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Eine fantasievolle und charmante Geschichte über den Kult um den schönen Schein
Für Valérie hat der Termin bei einer Typ-Beraterin ungeahnte Folgen: Ihr Gatte ist sauer, denn er hätte lieber seine unscheinbare Frau behalten. Und sie selbst zweifelt: Ist sie nun wirklich schön und elegant, vielleicht gar wie ihre Filmheldin Julia Roberts? Auf dem Weg zur Bushaltestelle macht ein fremder Mann ihr Komplimente; sie ist völlig perplex. Wie in Trance fährt sie zum Bahnhof statt zur Arbeit, steigt in einen Zug – und reist ab. Unterwegs lernt sie die unterschiedlichsten Menschen kennen, darunter einen viel versprechenden Mann … Vor allem aber erlebt sie sich selbst auf neue Weise: eine ganz normale Durchschnittsfrau, der die Welt offensteht – wenn sie es nur will.
Und Colette, eine unanständige fünfundsiebzigjährige Mitreisende, hat recht: „Es gibt keinen Grund, auf die kleinen Glücksmomente des Lebens zu verzichten, und auch nicht auf die Liebe. Man sollte sich die Liebe rückhaltlos gönnen, so wie man eine süße, saftige Frucht genießt.“
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2012
»I’m in love with the Queen of the Supermarket …Nothing can hide the beauty waiting there …«
B. Springsteen, Queen of the Supermarket
Und an allem ist nur das Überraschungsgeschenk ihrer Freundinnen schuld.
Im Augenblick glauben Djamel und ihre Tochter Laura, sie sei zur Arbeit unterwegs. Ein so geregelter Weg, dass sie bloß auf die Uhr schauen müssen, um sich vorstellen zu können, wo sie gerade steckt.
Sie hat die Haustür abgeschlossen und danach das kleine Gartentor zugezogen. Ist dann nach rechts in die Sackgasse eingebogen, um zur Bushaltestelle zu gelangen. In der Ferne rollt ein Frauengesicht auf einer Werbetafel hoch und wieder nach unten. Ihre Schritte hallen auf dem Asphalt. Ein Windstoß fährt ihr ins Haar, sie muss den Kopf drehen. Vom Bürgersteig gegenüber pfeift ihr ein Mann hinterher, ein junger Mann. »Ich find dich toll, Madame, ich find dich toll!«, ruft er. Sie wirft ihm einen amüsierten Blick zu. So etwas ist ihr seit mindestens zehn Jahren nicht mehr passiert. Einmal, während eines Festes auf dem Campingplatz, hat ein Typ sie angebaggert, und Djamel hat ihn verprügelt. Einfach so. Ein Kopfstoß, und schon blutete dem anderen die Nase. Sie liebte ihn, wenn er sich wie ein echter Mann benahm. Heute geben sie sich nicht einmal mehr ein Gutenachtküsschen vorm Einschlafen. So viel Sex wie zwei Fische in der Pfanne. Ihre Freundin Martine hatte ihr erzählt, Paare, die sich oft küssten, würden sich selten anschreien.
»Ich find dich toll, Madame!« Sie lacht. Schallend. Der andere setzt noch einen drauf. »Du bist einfach zu schön, Madame!« Er macht weit ausholende Gesten, legt die Hand aufs Herz. Sie holt Luft. Ein Motorengeräusch, sie zuckt zusammen. Der Bus fährt an ihr vorbei, der Rocksaum ihres Kleids weht hoch. Eine Hinterkopf-Reihe und eine Reklame für einen Radiosender fahren davon. Kurze Filmsequenzen. An der hundert Meter entfernten Haltestelle steigen Leute ein und aus. Ein tiefes Schnaufen, und der Bus fährt weiter. Jetzt wo sie ihn – zum ersten Mal seit sieben Jahren – verpasst hat, wird sie zu spät zur Arbeit kommen.
Sie sieht zu, wie er den Hang hinaufkriecht und dann Richtung Montrouge abbiegt. Schneidende Kälte. Bis jetzt herrscht in ihrem Kopf nur ein Gefühl von Irrealität, es ist nichts Schlimmes passiert. Sie könnte anrufen, sie könnte Martine bitten, sie mit dem Wagen hinzufahren.
Doch das Verschwinden des Busses, das unablässige Ballett der Wagen auf der Avenue, die behelmten Arbeiter, die auf der Baustelle unterhalb werkeln, all das macht ihr mit einem Mal bewusst, dass sie es nicht mehr ungeschehen machen kann. Sie sieht die Szene vor sich, als wäre sie schon dort: Der Marktleiter mit seinem rosa Gesicht, dem Gesicht eines Pennälers – Wie alt ist er? Dreiundzwanzig? Vierundzwanzig? –, der Gnom, wie ihn ihre Tochter immer nennt, predigt ihr aufgebracht Moral, während sie sich an einer Erklärung versucht, die doch nur mit einem Achselzucken abgetan wird.
