8,99 €
Erleben Sie die dramatischen und schmerzlichen Erinnerungen eines jungen Flakhelfers, der an den Fronten des Zweiten Weltkriegs kämpfte. Lesen Sie eine fesselnde Autobiografie, die Geschichte lebendig und greifbar macht. 200.000 Jugendliche teilten im Zweiten Weltkrieg das Schicksal als Flakhelfer … Adolf Hitlers Führerbefehl von 1942 brachte eine ganze Generation an die Front: Jungen, gerade erst der Schulbank entwachsen, wurden zu Luftwaffenhelfern und traten den Dienst in einer von Entbehrung und Gefahren gezeichneten Kriegsrealität an. Wolfgang Heyll, selbst Zeitzeuge und Flakhelfer, erzählt in seiner ergreifenden Autobiografie "Flaksoldaten" die bisher oft übersehene Geschichte dieser Jugendlichen – von der Ausbildung an den Fliegerabwehrwaffen bis hin zu den dramatischen Einsätzen an der West- und Ostfront. Im zermürbenden Kriegsalltag wird ihm langsam klar: Es gibt keine Hoffnung mehr! "Flaksoldaten" besticht durch die einzigartige Perspektive eines Zeitzeugen, der authentisch, präzise und eindringlich von seinen Erlebnissen berichtet. Wolfgang Heyll verbindet persönliche Erinnerungen mit historischer Genauigkeit und gewährt Einblicke in eine wenig beleuchtete Facette des Zweiten Weltkriegs. Mit seiner klaren und emotionalen Sprache nimmt er Sie mit auf eine Reise durch die bewegendsten Momente seines Lebens, die durch seltene Details und eine fundierte Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen ergänzt wird. Dieses Buch ist nicht nur eine Autobiografie – es ist ein wertvolles Zeitdokument für jeden, der sich für militärische und geschichtliche Zusammenhänge interessiert. Mit einer eindringlichen Sprache beschreibt Heyll die Hornungen, aber auch die Hilflosigkeit dieser Generation im Feuer der Luftschlachten. Sichern Sie sich Ihr Exemplar von "Flaksoldaten" noch heute und erleben Sie Geschichte durch die Augen eines jugendlichen Soldaten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wolfgang Heyll
„Flaksoldaten“
Jugendliche als Luftwaffenhelfer bei der Flak
im Westen und an der Ostfront
Helios
Tragen Sie sich in den Newsletter von EK-2 Militär ein, um über aktuelle Angebote und Neuerscheinungen informiert zu werden und an exklusiven Leser-Aktionen teilzunehmen.
Als besonderes Dankeschön erhalten Sie kostenlos das E-Book »Die Weltenkrieg Saga« von Tom Zola. Enthalten sind alle drei Teile der Trilogie.
Klappentext: Der deutsche UN-Soldat Rick Marten kämpft in dieser rasant geschriebenen Fortsetzung zu H.G. Wells »Krieg der Welten« an vorderster Front gegen die Marsianer, als diese rund 120 Jahre nach ihrer gescheiterten Invasion erneut nach der Erde greifen.
Deutsche Panzertechnik trifft marsianischen Zorn in diesem fulminanten Action-Spektakel!
Band 1 der Trilogie wurde im Jahr 2017 von André Skora aus mehr als 200 Titeln für die Midlist des Skoutz Awards im Bereich Science-Fiction ausgewählt und schließlich von den Lesern unter die letzten 3 Bücher auf die Shortlist gewählt.
»Die Miliz-Szenen lassen einen den Wüstensand zwischen den Zähnen und die Sonne auf der Stirn spüren, wobei der Waffengeruch nicht zu kurz kommt.«
André Skora über Band 1 der Weltenkrieg Saga.
Link zum Newsletter:
https://ek2-publishing.aweb.page
Über unsere Homepage:
www.ek2-publishing.com
Klick auf Newsletter rechts oben
Via Google-Suche: EK-2 Verlag
Anfang 1941 verstärkte sich in unserer Schule, dem Prinz-
Georg-Gymnasium in Düsseldorf, das Gerücht, daß demnächst
eine Kinderlandverschickung statfinden werde. Genaues
wußte aber noch niemand, bis die Klassen 3 und 4
(Quarta und Untertertia) eines Tages in der Aula versammelt
wurden. Studienrat vom Lehn, der Kunstunterricht gab, erzählte
uns, daß unsere Klassen im April an der Kinderlandverschickung
teilnehmen würden. Die Sache sei freiwillig. Er,
vom Lehn, werde der Lagerleiter sein. Außer ihm werde noch
Studienrat Berger, der Musiklehrer, mitfahren. Der Sohn des
Herrn Berger, der beim Jungvolk Jungzugführer war, solle
Lagermannschaftsführer werden. Wahrscheinlich werde das
Lager an einem noch nicht bekannten Ort der Slowakei stationiert.
Wer mitfahren wolle, müsse eine vom Vater oder der
Mutter unterschriebene Einverständniserklärung mitbringen.
Es begann nun unter uns Schülern und nicht minder unter den
Eltern eine anhaltende Debatte darüber, ob es zweckmäßig
sei, an der Kinderlandverschickung teilzunehmen. Dabei trat
der offizielle Grund für die Verschickung, nämlich die zunehmenden
alliierten Luftangriffe auf Westdeutsche Städte,
ziemlich in den Hintergrund. Die Luftangriffe waren damals,
Anfang 1941, noch nicht heftig und auch nicht häufig.
Die meisten Schüler waren sehr angetan von dem Gedanken,
durch die Verschickung auf längere Zeit der Schule zu entgehen.
Wir sollten zwar auch im Lager durch die mitfahrenden
Lehrer unterrichtet werden. Die Studienräte vom Lehn und
Berger waren jedoch sehr beliebt und Fachlehrer für Fächer,
die angenehm und nicht arbeitsintensiv waren.
Unsere Eltern urteilten nach anderen Kriterien. Für diejenigen,
die den Nazis ablehnend gegenüberstanden, war es eine
ausgemachte Sache, daß es sich nur um einen Trick der Nazis
handele, mit dem Ziel, die Jugend besser in den Griff zu bekommen.
