Fisherman's Friend in meiner Koje - Kerstin Gier - E-Book

Fisherman's Friend in meiner Koje E-Book

Kerstin Gier

4,4
7,99 €

oder
Beschreibung

Judith, Rebecca und Bille sind reif für das Abenteuer ihres Lebens. Rebecca sehnt sich nach einem Seitensprung, Judith verliebt sich unsterblich in den Segellehrer, weil sie ihn für einen modernen Freibeuter, einen Gesetzlosen der Neunziger hält, und Bille möchte einfach nur Segeln lernen. Mit von der Partie auf der stürmischen Ostsee: Alte und junge Seebären, Ehepaare mit erstaunlichen Macken und jede Menge Fisherman's Friend extra strong. Eine verwickelte, überaus komische Liebesgeschichte, die einen von der ersten bis zur letzten Seite in Atem hält.

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Seitenzahl: 361

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1

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Nachwort

Über die Autorin

Kerstin Gier hat als mehr oder weniger arbeitslose ­Diplompädagogin 1995 mit dem Schreiben von Frauenromanen begonnen. Mit Erfolg: Ihr Erstling Männer und andere Katastrophen wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt, und auch die nachfolgenden Romane erfreuen sich großer Beliebteit. Ein unmoralisches Sonderangebot wurde mit der »DeLiA« für den besten deutschsprachigen Liebesroman 2005 ausgezeichnet.

Heute lebt Kerstin Gier, Jahrgang 1966, als freie Autorin mit Mann, Sohn, zwei Katzen und drei Hühnern in einem Dorf in der Nähe von Bergisch Gladbach.

KERSTIN GIER

FISHERMAN’S FRIEND in meiner Koje

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

© 1998 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Titelbild: © getty-images / Paul Costello

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-0880-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Jo und Heidi, meine erste und beste Crew, für Frank L., meinen ersten und besten Skipper, für Biggi, meine erste und beste Freundin

Und für Frank – nicht der Erste,

1

»Mutter-Teresa-Seniorenheim«, murmelte ich vor mich hin. »Was für ein dämlicher Veranstaltungsort für einen Segelkurs.«

Mutter-Teresa-Seniorenheim, das klang nun wirklich nicht nach dem Ort, an dem das Abenteuer meines Lebens seinen Anfang nehmen sollte.

Aber man darf weder Menschen noch Orte nach ihren Namen beurteilen, und ich zwang mich, den Namen in einem romantisch verklärten Licht zu betrachten. Warum sollte es nicht möglich sein, hier einen Mann zu treffen, der noch seine eigenen Zähne hatte? Denn das war letzten Endes mein zugegeben niederes Motiv. Das Segeln wollte ich nur in zweiter Linie erlernen.

»Hier irgendwo muss es sein«, sagte meine Schwester und verminderte das Tempo abrupt. Der Fahrer im Wagen hinter uns drückte empört auf die Hupe.

Ich zeigte ihm einen Vogel, was er in der Dunkelheit vermutlich nicht erkennen konnte, und sah noch einmal auf meine Wegbeschreibung.

»Mutter-Teresa-Heim, Eingang links – na ja, wenigstens einen Straßennamen und eine Hausnummer hätte man ja dabeischreiben können«, nörgelte ich. »Wer kennt sich bei den Altenheimen schon so genau aus?«

»Seniorenwohnheim«, verbesserte Rebecca. »Und es liegt auf der Hand, dass das Mutter-Teresa-Heim in der Mutter-Teresa-Straße liegt – oder?«

Ich nickte zustimmend. Zu dieser Schlussfolgerung waren wir nach gemeinsamer detektivischer Kleinarbeit über den Stadtplan gelangt. Zu unserer Rechten tauchte jetzt ein höheres, verklinkertes Gebäude auf, das sehr stark nach Seniorenwohnheim aussah.

»Das ist es«, sagte ich siegessicher.

Rebecca schaute sich nach einem Parkplatz um. »Wir sind eine Vierstunde zu früh«, stellte sie dabei fest, und weil es ja nichts Peinlicheres gibt, als zu früh zu kommen, parkten wir ein bisschen weiter die Straße runter und saßen die Zeit bis acht Uhr im Auto ab. Dabei ergingen wir uns in wilden Vermutungen über die Zusammensetzung der Kursteilnehmer.