Sie hebt ratlos den Blick, um sich so dem Verkehrschaos und dem Lärm zu entziehen, und erkennt die Frau auf der Werbetafel. Es ist Julia Roberts, sie hält einen Parfümflakon an ihre Wange. Alle fünfzehn Sekunden überlässt sie ihren Platz einer Waschmaschine, die gerade im Sonderangebot ist, dann taucht sie wieder auf.
Dieses Auf und Ab hat etwas Besänftigendes, Wiegendes.
Das Bullauge der Waschmaschine. Das Gesicht des Stars. Das warme Lächeln und der kalte Stahl. Sie bemerkt, dass sie denselben Mund hat wie die Schauspielerin. Vielleicht nicht ganz so groß, aber auf jeden Fall hat sie dasselbe verlegene Lachen, das sich über das Gesicht ausbreitet. Dieses Befangene, das sie einen Hauch traurig wirken lässt, wenn sie lächelt.
Natürlich. Für Julia Roberts ist es leicht, in jeder Lebenslage so anmutig zu bleiben, auch wenn sie ein armes Mädchen spielt oder eine Prostituierte … Mit einem ganzen Heer von Visagisten und Friseuren. Sie hingegen, ohne die Überraschung ihrer Freundinnen …
Anfangs wirkte sie ganz harmlos, diese »berühmte« Überraschung zu ihrem vierzigsten Geburtstag, mit der Martine und die anderen ihr schon fast zwei Wochen lang in den Ohren gelegen hatten, immer in geheimnisvollem Ton. Sie kannte sie schon, diese Überraschungen. Ein Tag ohne Kinder, ohne Kochen. Ein Bowling- oder Karaoke-Abend, ein Restaurantbesuch … Und an diesem besonderen Morgen hatten sie angerufen und sie zu einem Kaffee bei Martine einbestellt, sie wirkten wie Verschwörerinnen. »Ich geh noch mal aufs Klo, und dann gehen wir«, hatte Martine nach zehn Minuten gesagt. »Wohin?« – »Überraschung!«, hatten die anderen gerufen und schallend gelacht.
Die Grübchen der Schauspielerin. Die Waschmaschinenreklame.
All das kann doch nicht wegen nichts und wieder nichts passiert sein. Möchte sie zu Julia Roberts sagen.
Abends, als Djamel das Geschenk ihrer Freundinnen sah, ging er wortlos zu Bett. Sie schmiegte sich an ihn. Er stieß sie weg. »Manchmal frage ich mich, was in deinem Kopf vor sich geht …« – »Djamel.« Er wandte sich noch einmal zu ihr um. »Scheiße aber auch, die werden staunen, deine Kolleginnen …« Er hatte nichts verstanden.
Dabei ist es ganz einfach. Es ist keine spontane Verrücktheit. Natürlich geht es tiefer. Eigentlich hängt alles miteinander zusammen, der Einfall der Freundinnen und die Aussicht auf die Vierziger.
Sie kann nicht mehr, sie erstickt in diesem täglichen Sumpf aus schmutziger Wäsche, aus gewaschener Wäsche, die über der Badewanne trocknet, und mehr noch an den Waschmittelgerüchen, die an ihrer Haut kleben. Auch sie möchte sich den Luxus eines Parfums gönnen.
Sie hätte über das Ganze hinweggehen können, sie ist immer über alles hinweggegangen in ihrem Leben mit Djamel, sie haben immer so getan, als käme es nur auf das Ziel an, als wäre jeder zusätzliche Tag, an dem sie diesen Anschein von Ordnung und Eheleben aufrechterhalten konnten, ein Gewinn … Doch dieses Mal nicht. Unmöglich, das hier auf eine etwas lächerliche weibliche Dummheit zu reduzieren, auf Zeitvergeudung, auf etwas Unwichtiges.
Julia Roberts versteht sie, da ist sie sicher. »Du bist schön.« Eine neue Frau. Und das möchte sie einfach noch einmal genießen, bevor es zu spät ist.
Also macht sie kehrt. Sie geht an dem McDonald’s vorbei, in dem sie früher, als Laura noch klein war, samstags nach der Schule mit ihr essen gegangen ist. Sie lächelt den Passanten zu, die alle zu flanieren scheinen, den schüchternen Strahlen der Frühlingssonne, den noch unbelaubten Bäumen, den wenigen, die tätig sind. Sie ist so aufgewühlt, dass sie sich eine Zigarette anzündet. Sonst raucht sie ihre erste Zigarette erst in der Elf-Uhr-Pause. Oder versucht es wenigstens. Ihre Aufregung wächst. Natürlich, sie wird wieder nach Hause zurückkehren. Aber nicht sofort. So ist sie noch nie gegangen, mit erhobenem Kopf, schön aufrecht, Schultern gestrafft, mit geschmeidigen Beinen. Dieser Rausch, sich anders zu fühlen, zu gehen wie eine Schauspielerin, auf High Heels, die sie heute Morgen angezogen hat und an die sie noch nicht gewöhnt ist. Ihr ist, als würde sie von einer Kamera verfolgt. In ihrem Kopf erklingt Musik, die Musik zu der Szene, in der sich die Heldin endlich zu dem entschließt, was die Zuschauer schon seit Beginn des Films erwarten. Weggehen.