In diesem Sinne argumentierte vor allem der Vater
meines Freundes Edgar Sauerborn. Er haßte die Nazis. Nach
dem Kriege war er führend in der Düsseldorfer FDP tätig und
langjährig Ratsherr der Stadt Düsseldorf. Edgar durfte selbstverständlich
nicht mitfahren. Er wollte auch mich in diesem
Sinne beeinflussen. Ich wäre auch nicht abgeneigt gewesen,
weil ich in Abwesenheit meines Stiefvaters zu Hause alle erdenklichen
Freiheiten genoß. Es kam dann so, daß, ehe ich mir
eine abschließende Meinung gebildet hatte, Vater Bödeker
Heimaturlaub bekam und erklärte, daß mir ein solcher Aufenthalt
in einem Lager unter Altersgenossen nicht schaden
könne. Damit war die Debatte in unserer Familie beendet.
Der Sonderzug, mit dem viele Düsseldorfer Kinder die Reise
nach Südosten antraten, verließ den Hauptbahnhof an einem
schönen Frühlingstag in der zweiten Aprilhälfte 1941. Wir
trugen alle unsere Jungvolkuniform. Jeder hatte einen Koffer
mit zivilen Kleidungsstücken und sonstigen notwendigen
Habseligkeiten und selbstverständlich die Schultasche, gefüllt
mit Büchern und Heften. Die Stimmung war großartig. Leider
aber gab es einen Wermutstropfen. Offenbar weil mehr
Schüler unserer Schule an der Verschickung teilnahmen als
zunächst angenommen wurde, kam in letzter Minute noch
die Anordnung, daß Studienrat Höfel, unser Englischlehrer, als
dritte Lehrkraft mitfahren sollte. Dies war aus naheliegenden
Gründen nicht in unserem Sinne.
Unsere Reise war langsam. Alle anderen Züge hatten Vorfahrt.
Erst gegen Abend waren wir in Dresden und am nächsten
Tage in Prag, wo es auf dem Bahnsteig ein sehr deftiges Essen
gab. Als wir die Slowakei erreichten, wurden hin und wieder
Waggons abgekuppelt, in denen sich Kinder befanden, die ihr
Ziel schon erreicht hatten. Zum Schluß blieben nur wir übrig.
Unser Ziel war Telgart in der Niederen Tatra. Die Strecke war
zuletzt kurvenreich und bergig. Die Bahnstation Telgart lag
abseits vom Dorf in einem langgestreckten Tal. Davon etwa
2 km entfernt am Hang lag das „Hotel“, in dem unser Lager
untergebracht werden sollte. Müde schleppten wir unsere
Klamotten dort hin. Beim näheren Zusehen ergab sich, daß
drei in einer Reihe stehende lang gestreckte Barackenbauten
unser Ziel waren. Diese Baracken waren zur Zeit des mehrere
Jahre zurückliegenden Baus der Bahnstrecke errichtet worden,
um die Bauarbeiter unterzubringen. Anschließend waren
sie dann von dem jetzigen „Hotelier“ Romany erworben
worden, der sie zu einem Wintersporthotel umfunktionierte.
Dies sollte nun für gut ein halbes Jahr unsere Unterkunft sein.
Bau 1, die größte der drei Baracken, war zweigeschossig. Zu
ebener Erde befanden sich die Küche, ein Eßsaal und mehrere
große Räume, die zum Schulunterricht geeignet waren.
lm ersten Stock waren Schlafräume, in denen unsere Klasse
unterkam. Wir hatten Glück, denn Bau -1 war mit Abstand am
komfortabelsten, wenn man einmal von Bau 2 absieht, der
praktisch nicht zu unserem Lager gehörte, weil er von dem
Hotelbesitzer Romany und seiner Frau bewohnt wurde. Die
eigentliche Zumutung war Bau 3. Wegen eines Fehlers der
Abwasserleitung war dieser Bau stets von einem penetranten
Gestank eingehüllt. Die Jungen der Klasse 4, die dort wohnten,
taten uns leid. Der Bau 3 stank nicht nur. Er war auch
schmutzig und ungepflegt. Allerdings war auch Bau 1 nicht in
einem guten Zustand. Immerhin aber roch es dort erheblich
angenehmer. Auch war die Möblierung ansprechender.
Einige Tage nach der Eingewöhnung ordnete die Lagerleitung
ein großes Revierreinigen an. Unsere drei Lehrer waren
offenbar der Meinung, daß es an der Zeit sei, deutsche Sauberkeit
und Ordnung in unser Lager einkehren zu lassen. Wir
widmeten uns dieser Aufgabe mit großer Hingabe. Das erste
Stockwerk im Bau 1 lag in der Dachschräge. Unterhalb der
Fenster unserer Schlafräume befand sich daher eine Dachrinne.
Sie war offenkundig seit der Errichtung des Bauwerks
noch nie gereinigt worden und daher in besonderem Maße
Gegenstand unserer Reinigungsbemühungen. Die Sache geriet
nun für unsere Lehrer zu einer etwas heiklen Lustbarkeit,
als nämlich entdeckt wurde, daß sich unterhalb von Dreck und
Laub in der Dachrinne hunderte alter Kondome befanden.
Die aus Prag angereisten Wintersportpärchen hatten diese
Utensilien fröhlich in die Dachrinne entsorgt, wie die Aufgeklärten
unter uns vermuteten. Alle Unwissenden, darunter
ich, wurden weitschweifig über Sinn und Zweck der Gummihülsen
unterrichtet. Zuvor aber hatten schon viele der eifrigen
Revierreiniger unwissend die Gummis zu schönen Ballons
aufgepustet, die sie ähnlich Martinslampen an Stöcken in
der Gegend herumtrugen. Die Lagerleitung bereitete diesem
Spuk durch die schnelle Anordnung, den Inhalt der Dachrinnen
möglichst umgehend in den Mülltonnen verschwinden
zu lassen, ein Ende.
Unser Lagerleben verlief recht gemütlich. Um 7.00 Uhr war
Wecken. Das Waschen machte wenig Umstände. Man mußte
froh sein, einen Platz an einem der wenigen Waschbecken
zu ergattern. Gefrühstückt wurde um 8.00 Uhr im großen
Speisesaal. Jeder hatte an den langen Holztischen einen festen
Platz, auf dem wir zwei mit Marmelade bestrichene
ovale Brotschnitten vorfanden. Gelegentlich gab es statt der
Marmelade auch Butter. Teller oder Brettchen waren nicht
üblich. An jedem Platz stand ein mit Tee oder einem sanft-
artigen Getränk gefüllter Becher.
Ich brauche nicht zu erklären, daß die meisten von uns, darunter
auch ich, von den zwei Brotscheiben nicht satt wurden.
Es gab aber keinen Nachschlag. Glücklich priesen sich diejenigen,
die auf ihrem Platz einen Knust vorfanden. Denn die
Brotenden waren durchweg sehr reichlich bemessen.
