Flinguin - Andrea Morsink - E-Book

Flinguin E-Book

Andrea Morsink

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Beschreibung

In welche Strukturen darf man eingreifen? Wie ein Flinguin mittels Technik über sich hinauswächst. Doch nicht nur der lernt durch Updates dazu, auch Leo, der kleinwüchsige, akrobatische Tierpfleger, geht seinen Weg. Auf diesem findet er neue Freunde und dabei begegnet er auch Sam, die erst ihre eigene Moral finden muss, Ollie, dem hochintelligenten Hacker, und Gustav, dem wilden Löwenbändiger. Auch der Zoodirektor Carlos Karamba muss sich gerade den wichtigen Fragen des Lebens stellen, was man tun darf und was man tun soll. Kann die Gruppe von Freunden kriminellen Machenschaften das Handwerk legen? Welche Rolle spielt dabei der Flinguin? Und was haben eigentlich die Pro-Pet-Tierschutzaktivisten, zu denen auch Raul gehört, mit all dem zu tun?

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-968-9

ISBN e-book: 978-3-99131-969-6

Lektorat: Sandra Mizera

Umschlagfotos: Sergey Korotkov, Kritchanut, Andreykuzmin | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Neustart nach der Zirkusära

Mit lautem Krächzen machen die Krähen auf sich aufmerksam in Erwartung auf etwas zu fressen. Vielleicht eine Handvoll Brotkrumen.

Aber die Zoobesucher kümmern sich nicht um einen Baum mit alltäglichen Vögeln. Die meisten gehen, ohne einen Blick darauf zu werfen, vorbei. Rabenvögel haben für viele sogar eher etwas Beängstigendes an sich.

Leo, der kleine Tierpfleger, zerkrümelt ein Stück Brot und wirft die Bröckchen auf den Weg. Amüsiert beobachtet er, wie sich die blauschwarzen Vögel darum streiten.

Von weitem sieht er wie ein Kind aus. Ein kleiner Junge mit kurzen, krummen Beinen und einem zu langen Oberkörper. Beim Näherkommen sieht man, es handelt sich um einen kleinwüchsigen jungen Mann, etwa siebzehn oder achtzehn Jahre alt.

Etwas verloren steckt dieser im zu großen, grünen Overall der Tierpfleger. Plötzlich schiebt er die schwere Schubkarre mit dem Futter zur Seite. Von einem Moment auf den anderen springt er hoch und schlägt ausgelassen einen Salto. Erst vorwärts. Dann rückwärts.

Die vorbeikommenden Besucher sperren Mund und Augen auf. Etwas Derartiges hat noch keiner gesehen. Einen kleinwüchsigen Burschen, der wie ein Akrobat den Überschlag beherrscht.

„Krass.Der könnte im Zirkus auftreten“, bemerkt ein Mann.

Wenn ihr wüsstet,denkt der kleine Tierpfleger und streicht sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Mit einem Grinsen geht er weiter.

Mit erstaunlicher Leichtigkeit hebt er die Eimer im Gehege der Flamingos herunter. Nachdem er das Futter verteilt hat, setzt sich Leo auf die grüne Bank vor dem Gehege. Hungrig vertilgt er seine mitgebrachten Käsebrote. Währenddessen wandern seine Gedanken zurück zum Zirkus Mundo. Seit ich denken kann, hatte ich dort den Job als Dummer August.

In dieser Zeit war mein Körper über und über mit blauen Flecken übersät,erinnert er sich.Das ist vom ständigen Hinfallen gekommen. Damit die Leute über meine angebliche Ungeschicklichkeit etwas zu lachen hatten. Täglich die Zuschauer erheitern, war elende Schwerstarbeit.

Die dunklen Wolken der Erinnerung sind immer noch quälend. Aber dennoch bleibt ihm diese Zeit unvergesslich.

Ich war nur eine lächerliche Witzfigur. Eine, die ständig torkelnd über ihre zu großen Galoschen fiel. Für mich, den Zirkuskünstler, brachte keiner niemand Respekt auf. Obwohl ich echt ein geiler Akrobat bin. Meine Salti sind der Oberhammer. Dafür musste ich irre lange üben. Mega-anstrengend war das.

Nachdenklich schaut er zu den Flamingos, die ihn keines Blickes würdigen.

Für alle war ich nur ein verunstalteter Zwerg, bestenfalls eine Lachnummer.Noch immer werde ich in der Menge übersehen, angerempelt und nicht für voll genommen.

Mit Groll denkt er über unvergessene Kränkungen nach.

