Männer und andere Katastrophen - Kerstin Gier - E-Book
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Beschreibung

Judith, 26, ist ziemlich unzufrieden. Ihr Freund kümmert sich nur noch um Sport und andere Frauen, das Studium und den Bürojob hat sie satt, und die Männer, mit denen sie sich trösten möchte, sind die reinsten Katastrophen. Auch ihren Freundinnen ergeht es nicht besser: Susanna hat alle Prinzipien über Bord geworfen und sich dem Mammon zuliebe mit einem gefräßigen Langweiler eingelassen, Katja lässt sich von ihrem Freund belügen und betrügen, und Bille verliebt sich ausgerechnet in einen notorischen Angeber ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:338


Über die Autorin

Kerstin Gier, geboren 1966, hat als mehr oder weniger arbeitslose Diplompädagogin 1995 ihr erstes Buch MÄNNERUNDANDERE KATASTROPHEN veröffentlicht. Mit riesigem Erfolg. Es wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt. Inzwischen sind all ihre Romane, insbesondere FÜRJEDE LÖSUNGEIN PROBLEM und die MÜTTER-MAFIA-Romane Kult. Dank ihrer Jugendromane, der »Edelstein-Trilogie« und SILBER, ist ihre Fangemeinde noch größer geworden. Die sympathische Autorin lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen in der Nähe von Köln.

www.kerstingier.com

Kerstin Gier

MÄNNER UNDANDEREKATASTROPHEN

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 1996 by Autorin und Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © fat_fa_tin/shutterstock;

© shutterstock/ Richard Peterson

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-0953-6

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Für Bernhard

Handlung und Personen in diesem Roman sind reine Fantasie. Sollte sich trotzdem jemand wiedererkennen, wäre mir das sehr unangenehm.

Samstag

Ich ahnte nichts Gutes.

Auf einem Extrateller neben dem geblümten Platzdeckchen lag ein kleiner, undefinierbarer Klumpen. Er hatte die gleiche verdächtige Farbe wie die Fleischfetzen, die unter die Fettaugen in der Suppe abgetaucht waren. Die Suppe selber war ein hellgelber, tiefgefrorener Quader gewesen, bevor sie in der Mikrowelle dunkelgelb, trübe und flüssig geworden war.

»Ich bin gespannt, ob du raten kannst, was für Fleisch des ist«, sagte Susanna in ihrem pfälzisch angehauchten Dialekt und schöpfte mir den Teller randvoll.

»Ich bin auch gespannt«, gab ich zu, nahm einen Löffel und kaute tapfer auf einem Fleischfetzen herum.

»Und?«, wollte Bruno wissen und zog den Rotz in seiner Nase hoch.

Ich kaute noch. Es schmeckte ein bisschen eigenartig, aber das schob ich darauf, dass die Suppe sicher schon oft aufgetaut und wieder eingefroren worden war.

»Und?«, fragte Bruno wieder, wobei er erneut schniefte.

»Ziege?«, riet ich.

»Nein.« Susanna und Bruno freuten sich.

»Pferd?«, fragte ich. Ich traute ihnen mittlerweile alles zu.

»Nein!«

»Dann vielleicht Hirsch, Reh, Schwein, Rind, Tiger?« Pfui, Teufel, welches Viehzeug pflegte der Mensch denn noch alles zu verzehren?

»Nein!«

»Dann weiß ich es nicht.« Ich kapitulierte und nahm noch einen Löffel von dem trüben Zeug. Diesmal schluckte ich, ohne das Fleisch zu zerkauen. Sicher war sicher.

»Hase«, verriet Susanna schließlich.

Hase also nahm gekocht, tiefgefroren und wieder aufgetaut diese seltsame graue Farbe an. Na fein, dann hatte ich wieder etwas dazugelernt. Hätte ja auch was Schlimmeres sein können.

»Hase ist mein Lieblingsfleisch«, informierte mich Bruno in breitem Pfälzisch und machte sich daran, den mysteriösen, grauen Klumpen auf dem Extrateller zu verzehren.