Nur in den ersten Wochen wurde im Bau 1 unterrichtet. Dies
erwies sich auf die Dauer als zu beengt. Herr vom Lehn veranlaßte
daher den Rektor der Dorfschule in Telgart, uns zwei
Klassenräume zur Verfügung zu stellen. Diese Schule war
brandneu. Dennoch herrschte in ihr ein durchdringender,
unangenehmer Geruch. Wir führten dies auf die Ausdünstungen
zurück, die die langen eng anliegenden Wollhosen
der Slowakenjungen verursachten. Die Klassenräume waren
mit einfachsten Holzbänken und Pulten ausgestattet. ln der
Ecke neben der Tür stand ein Spucknapf.
Die neue Schule paßte nicht im geringsten zu den übrigen
Häusern des Dorfes. Sie war aus Ziegelsteinen errichtet und
verputzt. Alle anderen Häuser, mit Ausnahme der Kirche,
waren aus groben Holzstämmen erbaut, die sich an den Ecken
überkreuzten. Der größere Teil jedes Hauses diente Wohnzwecken,
der andere war dem Vieh vorbehalten. An dem
Giebel der Hausfront war oben entweder ein Holzkreuz oder
ein durch Schnitzwerk verzierter Stab angebracht, letzteres
ein altes heidnisches Symbol.
Neben dem Dorf, das durchweg aus den beschriebenen sehr
rustikalen und althergebrachten Holzhäusern bestand, lag in
kurzer Entfernung ein zweites, kleineres Dorf, dessen Häuser
genau denen des Dorfes entsprachen, aber alle kleiner waren.
Es handelte sich um das Zigeunerdorf. Man lebte friedlich
nebeneinander. Die Zigeuner waren bei Festlichkeiten aller
Art als Musikanten unverzichtbar. Bei Umzügen trugen sie
ihre Streichinstrumente bis hin zum Baß vor sich her und
fiedelten unentwegt.
Eindrucksvoll war das sonntägliche Geschehen. Die orthodoxe
Kirche, in der Mitte des Dorfes gelegen, war stets so
gut besucht, daß nur ein Bruchteil der Gläubigen Platz in
der Kirche fand. Die anderen lagen in weitem Kreis um die
Kirche bäuchlings mit gefalteten Händen auf dem Erdboden.
So verharrten sie bis zum Ende des Gottesdienstes.
Da die meisten von uns unentwegt Kohldampf hatten, waren
die wichtigsten Ereignisse im Tagesablauf die Mahlzeiten.
Vom Frühstück war schon die Rede.
Mittags gab es sehr häufig süße Mehlspeisen, oft Dampfnudeln
und dergleichen. Dabei konnte es passieren, daß man
satt wurde, weil auch ein Nachschlag nicht ausgeschlossen
war. Abends gab es wieder Brotscheiben oder auch
undefinierbare, kümmelartig gewürzte Suppen. Insgesamt
war die Verpflegung, was Menge und Güte anlangt, wenig
erfreulich. lm Dorf lebte eine Frau, die deutsch sprach. Mit
ihr unterhielten wir uns gelegentlich auf dem Schulweg. Sie
erzählte uns, daß der Hotelier Romany – er lief ständig in
Rennfahrerkluft herum und fuhr ein altes Rennauto – und
seine kunstblonde, auffällig frisierte Frau im Dorf keinen
guten Ruf genossen. Unsere Informantin meinte, daß die
Romanys für unsere Beherbergung bestimmt ein sehr gutes
Entgelt erhielten. Durch unsere miese Beköstigung würden
sie sich einen ansehnlichen Gewinn verschaffen.
Um zusätzlich etwas Eßbares zu ergattern, schwärmten wir
während unserer freien Stunden, die meist nachmittags waren,
in die das Lager umgebenden Wälder aus, um Beeren
aller Art zu suchen. Am ergiebigsten war die Suche von Waldbeeren.
Wir fanden so große und so viele, daß wir sie nicht
alle essen konnten. So kam der Gedanke auf, Waldbeeren
durch Kochen haltbar zu machen und einen Vorrat anzulegen.
Dazu benötigten wir Zucker. Zur Beschaffung des Zuckers
erdachten wir ein sinnreiches System. Wir veranlaßten unsere
Angehörigen in Deutschland, jedem an uns gerichteten
Brief einen internationalen Antwortschein beizufügen. Die
Antwortscheine konnten wir bei der im Dorf gelegenen Post
in Briefmarken umtauschen. Mit den Briefmarken gingen wir
dann in den einzigen Lebensmittelladen des Ortes. Dort wurden
uns die Briefmarken freundlicherweise in slowakisches
Geld umgewechselt, für das wir sofort Zucker kaufen. Mit
seiner Hilfe bereiteten wir auf einem der in unseren Zimmern
stehenden Kanonenöfen einen köstlich schmeckenden
Waldbeerbrei, von dem wir abends aßen, wenn wir nicht satt
geworden waren.
Unsere Lehrer waren sehr wanderfreudig. Aus den an der
Vorderfront gelegenen Fenstern unseres Lagers sahen wir
ständig auf einen 1700 m hohen Berg namens Trestnik. Diesen
Berg bezwangen wir in einer schweißtreibenden Nachmittagswanderung.
Dabei machten wir erstmals Bekanntschaft
mit den in großer Zahl vorhandenen Schlangen, insbesondere
Kreuzottern. Vor dieser Gefahr waren unsere Lehrer von den
Dorfgendarmen ausdrücklich gewarnt worden. Es bestand
Weisung, daß, sollte jemand gebissen werden, sofort die Gendarmeriesta
tion aufgesucht werden mußte, wo Gegengifte
zur Verfügung standen. So weit wollten wir es lieber nicht
kommen lassen. Jeder bewaffnete sich daher mit einem Knüppel.
Tatsächlich wurden auf dem Wege zum Trestnik mehrere
Kreuzottern, die in unangenehme Nähe kamen, erschlagen.
Unter dem Körper einer der toten Schlagen entdeckten wir
eine nur wenige Zentimeter lange junge Schlange.
Der Blick vom Trestnikgipfel war großartig. ln der Ferne sahen
wir die fast 1000 m höheren Berge der Hohen Tatra. Auf der
anderen Seite des Lagers sahen wir den rund 2000 m hohen
Kravola Holla (Königstisch), dem der Kravola Skala (Königsfels)
vorgelagert war. Das sollten unsere nächsten Ziele sein. Dafür
wurde eine Tageswanderung angesetzt, wobei die Teilnahme
freiwillig war. Ich ging gerne mit, weil ich mir dieses Unternehmen
sehr spannend vorstellte.