Einmal fragte ein Kind: „Mama, warum ist der so klein?“ Darauf erklärte ihm seine Mutter: „Das kommt davon, wenn man sein Gemüse nicht aufisst.“ Ein anderes Mal zeigte ein kleines Mädchen auf mich und rief: „Da, ein Liliputaner!“ Als wäre ich ein seltenes Tier im Großstadtdschungel.

Ich wollte losbrüllen: „Ihr Vollpfosten…! Liliputaner sind Fabelwesen. Die daumengroßen Wesen, die auf der Insel Liliput wohnen, existieren nur in dem Buch Gullivers Reisen.“

Aber ich schwieg. Nie wollte ich auffallen. Nervenden Auseinandersetzungen ging ich stets aus dem Weg.

Insgeheim hoffte ich auf ein unerklärliches, aber erlösendes Wunder. Die Zirkusjahre waren hart. Freizeit kannten wir kaum. Hinter den Kulissen war immer etwas zu tun, und wenn es nur war, die Tiere zu versorgen.

Mein Kumpel Gustav, ein starker, gut aussehender Raubtierdompteur, suchte immer nach Möglichkeiten, sich vor Extraarbeiten zu drücken. Die Mädchen fanden ihn cool und kämpften um seine Aufmerksamkeit. Manche übernahmen sogar zusätzlich Pflichten von ihm. Hauptsache, er ging mit ihnen aus.

Leo seufzt gefrustet.Für mich interessiert sich keine. Wer will schon einen kleinwüchsigen Freund?

Meine Eltern waren Hochseilakrobaten und überaus streng.

Dann kam das schreckliche Unglück. Aber es war kein Sturz aus der Höhe. Damit hätten sie gerechnet, weil ihre Nummern immer schneller und gefährlicher wurden. Nur ein dämlicher Unfall.

Wegen einer Ölspur auf dem Asphalt geriet ihr Wagen in einer Kurve ins Schleudern. Ein frontaler Zusammenstoß riss beide aus dem Leben. Der Verlust von Papa und Mama traf mich sehr. Trotz ihrer harten Erziehung war ich mir ihrer Liebe immer gewiss. Sie verlangten von sich und von mir Höchstleistungen.

„Schau, Leo“, sagte Mama zu mir, „Du musst dein Optimum geben. Sei besser als andere.“

Mit einer sanften Geste strich sie mir über den Kopf. „Du bist anders. Akzeptiere das und schlag daraus Kapital.“

„Wenn einer so aussieht wie ich, sind die Chancen gleich null Mama“, versuchte ich ihr zu erklären. Aber sie ließ das nicht gelten. „Du bist schlau und stark. Glaub an dich. Kämpfe für das, was du sein möchtest.“

Jetzt sind beide endgültig aus meinem Leben verschwunden.

Nach ihrem Tod beantragte Onkel Eduardo, Zirkusdirektor Mundo, das Sorgerecht für mich. Die Schinderei in der Manege wurde mit ihm nicht besser. Im Gegenteil, er war ein richtiger Sklaventreiber.

Glücklicherweise erlebten meine Eltern die finanzielle Schieflage des Zirkus nicht mehr. Es begann schleichend. Die Besucherzahlen gingen zurück.

Die schwindenden Einnahmen bereiteten allen Sorgen. Das führte dazu, dass auf uns noch mehr Leistungsdruck ausgeübt wurde.

Hinzu kam, dass immer mehr rigorose Tierschützer das Publikum aufhetzten.

Vor den Vorstellungen drückten sie den Besuchern Wurfzettel in die Hand. Tiere sollten im Zirkus verboten werden. Es dauerte nicht lange und das Befürchtete trat ein. Die unausweichliche Pleite.

„Leute, wir müssen Insolvenz anmelden“, teilte uns mein Onkel mit. Sein Gesicht war aschfahl.

„In unserer Branche sieht es verdammt schlecht aus. Deshalb ist auch eine Fusion mit irgendeinem anderen Zirkus ausgeschlossen.“

Seine Augen wurden feucht, als er uns bedrückt mitteilte: „Dieser Moment ist der schwärzeste in meinem Leben. Ich muss euch kündigen.“

Der Zirkus bestand seit Generationen in der Familie Mundo. Niemand hätte sich jemals ein solches Desaster vorstellen können.

Das bevorstehende Ende und was damit zusammenhing, stimmte mich traurig. Obwohl ich die Arbeit nicht mochte.

Als der Vorhang ein letztes Mal in der Manege aufging, gaben wir alle noch einmal unser Bestes.

