„Flaksoldaten“ - Wolfgang Heyll - E-Book

„Flaksoldaten“ E-Book

Wolfgang Heyll

0,0
8,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Erleben Sie die dramatischen und schmerzlichen Erinnerungen eines jungen Flakhelfers, der an den Fronten des Zweiten Weltkriegs kämpfte. Lesen Sie eine fesselnde Autobiografie, die Geschichte lebendig und greifbar macht. 200.000 Jugendliche teilten im Zweiten Weltkrieg das Schicksal als Flakhelfer … Adolf Hitlers Führerbefehl von 1942 brachte eine ganze Generation an die Front: Jungen, gerade erst der Schulbank entwachsen, wurden zu Luftwaffenhelfern und traten den Dienst in einer von Entbehrung und Gefahren gezeichneten Kriegsrealität an. Wolfgang Heyll, selbst Zeitzeuge und Flakhelfer, erzählt in seiner ergreifenden Autobiografie "Flaksoldaten" die bisher oft übersehene Geschichte dieser Jugendlichen – von der Ausbildung an den Fliegerabwehrwaffen bis hin zu den dramatischen Einsätzen an der West- und Ostfront. Im zermürbenden Kriegsalltag wird ihm langsam klar: Es gibt keine Hoffnung mehr! "Flaksoldaten" besticht durch die einzigartige Perspektive eines Zeitzeugen, der authentisch, präzise und eindringlich von seinen Erlebnissen berichtet. Wolfgang Heyll verbindet persönliche Erinnerungen mit historischer Genauigkeit und gewährt Einblicke in eine wenig beleuchtete Facette des Zweiten Weltkriegs. Mit seiner klaren und emotionalen Sprache nimmt er Sie mit auf eine Reise durch die bewegendsten Momente seines Lebens, die durch seltene Details und eine fundierte Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen ergänzt wird. Dieses Buch ist nicht nur eine Autobiografie – es ist ein wertvolles Zeitdokument für jeden, der sich für militärische und geschichtliche Zusammenhänge interessiert. Mit einer eindringlichen Sprache beschreibt Heyll die Hornungen, aber auch die Hilflosigkeit dieser Generation im Feuer der Luftschlachten. Sichern Sie sich Ihr Exemplar von "Flaksoldaten" noch heute und erleben Sie Geschichte durch die Augen eines jugendlichen Soldaten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wolfgang Heyll

„Flaksoldaten“

Jugendliche als Luftwaffenhelfer bei der Flak

im Westen und an der Ostfront

Helios

Verpassen Sie keine Neuerscheinung mehr!

Tragen Sie sich in den Newsletter von EK-2 Militär ein, um über aktuelle Angebote und Neuerscheinungen informiert zu werden und an exklusiven Leser-Aktionen teilzunehmen.

Als besonderes Dankeschön erhalten Sie kostenlos das E-Book »Die Weltenkrieg Saga« von Tom Zola. Enthalten sind alle drei Teile der Trilogie.

Klappentext: Der deutsche UN-Soldat Rick Marten kämpft in dieser rasant geschriebenen Fortsetzung zu H.G. Wells »Krieg der Welten« an vorderster Front gegen die Marsianer, als diese rund 120 Jahre nach ihrer gescheiterten Invasion erneut nach der Erde greifen.

Deutsche Panzertechnik trifft marsianischen Zorn in diesem fulminanten Action-Spektakel!

Band 1 der Trilogie wurde im Jahr 2017 von André Skora aus mehr als 200 Titeln für die Midlist des Skoutz Awards im Bereich Science-Fiction ausgewählt und schließlich von den Lesern unter die letzten 3 Bücher auf die Shortlist gewählt.

»Die Miliz-Szenen lassen einen den Wüstensand zwischen den Zähnen und die Sonne auf der Stirn spüren, wobei der Waffengeruch nicht zu kurz kommt.«

André Skora über Band 1 der Weltenkrieg Saga.

Link zum Newsletter:

https://ek2-publishing.aweb.page

Über unsere Homepage:

www.ek2-publishing.com

Klick auf Newsletter rechts oben

Via Google-Suche: EK-2 Verlag

Kinderlandverschickung

Anfang 1941 verstärkte sich in unserer Schule, dem Prinz-

Georg-Gymnasium in Düsseldorf, das Gerücht, daß demnächst

eine Kinderlandverschickung statfinden werde. Genaues

wußte aber noch niemand, bis die Klassen 3 und 4

(Quarta und Untertertia) eines Tages in der Aula versammelt

wurden. Studienrat vom Lehn, der Kunstunterricht gab, erzählte

uns, daß unsere Klassen im April an der Kinderlandverschickung

teilnehmen würden. Die Sache sei freiwillig. Er,

vom Lehn, werde der Lagerleiter sein. Außer ihm werde noch

Studienrat Berger, der Musiklehrer, mitfahren. Der Sohn des

Herrn Berger, der beim Jungvolk Jungzugführer war, solle

Lagermannschaftsführer werden. Wahrscheinlich werde das

Lager an einem noch nicht bekannten Ort der Slowakei stationiert.

Wer mitfahren wolle, müsse eine vom Vater oder der

Mutter unterschriebene Einverständniserklärung mitbringen.

Es begann nun unter uns Schülern und nicht minder unter den

Eltern eine anhaltende Debatte darüber, ob es zweckmäßig

sei, an der Kinderlandverschickung teilzunehmen. Dabei trat

der offizielle Grund für die Verschickung, nämlich die zunehmenden

alliierten Luftangriffe auf Westdeutsche Städte,

ziemlich in den Hintergrund. Die Luftangriffe waren damals,

Anfang 1941, noch nicht heftig und auch nicht häufig.

Die meisten Schüler waren sehr angetan von dem Gedanken,

durch die Verschickung auf längere Zeit der Schule zu entgehen.

Wir sollten zwar auch im Lager durch die mitfahrenden

Lehrer unterrichtet werden. Die Studienräte vom Lehn und

Berger waren jedoch sehr beliebt und Fachlehrer für Fächer,

die angenehm und nicht arbeitsintensiv waren.

Unsere Eltern urteilten nach anderen Kriterien. Für diejenigen,

die den Nazis ablehnend gegenüberstanden, war es eine

ausgemachte Sache, daß es sich nur um einen Trick der Nazis

handele, mit dem Ziel, die Jugend besser in den Griff zu bekommen.

