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Die Verbrechergenossenschaft Deggendorf setzt voll auf Digitalisierung und betreibt eine Datensammlung. Fitness Armbänder, Gebäudesteuerungen, alle Quellen werden angezapft und die Daten an Verbrecher vermietet. Da stört ein toter Automechaniker in der Donau die Ruhe. Kommissarin Greta Shetter ermittelt undgerät selbst in den Strudel der Abhängigkeiten: Mitte 40 und von der alten Schule findet sie nicht nur Verbrechen attraktiv, sonden auch den Wirt des alten Zollhauses, der selbst keine ganz saubere West hat und mit dem FitShop zusammenarbeitet, der im Zentrumd der Verdächtigungen seht. Ihre jungen Mitarbeiter Storm und Drang gehen ganz eigene Wege und als auch noch Gretas Tochter Linda verschwindet, verschärft sich die Lage ...
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dominik Rüchardt
FitShop
Ein Digital-Donaukrimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Einsatz
Die Tat
Donau
Gerhard
Verdacht
Wanzen
Anstieg
Abwege
Spur
Motiv
Fremde Welt
Ahnung
Abendessen
Frage
Angst
Abtasten
Pfarrer
Erscheinung
Alpha
Linda kommt nicht heim
Sorgen
Suche
Wut
Erscheinung
Linda ist fort
Villa
Storm
Zahn
Aufwachen
Suche
Drang
Erlösung
Niederschmetternd
Wieder daheim
Ende
Sünde
Greta
Nachwort
Impressum neobooks
Der Anruf erwischte Greta noch in der Badewanne. Zwischen plätschern und wegdämmern platzte Linda ins Badezimmer, reichte ihr das Telefon, räumte blitzschnell drei Bürsten und Tuben fort, über die Greta gerade noch mütterlich neugierig nachgedacht hatte, und verschwand wieder.
Greta bekam das gar nicht mit. Mit ihren nassen Händen wäre ihr das Telefon fast ins Wasser gefallen, als sie sich hastig aufsetzte und natürlich sofort wieder abrutschte. Als sie den Apparat endlich am Ohr hatte, war Linda längst wieder draußen.
Die Nachricht war ebenso knapp wie klar: Ein Toter in der Donau. Auto ins Wasser gestürzt, eigenartig, sofort kommen.
Polizistenleben, dachte sie sich nur. Wellen reißend und tropfend stand sie auf. Ihr Kreislauf protestierte kurz, aber nur kurz, eine geübte Mechanik stellte sich ein. Sie duschte, trocknete sich ab und schlüpfte hastig in ihre Kleider. Es war warm draußen. Die Kleider klebten sofort, der BH zwickte auf der feuchten Haut - und fiel mit einem verächtlichen „egal“ zurück auf den Kleiderhaufen.
Doch schon während sie sich anzog, kam ein Gefühl der Freude in ihr auf und löst die träge Badewannenstimmung ab. Sie musste zugeben, es machte ihr mehr Spaß, Verbrecher zu jagen, als ihre Tochter zu erziehen. Das siebzehnjährige Wesen, das in seinem jungen Körper um sie herumwirbelte und doch kaum erreichbar war. Die abtauchte in irgendwelche Welten, die sich in ihrem Kopf abspielten. Künstliche Welten, die durch monströse Brillen betreten wurden, die das Gesicht verschwinden ließen. Es war ihr viel unheimlicher als jeder Übeltäter draußen.
Als sie das Bad verließ und Linda Bescheid gab, hatte die schon wieder die Brille auf. Angeschlossen an eine Art Computer erzeugte sie irgendeine Konservenwirklichkeit in der Linda so etwas wie Liegestützen machte. Angeblich war das ein Sportprogramm, hatte sie neulich behauptet. Greta konnte sich aber auch alles Mögliche andere vorstellen. Doch wie jedes Mal verschob sie Kritik und genaues Hinterfragen auf einen günstigen Moment, der dann doch nie kam.