Nach der Abschiedsvorstellung rannte ich zu dem vergitterten Zirkuswagen der Löwen, um von ihnen Abschied zu nehmen.

Mein Freund Gustav, der Löwenbändiger, saß dort inmitten seiner geliebten Tiere. Zärtlich hielt er das Löwenbaby Aaron in den Armen und kraulte seinen Kopf. Hilflos schaute er mich an.

„Das ist eine mega-Scheiße, Alter. Ich fühle mich echt lost“, flüsterte er.

Das Löwenbaby verzog die Augen zu goldenen Schlitzen und schnurrte wie ein Kätzchen. Mein Kumpel hatte gerötete Augen. Bestimmt hatte er wie ich geheult.

„Siehst du, nix is forever. Und, was soll ich jetzt machen?“, schluchzte er. „Ich habe nichts anderes gelernt.“

Alpha, der älteste Löwe, das Oberhaupt der Löwenbande, lag zu seinen Füßen. Seinen mächtigen Schädel schmiegte er an ein Bein seines Dompteurs.

Saphir, einer der Junglöwen, riss sein mächtiges Maul auf und zeigte sein gewaltiges Raubtiergebiss. Plötzlich stieß er ein markerschütterndes Gebrüll aus.

„Ist das nicht der Oberhammer? Damit will er uns sagen, es liegt etwas in der Luft. Vorsichtshalber markiert er sein Revier“, flüsterte mir Gus zu.

Mit der rechten Hand griff er in die dicke Mähne des Tiers und beugte sich zu ihm. Als er etwas in sein Ohr flüsterte, warf sich die riesige Raubkatze auf den Rücken. Alle vier dicken Tatzen streckte sie von sich.

„Es ist unglaublich, Gus, wie Tiere auf dich reagieren. Ehrlich, auch ich fühle mich unsicher. Wie soll es weitergehen?“, murmelte ich und spürte meine Stimme zittern. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus.

Der Raubtierbändiger seufzte tief: „Ruf mich bei Gelegenheit an, wenn du irgendwo gestrandet bist.“

Schon am kommenden Tag sollten die Löwen abgeholt werden. Dann die Pferde. Und die Menschen würden sich innerhalb der nächsten zwei Tage in alle Winde verstreuen.

Gustav sah mich bedrückt an, als ich mich verabschiedete. „Leo, mach et joot. Pass op dich op!“

In besonders emotionalen Momenten fiel er in seinen Kölner Dialekt.

Zurück in meinem Zirkuswagen, packte ich in Windeseile meine Sachen in den zerschlissenen Rucksack. Am wichtigsten waren mein Smartphone, der Perso und das Portemonnaie.

Onkel Eduardo hatte mir ein gutes Zeugnis ausgestellt. Außerdem eine Bescheinigung, dass ich nun für mich selber zuständig sei. In ein paar Monaten würde ich achtzehn und damit volljährig.

Obwohl ich mich auf die Freiheit freute, traf mich der Verlust des Vertrauten schmerzlich. Mein gewohntes Leben brach wie ein Kartenhaus zusammen. Mir war klar, es würde nie mehr sein wie zuvor.

Bevor ich aufbrach, pfefferte ich die beiden blöden Clownkostüme und die schwarzen Galoschen in den Müllcontainer und sagte mir, nie wieder trete ich als Dummer August auf.

Ein Gemisch aus Kummer, Muffen, aber auch elementarer Lebensfreude erfüllte mich, als ich den Zirkus hinter mir ließ. Es war wie prickelnde Brause.

Das erste Mal vollständig auf mich angewiesen zu sein, war cool. Ein tolles Gefühl, der eigene Boss zu sein.

Auf der Straße schlug ich übermütig einen Salto. Nach ein paar Luftsprüngen rief ich übermütig: „Yippie, yippie yeah!“

Endlich ein neues Leben. Die Sonne schien und es gab keine lästigen Proben und kein nervendes Home-Schooling mehr.

Zuerst reiste ich nach Norddeutschland ans Meer. Um diese Jahreszeit peitschten an der Nordsee die Wellen meterhoch.

Ein scharfer Wind pfiff über das flache Land. Meer hatte ich noch nie erlebt und fand es super.

Mit einem Europa-Ticket wollte ich die Reise auf die Nachbarländer ausdehnen. Mein Geld hatte ich zum größten Teil gespart. So brauchte ich nicht sofort eine Abhängigkeit gegen eine andere zu tauschen.

Als Nächstes wollte ich nach Köln und danach zum Phantasialand.

