Fitness Freaks Sonderausgabe - Antonio Partant - E-Book

Fitness Freaks Sonderausgabe E-Book

Antonio Partant

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Beschreibung

Modern. Rasant. Lebensnah.

Anna will verstehen, wie unsere Muskeln funktionieren; sie schreibt Sportbücher und hält Vorträge. Jacob lebt indessen, immer wenn er Sport macht, ganz im Augenblick; er stürzt sich in Boxkämpfe und wird als Parkourläufer ein Phänomen in den sozialen Medien. Als die beiden sich völlig ungeplant auf einem spektakulären Wanderweg treffen, merken sie rasch, wie gut sie sich ergänzen: Jeder hilft dem anderen, sich selbst und seine Fitness besser zu verstehen. Für die beiden ganz selbstverständlich, ändert sich ihr Blick darauf, wie sie Bewegung und Sport erleben – gespiegelt durch die Augen von Menschen, die Anna und Jacob in verschiedenen Abschnitten ihres Lebens kennenlernen. Die Erzählung gipfelt darin, dass Anna und Jacob auf einem Fußmarsch zwischen Berlin und München Rückschau auf ihr Leben halten und sich ihnen ein ungewöhnlicher Ausblick eröffnet.

Die Geschichte eines außergewöhnlichen Sportlerpaars. Eine Hymne an die Bewegung, die uns voranbringt. Und eine Erzählung über die Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Antonio Partant

Der eigene Weg gegen Widerstände

Ein Sport-Roman

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel: Jacob

Zweites Kapitel: Anna

Drittes Kapitel: Alexander

Viertes Kapitel: Mia

Fünftes Kapitel: Jacob und Thorsten

Sechstes Kapitel: Anna und Simone

Fit wie ein Turnschuh – nur wozu?

Siebtes Kapitel: Antonia

Achtes Kapitel: Jan

Neuntes Kapitel: Jacob

Zehntes Kapitel: Anna

Elftes Kapitel: Janine

Zwölftes Kapitel: Anna und Jacob

Yoga-Übungen

Übungen mit dem kurzen Fitnessband

Impressum

Erstes Kapitel: Jacob

»Klettere rauf«, verlangte Max und zeigte auf den Kastanienbaum, der ein Viertel des Kindergartenhofs vor der Sonne beschützte.

Max war der stärkste Junge der Gruppe. Wer sein Freund war, hatte nichts zu befürchten. Jacob, der gerade sechs geworden war, wollte nichts sehnlicher als das. Dann würde Julian ihn nicht mehr schubsen, wenn er vor dem geöffneten Klodeckel stand, und Igor würde endlich aufhören, ihm Grimassen zu schneiden, sobald die Erwachsenen in eine andere Richtung blickten.

Doch Max wusste, was seine Freundschaft wert war. Er dachte sich immer neue Hürden aus, die man überwinden musste, um in seine Gunst zu gelangen. Einen Jungen hatte er dazu gebracht, sich eine halbe Minute lang in Brennnesseln zu legen, einen anderen, eine Schnecke zu essen. Es hatte widerlich geknackt, als der Junge die Schale zerbissen, den einsetzenden Würgreflex unterdrückt und das Tier schließlich heruntergeschluckt hatte. Seither jedoch liefen die auf diese Weise Auserwählten mit erhobenem Kopf und festem Blick herum. Sie hatten die Probe bestanden.

Schön und gut, aber: der Kastanienbaum? Niemand war bislang dort hinaufgeklettert, nicht einmal Max selbst.

Unsicher hob Jacob seinen rechten Fuß in Max’ gefaltete Hände. »Ich mach die Räuberleiter für dich«, hatte Max gesagt und dabei geschaut, als hätte er Jacob gerade ein Geschenk überreicht. »Dann kommst du an den ersten Ast.« Für Jacob hatte es sich schon fast wie der Beginn ihrer gemeinsamen Zukunft angefühlt.

Jacob krallte seine Hände um den Ast der Kastanie. Max schob von unten, bis Jacobs linker Fuß am Baumstamm Halt fand. Jacob hörte, wie Rindenbrösel zu Boden fielen. Hektisch schwang er sein rechtes Bein über den Ast. Mit der linken Hand hielt er sich am Stamm fest, mit der rechten tastete er, ohne hinzusehen, nach dem nächsten Ast.

Er hatte schon immer gut klettern können. »Kletteraffe« hatte Papa ihn genannt, seit damals, als er mit zwei das heimische Fensterbrett erklommen hatte, und der Stolz in der Stimme seines Vaters hatte eine Wärme in ihm freigesetzt, die er bis dahin noch nie gespürt hatte.

Nur: Das hier war kein Fensterbrett. Unter ihm breitete sich nicht der Wohnzimmervelours aus, sondern der harte Steinboden des Kindergartenhofs. »Nur nicht nach unten schauen«, hatte Max ihm eingebläut. »Sonst schaffst du das nicht.«

Jacob sah nach oben, als er sich von Ast zu Ast arbeitete. Das ging erstaunlich gut. Jetzt im Juni stand die Kastanie im Saft. Ihre Äste waren stark; einen schlanken Jungen trugen sie mit Leichtigkeit. Die Blätter des Baumes verdeckten Jacob. Das war ihm nur recht, denn er war sich sicher, dass sein Gesicht vor Anstrengung puterrot angelaufen war. Irgendjemand musste zudem in seinen Unterarmen ein Feuer entzündet haben. Von Jacobs Handballen bis zum Ellenbogen brannte es lichterloh. Die Haut darüber kribbelte gewaltig.