Stattdessen stieg sie auf ihr Fahrrad und flitzte los. Das leichte Gefälle von ihrem Haus oben am Hügel herunter zur Stadt, wie sie Fall trotz allem gerne nannten, machte das Losfahren immer zur Lust. Die Bürde des Anstieges beim Heimkommen war dagegen die ideale Gelegenheit um Abstand zu gewinnen – von den sich verirrenden Gedanken der Verbrecherjagd ebenso wie vom tiefsinnigen Grübeln über die Untiefen der Welt. Die Wohnlage am Hang des Bayerischen Waldes, mit Ausblick über die sich windende Donau, war ein Glücksfall in ihrem so verworrenen Leben.
Ein neuer Fall steigerte das rauschartige Gefühl zu einem Tunnel der Vorfreude und sie nahm nichts wahr, was um sie geschah, während sie um die gewohnten Ecken bog, an der Bäckerei vorbei, Meilers Obstgärten, dem Kindergarten. Kiesel sprangen unter ihren Reifen zur Seite, Wind flog durch ihr wuschiges blondes Haar und ihre dünne Kleidung, der Fahrtwind modellierte ihre Figur die immer noch ansehnlich war: der, wie sie es nannte, lebensfrohe Bauch unterstrich nur die weibliche Selbstverständlichkeit, nach der sich immer noch jede Menge Männer umdrehten, wenn auch nicht gerade die jüngsten. Der Blick auf die glitzernde Donau unten am Hang, die endlose Ebene dahinter, München ahnend, weit weg - die Weite, die so sehr im Widerspruch stand zu den Gartenzäunen und Hecken, sie berauschte sie jedes Mal aufs Neue. Filigran nahm sie die Kurven, immer knapp vor der Grenze der Angst, so war es am schönsten.
Erst als sie nach unten ins Zentrum von Fall kam und auf Autos achten musste, tauchte sie wieder auf – verwandelt - nun war sie Polizistin im Dienst. Chefin des Reviers von Fall an der Donau, das kleinste Revier der Region zwischen Dingolfing und Passau.
Sie sperrte ihr Rad an ein Halteverbotsschild vor dem Präsidium, lief kurz hinein und holte den Schlüssel für den Wagen. Die Wache war leer, ihr Polizeibetrieb bestand nur aus drei Personen.
Ohne Blaulicht fuhr sie zum Tatort, wenn man das so nennen konnte. Die Fenster offen, neben der Autobahn entlang, bis zur Abbiege, dann die Serpentinen hinunter zum Fluss. Im Kopf bildete sich bereits eine Ahnung, was hier geschehen war.
Draußen an den Uferhängen der Donau drückte warme Sommerluft durch das Fenster des alten Alfas, der die abgelegene Uferstraße herunter zu Anton Vogels Werkstatt kurvte. Doch dessen Laune glich dem Geräusch, das aus den Tiefen des Motors kam. Ungut. Das lange Fahren mit gepanschtem Sprit hatte dem Wagen nicht gut getan. Eigentlich ein Grund zur Freude, war es doch Teil zwei des bewährten Geschäftsmodelles von Anton Vogel: Motorsanierung. Nach spätestens 20.000 Kilometern war es so weit. Die Motoren mussten ausgetauscht werden. Den Kunden verriet er das nicht. Er baute alte Motoren aus Schrottautos ein, die allemal besser waren als die heruntergerittenen Aggregate der Originale. Hier fuhren alle die gleichen Standardautos, da ging das ohne Probleme. Er wurde gefeiert als der Mann mit den goldenen Händen, wobei die mehr die Farbe von Altöl angenommen hatten. Das Geschäft lief dabei wie geschmiert. Der gepanschte Sprit war kaum billiger als der echte, aber die gesparte Steuer, die machte es aus. An den Reparaturen verdiente er weniger, wenn er die Arbeitszeit mitrechnete, aber es machte ihm Spaß. Unter dem Auto liegen, da war die Welt noch in Ordnung. Keine nervenden Frauen, kein Papierkram, nur er und die Maschine. So einfach konnte Glück sein.
Zwei Probleme hatte er allerdings.