In diesem Sinne argumentierte vor allem der Vater

meines Freundes Edgar Sauerborn. Er haßte die Nazis. Nach

dem Kriege war er führend in der Düsseldorfer FDP tätig und

langjährig Ratsherr der Stadt Düsseldorf. Edgar durfte selbstverständlich

nicht mitfahren. Er wollte auch mich in diesem

Sinne beeinflussen. Ich wäre auch nicht abgeneigt gewesen,

weil ich in Abwesenheit meines Stiefvaters zu Hause alle erdenklichen

Freiheiten genoß. Es kam dann so, daß, ehe ich mir

eine abschließende Meinung gebildet hatte, Vater Bödeker

Heimaturlaub bekam und erklärte, daß mir ein solcher Aufenthalt

in einem Lager unter Altersgenossen nicht schaden

könne. Damit war die Debatte in unserer Familie beendet.

Der Sonderzug, mit dem viele Düsseldorfer Kinder die Reise

nach Südosten antraten, verließ den Hauptbahnhof an einem

schönen Frühlingstag in der zweiten Aprilhälfte 1941. Wir

trugen alle unsere Jungvolkuniform. Jeder hatte einen Koffer

mit zivilen Kleidungsstücken und sonstigen notwendigen

Habseligkeiten und selbstverständlich die Schultasche, gefüllt

mit Büchern und Heften. Die Stimmung war großartig. Leider

aber gab es einen Wermutstropfen. Offenbar weil mehr

Schüler unserer Schule an der Verschickung teilnahmen als

zunächst angenommen wurde, kam in letzter Minute noch

die Anordnung, daß Studienrat Höfel, unser Englischlehrer, als

dritte Lehrkraft mitfahren sollte. Dies war aus naheliegenden

Gründen nicht in unserem Sinne.

Unsere Reise war langsam. Alle anderen Züge hatten Vorfahrt.

Erst gegen Abend waren wir in Dresden und am nächsten

Tage in Prag, wo es auf dem Bahnsteig ein sehr deftiges Essen

gab. Als wir die Slowakei erreichten, wurden hin und wieder

Waggons abgekuppelt, in denen sich Kinder befanden, die ihr

Ziel schon erreicht hatten. Zum Schluß blieben nur wir übrig.

Unser Ziel war Telgart in der Niederen Tatra. Die Strecke war

zuletzt kurvenreich und bergig. Die Bahnstation Telgart lag

abseits vom Dorf in einem langgestreckten Tal. Davon etwa

2 km entfernt am Hang lag das „Hotel“, in dem unser Lager

untergebracht werden sollte. Müde schleppten wir unsere

Klamotten dort hin. Beim näheren Zusehen ergab sich, daß

drei in einer Reihe stehende lang gestreckte Barackenbauten

unser Ziel waren. Diese Baracken waren zur Zeit des mehrere

Jahre zurückliegenden Baus der Bahnstrecke errichtet worden,

um die Bauarbeiter unterzubringen. Anschließend waren

sie dann von dem jetzigen „Hotelier“ Romany erworben

worden, der sie zu einem Wintersporthotel umfunktionierte.

Dies sollte nun für gut ein halbes Jahr unsere Unterkunft sein.

Bau 1, die größte der drei Baracken, war zweigeschossig. Zu

ebener Erde befanden sich die Küche, ein Eßsaal und mehrere

große Räume, die zum Schulunterricht geeignet waren.

lm ersten Stock waren Schlafräume, in denen unsere Klasse

unterkam. Wir hatten Glück, denn Bau -1 war mit Abstand am

komfortabelsten, wenn man einmal von Bau 2 absieht, der

praktisch nicht zu unserem Lager gehörte, weil er von dem

Hotelbesitzer Romany und seiner Frau bewohnt wurde. Die

eigentliche Zumutung war Bau 3. Wegen eines Fehlers der

Abwasserleitung war dieser Bau stets von einem penetranten

Gestank eingehüllt. Die Jungen der Klasse 4, die dort wohnten,

taten uns leid. Der Bau 3 stank nicht nur. Er war auch

schmutzig und ungepflegt. Allerdings war auch Bau 1 nicht in

einem guten Zustand. Immerhin aber roch es dort erheblich

angenehmer. Auch war die Möblierung ansprechender.

Einige Tage nach der Eingewöhnung ordnete die Lagerleitung

ein großes Revierreinigen an. Unsere drei Lehrer waren

offenbar der Meinung, daß es an der Zeit sei, deutsche Sauberkeit

und Ordnung in unser Lager einkehren zu lassen. Wir

widmeten uns dieser Aufgabe mit großer Hingabe. Das erste

Stockwerk im Bau 1 lag in der Dachschräge. Unterhalb der

Fenster unserer Schlafräume befand sich daher eine Dachrinne.

Sie war offenkundig seit der Errichtung des Bauwerks

noch nie gereinigt worden und daher in besonderem Maße

Gegenstand unserer Reinigungsbemühungen. Die Sache geriet

nun für unsere Lehrer zu einer etwas heiklen Lustbarkeit,

als nämlich entdeckt wurde, daß sich unterhalb von Dreck und

Laub in der Dachrinne hunderte alter Kondome befanden.

Die aus Prag angereisten Wintersportpärchen hatten diese

Utensilien fröhlich in die Dachrinne entsorgt, wie die Aufgeklärten

unter uns vermuteten. Alle Unwissenden, darunter

ich, wurden weitschweifig über Sinn und Zweck der Gummihülsen

unterrichtet. Zuvor aber hatten schon viele der eifrigen

Revierreiniger unwissend die Gummis zu schönen Ballons

aufgepustet, die sie ähnlich Martinslampen an Stöcken in

der Gegend herumtrugen. Die Lagerleitung bereitete diesem

Spuk durch die schnelle Anordnung, den Inhalt der Dachrinnen

möglichst umgehend in den Mülltonnen verschwinden

zu lassen, ein Ende.

Unser Lagerleben verlief recht gemütlich. Um 7.00 Uhr war

Wecken. Das Waschen machte wenig Umstände. Man mußte

froh sein, einen Platz an einem der wenigen Waschbecken

zu ergattern. Gefrühstückt wurde um 8.00 Uhr im großen

Speisesaal. Jeder hatte an den langen Holztischen einen festen

Platz, auf dem wir zwei mit Marmelade bestrichene

ovale Brotschnitten vorfanden. Gelegentlich gab es statt der

Marmelade auch Butter. Teller oder Brettchen waren nicht

üblich. An jedem Platz stand ein mit Tee oder einem sanft-

artigen Getränk gefüllter Becher.

Ich brauche nicht zu erklären, daß die meisten von uns, darunter

auch ich, von den zwei Brotscheiben nicht satt wurden.