Der Klumpen hatte mehrere Löcher, und obwohl ich versuchte, mich auf meine Suppe zu konzentrieren, beobachtete ich gleichermaßen gelähmt und fasziniert, wie Bruno ein paar graue Fetzen abzupfte und verschlang, um dann den Klumpen an den Mund zu setzen, daran herumzuschmatzen und etwas aus seinem Inneren zu schlürfen.

»Lecker«, sagte er und zog zufrieden den Rotz hinterher. »Daheim haben wir uns immer drum gestritten, wer’s Köpfle bekommt, aber die Suse mag’s halt net so gern wie ich.«

Ich ließ meinen Löffel in die Suppe sinken.

»Dabei ist das Beste und Gesündeste am ganzen Hasen das Hirn«, meinte Bruno und zog die Nase hoch.

Das also war Bruno. Warum hatte ich ihn mir bloß so anders vorgestellt?

Groß sei er, hatte Susanna geschrieben, und das stimmte auch. Groß und fett, mit einem doppelten Doppelkinn und über den Hosenbund quellenden Wanst.

Blond sei er, hatte Susanna geschrieben, auch das stimmte. Jedenfalls an den wenigen Stellen, an denen er noch Haare hatte. – Zum Beispiel in den Nasenlöchern.

Ein nettes Lächeln habe er, hatte Susanna geschrieben. Ich konnte mir zwar lebhaft vorstellen, wie sich bei dieser Gelegenheit seine Nasenhaare sträubten, aber wirklich beurteilen konnte ich es nicht, weil er bis jetzt noch kein einziges Mal gelächelt hatte.

Nein, so hatte ich ihn mir wirklich nicht vorgestellt.

Susanna und ich hatten uns eine Wohnung geteilt, als ich nach dem Abi von der ZVS in eine süddeutsche Kleinstadt verbannt worden war. Obwohl wir uns über eine Kleinanzeige gefunden hatten, war uns beiden schon bei der ersten Begegnung klar geworden, dass wir Seelenverwandte waren.

Außerdem war Susanna gewesen, was ich hatte werden wollen: flippig, lässig, völlig unkonventionell und ein paar Jahre älter. Sie hatte über beeindruckende Erfahrungen mit Männern, Ohrlöchern, Semesterjobs, aufdringlichen Vermietern und Drogen verfügt.

Mit Susanna hatte ich meinen ersten Joint geraucht. Wir brannten Räucherstäbchen ab und hörten Reggae dazu. Peter Tosh sang »Legalize marihua-a-ana, hu, hu, hu«, als ich beglückt meinen ersten Zug aus dem Pfeifchen tat und hu-hu-hu-keuchend zusammenbrach.

Es war mein erster und letzter Joint gewesen und nur einer von vielen nützlichen Lernprozessen, die ich Susanna zu verdanken hatte.

Sie war es auch, die mir unter Zuhilfenahme einer Banane beibrachte, wie ein Kondom artgerecht benutzt wird, wie man aus alten, angegrauten Unterhosen mit etwas Textilfarbe in der Waschmaschine im Handumdrehen schwarze Reizwäsche macht und wie man Canabis oder Pflanzen, die beinahe genauso cool aussehen, im Blumentopf zieht.

Wir hausten glücklich und vollkommen genügsam in zwei verlotterten Zimmern im Souterrain, bis ich mich in Holger verliebte und, um in seiner Nähe zu sein, die freundliche Kleinstadt, den Studienplatz und das Souterrain mit Susanna aufgab. Ich war sicher, dass ich noch viel von ihr hätte lernen können, und sie fehlte mir sehr. Wir schrieben uns anfangs mehrmals wöchentlich, später mindestens einmal im Monat sehnsüchtige Briefe, und alles, was Susanna schrieb, war genau wie sie, flippig, witzig und spannender als Hite- und Kinsey-Report zusammen.

