herausfinden, was wir vom Leben wollen und welchen Platz wir uns in ihm suchen müssen.

 

Setzt euch eigene Ziele und keine fremden.

 

Doch wie gelingt das? Am besten, indem ihr eurem Talent folgt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass jeder Mensch irgendein Talent hat, oftmals ist es jedoch eins, das von seinen Mitmenschen keine Wertschätzung erfährt.

Einstein sagte einmal: »Jeder ist ein Genie! Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.« Und ich ergänze: Lasst euch umgekehrt auch nicht davon abhalten, auf einen Baum zu klettern, nur weil andere euch für einen Fisch halten. Hört nicht auf diejenigen, die euch sagen: »Das geht nicht, das kannst du nicht!«

 

Seid Fische, die auf Bäume klettern wollen.

 

Versucht es, aber ärgert euch nicht, wenn ihr zurück in den Bach plumpst und es vergebene Liebesmüh war. Oder wenn euch der Ausblick auf dem Baum nicht so gut gefällt wie in eurer Vorstellung.

Solltet ihr aber auf dem Weg erkennen, dass ihr gar keine Fische seid, so wie euch alle immer einzureden versuchten, sondern die besten Baumkletterer der Welt – dann habt ihr eure Leidenschaft gefunden. Hegt und pflegt sie.

Was ich euch mit alledem also sagen möchte:

 

Lebt nicht das Leben anderer.

Ich ermutige euch, wie ihr sicher längst mitbekommen habt, zu einem eigenständigen, selbstbestimmten Leben, in dem ihr die Entscheidungen anderer stets hinterfragt. Allerdings kommt hier eine wichtige Ergänzung, die ihr jetzt vermutlich gar nicht hören wollt: Leider gibt es eine Phase in eurem Leben, in der euch eher wenig Spielraum für Eigenständigkeit in dem hier beschriebenen Sinne gewährt wird. Sie heißt Kindheit, und sie endet meistens nicht vor der Volljährigkeit.

Hier gibt es einige Spielregeln, die ihr im Grundsatz nicht infrage stellen könnt. Allen voran die Schulpflicht, die sogar gesetzlich verankert ist. Ihr müsst zur Schule gehen. Überhaupt werdet ihr in vielen, vielen Punkten das Gefühl haben, in einer Diktatur zu leben, in der euch eure Stalin-Eltern Dinge befehlen, die ihr aus tiefstem Herzen hasst, ablehnt oder einfach nur total doof findet, wie vor Mitternacht zu Hause zu sein, das Zimmer aufzuräumen, die Hausaufgaben zu machen und keine Böller im Briefkasten des Nachbarn zu zünden.

Sorry, aber durch diese Phase müsst ihr durch. Die Natur hat es nun einmal leider so eingerichtet, dass wir, anders als viele Tiere, ziemlich unfertig ins Leben kommen.

Denken wir an unseren Stuhlgang. Glaubt mir, auch wir hätten es schöner gefunden, wenn ihr mit dem ersten Schrei um ein Töpfchen gebeten hättet, aber so mussten wir Tonnen von Pupu in stinkenden Windeleimern zur Mülltonne tragen. Als ihr drei gleichzeitig noch in die Windeln gemacht habt, war das einmal so viel, dass die Müllabfuhr bei uns klingelte und sich weigerte, die schwere Tonne auf ihr Fahrzeug zu wuchten, kein Witz.

So, wie wir uns um euren Stuhlgang kümmerten, so müssen wir auch an eure sprachliche Entwicklung denken und an Millionen andere Dinge, die wir euch fürs Leben beibringen müssen. Nicht damit ihr funktioniert, sondern damit ihr später einmal selbst herausfinden könnt, was ihr wollt.

Also, was wollt ihr? Nun, da die Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, kann ich euch keinen »Ich bastle mir das perfekte Leben«-Baukasten in die Hand drücken. Es gibt keine allgemeingültige Gebrauchsanweisung namens »Leben für Dummies«.

Eine gute Freundin von mir zum Beispiel liebt es zu campen. Ich als Warmduscher krieg schon beim Gedanken ans Zelten einen Bandscheibenvorfall, weswegen mir der Ratschlag »Mach Urlaub in der Natur« nicht zur Glückseligkeit verhelfen würde. Der eine läuft gerne Marathon, der andere würde eher eine Wurzelkanalbehandlung ohne Betäubung erleben wollen, als bei Kilometer 30 auf den Herztod zu warten.

Ein guter Freund von mir feiert gerne die Nacht durch, andere bekommen schon nach zehn Minuten in der Disco einen Tinnitus. Es hilft also nichts: Was euch im Leben glücklich macht, müsst ihr selbst herausfinden.

Ich kann euch nicht sagen, was ihr auf jeden Fall tun müsst, um eure Ziele zu erreichen (auch wenn ich – das haben Eltern so an sich – euch natürlich trotzdem mit Vorschlägen nerven und täglich in eure Lebensplanung reinreden werde).