Sechs Äste fehlten noch bis zur Spitze. Als Jacob den nächsten erklommen hatte, merkte er, dass seine Beine zitterten. Erstaunt blickte er an sich herab. Was war da los? Im selben Moment kam Thorsten, der Betreuer, in den Hof.

»Was gibt’s denn da oben zu sehen?«, fragte Thorsten und fixierte Max und die anderen, die weiterhin den Baum anstarrten.

»Nichts, gar nichts!«, meinte Max. »Wie hoch werden eigentlich Kastanienbäume?«

»Ähm, so um die zwanzig Meter«, riet Thorsten drauflos. Zufrieden schlurfte er zurück ins Gebäude, denn anscheinend gab es gerade nichts, bei dem er die Kinder maßregeln musste. Alles war in bester Ordnung, da sie sich für Botanik interessierten.

Jacob grinste in sich hinein. Max musste – so wie er selbst – aus Erfahrung wissen, dass man einem Gespräch mit Erwachsenen am besten aus dem Weg ging, wenn man sie etwas fragte, das sie nicht wussten. Sie wurden dann unsicher, stammelten ein wenig herum und googelten die Antworten abends auf dem Sofa. Eine offene Gesprächsverweigerung führte dagegen fast nie zum Erfolg; sie stachelte die Großen nur dazu an, umso intensiver nachzubohren, was denn los sei. Die Erwachsenen verhielten sich wirklich seltsam.

Jacob hatte sich währenddessen so eng an den Baumstamm gedrückt, dass ihm Späne in Mund und Nase flogen. Der Pollenstaub brannte in seinen Augen. Die Pause hatte ihm gutgetan. Er richtete sich auf, kaum dass Thorsten gegangen war, und griff nach dem nächsten Ast. Beinahe routiniert kam ihm das vor. Er merkte, dass er vorankam, die Baumkrone war fast erreicht. Den nächsten Ast sprang er beinahe an, den darauffolgenden erreichte er zunächst nur mit den Fingerspitzen und zog sich schließlich trotzdem empor. Er achtete nicht länger darauf, dass seine Knie, sobald er sie belastete, vor und zurück wippten, als seien sie ferngesteuert. Das Feuer in seinen Armen nahm er freudig zur Kenntnis. Eine Kraft, ja, eine Lust, war in ihm erwacht. Er wollte hinauf zur Baumspitze und er würde es schaffen.

Die Lücke bis zum vorletzten Ast des Baumes war größer als alle bisherigen, außerdem wurden die Äste dünner. Aber er war schmächtig, daher hoffte er, dass sie ihn tragen würden. Jacob musste springen, um weiterzukommen. Beim ersten Mal zögerte er zu lange, seine Hände konnten den Ast nicht greifen. Er rutschte aus und fiel unsanft auf den Po. Seine Beine baumelten rechts und links des Astes herab. Als er sich aufrappelte, fuhr ein Schmerz seinen Rücken hinab bis in die Fersen. Er stöhnte und hoffte, dass Max sein Straucheln nicht mitbekommen hatte. Jetzt blickte er doch hinunter, konnte aber durch die Blätter hindurch den Boden nicht erkennen. Unten war es still geworden. So still, dass sich Jacob fragte, ob Max überhaupt noch da war. Oder hatte ihn das Spiel, das er erfunden hatte, so gelangweilt, dass er zurück ins Gebäude gegangen war?

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Wieder sprang Jacob. Er drückte sich mit aller Kraft ab und spürte erleichtert, wie seine Hände sich um das harte Holz des nächsten Astes klammerten. Die dünnen Äste schwankten hin und her. Ob sie ihn hielten? Da hing er nun, zitternd und hilflos, und zappelte mit den Beinen, die er nach oben bringen musste. Es ging nicht. Fünfmal versuchte er, wenigstens eines seiner Beine um den Ast zu schlingen. Er kam nicht einmal in dessen Nähe. Da öffnete er die Hände und plumpste ein Stockwerk tiefer. Schwer atmend blieb er dort kleben.

Eigentlich war es nicht Jacob gewesen, der die Hände geöffnet hatte. Es war vielmehr, als habe sich eine unsichtbare Kraft ihm in den Weg gestellt. Etwas hatte sich seiner bemächtigt, eine Trägheit vielleicht, eine Erschöpfung, eine Enttäuschung hatte Besitz von ihm ergriffen und sein Wesen eingeengt. Jetzt lag er da, reglos wie die Schlangen im Zoo, vor deren Gehege er es nie länger als eine Minute ausgehalten hatte.

»Warum bewegen die sich nicht, Papa?«, hatte er gefragt, als sein Vater ihm einen Vortrag darüber gehalten hatte, wie gefährlich so eine Würgeschlange war.