»Bestimmt lauter Rentner, die ihren Schrebergarten gegen ein Motorbötchen eingetauscht haben«, unkte ich aus purem Zweckpessimismus. In Wahrheit hoffte ich auf ein paar unheimlich nette, junge Intellektuelle mit guttrainierten Brustmuskeln. Nur für den Fall, dass heute Abend ein solcher anwesend sein würde, hatte ich mich ziemlich in Schale geschmissen, natürlich den Verhältnissen dezent angepasst. Wollweißer Zopfpulli und Jeans, die Haare zu einem Zopf geflochten.

Leider war mir mit den Haaren ein kleines Malheur passiert. Ich hatte wieder mal eine der angeblich auswaschbaren Tönungen ausprobiert. Nach Flamingo, Mandarine und Chayenne-Rot diesmal Paprika-Rot. Aus Schaden wurde ich einfach nicht klug.

In Wirklichkeit bin ich eine Blondine, hellgoldblond, eine Haarfarbe, mit der ich vor allem im Sommer immer zufrieden bin. Leider aber wachsen die Haare im Winter am Scheitel mindestens zwei Nummern dunkler nach, und dann sieht es so aus, als hätte ich sie zuvor gefärbt. Allein deswegen erlag ich immer so um die Weihnachtszeit der Versuchung, zu einer Rothaarigen zu mutieren.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass blonde Menschen aussterben und weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und man als Blonder deshalb nicht nur etwas ganz Besonderes ist, sondern auch sozusagen die moralische Verpflichtung hat, das Aussterben der blonden Subspezies zu verhindern. Dank der Blondinen, die die Frechheit besitzen, sich mit Brünetten fortzupflanzen, werden echte Blondinen wie ich bald ausgestorben sein. Da musste ich doch wirklich nicht noch hergehen und mich paprikafarben machen! Zu allem Überfluss sah es nämlich auch beschissen aus! Und dann wieder das alte Problem: von wegen auswaschbar nach vier bis fünf Haarwäschen. Hahaha!

»Das wächst sich aus«, meinte meine Schwester tröstend. »In drei bis vier Jahren wirst du wieder blonde Gene vererben können.«

Ich musste lachen. Es war wohl nicht sehr wahrscheinlich, dass sich meine vorübergehende Rothaarigkeit vererben würde. Ganz davon abgesehen, dass ich im Augenblick nicht vorhatte, mich fortzupflanzen.

»So«, sagte Rebecca schließlich. »Es ist eine Minute nach acht. Wenn wir jetzt reingehen, sind wir exakt fünf Minuten zu spät, also echt cool. Bist du bereit für das Abenteuer deines Lebens?«

Ich strich mir eine paprikarote Strähne aus dem Gesicht und straffte meine Schultern. »Ich bin bereit.«

»Bleib cool«, sagte Rebecca. »Und noch was: Es ist nicht nötig, dass du jedem gleich auf die Nase bindest, dass du meine kleine Schwester bist. Und dass ich einen Mann und ein Baby habe, geht auch keinen was an, klar?«

»Klar«, sagte ich voller Aufregung, ohne nach dem Grund zu fragen. Äußerlich echt cool schlenderten wir durch den hellerleuchteten Eingang des verklinkerten Baus. Gleich hinter der Tür stand eine Frau und lächelte uns herzlich an.

»Bitte ziehen Sie Ihre Schuhe gleich hier vorne aus«, sagte sie mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete.

Etwas verwirrt taten wir wie geheißen.

»Ist der Stefan schon da?«, erkundigte sich Rebecca bei der Frau nach unserem Segellehrer.

»Das weiß ich nicht. Ich kenne die Teilnehmer noch nicht mit Namen. Gleich zu Anfang werden wir erst einmal ein Kennenlernspiel veranstalten. Oh, guten Abend.« Hinter uns hatte ein Pärchen den Flur betreten, die Frau war eindeutig schwanger. »Bitte ziehen Sie die Schuhe gleich hier vorne aus.«

Rebecca und ich schlurften auf Socken in den nächsten Raum. Hier bot sich uns ein unerwartetes Bild. Auf Turnmatten verteilt saßen jeweils zwei meist händchenhaltende Personen, Mann und Frau, und sämtliche Frauen hatten eines gemeinsam.