Frühmorgens gingen wir los. Unsere Lehrer hatten im Dorf
erkundet, daß es einen regelrechten Weg oder gar einen
bezeichneten Wanderweg auf den Kravola Holla nicht gab.
Die Dorfbewohner interessierte dieser weit und breit höchste
Berg nicht. Unser Vorhaben löste nur Kopfschütteln aus.
Zunächst konnten wir noch Wege benutzen, die zu dem Berg
vorgelagerten Wiesen und zu Wäldern führten, die der Beeren
wegen aufgesucht wurden. Dann ging es stundenlang
wegelos weiter, immer bergauf. Gegen Mittag erreichten wir
den Gipfel des felsigen Kravola Skala, den wir von der
santieren rückwärtigen Seite aus gut ersteigen konnten. Nun
sahen wir aus nächster Nähe die mächtige Kuppe des Kravola
Holla. Um auch sie zu erwandern, brachen wir bald wieder
auf. Wir profitierten nun davon, daß mit zunehmender Höhe
der Bewuchs spärlicher wurde und wir daher besser vorankamen.
Schweißtreibend aber war es allemal. Der Sommer war
warm und trocken. Auf dem Gipfel stand eine von Soldaten
errichtete Steinsäule, deren Zweck es war, die 2000 m-Marke
zu erreichen. Die Aussicht, besonders in Richtung Hohe Tatra,
war sehr eindrucksvoll.
Weil es so schön war, sind wir einige Wochen später noch
einmal auf den Kravola Holla gestiegen. Dabei nutzten wir
unsere beim ersten Aufstieg gewonnene Geländekenntnis
und verzichteten auf die Besteigung des Kravola Skala. Die
Dauer der Wanderung wurde dadurch erheblich verkürzt.
Eine weitere Wanderung, die ebenfalls einen ganzen Tag
dauerte, unternahmen wir nach Dobschau (Dobsina), einem
kleinen und zum großen Teil von Deutschen bewohnten Städtchen.
Wir wurden hier von den ortsansässigen deutschen
Familien sehr freudig begrüßt und eingeladen, übers Wochenende‚
zu bleiben. Als „Kinder aus dem Reich“ waren wir eine
regelrechte Attraktion. Zusammen mit einem Klassenkameraden
wohnte ich bei einem Ehepaar mittleren Alters, das uns
sein Schlafzimmer zur Verfügung stellte. Unsere Gastgeberin
sprach viel von ihrem einzigen Sohn Janschi, den die Waffen-
SS rekrutiert hatte, ein Schicksal, das er mit allen jungen deutschen
Männern des Ortes teilte. Ob er je wieder nach Hause
gekommen ist? Was mag überhaupt aus den Deutschen in
Dobschau nach dem Kriege geworden sein? Als wir dort waren,
lebten sie jedenfalls mit ihren slowakischen Nachbarn in
gutem Einvernehmen. Sie sprachen fließend slowakisch und
außerdem ein etwas altertümliches rauh klingendes Deutsch,
ähnlich dem der in den letzten Jahren zu uns gekommenen
älteren Spätaussiedler aus Rußland.
Wir wurden reichlich mit Essen verwöhnt. Immer wieder
wurden wir aufgefordert, von dem Leben in Düsseldorf und
überhaupt im Reich zu erzählen. Sonntags wurden wir mitgenommen
in die evangelische Dorfkirche. Es gab eine Predigt
in einwandfreiem Deutsch und deutsche Lieder. Die Frauen
trugen alte Trachten und die Männer Sonntagsanzüge. Die
slowakischen Bewohner des Städtchens waren ähnlich gekleidet.
Auf dem Wege zur Kirche und zurück wurden wir
jedem, der uns begegnete, in slowakischer oder deutscher
Sprache stolz als Kinder aus Deutschland vorgestellt. Alle
waren sehr nett zu uns. Um uns etwas besonderes zu bieten,
wurden wir am Sonntagnachmittag ins Dorfkino geführt. Es
gab einen Film, bei dem es um die Eroberung des Alkazar in
Toledo durch Frankotruppen im spanischen Bürgerkrieg ging.
Die Sprache war slowakisch mit deutschen Untertiteln.
Als wir am Montag Abschied nahmen, gab es sogar Tränen.
So sehr hatten uns die lieben Leute in ihr Herz geschlossen.
Während der ersten Monate war unser Lagerleben keineswegs
von irgendeinem Bemühen, uns weltanschaulich oder
politisch zu beeinflussen, geprägt. Unsere Lehrer verhielten
sich eher gut bürgerlich. Die Befürchtungen von Vater Sauerborn
erwiesen sich zunächst als unbegründet.
Als der Lagerleiter, Studienrat vom Lehn, seinen 50sten Geburtstag
feierte, übte Studienrat Berger mit uns das Lied
„Großer Gott wir loben Dich“ und noch weitere feierliche
aber gänzlich unpolitische Lieder ein, die wir dann morgens
vor dem Lager angetreten, zu vom Lehns sichtlicher Freude
sangen. Der gut eingeübte Gesang so vieler Jungen war recht
eindrucksvoll. Zur Feier des Tages gab es auch etwas besseres
Essen. Die Schule fiel erfreulicherweise aus.
lm Juni wurden wir unverhofft durch fernen Kanonendonner
aufgeschreckt. Der größte Feldherr aller Zeiten hatte seinen
Rußlandfeldzug begonnen. Wir waren nicht ohne Sorgen. Die
Karpartenukraine – damals zur Tschechoslowakei gehörend
– war nicht weit entfernt. Nach ein paar Tagen war jedoch
nichts mehr zu hören.
Wenig später kündigte sich prominenter Besuch an. Der
Reichsjugendführer Axmann ließ die Lagerleitung wissen,
daß er zu uns nach Telgart kommen werde. Nun wurde festgestellt,
daß wir dringend ein Lagerlied benötigten, mit dem
der hohe Gast begrüßt werden konnte. Mein Klassenkamerad
Meyer unternahm es, an einem geeigneten Text herumzubasteln.
Da ich neben ihm schlief, gab ich auch meinen Senf
dazu. Was herauskam, war sehr zeittypisch. Das gilt insbesondere
für den nach jeder Liedstrophe gesungenen Refrain:
„Und jeder soll es sehen, was wir für Kerle können sein!
