Eva und das Paradies - Dominik Rüchardt - E-Book

Eva und das Paradies E-Book

Dominik Rüchardt

0,0

Beschreibung

Als Eva erfährt, ihr Mann sei tot und sie müsse nun seine illegale Wiener Biofarm führen, bricht für sie alles zusammen. Bisher war sie immer mitgelaufen. Die Rebellion gegen eine technisch perfekte, lobbygetriebene Industrie, die Europa kontrolliert, lässt sie aber nicht los. Stolpernd sucht sie ihren Weg, verfolgt von Polizei und Geheimdienst muss sie Vertraute finden. Es ist das Jahr 2071. Die internationalen Rollen sind neu verteilt, Afrika ist davongeeilt und lehnt Europäer ab. Doch nur von dort, der Heimat ihres Mannes, kann Hilfe kommen. Eine wilde Reise durch Politik und Philosophie, Liebe und Macht und nicht zuletzt nach Afrika beginnt…

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dominik Rüchardt

Eva und das Paradies

Ein Rebellenroman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Teil 1 – Umzingelt

Abschied – Biofarm am Wiener See

Die Nachricht – Afrika, Dorf Bawesi

Mitteilung – Biofarm am Wiener See

Auftrag - Büro der Botschaft der Afrikanischen Union in Berlin

Unterm Baum – Feld bei der Biofarm am Wiener See

Rikschafahrt – Wien, Stadtmitte

Bedrohung – Biofarm am Wiener See

Die Schule – Wien Zentrum

Zu viel – Biofarm am Wiener See

Ordnung – Wien, Philosophieschule

Bei der Schwester – Region Wien

Afrikavorlesung – Wien, Philosophieschule

Verbindung – Wiener See

Anruf – Berlin Kohlbogen

Nach dem Besuch – Berlin, Kohlbogen

Vertrauen – Wien, Philosophieschule

Begegnung in Berlin – Berlin, Kohlbogen

Teil 2 – Netzwerk

Vor der Party - Berlin, Hotel Adlon

Würde – Wien, Philosophieschule

Auf der Party – Berlin, Angelarium

Verfolgung – Wien, Stadtrand

Betrunken – Berlin, Angelarium

Identität – Wien, Philosophieschule

Büro der Botschaft der Afrikanischen Union - Berlin

Der arrogante Idiot – Berlin, Spreeufer

Dienstreise - Norddeutschland

Ein Plan entsteht – Wiener See

Vortrag zum Sahara Projekt - Norddeutschland

Begegnung – Wien, Philosophieschule

Spur – Wien, Stadtrand

Verführung – Wien, Erster Bezirk

Beschwingt ging sie aus dem Haus – Wien, Innenstadt

Teil 3 - Verwandlung

Erwischt – Wien, Stadtrand

Es war schon dunkel - Obertalien

Entscheidung – Berlin, Kohlbogen

So gut war die Gegend doch wieder nicht - Oberitalien

Weg zu sich - Oberitalien

Frühstück - Oberitalien

Im Bus - Italien

Eindringen – Rom

Reggio – Süditalien

Isola Bella - Sizilien

Alfredo - Sizilien

Archiv - Sizilien

Abflug – Catania, Sizilien

Salat – Afrika, Stadtrand am Flughafen

Druck – Farm am Wiener See

Macht - Afrika, Stadtrand am Flughafen

Interessenkonflikt – Wien, Büro von Leon Draeger

In der Stadt - Afrika, Megacity

Kommunikator – Berlin, Kohlbogen

Tanz in der Stadt – Afrika, Megacity

In der Nacht – Afrika, Megacity, Dorfhaus

Konfrontation – Berlin

Tempel der Vereinigten Religionen - Afrika, im Regenwald

Beratung – Afrika, Dorf Bawesi

Der Brief – Ohandas Dorf

Verrat – Büro des Botschafters der Afrikanischen Union, Berlin

Teil 4 - Alleine

Flug zum Dorf – Afrika – Steppe nördlich des Regenwaldes

Das Gericht – Afrika, Dorf Bawesi

Durchsuchung – Farm am Wiener See

Erster Verhandlungstag – Afrika, Dorf Bawesi

Erste Gespräche – Afrika, Dorf Bawesi

Alles ist anders – Berlin, Helmuts Büro

Der Tag – Afrika, Dorf Bawesi

Ankunft - Afrika – Dorf Bawesi - Gästehaus

Sprechverbot - Afrika – Nähe von Dorf Bawesi

Abendspaziergang – Afrika, Dorf Bawesi

Die Rede – Afrika, Dorf Bawesi

Anweisung – Afrika, Dorfrat im Dorf Bawesi

Abstimmung – Afrika, Dorf Bawesi

Wahrheit – Afrika, Dorf Bawesi

Balkon – Afrika, Dorf Bawesi

Nach der Abstimmung – Afrika, Dorf Bawesi

Einsamkeit – Gästehaus in Bawesi

Am Morgen - Afrika, Dorf Bawesi

Weg zum See – Afrika, Dorf Bawesi

Im Nebendorf – Afrika, Dorf Bawesi

Bergtour – Afrika, Dorf Bawesi

Auf der Terrasse – Afrika, Dorf Bawesi

Aufbruch – Afrika, Eberegbulams Haus

Dorfrat – Afrika, Dorf Bawesi

Ordnung – Ecojet nach Wien

Danksagung

Impressum neobooks

Teil 1 – Umzingelt

Abschied – Biofarm am Wiener See

‚Das Leben ist immer hier‘. Es war noch früh - und ganz von alleine wand sich der Satz aus ihren erwachenden Gedanken. So frisch wie der Tag, den sie durch die offene Türe besah, war er auf eigene Art bedeutsam. Mit Betonung auf ‚hier‘.

Noch war es still. Frühsommermorgen. Fast kühl, weiche Luft, nur ein paar Vögel zwitscherten. Erste Sonnenwärme saugte die Feuchtigkeit der Nacht auf und Nebelfetzen, die eben noch schwer über den Wiesen standen, verschwanden wie von Geisterhand im Nichts.

Hier, das war in diesem Moment die Biofarm am Wiener See. Seit Anfang 2064, seit sieben Jahren, umschloss sie das sumpfige Südende des großen Steppensees, der die Region Wien von den weiten Anbaugebieten im Osten trennte. Der wenige Kilometer breite Streifen aus Äckern, Wäldern und Wiesen bildete, als naturnahe Insel, eine Ausnahme. Umgeben war sie von landwirtschaftlicher Wüste. Tausende Quadratkilometer Einheitsflächen industriellen Landbaues. Hochleistungspflanzen, gentechnisch optimiert und hochempfindlich gegen jede Art unkontrollierten Einflusses. Das war ESCO-Land. Die ‚European Seed Company‘ war in den zwanziger Jahren aus einem Mineralölkonzern und einem Schweizer Chemieunternehmen hervorgegangen, die nach dem Ölzeitalter gemeinsam die Landwirtschaft entdeckten. Unter geschickter Ausnutzung der finanziellen und nationalen Zerwürfnisse in Europa hatten sie einen Großteil der europäischen Ackerfläche aufgekauft.

Der Kern der Farm war ein altes kleines Dorf. Dazu fanden sich wieder errichtete Holzhäuser aus aufgelassenen Dörfern der Gegend. Ungeordnet um das Kerndorf gestellt, waren sie schnell und mit wenig Geld gewachsen. Jetzt war der runde Hof das Zentrum, an dem die Schule lag, das Verwaltungsgebäude, ein altes Gebäude als Jugend- und Versammlungshaus sowie das erste Wohnhaus. In diesem hatte sie ihre Wohnung. Sie, das war Eva Teichmann, 36 Jahre alt und seit 7 Jahren verheiratet mit Jasiri Tyrese, dem gleichaltrigen Gründer und Leiter der Farm.

In der Wohnung stand Eva inzwischen halb angezogen vor dem Spiegel. Ihr Körper war immer noch aufgewühlt von kurzer, aber heftiger Liebe. Einer der Momente, der das Glück, den Wahnsinn und das Wissen um die Grenzen ihrer Beziehung so ehrlich abbildete, wie sie es gerade noch vertrugen. Nun begann der Tag. Fahrig nahm sie ihr zerknautschtes Gesicht wahr und mit zu schnellen Bewegungen versuchte sie, sich herzurichten. Wollte heute schön sein, denn Jasiri reiste ab, praktisch, weil viel zu tun war und seriös, weil eine Besuchergruppe kam. Das war viel auf einmal. Für diese Perfektion fehlte ihr das Talent. Davon war sie überzeugt. Ihr braun gelocktes Haar stand schräg in die Luft und der Umgang mit Schminke überforderte sie regelmäßig, obwohl sie es mochte. Nebenbei kaute sie an einem Brot aus der Farmbäckerei und trank in kleinen Schlucken heißen Tee.

‚Das Leben ist immer hier‘ – der Satz verfolgte sie. Sie kaute auf ihm herum wie auf ihrem Brot. Besser sollte sie an den kommenden Tag denken. Ihr Leben spielte sich zwischen Öffentlichkeit und Untergrund ab. Wobei Eva sich um das Öffentliche kümmerte und so Jasiri den Rücken freihielt. Denn auch wenn alles friedlich und natürlich wirkte: Ein großer Teil dessen, was sie auf der Farm taten, widersprach den gültigen Gesetzen für die Landwirtschaft und galt als Gefährdung der Europäischen Ordnung. Geladen mit der Energie des afrikanischen Aufbruches, war Jasiri vor 10 Jahren als junger Anwalt aus Afrika nach Wien gekommen. Das in Regeln und Lobbynetzwerken erstarrte Europa hatte ihn auf teuflische Weise fasziniert. Er war ganz besessen davon, dem etwas entgegenzustellen und zu zeigen, dass es auch anders geht. Der Prozess, bei dem es um den Erhalt geschützter Arten im Wiener See gegangen war, die jedoch den Betrieb von ESCO störten, kam da gerade recht. In einem Husarenstück hatte Jasiri die Richter dazu gebracht, ihm ein Stück Land zu überlassen. Als Ausgleich, und sofern er ESCO nicht gefährde. Ein sehr feinmaschiger Zaun teilte nun den See, und der so gerettete Südteil bildete das Zentrum des heutigen Farmgeländes. Seitdem wuchs ihr Betrieb. In der Region waren sie beliebt oder zumindest respektiert, von der Industrie und der Patentpolizei aber wurden sie bekämpft. Am Rande der Legalität gelang ihnen, trotz des fast vollständigen Verbotes von Zucht und Anbau patentfreier Pflanzen, Landbau in bester Bio-Qualität.