Es gab aber keinen Nachschlag. Glücklich priesen sich diejenigen,

die auf ihrem Platz einen Knust vorfanden. Denn die

Brotenden waren durchweg sehr reichlich bemessen.

Nur in den ersten Wochen wurde im Bau 1 unterrichtet. Dies

erwies sich auf die Dauer als zu beengt. Herr vom Lehn veranlaßte

daher den Rektor der Dorfschule in Telgart, uns zwei

Klassenräume zur Verfügung zu stellen. Diese Schule war

brandneu. Dennoch herrschte in ihr ein durchdringender,

unangenehmer Geruch. Wir führten dies auf die Ausdünstungen

zurück, die die langen eng anliegenden Wollhosen

der Slowakenjungen verursachten. Die Klassenräume waren

mit einfachsten Holzbänken und Pulten ausgestattet. ln der

Ecke neben der Tür stand ein Spucknapf.

Die neue Schule paßte nicht im geringsten zu den übrigen

Häusern des Dorfes. Sie war aus Ziegelsteinen errichtet und

verputzt. Alle anderen Häuser, mit Ausnahme der Kirche,

waren aus groben Holzstämmen erbaut, die sich an den Ecken

überkreuzten. Der größere Teil jedes Hauses diente Wohnzwecken,

der andere war dem Vieh vorbehalten. An dem

Giebel der Hausfront war oben entweder ein Holzkreuz oder

ein durch Schnitzwerk verzierter Stab angebracht, letzteres

ein altes heidnisches Symbol.

Neben dem Dorf, das durchweg aus den beschriebenen sehr

rustikalen und althergebrachten Holzhäusern bestand, lag in

kurzer Entfernung ein zweites, kleineres Dorf, dessen Häuser

genau denen des Dorfes entsprachen, aber alle kleiner waren.

Es handelte sich um das Zigeunerdorf. Man lebte friedlich

nebeneinander. Die Zigeuner waren bei Festlichkeiten aller

Art als Musikanten unverzichtbar. Bei Umzügen trugen sie

ihre Streichinstrumente bis hin zum Baß vor sich her und

fiedelten unentwegt.

Eindrucksvoll war das sonntägliche Geschehen. Die orthodoxe

Kirche, in der Mitte des Dorfes gelegen, war stets so

gut besucht, daß nur ein Bruchteil der Gläubigen Platz in

der Kirche fand. Die anderen lagen in weitem Kreis um die

Kirche bäuchlings mit gefalteten Händen auf dem Erdboden.

So verharrten sie bis zum Ende des Gottesdienstes.

Da die meisten von uns unentwegt Kohldampf hatten, waren

die wichtigsten Ereignisse im Tagesablauf die Mahlzeiten.

Vom Frühstück war schon die Rede.

Mittags gab es sehr häufig süße Mehlspeisen, oft Dampfnudeln

und dergleichen. Dabei konnte es passieren, daß man

satt wurde, weil auch ein Nachschlag nicht ausgeschlossen

war. Abends gab es wieder Brotscheiben oder auch

undefinierbare, kümmelartig gewürzte Suppen. Insgesamt

war die Verpflegung, was Menge und Güte anlangt, wenig

erfreulich. lm Dorf lebte eine Frau, die deutsch sprach. Mit

ihr unterhielten wir uns gelegentlich auf dem Schulweg. Sie

erzählte uns, daß der Hotelier Romany – er lief ständig in

Rennfahrerkluft herum und fuhr ein altes Rennauto – und

seine kunstblonde, auffällig frisierte Frau im Dorf keinen

guten Ruf genossen. Unsere Informantin meinte, daß die

Romanys für unsere Beherbergung bestimmt ein sehr gutes

Entgelt erhielten. Durch unsere miese Beköstigung würden

sie sich einen ansehnlichen Gewinn verschaffen.

Um zusätzlich etwas Eßbares zu ergattern, schwärmten wir

während unserer freien Stunden, die meist nachmittags waren,

in die das Lager umgebenden Wälder aus, um Beeren

aller Art zu suchen. Am ergiebigsten war die Suche von Waldbeeren.

Wir fanden so große und so viele, daß wir sie nicht

alle essen konnten. So kam der Gedanke auf, Waldbeeren

durch Kochen haltbar zu machen und einen Vorrat anzulegen.

Dazu benötigten wir Zucker. Zur Beschaffung des Zuckers

erdachten wir ein sinnreiches System. Wir veranlaßten unsere

Angehörigen in Deutschland, jedem an uns gerichteten

Brief einen internationalen Antwortschein beizufügen. Die

Antwortscheine konnten wir bei der im Dorf gelegenen Post

in Briefmarken umtauschen. Mit den Briefmarken gingen wir

dann in den einzigen Lebensmittelladen des Ortes. Dort wurden

uns die Briefmarken freundlicherweise in slowakisches

Geld umgewechselt, für das wir sofort Zucker kaufen. Mit

seiner Hilfe bereiteten wir auf einem der in unseren Zimmern

stehenden Kanonenöfen einen köstlich schmeckenden

Waldbeerbrei, von dem wir abends aßen, wenn wir nicht satt

geworden waren.

Unsere Lehrer waren sehr wanderfreudig. Aus den an der

Vorderfront gelegenen Fenstern unseres Lagers sahen wir

ständig auf einen 1700 m hohen Berg namens Trestnik. Diesen

Berg bezwangen wir in einer schweißtreibenden Nachmittagswanderung.

Dabei machten wir erstmals Bekanntschaft

mit den in großer Zahl vorhandenen Schlangen, insbesondere

Kreuzottern. Vor dieser Gefahr waren unsere Lehrer von den

Dorfgendarmen ausdrücklich gewarnt worden. Es bestand

Weisung, daß, sollte jemand gebissen werden, sofort die Gendarmeriesta

tion aufgesucht werden mußte, wo Gegengifte

zur Verfügung standen. So weit wollten wir es lieber nicht

kommen lassen. Jeder bewaffnete sich daher mit einem Knüppel.

Tatsächlich wurden auf dem Wege zum Trestnik mehrere

Kreuzottern, die in unangenehme Nähe kamen, erschlagen.

Unter dem Körper einer der toten Schlagen entdeckten wir

eine nur wenige Zentimeter lange junge Schlange.

Der Blick vom Trestnikgipfel war großartig. ln der Ferne sahen

wir die fast 1000 m höheren Berge der Hohen Tatra. Auf der

anderen Seite des Lagers sahen wir den rund 2000 m hohen

Kravola Holla (Königstisch), dem der Kravola Skala (Königsfels)

vorgelagert war. Das sollten unsere nächsten Ziele sein. Dafür

wurde eine Tageswanderung angesetzt, wobei die Teilnahme

freiwillig war. Ich ging gerne mit, weil ich mir dieses Unternehmen

sehr spannend vorstellte.