Den Zug nehmen.
Vor den Gleisköpfen begegnen sich, ohne voneinander Notiz zu nehmen, die Ströme der geschäftigen Vorstädter und der von schweren Koffern behinderten Fernreisenden. Die Vorstadtzüge ähneln Konservenbüchsen mit ihrer grauen Außenhaut, die an Blech erinnert, und den lächerlich geformten Schriftfeldern mit den Zielorten. Sie gönnt ihnen einen letzten Blick und geht dann weiter.
8 Uhr 50. Sie bleibt vor der Anzeigetafel stehen, auf der sich die verschiedenen Zielorte aneinanderreihen wie eine Aufzählung möglicher Lebenswege. Perpignan? Biarritz? Irún? Sie hat nicht darüber nachgedacht. Erst als sie dem Fahrkartenverkäufer am Expressschalter gegenübersteht, kommt ihr die Idee. Toulouse! Als wäre es das Natürlichste der Welt, hat sie plötzlich das Gesicht ihrer Cousine vor Augen. Die Einzige, die sie verstehen kann, die sie zumindest nicht verurteilen wird. Sie hat sie ein bisschen aus den Augen verloren, aber früher waren sie unzertrennlich und immer auf dem Sprung. Was sie alles zusammen angestellt haben, und wie sie gelacht haben … Sie erinnert sich daran, wie sie an der Landstraße standen und trampten. Sobald am Horizont ein Wagen auftauchte, wurde, klick, das Lächeln eingeschaltet. Und wenn das Auto auf dem Seitenstreifen hielt, rannten sie, sie rannten wie die Verrückten. Voilà, genau darum ging es: eine übermächtige Lust auf ein bisschen Kichern. Alles andere würde man sehen. Aber jetzt erst einmal durchatmen, durchatmen und genießen.
Vor einem Kiosk verlangsamt sie den Schritt. Eine Zeitung kaufen. Sich eine kleine Freude gönnen. Sie zögert. Sie hat eben schon Geld für die Fahrkarte ausgegeben. Am Schalter hat sie bedauert, dass sie keine Reiseschecks dabeihat. Die immer gleichen alten Reflexe … Eine kurze Niedergeschlagenheit. Was soll ein neues Leben, wenn man doch nur knausert? Plötzlich erfasst sie die schreckliche Angst, eine Riesendummheit – ein anderes Wort fällt ihr dafür nicht ein – zu begehen. Sie denkt an den Abend, an dem sie nach der Arbeit mit ihrer Kollegin zu einem Kunden gegangen ist. Weil sie vergessen hatte, ihn seinen Scheck unterschreiben zu lassen. Ein großes Loch in ihrer Kasse. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie, die Gewissenhafte, die Genaue. Und schon lag sie auf der Nase. Wenn es nicht Laura oder Djamel passiert, dann ist sie diejenige. Schießt einen Bock nach dem anderen. Zu viel im Kopf. Wie der Typ guckte, als sie bei ihm klingelten. Zwei Kassiererinnen im Kittel, zum Umziehen hatte die Zeit gefehlt. Er lud sie ein, etwas zu trinken, und dann zog es sich in den Abend. Djamels Gesicht, als sie nach Hause kam. Er interessiert sich nie für sie, doch wenn er nicht weiß, wo sie ist … In seinen Augen existiert sie nur durch ihre Abwesenheiten.
9 Uhr. Normalerweise hat sie jetzt schon ihre Geldkassette geholt, sich zu ihrer Kasse begeben, ihr Wechselgeld gezählt, ihren Stuhl eingestellt. Um diese Zeit kommen vor allem die Alten. Die Mütter kommen ein bisschen später. Die meisten gehen erst einmal auf einen Kaffee zu einer Freundin, nachdem sie ihre Sprösslinge an der Schule abgesetzt haben. Auf der Suche nach einem Platz geht sie den Bahnsteig entlang. Sie stockt, als sie in einem der Waggonfenster das Spiegelbild eines Frauengesichts sieht. Die Frau hat ihr Haar zu einem Knoten hochgesteckt. Ein paar Strähnen haben sich gelöst und fallen locker seitlich an den Wangen herunter, sie lassen ihr Gesicht anmutig und zart wirken. Unter der Jacke erkennt man ein tief ausgeschnittenes rotes Kleid. Die Frau wirkt jung, oder vielmehr schwerelos, anziehend. Sie braucht einige Augenblicke, bis sie sich erkennt. »Du bist schön.« Sie wirft sich eine Kusshand zu. »Gute Reise!«
Sie setzt sich ins erste leere Abteil. Ans Fenster.
9 Uhr 05. Draußen rauchen ein paar junge Leute noch eine Zigarette vor dem Einsteigen, ihre Rucksäcke stapeln sich um einen Pfeiler herum. Ein Mann verabschiedet sich von seiner Frau und seinem Sohn.
Sie würde auch gern aussteigen und noch eine rauchen, aber die Furcht, der Zug könne ohne sie abfahren, hält sie an ihrem Platz.