Eva gab das Bürsten auf. „Strohpuppe“ entfuhr es ihr. Aber egal. Im Lauf der Jahre hatte sich auch bei ihr ein gewisser Gleichmut eingestellt. Schließlich löste sie das Problem mit einem Tuch und wusch ihr Gesicht wieder ab. Bald würde die Besuchergruppe kommen, sie würde sie über die Farm führen, nett sein und aufmerksam, was sie wem sagte. Beim Aufräumen entdeckte sie einen Sensor in der Bürste. Was auch immer der maß, sie zerquetschte ihn und warf ihn weg. Schnell zog sie sich fertig an, und lächelnd ging sie wenig später auf die Gruppe zu, die bereits wartend auf dem Hof herumlief.

„Guten Morgen!“ Sie blinzelte in die Sonne und betrachtete die Gruppe von vier Erwachsenen und zwei Kindern. „Ich bin Eva Teichmann“, sie blickte sich um, „willkommen zu unserer Farmführung“. Sie bückte sich zu den beiden Kindern: „Und ihr wollt sicher auch unsere Schule sehen, oder?“

„Ich will lieber toben, mein Freund hat erzählt, hier gehen die Kinder nur die halbe Zeit in die Schule.“

„Das stimmt.“ Eva grinste, der Junge hatte begriffen, worum es geht. „Meistens sind alle irgendwo draußen.“

„Hallo, wir sind Ferdinands Eltern.“ Freundliche, unkomplizierte Leute standen da, das rundwangige Strahlen der Mutter war ein offenes Buch. „Der würde am liebsten sofort hier einziehen.“

„Das ist schön“, Eva wurde ernst, „aber Sie wissen hoffentlich, was das heißt?“ Tatsächlich würden viele Firmen diese Leute nie wieder beschäftigen. Doch Ferdinands Eltern wollten wohl wirklich. Sie wandte sich an die Mutter des anderen Kindes. Eine gepflegte Frau, professionell, praktisch, vermutlich alleinerziehend. Die wiegelte gleich ab: „Ich möchte nicht hier her ziehen“, sagte sie und zog ihre Tochter zu sich, „aber Franziska soll hier zur Schule gehen, wir wohnen in der Nähe.“ Die Frau tänzelte verlegen, wusste nicht, ob sie dazugehörte oder nicht. Franziska drückte sich an das Bein ihrer Mutter. „Mama, ist das die Lehrerin?“

Freundlich beugte sich Eva herunter, wartete, bis Franziska sie vorsichtig anschaute: „Nein, das bin ich nicht. Aber ich leite die Schule, und ich hole nur nette Lehrer!“ Das Kind drückte sich noch enger an das Bein seiner Mutter.

Eva wandte sich der sechsten Person zu, ein junger Mann, der sie unverhohlen von oben bis unten musterte, mit den Blicken auszog.Sie sah mit ihren 36 Jahren ziemlich gut aus, das war ihr bewusst: einen Meter siebzig groß, schlank, unter den braunen, schulterlangen Locken ein gerades Gesicht, leicht hervorstehende Augen, wohlgeformt. Ihre etwas ungelenk schiefe Haltung verriet etwas kräftiges, zupackendes hinter ihrer Gestalt. Das wirkte wohl anziehend. Sie war Männerblicke gewohnt, aber diese gingen weit. Zu weit. Trotzdem lächelte sie ihn an: „Und was führt Sie auf unsere Farm?“

„Weiterbildung.“ Er schnappte leicht beim Sprechen. „Alternativer Landbau und so. Ich bin Umweltingenieur.“

„Soso, na, dann gehen wir mal los.“ Vorsicht. Das konnte ebenso gut ein Mann von ESCO sein, oder von der Patentpolizei. ‚Du kannst mir viel erzählen‘ dachte sie, ertappte sich aber, wie sie gegen ihren Willen beim Losgehen leicht mit dem Hintern wippte. Das hatte der Typ also schon erreicht. Sie ärgerte sich über ihre eigene Unsicherheit. Den Triumph wollte sie ihm eigentlich nicht gönnen.

Die Tour verlief über die Felder und Eva erklärte die Farmarbeit. Sie versicherte, alle Pflanzen seien pollenfrei und zeigte, wie sie ernteten und Lieferungen zusammenstellten, und sie führte sie über den Farmmarkt, wo Privatleute ebenso wie Restaurant- und Ladenbesitzer einkauften. Die Fragen des Ingenieurs, woher die Pflanzen kämen, welche Patente sie hätten und wem die Farm eigentlich gehöre, überging sie freundlich; den Wareneingang ließ sie weg, bei deren Prüfung alle Farmmitarbeiter ständig Sensoren und Sender aus allem entfernten, was hereinkam.

Ferdinand war glücklich und seine Eltern bewegten sich, als ob sie hier immer schon hergehörten. Franziska gefiel der Schulgarten und sie nickte schließlich auf die Frage, ob sie hier zur Schule gehen wolle.

Am Schluss lud sie das Elternpaar ein, sich mit dem Verwalter Mirko Nemec genauer zu unterhalten und erklärte Mutter und Tochter die Schuleinschreibung. Den Umweltingenieur verabschiedete sie freundlich: „Ich glaube, Sie passen besser zu einem anderen Betrieb.“ Mit kaltem, trotzigem Blick machte er sich grußlos davon.

Eva versuchte, sich sein Gesicht zu merken, doch kaum hatte sie durchgeschnauft, war es verblichen. Diese Leute waren alle gleich. Zum Glück war ihr kleines Paradies einigermaßen geschützt. Der Status eines afrikanischen Betriebes, der offiziell an Diplomaten lieferte, eine schwer durchschaubare Gesellschaftsstruktur und die Region Wien als wohlwollender Vermieter trugen dazu bei. Solange keiner genau mitbekam, wie sie arbeiteten, konnte niemand nachweisen, dass die Farm eigentlich an oder gar hinter den Grenzen der Legalität arbeitete und Jasiri ihren Nachschub regelmäßig aus Afrika einschmuggelte.

Der Preis für das Idyll war die ständige Bedrohung. Durch Leute wie den angeblichen Umweltingenieur. Jasiri hatte den Ausweg der Anonymisierung gefunden, eine Art digitaler Geisterzustand, der ihre Ehe jetzt belastete, hervorgerufen durch eine Manipulation der zentralen Computersysteme. Sie musste sich damit abfinden. Sie war die Frau eines Chefs, der immer wieder in einer anderen Welt verschwand. In Afrika, das so weit weg war, so verlockend − und so isoliert vom Rest der Welt, mit anderen Regeln und Vorstellungen. Dennoch, sie wollte hier nie wieder weg. Die Farm war ihre Familie geworden. Eine Familie, die von anderen argwöhnisch beobachtet wurde. Was das bedeutete, sollte Eva bald erleben. Doch noch genügte es, wenn sie mögliche Spione erkannte und elegant abblitzen ließ.

Als die Besucher fort waren, ging sie zurück ins Haus. Im Schlafzimmer kramte Jasiri, der seine Tasche packte. Lässig warf er seine wenigen Dinge hinein, die Tasche blieb halb leer. Wie immer schuf seine Anwesenheit eine leicht vibrierende Lebendigkeit im Raum.

„Ah, gut dass Du kommst“, er blickte kurz auf, als sie das Zimmer betrat, „ich muss bald los. Deine Schwester hat sich gemeldet, ich hab es Dir aufgeschrieben.“

„Da war wieder so ein Typ, der uns ausspionieren wollte.“ Eva nahm das Tuch ab und schüttelte ihre Haare aus. „Um davon abzulenken, hat er mich die ganze Zeit angeglotzt. − Musst Du jetzt schon los?“, zart, aber deutlich drückte sie sich an ihn.

„Auch Spione haben Geschmack.“ Die Arme, die sie umschlangen, schienen sein breites Grinsen ins Unendliche zu verlängern: „Ich würde Dich auch anglotzen. − Und ja, ich habe noch Zeit – aber nur kurz.“ Kurz. Immerhin. Nicht darüber nachdenken, den Moment nehmen: „Dann komm, lass uns noch zusammen rausgehen, das tut uns gut.“ Achtlos hängte sie den Zettel neben den Spiegel, räumte ihre Frühstücksreste weg und beobachtete, wie er seine Tasche fertig packte. Mit wenig Gepäck reisen, das hatte inzwischen auch sie von Jasiri gelernt und es freute sie, ihm dabei zuzusehen. Sie war stolz auf Jasiri.

Kurz darauf stellte er die Tasche vor der Tür ab; sie hakte sich bei ihm ein und zog ihn auf ihren üblichen Weg, an den Gemüsebeeten vorbei über die Obstwiesen zu einer kleinen, abgelegenen Kuppe mit einem Baum. Diese Kuppe war ihr ganz privater Platz inmitten des öffentlichen Farmlebens. Hier hatten sie sich zum ersten Mal geliebt, vor 8 Jahren, als alles losging. Etwas von der Stimmung war seitdem an diesem Platz geblieben. Ein Prickeln. In vertrauter Bewegung landeten sie nebeneinander im Gras.