»Die sammeln ihre Kräfte für den richtigen Moment«, hatte sein Vater geantwortet, »aber dann schlagen sie zu – schneller, als du gucken kannst!«

Nie hatte Jacob gesehen, dass es eines dieser Tiere wirklich »wie vom Blitz getroffen durchzuckt« hatte. Aber er mochte gerne glauben, was sein Vater ihm erzählte. Dass in diesen züngelnden Wesen eine Geheimkraft schlummerte, die nur auf den richtigen Moment wartete, um unvermittelt hervorzubrechen. Ja, dass diese Kraft in allen Lebewesen steckte und man sie nur finden musste. Sie an die Oberfläche holen konnte, wenn es darauf ankam. Es war eine wilde, spannende, unberechenbare Welt, in der so etwas möglich war.

Jacob wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab. Er blickte nach oben und schätzte den Abstand zu dem Ast ab, der sich ihm beharrlich in den Weg stellte. Wütend war er jetzt, abreißen wollte Jacob dieses verdammte Stück Holz, das so höhnisch auf seine Schwäche zeigte, verfeuern wollte er den Ast oder gleich Kleinholz aus ihm machen, zack und zack. Jacob holte aus und hackte drauflos, in die Luft hackte er, dabei schrie er seinen Gegner innerlich an, er beschimpfte das Stück Holz aufs Übelste. Alles Böse der Welt hatte sich in diesem Teil des Baumes manifestiert. Wenn er es nicht besiegte, würde es sein ganzes Leben lang über ihn triumphieren. Nichts würde Jacob noch retten können, wenn es ihm nicht gelang, diesen Ast zu überwinden.

Jacob richtete sich auf. Nein, dieses Stück Dreck aus Kastanienholz würde ihn nicht aufhalten. Nicht ihn, der sich jetzt streckte, wie er es noch nie getan hatte. Wie vom Blitz durchzuckt, sprang Jacob empor und erreichte den Ast leichter als zuvor. Er würgte das Holz förmlich mit seinen Händen. Dabei nutzte er den Schwung des Sprungs aus und schlang in einer fließenden Bewegung beide Beine um den Ast. Jetzt war es einfach, sich emporzuziehen.

Der letzte Ast vor der Baumkrone befand sich auf Jacobs Brusthöhe. Beinahe gelangweilt erkletterte er ihn. Dann streckte er seinen Kopf durch das Blätterdach. Er hatte die Spitze des Kastanienbaums erreicht.

Max und die anderen waren nicht ins Gebäude gegangen, sondern standen nun einige Meter weiter von der Kastanie entfernt und blickten zu Jacob hinauf. Max reckte den Daumen der rechten Hand empor. Er lobte ihn, Jacob, den er bislang kaum beachtet hatte.

Jacob strahlte. Er hob die Hand, um die gleiche Geste zu machen, da merkte er, wie alle Kraft aus seinem Körper wich. Krampfartig hielt er sich mit den Beinen und dem linken Arm an der Baumspitze fest. Sein rechter Arm zitterte über ihm, er gehorchte ihm nicht mehr. Jacob konnte sich nicht mehr bewegen; er verschmolz mit dem Holz um ihn herum.

In diesem Moment trat Magdalena, die Betreuerin mit der Fistelstimme, aus dem Gebäude. Sie sah die Jungen um den Baum herumstehen, blickte hoch, erkannte Jacobs Gesicht in der Baumkrone und wurde aschfahl.

»Jacob!«, schrie sie auf. So hatte bisher niemand die Betreuerin schreien gehört. Magdalenas Stimme war eine Oktave nach oben gerutscht: etwas, das die wenigsten für möglich gehalten hatten. »Jacob! Halt dich fest! Rühre dich nicht von der Stelle! Wir holen Hilfe!«

Die Betreuerin holte Thorsten aus dem Gebäude. Beinahe wäre er der Länge nach hingefallen, als er auf den Kindergartenhof hechtete. »Also doch«, keuchte er, »wusste ich doch, dass da etwas im Busch war.«

Wenn es sich doch nur um einen Busch handeln würde, durchfuhr es Jacob. Plötzlich war er nicht mehr trotzig und schon gar nicht wütend. Doch erst, als er sah, wie Magdalena, Thorsten und die Kinder dort unten durcheinander rannten, so wie es Pettersons Hühner in den Comics taten, bekam er wirklich Angst. Was würde eigentlich passieren, wenn er durch die Blätter hindurchfiel? Würde er von Ast zu Ast geschleudert werden? Wäre er tot, wenn er da unten auf dem Boden aufschlug, oder würde er sich stattdessen die Beine brechen?

Da passierte es. Jacob spürte zuerst einen Kloß im Hals, dann drängte es höher und er begann zu schluchzen. Er weinte. Max’ Freundschaft war ihm auf einmal egal. So ziemlich alles war ihm jetzt egal. Er wollte nur noch in die Arme seiner Mama kriechen; er wollte, dass Papa ihm zärtlich übers Haar strich und ihm sagte, dass alles in Ordnung sei, dass er alles gut machte, so wie er es tat. Jacob merkte, wie er in die Hose pinkelte, und weinte noch mehr.