Denn wir sind Deutsche Jungen vom schönen Niederrhein.“
Auch den Text der ersten Strophe bekomme ich noch zusammen:
„Zu Telgart in den Bergen da stehet unser Lager stolz. Den
Wäldern hier zu ehren, erbaut aus Tannenholz.“
Unser bester Klavierspieler, Walter Schell, komponierte eine
ganz nette Melodie/und nun wurde unter der Leitung des
Musiklehrers Berger das Ganze gehörig eingeübt. Als der hohe
Besucher erschien, wurde er mit dem schmetternden Gesang
des Lagerliedes empfangen. Das erfreute ihn ersichtlich, Axmann
erwies sich als recht ruhiger Mann, der seinen Besuch
als Pflichtübung abdiente. Wegen einer kürzlich erlittenen
schweren Verwundung war er einarmig.
Zu unserer Verblüffung gab es, als wir alle im Speisesaal versammelt
waren, um einer kurzen Ansprache des Jugendführers
zuzuhören, Kaffee mit Sahnehörnchen. Axmann sollte offenbar
den Eindruck gewinnen, wir lebten im Schlaraffenland.
Nach gut zwei Stunden fuhr er zum nächsten Lager weiter.
Wie schon erwähnt, war die Unterbringung derjenigen, die in
Bau 3 wohnten, sehr mies. Um der Gerechtigkeit willen ordnete
Ende Juli die Lagerleitung an, daß diejenigen, die bisher
im Bau 1 untergekommen waren, mit den Bewohnern des
Baues 3 tauschen sollten. Ich war ziemlich entsetzt. Um mich
über meine künftige Behausung zu informieren, besichtigte
ich Bau 3 eingehend. Dabei stellte ich fest, daß neben einer
ganzen Anzahl großer Räume an der Rückseite des Baues,
nicht weit vom Eingang, ein kleines Dreimannzimmer lag, das
vergleichsweise gemütlich erschien. Es galt also zu erreichen,
daß man in dieses Zimmer einziehen konnte. Ich sprach daher
darüber mit meinen Klassenkameraden Mick und Olivier, mit
denen ich gut auskam. Beide besichtigten mit mir noch einmal
den Bau 3 und stimmten dann meiner Meinung zu. Ich setzte
dann ein an die Lagerleitung gerichtetes Schreiben auf, mit
dem wir baten, zu dritt untergebracht zu werden, wofür nur
das von uns ins Auge gefaßte Dreibettzimmer infrage kam.
Die Sache klappte. So zogen denn Mick, Olivier und ich in
das Dreibettzimmer um. Wir waren nun wenigstens nicht in
einem der großen und sehr unschönen anderen Räume untergebracht.
Der merkwürdige Geruch, der den ganzen Bau
3 umgab, herrschte allerdings auch in unserer Klause. Wir
hielten soviel wie möglich das Fenster geöffnet.
Als wir eines Tages im August auf der Wiese vor dem Lager
zusammen saßen, bemerkten wir zwei ungleich große Gestalten,
die im Tal zunächst an der Bahnlinie entlang gingen und
dann den Weg zu unserem Lager einschlugen. Als die beiden
näher kamen, sahen wir, daß sie HJ-Uniformen und voll bepackte
Tornister trugen. Sie kamen auf uns zu und stellten
sich als Bums und Kalle vor. Der größere, Kalle, erklärte, er
sei unser künftiger Lagermannschaftsführer und Bums sein
Stellvertreter. Es handelte sich, wie wir sofort annahmen, um
Adolf Hitler-Schüler.
Unser bisheriger Lagermannschaftsführer, der Sohn des
Studienrates Berger, war nach außen kaum in Erscheinung
getreten. Praktisch war unser Tun und Lassen von den drei
Studienräten der Lagerleitung bestimmt worden. Dies sollte
sich nun ändern. Der Sohn Berger reiste nach Düsseldorf zurück.
Unsere außerhalb des Schulunterrichtes verbleibende
Zeit wurde nun von Bums und Kalle mit Beschlag belegt. Bisher
waren wir ungeordnet und in unseren Zivilklamotten
zur Schule in Telgart und zurück gegangen. Nun mußten wir
in Uniform singend hin und zurück marschieren. Die Zeit für
Geschäfte mit internationalen Antwortscheinen im Dorfladen
wurde knapp. Nachmittags gab es durchweg von Bums und
Kalle organisierte Dienste, die vor allem unserer sportlichen
Ertüchtigung dienten. Außerdem wurden Jungvolklieder geübt
und Unterricht über den Werdegang des Führers und
ähnliche Themen erteilt.
Bums und Kalle trugen stets sehr knappe kurze Hosen, was
bei Kalle dazu führte, daß des öfteren, wenn er sich etwa vor
uns auf einem Baumstamm in Positur setzte, ein „Ei“ zum
Vorschein kam. Dies fanden wir ungemein lustig. Das „Ei“
nahm, sehr im Gegensatz zu dem jeweiligen Unterrichtsstoff,
unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Kalle und Bums
ließen es sich in besonderem Maße angelegen sein, uns darüber
zu belehren, daß deutsche Jungen mutig und furchtlos
zu sein hätten.
Eines Tages, nach Abschluß des Dienstes und vor dem Abendessen,
begannen mutige Springer, von einer kleinen Plattform,
die sich am Ende einer zum Dachboden führenden Außentreppe
am Giebel des Baues 2 befand, auf den Erdboden
herunter zu springen. Ich schätze, daß die Sprunghöhe bei
3 bis 4 m lag. Da nichts mehr Nachahmer findet, als blühender
Unsinn, bildete sich vor der Treppe eine regelrechte
Schlange, in die sich alle – mit Ausnahme einer Anzahl Unbemerkter
– einordneten. Diejenigen, die schon gesprungen
waren, versammelten sich zwischen Bau 2 und Bau 3, wo man
das Springgeschehen besonders gut beobachten konnte. Die
meisten Springer überstanden den Sturz von der Plattform
unlädiert. Das gilt vor allem für die Schlauberger, die sich mit
den Händen an die Plattform hängten und dann nach unten
fallen ließen, was die Sprunghöhe ganz erheblich reduzierte.
Eine ganze Reihe von Springern aber humpelte mit trauriger
Miene von dannen. Vor allem die Sprunggelenke der Füße
machten Ärger. Als die allgemeine Aufmerksamkeit wieder
einmal jemandem galt, der unsanft gelandet war, benutzte
ich mit anderen die Gelegenheit, mich dem Haufen derer
zuzugesellen, die den Sprung schon hinter sich hatten. Einige,
die sich nach dem Sprung besonders schlecht fühlten,
suchten unsere Krankenschwester Margret auf. Dies hatte
dann zur Folge, daß der ganze Spuk von der Lagerleitung so
fort und nachdrücklich verboten wurde. Bums und Kalle, die
intellektuellen Urheber, hatten sich an Ort und Stelle nicht
blicken lassen.