»Alle schwanger!«, entfuhr es Rebecca.

»Wir sind hier falsch«, schloss ich messerscharf und wandte mich an die Schwangere auf der Turnmatte gleich neben der Tür. »Wissen Sie vielleicht, wo der Segelkurs stattfindet?«

Die Schwangere schüttelte den Kopf.

Rebecca kam ein schrecklicher Verdacht. »Ist das am Ende gar nicht das Mutter-Teresa-Heim?«

Wieder Kopfschütteln, diesmal von allen Turnmatten. In stummer Übereinkunft hasteten wir zurück zu unseren Schuhen. Glücklicherweise wusste die Dame am Eingang den Weg zum Seniorenheim.

»Da sind Sie aber noch ein paar Minuten unterwegs«, sagte sie.

Rebecca sah auf ihre Uhr. Es war bereits Viertel nach acht.

»Echt cool«, meinte ich unglücklich. Noch peinlicher, als zu früh zu kommen, ist es, zu einer offiziellen Veranstaltung erst dann zu erscheinen, wenn alle anderen schon Platz genommen haben und der Vortragende seine Begrüßungsworte bereits hinter sich gebracht hat. Die Blicke, mit denen man bei solchen Gelegenheiten bedacht wird, sind im höchsten Maße krebserregend.

»Dann besser gar nicht«, sagte ich im Brustton der Überzeugung, aber davon wollte Rebecca nichts wissen. Sie scheuchte mich im Laufschritt zu unserem Wagen zurück und bretterte dann kamikazemäßig zum echten Mutter-Teresa-Seniorenheim. Das lag bereits in tiefster Dunkelheit. Es war nach acht, da mussten die Senioren schon schlafen. Nur der Eingang links war notbeleuchtet.

Da aber über der Tür groß und deutlich »Mutter-Teresa-Heim« stand, folgte ich Rebecca, ohne zu zögern, in den nach Desinfektionsmitteln riechenden Flur.

»Und jetzt?« Vor uns breitete sich ein menschenleerer, kilometerlanger Gang mit unendlich vielen Türen aus. »Woher willst du wissen, in welchem Raum dein toller Segelkurs stattfindet?«

Auch Rebecca sah ratlos aus. Dann aber griff sie hinter sich zum Lichtschalter und knipste das Licht aus. Der Flur war sofort in gespenstisches Dunkel getaucht. Orientierungslos tastete ich nach der Wand.

»Was soll das?«, rief ich ungehalten.

»Das kann ich dir sagen«, hörte ich die Stimme meiner pfiffigen Schwester. »Ich will sehen, unter welcher Türschwelle hier noch Licht ist.«

Das war zugegebenermaßen clever von ihr. Und es funktionierte. Nur der Raum hinter der ersten Tür links schien beleuchtet zu sein. Rebecca knipste das Flurlicht wieder an und drückte energisch die Klinke hinab. Ich wartete noch, bevor ich ihr folgte – schließlich konnte es immerhin sein, dass sie einen aufsässigen Senioren überraschte, der unerlaubterweise nach acht Uhr noch fernsah oder sich einen runterholte. Aber wir hatten den richtigen Raum erwischt. Leider!

Alle Augenpaare durchbohrten uns mit unfreundlichen Blicken. Am unwilligsten guckte der bebrillte junge Mann, der sich vor den zusammengerückten Tischen neben einem Flip-Chart aufgebaut hatte. Darauf konnte man die vielversprechenden Worte »Navigation, Gezeiten, Seemannschaft, Wetter und Gesetzeskunde« lesen.

»Hallo, Stefan«, sagte Rebecca. Sie kannte den Bebrillten persönlich – er war unser zukünftiger Segellehrer.

»Hallo«, erwiderte er mürrisch und wartete ansonsten stumm, bis wir uns gesetzt hatten. Ich ließ mich peinlich berührt neben meiner Freundin Bille nieder.

»Haben wir was verpasst?«

»Nö«, erwiderte sie. »Nur das Allerwichtigste. Was es kostet, welche Bücher wir brauchen und was genau in den einzelnen Unterrichtsstunden durchgenommen werden soll.«

»Zum Segeln muss man Enthusiasmus mitbringen«, sagte der Typ mit Brille, beinahe ohne seine Lippen zu bewegen. Man wusste nicht, ob man seinen Worten glauben sollte oder seinem Tonfall. Von Enthusiasmus keine Spur.