Am Bahnhof der Domstadt herrschte Hochbetrieb. Menschenmassen strömten wie Ameisenkolonnen geschäftig treppauf, treppab. Sie bevölkerten jeden Quadratmeter. In der Menge befürchtete ich, überrannt zu werden. Erst auf dem Bahnhofsvorplatz, an der frischen Luft, konnte ich befreit aufatmen.

Vor dem Dom, auf dem Roncalliplatz, saß ein blondes Mädchen auf einer niedrigen Mauer. Ihr schwarzer, zotteliger Hund bellte und lief zu mir, als ich vorbei ging.

„Wow, das ist erstaunlich. Normalerweise wedelt er Fremde nicht an“, wunderte sich seine Besitzerin. Irgendwie kamen wir über den Hund ins Gespräch.

Lisa, so hieß sie, behandelte mich wie einen normalen Jugendlichen ohne Handicap. Wir unterhielten uns gleich wie Freunde.

Nach einer Weile begann sie zu singen: „Ich lebe von jetzt auf gleich und mache mir keine Sorgen. Morgen kommt, ob ich daran denke oder nicht.“

Lachend schüttelte sie ihre Haare. „Tja, wenn ich keine Kohle mehr habe, mache ich auf der Straße Musik. Für Timo und mich reicht das allemal zum Leben.“

Ihre gute Laune war ansteckend. In ihrer Gegenwart ging die Sonne auf. Auf einmal drehte sie barfuß eine Pirouette. Dabei flatterte ihr bunter Gipsyrock um die braunen, nackten Beine.

Im Licht der Sonne glänzten ihre blonden Locken. Ich konnte den Blick nicht von ihr lassen. Sie war anders als die Mädchen und Frauen aus dem Zirkus.

„Frierst du nicht barfuß um diese Jahreszeit?“, fragte ich sie verwundert.

„Nee, ich laufe meistens ohne Schuhe“, erwiderte sie und setzte ihren Gesang fort.

Passanten blieben stehen und warfen Münzen in einen Pappbecher auf dem Boden. Einige begannen zu klatschen, als sie mit einem Stück aus einem bekannten Film anfing.

Sie schmetterte den Song und drehte sich wie ein Kreisel. Leichtfüßig hüpfte sie über den Asphalt und sang einen Song nach dem anderen.“

Ich hätte die Welt umarmen können. Das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch hatte ich noch nie erlebt.

Einer der Jugendlichen, der anscheinend zu ihrer Clique gehörte, pöbelte mich plötzlich blöd an: „Hey, du Zwerg, warum glotzt du die Chaya die ganze Zeit an?“

„Chaya?“, fragte ich erstaunt.

Er lachte: „Du Brotgehirn. Weißt du nicht, was eine Chaya ist? Eine coole Frau. Eine, die eine kleine Wurst wie dich nicht wahrnimmt!“

Lisa unterbrach ihren Tanz und drohte ihm: „Hey Brudi, mach keinen blöd an. Sonst kannst du abdampfen.“

Daraufhin hielt sich der Typ zurück. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Aber solche Angriffe ließen mich nie kalt.

Im Schneidersitz gesellte ich mich zu der Gruppe. Ab und an musterte mich Lisa kritisch. Irgendwann fragte sie mich: „Warum trägst du diese uncoolen Sachen?“

Ja warum? Meinen Klamotten räumte ich keinen besonderen Stellenwert ein. Besser man spart für wichtigere Dinge.

Shopping bedeutete für mich die Höchststrafe. Eine einzige Herausforderung. Wo findet ein Zwerg passende, noch dazu angesagte Sachen?

Sie ließ nicht locker. „Ich habe eine Idee, wir gehen zusammen einkaufen.“

Von diesem Gedanken war sie nicht abzubringen. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, bis ich zustimmte. Hauptsächlich deshalb, weil ich mehr Zeit mit ihr verbringen konnte.

Es machte absolut keinen Spaß, durch die Einkaufsmeilen zu latschen. In den Trendläden schauten mich die wie aus dem Ei gepellten Verkäufer mitleidig an, weil mir nichts, aber auch gar nicht passte.

Dann hatte Lisa die glorreiche Idee, mich am Rudolfplatz in eine edle Kinderboutique zu schleppen.

Abends war ich endlich im Besitz von zwei neuen Jeans, zwei Sweatshirts und ein paar coolen Chucks. Sogar aus Leder.

Nach diesem anstrengenden Trip lud ich sie zum Essen ein. Aber sie hatte keine Zeit. „Sorry, das geht nicht“, erwiderte sie ohne eine weitere Erklärung.