Frühmorgens gingen wir los. Unsere Lehrer hatten im Dorf

erkundet, daß es einen regelrechten Weg oder gar einen

bezeichneten Wanderweg auf den Kravola Holla nicht gab.

Die Dorfbewohner interessierte dieser weit und breit höchste

Berg nicht. Unser Vorhaben löste nur Kopfschütteln aus.

Zunächst konnten wir noch Wege benutzen, die zu dem Berg

vorgelagerten Wiesen und zu Wäldern führten, die der Beeren

wegen aufgesucht wurden. Dann ging es stundenlang

wegelos weiter, immer bergauf. Gegen Mittag erreichten wir

den Gipfel des felsigen Kravola Skala, den wir von der

santieren rückwärtigen Seite aus gut ersteigen konnten. Nun

sahen wir aus nächster Nähe die mächtige Kuppe des Kravola

Holla. Um auch sie zu erwandern, brachen wir bald wieder

auf. Wir profitierten nun davon, daß mit zunehmender Höhe

der Bewuchs spärlicher wurde und wir daher besser vorankamen.

Schweißtreibend aber war es allemal. Der Sommer war

warm und trocken. Auf dem Gipfel stand eine von Soldaten

errichtete Steinsäule, deren Zweck es war, die 2000 m-Marke

zu erreichen. Die Aussicht, besonders in Richtung Hohe Tatra,

war sehr eindrucksvoll.

Weil es so schön war, sind wir einige Wochen später noch

einmal auf den Kravola Holla gestiegen. Dabei nutzten wir

unsere beim ersten Aufstieg gewonnene Geländekenntnis

und verzichteten auf die Besteigung des Kravola Skala. Die

Dauer der Wanderung wurde dadurch erheblich verkürzt.

Eine weitere Wanderung, die ebenfalls einen ganzen Tag

dauerte, unternahmen wir nach Dobschau (Dobsina), einem

kleinen und zum großen Teil von Deutschen bewohnten Städtchen.

Wir wurden hier von den ortsansässigen deutschen

Familien sehr freudig begrüßt und eingeladen, übers Wochenende‚

zu bleiben. Als „Kinder aus dem Reich“ waren wir eine

regelrechte Attraktion. Zusammen mit einem Klassenkameraden

wohnte ich bei einem Ehepaar mittleren Alters, das uns

sein Schlafzimmer zur Verfügung stellte. Unsere Gastgeberin

sprach viel von ihrem einzigen Sohn Janschi, den die Waffen-

SS rekrutiert hatte, ein Schicksal, das er mit allen jungen deutschen

Männern des Ortes teilte. Ob er je wieder nach Hause

gekommen ist? Was mag überhaupt aus den Deutschen in

Dobschau nach dem Kriege geworden sein? Als wir dort waren,

lebten sie jedenfalls mit ihren slowakischen Nachbarn in

gutem Einvernehmen. Sie sprachen fließend slowakisch und

außerdem ein etwas altertümliches rauh klingendes Deutsch,

ähnlich dem der in den letzten Jahren zu uns gekommenen

älteren Spätaussiedler aus Rußland.

Wir wurden reichlich mit Essen verwöhnt. Immer wieder

wurden wir aufgefordert, von dem Leben in Düsseldorf und

überhaupt im Reich zu erzählen. Sonntags wurden wir mitgenommen

in die evangelische Dorfkirche. Es gab eine Predigt

in einwandfreiem Deutsch und deutsche Lieder. Die Frauen

trugen alte Trachten und die Männer Sonntagsanzüge. Die

slowakischen Bewohner des Städtchens waren ähnlich gekleidet.

Auf dem Wege zur Kirche und zurück wurden wir

jedem, der uns begegnete, in slowakischer oder deutscher

Sprache stolz als Kinder aus Deutschland vorgestellt. Alle

waren sehr nett zu uns. Um uns etwas besonderes zu bieten,

wurden wir am Sonntagnachmittag ins Dorfkino geführt. Es

gab einen Film, bei dem es um die Eroberung des Alkazar in

Toledo durch Frankotruppen im spanischen Bürgerkrieg ging.

Die Sprache war slowakisch mit deutschen Untertiteln.

Als wir am Montag Abschied nahmen, gab es sogar Tränen.

So sehr hatten uns die lieben Leute in ihr Herz geschlossen.

Während der ersten Monate war unser Lagerleben keineswegs

von irgendeinem Bemühen, uns weltanschaulich oder

politisch zu beeinflussen, geprägt. Unsere Lehrer verhielten

sich eher gut bürgerlich. Die Befürchtungen von Vater Sauerborn

erwiesen sich zunächst als unbegründet.

Als der Lagerleiter, Studienrat vom Lehn, seinen 50sten Geburtstag

feierte, übte Studienrat Berger mit uns das Lied

„Großer Gott wir loben Dich“ und noch weitere feierliche

aber gänzlich unpolitische Lieder ein, die wir dann morgens

vor dem Lager angetreten, zu vom Lehns sichtlicher Freude

sangen. Der gut eingeübte Gesang so vieler Jungen war recht

eindrucksvoll. Zur Feier des Tages gab es auch etwas besseres

Essen. Die Schule fiel erfreulicherweise aus.

lm Juni wurden wir unverhofft durch fernen Kanonendonner

aufgeschreckt. Der größte Feldherr aller Zeiten hatte seinen

Rußlandfeldzug begonnen. Wir waren nicht ohne Sorgen. Die

Karpartenukraine – damals zur Tschechoslowakei gehörend

– war nicht weit entfernt. Nach ein paar Tagen war jedoch

nichts mehr zu hören.

Wenig später kündigte sich prominenter Besuch an. Der

Reichsjugendführer Axmann ließ die Lagerleitung wissen,

daß er zu uns nach Telgart kommen werde. Nun wurde festgestellt,

daß wir dringend ein Lagerlied benötigten, mit dem

der hohe Gast begrüßt werden konnte. Mein Klassenkamerad

Meyer unternahm es, an einem geeigneten Text herumzubasteln.

Da ich neben ihm schlief, gab ich auch meinen Senf

dazu. Was herauskam, war sehr zeittypisch. Das gilt insbesondere

für den nach jeder Liedstrophe gesungenen Refrain:

„Und jeder soll es sehen, was wir für Kerle können sein!