»Steht der unter Valium?«, erkundigte ich mich flüsternd bei meiner Schwester. Ich hatte mich mittlerweile von unserem peinlichen ersten Auftritt erholt und mich gründlich im Raum umgesehen. Dies war eindeutig der Saal, in dem die Senioren nachmittags Bastel- und Tangokurse abhielten, die Fenster waren immer noch mit weihnachtlichen Goldpapiersternen verziert, in der Luft hing der Geruch von Korega-Tabs. »Oder hat der schadhafte Zähne?«

»Nein, der ist immer so«, flüsterte Rebecca zurück.

Ich seufzte. Bille neben mir seufzte auch. Dies war schließlich die sogenannte Schnupperstunde, die einem so richtig Lust aufs Segeln machen sollte.

»Die Stunden werden ziemlich hart sein, die Theorie ganz schön langweilig, der Lernstoff verdammt schwierig. Da bleibt der Spaß zwangsläufig auf der Strecke«, pries der Segellehrer seinen Unterricht an. In mir keimte der Verdacht, dass er am Ende gar nicht wollte, dass der Kurs zustande kam.

Außer Rebecca, Bille und mir saßen nur noch sechs weitere Personen um die Seniorenkaffeetafel herum.

»Kann man hier auch den Binnenschifffahrtsschein machen?«, fragte die Frau mir gegenüber nun schon zum dritten Mal. Sie trug eine von diesen Lupenbrillen, die die Augen optisch mindestens verdreifachen.

Der Segelmensch antwortete geduldig, was er schon zweimal erklärt hatte, nämlich dass wir hier den Sportbootführerschein See und den BR-Schein erwerben könnten, also eine Berechtigung zum Führen von Segelyachten. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, wofür ausgerechnet ich so einen Schein erwerben sollte. Ich saß keineswegs aus freien Stücken auf den zugegebenermaßen bequemen Stühlen. Meine Familie hatte mir auf Rebeccas Anraten hin diesen Segelkurs zu Weihnachten geschenkt.

Ich bin Steinbock, das langweiligste Sternzeichen überhaupt, und Rebecca war diejenige, die mir eingeredet hatte, ich solle diesen Segelkurs als das Abenteuer meines Lebens betrachten. Tja, wenn man den Worten des Segellehrers Glauben schenken konnte, dann wurde daraus schon mal nichts. Und außerdem hatte ich den starken Verdacht, dass Rebecca mein Weihnachtsgeschenk aus rein egoistischen Motiven ausgesucht hatte, denn ich hätte viel lieber eine neue Nähmaschine bekommen.

Rebecca war es nämlich, die es nach einem Abenteuer dürstete, obwohl sie in meinen Augen die glücklichste Frau der Welt war. Sie hatte einen Mann, der sie auf Händen trug, eine kleine Tochter, die noch auf Händen getragen werden musste, und einen gutgehenden Laden, in welchem sie selbstentworfene Klamotten verkaufte. Was ihr fehlte, wusste wohl nur sie selber, wenn überhaupt.

Sie kannte den schlaftrunkenen Segellehrer vom Volleyball und hatte versucht, mir sowohl ihn als auch den ganzen Kurs auf die unterschiedlichste Weise schmackhaft zu machen.

»Segeln ist der einzige Sport, den auch Unsportliche wie du ausüben können, Judith«, sagte sie unter anderem, was sehr ungerecht war, weil ich mindestens sechsmal im Jahr joggte und ganz passabel Schach spielen konnte.

»Es kann einfach nicht schaden, wenn man im fortgeschrittenen Alter noch mal seine Gehirnzellen in Schwung bringt«, meinte sie außerdem. Von fortgeschrittenem Alter konnte höchsten bei ihr die Rede sein, ich war nämlich erst achtundzwanzig – und damit vier Jahre jünger als sie. Was meine Gehirnzellen anging, die waren durch mittlerweile siebzehn Semester Germanistikstudium wohltrainiert.