Ein sehr unerfreulicher Zwischenfall ereignete sich während
einer von Kalle und Bums im Eßsaal veranstalteten Unterrichtsstunde.
Bei solchen Gelegenheiten wurde u.a. auch
die „Judenfrage“ abgehandelt. Ich nehme einmal zugunsten
von Bums und Kalle an, daß sie der Annahme waren, unter
uns befinde sich kein Jude. Jedenfalls wurde die Frage gestellt,
ob ein Jude anwesend sei. Darauf erhob sich zu unser
aller großen Überraschung mein Klassenkamerad Kallmann,
ein schmächger und unauffälliger Junge und erklärte, ein
Halbjude zu sein. Das traurige Gesicht, das er dabei machte,
brachte uns alle in große Verlegenheit, einschließlich Kalle
und Bums, die nun offenbar nicht wußten, wie sie sich verhalten
sollten. Schließlich wurde Kallmann bedeutet, daß er
sich wieder setzen solle. Der Unterricht ging dann weiter, als
sei nichts geschehen.
Wir waren alle sehr erleichtert, daß dieser Vorfall keinerlei
Folgen nach sich zog, wenn man einmal davon absieht,
daß Kallmann seine bisherige Unbefangenheit verlor und
ersichtlich verschüchtert war, was aber alle durch besonders
freundliches Benehmen zu überbrücken bemüht waren. Ich
fand es sehr beherzt, daß Kallmann sich überhaupt meldete.
Da niemand etwas davon wußte, hätte er ohne weiteres seine
Herkunft verschweigen können. Was in späteren Jahren aus
ihm geworden ist, weiß ich nicht. Im Düsseldorfer Telefonbuch
gibt es den Namen Kallmann noch.
Unsere Kontakte mit der slowakischen Bevölkerung Telgarts
waren gering. Aus den Gesprächen bei der Post und im Lebensmittelladen
wußten wir, daß die Slowaken froh waren,
durch die Deutschen von der ihnen verhaßten Vorherrschaft
der Tschechen befreit worden zu sein. Das bestätigten uns
auch die Deutschen bei unserem Besuch in Dobschau. Wie
das Auseinanderfallen der Tschechoslowakei nach dem Zusammenbruch
des Kommunismus zeigt, hat sich die Einstellung
der Slowaken über die inzwischen vergangenen Jahrzehnte
hinweg nicht geändert.
Während der Heuernte schwärmten wir aus und halfen den
Bauern. Die Slowaken ließen uns gerne gewähren und bedankten
sich regelmäßig mit den Worten „Jakujem Pegnem“,
auf deutsch „Vielen Dank“. Auch bei der Landarbeit trugen
alle Slowaken ausschließlich ihre Trachten. Die Mädchen und
Frauen hatten weite und bis über die Knie reichende Röcke
und meist weiße Blusen. Soweit wir das feststellen konnten,
wurde von den Frauen jedenfalls im Sommer keine Unterwäsche
getragen. Das versetzte sie in die Lage, bei Bedarf
neben dem Feldrand niederzuhocken und den Dingen ihren
Lauf zu lassen.
Eine ganze Reihe meiner Kameraden feierte gerne freitags
krank. An diesem Tage kamen Mädchen aus dem Dorf, um
unsere Zimmer zu putzen. Die „Kranken“ lagen dann in der
unteren Etage unserer Stockwerksbetten und konnten, wenn
sich die Putzmädchen bückten, von hinten Einblick in die
weibliche Anatomie nehmen, wovon sie uns dann nach ihrer
„Genesung“ vorschwärmten.
Die slowakischen Männer und Jungen trugen sämtlich die
schon erwähnten eng anliegenden weißen Hosen aus gewalkter
Wolle. Sie waren außerdem mit einem weißen Leinenhemd
und einer Schafsfellweste bekleidet, die bei warmen
Wetter zusammengeklappt nur auf einer Seite des Oberkörpers
getragen wurde. Viele hatten einen flachen schwarzen
Hut mit umlaufendem geschwungenen Rand. Die Hose wurde
stets durch einen breiten Lederriemen gehalten. Dieser Rie-
men verlief hinten zweigeteilt und zwar so, daß oben der auch
bei uns übliche Hügürtel war, während ein weiterer Riemen
lose nach unten hängend das Gesäß umspannte. Über den
Zweck dieses Riemens, den wir Fottriemen nannten, konnten
wir nie etwas erfahren. Interessant war das kleine ‚bunte
Schleifchen, das alle Burschen seitlich am Hügürtel trugen.
An der Farbe dieses Schleifchens konnte man erkennen, ob
der Träger eine feste Freundin oder gar Braut hatte oder ob
er auf der Suche nach einem Mädchen war. Übrigens trugen
entsprechende Schleifchen auch die jungen Frauen seitlich
im Rockbund. Wir waren einheitlich der Meinung, daß man
entsprechendes auch in Deutschland einführen sollte.
Auf Anregung der Lagerleitung veranstalteten wir eine Art
Theaterabend. Dabei wurde u.a. ein Kriminalstück mit dem
Titel „Die letzte Frist“ angekündigt. Der Witz dieses Stückes
bestand darin, daß hintereinander eine Menge einzelner Personen
über die Bühne ging und zum Schluß eine als Frau verkleidete
Person, die an einem großen Stück Brot fraß. Wegen
des großen Brotstücks war ich sehr daran interessiert, mit
dieser Rolle betraut zu werden. Tatsächlich erhielt ich auch
den Zuschlag. Ich besorgte mir von einem Küchenmädchen
Rock und Bluse und vor allem ein großes Stück Brot. Mein
Auritt und insbesondere mein hingebungsvolles Fressen
wurde vom Publikum mit rauschendem Beifall belohnt.
So gingen unsere Tage dahin, bis es dann im September ungemütlich
kalt wurde. Darauf war unser „Hotel“ nicht eingerichtet.
Es verbreitete sich nun schnell die Nachricht, daß
der Lagerleiter vom Lehn bemüht war, die Auflösung unseres
Lagers zu erreichen, bevor der Winter einbrach. Offenbar
hatte man höheren Orts ein Einsehen. Jedenfalls konnten
wir Anfang Oktober, als schon erste Fröste für Erkältungen
gesorgt hatten, zu unserer großen Freude die Heimreise antreten.