Wie stolz er gewesen war, als er drei Jahre zuvor das letzte Mal eine Windel angezogen und an einem Schnuller gesaugt hatte! »Das brauchst du jetzt nicht mehr«, hatte Mama ihm gesagt, und in ihrem linken Auge war ein Tropfen gestanden. Jetzt aber, hier oben, wo er nicht hingehörte, jetzt würde Jacob sofort beides nehmen, eine Windel und einen Schnuller.

Dann hörte er von unten her einen Satz. Thorsten sagte ihn, ruhig und bestimmt, kurz darauf ebbten das Stimmengewirr und Magdalenas Fistelgejammer ab.

»Wir holen die Feuerwehr«, sagte Thorsten.

Kurz darauf hörte Jacob eine Sirene von weit her und immer lauter werden. Da fuhr schon ein Drehleiterfahrzeug herbei. Das erkannte Jacob sofort, es war sein Lieblingseinsatzwagen. Er sah, wie Thorsten das Tor aufmachte, die Fahrer hereinwinkte und auf den Baum zeigte, der Jacob gefangen hielt. Oft hatte er den behelmten und dick angezogenen Feuerwehrleuten auf der Fahrt zu ihren Einsätzen hinterhergeblickt; beim letzten Dorffest hatte er sogar in einem der riesigen Fahrzeuge sitzen dürfen. Er hatte sich wie ein König gefühlt. Nie wäre es Jacob damals in den Sinn gekommen, dass eines dieser Wunderwerke ausrücken würde, um ihn von einem Baum zu holen.

Das aber tat es jetzt. Die Leiter kam heraufgefahren. Kurz bevor Jacob gänzlich zusammensackte, vor Anstrengung und viel mehr noch vor Scham, ganz kurz bevor ihn die Kräfte vollständig verließen, griffen zwei Hände zu und pflückten ihn vom Baum.

Jacob wusste nicht, wie er zurück zur Erde gelangte. Er hielt die Augen fest geschlossen und konzentrierte sich auf die fremde, dunkle Stimme, die beruhigend auf ihn einsprach. Unten angekommen, gaben Jacobs Knie nach. Er ließ sich zu Boden gleiten und begann erneut zu weinen.

»Warum um alles in der Welt bist du da raufgeklettert?«, keifte Magdalena, und Jacob wollte den Grund dafür herausschreien, er wollte alles erklären: Max hat mich doch dazu gezwungen! Schon setzte er an, da wurde ihm klar, dass er bei einem solchen Verrat zwar alle Mühen auf sich genommen hätte, sich aber gleichzeitig um jeglichen Verdienst bringen würde. Also sagte er gar nichts. Damit war er bislang immer gut gefahren. Die Erwachsenen vermuteten stets das Schlimmste, wenn man nur hartnäckig genug schwieg.

Bereits kurz unterhalb der Baumspitze war Jacob etwas klar geworden. Schon als er den schwierigsten Ast überwunden hatte und wusste, dass er demnächst durch die Krone würde blicken können, war ihm ein Gedanke gekommen, nein, er hatte eine Notwendigkeit erkannt. Jacob hatte eingesehen, dass er stärker werden musste, viel stärker. Wenn er zukünftig nicht mehr abhängig sein wollte von Max und all den anderen, die nach Max kommen würden, musste er für sich selbst einstehen. Statt sich Regeln zu beugen, die andere für ihn aufstellten, wollte er selbst Regeln erfinden. Den Willen dazu hatte er auf seinem Weg hinauf zur Baumspitze gefunden. Die Achtung der anderen aber, die musste Jacob sich immer wieder von Neuem verdienen. Dafür würde er Muskeln brauchen. Muskeln und einen scharfen Verstand.

Als Mama von der Sache erfuhr, schlug sie theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen. Jacob hatte keine Geschwister, er war das Ein und Alles seiner Eltern. Das hatte Vorteile, zum Beispiel wenn sie vor dem Schaufenster eines Spielwarenladens oder in einer Eisdiele standen. Andererseits blieb seiner Mutter dadurch genügend Zeit, ihre Erziehungsmethoden an ihm auszuprobieren. So bestand sie darauf, ihm abends, wenn er längst schlafen wollte, langweilige Geschichten aus längst vergangenen Zeiten vorzulesen, vom Räuber Hotzenplotz zum Beispiel und von Doktor Dolittle. Auch zwang sie Jacob, am Mittagstisch sitzenzubleiben, bis alle aufgegessen hatten – selbst Papa, der wirklich viel essen konnte. Am schlimmsten aber war, wenn sie ihn auf dem Spielplatz oder beim Spazierengehen »Mein Jäckchen« nannte. Sogar jetzt noch, da er sechs geworden war. »Willst du noch ’nen Keks, mein Jäckchen?« Die anderen Kinder kicherten dann und Jacob wäre am liebsten spurlos im Erdboden versunken.