Doch Jasiri war schon nur noch halb da. Die Spannung in seinem Körper verriet: Im Geiste war er schon unterwegs. Unterwegs in die andere Welt. „Ich muss diesmal alleine fahren.“ Ernst blickte Jasiri über die Wiesen. „Das macht es schwieriger, deshalb muss ich schon so früh los.“

„Was war mit Quasiz? Ich habe ihn noch nie gemocht, aber wenn er Dir fehlt − ich kann ja mitkommen. Irgendwann will ich auch nach Bawesi, überhaupt nach Afrika.“ Sie wusste, dass das nicht ging.

„Ich konnte ihm nicht mehr vertrauen.“ – Jasiri warf ein Steinchen die Kuppe hinab, wollte verbergen, dass er sich ärgerte. „Aber mit ihm war das Reisen einfach.“ Das stimmte. Für Eva wäre es viel komplizierter. Sie war nicht anonymisiert, sie könnten sie überall aufspüren. Und dann wüssten sie, wie sie ihren Nachschub bekämen. All das wusste sie. Leider. Hinzu kam die afrikanische Sicht auf ihre Beziehung. Europäerin und, noch schlimmer, Ehefrau – ablehnen würden sie sie in seinem Dorf.

„Diese verfluchte Anonymisierung! Die macht alles nur noch schlimmer.“ Begleitet von einem Schnauben flog dem Steinchen ein Stöckchen hinterher. „Sie saugt Dich aus meinem Leben“, Eva suchte nach Worten, „wenn Du weg bist, bist Du verschwunden, wie ein Gespenst.“ Ganz eng rückte sie an ihn, einen Arm um seinen Rücken, den Kopf an seine Schulter gedrückt. Sie hielt ihn. „Mein schwarzer Mann verschwindet in einem schwarzen Loch – und ich bleibe hier.“

„So ist es nun mal“, Jasiri seufzte, während er sich sanft befreite. Er bemühte sich, sie seine zunehmende Abwesenheit nicht spüren zu lassen. Doch er sprach schon wie aus einer anderen Welt. „Wir haben diesen Weg gewählt, ich weiß keinen besseren.“ Und er hatte Recht. „Wir brechen Grenzen und Regeln, tauchen ins Niemandsland. Leben zwischen den Welten. Mit allen Abgründen.“

„Ist es so schlimm?“

Von weit weg blickte er sie an. „Nicht immer.“ Und dann erzählte er: „Nur − die Leute, die du dort triffst, sind nicht alle gut, und manchmal erlebst du Dinge, von denen du lieber nichts wüsstest. Man muss aufpassen, dass sie dich nicht hineinziehen.“ Jasiri schüttelte sich. Fast unmerklich. Nur ein Zucken spürte Eva. Er löste sich.

„Ich muss gleich los. Ich will heute noch bis Rom kommen.“

„Wann kommst Du wieder?“

„Wenn alles gut geht, bin ich in acht Tagen zurück.“

Sie küssten sich noch einmal. Eva hauchte ihm ein „pass auf Dich auf!“ ins Ohr und flüsterte: „Ich denke an Dich.“

Er zog sie noch einmal an sich, sie schlang sich um ihn, sie sanken herunter ins Gras und für einen wunderbaren Moment war es wie vor acht Jahren.

Als sie wenig später wieder auf den Hof gingen, kam auch schon das Rufauto. Langsam, wie es für den fahrerlosen Betrieb vorgeschrieben war, rollte es über den Hof, hielt an, blinkte. Jasiri nahm seine Tasche, sendete mit seinem Kommunikator den Mietcode und das Auto öffnete sich, er setzte sich ans Steuer, winkte und fuhr los.

Weg war er. Mal wieder. Allein blieb Eva auf dem Hof stehen und sah ihm nach. Es tat weh, ihn gehen zu sehen. Auf seinem Weg durfte er keine Spuren hinterlassen. Solange er fort war, würde er sich nicht bei ihr melden.

Sie wusste das alles. Ihr Kopf wusste es, Ihr Körper wusste es, ihr Herz. Das war ihr Leben. Schmerzhaft war es trotzdem. Und zu allem Übel genoss sie den Schmerz sogar. Schließlich half er ihr, ein Gefühl zu verdrängen, das sie verunsicherte. Sie bewunderte Jasiri, ihren Anführer, Ideengeber und Beschützer. Sie brauchte ihn, sie war in ihn verliebt, doch was war es, was nun tatsächlich mit ihr verwachsen war? Jasiri? Oder eher das Projekt ihrer Farm? Da war auch eine winzige, blöde, eigenartige Erleichterung, die seine Abreise immer in ihr weckte. Das erschreckte sie. Doch wie jedes Mal verdrängte sie diesen Gedanken, ließ den Schmerz hinter sich und machte sich ebenfalls auf den Weg.

Zurück im Haus, machte sie sich an ihre Arbeit. Die Leitung der Schule verlangte jede Menge Verwaltung. Sie musste genau dokumentieren, was sie den Kindern beibrachten und welche Ergebnisse sie erzielten. Es verlangte viel Fingerspitzengefühl, glaubwürdig zu sein und nichts zu berichten, was auf Regelverstöße hinwies. Das gleiche galt für alles andere. Vor ihr lagen Broschüren, die an die Kleinbauern gingen, meist Stadtbewohner, die Balkone und Dächer bepflanzten.

Das Formulieren machte ihr Freude. Hier ergänzten Jasiri und sie sich wirklich gut. Er, der ungestüme Regelbrecher, sie, die Vorsichtige, die alles so darstellte, dass es nicht angreifbar war.

Konzentriert machte sie sich an die Arbeit. Von draußen drangen die Farmgeräusche durch das Fenster und sie vergaß die Zeit, ging auf im wuseligen, rebellischen Betrieb, der inzwischen so gut funktionierte, mit Jasiri als Oberrebell und ihr als Rebellenbraut. Die Finger flogen über die Tasten, ein Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie fühlte sich wohl.

Die Nachricht – Afrika, Dorf Bawesi

Die drei Afrikaner gaben ein friedlich geschäftiges Bild ab. Rijad Eberegbulam Bawesi, Pflanzenzüchter im Dorf Bawesi im mittleren Afrika, Uzuri Yaya Bawesi, Jasiris Schwester, und Toma Bawesi, der aus Prinzip keinen Zweitnamen trug, saßen auf Eberegbulams Terrasse am See. Es war heiß, die Nachmittagssonne brannte. Sie waren das gewohnt. Unter einem Sonnendach aus Schilf sortierten sie an einem großen Tisch Stecklinge.

„Leg die kleinen hier nach links, die mit den runden Enden, und die anderen, etwas größeren, die aussehen wie aufgeplatzt, dorthin“, mahnte Toma mit heiserer Stimme. Uzuri tat wie geheißen, aber es kam ihr immer noch sinnlos vor, wie ein Kinderspiel, um sich die Zeit zu vertreiben.

„Das ist doch idiotisch. Pflanzen säen, auskeimen lassen, wieder herausreißen und sie dann nach Europa schicken.“ Verständnislos schüttelte sie immer wieder ihren Kopf. „Was ist der Unterschied? Samen sind doch viel haltbarer. Irgendetwas stimmt nicht mit Euren Europäern.“

Eine Weile sprach niemand. Bis Rijad Eberegbulam in einer Art Singsang antwortete. „Ja, sie sind seltsam, die Europäer. Sie haben für alles Gesetze. Für die Liebe, für die Farbe deines Urins und dafür, welche Pflanzen wachsen dürfen. Sie sind gesetzsüchtig. Das Einzige, was sie nicht regulieren, ist das Nachwachsen von Gesetzen. Und vor lauter Gesetzen gehen ihre Pflanzen kaputt. Sie schmecken nicht, sie halten von alleine nichts aus, sie sind billig.“ Er verstummte, hob aber wenig später in anderem Ton wieder an und wandte sich direkt an Uzuri: „Aber sie erfüllen die Gesetze. Fremde Samen sind verboten, fremde Pollen sind gefährlich. Also hat Jasiri eine Farm gegründet, auf der er statt Samen unsere Setzlinge anbaut. Es ist verrückt, aber es ist nun mal so.“ Gut gelaunt sortierte Eberegbulam weiter. Jasiri und er machten das inzwischen im großen Stil. Sie wurden immer besser darin, Setzlinge so zu züchten und zu bearbeiten, dass sie haltbar waren und in Europa später fast keine Pollen verstreuten. „Hier, die sind alle neu“, versonnen zeigte Toma auf eine Reihe schrumpeliger, sehr kleiner Setzlinge und fing an aufzuzählen: „Das sind Tomaten, das sind Kürbisse, das dort hinten ist Paprika ...“

„Und Toma ist unser Genie. Unser Erfinder. In seinen Händen machen die Pflanzen genau, was er will. Neue Setzlinge, neue Methoden. Jasiri wird staunen.“

„Ich könnte ja mal über Euch schreiben: ‚Geschäft mit Europa wächst wieder – Afrikas Züchter versenden ausgekeimte Samen als Kassenschlager‘ oder so.“ Uzuri sprach das mehr so vor sich hin. Eigentlich war sie Tänzerin und Tanzlehrerin, mit viel Fleiß hatte sie sich aber eine zweite Existenz aufgebaut. Sie schrieb nun auch für eine überregionale Zeitung und wurde dabei immer besser. Inzwischen konnte sie sich ihre Themen aussuchen. „Bloß nicht. Jasiri würde Dir den Kopf abreißen. Viel zu gefährlich.“

„Bestimmt nicht. Nicht er und nicht mir.“ Sich stolz zurücklehnend, lachte sie ihn breit an. „Aber wann kommt er nun endlich?“ Uzuri war eigentlich nur gekommen, um Jasiri zu sehen, ihren großen Bruder, der als junger Anwalt vor Jahren nach Europa gegangen war, um dort das Rechtssystem zu studieren. Der dort geblieben war und seither nur ab und zu zurückkam, um mit Eberegbulam über Pflanzen zu sprechen.

