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Kim Kimolus hat seine Abschlussprüfung bei der Marine. Er macht sich bereit für die Prüfungsfahrt, die ihn und sein heißgeliebtes Schiff, die Meerjungfrau, in die Nordsee hinaus führt. Noch ehe er mit der Prüfung beginnt, ereignet sich Mysteriöses. So verschwindet er nicht nur vom Radar, sondern findet sich in einem Geisterhaften Nebel wieder. Kurze Zeit darauf macht er zum ersten Mal in seinem Leben mit Geistern Bekanntschaft. Kim lernt die Geistercrew des Fliegenden Holländers und dessen Frau Marion kennen. Kliff erzählt dem jungen Seefahrerlehrling seine Geschichte rund um das Kap der guten Hoffnung und von dem Fehler, der Neptun unterlaufen war. Neptuns Fehler ist ebenfalls der Grund, weshalb Kliff und seine Mannschaft auf Ewig über die Weltmeere segeln müssen. Sie haben nur eine einzige Hoffnung und die heißt: Kim Kimolus.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Grace Jenkins
FleijingDatschmän
1.Auflage Januar 2017
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie, detaillierte
bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb abrufbar.
Coverbild: Shutterstock
Covergestaltung: Daniela Mügge
Vorwort
„Die Freiheit ist wie das Meer! Die einzelnen
Wogen vermögen nicht viel, aber die Kraft
der Brandung ist unwiderstehlich!“
Vaclav Havel
Kim Kimolus, ein rotschopfiger dickbäuchiger, junger Seefahrerlehrling ist auf dem Weg zur Meerjungfrau. Oh nein, die Meerjungfrau ist keine Nixe im herkömmlichen Sinne. Viel mehr ist dies der Name eines Prüfungsschiffes.
Und unter uns gesagt, wäre es wahrscheinlich besser gewesen, die Meerjungfrau wäre eine echte Nixe gewesen, anstelle eines alten Marineschiffes. Man wagt kaum sie als Schiff zu betiteln. Als eine alte Nussschale aus Holz, halb vermodert, mit einem Holzkasten als Brücke, würde das Schiff bildlich gesprochen als schwimmendes Treibholz durchgehen. Eine echte Meerjungfrau hätte immerhin den Vorteil, dass sie auch unter Wasser in der Lage wäre zu überleben. Das kann man von unserem sommersprossigen Freund nicht behaupten. Zusammengefasst lässt sich also Folgendes sagen: das Schiff ist ein deutliches Anzeichen für die Sparmaßnahmen der Bundeswehr Solche Schiffe, Nussschalen, haben also gleich noch Einfluss auf die gewünschte Reduzierung der Mannschaftsstärke.
Ja, heutzutage kostet qualifiziertes Personal eine Menge Geld und dem gegenüber steht die verhältnismäßig kleine Abfindung, welche die Hinterbliebenen bekommen würden. Ein einfaches, aber effektives Prinzip.
Kim Kimolus schreitet also übermäßig stolz die Pier entlang. Bald schon ehrfürchtig begutachtet er die Nussschale Meerjungfrau. Sein Schiff. Zumindest für die Zeit der Prüfung. Sein Ticket in ein neues Leben.
Die Stelling, Laufplanke, ist schon ausgeklappt und ein ebenso großer Schrotthaufen wie der Rest der Nussschale auch.
Zwischen den Planken sind immer wieder vermoderte Holzbalken zu finden, zum Teil auch bereits weggefaulte Planken. Jene Bereiche, welche noch als funktionstüchtig bezeichnet werden konnten, aber nur dann, wenn man beide Augen zukniff, waren mit einer schleimigen Schicht überzogen.
Das wohl Gesündeste in dieser Situation wäre es ohne Frage den sofortigen Rückzug anzutreten. Man hätte Warnschilder um den Bereich der Meerjungfrau aufstellen müssen. Warnschilder die 'Betreten verboten', oder 'Vorsicht, Lebensgefahr' verkündeten.
All die Gefahren werden von unserem Freund jedoch nicht wahrgenommen. Dabei könnte seine Karriere ein jähes Ende finden, noch bevor sie richtig begonnen hatte.
Ausgerutscht. Genickbruch.
Als Wasserleiche umhertreibend.
Erst Jahrzehnte später an einem australischen Strand angespült.
Oder doch lieber an einem amerikanischen Strand? Fakt ist, er würde unterwegs als Fischfutternotreserve dienen, weshalb auch nicht viel von ihm an irgendeinem Strand ankommen könnte.
Man müsste ihn also warnen. Doch so betrunken vor Glück und Stolz würde es so oder so egal sein. Oder haben Sie schon einmal versucht, einem Betrunkenen Vernunft nahe zu legen? Es ist hoffnungslos in jeglicher Hinsicht. Wir können nur hoffen, dass er die erste Hürde, das Betreten der Meerjungfrau, schafft und er es zumindest zwei Meter vom Land wegschafft. Vorzugsweise lebendig.
Kim Kimolus betritt also die Stelling. Vorsichtig, aber nicht minder stolz zollt er der Nussschale seinen Respekt. Tatsächlich hat er die erste Hürde lebendig gemeistert. Er ist auf dem Schiff angekommen. Herz- und Lungenfunktion sind im normalen Bereich. Wahrscheinlich sitzen jetzt die ersten Generäle frustriert zusammen und debattieren in Berlin über den untödlichen Misserfolg.