Denn wir sind Deutsche Jungen vom schönen Niederrhein.“

Auch den Text der ersten Strophe bekomme ich noch zusammen:

„Zu Telgart in den Bergen da stehet unser Lager stolz. Den

Wäldern hier zu ehren, erbaut aus Tannenholz.“

Unser bester Klavierspieler, Walter Schell, komponierte eine

ganz nette Melodie/und nun wurde unter der Leitung des

Musiklehrers Berger das Ganze gehörig eingeübt. Als der hohe

Besucher erschien, wurde er mit dem schmetternden Gesang

des Lagerliedes empfangen. Das erfreute ihn ersichtlich, Axmann

erwies sich als recht ruhiger Mann, der seinen Besuch

als Pflichtübung abdiente. Wegen einer kürzlich erlittenen

schweren Verwundung war er einarmig.

Zu unserer Verblüffung gab es, als wir alle im Speisesaal versammelt

waren, um einer kurzen Ansprache des Jugendführers

zuzuhören, Kaffee mit Sahnehörnchen. Axmann sollte offenbar

den Eindruck gewinnen, wir lebten im Schlaraffenland.

Nach gut zwei Stunden fuhr er zum nächsten Lager weiter.

Wie schon erwähnt, war die Unterbringung derjenigen, die in

Bau 3 wohnten, sehr mies. Um der Gerechtigkeit willen ordnete

Ende Juli die Lagerleitung an, daß diejenigen, die bisher

im Bau 1 untergekommen waren, mit den Bewohnern des

Baues 3 tauschen sollten. Ich war ziemlich entsetzt. Um mich

über meine künftige Behausung zu informieren, besichtigte

ich Bau 3 eingehend. Dabei stellte ich fest, daß neben einer

ganzen Anzahl großer Räume an der Rückseite des Baues,

nicht weit vom Eingang, ein kleines Dreimannzimmer lag, das

vergleichsweise gemütlich erschien. Es galt also zu erreichen,

daß man in dieses Zimmer einziehen konnte. Ich sprach daher

darüber mit meinen Klassenkameraden Mick und Olivier, mit

denen ich gut auskam. Beide besichtigten mit mir noch einmal

den Bau 3 und stimmten dann meiner Meinung zu. Ich setzte

dann ein an die Lagerleitung gerichtetes Schreiben auf, mit

dem wir baten, zu dritt untergebracht zu werden, wofür nur

das von uns ins Auge gefaßte Dreibettzimmer infrage kam.

Die Sache klappte. So zogen denn Mick, Olivier und ich in

das Dreibettzimmer um. Wir waren nun wenigstens nicht in

einem der großen und sehr unschönen anderen Räume untergebracht.

Der merkwürdige Geruch, der den ganzen Bau

3 umgab, herrschte allerdings auch in unserer Klause. Wir

hielten soviel wie möglich das Fenster geöffnet.

Als wir eines Tages im August auf der Wiese vor dem Lager

zusammen saßen, bemerkten wir zwei ungleich große Gestalten,

die im Tal zunächst an der Bahnlinie entlang gingen und

dann den Weg zu unserem Lager einschlugen. Als die beiden

näher kamen, sahen wir, daß sie HJ-Uniformen und voll bepackte

Tornister trugen. Sie kamen auf uns zu und stellten

sich als Bums und Kalle vor. Der größere, Kalle, erklärte, er

sei unser künftiger Lagermannschaftsführer und Bums sein

Stellvertreter. Es handelte sich, wie wir sofort annahmen, um

Adolf Hitler-Schüler.

Unser bisheriger Lagermannschaftsführer, der Sohn des

Studienrates Berger, war nach außen kaum in Erscheinung

getreten. Praktisch war unser Tun und Lassen von den drei

Studienräten der Lagerleitung bestimmt worden. Dies sollte

sich nun ändern. Der Sohn Berger reiste nach Düsseldorf zurück.

Unsere außerhalb des Schulunterrichtes verbleibende

Zeit wurde nun von Bums und Kalle mit Beschlag belegt. Bisher

waren wir ungeordnet und in unseren Zivilklamotten

zur Schule in Telgart und zurück gegangen. Nun mußten wir

in Uniform singend hin und zurück marschieren. Die Zeit für

Geschäfte mit internationalen Antwortscheinen im Dorfladen

wurde knapp. Nachmittags gab es durchweg von Bums und

Kalle organisierte Dienste, die vor allem unserer sportlichen

Ertüchtigung dienten. Außerdem wurden Jungvolklieder geübt

und Unterricht über den Werdegang des Führers und

ähnliche Themen erteilt.

Bums und Kalle trugen stets sehr knappe kurze Hosen, was

bei Kalle dazu führte, daß des öfteren, wenn er sich etwa vor

uns auf einem Baumstamm in Positur setzte, ein „Ei“ zum

Vorschein kam. Dies fanden wir ungemein lustig. Das „Ei“

nahm, sehr im Gegensatz zu dem jeweiligen Unterrichtsstoff,

unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Kalle und Bums

ließen es sich in besonderem Maße angelegen sein, uns darüber

zu belehren, daß deutsche Jungen mutig und furchtlos

zu sein hätten.

Eines Tages, nach Abschluß des Dienstes und vor dem Abendessen,

begannen mutige Springer, von einer kleinen Plattform,

die sich am Ende einer zum Dachboden führenden Außentreppe

am Giebel des Baues 2 befand, auf den Erdboden

herunter zu springen. Ich schätze, daß die Sprunghöhe bei

3 bis 4 m lag. Da nichts mehr Nachahmer findet, als blühender

Unsinn, bildete sich vor der Treppe eine regelrechte

Schlange, in die sich alle – mit Ausnahme einer Anzahl Unbemerkter

– einordneten. Diejenigen, die schon gesprungen

waren, versammelten sich zwischen Bau 2 und Bau 3, wo man

das Springgeschehen besonders gut beobachten konnte. Die

meisten Springer überstanden den Sturz von der Plattform

unlädiert. Das gilt vor allem für die Schlauberger, die sich mit

den Händen an die Plattform hängten und dann nach unten

fallen ließen, was die Sprunghöhe ganz erheblich reduzierte.

Eine ganze Reihe von Springern aber humpelte mit trauriger

Miene von dannen. Vor allem die Sprunggelenke der Füße

machten Ärger. Als die allgemeine Aufmerksamkeit wieder

einmal jemandem galt, der unsanft gelandet war, benutzte

ich mit anderen die Gelegenheit, mich dem Haufen derer

zuzugesellen, die den Sprung schon hinter sich hatten. Einige,

die sich nach dem Sprung besonders schlecht fühlten,

suchten unsere Krankenschwester Margret auf. Dies hatte

dann zur Folge, daß der ganze Spuk von der Lagerleitung so

fort und nachdrücklich verboten wurde. Bums und Kalle, die

intellektuellen Urheber, hatten sich an Ort und Stelle nicht

blicken lassen.