„Ich erwarte ihn heute, mehr weiß ich auch nicht.“

„Er war beim letzten Mal anders als sonst.“ Uzuri wurde auf einmal ernst.

„Wie meinst Du ‚anders‘?“

„Irgendwie bedrückt, als wenn er etwas Schlimmes erlebt hätte. Normalerweise strahlt er dich an und sagt dir, was du alles verändern könntest. Und du denkst dir, er hat Recht, weißt aber, dass du es nicht hinbekommst. Er bekommt es aber hin. Aber letztes Mal war er anders. Als ob ihn etwas bedroht. Er war vorsichtig. Das gab es bisher nie.“

„Ich weiß nicht, was Du meinst. Wir haben beim letzten Mal größere Pläne gemacht als je zuvor. Das Ergebnis liegt hier auf dem Tisch. Das ist nicht vorsichtig, das ist hemmungslos!“ Eberegbulam war sichtbar stolz. Und ungeduldig.

„Hoffentlich hast Du recht.“ In einer geschmeidigen Drehbewegung stand Uzuri auf und nahm ihre Tasche. „Ich muss jetzt los. Ich will noch zu meiner Tochter, bevor sie im Kinderhaus essen.“ Sie warf ihre Handtasche über die Schulter. „Nachher hat sie keinen Kopf mehr für mich, wenn alle spielen bis zum Umfallen. Außerdem muss ich zum Tanzen. Sag Jasiri, ich würde mich freuen, ihn zu sehen, wenn er kommt.“

„Ist gut, Uzuri, wir warten hier.“

Aber so viel er auch wartete, es rührte sich nichts. Bald würde es dunkel sein. Die Sonne bewegte sich senkrecht auf den See zu. Die Zeit verging.

Eine Stunde später ging Rijad Eberegbulam unruhig auf der Terrasse des Haupthauses auf und ab, starrte in den inzwischen roten Himmel. Die Stecklinge waren längst sortiert ausgelegt, alles war vorbereitet. Aber es gab nicht einmal eine Nachricht, dass Jasiri überhaupt in Afrika angekommen sei. Und erst recht war kein landendes Transportflugzeug in Sicht, nur die Touristenflieger. Ecojets in jeder Größe, die mit ihren unglaublichen Flügeln langsam und leise über dem See einschwebten.

„Der kommt nicht mehr. Sie fliegen nicht, wenn es dunkel ist“, tönte es unter dem Dach hervor. Toma spielte mit den Stecklingen herum, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen, benutzte immer zwei als Tor, in das er einen dritten mit dem Finger hineinschnippte. „Lass das, wir brauchen die noch.“ „Ich sag doch, er kommt nicht mehr, normalerweise meldet er sich ja schon, wenn er in Sizilien ist.“ „Vielleicht ist sein Kommunikator kaputt.“ Noch einmal versuchte Eberegbulam, ihn anzurufen, aber keine der Nummern funktionierte. Viel hieß das aber nicht, denn das Geschäft brachte es mit sich, dass die Leute immer wieder ihre Nummern wechselten.

Inzwischen war der Himmel tiefrot und bildete mit dem See ein malerisches Paar. Im nachlassenden Kontrast der Dämmerung sah er, wie sich vom Dorf her ein Fahrzeug schnell näherte. War er das doch? War er diesmal anders angereist? Das Auto kam näher und bog zu ihnen ab. Es war das Auto des Dorfratsvorsitzenden Idrissa Yerodin. Der ließ sich hier sonst nie blicken. Er stellt sich an die Brüstung der Terrasse und blickte herunter, sah, wie der Dorfratsvorsitzende ausstieg, kurz hochblickte und Richtung Treppe ging, die hinten herum zur Terrasse führte. Eberegbulam wartete, wo er war, und ging ihm erst entgegen, als er auf der Terrasse ankam. Er grüßte ihn ernst mit Handschlag, blieb kerzengerade vor ihm stehen und sah ihm in die Augen. „Wir haben eine Nachricht aus Europa erhalten. Von der Europäischen Polizei. Sie sagen, Jasiri Tyrese ist tot.“ Er begriff nicht. „Wie, tot …?“ „Ja, sie sagen, er ist tot. Mehr haben sie nicht gemeldet. Nur, dass sie ihn sofort nach Afrika überführen. Sie wollten wissen, wohin sie ihn schicken sollen.“ Eine Stille hielt beide fest, bis Idrissa sie in nachdenklichem Ton brach: „Die Nachricht ist seltsam. Sie wirkt falsch, aber sie ist eindeutig. Ich dachte, ich komme als Erstes zu Dir. Ihr hattet ja in den letzten Jahren den engsten Kontakt.“ Der ernste Blick wurde noch ernster. „Mit dem restlichen Dorf war er wohl weniger verbunden, bis auf seine Schwester, aber die finde ich nicht.“

Rijad Eberegbulam fing an, mit den Armen zu schwingen und im Kreis zu gehen. Das tat er immer, wenn er sich aufregte. „Uzuri ist im Kinderhaus. Und ich warte hier auf Jasiri. Wir haben ein neues Verfahren. Toma hat lange dran gearbeitet.“ Aufgekratzt drehte er sich zu Toma um: „Wir können nun viel mehr Arten liefern, nicht wahr Toma?“ „Ich sagte doch, er kommt nicht mehr.“ Toma schnippte weiter die Stecklinge. „Lass das!“, fauchte Eberegbulam ihn an und wandte sich wieder zum Dorfratsvorsitzenden, der ihnen zusah und das Gespräch suchte.

„Es tut mir leid, Ihr wart Partner, richtig?“ „Ja … Wir haben große Pläne. Oder hatten. Und wir werden immer besser. Aber ich habe keine Ahnung, was ich ohne ihn machen soll.“ Er wurde lauter: „Die ganze Organisation, die Farm am Wiener See … ich kenne die gar nicht. Ich weiß nicht einmal, wen ich fragen soll, ob das überhaupt stimmt, was Du da sagst.“ Er schüttelte den Kopf, ging weiter auf und ab. Mit blitzenden Augen blickte er plötzlich Idrissa Yerodin an: „Du sagst, die Nachricht wirkt falsch. Da stimmt etwas nicht.“

Der Dorfratsvorsitzende hörte ihm halb zu, stand an der Brüstung und blickte über den See. „Wieso kommen die jetzt zu uns? Er ist doch schon seit Jahren in Europa.“ „Soviel ich weiß, lebt er in Europa im Untergrund. Die Polizei verfolgt ihn, um ihre Pflanzenpatente zu schützen, das ist nicht ungefährlich … wie Du siehst.“ Rijad Eberegbulam ging weiter armeschwingend auf und ab.

"Was wollt Ihr in Europa? Ich verstehe Euch nicht. Ist Afrika nicht groß genug für Euch?"

Eberegbulams Arme schwangen schwächer, er blieb stehen und stand nun neben dem Dorfratsvorsitzenden und blickte wie dieser auf den See. Seine Stimme wurde ruhig. "Jasiri sagt, diese Arbeit sei wichtig, und er meint das wirklich ernst. Ich habe ihn nie glücklicher erlebt, als in den letzten Jahren, als es richtig losging. Ich mache einfach mit. Es hat ja bis jetzt auch alles funktioniert."

"Bis jetzt.“

Nebeneinander stehend, starrten sie auf den See. Sie waren unterschiedlicher Meinung. Aber was jetzt passiert war, konnte alles ändern.

Mitteilung – Biofarm am Wiener See

Kurt Amstetter von der Wiener Regionalverwaltung starrte auf Eva Teichmann. Leichenblass saß sie ihm gegenüber. „Was? Das kann nicht sein!“ Mit diesen Worten hatte sie auf seine Nachricht reagiert, dann war sie verstummt. Nun traute er sich nicht, sich zu bewegen oder etwas zu sagen. War unsicher. Sein korrektes Wesen als Standesbeamter vertrug sich nicht recht mit der Farmumgebung. Das seiner Frau schon eher, nur die war nicht hier. Sie hatte ihn aber schon mehrfach in den Hofladen geschleppt und so fühlte er sich doppelt zuständig, obwohl er es eigentlich gar nicht war. Die lähmende Stille verschlimmerte alles. Mit halb offenem Mund saß sie ihm gegenüber, den Blick in sich gerichtet und furchterregend angespannt.

Schließlich erkannte er, Eva suchte nach Worten. Saß, mit sich ringend, vor ihm und versuchte, irgendetwas zu sagen, was nicht hinauswollte.

„Ich glaube, Sie wollen etwas sagen.“

Eva aber blieb sprachlos.

„Ich verstehe nicht, warum Herr Tyrese als alleinstehend notiert war. Ich habe Sie doch verheiratet.“

„Da gab es Probleme mit den Eintragungen – wegen Afrika, und weil sie dort die Ehe abgeschafft haben“, kam es nach einer Weile hastig zurück.

„Aber Sie waren ein Paar, oder? Sie schienen damals so glücklich.“

„Ja, ein Paar“, Eva blickte abwesend, „das ist eine komplizierte Geschichte.“Sie sprach mit langen Pausen, wie zu sich selbst, auch als sie ihn direkt ansprach: „Sie wissen gar nicht, was geschehen ist?“

„Nein, das ist ja das Eigenartige. Es gibt nur diese eine, zugegeben sonderbare Meldung der Patentpolizei. Sie wirkt auch, als sei sie aus Versehen bei uns gelandet. Auf Rückfragen reagieren sie nicht.“

Eva konnte dem Beamten nichts von der Anonymisierung erzählen. Musste die Fassade einer heilen Farmwelt bewahren. Die Meldung konnte alles und nichts bedeuteten, aber in der Tat war Jasiris Rückkehr überfällig. In ihr schwoll eine verzweifelte Wut, aber sie schwieg. Es ließe sich sowieso nicht ändern. Ihr und Jasiris Leben hatte immer schon jenseits der Ordnung stattgefunden, und nun schien es ihr auf außerordentliche Weise zu entgleiten.