Am Nordausgang des Düsseldorfer Hauptbahnhofes
wurden wir von einer großen Menschenmenge empfangen.
Die Heimat hatte uns wieder. Mir war das sehr recht.
Da Vater Bödeker in Frankreich Dienst tat, hatte ich nach
meiner Rückkehr ein recht gemütliches und freies Leben.
ln der Schule konnte ich an meine früheren Erfolge anknüpfen,
obwohl wir in Telgart kaum etwas gelernt hatten. Es bestä
tigte sich die Erfahrung, daß, wenn man sich in der Schule
erst eine einigermaßen gute Position erarbeitet hat, man sich
darauf lange ausruhen kann.
Nachmittags beschäftigte ich mich meistens mit Lesen. Sämtliche
Karl-May-Bände sowie die Zukunftsromane von Dominik,
die ich mir in der nahen Mietbücherei in der Herder Straße
auslieh, waren in wenigen Monaten ausgelesen. Um den
Lesegenuß zu steigern, entwickelte ich die Gewohnheit, mir
bei meiner Mutter die rosa Lebensmittelkarte zu erbetteln.
Das setzte mich in die Lage, bei der Bäckerei Cölven auf der
Rethelstraße ein riesiges Stück Streuselkuchen zu kaufen. Mit
dieser Verpflegung und meinem Buch setzte ich mich dann
oben auf unseren Küchenschrank, wo ich der übrigen Welt
entrückt war. Ich setzte nun freiwillig fort, was mein Onkel
Karl mir schon vor langen Jahren beigebracht hatte. Es ergab
sich, daß ich auch an manchen Mittwoch- und Samstagnachmittagen
auf dem Küchenschrank meinem Lesevergnügen
nachging, also den Jungvolkdienst schwänzte. Da mein Jungenscha
ftsführer Winkhaus darüber wohlwollend hinweg
sah, gönnte ich mir das Lesen zunehmend häufig. Ich konnte
es mir – natürlich schon um Winkhaus nicht zu verärgern –
nicht leisten, ständig und vor allem bei wichtigen Diensten
dem Jungvolk fern zu bleiben. So nahm ich am gemeinsamen
Altmaterialsammeln, das als kriegswichtig angesehen wurde,
regelmäßig teil.
Unsere Sammelerfolge waren beträchtlich. Wir benötigten
Karren und Bollerwagen, um alles gesammelte Zeug zu transpor
tieren. Möglicherweise waren unsere Erfolge mit darauf
zurückzuführen, daß in der Zoogegend in einigen Straßen
recht wohlhabende Leute lebten, die schon damals überdurchschnittlich
viel wiederverwendbaren Müll produzierten.
Bei einer dieser Altmaterialsammlungen geschah etwa Ungeheuerliches.
Vor jeder Haustüre standen damals mit Deckeln
versehene Kochtöpfe, in die den Bewohnern vom Milchmann
die ihnen zustehende Magermilchration eingefüllt wurde.
Einer von uns kam nun auf die teuflische Idee, in einen der
Milchtöpfe hineinzupinkeln. Ich weiß nicht mehr, wer von
uns diese Schweinerei ersann, bin aber ziemlich sicher, daß
ich es nicht war. Das Für und Wider des Pinkelns wurde kurz
erörtert. Es siegte aber sehr schnell die Faszination des Bösen,
zumal wir die Sache als sehr lustig empfanden. Es pinkelte
also einer und verschloß den Topf wieder mit dem Deckel.
Alsdann wurde mit großem Gekicher das Altmaterialsammeln
fortgesetzt, wobei wir uns ausmalten, welche Folgen die Sache
haben konnte. Absolutes Dichthalten wurde beschworen.
Es kam ärger als wir dachten. Natürlich fiel der Verdacht
der Täterschaft sofort auf uns. Es war auch nicht schwer,
herauszufinden, welcher Jungzug in der Gegend des Pinkeltopfes
gesammelt hatte. Die betroffene Hausfrau, bei der
es sich nach dem Zuschnitt des Hauses um eine Dame von
Einfluß gehandelt haben mußte, war außer sich und drama
tisierte den Vorfall in jeder denkbaren Beziehung. Unser
Fähnleinführer und auch unser ansonsten sehr ruhiger Jungzugführer
waren zu härtester Bestrafung entschlossen, zumal
diese Angelegenheit auch höheren Orts hohe Wellen schlug.
Beim nächsten Dienst wurden alle von uns, die als Täter in
Betracht kommen konnten, einzeln in hochnotpeinlicher Art
verhört. Es kam aber trotz allen Drohens und Schimpfens
nichts dabei heraus. Auch spätere Versuche, Licht in die Sache
zu bringen, verliefen ergebnislos. Wir spielten perfekt die Unschuldigen.
Dabei nahm die Debatte über dieses unglaubliche
Vorkommnis immer grundsätzlichen Charakter an. Was ein
Deutscher Junge tun darf und was nicht, stand im Mittelpunkt
der Diskussion. Nach unserer Meinung kam der humoristische
Aspekt völlig zu kurz. Schließlich wurde die Angelegenheit
dadurch etwas entschärft, daß irgendein besonders Kluger
auf den Gedanken kam, ein unbekannter Zeitgenosse, der das
Ansehen des Jungvolkes absichtlich habe herabsetzen wollen,
sei der tückische Täter. Das konnte letztlich nicht ausgeschlossen
werden. So verlief nach wochenlanger Aufregung die
Sache schließlich im Sande. Wir waren zu keiner Zeit in großer
Sorge. Denn die Möglichkeiten, uns wirklich empfindlich zu
bestrafen, wären gering gewesen. Einen etwa beteiligten Jungenscha
ftsführer hätte man degradieren können. Im übrigen
hätte man uns oder jedenfalls den Täter aus dem Jungvolk
herausschmeißen können. Dies würde aber kaum jemandem
das Herz gebrochen haben. Wir sahen, wie insgesamt auch
das ganze Vorkommnis zeigt, diese Dinge lockerer als dies
damals der allgemeinen Meinung entsprach.
Schon 1939, als meine Mutter, Ursel und ich noch in Köln-
Mülheim wohnten, hatte Vater Bödeker die wie sich später
herausstellte sehr segensreiche Idee, in dem im Oberbergischen
gelegenen kleinen Dörfchen Berg eine kleine Wohnung
zu mieten. Auf diesen Gedanken kam er aufgrund einer Anzeige
in der Kölnischen Zeitung, mit der diese Wohnung für
eine Miete von 20,00 RM im Monat angeboten wurde. Das
war auch für damalige Verhältnisse außerordentlich günstig.