Man müsste sich an dieser Stelle dennoch fragen, wie ein so heruntergekommenes Schiff mit so viel moderner Technik ausgestattet werden konnte. Ein Schiff, welches dem Untergang geweiht war, vollgestopft mit milliardenschweren Instrumenten. Man bedenke an dieser Stelle erneut die verbissenen Sparmaßnahmen.
Auch Kim Kimolus staunte nicht schlecht bei dem Anblick der Geräte. Das Deck war blitzblank und erst vor kurzem gestrichen worden.
Der heruntergekommene erste Eindruck der Meerjungfrau passte absolut nicht zu der makellosen Umgebung des Decks. Die Brücke, gepflegt und ebenfalls frisch gestrichen, beherbergte eine Vielzahl diverser Hightech-Geräte. Dazu zählten die neuesten Solar- und Radaranlagen, ein Autopilot für das Steuerpult, sowie eine riesige computergesteuerte Landkarte. Der Schein trügt also.
Nun kann Kim Kimolus auch den letzten Funken Anstand nicht länger verstecken und pfiff vor lauter Begeisterung laut durch die Zähne.
Besteht doch noch Hoffnung?
Will die Bundeswehr doch nicht den drastischen Plan der Personalreduzierung durchsetzen? Wenn man das Schiff von außen betrachtet, ist man sehr dazu verleitet, von einem mörderischen Himmelfahrtskommando auszugehen.
Unser Seefahrerlehrling hatte anscheinend doch den richtigen Riecher gehabt.
Bevor er jedoch seine neue Kommandozentrale genauer inspizieren konnte, wollte er zunächst sein Gepäck verstauen. Es war nicht viel, jedoch hätte sein Gepäck dem Ansehen der Brücke geschadet. Die paar Utensilien waren schnell im Schrank verstaut. Daher wäre eine detaillierte Auflistung womöglich auch nur ablenkend. An dieser Stelle ist die bevorstehende Prüfung wesentlicher. Diese steht nämlich unter keinem guten Stern. Man könnte sie auch als Ebenbild der Fassade der Meerjungfrau bezeichnen.
Kim Kimolus hatte das letzte Paar Socken noch nicht ganz verstaut, da rückte auch schon der Prüfungsausschuss an. Im Gleichschritt marschierend trommelten die Füße der Offiziere über die Planken.
Unter Deck, wo sich die Kajüte unseres Freundes befand, hörte es sich noch bedrohlicher an. Er schätzte die avantgardistischen, gleich getakteten Fußtrommler auf eine Stärke von fünf Mann.
Als hätte jemand den Schalter umgelegt, erblasste Kim Kimolus völlig. Dadurch stachen seine Sommersprossen und die alarmorangenen Haare nur noch mehr hervor und boten zusätzlich zur Gesichtsfarbe einen enormen Kontrast zur weiß blauen Uniform. Die Schritte kamen bedrohlich näher.
Langsam aber bestimmend.
„Links, zwo, drei, vier, aufgepasst, zwo, drei, vier. Geschätzte drei Meter sind sie vorangekommen. Links, zwo drei, vier, aufgepasst, zwo drei, vier.“
Stille. Nur das altersschwache Holz des Schiffes murrte gelegentlich.
„KIMOLUS!“, durchfuhr ein Brüllen die Stille, wie eine sich plötzlich lösende Gewährkugel.
Kim Kimolus kam sich vor, als wäre er das Wild und die Offiziere seien die Jäger. Graziös wie eine Gazelle hüpfte Kim Kimolus in seiner Kabine auf und ab.
'Bambi in der Falle', dachte er sich. Bei dem Gedanken setzte sich in seinem Körper noch mehr Adrenalin frei. Würde die Anziehungskraft der Erde plötzlich verschwinden, er würde abspringen und frühestens hinter dem Neptun wieder zur Landung ansetzen.
„KIMMOOOOLUSSSSSS!“, brüllte jemand von oben und das Brüllen hörte sich weiß Gott nicht so an, als würde der Besitzer der Stimme ein nettes Gespräch mit unserem Freund führen wollen. War unser Seefahrerlehrling vorhin noch gazellenartig durch den Raum gehüpft, so versteinerte er nun zunehmend.
Die Versteinerung erstreckte sich über ein Gebiet von den Armen, über den Brustkorb, bis hin zu dem kleinen Zeh. Man vernahm lediglich ein hölzernes Geräusch, als würde ein Brett auf einen mit Teppich ausgelegten Boden fallen. Nicht nur das Geräusch entsprach dem Zustand Kim Kimolus', sein Anblick tat es dem Geräusch gleich. Da lag er nun. Eine mathematisch absolut harmonische Horizontale, die sein Körper darstellte. Nur die Füße und die knollenförmige Nase bildeten hiervon eine Ausnahme. Diese Extremitäten ragten im rechten Winkel zur Horizontalen gen Himmel.