Wobei ich fairerweise sagen muss, dass ich nur noch nebenbei studierte. Hauptberuflich war ich Künstlerin. Das heißt, ich bastelte sehr hübsche Marionetten, eigentlich ohne jeden künstlerischen Anspruch. Aber ich hatte das Glück, einen Bruder zu haben, der mich managte und eine Galerie ausfindig gemacht hatte, die meine Puppen als Kunstobjekte ausgab und verkaufte. Für Leute mit Geld, aber ohne Kunstverstand waren sie genau das Richtige: naiv, dekoraktiv und teuer. Besonders um die Weihnachtszeit gingen sie weg wie warme Semmeln.

Im Sommer, wenn sich das Guthaben auf meinem Konto bedrohlich gegen null neigte, jobbte ich zusätzlich als Sekretärin, Urlaubsvertretung in einer Firma für Einwegkleidung.

Studium, künstlerische Passion und Job hielt ich Rebecca unter die Nase, dazu meine Hobbys – nämlich auf dem Sofa und im Biergarten rumhängen, Klamotten in der Waschmaschine einfärben und Mozzarella-Tomaten essen – wo bitte sollte ich vielbeschäftigte Person noch Zeit für einen Segelkurs finden?

Daraufhin änderte sie ihre Taktik und appellierte an meine niederen Triebe. Leider muss ich zugeben, dass das funktionierte.

»Stell dir vor, du auf einem Boot mitten in der Ostsee und lauter kernige, braungebrannte Typen um dich herum.« So ungefähr lautete der Satz, dem ich es zu verdanken habe, dass ich jetzt tatsächlich hier saß und bereit war, die Kunst des Segelns zu erlernen.

Außerdem, einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul, und meine alte Nähmaschine tat es noch ganz gut. Nur, leider, die knackigen Typen waren hier doch ziemlich rar gesät.

»Ja, aber kann man denn hier auch den Führerschein für Binnengewässer machen?«, fragte die Frau mir gegenüber wieder und rollte bedrohlich die Augen.

»Nein«, antwortete der Segellehrer jetzt knapp.

»Aber die Karin, die war letztes Jahr hier, und die hat den Binnenführerschein gemacht.«

»Kann nicht sein«, widersprach der Segellehrer. Er kannte keine Karin, das sah man ihm deutlich an.

Miss Binnenschifffahrt machte ein so beleidigtes Gesicht, dass ich meinen Hintern darauf verwettet hätte, dass diese Schnupperstunde die erste und letzte für sie war. Ich persönlich würde ihr nicht hinterhertrauern.

Außer Miss Binnenschifffahrt saß noch eine übellaunig dreinblickende Frau da, die zwar alles mitschrieb, was der Segellehrer sagte, aber so aussah, als würde sie eigentlich lieber den Führerschein für Planierraupen machen. Neben ihr ein mittelalter Mann, der sein Handy vor sich auf dem Tisch deponiert hatte, und ein weißbärtiger Herr, der sich mehrfach nach Angelmöglichkeiten während des Ausbildungstörns erkundigte. Auf der anderen Seite saß ein ausgesprochen seriös wirkendes Ehepaar Ende fünfzig.

Nur ein einziger Teilnehmer schien zu halten, was Rebecca versprochen hatte. »Ich bin Mick«, hatte er sich vorgestellt. »Man nennt mich auch Micky.«

Micky war kein bisschen mickrig, hatte schöne blaue Augen und einen kleidsamen Dreitagebart. Das war natürlich auch Bille nicht verborgen geblieben.

»Süß«, flüsterte sie mir zu.

»Ich sehe hier nur einen einzigen halbwegs kernigen Typen, und den will schon meine Freundin«, wandte ich mich vorwurfsvoll an Rebecca, während der Segelmensch das Band vom letztjährigen Ausbildungstörn in den Videorekorder legte.

»Die anderen kommen erst nächstes Mal«, behauptete Rebecca.

Wer’s glaubt, wird selig!

Diese Mickymaus würde wohl oder übel für uns alle herhalten müssen, das sah ich schon kommen.

»Ich hab’ ihn zuerst gesehen«, flüsterte mir Bille zu.

Das hatte ich jetzt von meinem echt coolen Zuspätkommen. Aber im Grunde freute mich Billes Interesse an einem anderen Mann als Burghart über alle Maßen.