Nachdem eine Besichtigung des Mietobjektes ergab, daß die
Wohnung in einem alten Fachwerkhaus, in herrlicher Umgebung
im Wiehltal lag, war der Entschluß, dieses Domizil als
Ferienwohnung zu mieten, schnell gefaßt. Für mich war es
eine große Attraktion. Ich lernte nun das Leben auf dem Lande
kennen und lieben. Berg bestand nur aus sieben Häusern und
einer kleinen Zwergschule. Es gab drei größere Bauernhöfe.
Jeder aber hatte einen großen Garten und mindestens eine
Kuh für den eigenen Bedarf. Unsere Vermieterin, Frau Köster,
hatte eine Schwester, deren Mann einen der größeren Höfe
besaß. Die beiden Töchter dieses Bauern waren zwar einige
Jahre älter als ich, freundeten sich mit mir aber schnell an. Sie
zeigten mir alles, was man auf einem Bauernhof wissen muß.
Ich half im Heu, bei der Getreideernte, der Kartoffelernte usw.
Alle Kühe kannte ich einzeln. Ich holte sie zum Melken von
der Weide und trieb sie anschließend wieder zurück. Alles
in allem war ich begeistert vom Landleben und sorgte dafür,
daß ich so oft wie nur irgend möglich in Berg sein konnte.
Daran änderte sich auch nichts nach unserem Umzug nach
Düsseldorf. Die Bahnfahrt war nun etwas länger und komplizierter.
Aber das schreckte mich nicht.
Zu den Tieren, die ich besonders liebte, gehörten die Kaninchen,
die Esther und Erika besaßen. Mein Sinnen und Trachten
war nun darauf gerichtet, selbst zwei kleine Kaninchen halten
zu dürfen. Meine Mutter argumentierte damit, daß ich schon
im Hinblick auf mein Aquarium genug mit Tieren zu tun habe
und außerdem in der Großstadt für die Kaninchenhaltung
die Voraussetzungen fehlen würden. Dies aber konnte mich
nicht überzeugen. Um zu zeigen, daß ich sehr wohl in der
Lage war, in unserer Wohnung in Düsseldorf zwei Kaninchen
zu beherbergen, baute ich aus Holz, das ich mir teilweise aus
Berg mitbrachte, auf unserem hinteren Balkon einen kleinen
Kaninchenstall mit zwei Abteilungen. Außerdem fertigte ich
einen kleinen Transportkasten, der es mir ermöglichte, bei
der Bahnfahrt von Berg nach Düsseldorf die Kaninchen mitzunehmen.
Schließlich war der Widerstand meiner Mutter
gebrochen. Erika schenkte mir zwei der Muttermilch soeben
entwöhnte kleine Kaninchen verschiedenen Geschlechtes.
Ein braunes Hasenkaninchen, das ich, da männlich, Bockel
nannte. Das andere, weiß-braun gescheckt, erhielt den Namen
Muckel. Beide transportierte ich in dem dafür gefertigten
kleinen Kasten als Bahnreisender nach Düsseldorf. Sie gewöhnten
sich gut an ihren Stall auf dem Balkon. Fast jeden Tag
fuhr ich mit Vater Bödekers altem Rad zur Graf Recke Straße,
wo auf den vielen noch unbebauten Grundstücken reichlich
Grünzeug wuchs. Das fraßen meine beiden Kaninchen gierig,
obwohl es nicht annähernd die Qualität des saftigen Grases
hatte, das sie in Berg gewohnt waren.
Von langer Dauer war meine fröhliche Kaninchenhaltung auf
dem Balkon in Düsseldorf nicht. Die alliierten Luftangriffe
nahmen seit Beginn des ‚Jahres 1942 ständig an Dauer und
Heftigkeit zu. In unserem Hause Brehmstraße 18 wurden
drei Kellerräume für Luftschutzzwecke hergerichtet. In einem
Raum waren doppelstöckige Betten. Die beiden anderen
waren mit Stühlen ausgestattet. Als sicherster Aufenthalt
galt der unmittelbar am Giebel des Hauses Nr. 19 gelegene
Raum. Dort befand sich auch der nur mit einer halbsteinstarken
Mauer verschlossene Durchbruch zum Nachbarhaus,
der amtlich vorgeschrieben war, um die Flucht aus einem
verschütteten Kellerraum zu erleichtern.
Ursel und ich schliefen manche Nacht in den Luftschutzraumbetten.
Andere Kinder gab es in unserem Haus, in dem sich
5 Mietwohnungen befanden, nicht. Es war eine Woche vor
Pfingsten im Jahre 1942. In dieser Nacht wurden die Düsseldorfer
schon zum dritten Mal von dem schauerlichen Geheul
der Luftschutzsirenen aufgeschreckt. Für mich war die
Versuchung, im Bett zu bleiben, fast unüberwindlich. Damit
meine Mutter nicht ärgerlich wurde, sprang ich schließlich
aus dem Bett. Schnell waren die bereit liegenden Trainingssachen,
Socken und Schuhe angezogen. Dann nahm ich mir
zwei mit ausgesuchten Habseligkeiten gefüllte Koffer und
folgte treppab meiner Mutter, die, wie üblicherweise bei jedem
nächtlichen Luftalarm, die vierjährige Ursel trug. Es ging
vom 3. Stock in den Keller, wo die übrigen Hausbewohner
schon vollzählig versammelt waren.
An diesem Abend war an einen gemütlichen Schlaf in einem
der Kellerbetten nicht zu denken. Schon bald waren bedrohliche
Motorengeräusche und starkes Flakfeuer zu hören. Ich
dachte daran, daß ich wohl auf dem Schulweg am nächsten
Morgen viele Splitter von Flakgranaten würde einsammeln
können. Dies war unter den Schulkindern ein beliebter Sport.
Jeder hoffte, in der Schule den größten Splitter vorweisen zu
können.
Da die Motorengeräusche immer anhaltender und stärker
wurden, gingen alle in den vermeintlich sichersten Raum am
Giebel des Nachbarhauses. Jeder wußte jedoch, daß im Falle
eines Bombenvolltreffers, weil es in unserem Hause keine
Betondecken gab, kaum eine Überlebenschance bestand.
Zur allgemeinen Erleichterung wurde es nach einiger Zeit
wieder ruhiger. Oft war es bei Fliegeralarmen so, daß geräuschvolle