„KIIIMMMOOOLLLUUUSSS!“, brüllte jemand, der ebenso gut Satans Nachfolger hätte werden können. So diabolisch und bösartig erklang die Höllenanwärterstimme. Als hätte jemand unseren Freund aus der Stasis geweckt, sprang er auf, fegte durch den Raum, sammelte seine wesentlichen Soldatenerkennungs und Pflichtdekorationen wie sein Namensschild, Rang und Orden ein und heftete diese an seine Uniform. In einem Tempo, welches selbst einen Ferrarifahrer vor Neid hätte erblassen lassen, spurtete er an Deck und verlor erneut die Beherrschung bei dem Anblick, der sich ihm bot.
Innerlich tobten gleich mehrere verschiedene Eigenschaften, die wohl im Gegensatz zueinanderstanden. Da war die Sprunghaftigkeit der Gazelle, die auf die Steifheit des Brettes traf.
Eine Explosion der Farbpalette wie sie noch niemand im Gesicht eines Menschen gesehen hatte, huschte über Kim Kimolus' Gesicht. Von Geisterweiß bis Purpurrot war alles vertreten.
Jetzt wäre auch der richtige Moment, um ihm Ihr Mitleid kundzutun. Wer steht schon gerne vor einem Offizierskommando, vor dem es um alles oder nichts geht? Ganz zu schweigen von der Laune der guten Herren. Wie man den Schreien des Offiziers vernehmen konnte, war diese nämlich nicht gerade einladend.
Man vergesse an dieser Stelle nicht die mangelnde Empathie, Zwischenmenschlichkeit und andere vertrauenerweckenden Interaktionen.
Nein, man könnte die Herren als etwas ganz Böses bezeichnen. Und mit böse meine ich auch böse.
In einen Seeigel zu laufen, gleichzeitig von einem Krebs in den Allerwertesten gekniffen zu werden, während man einen tiefen Schluck frisch importieren Rotterdamer Meerwasser hinunterschluckte, wäre eine Freudentat im Vergleich zu der Gegenüberstellung unserem Marinesoldat und den fünf Prüfungsoffizieren. Diese bestanden übrigens aus einem Fregattenkapitän, zwei Hauptmännern und zwei Generälen.
Wenn auch die Stimme der zuvor brüllenden Person am ehesten wohl einem der Generäle zugeordnet werden konnte, so ist die Mimik der Gentleman wohl nicht mehr zu überbieten. Man stelle sich sämtliche Grausamkeiten vor, die es gibt. Beispielsweise den Kater nach einer durchzechten Nacht eines zuvor stattgefundenen Junggesellenabschieds und multipliziere dieses mit der Unendlichkeit.
In etwa diese Sympathiestufe erreichten die Gesichtszüge der fünf Herren. Die Uniformen tun den Rest dazu bei.
„Kimolus!“, brüllte der Fregattenkapitän. Kim Kimolus' Gesichtshaut wurde im Takt der Silben wellenförmig nach hinten gepresst. Diese Form des biologischen Faceliftings wäre sicherlich eine effektive neue Einnahmequelle und würde die leer gespülten Bundeswehrkassen klingeln lassen.
Neben dem Facelifting, welches Kim Kimolus soeben gratis erhalten hatte, wurde seine Haut mit einer Ladung Feuchtigkeit versorgt. Der gute Herr Fregattenkapitän lispelte und spuckte beim Brüllen Spucke aus, wie ein Rasensprenger. Wie sehr sich unser Freund jetzt wünschen würde, sich in Luft aufzulösen, das kann sich wohl jeder vorstellen.
„Kimolus, Sie sind heute hier erschienen um Ihre Prüfung zum Kapitän zu absolvieren!“, brüllte der feuchtigkeitsspendende Fregattenkapitän. Ich werde meine Gesichtshaut nie wieder in ihren ursprünglichen Zustand bekommen!', dachte Kim Kimolus und Verzweiflung kroch in ihm hoch.
Metaphorisch gesprochen sah sein Gesicht aus wie der eines chinesischen Faltenhundes.
„Wir sind der Prüfungsausschuss. Somit wird uns nicht der kleinste Fehler Ihrerseits entgehen.
Und ich warne Sie“, drohte der militärische Schönheitschirurg, „schon der Gedanke an einen Betrug wird Sie nicht nur Ihre Karriere, sondern noch viel mehr, als Sie denken können!“
Jetzt ist es endgültig. Nach dieser Ansprache war seine Gesichtsbehandlung abgeschlossen. Einzementiert und unwiderruflich müsste er mit diesem Gesicht bis an das Ende aller Tage leben. Dieser Gedanke wich einem neuen Gedanken, als Kim Kimolus in das hochrote Gesicht des Fregattenkapitäns blickte. Dieser sah nämlich aus, als müsse er schnellstens auf das „Stille Örtchen“ , mit dem Wissen eine Verstopfung zu haben.
Zu dem Faceliftingproblem gesellte sich ein weiteres.
Gerade als er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, viel ihm auf, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Umwelt akustisch wahrzunehmen. Sein Gehör musste wohl geschädigt worden sein, angesichts der kommunikativen Lautstärke des Prüfungsausschusses.