Ein sehr unerfreulicher Zwischenfall ereignete sich während

einer von Kalle und Bums im Eßsaal veranstalteten Unterrichtsstunde.

Bei solchen Gelegenheiten wurde u.a. auch

die „Judenfrage“ abgehandelt. Ich nehme einmal zugunsten

von Bums und Kalle an, daß sie der Annahme waren, unter

uns befinde sich kein Jude. Jedenfalls wurde die Frage gestellt,

ob ein Jude anwesend sei. Darauf erhob sich zu unser

aller großen Überraschung mein Klassenkamerad Kallmann,

ein schmäch􀀪ger und unauffälliger Junge und erklärte, ein

Halbjude zu sein. Das traurige Gesicht, das er dabei machte,

brachte uns alle in große Verlegenheit, einschließlich Kalle

und Bums, die nun offenbar nicht wußten, wie sie sich verhalten

sollten. Schließlich wurde Kallmann bedeutet, daß er

sich wieder setzen solle. Der Unterricht ging dann weiter, als

sei nichts geschehen.

Wir waren alle sehr erleichtert, daß dieser Vorfall keinerlei

Folgen nach sich zog, wenn man einmal davon absieht,

daß Kallmann seine bisherige Unbefangenheit verlor und

ersichtlich verschüchtert war, was aber alle durch besonders

freundliches Benehmen zu überbrücken bemüht waren. Ich

fand es sehr beherzt, daß Kallmann sich überhaupt meldete.

Da niemand etwas davon wußte, hätte er ohne weiteres seine

Herkunft verschweigen können. Was in späteren Jahren aus

ihm geworden ist, weiß ich nicht. Im Düsseldorfer Telefonbuch

gibt es den Namen Kallmann noch.

Unsere Kontakte mit der slowakischen Bevölkerung Telgarts

waren gering. Aus den Gesprächen bei der Post und im Lebensmittelladen

wußten wir, daß die Slowaken froh waren,

durch die Deutschen von der ihnen verhaßten Vorherrschaft

der Tschechen befreit worden zu sein. Das bestätigten uns

auch die Deutschen bei unserem Besuch in Dobschau. Wie

das Auseinanderfallen der Tschechoslowakei nach dem Zusammenbruch

des Kommunismus zeigt, hat sich die Einstellung

der Slowaken über die inzwischen vergangenen Jahrzehnte

hinweg nicht geändert.

Während der Heuernte schwärmten wir aus und halfen den

Bauern. Die Slowaken ließen uns gerne gewähren und bedankten

sich regelmäßig mit den Worten „Jakujem Pegnem“,

auf deutsch „Vielen Dank“. Auch bei der Landarbeit trugen

alle Slowaken ausschließlich ihre Trachten. Die Mädchen und

Frauen hatten weite und bis über die Knie reichende Röcke

und meist weiße Blusen. Soweit wir das feststellen konnten,

wurde von den Frauen jedenfalls im Sommer keine Unterwäsche

getragen. Das versetzte sie in die Lage, bei Bedarf

neben dem Feldrand niederzuhocken und den Dingen ihren

Lauf zu lassen.

Eine ganze Reihe meiner Kameraden feierte gerne freitags

krank. An diesem Tage kamen Mädchen aus dem Dorf, um

unsere Zimmer zu putzen. Die „Kranken“ lagen dann in der

unteren Etage unserer Stockwerksbetten und konnten, wenn

sich die Putzmädchen bückten, von hinten Einblick in die

weibliche Anatomie nehmen, wovon sie uns dann nach ihrer

„Genesung“ vorschwärmten.

Die slowakischen Männer und Jungen trugen sämtlich die

schon erwähnten eng anliegenden weißen Hosen aus gewalkter

Wolle. Sie waren außerdem mit einem weißen Leinenhemd

und einer Schafsfellweste bekleidet, die bei warmen

Wetter zusammengeklappt nur auf einer Seite des Oberkörpers

getragen wurde. Viele hatten einen flachen schwarzen

Hut mit umlaufendem geschwungenen Rand. Die Hose wurde

stets durch einen breiten Lederriemen gehalten. Dieser Rie-

men verlief hinten zweigeteilt und zwar so, daß oben der auch

bei uns übliche Hü􀁆gürtel war, während ein weiterer Riemen

lose nach unten hängend das Gesäß umspannte. Über den

Zweck dieses Riemens, den wir Fottriemen nannten, konnten

wir nie etwas erfahren. Interessant war das kleine ‚bunte

Schleifchen, das alle Burschen seitlich am Hü􀁆gürtel trugen.

An der Farbe dieses Schleifchens konnte man erkennen, ob

der Träger eine feste Freundin oder gar Braut hatte oder ob

er auf der Suche nach einem Mädchen war. Übrigens trugen

entsprechende Schleifchen auch die jungen Frauen seitlich

im Rockbund. Wir waren einheitlich der Meinung, daß man

entsprechendes auch in Deutschland einführen sollte.

Auf Anregung der Lagerleitung veranstalteten wir eine Art

Theaterabend. Dabei wurde u.a. ein Kriminalstück mit dem

Titel „Die letzte Frist“ angekündigt. Der Witz dieses Stückes

bestand darin, daß hintereinander eine Menge einzelner Personen

über die Bühne ging und zum Schluß eine als Frau verkleidete

Person, die an einem großen Stück Brot fraß. Wegen

des großen Brotstücks war ich sehr daran interessiert, mit

dieser Rolle betraut zu werden. Tatsächlich erhielt ich auch

den Zuschlag. Ich besorgte mir von einem Küchenmädchen

Rock und Bluse und vor allem ein großes Stück Brot. Mein

Au􀁆ritt und insbesondere mein hingebungsvolles Fressen

wurde vom Publikum mit rauschendem Beifall belohnt.

So gingen unsere Tage dahin, bis es dann im September ungemütlich

kalt wurde. Darauf war unser „Hotel“ nicht eingerichtet.

Es verbreitete sich nun schnell die Nachricht, daß

der Lagerleiter vom Lehn bemüht war, die Auflösung unseres

Lagers zu erreichen, bevor der Winter einbrach. Offenbar

hatte man höheren Orts ein Einsehen. Jedenfalls konnten

wir Anfang Oktober, als schon erste Fröste für Erkältungen

gesorgt hatten, zu unserer großen Freude die Heimreise antreten.