Irgendjemand wusste etwas. Er wurde erpresst. Seit vielen Monaten. Monatlich 700 Euro auf ein Nummernkonto in den Bahamas, das war seine Ersatzsteuer. Keine Riesensumme, aber groß genug, dass er mit dem Geschäft gar nicht aufhören konnte.
Und das Auto, das er jetzt fuhr. Ein Alfa Spider. Wunderschönes Auto, Jahrgang 1980 – zugelassen in Tschechien. Der Ersatzmotor hatte ein Vermögen gekostet. Mehdi, sein Gehilfe hatte ihn mühsam in Italien besorgt und er konnte nicht einmal das Geld in Rechnung stellen. Ausgerechnet für diese Kiste hatte er sich zu einem Betreibermodell breitschlagen lassen. Er war verantwortlich, dass die Karre lief. Kein Mensch wusste, wem sie gehörte, aber es gab wichtige Menschen, die sie gerne fuhren, ohne damit in Verbindung gebracht zu werden. Hätte Mehdi ihn wenigstens nicht mit dem eigenen Sprit getankt. Er fluchte wieder, aber Mehdi war sonst ein zuverlässiger Mitarbeiter, wie man sie in seiner Art Geschäft selten fand. Es war schon schwierig gewesen, ihm das Lügen beizubringen, beispielsweise, dass er den Alfa hier nicht kannte.
Mehdi war vor Jahren nach Fall gekommen, als einer der ersten Flüchtlinge, noch bevor sich alle darüber aufregten. Mehdi konnte kein Deutsch, aber Autos reparieren. Einer, der nicht im Ort vernetzt ist und die Sprache nicht so gut beherrscht war für Vogel genau der richtige. Doch Mehdi hatte schnell gelernt und bemerkt, dass er genauso tickte, wie die Menschen von Fall. Eine undurchschaubare Mischung von Provinz und Weltoffenheit, von Ehrlichkeit und Schlitzohrigkeit. Dabei im Kern grundanständig, pragmatisch gläubig und ordnungsliebend, was in der Praxis aber stets aufs Neue schwerfiel. Dass sein Gott anders hieß, war schon bald niemandem mehr aufgefallen. Jetzt ließ er Mehdi mehr und mehr Aufgaben übernehmen und begann langsam, Blut zu lecken am Erfolg als Chef. Da traf ihn der Rückschlag mit dem Alfa umso härter. Sein Geschäftsmodell lief nicht rund, genauso wie der Motor.
Der Motorklang bohrte wie ein rostiger Nagel in seiner Stimmung und ebenso genervt wir routiniert kurvte er die Serpentinen herunter zum Fluss, wo seine Werkstatt lag. Abgelegen unter einer Autobahnbrücke, flussabwärts von Fall, weit weg von neugierigen Blicken.
Die letzte Kurve tauchte vor ihm auf, das Lederlenkrad fuhr elegant durch die Hände, ein beherzter Griff, Lenkung herumreißen, bremsen, er hatte das mit hunderten Autos tausend Mal gemacht.
Diesmal kam es anders.
Die Bremse trat ins Leere, das Lenkrad riss sich mit einem Schlag aus seinen Händen, das Auto lenkte nicht um die Kurve – ehe er sich versah, war er über die Böschung hinaus, Büsche krachten, das Auto kippte, die Welt drehte sich, einmal, noch einmal, es krachte. Er schlug auf den Türholm auf, gleich darauf riss es ihn zurück, ein Schmerz ging durch den Nacken, dann war es ganz kurz still doch sofort danach war da schon das Wasser.
Mit einem Schlag schlug er auf. Er riss ihn zur Seite. Wasser strömte durch das offene Fenster, es gluckerte, rauschte, es war kalt, das Auto wirbelte dahin in wütenden Stromschnellen.
Er sank. Die Türe. Er musste raus. Die Türe klemmte. Er drückte und riss an der Türe, mehr Wasser drang ein, schnell, er war gefangen. Er ruderte mit den Armen, verstrickte sich im Gurt, schnappte nach Luft, er zitterte. Das Wasser schlug über ihm zusammen und gluckernde Wellen rollten in seine aufgerissenen Augen.