Als eine alternative Erklärung für das Rauschen, welches er wahrnahm, würde wohl ein Unwetter in Betracht kommen. Tosend, dröhnend und ohne Hoffnung auf eine zeitnahe Besserung, ergab er sich und lies den körperlichen Verfall gewähren. Angesichts dieser mehr oder weniger kleinen und großen invaliden Ausfälle seines Körpers war er nicht mehr in der Lage, dem Gespräch weiter zu folgen. Wie sollte das auch ohne Gehör möglich sein? Er entschied sich kurzerhand dazu, der Konversation nickend zu folgen, ohne ein Wort zu hören. Daher erreichten ihn die wichtigen Informationen auch nicht, die ihm mitgeteilt wurden.
Er stand da, tat so, als hätte er alles Weitere verstanden, und verhielt sich dementsprechend falsch, als einer der Generäle ihn fragte, ob es ein Problem für ihn sei, wenn er mit der Meerjungfrau die Prüfung alleine absolvieren würde. Kimolus nickte einfach mit ernster Miene und er unterband das Nicken auch nicht, als die Prüfungsoffiziere das Brüllen einstellten. Wie ein Wackeldackel mit ernsthaft professionellem Aussehen pendelte sein Kopf hin und her. Hoch und runter. Hin und her. Immer nur eine Bewegung wäre zu auffällig. Erbost, verständnislos und entsetzt glotzten die Offiziere auf ihn hinab. Erst jetzt bemerkte Kim Kimolus sein Verhalten, stellte umgehend die Wackeldackelbewegungen ein und lief rot vor Scham an. Verlegen kreuzte er die Beine und wippte unruhig hin und her. Wenn sie doch nur endlich verschwinden könnten.
„Also gut, dann ist alles Wichtige gesagt worden. In drei Stunden geht es los. Ab der Schleuse sind Sie auf sich allein gestellt. Funkkontakt zu uns ist erlaubt. Handys sind hier und jetzt abzugeben. Ebenso andere persönliche Dinge. Kleistermann? Gehen Sie hinunter und bergen Sie die dementsprechenden Materialien!“, blubberte der zweite General mit einer auffällig hohen Stimme. Dennoch durchdrang die Stimme die Möglichkeit der Sympathie. Ehe sich Kim Kimolus versah, entschwand Hauptmann Kleistermann in einer eleganten Pirouette, bereit den Befehl des Piepsgenerals auszuführen. Eine gefühlte Sekunde später tauchte der Hauptmann wieder auf. Wie ein Dartpfeil, der ins Schwarze getroffen hatte, schnellte er vor dem General. Noch leicht schwankend von der Bremsung führte er den militärischen Gruß aus und präsentierte die konfiszierten Waren von Kim Kimolus. Entsetzt und verwundert sah unser Freund auf sein Hab und Gut. Dazu zählten seine drei Kuscheltiere, sein Gameboy, so wie sein Tagebuch.
Der General beäugte unseren Freund und piepste: „Es würde Sie so oder so nur ablenken. Sie machen ja immerhin eine Prüfung und keine Kreuzfahrt!“ Etwas verwunderte Kim Kimolus allerdings. Seine Taucherausrüstung wurde nicht gefunden. Er hätte schwören können, dass diese eine der ersten Fundstücke gewesen wäre. Immerhin ist sie nicht gerade klein und zierlich. Das Versteck musste wohl dich besser gewesen sein, wie er es zu hoffen gewagt hatte.
Plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung drehten sich die fünf Herren auf dem Absatz um, verweilten für einen kurzen Augenblick so und setzten sich anschließend im Gänsemarsch in Bewegung.
Vielleicht war es nur Zufall, normalerweise ist der Vortritt ja dem Höchstrangigen zugeschrieben, aber der Höchstrangige war auch gleichzeitig der Kleinste der fünf. Stufenweise erhöhte sich die Körpergröße proportional entgegengesetzt dem Rang. Kim Kimolus sah ihnen nach. Sah, wie sie die Pier entlang schritten. Ob es nach wie vor einem bedrohlichen Trommeln glich, konnte er nicht sagen. Das Meerrauschen in seinen Ohren hatte noch die Überhand. Vom Laufstil und der synchronen Bewegung musste man jedoch davon ausgehen. Fein säuberlich auf den Vorgänger abgestimmte Schrittfolgen bestärken diese Annahme. Sie marschierten aus dem Blickfeld des Seefahrerlehrlings. Endlich. Bevor es gleich in die Prüfung geht, würde er versuchen, sein Gesicht zu restaurieren. Vor allem aber will er es von der unfreiwilligen Feuchtigskeitsbehandlung befreien.
Noch drei Minuten bis zum Start. Noch zwei Minuten und dreißig Sekunden bis zum Start. Noch zwei Minuten bis zum Start. Noch eine Minute bis zum Start. Schweißperlen tropften wie Regen von der Stirn unseres Freundes. Nervös stand Kim Kimolus hinter dem jetzt noch größer wirkenden Steuerrad.
Der Dieselmotor der Meerjungfrau brummte gleichmäßig. Das machte ihn nur noch nervöser.
„Beschleunigen Sie jetzt minimal!“, krächzte es aus dem Funkgerät. Ein Rauschen. Stille. Kim Kimolus legte den Gang ein und schob den Gashebel minimal nach vorne. Unter Ächzen und Stöhnen setzte sich die Nussschale widerwillig in Bewegung. Kim Kimolus atmete erleichtert aus. Gefühlte zwei Tonnen Gewicht fielen ihm von den Schultern und ihm war so, als könne er jetzt tiefer durchatmen.