In ihrer Vorstellung, das heißt, so wie sie sich die Dinge bei ihrer Ankunft an der Gare d’Austerlitz vorgestellt hat, hätte sie auf den fahrenden Zug aufspringen müssen, ohne Zeit zum Nachdenken. Diese Minuten des Wartens halten die Bewegung an, die sie seit dem Morgen bis hierher getrieben hat. Ihre übliche Schlaffheit kommt wieder auf. Immer ein bisschen daneben, ein wenig verstimmt, sobald Laura oder Djamel auf sie zukommen. »Macht mir bloß keinen Stress.« Schlimm. Eine echte Lusche … Sie drückt sich in den Sitz. Nervös reibt sie sich über die Oberschenkel. Die rhythmischen Bewegungen ihrer Hände lullen sie ein. Sie kann den Blick nicht von der Fahrkarte lösen. Toulouse. Und sie hat nicht einmal eine Rückfahrkarte genommen.
9 Uhr 13. Der Zug fährt um 9 Uhr 32 ab. Sie kann nicht verstehen, warum Züge derart abstruse Abfahrtszeiten haben.
Es ist sicher fünf Jahre her, dass sie zuletzt allein gereist ist. Ja, könnte gut sein. Das letzte Mal, als sie ihre Tochter abgeholt hat, die die Ferien bei der Großmutter in der Bretagne verbracht hatte. Genau, fünf Jahre. Die kleine Laura lachte die ganze Zeit. Ein lebensfrohes Kind, das seine Tage im Wasser verbrachte, während sie selbst am Strand blieb, um auf sie aufzupassen, um darauf zu warten, dass sie sich endlich aus dem Wasser bequemte … Kann eine Mutter einfach so ihre Tochter verlassen? Sie verscheucht den Gedanken mit einer Handbewegung. Die zehn Minuten, die sie sich am Tag sehen, Frühstück und Abendessen eingeschlossen, können nicht viel ausmachen. Laura hat jetzt ohnehin ein eigenes Leben. Das bekommt sie oft genug zu hören, jedes Mal, wenn sie sich erdreistet, ihre Tochter zu fragen, wo sie war.
9 Uhr 16. In vierzehn Minuten macht der Gnom seine Runde. Dann stößt er auf die geschlossene Kasse. Er wird zu Josette hinaufgehen und sie fragen, wer fehlt. Sie werden anrufen. Djamel wird aus allen Wolken fallen. Er wird versuchen, sie auf dem Handy zu erreichen.
Sie holt es aus der Tasche und legt es auf das Tischchen. Auf dem Display ist als Hintergrund ein Foto von ihr und ihrer Tochter, das sie im vergangenen Jahr in La Rochelle gemacht haben.
Sie könnte es ausschalten. Aber sie hat eigentlich Lust, Djamel die Stirn zu bieten. Zu versuchen, ihn zu überzeugen. Es geht doch nur um ein, zwei Tage, um durchzuatmen. Das heißt, nein, es würde sie beruhigen, ihn schimpfen zu hören. Der Preis, den sie zahlen muss, denn man darf nicht einfach so weggehen. Sie sieht seine spöttische, ja verächtliche Miene schon vor sich, wenn sie ihm zu erklären versucht, dass sie am Anschlag ist. Was willst du ihm sagen? Dass du alles hingeschmissen hast, nur um dich unter den Blicken der Männer lebendig zu fühlen. Weil du dich für schön hältst? Nur eine kleine Atempause. »Du bist schön!«
Sie schließt die Augen. Eine andere Erinnerung: als sie einmal mit zwei Männern gleichzeitig geschlafen hat. Es war lange vor Lauras Geburt, lange bevor sie Djamel kennenlernte. Die Brüder Bruneau. Mit dem einen ging sie, aber der andere war auch süß. Es war nicht eigentlich geplant. Eines Abends waren sie plötzlich in ihrem Zimmer und landeten schließlich im Bett. Ihr hatte vor allem der Gedanke gefallen, mit beiden zu schlafen, ohne sie zu betrügen.
Seltsam, was ihr seit dem Morgen für Gedanken kommen.
Wenn andere Leute zu ihr ins Abteil kommen, wird sie sich ruhig verhalten müssen.
Sie stellt sich Laura vor, wie sie am Abend in trauter Zweisamkeit mit ihrem Vater vor dem Kühlschrank steht, verloren. Wahrscheinlich genauso ungläubig, wie sie selbst es im Augenblick ist. Fast hätte sie ihr eine SMS geschickt, um ihr zu sagen, was für das Abendessen vorgesehen ist. Sie zieht eine Grimasse. Und wenn sie, abgesehen von allem anderen, nur einen guten Grund hätte, dann diesen. Bei Djamel und Laura musste alles vorgeplant sein, nichts durfte vergessen werden … Das Essen, die Wasserflasche, die frische Wäsche … Sie kannte die beiden in- und auswendig, sie wusste noch vor ihnen, wann sie Hunger haben würden, wann Durst, wann ihnen kalt oder warm sein würde, wann sie ihren Pulli brauchen würden, ihr Handtuch, ihr … Anstrengend. Immer den Kopf voll, voll von ihrem Leben, ihren Gewohnheiten. An alles denken, auch wenn nicht sie es war, die es tun würde. Ihnen das Was und Wie sagen. Nie ausspannen … Sie gönnte sich nur ein paar Minuten, abends vor dem Einschlafen, dann las sie im Bett noch in einer Zeitschrift oder in einem Roman, und selbst dann hatte sie noch den Kopf voll mit der Liste für den nächsten Tag. Laura und Djamel fanden sie schwerfällig, doch im Grunde wären sie ohne diese Ordnung nicht zurechtgekommen, sie waren auf ihre Aufmerksamkeit und Wachsamkeit angewiesen.