Burghart war Billes Freund. Ich konnte ihn nicht leiden. Es soll ja öfter vorkommen, dass man den Freund der besten Freundin nicht ausstehen kann, aber all jenen, denen es so geht, möchte ich zurufen: »Ja, ich weiß, Heinz-Peter, Michael und Bruno, die sind alle schrecklich, aber seht euch Burghart an und seid dankbar, denn nun wisst ihr, es kann noch viel, viel schlimmer kommen!«

Immerhin hatte ich es Burghart zu verdanken, dass Bille mir bei diesem sogenannten Abenteuer Gesellschaft leistete. Burghart war nämlich ein begeisterter Segler. Er und Bille fuhren regelmäßig an irgendwelche holländischen Binnenseen und schipperten auf einem Katamaran herum, Burghart als Kapitän, Bille als bewundernder Decksklave. Burghart teilte seine Mitmenschen grundsätzlich nur in zwei Kategorien ein: die Stümper und die Bewunderer. Bille musste abwechselnd für beides herhalten.

Allerdings besaß Burghart noch keinen entsprechenden Segelschein. Nicht, dass er das nicht sofort und ohne Vorbereitung mit links hinter sich gebracht hätte, aber er hätte einfach zu wenig Zeit, sagte er. Weil er noch so viele andere Sachen um die Ohren habe.

Bille glaubte sich zur Abwechslung mal seiner Bewunderung sicher zu sein, wenn sie diesen Segelschein erwerben würde. Aber mit dieser Annahme lag sie so gründlich daneben wie mit der ganzen verfahrenen Beziehungskiste als solcher.

Burghart flippte nämlich völlig aus, als er hörte, dass Bille ihm bald etwas voraushaben würde.

»Ihr beiden Luschen und den BR-Schein schaffen? Dass ich nicht lache!« Er entrang sich ein paar künstliche Haha-Laute.

»Soviel ich weiß, ist der Kurs noch nicht voll belegt«, sagte ich. »Da wäre sicher noch ein Platz frei – für eine Lusche wie dich!«

Burghart ignorierte mich einfach. Das tat er meistens.

»Niemals packst du das, Bille! Wo du nicht mal richtig Auto fahren kannst!«

Jetzt musste ich aber lachen! Erst vor zwei Wochen hatte nämlich er Billes vor der Tür parkendes Fahrrad zu Brei gefahren, seiner Ansicht nach, weil es nicht vorschriftsmäßig (!) beleuchtet (!) gewesen war; meiner Ansicht nach, weil selbst ein Fahrrad noch einen höheren IQ hat als Burghart.

»Du traust mir wohl gar nichts zu, was?«, fragte Bille leicht gekränkt.

»Jedenfalls das nicht«, meinte Burghart. »Das wäre rausgeschmissenes Geld, ehrlich. Außerdem find’ ich das irgendwie affig. Die totale Angabe.«

»Und ich dachte, du freust dich. Weil ich dann weiß, was ich tun soll, wenn wir das nächste Mal segeln gehen.«

»Einen Scheiß wirst du wissen«, knurrte Burghart. »Aber wenn du dich unbedingt lächerlich machen willst, bitte!« Dabei machte er ein Gesicht zum Reinhauen. Das heißt, in mir weckte dieses spezielle Gesicht (und eigentlich auch alle seine anderen) das Bedürfnis zuzuschlagen, bei Bille hatte es in der Regel eine andere Wirkung.

Sie sagte dann meistens: »Wenn du meinst …« Was den gewalttätigen Teil in mir noch höher auf die Palme trieb.

Zu meiner großen Überraschung war es diesmal anders.

Bille sah Burghart in die Augen und sagte fest: »Schade, dass du das so siehst. Aber ich hab’ mich schon angemeldet und zieh’ das jetzt durch.«

»Du wirst ja sehen, was du davon hast«, rief Burghart da aus, und mit dieser undurchsichtigen Drohung rauschte er aus der Wohnung.

Er wohnte ein Stockwerk über Bille, und dort hörten wir Sekunden später die Tür knallen. Noch ein paar Sekunden später hörten wir die Toilettenspülung rauschen.

»Jetzt ist er sauer«, erklärte Bille. »So was verursacht immer Durchfall bei ihm. Sofort. Er hat dann nicht mal Zeit, die Klotür zuzumachen.«

Die Vorstellung von Burghart mit angeschlagener Verdauung hinter der offenen Klotür trug dazu bei, mich ganz schnell von meiner Überraschung zu erholen.