Die erste Hürde war geschafft. Die Meerjungfrau tuckerte nun in Richtung Schleuse. Wenn diese erst einmal passiert ist, könne er eine Tasse Tee trinken. Die Route würde er so oder so erst in ein paar Stunden bekommen. Der erste Teil der Prüfung ist nämlich die Nachtfahrt.
Eine halbe Stunde später passierte er die Schleuse. Das Wasser sprudelte im alten Kessel in der angrenzenden Kombüse. Unser Freund setzte sich den Tee auf Ostfriesentee natürlich, welcher auch sonst? Echter Tee für echte Seemänner und ging zur Reling. Wie ruhig die Sonne unterging. Was für ein warmes Licht sie auf die Erde schickte. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages, das goldene Meer, paradiesische Augenweide und kaum ein Lüftchen regte sich, das alles sorgte für eine wunderschöne Abendstimmung, wenn da nicht die Prüfung wäre.
Er holte sich seine Teetasse. Wohltuende Wärme breitete sich in seinem Körper nach dem ersten Schluck aus. Obwohl die untergehende Sonne für diese verzauberte Stimmung sorgte, ist es draußen kühl geworden. Die Eisheiligen sind gerade erst richtig zum Zuge gekommen. Dabei ist zu sagen, dass die deutsche Nordseeküste bisher mehr oder weniger vom Schlimmsten verschont wurde. So auch dieses Mal.
Im Binnenland gab es wohl Nächte, die klirrende Kälte mit sich brachten. Im Hafen jedoch verhielten sich die Temperaturen gnädig zum Thermometer.
Ein paar Grad über Null. Die Nachtwachen waren trotzdem sehr kalt gewesen, aber bei Temperaturen unter null Grad und dazu noch Wind aus Seerichtung fühlte sich das schnell arktisch an. Trotzdem war es an der See, besonders an der Nordsee immer etwas rauer. So sind eigentliche fünfundzwanzig Grad meist nur gefühlte zwanzig Grad. Immer noch kein Grund, um zu jammern, aber eben auch keine gefühlten bayrischen dreißig Grad. Kim Kimolus störte das recht wenig.
Er war schon immer mehr der Nordseetyp gewesen. Zwar hatte er nicht die blonden Haare und ihm fehlten auch die blauen Augen, die man einem nordischen Menschentyp nachsagt, aber tief in seinem Herzen fanden sich alle nordseetypischen Eigenschaften wieder harte Schale, weicher Kern. Ostfriesische Gelassenheit und den guten alten Dialekt: Plattdeutsch. Es lag also sehr nah, dass er seine Karriere auf oder mit der See in Angriff nehmen würde.
Schon als kleiner Junge erzählte er jedem, der es hören wollte, seinen Berufswunsch: Seefahrer. Damals scherzten die Leute immerzu über seinen Wunsch.
Sie belächelten ihn und sagten scherzhaft, er solle den Fliegenden Holländer grüßen, wenn er ihn sehen würde. Andere sagten, er solle mal Ausschau nach Nessie, dem Seeungeheuer aus Schottland halten. Er lächelt aber nur über solche Sprüche, denn er kannte all diese Meeresgeschichten, von Ariel bis zum Weißen Hai war ihm nichts fremd und so beteiligte er sich rege an den Gesprächen, wo immer Seemannsgarn erzählt wurde. Ja, hier oben im Norden, da läuft die Zeit etwas anders.
Seine Gedanken trieben wie die Meerjungfrau ziellos umher. Nicht auf einer beängstigenden Art und Weise, viel mehr wie ein gemütlicher Spaziergang. Natürlich kamen ihm auch Erinnerungen hoch, die ihn in eine melancholische Stimmung versetzten. Aber alles in allem fühlte er sich rundum wohl und noch wichtiger: es fühlte sich richtig an. Es war richtig, hier und jetzt genau auf diesem Schiff zu sein, den Sonnenuntergang zu beobachten und ganz nebenbei auf weitere Anweisungen zu warten.
In weniger als einer Woche würde er, vorausgesetzt es klappt alles genauso, wie er es sich vorstellte, Fregattenkapitän sein. Dann würde er es allen zeigen. Der Direktor seiner Grundschule meinte damals, dass es besser sei, ihn auf eine spezielle Schule zu schicken.
In den achtziger Jahren wäre dieser schulische Werdegang das Aus gewesen. Von seinen Mitschülern wurde Kim Kimolus immerzu gehänselt.
Pipi Langstrumpf und Pumuckl sind nur zwei Beispiele für die vielen Gemeinheiten mit denen er von den Kindern gehänselt wurde. Es waren Wörter, die sich tief in seine Seele eingebrannt hatten.
Manchmal fragte er sich, welche beruflichen Wege das Schicksal für seine ehemaligen Mitschüler bereithielt.
Haben sie wohl im Gegensatz zu ihm versagt? Er wünschte es ihnen zumindest. Es wäre eine Art Genugtuung für ihn.
Damals nannte man seine Mitschüler die aufgehenden Sterne am Bankerhimmel, oder in der Medizin. Auch als Topjuristen wurden sie vorhergesagt. Jetzt hat sich das Blatt aber gewendet. Jetzt wird er es allen anderen beweisen.