Seit geraumer Zeit hatte ich jedoch eine unheilvolle Veränderung in ihren Briefen bemerkt, erst beinahe unmerklich, dann immer deutlicher. Vor einigen Monaten nämlich war Bruno in Susannas Leben getreten. Zuerst hatte sie sich über ihn lustig gemacht und ihn mir als einen spießigen Langweiler ohne jeglichen Sex-Appeal geschildert.

Dann war aber plötzlich alles blitzschnell gegangen. Von einem Brief zum nächsten hatte Susanna ihr Studium abgebrochen, um Bruno in seinem dörflichen Eigenheim den Haushalt zu führen und halbtags in seiner Steuerkanzlei den Telefondienst zu machen. Seit einigen Wochen stand in den Briefen nur noch, dass es ihr gut gehe und es eigentlich nichts zu erzählen gebe.

Zutiefst beunruhigt hatte ich mich deshalb zu einem Wochenendbesuch im neuen Heim angekündigt – und siehe da, meine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet: Susanna hatte Lässigkeit und Witz mit ihren flippigen Klamotten ab- und mindestens fünfzehn Kilo zugelegt.

Und dieser Mensch, dieser hirnschlürfende, rotznasige Bruno sollte nun der Mann sein, von dem wir in unseren gemeinsamen Uni-Tagen – und mehr noch in den Nächten – geträumt hatten? Über der Suppe kamen mir beinahe die Tränen. Für Brunos Erscheinung in all ihren Dimensionen war »Albtraum« noch grob verharmlosend.

Oh, Susanna, wie konnte das nur geschehen?!

Nach dem Mittagessen wollte sie mir das Grundstück zeigen. Ich war einverstanden. Frische Luft würde helfen, die Hasensuppe zu verdauen.

Der Garten bestand aus einem großen Stück drahtgezäunten Rasens mit einer stacheligen Tanne in der Mitte. In einer Ecke stand ein kleiner Bretterverschlag, in dem ein großäugiges, geflecktes Kaninchen vor sich hin mümmelte.

»Ein Häschen, wie süß«, sagte ich, »wie heißt es denn?«

»Der heißt gar net«, antwortete Susanna. »Ich hätt ihn gern auch weg. Aber der Bruno will ihn unbedingt noch behalten.«

Dass Bruno der Typ war, der sein Herz an einen kleinen Hasen hängte, hätte ich nun nicht gedacht. Es machte ihn gleich sympathischer. Oder jedenfalls weniger unsympathisch.

»Wenn er so an dem Tier hängt, könnt ihr es doch auch behalten«, sagte ich zu Susanna.

»Schon«, meinte Susanna, »aber es ist nur noch ein Hase in der Kühltruhe, und wir haben halt gern Vorrat im Haus.«

»Ihr schlachtet das eigene Häschen?«, fragte ich, als könne mich das noch schrecken.

»Ja, aber das macht der Bruno«, antwortete Susanna. »Den letzten an Ostern. Du hast eben davon gegessen.«

Das hätte ich mir denken können.

Als wir wieder ins Haus kamen, lag Bruno auf dem Sofa vor dem Fernseher, sah sich eine Quiz-Show an und bohrte mit dem Zeigefinger in seinem Ohr.

»Ich mach schnell die Küche, dann zeig ich dir das Haus«, sagte Susanna geschäftig und füllte die Reste der Hasensuppe in eine Plastikdose. In der Tiefkühltruhe würde sie wieder in einen hellgelben Quader verwandelt und auf den nächsten Gast warten.

»Nachher wollten wir eigentlich aufs Tabakfest gehen«, sagte Susanna unheilverkündend, »wenn du Lust hast.«

Tabakfest hörte sich nicht sehr verlockend an.

»Kann Bruno da nicht allein hingehen?«, fragte ich.

»Ich würd gern mit ihm zusammen hingehen, weil wir sonst nicht oft aus dem Haus kommen«, sagte Susanna.