Am Nordausgang des Düsseldorfer Hauptbahnhofes

wurden wir von einer großen Menschenmenge empfangen.

Die Heimat hatte uns wieder. Mir war das sehr recht.

Die Anfänge des Luftkrieges

Da Vater Bödeker in Frankreich Dienst tat, hatte ich nach

meiner Rückkehr ein recht gemütliches und freies Leben.

ln der Schule konnte ich an meine früheren Erfolge anknüpfen,

obwohl wir in Telgart kaum etwas gelernt hatten. Es bestä

tigte sich die Erfahrung, daß, wenn man sich in der Schule

erst eine einigermaßen gute Position erarbeitet hat, man sich

darauf lange ausruhen kann.

Nachmittags beschäftigte ich mich meistens mit Lesen. Sämtliche

Karl-May-Bände sowie die Zukunftsromane von Dominik,

die ich mir in der nahen Mietbücherei in der Herder Straße

auslieh, waren in wenigen Monaten ausgelesen. Um den

Lesegenuß zu steigern, entwickelte ich die Gewohnheit, mir

bei meiner Mutter die rosa Lebensmittelkarte zu erbetteln.

Das setzte mich in die Lage, bei der Bäckerei Cölven auf der

Rethelstraße ein riesiges Stück Streuselkuchen zu kaufen. Mit

dieser Verpflegung und meinem Buch setzte ich mich dann

oben auf unseren Küchenschrank, wo ich der übrigen Welt

entrückt war. Ich setzte nun freiwillig fort, was mein Onkel

Karl mir schon vor langen Jahren beigebracht hatte. Es ergab

sich, daß ich auch an manchen Mittwoch- und Samstagnachmittagen

auf dem Küchenschrank meinem Lesevergnügen

nachging, also den Jungvolkdienst schwänzte. Da mein Jungenscha

ftsführer Winkhaus darüber wohlwollend hinweg

sah, gönnte ich mir das Lesen zunehmend häufig. Ich konnte

es mir – natürlich schon um Winkhaus nicht zu verärgern –

nicht leisten, ständig und vor allem bei wichtigen Diensten

dem Jungvolk fern zu bleiben. So nahm ich am gemeinsamen

Altmaterialsammeln, das als kriegswichtig angesehen wurde,

regelmäßig teil.

Unsere Sammelerfolge waren beträchtlich. Wir benötigten

Karren und Bollerwagen, um alles gesammelte Zeug zu transpor

tieren. Möglicherweise waren unsere Erfolge mit darauf

zurückzuführen, daß in der Zoogegend in einigen Straßen

recht wohlhabende Leute lebten, die schon damals überdurchschnittlich

viel wiederverwendbaren Müll produzierten.

Bei einer dieser Altmaterialsammlungen geschah etwa Ungeheuerliches.

Vor jeder Haustüre standen damals mit Deckeln

versehene Kochtöpfe, in die den Bewohnern vom Milchmann

die ihnen zustehende Magermilchration eingefüllt wurde.

Einer von uns kam nun auf die teuflische Idee, in einen der

Milchtöpfe hineinzupinkeln. Ich weiß nicht mehr, wer von

uns diese Schweinerei ersann, bin aber ziemlich sicher, daß

ich es nicht war. Das Für und Wider des Pinkelns wurde kurz

erörtert. Es siegte aber sehr schnell die Faszination des Bösen,

zumal wir die Sache als sehr lustig empfanden. Es pinkelte

also einer und verschloß den Topf wieder mit dem Deckel.

Alsdann wurde mit großem Gekicher das Altmaterialsammeln

fortgesetzt, wobei wir uns ausmalten, welche Folgen die Sache

haben konnte. Absolutes Dichthalten wurde beschworen.

Es kam ärger als wir dachten. Natürlich fiel der Verdacht

der Täterschaft sofort auf uns. Es war auch nicht schwer,

herauszufinden, welcher Jungzug in der Gegend des Pinkeltopfes

gesammelt hatte. Die betroffene Hausfrau, bei der

es sich nach dem Zuschnitt des Hauses um eine Dame von

Einfluß gehandelt haben mußte, war außer sich und drama

tisierte den Vorfall in jeder denkbaren Beziehung. Unser

Fähnleinführer und auch unser ansonsten sehr ruhiger Jungzugführer

waren zu härtester Bestrafung entschlossen, zumal

diese Angelegenheit auch höheren Orts hohe Wellen schlug.

Beim nächsten Dienst wurden alle von uns, die als Täter in

Betracht kommen konnten, einzeln in hochnotpeinlicher Art

verhört. Es kam aber trotz allen Drohens und Schimpfens

nichts dabei heraus. Auch spätere Versuche, Licht in die Sache

zu bringen, verliefen ergebnislos. Wir spielten perfekt die Unschuldigen.

Dabei nahm die Debatte über dieses unglaubliche

Vorkommnis immer grundsätzlichen Charakter an. Was ein

Deutscher Junge tun darf und was nicht, stand im Mittelpunkt

der Diskussion. Nach unserer Meinung kam der humoristische

Aspekt völlig zu kurz. Schließlich wurde die Angelegenheit

dadurch etwas entschärft, daß irgendein besonders Kluger

auf den Gedanken kam, ein unbekannter Zeitgenosse, der das

Ansehen des Jungvolkes absichtlich habe herabsetzen wollen,

sei der tückische Täter. Das konnte letztlich nicht ausgeschlossen

werden. So verlief nach wochenlanger Aufregung die

Sache schließlich im Sande. Wir waren zu keiner Zeit in großer

Sorge. Denn die Möglichkeiten, uns wirklich empfindlich zu

bestrafen, wären gering gewesen. Einen etwa beteiligten Jungenscha

ftsführer hätte man degradieren können. Im übrigen

hätte man uns oder jedenfalls den Täter aus dem Jungvolk

herausschmeißen können. Dies würde aber kaum jemandem

das Herz gebrochen haben. Wir sahen, wie insgesamt auch

das ganze Vorkommnis zeigt, diese Dinge lockerer als dies

damals der allgemeinen Meinung entsprach.

Schon 1939, als meine Mutter, Ursel und ich noch in Köln-

Mülheim wohnten, hatte Vater Bödeker die wie sich später

herausstellte sehr segensreiche Idee, in dem im Oberbergischen

gelegenen kleinen Dörfchen Berg eine kleine Wohnung

zu mieten. Auf diesen Gedanken kam er aufgrund einer Anzeige

in der Kölnischen Zeitung, mit der diese Wohnung für

eine Miete von 20,00 RM im Monat angeboten wurde. Das

war auch für damalige Verhältnisse außerordentlich günstig.