Mit einem Mal fühlt sie sich entlastet, leicht. Das ist das Angenehmste daran. Allein, endlich allein, völlig allein.
Ein Eisenbahnangestellter, das Walkie-Talkie am Ohr, inspiziert den Zug.
9 Uhr 20. Sie verfolgt die Bewegung des Sekundenzeigers. Alles zerfällt, eingefrorene Bilder, oder vielmehr absurd aufgeblähte Großaufnahmen.
Sie sieht sich als Kind, als sie sieben war und ihre erste Brille bekommen hatte, mit einem breiten roten Gestell, das fast ihr ganzes Gesicht einnahm. Mit einem Mal hatte ihre Welt aufgehört, verschwommen zu sein. Den ganzen Abend lang untersuchte sie das Muster auf der Wachstuchdecke. Blumen. Als wären sie seit dem Morgen gewachsen. Aus einem grüngelben Brei waren verschlungene Stängel, gezackte Blätter, üppig gerundete Blüten gewachsen.
Die jungen Leute haben ihre Zigaretten geraucht und schreien durcheinander. Alles prägt sich ihr ein. Der Mann auf dem Bahnsteig macht Faxen zum Zugfenster hin. Sie stellt sich vor, wie der kleine Junge lacht. Sie sucht nach einem Zeichen dafür, dass sie nicht die Einzige ist, die in diesem Augenblick etwas Außerordentliches tut. Wieder für einen kurzen Moment die Versuchung, alles ungeschehen zu machen, schleunigst nach Hause zu fahren. Nein, wir spielen jetzt ein Spiel. Das bist du, aber das ist nicht dein Leben. Denk daran, wie es war, wenn dein Vater dich ausschimpfte. Eine andere bekam die Abreibung, ein Mädchen, dessen Rolle du spieltest. Übrigens, du brauchst dir nur einen neuen Namen zu geben. Valérie ist ein bisschen mickrig, wenn man die Brocken hinwirft. Nach Art der Fernsehserien der Sechziger: Valérie verlässt ihren Mann. Valérie packt die Koffer … Mein Siebenschläfer, sagt Djamel, wenn er sie im Gespräch mit seinen Kumpeln erwähnt. Der Siebenschläfer packt die Siebensachen … Und wie wär’s mit Julia? … Sie steht auf, betrachtet sich in dem Spiegel über den Sitzen und zupft noch eine Strähne zurecht. »Salut, ich heiße Julia.« Vergnügt.
Eine Ansage.
»Meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie an Bord des Teoz Nr. 4763 nach Toulouse. Dieser Zug hält in Aubrais, Vierzon, Châteauroux, La Souterraine, Limoges, Brive, Uzerche, Souillac, Cahors, Montauban und Toulon. Abfahrtszeit 9 Uhr 32. Bitte denken Sie daran, dass Ihr Reisegepäck mit einem Namensanhänger versehen sein muss. Die SNCF, das Begleitpersonal und der Zugchef wünschen Ihnen eine angenehme Reise.«
Noch ist genug Zeit, um auszusteigen. Sie wird es nicht schaffen! Djamel hat es ihr oft genug gesagt, und sie hat sich schließlich von diesem Glauben anstecken lassen. Eine Frau kommt allein nicht zurecht.
Sie sinkt in sich zusammen, vorn auf der Sitzkante, dann strafft sie sich und lehnt den Hinterkopf an das Kopfpolster. Nervös wickelt sie die lange Halskette um ihre Finger.
Sie hätte einen Zettel hinterlassen sollen. Von wegen! Pappt Julia Roberts etwa einen gelben Klebezettel an den Kühlschrank, wenn sie abhaut? Sie lacht schallend.