Papa war anders. Er ging zwar dauernd ins Büro, an den Wochenenden aber war er ganz für Jacob da. Dann tobten sie durch den Garten, ließen Drachen steigen und kickten Fußbälle durch die Gegend, bis Mama aus dem Haus kam und meinte, dass es nun aber wirklich gut sei. Dreimal in der Woche ging sein Vater ins Fitnessstudio. Einmal hörte Jacob, wie Lenas Mutter anerkennend murmelte, dass sich Jacobs Vater »echt gut gehalten« habe. Jacob fragte sich, woran sich die Erwachsenen da eigentlich festhielten, und was wohl passierte, wenn sie losließen. Für ihn war sein Papa vor allem ein Spielkumpel. Jacob liebte es, auf ihm herumzuturnen, ihn gegen die Rippen zu boxen und sich von ihm durch die Gegend tragen zu lassen. Am besten gefiel ihm, wenn er auf Papas Schultern stand. Dann gelangte er mit den Händen an Äste und Straßenschilder und blickte herab auf die Erwachsenen.

»Er ist halt ein Junge«, meinte sein Vater, wenn seine Mutter Jacob zur Rede stellte, nachdem er mal wieder ein Stofftier zerrissen oder eine Scheibe eingeschlagen hatte. »Und Jungs brauchen nun mal Action.«

Sein Papa war es, der darauf bestand, dass Jacob kurz nach dem Vorfall mit der Kastanie Schwimmen lernte. Jacobs Trainer, ein unrasierter Brummbär mit enormem Bauch und ungehobelten Manieren, war bei den Kindern vor allem dafür bekannt, dass er unmenschlich stank. Hob er im schwülwarmen Hallenbad einen Arm, um einem Kind zu signalisieren, wohin es schwimmen sollte, ergoss sich ein säuerlicher Geruch in den Raum. Für Jacob konnte es keinen besseren Trainer geben: Er war froh, im Wasser zu sein, wo der Gestank nicht gar so schlimm war. Auch bemühte er sich nach Leibeskräften, alles richtig zu machen, um bloß keine Geste seines Trainers heraufzubeschwören. Auf diese Weise lernte Jacob in nur vier Wochen, sich mit Brustschwimmen über Wasser zu halten.

Lediglich das Tauchen bereitete ihm zunächst Probleme: Er fand es unnatürlich, seine Sinne einem Element auszuliefern, von dem umgeben er keine fünf Minuten überleben würde. Beim ersten Versuch musste Jacob, kaum dass sein Kopf unter Wasser war, heftig husten. Er geriet in Panik, schlug um sich und klammerte sich sofort darauf prustend an den Beckenrand. Keine der Stinkbomben seines Trainers konnte ihn dazu bringen, es ein zweites Mal zu versuchen. Erst sein Papa schaffte es, Jacob die Angst vor dem Untertauchen zu nehmen.

»Als ich so klein war wie du, wollte ich auch nicht tauchen«, behauptete er, als sie eines Samstags in einem nahen See plantschten. »Aber mein Papa stand direkt neben mir. Der passte auf mich auf, und weißt du was? Auf einmal bekam ich Lust, herauszufinden, was mein Papa eigentlich machen würde, wenn es brenzlig würde. Zuerst war es nur ein Spiel für uns. ›Schau mal‹, habe ich gerufen, ›schau mal, wie lange ich die Luft anhalten kann‹. Irgendwann habe ich es dann wirklich versucht. Von da an wollte ich immer wieder tauchen.«

Jacob war sich nicht sicher, ob das alles stimmte. Von diesem Tag an aber konnte er einen Stein aus dem brusthohen Wasser holen. Kurz darauf bekam er das Seepferdchen-Abzeichen.

Beim Skikurs, zu dem sein Vater ihn im folgenden Winter anmeldete, war Jacob weniger erfolgreich. Er fror die ganze Zeit. Jacob war der Jüngste der Gruppe, und alle um ihn herum formten, kaum dass sie aus dem Lift gestiegen waren, ein V mit ihren Skiern, um gemächlich den Hang hinabzugleiten. Nur er stand noch immer wie angewurzelt oben auf der Piste und wusste nicht weiter. Irgendwann begann er zu weinen. Es dauerte eine geschlagene Viertelstunde, ehe ihn jemand fragte, was los sei.

Ein knappes Jahr später versuchte Jacob es noch einmal mit Skifahren. Dieses Mal wich ihm sein Vater nicht von der Seite. Geduldig brachte er Jacob den Pflug bei, und als Jacob erst einmal merkte, wie einfach das alles war, gab es kein Halten mehr. So musste das sein! Er jauchzte und öffnete die Skier bei jeder neuen Abfahrt ein klein wenig weiter. Am Ende stellte er sie parallel zueinander und schoss talwärts, dass der Schnee in Wolken davonstob. Er genoss es, genau bis zu der Grenze vorzustoßen, hinter der er die Kontrolle über seine Bewegungen verlieren würde. So schnell es nur ging, raste er auf vereiste Buckel zu. Ein paar Sekunden lang fuhr er auf nur einem Ski, bis er im nächsten Augenblick der Länge nach hinfiel. Dann sprang er mit grimmiger Lust zurück in die Pflugposition und verbuchte zufrieden, dass er einmal mehr eine brenzlige Situation gemeistert hatte. Sein Vater platzte schier vor Stolz, auf sich selbst wohl auch, da er es gewesen war, der Jacob die Lust am Skifahren ermöglicht hatte. Vor allem aber auf Jacob. Das wurde klar, als sein Papa ihn in eine Bar schleifte.