Nachdem eine Besichtigung des Mietobjektes ergab, daß die

Wohnung in einem alten Fachwerkhaus, in herrlicher Umgebung

im Wiehltal lag, war der Entschluß, dieses Domizil als

Ferienwohnung zu mieten, schnell gefaßt. Für mich war es

eine große Attraktion. Ich lernte nun das Leben auf dem Lande

kennen und lieben. Berg bestand nur aus sieben Häusern und

einer kleinen Zwergschule. Es gab drei größere Bauernhöfe.

Jeder aber hatte einen großen Garten und mindestens eine

Kuh für den eigenen Bedarf. Unsere Vermieterin, Frau Köster,

hatte eine Schwester, deren Mann einen der größeren Höfe

besaß. Die beiden Töchter dieses Bauern waren zwar einige

Jahre älter als ich, freundeten sich mit mir aber schnell an. Sie

zeigten mir alles, was man auf einem Bauernhof wissen muß.

Ich half im Heu, bei der Getreideernte, der Kartoffelernte usw.

Alle Kühe kannte ich einzeln. Ich holte sie zum Melken von

der Weide und trieb sie anschließend wieder zurück. Alles

in allem war ich begeistert vom Landleben und sorgte dafür,

daß ich so oft wie nur irgend möglich in Berg sein konnte.

Daran änderte sich auch nichts nach unserem Umzug nach

Düsseldorf. Die Bahnfahrt war nun etwas länger und komplizierter.

Aber das schreckte mich nicht.

Zu den Tieren, die ich besonders liebte, gehörten die Kaninchen,

die Esther und Erika besaßen. Mein Sinnen und Trachten

war nun darauf gerichtet, selbst zwei kleine Kaninchen halten

zu dürfen. Meine Mutter argumentierte damit, daß ich schon

im Hinblick auf mein Aquarium genug mit Tieren zu tun habe

und außerdem in der Großstadt für die Kaninchenhaltung

die Voraussetzungen fehlen würden. Dies aber konnte mich

nicht überzeugen. Um zu zeigen, daß ich sehr wohl in der

Lage war, in unserer Wohnung in Düsseldorf zwei Kaninchen

zu beherbergen, baute ich aus Holz, das ich mir teilweise aus

Berg mitbrachte, auf unserem hinteren Balkon einen kleinen

Kaninchenstall mit zwei Abteilungen. Außerdem fertigte ich

einen kleinen Transportkasten, der es mir ermöglichte, bei

der Bahnfahrt von Berg nach Düsseldorf die Kaninchen mitzunehmen.

Schließlich war der Widerstand meiner Mutter

gebrochen. Erika schenkte mir zwei der Muttermilch soeben

entwöhnte kleine Kaninchen verschiedenen Geschlechtes.

Ein braunes Hasenkaninchen, das ich, da männlich, Bockel

nannte. Das andere, weiß-braun gescheckt, erhielt den Namen

Muckel. Beide transportierte ich in dem dafür gefertigten

kleinen Kasten als Bahnreisender nach Düsseldorf. Sie gewöhnten

sich gut an ihren Stall auf dem Balkon. Fast jeden Tag

fuhr ich mit Vater Bödekers altem Rad zur Graf Recke Straße,

wo auf den vielen noch unbebauten Grundstücken reichlich

Grünzeug wuchs. Das fraßen meine beiden Kaninchen gierig,

obwohl es nicht annähernd die Qualität des saftigen Grases

hatte, das sie in Berg gewohnt waren.

Von langer Dauer war meine fröhliche Kaninchenhaltung auf

dem Balkon in Düsseldorf nicht. Die alliierten Luftangriffe

nahmen seit Beginn des ‚Jahres 1942 ständig an Dauer und

Heftigkeit zu. In unserem Hause Brehmstraße 18 wurden

drei Kellerräume für Luftschutzzwecke hergerichtet. In einem

Raum waren doppelstöckige Betten. Die beiden anderen

waren mit Stühlen ausgestattet. Als sicherster Aufenthalt

galt der unmittelbar am Giebel des Hauses Nr. 19 gelegene

Raum. Dort befand sich auch der nur mit einer halbsteinstarken

Mauer verschlossene Durchbruch zum Nachbarhaus,

der amtlich vorgeschrieben war, um die Flucht aus einem

verschütteten Kellerraum zu erleichtern.

Ursel und ich schliefen manche Nacht in den Luftschutzraumbetten.

Andere Kinder gab es in unserem Haus, in dem sich

5 Mietwohnungen befanden, nicht. Es war eine Woche vor

Pfingsten im Jahre 1942. In dieser Nacht wurden die Düsseldorfer

schon zum dritten Mal von dem schauerlichen Geheul

der Luftschutzsirenen aufgeschreckt. Für mich war die

Versuchung, im Bett zu bleiben, fast unüberwindlich. Damit

meine Mutter nicht ärgerlich wurde, sprang ich schließlich

aus dem Bett. Schnell waren die bereit liegenden Trainingssachen,

Socken und Schuhe angezogen. Dann nahm ich mir

zwei mit ausgesuchten Habseligkeiten gefüllte Koffer und

folgte treppab meiner Mutter, die, wie üblicherweise bei jedem

nächtlichen Luftalarm, die vierjährige Ursel trug. Es ging

vom 3. Stock in den Keller, wo die übrigen Hausbewohner

schon vollzählig versammelt waren.

An diesem Abend war an einen gemütlichen Schlaf in einem

der Kellerbetten nicht zu denken. Schon bald waren bedrohliche

Motorengeräusche und starkes Flakfeuer zu hören. Ich

dachte daran, daß ich wohl auf dem Schulweg am nächsten

Morgen viele Splitter von Flakgranaten würde einsammeln

können. Dies war unter den Schulkindern ein beliebter Sport.

Jeder hoffte, in der Schule den größten Splitter vorweisen zu

können.

Da die Motorengeräusche immer anhaltender und stärker

wurden, gingen alle in den vermeintlich sichersten Raum am

Giebel des Nachbarhauses. Jeder wußte jedoch, daß im Falle

eines Bombenvolltreffers, weil es in unserem Hause keine

Betondecken gab, kaum eine Überlebenschance bestand.

Zur allgemeinen Erleichterung wurde es nach einiger Zeit

wieder ruhiger. Oft war es bei Fliegeralarmen so, daß geräuschvolle

---ENDE DER LESEPROBE---