Doch am Ende müsst ihr euch euer eigenes Urteil bilden, wonach es sich im Leben zu streben lohnt. Ein Eigenheim oder eine Mietwohnung? Die Luxusvilla am Strand oder ein Nomadenleben? Ein Leben im Dienst der Wissenschaft oder der Familie? Wollt ihr die Welt bereisen, oder reicht es euch, eure Gedanken auf Reisen zu schicken, indem ihr täglich ein Buch lest? Wollt ihr die Welt verändern oder sie bewahren? Kinder zeugen, adoptieren oder ohne Nachwuchs bleiben?

Findet es heraus, denn genau das ist es, was das Leben ausmacht: ein unentwegter Erkenntnisprozess. Oder – anders ausgedrückt – eine hoffentlich lange Reise, die sich aus vielen einzelnen Reisen zusammensetzt.

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2. Kapitel

Die Reisen eures Lebens

Viele Menschen vergleichen das Leben mit einer einzigen, langen Reise. Man bricht auf ins Ungewisse (Geburt), man zieht durch fremde Welten (Leben im Allgemeinen), und man kehrt zurück (Tod). Dieser Vergleich greift aber im Grunde genommen zu kurz.

Das Leben ist nicht eine Reise, sondern es besteht aus unglaublich vielen unterschiedlichen Reisen. Und meine These lautet: Je mehr Reisen ihr erlebt, desto erfüllter und glücklicher ist euer Leben.

Ihr merkt schon, mit Reisen meine ich nicht den All-inclusive-Malle-Urlaub mit deutschsprachiger Reiseleitung und Barfuß-Ausdruckstanzkurs am Strand. »Reise« ist eine Metapher und steht für alles im Leben, was euch in eine neue Erlebniswelt entführt.

Ihr habt in eurem kurzen Leben schon einige Reisen in diesem Sinne absolviert: Jeder Tag war und ist für euch ein neues Abenteuer mit einer weiteren Herausforderung, der ihr euch stellt. Meist unter der Beobachtung eurer fürsorglichen Eltern (wenn sie nicht gerade auf ihr Smartphone starren), aber das nimmt den ersten Krabbelversuchen, dem ersten Rutschen auf dem Spielplatz, den ersten Schritten in neue Gefilde, der ersten Tretroller-, Fahrrad-, Skateboardtour nicht den aufregenden Charakter des Aufbruchs in eine neue, unbekannte Welt. Das gilt im Kleinen für den ersten Sprung ins kalte Swimmingpoolwasser beim Schwimmkurs wie im Großen für eure Kita-Zeit, die ebenfalls eine Reise war. Sie endete mit dem Aufbruch in die Schulzeit.

 

Die Reisen eures Lebens gehen ineinander über oder laufen parallel. Auch eine Freundschaft ist eine Reise in diesem Sinne. Sie beginnt mit dem zaghaften Annähern, den ersten Einladungen zum Geburtstag und währt hoffentlich über eine lange Zeit, während der ihr permanent in neue Welten aufbrechen werdet: in eure Ausbildung oder euer Studium, in eure Berufswelt, in eine Ehe oder Partnerschaft.

Manche eurer Reisen sind mühselig, andere lehrreich und belebend. Sie führen euch durch unbekannte Regionen, bringen euch in entlegene, gefährliche Gegenden. Sehr oft werdet ihr entlohnt mit sagenhaften Erlebnissen, unvergesslichen Momenten. Ihr werdet Freunde finden, vielleicht sogar die Liebe, euch Feinde machen und Widersacher überwinden müssen.

Und wir, eure Eltern, können euch nicht vor allen Lasten und Beschwerlichkeiten bewahren. Es wird uns nicht gelingen, alle Hindernisse für euch aus dem Weg zu räumen, und auf keinen Fall werden wir stellvertretend für euch das Glück empfinden können, endlich am Ziel der Träume angekommen zu sein. Die Wege müsst ihr selbst gehen.

Wir können euch nur das nötige Rüstzeug mit auf den Weg geben, euch beim Kofferpacken helfen, damit ihr für die Reisen eures Lebens für (fast) jede Situation das passende Gepäckstück dabeihabt.

 

Ist euch schon einmal aufgefallen, dass sehr viele Geschichten im Kino, TV und in Büchern von Reisen handeln? Nemos Vater schwimmt durch den Ozean, um seinen Sohn zu finden, Jack springt auf die Titanic, um in die neue Welt zu schippern, Harry Potter steigt von Gleis 9¾ in den Zug nach Hogwarts.

Wir lieben diese Geschichten, weil die Personen in ihnen stellvertretend für uns auf Reisen gehen und sich in Welten wagen, in die die meisten von uns niemals aufbrechen würden.

Wir brüllen Clarice Starling zu, sie solle hinab zu Hannibal Lecter in den Psychokeller steigen, obwohl wir selbst die Beine in die Hand nehmen und abhauen würden.

Wir freuen uns, dass Liam Neeson in Taken (96 Stunden) ganz Paris in Schutt und Asche legt, um seine Tochter wiederzufinden, während wir selbst brav zur Polizei gehen und abwarten würden.