Ihre Ehe war nur für kurze Zeit eine normale Ehe gewesen. Bald nach dem Gerichtsverfahren und der Gründung der Farm waren die Zeichen unübersehbar, dass Jasiri beobachtet, verfolgt und bedroht wurde. Rufautos kamen zu spät, da sie offenbar mit besonderer Überwachung ausgestattet wurden, entlang seiner Wege häuften sich Unfälle, Personen, mit denen er verkehrte, wurden verhört oder geschädigt.

Der Ausweg war, ihn aus der digitalen Welt herauszunehmen und ihn damit aller Spuren zu entledigen. Sizilien hatte sich im Jahr 2064 von Europa gelöst und war zu Afrika übergetreten. Es hatte erklärt, Sizilien sei Teil der afrikanischen Kontinentalplatte und der Vulkangürtel zwischen Aetna und Stromboli die Grenze zu Europa. Im Rahmen des Übertrittes mussten die Datenspeicher getrennt werden. In dieser Zeit kamen befreundete Computerspezialisten an die zentralen Systeme heran und konnten für Jasiri und einige weitere Kollegen afrikanischer Herkunft einen Algorithmus aus der Geheimdienstszene einspielen, der alle Informationen, die neu zu deren ID eingespeichert wurden, sofort wieder löschte. Jasiri konnte damit ganz legal überall auftauchen, seine ID gab es ja weiterhin, weshalb er keinem System als verdächtig auffiel. Alles, was er tat, wurde aber sofort wieder vergessen. Leider war das auch mit ihrer Ehe so geschehen. Eva war seitdem verheiratet, aber ohne Partner.

Diese Erinnerung, das Geheimnis ihrer Ehe, war ein dunkler Knoten verwirrter Gefühle. Aus Verliebtheit und Liebe, Distanz und Nähe, Träumen und Verdrängung. Und der Knoten steckte in ihrem Kopf fest, als sie bemerkte, dass sie immer noch schweigend vor dem Beamten der Regionalverwaltung saß. Sie hatte keine Ahnung, wie lange schon.

„Danke, dass Sie mich informiert haben“, sagte sie schließlich fahrig, und reflexartig ergänzte sie: „Jasiri ist ja weiterhin Afrikaner − und die Farm hat einen diplomatischen Sonderstatus. Deshalb taucht er vermutlich bei Ihnen nicht auf.“ Diesen Satz hatte sie damals eingeübt.

„Ja, das wird es wohl sein. Trotzdem, unsere Datensysteme sollten eigentlich besser sein.“ Er wand sich, erhob sich schließlich. „Nun ja, ich gehe dann wohl.“ Irgendetwas musste er noch zum Abschied sagen: „Es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten bringen konnte. Was soll ich sagen? Ich wünsche Ihnen viel Kraft!“

„Danke.“ Abwesend blickte Eva ihn an, als er ging.

Sie musste es den anderen sagen. Mirco Nemec, dem Verwalter der Farm, und Kemal Deixner, dem Leiter des Stadtbüros, der auch Lieferung und Versand regelte. Doch sie rührte sich nicht vom Fleck. Sie wollte nicht, dass es wahr wurde. Sie spürte, wie sich all ihre Kraft auflöste. Wenn sie sich jetzt bewegte, bräche alles zusammen.

Schließlich nahm sie den Kommunikator und rief Mirco Nemec an. In knappen tonlosen Worten sagte sie, was sie wusste.

Nemec war außer sich und überfiel sie mit Fragen über Fragen. „Ich weiß auch nicht mehr“, beendete sie irgendwann verzweifelt das Gespräch, ging in ihr Zimmer, schloss die Vorhänge, legte sich auf ihr Bett und starrte in die Luft, wartete auf Tränen, die nicht kommen wollten, und wünschte sich zu verschwinden.

Auftrag - Büro der Botschaft der Afrikanischen Union in Berlin

Das Berliner Taxi fuhr sehr langsam, obwohl wenig Verkehr war. Leon Draeger, ein leicht ergrauter, in jeder Hinsicht durchschnittlicher Mann Anfang vierzig und Ermittler beim privaten Geheimdienst GlobalResearch, ärgerte sich. Er würde wieder einmal zu spät kommen, und das beim ersten Termin mit einem neuen Auftraggeber. Die Fahrerin nervte. Wenn sie gerade nicht ihre Frisur richtete, glotzte sie in ihren riesigen Bildschirm. Das individuell abgestimmte Unterhaltungsprogramm zur Aktivhaltung des Fahrpersonals. Ein aufgeblasener Liebesfilm. Immer wieder retteten übernatürlich gut aussehende Männer schöne Mädchen aus einer Gefahr, jeweils gefolgt von einer ebenso dramatischen Bettszene. Darauf tiefe Verzweiflung, dann schmerzhafte Trennung.

„Wieso geht das denn so langsam?“

„Führe ich schneller, würde ihnen ganz schön schlecht werden“, erklärte sie in einem lang gezogenen, gelangweilten Ton. „Das Auto bremst dann immer wieder plötzlich. Automatische Gefahrenerkennung, Sie wissen schon, Fußgänger, Tiere und so.“

„Dann stellen Sie die Automatik halt ab und fahren selber.“

„Das ist gegen die Vorschrift. Die Versicherung. Tut mir leid.“

Da ließ sich nichts machen. Leon Draeger hatte ja auch von Berufs wegen unauffällig zu sein, also wollte er keinen Ärger machen. Immerhin näherten sie sich ihrem Ziel, dem Büro der Afrikanischen Botschaft. Direkt neben dem Brandenburger Tor.

Irgendwie hatte er etwas Dramatischeres erwartet. Elefanten oder dergleichen. Was er schließlich sah, enttäuschte ihn fast. Ein modernes, helles und offenes Gebäude, gepflegte, höfliche Menschen und klare Aussagen. Er tat sich schwer zu verstehen, wo er war.

*****

Währenddessen blickte Ochudo Bakari, stellvertretender Botschafter der Afrikanischen Union in Berlin, aus seinem Büro auf Berlin und wartete.

Der drahtige Mittsechziger war im Geiste bisher nicht hier angekommen in Berlin. Europa und er passten nicht zusammen. Als Mann der ersten Stunde hatte er die Veränderungen Afrikas mitgestaltet, hatte die gesellschaftlichen Reformen zu Religion und Standesrecht vorangetrieben. Seine beste Zeit war beim Geheimdienst gewesen, als sie hinter den Kulissen die Fäden zogen, um Afrika aus den Klauen der Europäer und Chinesen zu befreien. Dann hatte er den Aufbau des afrikanischen Wirtschaftsmodelles mitgestaltet, das eine strenge Isolation vom Rest der Welt beinhaltete. Nun war er stellvertretender Botschafter in Europa. Leiter des Berliner Büros, eines der drei wichtigen neben Brüssel und Paris. Mit der Aufgabe, als Senior die Beziehung des neuen, selbstbewussten Afrikas zu Europa neu zu erfinden. Nur sollte man da, seiner Ansicht nach, so wenig wie möglich erfinden, sondern besser aufpassen, dass die Europäer nicht wieder in Afrika einfielen, um ihre hauseigenen Probleme zu lösen.

Die illegale Einfuhr von Nutzpflanzen aus dem mittleren Afrika in die Region Wien störte ihn schon lange. Das war Schmuggel, und dabei entstanden Abhängigkeiten, die er für gefährlich hielt. Nun war der Chef dieser Gruppe, Jasiri Tyrese, auf ungeklärliche Weise verschwunden und für tot erklärt. Tyrese kannten sie, er war ein aufrechter Idealist. Ihm konnten sie vertrauen. Doch jetzt konnte das System außer Kontrolle geraten. Für ihn, Bakari, hieß das erhöhte Aufmerksamkeit. Die afrikanischen Aktivitäten Tyreses kannten sie so weit, von den europäischen bekamen sie dagegen so gut wie gar nichts mit. Das beunruhigte ihn besonders.

Endlich meldete der Empfang die Ankunft des Agenten, der diskret die Hintergründe für sie herausfinden sollte. Der Mann, er hieß Leon Draeger, war so unscheinbar, wie Spione sein müssen. Draeger trat ein und Ochudo Bakari erläuterte ihm in knappen Worten seinen Auftrag, ohne seinen Platz am Fenster zu verlassen.

Er wies ihn an zu ermitteln, was die Mitglieder von Tyreses Farm weiter unternahmen und beschloss seine Ansage mit der üblichen Zusammenfassung: "Sie erhalten Zugang zu allen uns bekannten Unterlagen. Damit meine ich das Dorf in Afrika, das die Waren liefert, alles, was wir über die Transportwege wissen, und nicht zuletzt unsere Kenntnisse über die Geschäfte am Wiener See. Es ist nicht viel, aber dafür beauftragen wir Sie ja. Sie sollen ein genaues Bild abgeben, wie die Organisation vernetzt ist und wie sie auf den Tod Tyreses reagiert. Für legale Aktionen erhalten Sie diplomatische Rückendeckung, sofern irgendwelche Fragen auftauchen. Sie sind im Auftrag des afrikanischen Zolls unterwegs. Illegale Aktionen können wir nicht decken. Das Ganze ist wie gesagt sehr heikel und wir, die afrikanische Staatengemeinschaft, wollen vor allem verhindern, dass wir in einen Streit um Patentverletzungen gezogen werden. Afrika verhält sich im Welthandel neutral beziehungsweise am liebsten gar nicht. Beachten Sie das bitte, sollten Sie je von Behörden nach Ihrem Auftrag befragt werden.“ Diplomatisches Luftholen: „Wir wissen, dass Ihr Unternehmen international tätig ist und auch in großem Umfang für die afrikanische Staatengemeinschaft arbeitet. Das sollte genügen, falls Sie in einen Loyalitätskonflikt geraten."