Es wurde still. Alles um ihn war Wasser. Es war in ihm, er schluckte, atmete es ein, es drückte in seinen Lungen, es tat weh, als es ihn füllte, er hustete und atmete wieder Wasser ein, es ging schwer, drückte, verlangsamte alles. Noch sah er das grüne Leuchten des Tageslichtes, verzerrt durch die Wellen nicht weit über ihm, dann verschwand auch das.
Unten zogen sie gerade das Auto aus dem Wasser. Mit Hilfe eines Abschleppwagens. Ein weißer alter Flitzer, wie sie erkannte. Neugierig sah Greta Shetter aus dem Fenster, um mehr zu erkennen, doch im letzten Moment sah sie vor sich Leute. Sie bremste abrupt und konzentrierte sich noch einmal aufs Fahren, parkte dann schnell und schlampig und sprang aus dem Auto.
Um den Abschlepper standen Storm und Drang. Ihr Streifenpärchen, wie sie sie nannte. Frank Storm, hochgewachsen und ungelenk, und Susanne Drang, ein dunkelhaariges, gewissenhaftes Mädchen mit einer sportlichen Figur. Konzentriert dirigierten sie den Abschlepper. Den bediente ein junger südländischer Typ, den sie nicht kannte. Dann entdeckte sie im Wasser einen Taucher. ‚Aha, deshalb wussten sie schon von dem Toten‘, schaltet ihr Hirn, hinter der Szene erkannte sie nun auch das Boot der Wasserwacht.
„Halt!“ rief Drang, gerade als Greta neben sie trat und sofort schob der Südländer einen Hebel nach oben. Das weiße Auto hing halb in der Luft, halb an der Böschung, gerade so, dass das Wasser ablief und sie hineinsehen konnten.
Vorsichtig lief Drang zum Auto, doch sie war zu klein um richtig in das offene Fenster zu sehen. Storm schob sich daneben, einen guten Kopf größer und beugte sich über den Fluss. Amüsiert beobachtete Greta die beiden, bis sie sich entsann, wo sie hier war.
„Ein Toter, wie erwartet“, meinte Storm mit einem Nicken, dann bemerkte er, wie ihm das Wasser über die Füße lief und sprang zurück. „Kannst weiter ziehen“ meinte er zu dem jungen Mann am Schlepper.
Der zog vorsichtig an seinem Hebel und das Auto bewegte sich weiter über die Böschung. Am Fluss stampfte ein Frachtschiff der Strömung entgegen, wenig später schlugen die Wellen klatschend unter ihnen an.
Jetzt konnte man die Vorderseite sehen. Ein Alfa Spider, mit tschechischer Zulassung. Greta glaubte, das Auto schon gelegentlich gesehen zu haben, aber eigentlich kannte sie sich mit Autos nicht aus. Hier in der Gegend sahen alle gleich langweilig aus, aber dies hier war anders. Kurz erinnerte sie sich an die Oldtimershow am Rand des letzten Donaufestes in Deggendorf. Thomas, ihr Mann, hatte sie stundenlang über den staubigen Parkplatz geschleppt, bevor sie endlich über die Wiesen schlendern durften mit Ständen, Musikanten und Biergärten. Doch eine Verbindung zu dem Auto gab die Erinnerung nicht her.
Tropfend kippte das Auto über die Kante der Böschung und stand schließlich vor ihnen.
Jetzt erst bemerkten Storm und Drang Greta und ließen sie mit nach vorne.
„Das ist der Besitzer hier, Anton Vogel“, kam es trocken von Drang in Richtung des Südländers. „Dein Chef, oder?“ Sofort drehte Greta sich zu dem Mann am Schlepper und sah in zwei dunkle Augen, die offenbar schon geahnt hatten, was jetzt kam. Er sah Greta an, dann kam er auf der Gruppe der Polizisten zu. „Dachte ich es mir doch“, meinte er leise. „Ich bin Mehdi, ich arbeite hier“, stellte er sich bei Greta vor.
Storm versuchte, die Türe zu öffnen, doch sie klemmte. Dann lehnte er sich durch das Fenster ins Wageninnere.