»Toll«, lobte ich Bille. »Endlich zeigst du mal wieder Profil! Ganz die alte Bille!«

»Ich hab’ mich doch nicht verändert!«

»Ach nein?« Ich zog ironisch eine meiner Augenbrauen hoch, ein mimisches Kunststück, das ich vor dem Spiegel zur Vollkommenheit trainiert hatte. »Und wer sagt neuerdings statt Joghurt immer Lactobazillus?«

Dazu konnte sie dann nichts mehr sagen. Der Lactobazillus war nämlich noch die harmloseste Veränderung, die seit Beginn ihrer Freundschaft zu Burghart in ihr vonstatten gegangen war.

Immerhin, dass sie es auf sich genommen hatte, Burgharts Verdauung zu stören, war ein erster Schritt zur Besserung. Und ich würde alles daransetzen, Burghart zu beweisen, dass wir jedenfalls keine Luschen waren. Dieser verdammte Segelschein, das schwor ich mir, würde unser sein.

Auf dem Fernsehschirm flimmerte es gelb. Nach und nach – dies war eindeutig ein Amateurvideo – formierten sich daraus ein paar Gestalten in Ostfriesennerzen und Südwestern, die verfroren in die Kamera winkten. Der Wind blies kräftig. Die Kamera machte einen Schwenk über Unmengen von grauem Wasser. An einer besonders tristen Stelle fror der Segellehrer das Bild ein.

»Da!«, stieß er für seine Verhältnisse ungewöhnlich aufgeregt hervor und zeigte auf die Wasserfläche. »Seht ihr das?«

»Ja, allerdings. Könnten wir den Ausbildungstörn nicht auf dem Mittelmeer machen?«, erkundigte sich Bille fröstelnd.

»Da!«, wiederholte der Segellehrer ungeduldig und tippte auf einen Punkt im Wasser. »Weiß einer von euch, was das ist?«

Sogleich hagelte es Vorschläge von allen Seiten.

»Ein herrenloses Surfbrett?«, wagte sich Rebecca vor. Surfer waren die einzigen Idioten, denen sie zutraute, dass sie bei diesem Wetter aufs Wasser gingen. Aber es war wohl kein Surfbrett, aus dem ungehaltenen Blick zu schließen, den ihr der Segellehrer zuwarf.

»Ein Hai?«, mutmaßte Miss Binnenschifffahrt, und jetzt war allen klar, warum sie sich lieber auf die Binnengewässer verlegen wollte.

Hai war ebenfalls unzutreffend.

»Eine leere Bierdose«, riet Mickymaus. Guter Tipp, aber leider auch falsch.

»Seht doch mal genau hin«, empfahl der Segellehrer.

Alle beugten sich vor. Auch ich kniff die Augen zusammen und versuchte, den kleinen Flecken zu identifizieren, aber es gelang mir nicht.

Meine Kurzsichtigkeit war dabei ein zusätzliches Handicap.

»Eine Tonne«, rief der männliche Teil des seriös aussehenden Ehepaars plötzlich triumphierend aus.

»Richtig!« Der Segellehrer lächelte zum ersten Mal breit. Dabei registrierte ich, dass mit seinen Zähnen tatsächlich alles in Ordnung war. »Und was für eine Tonne?«

»Eine Regentonne?«, mischte ich mich spontan ein. Ich wollte nicht, dass jeder gleich merkte, wie kurzsichtig ich war. Ich trug nämlich keine Brille. Außerdem hatte ich blitzschnell geschaltet, dass Mülltonnen wohl kaum so weit draußen auf der Ostsee rumtrieben.

Ich stutzte. Regentonnen eigentlich auch nicht. Ärgerlich biss ich mir auf die Lippen. Warum konnte ich auch nie meinen Mund halten?

Die anderen grinsten auch prompt, und die Frau, die aussah, als ob sie eigentlich lieber den Führerschein für Planierraupen erwerben wollte, lachte sogar aus voller Kehle.

»Mein Gott wie dämlich«, japste sie schließlich. Mit der Regentonne lag ich wohl gründlich daneben.

»Haha«, sagte der Segellehrer und musterte mich böse. Offenbar fühlte er sich verarscht.