Seufzend half ich ihr, den Tisch abzuräumen und zu spülen. Die Einbauküche war schneeweiß und porentief rein.

»Sieht alles aus wie neu«, sagte ich unbehaglich.

»Ja, nicht wahr?«, rief Susanna erfreut. »Aber ich tu auch einiges dafür, dass es so bleibt.«

Ich stellte den blitzsauberen Suppentopf in den Schrank zu seinesgleichen.

»Meine Güte, wie viele Töpfe hast du?«, fragte ich wehmütig. »Weißt du noch, wie wir damals mit einem Topf und einer Pfanne herumhantiert haben?«

»Ja, furchtbar«, erinnerte sich Susanna, »wie wir gehaust haben.«

»Ich fand’s wunderbar«, verteidigte ich mich und die Susanna von früher. »Und geschmeckt hat’s auch immer.«

»Ich bin jedenfalls froh, dass es mir jetzt an nichts mehr fehlt«, sagte Susanna. »Komm, ich zeig dir das Haus.«

Alle Zimmer blinkten nur so vor Sauberkeit, waren aber ungefähr so reizvoll wie der Garten. Nur im Schlafzimmer überraschte ein modernes Bett im japanischen Stil mit einer schwarz überzogenen Matratze.

»Ein Wasserbett?«, fragte ich seltsam pikiert, als Susanna auf der Matratze auf und ab wippte.

Susanna nickte stolz. »Das ist super, das glaubst du nicht.«

Da hatte sie recht. Ich glaubte nicht, dass irgendetwas, was man mit Bruno auf einem Wasserbett tun konnte, weniger schlimm war, als das Hirn aus einem gekochten Hasenkopf zu schlürfen.

Ach, Susanna!

»Komm, ich zeig dir noch das Gästezimmer«, sagte Susanna, und ich nahm meinen Rucksack und folgte ihr in den Keller.

Das Gästezimmer lag neben einem Hobbykeller, in dem Bruno Schmetterlinge und Käfer präparierte und auf Nadeln aufgespießt hinter Glas verwahrte.

»Die sind ein Vermögen wert«, sagte Susanna mit Stolz in der Stimme.

Ich schlurfte kommentarlos weiter zum Gästebett nach nebenan. Es stand weit genug vom Wasserbett und dem, was darauf passieren mochte, entfernt, und das war mir nur recht.

Als die Hausführung beendet war, scheuchten wir Bruno vom Sofa auf, um als Trio das örtliche Tabaksfest mit unserer Anwesenheit zu beehren.

Zu meiner großen Freude gab es dort einen Flohmarkt. Ich liebe Flohmärkte. Beinahe meinen ganzen Hausrat hatte ich auf diesen Märkten zusammengekauft. Aber der Flohmarkt hier war etwas ganz Besonderes. Die Leute nahmen horrende Summen für ausgediente Dampfbügeleisen, elektrische Rührgeräte, Barbiepuppen und Benjamin-Blümchen-Kassetten, wogegen sie einem die wirklich tollen Sachen beinahe hinterherschmissen.

Als ich das begriffen hatte, kaufte ich wie besessen einen wunderschönen Siphon aus echtem Kristall, ein nostalgisches Küchenbord mit Handtuchhalter, ein altes Spitzenunterhemdchen, ein Märchenbuch der Brüder Grimm von 1928 und eine blau-weiße Porzellandose, auf der »Mehl« stand. Ich wusste mich vor Freude nicht zu fassen.

In einer Bücherkiste unter einem Stand mit sündhaft teuren alten Toastern und Tischlampen fand ich schließlich ein ledergebundenes, verschlissenes Bändchen mit dem verheißungsvollen Titel: »Hexenbräuche und -sitten«. Ich blätterte es flüchtig durch und sah, dass es tatsächlich Rezepte und Zaubersprüche enthielt. Wie eine Hexe ihren Liebsten für alle Zeiten an sich bindet, wie eine Hexe ihre Haare frei von Grau hält, wie eine Hexe eine Rivalin aus dem Feld schlägt. Ich wollte das Buch unbedingt haben.