Und natürlich soll Omar Sy in Ziemlich beste Freunde gegen jede Konvention in der Behindertenbetreuung verstoßen, weil wir auch gerne mal die Regeln brechen und das »Richtige« tun würden, aus Angst aber brav bleiben (uns anpassen), damit wir nirgendwo anecken und bloß den Job nicht verlieren. (Wir wollen funktionieren!)

Ergo: Wir lieben die Helden in Büchern und Filmen, weil sie stellvertretend für uns auf eine Reise gehen und fremde (Erfahrungs-)Welten betreten, in die wir uns nicht hineinwagen. (Auch ihr hättet euch nicht an dem Raumschiff festgehalten, mit dem Wall-E durch den Orbit schießt!)

Es ist übrigens höchst aufschlussreich für das eigene Leben, wenn man sich mal mit der Struktur von Geschichten beschäftigt, die wir gerne hören, sehen, lesen oder erzählen. Kern ist also oft eine Reise. Sie beginnt damit, dass wir den Helden in seiner gewohnten Welt kennenlernen. Nehmen wir Harry Potter. Die gewohnte Welt dieses armen Kindes ist ein Verschlag unter der Treppe. Der Held, also Harry, bekommt im ersten Akt den Ruf des Abenteuers angetragen, in eine fremde Welt zu reisen – nach Hogwarts.

Das Angebot wird in der Regel nicht sofort angenommen, sonst wäre es ja kein Abenteuer. Oftmals verändert sich etwas in der gewohnten Welt des Helden, es gibt einen Schlüsselmoment, zum Beispiel taucht ein Mentor auf und gibt ihm einen klugen Rat, vielleicht wird unser Held gegen seinen Willen gezwungen, auf die Reise zu gehen, oder eine Notlage verschärft sich, und er muss sich auf die Suche nach etwas begeben, was es nur in der neuen, ungewohnten Welt gibt, in die er dann (mit Beginn des zweiten Aktes) aufbricht.

Falls euch die Struktur genauer interessiert, solltet ihr irgendwann unbedingt Die Odyssee des Drehbuchschreibers von Christopher Vogler lesen, der sich die Mühe gemacht hat, die Geschichten, die wir einander erzählen, bis zu den Zeiten Homers zurückzuverfolgen und archetypische Strukturen zu analysieren, die immer und immer wiederkehren.

Wichtig ist für euch an dieser Stelle erst einmal nur die Erkenntnis, dass der Beginn jeder großen Reise mit Zweifeln einhergeht. Im Kino wie im realen Leben. Bei Harry Potter ebenso wie bei euch. Es ist ein wenig schizophren: Wir lieben es, fremde Welten zu erkunden, aber wir haben Angst, unsere gewohnte Umgebung zu verlassen.

Ich habe als kleiner Junge zum Beispiel immer davon geträumt, ein Austauschjahr in den USA zu verbringen. Am Ende aber bin ich dem Ruf des Abenteuers nicht gefolgt, da ich ein zu großer Schisser war. Ich stellte Fragen wie: »Wird mir die Gastfamilie gefallen?«, »Werde ich neue Freunde finden?«, »Verliere ich meine Freunde zu Hause?«, »Und was wird mit meiner Band (ich spielte damals Schlagzeug), was ist mit den Auftritten, ruiniert das Austauschjahr am Ende meine internationale Popstarkarriere?« (die, nebenbei bemerkt, schon damals so wahrscheinlich war, wie dass die Regierung alle Steuern abschafft).

Im Unterschied zu einem fiktiven Helden entschied ich mich, die Reise nicht anzutreten und zu Hause zu bleiben. Meine Schüchternheit beraubte mich vermutlich eines sehr frühen Abenteuers, einer Reise, auf der ich Erinnerungen hätte sammeln können, worauf es im Leben meiner Meinung nach ankommt.

 

Es heißt oft, dass man am Ende seines Lebens nur die Dinge bereue, die man nicht ausprobiert hat.

Das ist so verallgemeinert natürlich Blödsinn. Ich habe zum Beispiel niemals die Droge Krokodil ausprobiert oder an einem Käfigkampf teilgenommen, und das werde ich vermutlich nie bereuen.

Eine weitere Schwierigkeit dieser merkwürdigen Erfindung, die wir Leben nennen, ist also, zu erkennen, welche Reisen wir antreten wollen und welchen Ruf des Abenteuers wir ignorieren.

Meine Faustregel hierfür lautet: Probiert im Leben so viel wie möglich aus, »reist«, so viel es nur irgend geht, aber stellt euch bei allem, was ihr ausprobiert, folgende drei Fragen:

 

1. Beschädigt es eure Gesundheit?

2. Kostet es euch die Freiheit?

3. Schadet es jemand anderem?

 

Dies ist die Reise-Checkliste, die ihr vor jedem Aufbruch vor Augen haben solltet. Wenn ihr nur eine dieser Fragen mit »Ja« oder »Wahrscheinlich« beantworten müsst, nehmt Abstand von der Reise.

Nehmen wir zur Überprüfung dieser Liste mal eine Reise, die ihr hoffentlich alle einmal antreten werdet: Ihr verliebt euch.