„Mensch Leo, guck mich nicht so an. Ich kann nicht, ehrlich. Vielleicht morgen.“

„Nee, nicht vielleicht. Auf jeden Fall!“

„Okay. Um 10.00 Uhr morgen früh am Brunnen auf der Schildergasse.“

Am nächsten Morgen gab ich mir die größte Mühe, einen guten Eindruck zu machen. Nach einer halben Dose Gel lagen meine störrischen, roten Haare einigermaßen.

Am vereinbarten Treffpunkt saßen mehrere Jugendliche auf glatten, kubischen Steinhockern oder auf dem Boden.

Eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit war Lisa immer noch nicht da. Auch über WhatsApp war sie nicht erreichbar.

Noch schlimmer, sie hatte mich blockiert!

Wieder etwas, das ich unter „shit happens“ verbuchen muss, dachte ich bitter enttäuscht. Und nichts hielt mich weiter in Köln.

Die nächste Station war Phantasialand. Vor den Kassen des Erlebnisparks drängelten sich endlose Menschenschlangen. Geduldig stellte ich mich auch an.

Hinter mir bauten sich drei etwa gleichaltrige Typen auf.

Eine Wolke ihrer ekelhaften Bierfahne stieg in meine Nase.

Auf meine Kosten begannen sie, gemeine Witze zu reißen. „Hahaha, seht her! Ob der Liliputaner überhaupt rein kommt? Der ist eine richtige Missgeburt.“

Auf ihr gehässiges Gelächter folgten Unverschämtheiten. Der mit der größten Klappe versetzte mir plötzlich einen derben Schubs, so dass ich gegen den kleinen fiel. Der wiederum holte aus und sein harter Fausthieb landete schmerzhaft in meiner Nierengegend.

Daraufhin stellte ich ihm blitzschnell ein Bein.Wie ein nasser Sack plumpste er brüllend zu Boden. Da kamen die Jungs erst so richtig in Fahrt.

Mit begeistertem Gejohle prügelten sie auf mich ein und ich konnte mich nicht wehren. Gegen drei hätte niemand eine Chance.

Einige Besucher schauten peinlich berührt weg, andere verfolgten das grausame Geschehen, trauten sich aber nicht, einzugreifen.

Die Schläger ließen erst ab, als einer seine Kumpel warnte: „Da kommt einer vom Sicherheitsdienst. Los, weg.“

Die Angreifer gaben Gas und preschten davon.

Mein Handy war während des Kampfes runtergefallen. Ehe ich es ergreifen konnte, hatte sich der Große blitzschnell gebückt und es einkassiert.

Der Securitytyp rief sofort Verstärkung und einen Rettungswagen.

Aber noch schlimmer als die stechenden Schmerzen traf mich der Verlust meines Smartphones. Alle Kontakte futsch. Jeder macht ein Backup seiner Daten und speichert den Kram in einer Cloud. Aber ich Idiot hatte das verpasst.

Mitten in diesen Gedanken wurde ich ohnmächtig und kam erst im Krankenhaus wieder zu mir.

Zum Glück war es nicht so schlimm wie es aussah. Aber mein Körper war mit unzähligen Blutergüssen übersät. Gebrochen war nichts.och jede Bewegung schmerzte. Wegen der bösen Gehirnerschütterung war Bettruhe angesagt. Ohne Handy war es öde. Paula, die nette Oberschwester, tat alles, um mich zu verwöhnen. Auf Anhieb mochte sie mich.

Ständig brachte sie etwas. Eine Leckerei, eine Zeitung, oder fragte, ob ich etwas brauchte.

Als sie alles über die Schlägerei erfuhr, schüttelte sie fassungslos den Kopf. „Dafür wird der Gott sie bestrafen. Hörst du, Leo, wenn du zu ihm betest, wird alles gut.“

Darauf blieb ich ihr eine Antwort schuldig. Als ob man es sich so einfach machen kann. Beten und alles wird gut.

Ich bezweifele stark die Existenz eines Allmächtigen. Bis jetzt hatte der sich mir gegenüber nicht anständig verhalten. Wo war der Typ, als meine Eltern verunglückten? Aber Schwester Paula zuliebe nickte ich.

In dem anderen Bett war ein 15-jähriger Junge eingezogen. Nach einer OP steckte sein Kopf in einem dicken Verband.

„Ich hatte einen fetten Tumor“, teilte er mir ungerührt und ungefragt mit. „Ein richtig abgefahrenes Teil, so dick wie ‚ne Walnuss. Den Großteil von dem Ding haben sie rausgeschnippelt. Aber es wächst nach. Vielleicht krepiere ich daran… ist voll die Kacke.“ Er grinste mit Galgenhumor.