Bille stieß mich in die Seite. »Du kleiner Scherzkeks! Tonnen nennt man diese Bojendinger, die die Schifffahrt kennzeichnen.« Das war wohl eine Tatsache, die hier jedem außer mir bekannt war.

Der seriöse Herr schaute immer noch konzentriert auf den Bildschirm.

»Gelb, schwarz, gelb«, sagte er. »Das müsste demnach eine Gefahrentonne sein. Und zwar liegt die Gefahr hier im Osten der Tonne.«

»Sehr gut«, freute sich der Segellehrer. Die Ehefrau des Tonnenfachmannes strahlte.

»Du weißt aber auch immer alles, Heinrich!«, flötete sie.

Nach dieser sensationellen Enthüllung durften wir das Video zu Ende sehen. Die dick vermummten Gestalten waren abwechselnd mit schönen Sonnenuntergängen in Szene gesetzt worden, es wurde Beck’s Bier getrunken und mehrmals der »Biene-Maja-Song« angestimmt, falsch, aber laut. Der Segellehrer lächelte erinnerungsträchtig vor sich hin, und einmal sang er sogar leise mit.

»Uuund diessse Biene, die ich meine, die heißt Majaaaaa, kleine süße Biene namens Maja …« Man konnte nur hoffen, dass das Lied nicht zwingend erlernt werden musste, wenn man sich denn nun entschloss, tatsächlich an diesem Segelkurs teilzunehmen.

»Also dann bis zum nächsten Mal«, sagte der Segellehrer optimistisch und packte seine Sachen zusammen.

»Also, ich werde nicht kommen«, meinte die mit der Lupenbrille, was ich ja schon gehofft hatte.

»Wir kommen«, verkündete die Ehefrau des Tonnenspezialisten und lächelte ihren Heinrich an. »Und wir bringen Freunde von uns mit. Ein segelerfahrenes Ehepaar. Sie besitzen eine Yacht auf Ibiza.«

Na toll, das segelerfahrene Ehepaar war sicher auch schon scheintot, genau wie der mit dem weißen Bart, der jetzt verkündete, dass er ebenfalls mit von der Partie sein würde, und zwar zusammen mit einem Freund.

»Aus dem Seniorenheim«, flüsterte ich Bille zu. Tatsache war ja, dass sie in diesem Fall nicht weit zu gehen hatten.

»Es gibt immer noch diesen Mick«, meinte Bille und schaute ihm hinterher. Ich ebenfalls.

»Das ist allerdings ein Argument«, sagte ich dann.

Billes geheimes Tagebuch

8. JANUAR.

Jetzt reicht’s. Alles muss man sich nicht gefallen lassen. B. kam gerade und hat mir endlich sein Weihnachtsgeschenk gebracht.

Es ist Augencreme. Für die Haut ab vierzig.

B. sagt, die war sündhaft teuer.

Ich bin noch keine dreißig, habe ich ihm gesagt, aber das weiß B. ja selbst.

Er sagte, meine Krähenfüße bereiteten ihm Kummer.

Sagte ihm, das seien Lachfältchen, keine Krähenfüße.

Er sagte, ich solle mir nichts vormachen, der Zahn der Zeit nage auch an mir.

Habe aber auch in letzter Zeit wenig Grund zu lachen. B. trifft sich mit einer Kollegin namensMELANIE. Er sagt, sie sehe aus wie Julia Roberts, nur besser.

Habe ihm im Gegenzug von diesem Mick aus unserem Segelkurs erzählt. Habe gesagt, Mick sieht aus wie Brad Pitt in Brünett, nur besser. Und der Segellehrer wie Keanu Reaves. Schön wär’s ja!

B. tat so, als glaubte er mir kein Wort.

Habe ihm dann meine neuen Schuhe vorgeführt. B. meint, darin hätte ich kurze Beine. Werde die blöden Dinger morgen umtauschen.

2

Dass ich eine vielbeschäftigte Frau war, habe ich ja schon an früherer Stelle erwähnt. Allerdings habe ich vergessen, in diesem Zusammenhang Leonard, meinen Freund und Liebhaber, anzuführen. Leonard war ein ziemlich zeitaufwendiges und pflegeintensives Hobby, und ich überlegte schon seit geraumer Zeit, es wieder aufzugeben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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