»Wie viel?«, fragte ich den Mann, der die Toaster bewachte, und hielt ihm das Bändchen unter die Nase.

»Zweefuffzisch«, sagte der.

»Gut«, sagte ich hastig, obwohl man doch auf Flohmärkten aus Prinzip immer feilschen soll.

»Zweefuffzisch für das gammlige Buch?«, empörte sich Bruno neben mir. »Do hinne hat’s viel dickere Bücher für fuffzisch Pfennige.«

Ich zitterte innerlich vor Angst, dass er den Händler verärgern könnte oder dass der doch noch den wahren Wert des Buches erkennen und es für sich behalten könnte. Deshalb hielt ich ihm flehentlich das Geld hin.

»Wir geben keinen Pfennig mehr als fünfzig«, sagte Bruno dessen ungeachtet.

»Zwei Mark«, lenkte der Händler ein.

»Fuffzisch«, sagte Bruno und zog drohend die Nase hoch.

»Eine Mark fünfzig«, sagte der Händler, auf seine Ehre bedacht. »Das ist Leder.«

»Gut, ich nehm’s«, rief ich verzweifelt. Wer hätte nicht auch zehn oder zwanzig Mark oder seine linke Hand dafür gegeben zu erfahren, wie man seinen Liebsten ewig an sich bindet?

»Fuffzisch, und keinen Pfennig mehr«, beharrte Bruno. Ich verstand jetzt, wie er es in so jungen Jahren zu einem repräsentativen Wohneigentum hatte bringen können.

»Eine Mark«, beharrte der Händler, »wenn sie’s doch bezahlen will.«

»Die kommt nicht von hier, aber deshalb könnt ihr sie noch lang nicht übers Ohr hauen«, sagte Bruno. »Fünfzig ist mein letztes Wort.«

»Also gut«, gab der Händler nach und klaubte fünfzig Pfennig von meiner schweißnassen Handfläche.

»Ich drückte das Buch dankbar an meine Brust, obgleich ich mir ein bisschen schäbig vorkam, weil ich Bruno erlaubt hatte, den Preis derart zu drücken. Es sah allerdings nicht so aus, als würde der Händler deswegen gleich am Hungertuch nagen. Das Geschäft mit Toastern und Tischlampen lief nämlich ganz ausgezeichnet.

Bruno und Susanna konnten nicht verstehen, weshalb ich so viel Interesse an altem Plunder hatte. Sie ließen sich ächzend an einem der vielen Biergartentische nieder, um hier den Rest des Tages zu verbringen. Ich setzte mich dazu, als ich den ganzen Flohmarkt abgeklappert hatte und um ein Dutzend Altertümchen reicher und um nur vierzehn Mark ärmer war.

Bruno und Susanna zeigten sich völlig unbeeindruckt von dem Leinentuch, auf das eine Hausfrau längst vergangener Zeiten in feinstem Kreuzstich »Ist der Gugelhupf gelungen, wird der Hausfrau Lob gesungen« gestickt hatte, und sie konnten auch meine Begeisterung für ein spitzenbesetztes, tadellos erhaltenes Bettjäckchen nicht teilen.

»Ich hab Hunger«, bekundete Bruno und zog die Nase hoch. Zuerst bestellte er Weißwürste und Weißbier, dann gab es Weißbier und Grumbeerekuchen. Letzteres entpuppte sich als Reibekuchen und hätte mir auch geschmeckt, wenn die Hasensuppe nicht immer noch so schwer in meinem Magen gelegen hätte.

Bruno konnte nicht genug davon bekommen. Er kaute, schlürfte und zog die Nase hoch, bis die Sonne am Horizont unterging.

»Von nichts kommt nichts«, sagte er zufrieden.

Ich vermutete, dass er auf seinen Bauch anspielte, und nickte zustimmend.