„Mensch, guck mich nicht so entsetzt an. Ich bin übrigens Olli. Hier ein VIP. Ein ständiger Gast, weil ich alle paar Monate wiederkomme.“

Kurz erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich wusste nicht recht, ob der Junge Mitleid erwartete oder nur etwas Aufmunterung.

Betont forsch tröstete ich ihn: „Das wird schon wieder, Alter.“

Mein Bettnachbar schüttelte resigniert den Kopf. „Das wird es nicht. Aber wenn regelmäßig daran geschnitten wird, kann ich damit fürs Erste leben.“

Der Junge schaute den ganzen Tag wie besessen in sein Handy. Dabei sah er total entrückt aus.

Endlich überwand ich mich und fragte ihn: „Kann ich kurz dein Smartphone haben? Meines wurde von einem meiner Angreifer gestohlen.“

„Wow, das ist ätzend“, meinte er und reichte mir sein Handy

rüber, stellte aber mit Nachdruck klar: „Nur ganz kurz. Ich brauche es gleich wieder.“

„Das muss was ganz Wichtiges sein, wenn du es keine fünf Minuten aus der Hand geben kannst!“

Mit ernsthaftem Gesicht erwiderte er: „Das ist mein Second Life.“

Aber weiter ließ er sich darüber nicht aus. Dummerweise konnte ich mich nicht in Facebook einloggen. Es war etwas mit meinem Account. Auch das Passwort wurde nicht akzeptiert. Da Olli bereits nach seinem Handy gierte, gab ich es ihm unverrichteter Dinge zurück. Ohne Smartphone fühlte ich mich erst richtig lost. Die Reise in die Freiheit war bis jetzt ein Flop.

*

Nach dem Krankenhausaufenthalt klebten nur noch ein paar Pflaster in meinem Gesicht. Ein neues Smartphone war meine erste Anschaffung.

Facebook hatte ich wieder aktiviert, aber Gustav schien sein Konto deaktiviert zu haben. Als ich mich von Olli verabschiedete, meinte er: „Alter, ich komme dich besuchen. Egal, wo du sein wirst.“

Das bezweifelte ich und war mir sicher, meinen Bettnachbarn nie wiederzusehen.

Nach der Prügelei wollte ich sofort aus der Gegend meiner Niederlage abhauen. Das Phantasiealand stand unter keinem guten Stern.

Im Speisesaal des ICE tröstete ich mich mit einem üppigen Frühstück. Je weiter der Zug rollte, umso besser ging es mir. Am späten Nachmittag näherte er sich einer Ortschaft namens Kümmeltal. Kurz vor der französischen Grenze.

Aus dem Zugfenster sah die Landschaft wie aus einem Reisekatalog aus. Eingebettet in grüne Wiesen, umgeben von dichten Wäldern, leuchteten die Fachwerkhäuser in der späten Nachmittagssonne.

Im Reiseführer wurde der Zoo als besondere Attraktion herausgestrichen. Nach dem Frust, wollte ich ein bisschen relaxen.Auch die Jugendherberge im Ort war gut bewertet.

Zu Tieren hatte ich schon immer eine besondere Verbindung. Sie sind cool und im Gegensatz zu Menschen anständiger. Ihnen ist auch egal wie jemand aussieht. Viele entwickeln sogar zueinander Mitgefühl und Treue.

Trauernde Gorillas, Hunde und Wölfe sind keine Seltenheit. Nicht wenige bleiben sich ein Leben lang treu wie Schwäne oder Aaskrähen. Daran könnte sich mancher Mensch ein Beispiel nehmen.

Die Kirchturmuhr schlug zur vollen Stunde. Es war 18.00 Uhr als der Zug langsam im Bahnhof einrollte. Nur zwei Leute stiegen aus.

Auf dem angrenzenden Marktplatz, umgeben von knorrigen Platanen, spielte eine Gruppe Männer Petanque. Das französische Spiel mit den Kugeln haben wir oft im Zirkus gespielt.

Es juckte mich in den Fingern mitzumachen. Aber einköstlicher Geruch von würzigen Grillhähnchen lenkte mich ab. Der verlockende Duft kam gegenüber von der Rathausschenke. Davor stand eine Bratstation mit rotierenden Hähnchen. Auf einer grauen Schiefertafel stand: „Heute Grillhähnchen im Angebot.“ Da war ich nicht mehr zu halten und riss schwungvoll die Tür auf.