»Entschuldigen Sie bitte, aber Sie sitzen auf meinem Platz. Ich habe die Nummern 55, 56, 57 und 58 reserviert. Das ist doch Wagen 16?«
Vier Fahrgäste stehen im Abteil. Vincent, der als Letzter eingetreten ist, sieht die Frau nicht, die Muriel stotternd antwortet. Es ist ihm unangenehm, wenn seine Frau sich so aufführt. Er stellt sich vor, was er in dieser Situation täte, wie peinlich es ihm wäre, sich auf einen reservierten Platz gesetzt zu haben. Ihm hätte es nichts ausgemacht, sich auf einen anderen Platz zu setzen. Muriel geht ihm auf die Nerven, zugleich beneidet er sie ein wenig darum, dass sie ruhig und bestimmt sagt, was sie will. Insgeheim ist er ihr dafür dankbar. Ein indirekter Nutzen ihrer Paarbeziehung, auf den er sich verlässt, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Muriel und die beiden anderen treten zur Seite. Vincent steht plötzlich direkt vor der Frau. Sie weichen beide zurück, stoppen und bewegen sich gleichzeitig nach vorn. Fast wären sie aufeinandergeprallt. Er entschuldigt sich, sie reagiert nicht. Er wagt nicht mehr, sich zu rühren. Sein Blick verhakt sich an ihrem Ausschnitt, über den eine lange Kette hängt. Von dem Gedanken erschreckt, sie könne ihn dabei ertappen, hebt er den Kopf sofort wieder und starrt ihr übertrieben aufmerksam auf den Haaransatz.
Er streift sie, als er ihr Platz macht. Im Vorübergehen verströmt sie Parfumdüfte. Wegen ihrer hohen Absätze knickt sie um. Er streckt hilfsbereit den Arm aus, doch sie wehrt dankend ab und stützt sich auf den Sitz. Er wird verlegen, so sehr glänzen ihre Augen, wenn sie lächelt.
Die Neuankömmlinge lassen sich nieder. Sie verstauen ihre Taschen auf der Gepäckablage und setzen sich auf die vier Plätze auf der Fensterseite. Muriel und Aude nebeneinander und Nicolas neben Vincent. Vincent bemerkt, dass sämtliche Frauen in Fahrtrichtung sitzen, die andere Frau hat sich an den Gang gesetzt, ihm schräg gegenüber.
»Mademoiselle!«
Muriel spricht die Frau schon wieder an.
»Sie haben Ihr Handy vergessen.«
Vincent reicht es ihr, lässt es jedoch ungeschickterweise los, bevor sie es ergriffen hat. Sie fängt es eben noch auf, leicht verärgert. Angesichts seiner Betretenheit sagt sie »Nichts passiert« und sieht dann, ohne eine Antwort abzuwarten, aus dem Fenster. »Tut mir leid«, sagt Vincent leise.
Er schlägt sein Buch auf, sucht nach der richtigen Seite … Er ist abgelenkt, weil diese Frau ständig mit ihrem Handy spielt. Sie wirkt aufgeregt, wahrscheinlich erwartet sie einen wichtigen Anruf. Sie interessiert ihn. Frauen dieser Art, sexy gekleidet, als wären sie leicht zu haben, sind immer eine Winzigkeit vulgär, doch diese nicht. Sie ist nur knapp davor. Geräuschvolles Herumkauen auf einem Kaugummi oder ein Sich-in-den-Sitz-Lümmeln, und schon wäre sie über die Grenze gekippt. Sie hält ein prekäres, rührendes Gleichgewicht.
»Wann kommen wir an?«
»15 Uhr 48«, erwidert Nicolas. »Wir werden von jemandem von der Uni vom Bahnhof abgeholt und ins Hotel gebracht. Danach Zeit zur freien Verfügung bis zum Abendessen mit dem Rektor. Und morgen um 9 Uhr wird das Kolloquium eröffnet.«
Beim Gedanken an die Tagung verdüstert sich Vincents Laune. Er hasst diese großen akademischen Turniere. Am liebsten wäre er einer der mittelalterlichen Gelehrten, deren Werke er studiert, dann bestünde sein Leben darin, hinter Abteimauern die alten Texte zu sammeln und sein Scherflein zum kulturellen Erbe beizutragen.
Er betrachtet das Spiegelbild der Frau in der Fensterscheibe. Manchmal sinkt sie tief in den Sitz zurück und späht nervös in die Landschaft, dann scheint sie sich plötzlich zu verwandeln, strafft sich und zeigt den Mitreisenden ein freundliches Gesicht. In diesen Augenblicken findet er sie schön. Sie hat nicht die übliche Selbstsicherheit hübscher Mädchen, die, ohne sich selbst zu einem Blick herablassen zu müssen, wissen, dass man sie betrachtet. Er hat die lackierten Nägel registriert, die nachgezeichneten Augen, die leuchtend roten Lippen, den raffinierten Blondton ihres Haars, das ganze Arsenal einer Frau, welche die Aufmerksamkeit der Männer zu wecken trachtet. Und dennoch hat sie etwas Natürliches, etwas unendlich Einfaches. Natürlich wirkt sie durch ihre Rundungen, den strahlenden Teint und den Brustansatz, den ihr Kleid erkennen lässt, verführerisch, aber sie scheint es nicht zu wissen oder nicht zu beachten, als wäre es ihr ebenso selbstverständlich wie eine gute Gesundheit und ein fröhliches Temperament.