Als die Dämmerung anbrach, setzte sich ein Mann mit einem karierten Hemd neben mich auf die Bank.

»Schschleleschleschchle?«, fragte er mich freundlich.

»Tut mir leid, ich bin der Landessprache nicht mächtig«, sagte ich höflich.

»Das ist der Hebbet, unser Poschtier«, stellte Susanna vor. »Das ist die Judith, die kann kein Pfälzisch.«

»Bischt allää do?«, fragte das karierte Hemd.

»Hajo«, sagte ich.

Die anderen lachten. Sogar Bruno verzog irgendwie das Gesicht. Ich sah genau hin, konnte aber nicht finden, dass er dadurch netter aussah.

»So, die Judith«, sagte Herbert, der Postler, sichtlich um hochdeutsche Aussprache bemüht. »Wie spricht man denn, wo du herkommst?«

»Wie Willi Millowitsch«, erklärte ich.

»Pfui Deibel, des isch ja e fürchtäliche Dialekt!«, waren sich die anderen einig. »Des kennt ich net jede Tach hern, wecklich net.«

Aber ich, Willi, ich schon! Wenn du wüsstest, wie gern ich gerade jetzt deine Stimme gehört hätte.

Bruno bestellte noch mehr Grumbeerekuchen und Weizenbier. Jetzt schien es hier erst richtig loszugehen. Dabei wurde es langsam ungemütlich kalt und klamm. Ich nieste.

»Wir essen nur noch was und trinken eine Runde mit«, sagte Susanna zu mir, »dann geh’n wir auch heim.«

Bruno rülpste lauthals, als er den letzten Reibekuchen mit einem Bier heruntergespült hatte.

»Hauptsache, die Vorderzähne halten’s aus«, sagte ich mechanisch. So hatte mein Vater immer die Rülpser unserer Kindertage gerügt. Der Postler lachte sich schlapp.

»Schkrrrleschlekrrrschle«, sagte er anerkennend zu mir.

»Meinst du?«, fragte ich und versuchte, durch erneutes Niesen Susannas Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

»Wenn du heimwillst, sag’s halt«, sagte Susanna.

Ich sagte es halt, aber da stimmten Bruno und Herbert ein fröhliches Lied an: »Liewer Gott im Himmel drin, loss uns Pälzer wie mer sinn, un erhalt uns alle Zeit unser Pälzer Fröhlichkeit!«

»Lieber Gott im Himmel drin, lass mich bloß nicht, wo ich bin«, sang ich, wenn auch nur ganz leise.

Sonntag

Über Nacht hatte mich eine Sehnsucht nach Holger gepackt wie schon sehr lange nicht mehr. Ich war fest entschlossen, Brunos Eigenheim bereits am Vormittag zu verlassen und so schnell wie möglich nach Hause zu fahren.

Als ich um kurz vor neun leise die Kellertreppe hinaufstieg, kam Susanna mir entgegen.

»Du hast aber lang geschlafen«, sagte sie. »Der Bruno und ich, wir haben schon vor einer Stunde gefrühstückt.«

Ich folgte ihr in die Küche.

»Ich hab schon alles weggeräumt und sauber gemacht«, sagte sie und wies mit der Hand auf die makellose Reinheit ringsum, »aber wenn du noch etwas willst, sags halt.«

Ich sagte es lieber nicht. Stattdessen deutete ich an, dass ich gern schon einen früheren Zug nehmen wollte, wenns denn ginge.

Susanna freute sich wider Erwarten über alle Maßen.

»Ja, wir haben schon gedacht, wir müssten die Lindenstraße auf Video aufnehmen, weils doch genau in der Zeit kommt«, sagte sie. »Wann sollen wir dich zum Bahnhof fahren?«

Ich seufzte und sagte, ich müsse nur noch duschen und meine Sachen packen. Susanna folgte mir ins Bad und legte mir ein Handtuch und drei verschiedene Putzlappen heraus.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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