»Trink das«, sagte sein Vater zu ihm, aber er sagte es mit einer so tiefen und sanften Stimme, dass sie Jacob an ein wohliges Kaminfeuer erinnerte.

»Was ist das, Papa?«

»Man nennt es Jagertee. Das ist was für echte Skifahrer und für kleine Helden.«

Misstrauisch nippte Jacob an dem hellbraunen Getränk. Wie erwartet, schmeckte es abscheulich. Aber was tat er nicht alles, um seinem Papa eine Freude zu machen. So schnell wollte er seinen frisch erworbenen Bonus als »mein starker Junge« nicht verspielen. Mit gemimter Freude würgte er das widerwärtige Gesöff hinunter. Bevor sie die Bar verließen, spülte er auf der Toilette kräftig mit Wasser nach.

Noch im selben Jahr meldete seine Mutter ihn beim Fußballverein an. »So lernt der Junge wenigstens ein bisschen Sozialverhalten«, meinte sie zu Jacobs Vater.

Jacob hatte keine Ahnung, was »Sozialverhalten« sein sollte. Was er vor allem lernte, war, dass er sich gerne bewegte und es genoss, voranzukommen und sich gegen andere durchzusetzen.

»Zeig mir deine Muskeln«, befahl Jacobs Fußballtrainer oft nach dem Training. Dann spannte Jacob seinen Körper an, und der Trainer zwickte ihn kräftig in den Oberarm. »Da fehlt aber noch was. Du musst mehr Eiweiß essen.«

Mehr Eiweiß essen: Das wurde sein Mantra. Mit der Zeit entwickelte Jacob einen Heißhunger auf Rührei und Omelett, sogar auf Käse und Quark, den seine Eltern stirnrunzelnd zur Kenntnis nahmen. Bald trainierte Jacob sowohl im Schwimm- als auch im Fußballverein nur noch gemeinsam mit den Älteren. »Der Junge hat Potenzial«, behaupteten die Trainer, nur an der Technik müsse er noch feilen.

Für Technik interessierte sich Jacob kaum. Er wollte nur möglichst oft dieses Gefühl in sich spüren, das ihn überkam, sobald er in die Nähe seiner körperlichen Grenzen gelangte. Es war wie damals, als er wütend geworden war und kurz darauf die Krone des Kastanienbaums erreicht hatte. Wenn er durchs Wasser pflügte oder wie ein Wirbelwind übers Spielfeld rannte, begann etwas in ihm zu tanzen. Mit einem Mal fiel Jacob dann leicht, was ihn eben noch angestrengt hatte. Er ahnte, dass diese Euphorie nicht lange anhalten würde. Doch er kostete sie jedes Mal vollkommen aus.

Da war es wieder, das Feuer und das Kribbeln in ihm drin, und wie echtes Feuer verlangte es immer neue Nahrung. Immer schnellere, immer intensivere Bewegungen forderte es ein. Vielleicht würde es Jacob eines Tages verschlingen, aber das war ihm egal. Spürte er doch seit geraumer Zeit immer klarer, dass er, indem er dem Feuer und dem Kribbeln nachgab, genau das tat, wofür sein Körper geschaffen worden war.

»Unser Körper ist nicht dazu da, auf Bürostühlen zu verrotten.« Das sagte sein Papa immer, bevor er ins Fitnessstudio ging. »Wir tun ihm dadurch Gewalt an, und er rächt sich mit Sehnenscheidenentzündungen und Bandscheibenvorfällen.«

Jacob wusste nicht genau, was diese langen Wörter bedeuteten, aber dem Tonfall zufolge, in dem sein Vater sie aussprach, verhießen sie nichts Gutes. Wenn Jacob sich anstrengte, wenn er rannte und schwamm, merkte er, wie seine Muskeln sich bewegten, wie sie größer und härter wurden. Dann durchströmte ihn ein Glücksgefühl, das er bislang nirgendwo sonst erfahren hatte. Nichts kam diesem Gefühl gleich, gar nichts, und Jacob wollte mehr davon haben.

Viermal wöchentlich trainierte er jetzt im Schwimmverein; an den anderen Tagen ging er zum Fußballtraining. Er freute sich unbändig, wenn der Schwimmtrainer ankündigte, dass jetzt mal wieder eine längere Strecke dran sei, tausendfünfhundert Meter Kraulen zum Beispiel. Zum Schein stöhnte er auf wie die anderen. Dann sprang er in die Wellen und ließ sich von seiner Hochstimmung vorwärtstreiben. Beim Fußballtraining bestand Jacob darauf, seine Übungen wie die Großen mit Bleiweste und Gummibändern zu absolvieren. Längst war er stärker als alle seine Klassenkameraden.

In der Schule galt er als rabiat. Seine Lehrerin, Frau Beil, schrieb einen umständlichen Satz in sein Beurteilungsheft: »Jacob ist ein wissbegieriger Junge, der immer wieder über seine eigene Wildheit stolpert.« Er müsse seine Kraft »kanalisieren«, verlangte sie. Genau darauf aber hatte Jacob keine Lust. Waren Kanäle nicht diese stinkenden geführten Flüsse, die das Abwasser transportierten? Und waren die echten Flüsse etwa nicht viel spannender?