Ochudo Bakari wandte seinen Blick über das Zentrum Berlins ab und dem Mann zu, an den die Worte gerichtet gewesen waren: "Ich erwarte einen wöchentlichen Bericht über die diskrete Post sowie eine Verfügbarkeit für Rückfrageninnerhalb von 12 Stunden.“

Das war nur die mittlere Preisklasse für Ermittlungsleistungen und somit mitnichten ein Exklusivauftrag. Draeger würde ihn mit halber Kraft erledigen müssen und parallel andere Aufträge bearbeiten, um auf seine Auslastung zu kommen.

GlobalResearch war der größte Anbieter diskreter Ermittlungen mit einem weltweiten Netz, aber als börsennotiertes Unternehmen auch streng durchorganisiert. Und ein einfacher Ermittler, auch wenn er auf eine beeindruckende Vorgeschichte verweisen konnte, musste zu jeder Zeit darauf achten, sein Geld auch tatsächlich wert zu sein. Die goldenen Zeiten für Geheimdienste, als staatlich finanzierte Sonderzonen ohne Geldsorgen, waren spätestens seit den Transparenzgesetzen der dreißiger Jahre vorbei, die dem überbordenden Ausspähen ein Ende gesetzt hatten. Aber das sollte kein Problem sein. GlobalResearch verfügte über ein hochintelligentes System, um Aufträge zu identifizieren, die sich bestmöglich kombinieren ließen, hinsichtlich Zeit, Reisen und Anforderungen an den Ermittler. Leon Draeger machte sich also ohne große Gedanken auf den Weg, um einen Arbeitsplan zu machen und diesen mit dem System abzustimmen. Immerhin ging es in Richtung Süden, das war gut.

*****

Als der Detektiv gegangen war, blieb Ochudo Bakari noch eine Weile nachdenklich sitzen. Wenn einen ein System beunruhigt, sollte man es nicht nur beobachten, sondern am besten auch stören. Eine alte Weisheit der Geheimdienste.

Er schickte eine kurze Abfrage an das Auskunftssystem für politische Organisationen, grinste zufrieden und ließ sich an die Wiener Regionalverwaltung durchstellen. Eine kleine Bitte um Auskunft würde vermutlich schon mal einige Wellen schlagen.

Unterm Baum – Feld bei der Biofarm am Wiener See

In sich versunken saß Eva auf der Kuppe unter dem Baum und versuchte, nicht zu denken. Solange es leer in ihrem Kopf war, tat es nicht so weh. Eigentlich sollte sie verstehen, was passiert war, doch sie konnte sich nicht durchringen, darüber nachzudenken. Also saß sie einfach still da, nur ihre Augen beobachteten ihre Umgebung: kleine Tiere, die emsig ihrer Beschäftigung nachgingen, Blumen, die eifrig ihre Stempel hervorstreckten, Pflanzenkeime, die sich frech aus dem Boden reckten und ihren Platz suchten. Sie beneidete die Selbstverständlichkeit, mit der sie taten, was sie taten. Im Gegensatz zu ihr. Nichts war mehr klar seit der Nachricht des Standesbeamten. Sie hing in der Luft. Völlig. Mehr noch, sie hing in einer Finsternis ohne Richtung. Spürte nicht einmal ihre Gefühle. Nur dumpf nahm sie die Umgebung war. Der Blickkontakt mit den Kleintieren band sie immerhin irgendwie an die Welt, aus der sie gerade so gerne verschwunden wäre.

Sie konnte auch nicht trauern. Kurz hatte sie überlegt, einen Stein aufzustellen, aber das hätte geheißen aufzugeben. All das, was geschehen war, oder auch nicht, war zu unecht. Unmöglich, sich darauf zu verlassen. Es war etwas, das sie im Moment irgendwie hinnehmen musste. Ergebnis ihrer außergewöhnlichen, verrückten Beziehung, die zwar wie eine romantische Liebe aussah, doch immer mehr ein Projekt war. Doch immer wieder, wenn sie sich so ein Bild für ihre Situation zusammenbaute, glitt sie ab. Leere Verzweiflung stieg in ihr hoch, genährt durch die Machtlosigkeit, die die Anonymisierung und die damit verbundene Unsicherheit brachten. Sie ertappte sich dabei, wie sie wütend wurde auf Jasiri. Einfach zu verschwinden, anonym abzutauchen, mit nichts als einer unsicheren Nachricht. Sie merkte dann jedes Mal, wie sich ein Schwall Tränen in ihr aufbaute, aus dem Becken heraus die Wirbelsäule hochschoss, um aus den Augen herauszufließen, es schüttelte sie dann und sie schluchzte und schniefte. Dann wieder verfiel sie in Leere, und das Ganze ging von vorne los.

Auf der Farm hielt sie es nicht aus. Noch wusste kaum einer etwas. Ein normales Leben aber konnte sie auch nicht vorspielen. Also saß sie hier. Nur dieser Baum gab ihr etwas Ruhe. Der Platz ihrer Liebe. Was nur sie beide wussten. Hier konnte sie zwischendurch träumen und sich erinnern. Hier hatte Jasiri ihr, der Journalistin, damals vor der verödeten Landschaft seine Pläne erklärt:

"Du musst Dir vorstellen, dass hier Vögel leben, unendlich viele Vögel, die in großen Schwärmen ihre Kreise ziehen. Die das Land beherrschen, das aus ihrer Sicht ihr Land ist. Diese Vögel finden Nahrung, weil sie Würmer und Insekten finden. Lauter kleine Wesen, die sich von Pflanzen, Pilzen und anderen Lebensformen ernähren, die hier wachsen. Die sich befruchten und verrotten, in einem wechselseitigen Geben und Nehmen. Da wird geboren und gestorben, gefressen und vermehrt, da findet Leben statt. Das musst Du Dir vorstellen. Es riecht nach allem gleichzeitig, nach verfaulten Früchten, nach Pollen, nach frischen Kräutern, nach Blumen." Sie erinnerte sich genau, wie er, groß, stark und schwarz, auf dem Feld gestanden hatte, mit weit ausladenden Gesten, die pure Energie. Und er hatte ihr erzählt, wie das in Afrika war. Dass dort die Vogelschwärme noch flögen, dass die Menschen dort ganz anders lebten, mit mehr Freude und weniger Vernunft.

ESCO behauptete ja, das mit den Vögeln hätte es nie gegeben. Das sei eine romantische Verklärung von Fotografen und Filmern. Es gab zwar alte Aufnahmen, aber alle wussten, die konnten genauso gefälscht sein. Schließlich war seit geraumer Zeit der Unterschied zwischen echter und künstlicher Wirklichkeit nicht mehr nachweisbar. Doch sie glaubte Jasiri, seinen alten Geschichten und Bildern, die zu detailreich waren, um falsch zu sein.

Lange hatten sie damals, hier unter dem Baum, die vorsichtige Spannung zwischen ihnen aufrechterhalten, irgendwann aber gab es kein Halten mehr. Jasiri war ganz weich als Liebhaber. Da kam der Träumer aus ihm heraus, der die unendlichen Weiten der Steppe noch tief in sich trug und unter dem Sternenhimmel die Welt liebte. Sich mit dem Löwen verbrüderte und ihn doch fürchtete, der ganz auf der Erde lebte, in seinem Stamm verwurzelt.

Ihre Heirat war schlicht. Er bestand auf Kemal Deixner als Trauzeuge, wollte sicherstellen, dass die Verbindung in seinen Kreisen zwar diskret behandelt wurde, aber bekannt war. Sie nahm sich keinen Trauzeugen. Jasiri wollte die Ehe nie wirklich offen zeigen. Er meinte, es sei aus Sicherheitsgründen, in Wirklichkeit aber, da war Eva sich sicher, war es, weil seine Familie oder besser gesagt sein Dorf, es nicht verstehen würde. Sie hatten das aber nie intensiver besprochen.

Die Anonymisierung hatte ihm die Freiheit gegeben, seine Geschäfte zu tätigen. Damit ihre Organisation erst möglich, aber dafür ihre Beziehung zu etwas Irrealem gemacht. Ihre Liebe war eine Begeisterung für einander gewesen. Als Inspiration ebenso wie in der körperlichen Liebe, die immer wieder spontan und neu war. Doch mit dem behördlichen Geisterzustand war die verbindliche Tiefe verloren gegangen, als ob ihnen klar war, dass das, was sie hatten und waren, jederzeit verschwinden könnte. Vielleicht war sie ja deshalb so verzweifelt. Ihre Beziehung verschwand, als ob es sie nie gegeben hätte. Das machte ihre Trauer so verwirrend. Sogar sein Tod war nicht sicher. Sie fühlte sich betrogen.

Da war ihre Kette. Schwer am Hals. Ein Geschenk Jasiris aus seinem Dorf. Sie hatte sie bisher nie getragen, das Dorf war zu weit weg. Nun war es ihre Verbindung. Zu Jasiri und dem Dorf, das sie nicht kannte.

Versonnen betrachtete sie wieder die Blumen, Kleintiere und Insekten, die um sie herum ihren Alltag bestritten. Was nun mit ihnen geschehen würde? Was aus all dem würde, was sie hier geschaffen hatten, war ihr in keiner Weise klar. Würde ESCO darüber walzen? Sie wusste, sie musste eigentlich genau darüber nachdenken, doch in ihrem Kopf war im Moment eine gummiartige Wand.