Das Funkgerät knackte und knisterte. Ein Rauschen und dann: „Hier … schhh ... Hafen. Schhh ... knack...wir geben Ihnen jetzt ... schhh ... Koordinaten durch. ... Schhh ... Navigieren Sie ... sch ... drei Kilometer nordöstlich ... schhh ... Helgoland und erwarten Sie dort ...knack...schhh... Fregatte Würzburg wird Ihnen unterstellt ... schhh ... knack ... Erfolg. Over.“
Kim Kimolus spürte eine euphorische Anspannung in ihm hochklettern. Jetzt würde es also endlich so richtig losgehen.
Er tippte den Kurs in seinen Steuerungscomputer ein, betätigte den Gashebel auf maximale Geschwindigkeit und empfand das Gefühl der grenzenlosen Stärke. Der König unter den Königen. Die Meerjungfrau keuchte mit siebzehn Knoten auf ihr Ziel zu.
„Meerjungfrau, hier Meerjungfrau. Küstenhafen bitte kommen“, sprach er in das Funkgerät. Dieses blieb jedoch stumm. Es war zwar ein Rauschen und Knistern zu hören, aber keine Antwort. Kim Kimolus war nur noch dreiundzwanzig nautische Meilen von seinem Zielort entfernt. An für sich wäre das kein Grund gewesen, um die Prüfer zu kontaktieren, jedoch zog ein ungewöhnlich dichter Seenebel auf, was so nicht weiter der Rede wert gewesen wäre, hätte man ihm einen Co-Kapitän zur Seite gestellt.
Somit hätte man den Hauch eines Kontaktgedankens mit den Prüfern im Keim ersticken können. Vor ein paar Stunden wurde ihm aber mitgeteilt, dass sein Co-Kapitän sich ein Bein gebrochen hatte und nach ausgiebiger Studie über das Wetter, den Prüfungsort und den Prüfungen selbst, wurde beschlossen, ihn allein in die Prüfung zu schicken. Um auf das aktuelle Problem zurückzukommen, er konnte sich nicht gleichzeitig alleine auf das Navigieren, Steuern und Kurshalten konzentrieren. Von den Radarmessungen ganz zu schweigen. Bei dieser Sichtweite würde er ein anderes Schiff erst dann bemerken, wenn er bereits hineingefahren wäre.
Das Funkgerät ächzte, rauschte und verkündete dann widerwillig einige Laute: „Schhh … volle Fahrt … schhh ... Koordinaten ... schhh ... beibehalten ... schhh ... Fregatte Würzburg schh ... knack … knack … knack … over and out.“ Kim Kimolus kratzte sich an seinem orangenen Schopf. Hat er das jetzt richtig verstanden? Er soll den Kurs bei voller Fahrt weiter beibehalten? Bei dem Nebel?
„Na gut, wenn der Prüfungsausschuss das meint ... Vielleicht kann ich ja so meine Prüfungszeit durch eine Heldentat verkürzen“, analysierte er das vorhin rein gekommene Informationsbündel. Er sah das Funkgerät an, als erwarte er eine Antwort von dem Apparat.
Logisch, so etwas war unmöglich, aber es war ja schließlich niemand anderes vor Ort, mit dem er hätte kommunizieren können.
Langsam stieg das mulmige Gefühl in ihm, als er den Gashebel wieder bis zum Anschlag nach vorne schob und sein Herz hämmerte wild gegen seinen Brustkorb, als würde es kein Morgen geben. Er hüpfte jetzt zwischen den ganzen Geräten hin und her. Immer wieder hörte man ihn mit sich selbst sprechen: „Radar: okay. Kurs: okay. Geschwindigkeit: konstant.“ Gelegentlich faselte er auch etwas über die Arbeitsbereitschaft der Maschinen. Jedoch beschlich ihn weiter das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Er hatte in seiner bisherigen Marinekarriere schon einige Seenebel erlebt, viele Unwetter und sogar schon ein oder zwei verzwickte Situationen gemeistert. Aber noch nie war dabei alleine gewesen. Niemals war er alleine auf einem Schiff und dazu noch in solch einer Situation. Er observierte nochmals das Radar.
Hoffnungsvolle Erwartung breitete sich aus, die Fregatte Würzburg zu sehen. Mit viel Fantasie konnte er sich einen pingenden Punkt mit der Kennzeichnung FG WZB stellvertretend für Fregatte Würzburg vorstellen.
Das Radar hingegen verweigerte jegliche Form der Kommunikation und blieb stumm.