Reisen ist für Vincent eine ähnliche Prüfung wie neue Kleidung. Er fühlt sich unbehaglich, und zugleich freut er sich. Er weiß nicht, welche Haltung er einnehmen soll, findet es ein wenig beunruhigend, an einem Ort zu sein oder einen Ort anzusteuern, den er nicht kennt, und zugleich genießt er diesen flüchtigen Augenblick, in dem nichts wirklich real ist. Mit ein wenig Glück wird ihn die Beobachtung dieser Frau die Reise über beschäftigen, und er wird sich alle möglichen Geschichten ausdenken, die bis zur Ankunft eine auf die andere folgen – und die er sofort vergessen wird.
Er gönnt sich das Vergnügen, an seine imaginären Seitensprünge zu glauben – er hat Muriel noch nie betrogen –, eine Möglichkeit, die nötige Distanz zur Realität zu wahren.
Nicolas hat ihr sein verführerisches Lächeln zugeworfen, das die Frauen so sehr lieben. Ein echter Don Juan. Er hat den Bogen raus, einem das Gefühl zu geben, er habe einen erwählt, seine spöttisch-verschwörerische Art hat noch die Widerspenstigsten entwaffnet. Vincent sieht ihm gern zu, wie er in jedweder Situation ungezwungen bleibt und die lässige Überheblichkeit des großen Raubtiers zur Schau trägt. Er lächelt bei diesem Bild, es erinnert ihn an eine Passage über den Schwertfisch in einem mittelalterlichen Bestiarium. Der Schwertfisch war der Schrecken der Seeleute, weil er angeblich die Schiffsplanken mit seiner schwertförmigen Nase durchbohrte. Den gelehrten Werken zufolge gibt es nur ein Mittel, ihn zu töten. Man muss am Heck einen großen Spiegel anbringen. Wenn der Schwertfisch ihn sieht, kann er nicht anders, als das Bild seines goldglänzenden Schuppenkleids zu bewundern, er vergisst darüber seine Wut, schwimmt nicht mehr auf den Schiffsrumpf zu und bietet den hinter dem Spiegel versteckten Seeleuten seine Flanke dar, sodass sie ihn mit ihren Harpunen zur Strecke bringen können. Vincent, der sieht, wie Nicolas einen weiteren Blick in Richtung der Frau wirft, hat eine Vision. Während des Kolloquiums wird sein Freund von allen Seiten angegriffen. Von so viel Feindseligkeit aus dem Konzept gebracht, verstummt er und trinkt ausgiebig aus seinem Wasserglas. Da steht Vincent auf und schmettert die Argumente der Widersacher entschieden ab. Je mehr er daran denkt, desto deutlicher wird die Szene, er steht jetzt allein dem letzten Gegner gegenüber, dem wütendsten, er nötigt ihn, unter dem Spott der Tagungsteilnehmer den Saal zu verlassen, dann wendet er sich zum Rednerpult um und führt den Applaus für Nicolas an, der ihm voller Bewunderung zuzwinkert.
Vincent kann den Blick nicht vom Spiegelbild der jungen Frau wenden. Sicher wegen des Ausschnitts. Er hat nie verstanden, warum Frauen nicht häufiger Dekolletés tragen. Er könnte sie stundenlang betrachten. Nein, das hat nichts Schlüpfriges. Es ist nur eine Gefühlsbewegung, die er nicht unterdrücken kann. Es könnte gut sein nächster Forschungsgegenstand sein: Guten Tag, ich bin Dekolleté-Forscher. Würden Sie sich einige Minuten Zeit nehmen, um mir ein paar Fragen zu beantworten? Ich analysiere die spezifische Form jedes einzelnen Dekolletés, ich interessiere mich für den freiliegenden oder bedeckten Umriss der Brust, für die hervorlugende Spitze des Körbchens oder des Trägers, für Material und Form Ihres Büstenhalters. Wie weit wollen Sie Hals und Brust zeigen, und was empfinden Sie, wenn Sie spüren, dass der Blick eines Mannes auf Ihrem Dekolleté liegt?
Sie lächelt ihm zu. Er errötet, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
Er sieht sich mit ihr in einem Café sitzen, sie reden bei einem Glas Wein über irgendwelche lustigen Sachen, sie hat ein sehr sanftes Lachen. Und er, der immer schüchtern war, spricht zu ihr, den Blick auf den Tisch gesenkt, dann gehen sie auf die Straße hinaus, es liegt Romantik in der Luft, sie hört ihm sehr interessiert zu, er sagt ihr, er sei – Schriftsteller? Journalist?, nein, Schriftsteller, er verspricht, er werde ihr seinen neusten Roman schenken, sie freut sich so, dass sie ihm die Hand auf den Arm legt, ganz kurz spürt er ihren Körper, einen nervösen Körper, und …
Eine schweißgebadete alte Dame öffnet die Abteiltür. Sie blickt mehrmals auf ihre Fahrkarte, bevor sie sich vor einen leeren Platz stellt. Vincent steht sofort auf, um ihr beim Verstauen des Koffers zu helfen. Nicolas sagt ihm, wo er hin soll. Er ist sehr schwer. Ihn wundert, was alte Leute so alles transportieren. Als müsste man mit zunehmendem Alter immer mehr mit sich herumtragen.