Rikschafahrt – Wien, Stadtmitte

Zhaoming Chiang, Exilamerikaner chinesischer Abstammung und Leiter der Philosophieschule der Region Wien, saß auf dem Rücksitz einer Rikscha und genoss den Morgen. Zwischen den wuchtigen Mauern der Wiener Innenstadt war es etwas wärmer als außerhalb, am Naschmarkt, wo er gerade herkam. Die Fahrt in die Innenstadt, vorbei an der Oper und an der Hofburg, durch die angeberisch-großkotzigen Gebäude der österreichischen Kaiserzeit, bereiteten ihm jedes Mal wieder Freude. Diese Leute hatten es verstanden, mit Macht umzugehen und etwas daraus zu machen, was beeindruckte. Sie hatten mit ihren Bauten eine öffentliche Stellungnahme abgegeben. Bei aller möglichen Kritik an Sumpf, Unterdrückung und Kriegen der Kaiserzeit war dieses Selbstbewusstsein der sogenannten k. u. k. Monarchie etwas, das ihm eindeutig gefiel. Sogar der Stephansdom, der langsam am Ende des Grabens hervorkam, fand sein Wohlgefallen. Er hatte lange darüber nachgedacht, warum er manche Kirchen mochte und manche nicht, und schließlich erkannt, es war die Haltung, welche von den Gebäuden ausging. Der Stephansdom strömte eindeutig ein starkes und mächtiges Selbstbewusstsein seiner Erbauer und Nutzer aus und erzeugte auch beim Besucher den Drang aufrecht zu stehen. Ganz im Gegensatz zu anderen Kirchen, in denen man das Gefühl hatte, man müsse sich in gläubiger Demut wundertätigen Überwesen unterwerfen und niederknien. Das war ihm unheimlich. Wunder waren seiner Ansicht nach Privatsache und sollten nicht gegenüber Dritten eingesetzt werden.

Ansonsten war Zhaoming Chiang eher ein Radikaler. Einer, dem es nichts oder nur wenig ausmachte, eine Ordnung in Frage zu stellen und den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, der diesen oft nicht angenehm war. Im Laufe seines Lebens war er milder geworden. Sein zorniges, oft moralisches Wesen, das auch dafür gesorgt hatte, dass er aus seiner amerikanischen Heimat auswandern musste, hatte sich zu einer lebensfroheren Haltung gewandelt, darüber war er sehr dankbar. Er war nun freier, hatte aber, und das war ihm wichtig, nichts von seiner Scharfzüngigkeit verloren, seiner wohl wichtigsten Waffe. Inzwischen konnte er sie aber einsetzen, ohne andere zu verletzen, denn er hatte gelernt, seine Mitmenschen zu mögen, auch wenn die völlig andere Positionen vertraten als er.

Zhaoming Chiang war hier vor fast 10 Jahren angekommen, nachdem er seinen Posten in Dakota aufgeben musste. Die Aufspaltung der Vereinigten Staaten von Amerika hatte zu einer fundamentalistisch religiösen mittleren Staatengemeinschaft geführt, in der für seinesgleichen kein Platz mehr war. Allmählich war der Schmerz verheilt, den der Bruch hinterlassen hatte. Nicht nur sein Job war weg, auch seine junge Liebe kam nicht mit. Wer weiß, vielleicht hätten sie inzwischen kleine indianisch-chinesische Kinder gehabt.

Er war auf Philosophie und Religionsgeschichte spezialisiert und vertrat eine strikte Nichteinmischung von Religion in die Politik. Er galt als unbequem, vor allem wegen der Anfeindungen, die er in seiner amerikanischen Heimat ausgelöst hatte. Aber die Region Wien hatte die Absicht, an ihre Geschichte als Vermittlerin der Kulturen anzuknüpfen, und ihm einen Vertrag angeboten. So hatte er ohne Zeitverzug den dreimonatigen Integrationskurs vollziehen können, sich in die Arbeit gestürzt und leitete nun, als Chinese amerikanischer Abstammung in Europa, unter anderem den Kurs für afrikanische Philosophie an der Wiener Philosophieschule. Und nebenbei war er deren Direktor.

Der Pferdekutscher, den sie gerade langsam überholten, schimpfte auf sie. Das Fahrradrikschageschäft war für diese Kutscher eine ernsthafte Konkurrenz geworden und sie beriefen sich auf ihre jahrhundertealte Tradition, die mit dem typischen Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster, das sich im Echo der wuchtigen Häuserschluchten verstärkte, ja auch bedeutsam war. Dennoch bevorzugte er diese Alternative. Insgeheim vielleicht, weil er von der Abstammung Chinese war, vordergründig eher, weil er fand, es sei die korrektere Transportmethode, auch wenn die Rikschas durchgehend eine elektrische Antriebsunterstützung besaßen. In Wirklichkeit mochte er diese reduzierte Form, bei welcher der Rikschafahrer sich anstrengte für seine Dienstleistung, für die er auch gut bezahlt wurde. Er fand, Rikschafahrer waren wesentlich fröhlichere Menschen als Kutscher, die in der Regel mürrisch und bewegungslos auf ihren Kutschböcken saßen. Außerdem fand er , dass auch Pferde Anspruch auf individuelle Freiheitsrechte hätten und dass es keinen Grund gäbe zu behaupten, es mache ihnen Spaß, mit Scheuklappen vor eine Kutsche gespannt herumzulaufen und dabei den eigenen Kot in Windelsäcken herumzutragen, damit die Straße nicht verschmutzt wurde.

Während er noch über seine Fahrt nachdachte, waren sie bereits an der Philosophieschule angekommen, er zahlte, stieg aus und ging, heute ausnahmsweise, über den Haupteingang hinein.

In der Eingangshalle öffnet er den altmodischen Glaskasten mit den Aushängen und hängte zwei Zettel auf: einen für sein nächstes Blockseminar, den anderen für das Fortgeschrittenenseminar zum Wiederaufstieg Afrikas.

Gerade als er den Kasten schloss, tönte von hinten eine bekannte Stimme: „Na, was haben Sie denn für Neuigkeiten, Herr Professor Chiang?“

Zhaoming Chiang drehte sich um. Der Bildungsbeauftragte der Region Wien, mit dem er für diesen Morgen verabredet war, ragte hinter ihm auf. Wie immer im graugrünen Anzug, mit korrekt gescheiteltem grauen Haar und einen halben Kopf größer als er.

„Guten Morgen Herr Doktor Homolka.“ Er reichte ihm die Hand und landete in der drucklos weichen Hand Homolkas, während der den Aushang studierte. Er schluckte die Unhöflichkeit herunter. Er wusste, dass Herr Homolka ihn eigentlich schätzte. Ein Bilderbuchwiener, freundlich, schwammig und titelversessen.

„‚Vertrauen, Würde und Identität als Grundlage der Gesellschaft‘, das lehren Sie Ihre Studienanfänger?“

„Ja, auf dieses Seminar freue ich mich besonders. Wir werden herausarbeiten, wie diese drei Begriffe eine Gesellschaft bestimmen und was es bedeutet, wenn sie verloren gehen.“ Homolkas fragender Blick sprach Bände. Ganz professoral setzte er nach: „Es geht dabei auch um Ordnungsprinzipien, staatliche wie die Demokratie, wirtschaftliche wie das Geldsystem oder gesellschaftliche wie die Regelung des Alltags durch überwachende Systeme. Wir stellen dabei immer die Eigenverantwortung dem Ordnungsprinzip gegenüber und diskutieren das. Oft verliert dabei allerdings die Ordnung.“ Zhaoming lächelte das Lächeln eines Gelehrten.

„Na, dann hoffen wir aber, dass Sie uns da nicht lauter kleine Revolutionäre aufziehen.“

„Das kann ich Ihnen nicht garantieren“, antwortete Zhaoming trocken. „Ein wenig Veränderung können wir aber doch immer mal wieder gebrauchen, oder?“

„Oh, Herr Professor, seien Sie vorsichtig“, Homolka wedelte warnend mit der Hand. „Aber vielleicht sollten wir in Ihr Büro gehen.“

Zhaoming führte Herrn Homolka die Treppe hinauf in sein Büro und sie setzten sich den kleinen Besprechungstisch. Umständlich holte Homolka aus:

„Wie Sie wissen, Herr Professor, ist der Region Wien sehr daran gelegen, das Bild der Stadt als Kulturzentrum Europas weiterzuentwickeln. Wir möchten aus unserem über hundertjährigen Dornröschenschlaf aufwachen und an die Glanzzeiten anknüpfen, die uns einst groß gemacht haben.“

„Da sind wir ja schon auf einem guten Weg, Wien hat sich doch schon völlig neu aufgestellt. Ein Reifeprozess abseits der politischen Seilschaften Europas, gleichzeitig immer die gute Vernetzung in den Osten und zu den Vereinten Nationen.“ Zhaoming lobte Wien bewusst, schon um Herrn Homolka eine Freude zu machen: „Wien hat heute einen Ruf als freigeistige Kulturmetropole und Schmelztiegel für neue Ideen. Nach der Abspaltung Großbritanniens von Europa werden wir London bald von alleine den Rang ablaufen.“

„Ja, da mögen Sie Recht haben, doch um wieder das Zentrum für Wissenschaft und Politik zu werden, können wir noch einiges tun. Und darüber wollte ich mit Ihnen sprechen.“ Homolka drehte sich direkt zu Zhaoming. „Das Konzept der Philosophieschulen gilt als Wiener Erfindung, und ich muss sagen, es ist ein Erfolgskonzept, viele Abgänger dieser Einrichtung belegen das. Wir haben nun die Möglichkeit, dieses Konzept europaweit einzuführen, und würden, da wir das Urmodell sind, einen europäischen Exzellenzstatus erhalten, als Leitbild für alle anderen Schulen. Das wäre für Stadt und Region ein wichtiger Schritt, den wir auf jeden Fall gehen wollen.“

„Bedeutet das auch, wir werden der Europäischen Kommission für Erziehung unterstehen?“, bei Zhaoming läuteten die Alarmglocken.