Mittlerweile kam ein leichter, aber konstanter Luftzug auf. Zunächst kaum spürbar. Die Meerjungfrau schnaubte brav durch den immer dichter werdenden Nebel. Eine gespenstische Stille schien von allen Seiten nach der Nussschale zu greifen. Der Luftzug, der vorhin noch gleichmäßig und konstant schwach war, entwickelte sich nun zu einzelnen Böen, die zunehmend spürbar wurden. Zwar immer noch nicht besorgniserregend, aber komisch war es dennoch. Kim Kimolus grub in seinen Erinnerungen nach ähnlichen Phänomenen. Jedoch fand er keinerlei Hinweise für eine solche Situation. Wind und Nebel, das gibt es nicht zusammen. Zumindest nicht, wenn man den Breiten- und Längengrad bedenkt, auf dem sich die Meerjungfrau gerade befand. War alles nur Zufall? Er beobachtete weiterhin das Radar. Keine Fregatte zu sehen. Nichts. Ihm lief es eiskalt den Rücken hinunter. Die Meerjungfrau erschien ihm nun doppelt so groß und mindestens genauso unheimlich. Gespenstisch unruhig war es auf dem Meer und dazu kam diese verfluchte Einsamkeit. Geister, Gespenster und wie sie alle hießen, all diese unheimlichen Fabelwesen wurden mit einmal real. Natürlich nicht richtig real. In seinem Kopf allerdings spukten sie schon herum. Er hätte schwören können, jemanden, der sich unter dem Sonar versteckt, gesehen zu haben. Ein anderes Mal bildete er sich das Hupen eines Dampfers ein. Das Schlimmste für ihn war jedoch das Schweigen des Radars.
„Es gibt keine Geister und Gespenster. Die Meerjungfrau ist auch nicht auf wundersame Weise gewachsen und das Hupen war nur der Wunsch nicht mehr alleine zu sein!“, beschwor er sich selbst, um sich Mut zu machen. Ein Schaudern konnte er damit trotzdem nicht verhindern.
Die Meerjungfrau stöhnte bedrohlich. Oder bildete er sich das auch ein? Der Wind hatte nochmals zugelegt und ließ die Nussschale schwerfällig schaukeln. Der Wellengang war jedoch nicht so hoch, dass es für einen Seeerprobten diverse Gefahren bezüglich des Magens mit sich bringen würde. Um sich selber auf andere Gedanken zu bringen, summte unser Freund lieber ein Lied vor sich hin. Sämtliche Melodien einiger bekannter Songs vereinte er zu einem Medley. Erst ein plötzlicher Blitz ließ ihn zusammenzucken. Das kann es nun aber wirklich nicht in dieser Kombination geben. Kein Nebel, aus dem sich ein Sturm oder gar ein Unwetter herausgebildet hatte, war ihm bekannt. Jetzt stöhnte das Innere der Meerjungfrau auf. Sie kämpfte angestrengt und tapfer gegen den zunehmenden Wind an. Glaubte man dem Thermometer, so ist die Temperatur in der letzten halben Stunde um siebzehn Grad gefallen. Nachts ist es bekanntlich meistens kühler, aber auf die Liste der merkwürdigsten Wetterereignisse konnte Kim Kimolus nun auch plötzliche Minusgrade verzeichnen. Er fragte sich, was wohl als Nächstes kommen würde. Platzregen? Schnee? Wassertornados? Das wäre genauso unmöglich wie Nebel mit Sturm und Gewitter. Gerade hatte er den Gedanken zu Ende gesponnen. da geschah es! Ein mittelgroßer Trichter senkte sich aus dem Himmel in das Wasser hinab. Das Unmögliche ist möglich geworden. Augenblicklich schoss das Blut unseres Freundes von dem Kopf in die Füße. Ihm wurde heiß und kalt. Schweißgebadet und mit einer Gänsehaut überzogen, sah er auf das Wasser. Unglaublich, aber wahr, da draußen tobte ein Tornado. Jetzt reicht es. Er würde umgehend den Hafen anlaufen und den Prüfungsausschuss kontaktieren, umso die Genehmigung zum Abbruch der Prüfung zu beantragen. Nur was soll er als Grund angeben? Einen Wassertornado? Das wäre es dann mit seiner Laufbahn als Kapitän gewesen. Ende, aus und vorbei. Jahrelanges Training und viel Herzblut für nichts und wieder nichts.
PING PING PING PING PING PING
Das Radar meldete sich unmissverständlich zu Wort. Aufgeregt pingte es vor sich hin. „Was zum heiligen Klabautermann ...“, setzte Kim Kimolus an, doch dann versagte es ihm die Stimme. Das Radar zeigte ein Schiff an. Es war aber nicht die zu erwartende Fregatte Würzburg, sondern, ja, was denn? Ein UFO? Ein Geisterschiff? Das Radar zeigte definitiv ein Schiff an. Ein Schiff ohne alles. Keinen Namen, keine Herkunft, kein nichts. Eifrig pingte das Radar weiter, als hätte es gerade einen historisch mehr als nur bedeutenden Fund gemacht. Kim Kimolus rieb sich die Augen. Dann starrte er erneut auf das unveränderte Bild.