Sehr hilfsbereite Männer. Sie haben ihr den Koffer auf die Ablage gehievt, ohne dass sie sie darum hätte bitten müssen. Jetzt hat sie Ruhe bis Gourdon. Dann wird sie bloß aufstehen und die Hand nach dem Koffergriff ausstrecken müssen, damit sie ihr gleich beispringen.
Colette erholt sich langsam von ihrer Aufregung. Fast hätte sie den Zug verpasst, obwohl sie eine halbe Stunde vor der Abfahrtszeit da war. Sie hat den zwei Monate zuvor gekauften Fahrschein am Automaten abgestempelt und dann, weil sie ihre Brille nicht aus der Handtasche holen wollte, einen Mann gefragt, wo Wagen 16 sei, in dem sie Platz 54 reserviert habe. Dieser Mann hat sich jedoch trotz seines kategorischen Tonfalls geirrt und sie auf den Nachbarbahnsteig geschickt. Es war noch niemand im Abteil, deshalb schob sie den Koffer nur unter ihre Beine. Schließlich kam jemand und beanspruchte ihren Platz. Beim Vergleich der Fahrkarten wurde ihr klar, dass sie im Corail nach Clermont saß. Sie ist nicht in Panik geraten. Das ist nicht ihre Art. Aber sie hat sich durch den ganzen Gang gegen den Strom zur Tür kämpfen müssen und dabei ständig Leute mit ihrem Koffer angerempelt, und von dieser Anstrengung ist sie nun ganz erschöpft.
Es wird mit jedem Jahr ein wenig schwieriger. Eines Morgens steht sie auf und entdeckt eine neue Schwachstelle, die sie zu einem weiteren Verzicht zwingt. Zumeist handelt es sich um Kleinigkeiten wie Schraub- und Flaschenverschlüsse, die sie mangels eines festen Griffs nicht mehr öffnen, oder um die Einkäufe, die sie mangels Kraft nicht mehr nach Hause tragen kann. Als würde sie den Weg nun zurückgehen. Es hat einmal eine Zeit gegeben, die gar nicht so weit zurückliegt, jedenfalls kann sie sich noch gut daran erinnern, in der sie sich über die Reserven ihres Körpers wunderte. In der sie stolz darauf war, so leicht allein zurechtzukommen, ohne Mann.
»Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie … über Aubrais … La Souterraine … Souillac … nach Toulouse. Fahrgäste ohne … an den Kontrolleur … und nicht an ihrem Platz auf ihn zu warten …«
Sie wirft einen Blick durchs Fenster und sieht, dass sie entgegen der Fahrtrichtung sitzt. Sie holt ein Zettelchen aus der Tasche, auf dem sie das Programm für diesen Tag notiert hat. Möglichst alles vorauszusehen und alles aufzuschreiben, daraus besteht jetzt ihr Leben. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass alte Leute oft so in sich gekehrt wirken. Dabei ist sie in ihrer eigenen Vorstellung immer noch fünfundzwanzig. Sie streicht aus, was sie bereits erledigt hat.
»Der Kontrolleur möchte Sie noch einmal darauf hinweisen … ohne gültigen Fahrausweis … unverzüglich an ihn wenden … Zuschlag …«
Überrascht über diese Ansage, werfen sich die Fahrgäste fragende und amüsierte Blicke zu.
»… einschließlich einer geringen Gebühr für die Ausstellung des Beförderungsausweises.«
»Na, der ist aber wirklich von seiner Aufgabe durchdrungen!« Nicolas lacht.
Diese Gesprächseröffnung ermutigt Colette. Sie fragt Julia nach ihrem Reiseziel.
»Wegen meines Koffers …«
Die junge Frau scheint die Frage nicht gehört zu haben. Sie hat nicht einmal den Blick vom Fenster abgewandt. Gegen die Scheibe gelehnt, starrt sie auf den Bahnsteig, nichts scheint sie davon ablenken zu können.
»Keine Sorge, Madame. Wir fahren bis nach Toulouse. Wir helfen Ihnen«, sagt Nicolas beruhigend.
Sie dankt ihm mit einem Blick.
»Ich steige in Gourdon aus. Wissen Sie, wenn man alt ist, wird noch das Geringste zum Problem«, sagt sie, wieder an Julia gewandt.
Jedes Mal hasst sie sich dafür, wenn sie mit der alten Leier vom Altern anfängt.
»Aber deshalb muss man noch lange nicht auf alle Unternehmungen verzichten.« Schon hat sie sich wieder gefangen.
Sie lehnt sich in Julias Richtung und flüstert ihr so laut, dass die anderen es hören können, ins Ohr, sie werde am Ende des Jahres fünfundsiebzig …
Julia nickt ihr vage zu.
Weit davon entfernt, sich von dieser Reaktion abschrecken
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Les poissons ne connaissent pas l’adultère« bei Editions JC Lattès, Paris.
Der Limes Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House.
Erste Auflage
© der Originalausgabe 2010 by Editions Lattès
© der deutschsprachigen Ausgabe 2011 by Limes Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
eISBN 978-3-641-08427-1
www.limes-verlag.de
www.randomhouse.de
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