Wahrscheinlich hatte sich seine Lehrerin nur an ihm rächen wollen, weil er sie immer wieder »Frau Geil« genannt hatte. Fast alle Erwachsenen wurden verklemmt, sobald irgendetwas »schlüpfrig« wurde, das wusste Jacob. Miriam dagegen, die Klassenbeste aus der ersten Reihe, hatte bei Jacobs Scherz verzückt gelacht. Sie hatte sich sogar zu ihm umgedreht und mit einer unfassbar schönen Handbewegung ihre Brille zurechtgerückt – so fließend und natürlich, wie es nur ein Mädchen vermag. Das war schon einen Eintrag ins Klassenbuch wert gewesen.

Weder seine Freunde noch seine Trainer und schon gar nicht seine Lehrer wussten, was Jacob wirklich empfand. Früher als gedacht hatte er ein Ziel erreicht: Während seiner ersten Schuljahre war Jacob genau das, was Max im Kindergarten gewesen war: ein starker, schneller und vorlauter Junge, der anderen zeigte, wo es langging. Er hielt ihnen seine aggressive Seite hin, damit sie ihn respektierten und ihm niemand mehr Vorschriften machte. In Wahrheit aber, das wusste Jacob mit jedem Schuljahr ein wenig mehr, deckte er damit nur einen Mangel zu. Wenn er Sport machte, war er wie auf Droge. Danach aber rutschte er zuverlässig in einen Schlund aus Fragen, die genauso unbändig waren wie er selbst. Was machte er da eigentlich? Was brachte es ihm, wenn sein Bizeps wuchs? Wo sollte das alles hinführen? Und was war das überhaupt für ein Leben, in dem immer nur der Augenblick zählte und kein umfassendes Konzept existierte – kein Pinsel, um die nahe oder fernere Zukunft auszumalen?

Meist hielt Jacob sich an seinen Vater, der seinen Drang, Grenzen zu verschieben, verstand. In den Momenten aber, in denen die Fragen auf ihn einstürmten und keine aufgedrehte Musik, kein aufgeschlagenes Buch und kein aufregender Kinofilm sie zurückzudrängen vermochten, kuschelte sich Jacob an seine Mutter. Sie war sein Rückzugsort, der sichere Hafen, in dem er immer ankern konnte, wenn Papa ihn mal wieder ein wenig zu weit in die Welt hinausgeschubst hatte.

Sein Vater forderte ihn auf, ›etwas aus sich zu machen‹; er wollte ihn leistungsbereit und offen für Neues. »Eine Herausforderung meistern«, das war Papas Lieblingsfloskel. Immer musste sein Vater sich an etwas reiben, an der Regierung zum Beispiel oder der Aussage irgendeines Radiomoderators. Immer musste er sich und anderen beweisen, dass er dies und jenes besser konnte als sie. Er brauchte das wie die Luft zum Atmen. Sein Papa fühlte sich erst wohl, wenn ihm jemand widersprach oder ihn auf irgendeine Weise herausforderte. Dann stürzte er sich voller Genuss auf seinen Gegner und hörte erst auf zu kämpfen, wenn der andere seine Niederlage eingestanden hatte – sei es aus Überzeugung oder aus Erschöpfung. Das Leben seines Vaters war ein ständiger Wettkampf, daraus bezog er seine Energie.

Jacob ging es um etwas anderes. Sein Vater sah es nicht, aber seine Mutter ahnte es, vielleicht wusste sie es sogar. Bei aller Sportbesessenheit und bei allem Bewegungsehrgeiz kam es Jacob gar nicht darauf an, stärker und besser als andere zu werden. Sein Hauptantrieb war nicht einmal der Wunsch, voranzukommen und zu spüren, wie er sich weiterentwickelte. Nein, was Jacob zu immer neuen Bestleistungen anspornte und dafür sorgte, dass seine Muskeln größer und härter wurden als die der meisten seiner Freunde, war die Tatsache, dass er sich seine Zukunft beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Die vor ihm liegenden Jahre blieben unscharf. Jacob hatte eine unerklärliche Angst davor, jahrzehntelang vor einem Bildschirm zu sitzen, um einem Chef zu gefallen. Oder Menschen zu heilen, die er nicht sonderlich mochte. Oder schwungvolle Reden in einem sterilen Gerichtssaal zu halten. Er fürchtete sich vor jeder Routine. Nicht einmal die typischen Jungenträume erfüllten ihn: Feuerwehrmänner trugen unbequeme Klamotten und saßen ansonsten fast immer nur herum. Lokführer wurden rasch dick und mussten ständig erklären, warum sie mal wieder zu spät dran waren. Fußballer ließen sich die Haare wachsen, bis es albern aussah, und zählten bald nur noch ihr Geld. Nichts davon fesselte Jacob wirklich. Er wollte einfach die Gegenwart feiern und möglichst viele Momente erleben, in denen nur zählte, was genau in diesem Augenblick geschah – nicht in fünf Jahren oder übermorgen, nicht in China oder den USA, sondern hier und jetzt.