PING PING PING
Zusammengefasst: ein Nebelunwetter inklusive Wassertornado bei einem namenlosen UFO-Geister-Schiff. Unser Freund meinte sich zu erinnern, dass solche unbekannten schwimmenden Objekte als USO bezeichnet wurden. Aber egal, ob UFO oder USO, es war zum Mäusemelken. Er fürchtete, den Verstand zu verlieren und langsam aber sicher verrückt zu werden. Das Schlimme war nur, dass an einer Beruhigung der Lage noch lange nicht zu denken war, denn das nächste Unheil folgte bereits auf dem Seeweg. Am Horizont erblicke er eine riesige Welle, die auf die im Verhältnis stecknadelkopfgroße Meerjungfrau zu donnerte. Groß, wie ein Hochhaus und sehr gewaltig, kam sie auf sie zu und es sah nicht so aus, als wollte sie nur spielen. Kreischend klammerte sich unser Freund an das Steuerrad der Meerjungfrau. Das Zäpfchen in seinem Hals vibrierte bedrohlich und sollte angesichts der Tatsache, dass er noch immer schrie, keine Ruhe finden. Aber keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn schon ging es auch aufwärts. Es fühlte sich an, wie bei einer Achterbahnfahrt: man sieht den Höhe- und gleichzeitig Scheitelpunkt einer perfekten Parabel: die Bergauffahrt. Immer in dem Wissen, wo es bergauf geht, wird es früher oder später auch wieder bergab gehen. Angesichts dieser Riesenwelle würde es wohl eher später sein, was ihn noch mehr in Hysterie ausbrechen ließ. Wenn dieser Scheitelpunkt nicht recht zeitnah kommen würde, dann würde die Meerjungfrau die falsche Seite bergabfahren. Bergabfahren ist in dieser Situation wohl maßlos verharmlost.
Sie würden von den Wassermassen hinabgepresst werden. Was soll man jetzt noch um den heißen Brei herumreden? Das Ende wäre dann endgültig. Unser Freund und die Nussschale würden die falsche Seite bergab niemals überleben. Der Druck auf seinem Körper lastete schwer auf ihm. Er wurde vom Steuerrad weggezogen. Im gefühlten neunzig Gradwinkel ging es weiter bergauf. Draußen ist es plötzlich so dunkel geworden, dass er nicht abschätzen konnte, auf welcher Höhe der Welle er sich befand. Es blieb ihn nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er es schnellstmöglich hinter sich hatte. Nur leider haben genau solche Situationen nicht gerade die meiste Empathie. Lange könnte er sich auch nicht mehr festhalten. Seine schweißnassen Hände drohten jeden Moment vom Steuerrad abzugleiten. Er würde über das Sonar auf die computergesteuerte Hightech-Landkarte fallen. Tut Sterben eigentlich weh? Gerade als er seine Augen schloss und Abschied vom Leben nahm, kam es ganz anders, als gedacht. Plötzlich spürte unser Freund eine Druckverminderung und der Zug nach hinten ließ langsam nach, dabei näherte sich die Meerjungfrau gerade dem Scheitelpunkt der Welle, wobei die Fahrtgeschwindigkeit der Nussschale in Richtung Nullpunkt ging. Sie stöhnte mehr denn je und das alte Holz knackte bedrohlich. So etwas hat sie in ihrer langen Karriere als Marineausbildungsschiff noch nie miterlebt. In diesem Moment schien sie sogar still zu stehen oder sie musste sich so langsam fortbewegen, dass es den menschlichen Sinnen verborgen blieb. Noch ein weiteres Ächzen war zu hören, doch dann surrte und schnurrte der Motor der Nussschale zunehmend zufriedener, ganz zur Überraschung von Kim Kimolus. Allem Anschein nach müssen sie jetzt den Wellenhöhepunkt passiert haben. An genau dieser Stelle würde man die nahende Abfahrt erwarten. Doch die See war plötzlich glatt wie ein Teich. Entsetzt rannte Kim Kimolus hinaus, um sich ein genaueres Bild von der Lage zu verschaffen. Seine Hightech-Geräte lieferten ihm keine brauchbaren Informationen. Sein Körper tat es ihnen allerdings gleich. Erneut rieb er sich die Augen. Die See sah nicht nur ruhig und friedlich aus, auch jegliche Anzeichen des zuvor erlebten Wetters waren verschwunden. Die riesige Monsterwelle war nirgends zu finden. Es machte den Anschein, als wäre nie irgendetwas passiert. Kein Nebel, kein Sturm, keine aufgewühlte See. Aber es muss doch Zeugen des Spektakels von vor wenigen Minuten geben. Das Deck war staubtrocken und gehörte somit nicht zu den möglichen Informanten. Bei dem Seegang und der Welle hätte es überspült worden sein. Zumindest Pfützen hätten sich finden lassen müssen. Doch hier war nichts.
„Nichts ... nichts ... nichts ...?“, blubberte unser Freund wie ein Wahnsinniger, unglaubwürdig vor sich her. Hastig stolperte er zurück auf die Brücke. Das Radar schwieg. Auf dem Sonar war auch nichts zu erkennen. Nichts? Das würde ja bedeuten, der Meeresboden hätte sich in Luft aufgelöst. Erst jetzt merkte er ein weiteres fehlendes Geräusch. Es war still. Zu still. Weder der Motor der Meerjungfrau noch irgendein anderes Geräusch war zu hören. Er hörte keinen Wind, keine Möwe, kein summendes Motorengeräusch und kein Wasser, welches sich am Schiffsbauch brach. Aufgeregt hüpfte er zum Kompass. Dieser fuhr Karussell. Laut des Instruments befand sich der Nord- und Südpol überall. Hin und her, Runde für Runde schoss die Nadel wie in einer Zentrifuge im Kreis umher. Hypnotisiert patschte die Knollennase Kim Kimolus' auf das Glas des Kompasses. Langsam traten seine Augen hervor und seine Pupillen berührten die kühle, durchsichtige Abschirmung, das Glas. Steht er womöglich kurz vor dem Wahnsinn?