„Keine äußeren Einwirkungen zu sehen“, meinte er, als er seinen Kopf wieder herausgezogen hatte. „Ich würde sagen, der Mann ist ertrunken.“
„Kein Wunder, das Fenster war auf, das Auto ist vermutlich untergegangen wie ein Stein.“ Nachdenklich studierte Drang den Alfa. „Kennst Du das Auto?“, wandte sie sich an Mehdi.
„Den sehe ich das erste Mal.“ Mehdi inspizierte aufmerksam das Auto, seine Augen leuchteten auf einmal ein wenig. „Ich musste gerade erst einen Motor für so einen besorgen“, meinte er dann plötzlich. „War gar nicht so leicht. Ich hab ihn in Italien geholt, steht jetzt hinten in der Werkstatt.“
„Also vermutlich ein Reparaturauftrag.“ Greta hakte ihre erste Erkenntnis ab und sah sich um, lief die Straße hoch.
„Hier ist er runter“, hörten die anderen sie wenig später rufen. Sie sahen sie, über die Böschung gebeugt die Pflanzen untersuchen. „Schaut, das ist frisch abgeknickt.“
Langsam ging sie zurück zur Straße. „Keine Bremsspuren, nichts.“ Sie ging weiter die Straße hoch, kroch plötzlich auf allen Vieren den Asphalt entlang und roch, ihre blonden, ungekämmten Haare schliffen im Staub.
Storm kam in langen, staksigen Schritten auf sie zu und kniete sich daneben. „Lass mal nachprüfen, ob das Bremsflüssigkeit ist“ raunte sie ihn an. „Und glotz nicht so!“ Erschrocken hob er seinen Blick von ihrem klaffenden Ausschnitt und lief rot an.
Als sie sich wieder aufrafften, war Drang schon damit beschäftigt, die Straße mit rot-weißem Band zu sperren.
„Soll ich den Wagen in die Werkstatt runter bringen?“
„Nein, lassen Sie mal, den übernehmen wir“, sprang Greta dazwischen. „Der geht nach Passau zur Untersuchung. Drang, Du fährst mit.“ Dann sah sie Mehdi ernst an: „Erzählen Sie mir lieber mal, was Sie wissen. Womit hat Ihr Chef sein Geld verdient?“
In einfachen aber schönen Sätzen beschrieb Mehdi ihr voller Bewunderung, was für ein guter Chef Anton Vogel gewesen war.
Schnell begriff sie den Kern seines Geschäftes. Reparatur mit gebrauchten Ersatzteilen. Kaum nachprüfbare Kosten, sicher ein einträgliches Geschäft. Und er und Mehdi waren abwechselnd auf Einkaufstour. Vermutlich mehr in Osteuropa, als in Italien, aber dennoch kein schlechtes Leben.
Im Zollhaus Paradies war der Nachmittag ruhig. Routiniert stand Gerhard Steinhörer an der alten Mole und fischte einen Behälter aus dem Wasser. Eine wasserdichte Box, versehen mit einem dunkelgrünen Schwimmer, dass sie nicht unterging. Eine U-Boot Lieferung, abgeworfen von dem Frachtschiff, das eben an Fall vorbeigefahren war - an einer genau vereinbarten Stelle, so dass die Strömung das Paket zuverlässig zu ihm trieb.
Er hob die Box aus dem Wasser und schob sie mit einem Schwung zu einem unscheinbaren Verschlag, eingelassen in das rückwärtige Gemäuer des Zollhauses. Die Mole war schwer einsehbar und der Verschlag gar nicht. Routiniert öffnete er die Box, prüfte kurz den Inhalt, er war trocken und erschien vollständig, dann verstaute er alles. Er würde die Sachen erst am Abend brauchen. In tausendfach eingeübten Bewegungen schloss er ab, erschrak wie immer im Aufstehen aus der Hocke über die Schmerzen in den überdehnten Beinen und sah sich noch einmal um: niemand in Sicht.
Zufrieden macht er sich auf nach vorne zu den Tischen.