So kam es, dass Jacob, als ihm seine Mutter die Lieblingsfrage der Erwachsenen stellte und wissen wollte, was er denn später mal machen wolle, als sie ihm damit so unbedarft die Gelegenheit gab, in sich hineinzuhorchen und seine überschaubaren Begabungen zusammenzusammeln, und als sie ihn dadurch zwang, sich selbst in die Augen zu blicken, tiefer als jemals zuvor, um zu sehen, was dort verborgen war, so kam es also, dass Jacob in jenem Moment, noch ehe die Frage verhallt war, mit einer neuen, tieferen Stimme, die keinen Widerspruch zuließ und ihn selbst überraschte, sagte: »Ich will Kickboxer werden.«

Zweites Kapitel: Anna

»Anna, komm nach vorn!«

Die Stimme ihres Lehrers durchschnitt die Luft. So kam es Anna zumindest vor.

Eben noch hatte sie vor sich hingeträumt. Vor der Erdkundestunde hatte Luis sie gefragt, ob sie nachher mitkommen wolle zum See. Baden wolle er dort und danach auf Bäume klettern. »Nur ein kleiner Umweg, deine Eltern merken das gar nicht«, hatte er behauptet. Ausgerechnet »Loser-Luis«, der stotterte wie eine kaputte Maschine und fünf Zentimeter kleiner war als sie! Er hatte sich beinahe in die Hose gemacht, als er Anna gefragt hatte, und wenn sie ehrlich war, hatte sie nur deswegen zugestimmt. Sie war gerührt gewesen, dass er ihr zuliebe seine Angst überwunden hatte.

Eigentlich war Anna gut in der Schule. Die Englischvokabeln flogen ihr zu, Matheaufgaben löste sie schneller als die meisten Jungs, in den Deutschaufsätzen tobte sie sich aus und schrieb Dutzende Seiten voll. Nur mit Erdkunde konnte sie nicht viel anfangen. Mal ehrlich: Zeugte es von Intelligenz, wenn man wusste, wie die Hauptstadt von Angola hieß? Das fand man doch mit drei Klicks heraus.

Dass sie die Hausaufgaben nicht gemacht hatte, war inzwischen der Normalfall. Trotzdem brachte sie fast immer gute Noten nach Hause. Ihre Lösungen entwickelte sie aus dem Bauch heraus. Meist lag sie damit richtig. Jetzt aber, das wusste Anna, war sie tatsächlich blank.

Sie erhob sich und bemühte sich, den Rücken durchzudrücken, um Selbstbewusstsein vorzugaukeln – dem Lehrer und sich selbst. Mit federnden Schritten ging sie zur Tafel. In der ersten Reihe saß Luis. Sie warf ihm einen nach Hilfe heischenden Blick zu und meinte einen Sekundenbruchteil, sein angedeutetes Nicken gesehen zu haben.

»So, junge Dame«, blaffte ihr Lehrer sie an. Anna wusste, dass seine Strenge vorgeschoben war. In Wahrheit hatte er Angst, dass die Schüler ihm auf der Nase herumtanzten, wenn er sie respektvoller behandelte. »Dann wollen wir mal sehen, ob du die Hausaufgaben gemacht hast. Wo steht denn die Elbphilharmonie?«

Wirklich, dachte Anna, die Elbphilharmonie? Musste man die kennen, um im Leben zu bestehen? Wie konnte ihr das helfen, wenn sie später nach Hause ging und dabei versuchte, einen Bogen um Mia und ihre Gang aus frühpubertierenden Gackerhühnern zu machen? Überhaupt, eine Philharmonie: War das nicht ein Spektakel für Bonzen, kosteten die Eintrittskarten dort nicht Hunderte Euro?

Anna stellte sich so an die Tafel, dass Luis im Rücken des Lehrers saß. Sie sah, wie der Junge in einen imaginären Burger biss und tat, als läge ihr die Antwort bereits auf der Zunge. Burger, Burger … Hamburger … na klar!

»Die Elbphilharmonie steht in Hamburg«, sagte Anna beinahe eine Spur zu lässig. Als käme es einer Zumutung gleich, ihr eine so einfache Frage zu stellen.

Die Strafe folgte auf dem Fuß.

»Soso. Den Einstieg hast du gut gemeistert.«

Anna hasste es, wenn ihr Lehrer mit ihr redete wie mit einem Dummchen und Dinge aussprach, die sowieso klar waren.

»Aber weißt du auch, welcher Fluss der längste der Welt ist?«

Jetzt begann Luis zu gähnen, das war keine große Hilfe. Der längste Fluss der Welt … Die Donau war es nicht, der Rhein auch nicht. Konnte es der Amazonas sein? Anna hatte gehört, dass dort Anakondas lebten und Kaimane die Gewässer unsicher machten. Luis gähnte jetzt aus Leibeskräften. Er kriegte sich kaum noch ein. Als habe er gerade erst herausgefunden, dass er das überhaupt konnte. Er gähnte wie ein Krokodil, das sein Maul aufreißt, wie ein Flusspferd … ein Nilpferd. Anna musste es versuchen.

---ENDE DER LESEPROBE---