Unglaublich. Wer saß da live und in Farbe? Gustav, mein Kumpel, der Löwenbändiger. Vor ihm stand ein Teller mit einer großen Portion Fritten mit Mayo und einem halben Hähnchen.

Als er mich sah, sprang er sofort auf.„Krass. Ich glaub es kaum. Dat is’n Ding, du hier, mein Lieblingszwerg. Wat’n irrer Zufall.“

Bei dem Wort „Zwerg“ zuckte ich verärgert zusammen. Ständig der Hinweis auf meine fehlende Größe! Verärgert murrte ich: „Wie heiße ich, du Vollpfosten? Oder hast du schon Demenz?“

Gustav grinste: „Cool down, Kleiner. Soll ich dich auf den Stuhl heben?“

Bitterböse sah ich ihn an. Um auf den freien Stuhl zu gelangen, stemmte ich mich hoch und rutschte auf die Sitzfläche.

Gustav grinste über das ganze Gesicht. Mit seiner Gabel spießte er ein paar fettige Fritten auf, schob sie in den Mund und bemerkte kauend: „Super, du bist noch voll fit. Warum konnte ich dich telefonisch nicht erreichen?“

Ich seufzte und erzählte ihm von meinen entsetzlichen Erlebnissen.

„Mann, dich kann man nicht alleine lassen!“, erwiderte er kopfschüttelnd.

Dann erzählte er mir begeistert von seinem neuen Job als Raubtierpfleger. „Die Arbeit im Zoo ist genial. Geregelte Arbeitszeit und ich bin unter Raubkatzen.“

Nachdenklich sah er mich an. „Vielleicht kann ich dich bei uns einschleusen.“

Verächtlich sah ich ihn an und brummte: „Soll ich als doofer Depp, als Lachfigur, zur Schau gestellt werden?“

„Sei nicht blöd. Du könntest auch als Tierpfleger arbeiten!“

Das permanente Dauergrinsen verschwand aus seinem Gesicht.Er wurde ungewohnt ernst. „Echt kein Witz, Alter. Direktor Karamba braucht ständig neue Leute.

Wer will auf Dauer in einem Kaff versauern? Nach kurzer Zeit hauen die meisten ab. Abends werden im Ort dieBürgersteige hochgeklappt.“

Ich überlegte einen Moment, dann fand ich die Idee genial.

Nach Frankreich wollte ich irgendwann später fahren.

Carlos Karamba, der Zoodirektor, fackelte nicht lange und stellte mich ein. Noch dazu, weil mich Gustav über den grünen Klee lobte.

Außerdem überzeugte ihn, glaube ich, meine ausgeprägte Muskulatur. Damit wirkte ich ziemlich stark.

Zuvor hatte ihm ein Mitarbeiter gekündigt und ein neuer stand im Startloch. Besser konnte es sich für ihn nicht treffen.

Die Brüder Karamba

Mit Appetit beißt Leo in sein letztes Brot mit Käse. Mit dem neuen Job hat er es gut angetroffen.

Auch ein Zoo ist ein kleines Universum mit eigenen Regeln,denkt er und streckt sich auf der grünen Bank aus.

Die körperliche Arbeit ist zwar anstrengend, aber der Chef ist kein Sklaventreiber wie Onkel Eduardo.

In zwei Monaten werde ich achtzehn und volljährig. Wie gerne wäre ich wie Gustav. Dem darf keiner blöd kommen, sonst kriegt der was auf die Mütze. Menschen, die sich nichts gefallen lassen, kommen besser klar.

Plötzlich steht der Löwenbändiger wie aus dem Boden gewachsen neben ihm. Aus der Tasche seines Arbeitsoveralls zieht er einen zerknitterten Zettel.

„Sieh dir das an. Die Tierschutzaktivisten der Pro Pet sind wieder in Aktion.“

Leo liest: „Demo gegen die Ausbeutung der Zootiere.“

Abfällig verzieht Gustav den Mund. „Kommt dir das nicht bekannt vor? Wie im Zirkus. Wieder die selben Typen mit den gleichen Wurfzetteln.“

Wütend schnaubt er: „Aber auf solchen Demos sind das keine Tierschützer. Eher das Gegenteil.“

„Gus, du kannst nicht alle über einen Kamm scheren. Nur ein paar vertreten radikale Ansichten.“

Gustav stampft in Erinnerung an die Vergangenheit wütend mit dem Fuß auf. „Ich sage dir, sie wollen mit aller Macht

den Zoo kaputt machen. Und alles unter dem Deckmantel des Tierschutzes.“

Leo klopft die Krümel von seiner Hose und versucht ihn zu besänftigen. Er kennt das hitzige Naturell seines Kumpels.