Julia und Flynn machten heute den Kiosk, er musste nur ab und zu da sein, dann lief der Laden. Das alte Zollhaus war ein verschachteltes Areal am Fluss. Ein Überrest aus einer Zeit, als hier Schiffe wegen Stromschnellen anhalten mussten, um sich lotsen zu lassen. Die Fälle, von denen der Name Fall kam. Sie hatten dem Ort über Jahrhunderte ein einträgliches Geschäft beschert, bis die Donau ausgebaggert worden war.
Der Aufstieg von Fall war damit zu Ende gewesen. Es war bald hinter Deggendorf zurückgefallen, ein beschauliches Nest, hängengeblieben irgendwo zwischen Stadt und Dorf. Auf dem Weg, vom wachsenden Deggendorf als Vorort verschluckt zu werden. Nur das Zollhaus stand weiter da mit wuchtigen Mauern: Freiflächen, Lagerhallen, alte Büroräume, Schlafräume, Mannschaftsräume, alles war da. Er hatte das Gelände vor Jahren von seiner Abfindung gekauft. Der goldene Handschlag zum Abschied aus seinem früheren Leben als Verkäufer in einem Technologie Unternehmen. LiveSafe. Zwei Jahrzehnte hatte er teure Technik an große Unternehmen verkauft. Er war rund um die Welt gekommen, in die Vorstandsetagen der Wirtschaft, hatte mitbekommen wie dort gewertschätzt, gedealt und entschieden wird.
Dann war der Tritt in die Freiheit gekommen. Der alte Hase wurde ersetzt durch junge Telefonverkäuferinnen. Bereut hat er ihn allerdings seitdem nie, das Zollhaus ernährte ihn problemlos. Die zentrale Lage in Fall an der Donau zwischen Stadtmitte und Fluss, das von einer Mauer geschützte, verwinkelte Areal, die verwunschenen Räume und Freiflächen, all das machte das Gelände zu einem Wunderwerk der Attraktionen. Kerngeschäft war der Kiosk. Hier verkaufte er alles, was ging. Alkohol, Zeitschriften, Milch, Butter und Käse, Kuchen, Kaffee, Zigaretten, Kondome, er besorgte alles, was gefragt war. Nur aus Drogen hielt er sich raus. Der Kiosk war zugleich Cafe und Kneipe, mit einer Terrasse vorne und einer hinten – vorne für die Jugend und die, die gesehen werden wollten, hinten, in der verschachtelten Freianlage des Zollhauses, für die, die lieber unter sich waren.
Und die Jugend verdiente sich Geld, indem sie den Kiosk schmiss – zumindest den Teil des Geschäftes, der allgemein bekannt war.
Und sie spannen herum mit allen möglichen eigenen Ideen, die gut zu der aus der Zeit geworfenen Rolle des Zollhauses passten. Stück für Stück eroberten sie das alte Gemäuer, ersannen den möglichen früheren Zweck der unterschiedlichen Elemente der Anlage: Speicher, Wachräume, Ställe, Kapelle, Gerichtsraum, Kerker - auch das alte Badehaus hatten sie kürzlich entrümpelt. Nebenbei arbeiteten sie immer weiter an ihrer Idee, Mittelalterspiele auszurichten. Damit war Leben in der Bude und der Betrieb lief – und hatte er Zeit für die wichtigen Dinge.
Doch die kümmerten ihn gerade wenig. Entspannt und leichtfüßig sprang er barfuß über die Stufen der hintern Terrasse, um diese Zeit war dort nichts los, ging durch die angenehm kühle alte große Speicherhalle, die sie nun für Veranstaltungen nutzten, und durch eine Nebentüre zur oberen Terrasse wo er, etwas abseits gelegen, seine private Ecke hatte. Das alte Zollmeisterbüro. Von hier konnte er den gesamten vorderen Bereich überblicken: Kiosk, Terrasse und den Eingang zu den Kneipenräumen.