„Das könnte natürlich eine Folge sein. Wir sind derzeit in Verhandlung, wie das Modell genau aussehen soll. Es geht dabei auch um Zulassungsbedingungen und all diese Dinge. Wir haben als Urmodell natürlich ein Recht auf Mitsprache.“

Zhaoming reagierte gereizt. „Sie wissen schon, dass die Philosophieschule ihren Auftrag an jedem einzelnen Schüler persönlich versteht. Wir werden uns gegen jede Regelung der Schülerauswahl wehren. Es ist besonders wichtig, dass wir gerade diejenigen aussuchen können, die bereit sind, anders zu denken. Das sind oft Jugendliche, die in Schwierigkeiten stecken, weil sie mit dem System nicht klarkommen. Querdenker und Ausbrecher, junge Menschen, die nicht in die Funktionsausbildung passen und sich nicht in die Eliteakademien einfügen wollen. Die Ergebnisse der Funktionsschule etwa sind für uns nicht von Bedeutung, vielmehr vertrauen wir auf unser Netzwerk von Scouts, die unsere neuen Schüler aufspüren.“

Erschrocken wich der Regionalbeauftragte zurück. „Natürlich, Professor Chiang, wir werden das berücksichtigen. Wir sind ja auch von Ihrer Einrichtung überzeugt. Wir hielten es nur für klug, dafür zu sorgen, dass die Europäer unser Vertrauen in Ihre Schule übernehmen. Es werden daher in den kommenden Wochen einige europäische Vertreter Ihren Lehrveranstaltungen beiwohnen.“

„Heißt das, Sie wollen meine Lehre überwachen?“

„Ich würde lieber sagen, kennenlernen.“

Zhaoming wurde unwohl. Die Freiheit der Lehre war ihm, dem Gebrandmarkten, besonders wichtig. Nach der Aufspaltung Amerikas und der Gründung der Christlich fundamentalistischen zentralamerikanischen Staatengemeinschaft war er immer strenger überwacht und schließlich verstoßen worden. In der Philosophieschule war daher auch jede Art von Aufzeichnungen verboten. Das war nach den neuesten Datenschutzgesetzen zum Übergang des Eigentums von Gedanken und deren Auslegung in einer Kommunikation immerhin möglich.

„Kann ich mich dagegen wehren?“

„Das können Sie natürlich, aber ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee wäre. Manche Veränderungen kommen einfach, und wir müssen sehen, wie wir das Beste daraus machen.“

Damit hatte Doktor Homolka recht. Zhaoming wusste das. Aber das hieß, es wäre womöglich bald aus mit der Autonomie seiner Philosophieschule. Er würde zwar jede Menge Ruhm und Ehre einsammeln, müsste sich aber im Gegenzug vermehrt mit Menschen herumschlagen, deren Ziele und Charaktere ihm auf die Nerven gingen. Ehrgeizige Selbstdarsteller, die sich bevorzugt im Erfolg anderer sonnten und gleichzeitig mutige Taten blockierten. Er war sich nicht sicher, ob er das wollte, aber erst einmal hatte er keine andere Wahl.

Bedrohung – Biofarm am Wiener See

Im Verwaltungsbüro der Biofarm wurde es immer stickiger. Fliegen summten in der heißen Luft, die ein müder Ventilator mit trägem Flattern im Raum verteilte, ihre solarbetriebene Klimaanlage.

Kemal Deixner und Mirco Nemec waren dabei herauszufinden, was zu tun sei, um den Betrieb der Farm sicherzustellen. Nun, wo Jasiri angeblich plötzlich ausfiel. Sie waren deutlich im Verzug mit dem Nachschub, also den Setzlingen für die kommende Saison. Und da sie im Moment weder die Nachricht noch die offenen Fragen zur Zukunft der Farm verbreiten wollten, hielten sie Türen und Fenster geschlossen, was sonst nicht ihre Art war.

Mirco Nemec hatte bereits seine dünne Sportjacke ausgezogen, die er sonst immer trug, und saß im Unterhemd da. Mit seiner kompakten Statur und seinem runden, von wenigen blonden Haaren umkränzten Kopf wirkte er schmuddelig. Aber er war schnell, und misstrauisch. Das war in seinem Job hilfreich. Kemal Deixner war das Gegenteil von Nemec. Sein kleiner Kopf mit den dunklen Knopfaugen saß halslos auf einem mächtigen Oberkörper, von dem ebenso große Arme wie Beine abgingen. Sein schiefer Mund wirkte, als pule er ständig an einer Fischschuppe herum. Neben Nemec wirkte er gutmütig und träge, was aber täuschte. Kemal hatte sein eigenes Reich im Stadtbüro der Farm, das er genau überblickte.

Nemec saß über den Bestandstabellen und verglich diese mit dem Jahresplan, während Deixner ihre Liefervereinbarungen und die Eingangsplanungen mitgebracht hatte.

„Im Moment stehen wir noch gut da“, erklärte Nemec schließlich und streckte sich. „Die Lager sind immer noch voll und bis zum Sommerende erwarten wir gute Erträge. Allerdings müssten spätestens Ende August die Winterpflanzen in den Treibhäusern sein und im September die Vorbereitungen für das kommende Jahr starten.“

„Das passt zu meiner Berechnung“, bestätigte Kemal Deixner, während er sich mit seiner riesigen Hand am Kopf kratzte und seinen Zettel anstarrte. „Die Lieferungen an diplomatische Einrichtungen, Restaurants und Läden sind bis zum Spätherbst sicher, der Rest geht über den Hofladen. Das Programm mit den Anbaukästen können wir von mir aus gerne verschieben.“ Er legte den Zettel zur Seite. „Die sind mir sowieso unheimlich. Die ganzen jungen Frauen aus der Stadt. Sie belagern in letzter Zeit ständig mein Büro, wann sie endlich die Kästen für ihre Balkone bekommen. Die gehen mir auf die Nerven. Alles viel zu öffentlich. Ich habe Jasiri schon gewarnt, das mit dem Kleinbauernverband ist unkontrollierbar, aber er hat mich nur ausgelacht.“

„Dann könnten wir die Setzlinge für die Anbaukästen stattdessen für die Winterpflanzen nehmen?“ Nemec setzte an, das zu notieren.

„Theoretisch ja, aber zu riskant.“ In der Tat. Die Setzlinge für die Anbaukästen konnten sich fortpflanzen. In der Stadt war das kein Problem, aber hier oder in den Treibhäusern, umgeben von ESCO Land, könnte das gefährlich werden.

„Da hast Du recht.“ Nemec ließ den Stift wieder fallen. „Wenn uns da die Patentpolizei draufkommt, beschlagnahmen sie alles und verbieten den Betrieb, bis sie alle Felder überprüft haben. Und sie werden sich Zeit lassen.“ Ärgerlich schob er seine Zahlen zur Seite.

Kemal Deixner zuckte mit der Lippe, sein Fischschuppenzucken, das er immer machte, wenn er etwas nicht mochte. „Ich hab allerdings nie kapiert warum. Wir können den Genpflanzen doch eh nichts tun.“

„Warum, kann ich Dir sagen. Das ist das Qualitätsschutzgesetz.“ Nemec kippelte am Stuhl bis er fast umfiel, diese Frage hatte er schon hundertmal hin und hergewendet. „Da geht es um Sachen wie das genetische Tor. Die würden so lange suchen, bis sie einen Samen finden, der auf die Industrieäcker fliegen kann. Das sind ja hochempfindliche Anlagen, supersteril und mit einem Giftcocktail genau abgestimmt. Wenn da fremde Samen einfliegen, können die Unkraut erzeugen, dem das Gift nichts macht, und schon haben die auf ihren Feldern Pflanzen mit drin, die da nicht hingehören. Dann stimmen die Zertifikate nicht mehr und sie können das Zeug nicht mehr verkaufen. Und im für die schlimmsten Fall könnten wir wegen des Patentschutzgesetzes außerdem Anspruch auf einen Teil ihrer Ernte erheben, weil sie Sachen verkaufen, in denen das Erbgut unserer Pflanzen steckt.“

„Ist das denn wirklich so gefährlich für die?“

„In Wirklichkeit ist das Risiko nicht groß, aber die nutzen das aus. Um uns zu bekämpfen. In Echt sind wir für die nur deshalb eine Gefahr, weil immer mehr Menschen den Industriefraß nicht mehr essen wollen. Wir zeigen, dass es auch anders geht. Und wenn nun irgendwann die Klagen wegen Allergien und so losgehen, dann wird es möglicherweise richtig teuer für ESCO. Deshalb wollen sie uns eigentlich erledigen und hetzen uns, wann immer möglich, die Patentpolizei auf den Hals.“ Nemec hörte auf zu kippeln und ließ sich nach vorne fallen. Den Rest kannte Kemal. So lange ESCO nur vermuten konnte, was hier passierte, und sie ihnen keinen Grund gaben, sie wegen des Patentschutzgesetzes oder des Qualitätsschutzgesetzes anzuzeigen, waren denen die Hände gebunden. Das blöde war nur, dass die Importe aus Afrika ebenfalls unter das Patentschutzgesetz fielen. Deshalb mussten sie schmuggeln.

Er schaute konzentriert auf den Tisch und fing eine Fliege mit der bloßen Hand.

„Wusstest Du eigentlich, dass die Patentpolizei früher Zoll hieß und extra gegen Schmuggel unterhalten wurde? Erst mit den Freihandelsabkommen, als der Zoll abgeschafft wurde, haben die ihre ganze Organisation ausschließlich auf Patente konzentriert. Na ja, für die Industrie war das ein echtes Geschenk, die haben nun eine kostenlose Privatarmee, die fleißig nach Gründen für ihr Dasein sucht.“ Vorsichtig öffnete er die Faust und die Fliege flog, leicht benommen, davon.

„Ja, ich habe das auch gelesen“, knurrte Deixner. „Aber auch wenn die nicht mehr so auf Schmuggel achten, geht da unser Problem los. Jasiri hat das alles alleine gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie wir die nächste Lieferung organisieren können.“

„Wie, Du hast keine Ahnung, was heißt das?“