Für ihn war es eine Freude, den jungen Menschen zuzusehen, wie sie den Laden führten. Mit einem Gemisch aus unendlicher Lässigkeit, Neugierde und permanenter Balz wechselten sie andauernd zwischen sich kümmern und sich präsentieren. Ihnen fühlte er sich verantwortlich. Sie wurden seiner Ansicht nach viel zu sehr missbraucht in einer Welt, die sich in eine riesige technische Spielhalle der Selbstoptimierung verwandelt hatte. Er beneidete sie nicht. Seine eigene Jugend hatte er noch auf Demos in Schwandorf, Ohu und Niederalteich verbracht. Im Kampf gegen Atomkraft und Staatsgewalt, mit Rufchören gegen Wasserwerfer. Diese Erfahrung echten Lebens entging der jungen Generation. Deren Abenteuer waren virtuell und rundum abgesichert.
Doch hier, bei ihm, durften sie echtes Leben leben. Das war sein moralischer Ausgleich für das, was er im dunklen Teil seiner Geschäfte trieb.
Auch sein eigner Sohn Tom gehörte dazu. Doch derzeit war er weit weg, in einem anderen Leben. Er studierte hunderte Kilometer entfernt und das war auch gut so. Tom bildete für ihn die Brücke zu den jungen Leuten, aber er sollte nicht unbedingt in seine Fußstapfen treten. Zumindest nicht so bald.
Er hatte es sich gerade gemütlich gemacht, als er Pavel um die Ecke biegen sah.
Braungebrannt, mit geöltem Haar, Goldkettchen und Hawaiihemd, wie er so daherschlenkerte sah er aus wie aus einem schlechten Film, aber das war sein Stil.
Pavel klatschte Julia und Flynn am Kiosk ab, achtete aber dann nicht weiter auf sie sondern sah gleich zu Gerhards Platz hoch. Das war auffällig. Einer wie Julia würde er eigentlich mehr Zeit widmen. Stattdessen bog er direkt ab, sprang die paar Stufen hoch und stand an seiner eisernen Gartentüre, die den Privatbereich abtrennte. Mit flinkem Griff drückte er den verborgenen Knopf zum Öffnen und bog in einer eleganten Drehung um die Ecke zu ihm an den Tisch.
Noch bevor Gerhard den Mund aufbekam klatschte Pavel auf einen Stuhl und meinte in seinem typisch uninteressierten Tonfall: „Es gibt Neuigkeiten.“
„Ja, und?“
„Anton Vogel ist tot.“
„Anton Vogel? Der Autobastler?“
„Genau, der. Nur ist er nicht nur tot, sondern er wurde aus der Donau gezogen. In einem weißen Alfa Spider mit tschechischem Kennzeichen.“
„Oh.“
„Genau, oh.“
Nicht nur, dass das für Gerhard 700€ Einnahmenverlust im Monat bedeutete, das konnte er verkraften, ja er wollte sich eh lieber aus dem Geschäft mit Kleinkriminellen zurückziehen. Schlimmer war der Alfa.
„Dann lass uns Augen und Ohren aufhalten.“
Mit einem Eiersandwich in der Hand saß Greta auf dem Balkon der Wache und studierte die Unterlagen. Die Kollegen hatten erstaunlich schnell gearbeitet und zufrieden kaute sie einen Bissen nach dem anderen, ständig in Sorge, Mayonnaise auf den Bericht zu tropfen. Aber sie hatte Hunger und war gierig.
Zuhause wurde der Linsensalat warm. Linda würde sicher einen großen Bogen darum machen und Thomas überreden, mit ihr eine Pizza zu bestellen. Ihre Familie war keinen Deut besser als der Rest der Welt, wie sie immer wieder einsehen musste. Voller Träume über eine bessere Welt, aber dann doch faul und bequem.
Aber ihre Familie war ihr Anker in der normalen Welt, ohne den sie hilflos davontreiben würde in der großen Freiheit des Ozeans der Versuchungen. Insgeheim wäre sie am liebsten Verbrecherin geworden, das war ihr wollüstiger Traum. Der Verbrecher, der aus eigener Kraft und Intelligenz sein Umfeld beherrscht, völlig ohne die stützende Kraft der Gesellschaft. Das hatte etwas Magisches für sie. Der sich nicht um all die Regeln schert, die das Leben versauern, sondern tut, was er für richtig hält, klug, mit Bedacht, aber ohne Skrupel.