„Reg dich nicht auf. Man muss die Typen überzeugen, dass sie sich irren.“

Gustav zeigt ihm einen Vogel. „Alter, du spinnst. Wie willst du verblendeten Anarchisten klar machen, dass sie auf dem Holzweg sind?“

Er redet sich förmlich in Rage: „Erinnerst du dich an ihre üblen Parolen auf den Transparenten vor dem Zirkuszelt?“

Leo nickt und fügt nachdenklich hinzu: „Der Wortlaut war wirklich ähnlich. Auch hier schreiben sie: „Wir setzen uns für ein Totalverbot von Zootieren ein! Die Tiere werden ihrer Bedürfnisse beraubt.“So’n Blödsinn.“

Er zeigt auf den letzten Satz: „Alle Zuschauer werden aufgerufen, keine Eintrittskarten mehr zu kaufen.“

Gustavs Gesichtszüge versteinern sich. Die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. Er beißt sich auf die Lippe. „Für mich war der schlimmste Moment, als die Löwen abgeholt wurden.“

Verzweifelt stöhnt er: „Alles blinder Aktivismus, den die Typen an den Tag legen. Keiner von denen kennt das Geschäft mit Tieren so gut wie wir.“

Aus seiner Stimme tropft Zynismus: „Wollen die auch ein Haltungsverbot für Katzen und Hunde in Wohnungen?“ Er lacht verächtlich: „Soll es auch keine Pferde, Blindenhunde und Polizeihunde mehr geben?!“

Leo springt von der Bank runter. „Nun übertreib nicht.

Man kann alles von zwei Seiten betrachten. Es ist wichtig, gegen miese Haltungsbedingungen vorzugehen. Leider machen sich manche Tierschützer keinen Kopf darüber, wie es wirklich ist.“

Sein Kumpel nickt und dann bricht es wie ein stürmisches Gewitter aus ihm heraus.

„Erinnerst du dich? Vor einiger Zeit haben Tierschützer aus dem Zusammenhang gerissene Filmszenen gepostet. Zirkuslöwen liefen unruhig auf und ab. Angeblich aus Langeweile. Dazu haben sie geschrieben, die Tiere würden verrückt. So ein Unsinn. Aus freudiger Erwartung auf ihr Futter sind sie hin- und hergelaufen.“

„Du hast recht. Manche der Typen sind verblendet“, pflichtet ihm Leo bei. „Es ist auch wahr, dass unter Demonstranten Radaubrüder ihr Unwesen treiben. Dennoch kannst du nicht alle verdammen.“

„Tue ich nicht“, erwidert der ehemalige Dompteur erregt. „Ich will nur etwas klarstellen. In freier Wildbahn schaffen es Löwen mit etwas Glück auf 10 bis 12 Jahre. Im Zirkus oder Zoo werden sie locker 24.“

Er wickelt einen Kaugummi aus dem Stanniolpapier und stopft ihn in den Mund. Kauend schimpft er weiter.

„Die Idee ist bekloppt, alle wilden und exotischen Tiere abschaffen zu wollen. Sie aus der Nähe zu betrachten, ist besser als digital oder in der Glotze.“

Beide sitzen noch eine Zeit schweigend nebeneinander. Als Erster erhebt sich Gustav gähnend.

„Hey, Bruder, wohin hast du dich gebeamt? Wir haben jetzt Feierabend.“

„Zum Runterkommen ist es hier super. Ich mag es, wenn die Sonnenstrahlen auf das Gefieder der Flamingos fallen.“

„Du bist ein unverbesserlicher Romantiker. Das sind blöde, langweilige Viecher. Die haben ‚nix‘ in der Birne“, meint der Löwenflüsterer.

Leo schaut zu den rosaroten Vögeln. „Ich finde sie toll. In der Mythologie bezeichnet man diese Tiere als Feuervögel und Phönixe. Sie symbolisieren ewige Liebe.“

„Was für’n Quark. Wo gibt es die denn?“

„Kein Blödsinn. Der Flamingo steht auch als schamanisches Krafttier für Ruhe, Konzentration und Gelassenheit.“

Gustav grinst frech: „Was sind Schamanen, du Brainy?“

„In manchen Kulturkreisen Heiler und Magier.“

„Also doch Quacksalber.“

Zusammen begeben sie sich zur Personalgarderobe. Das angebaute Haus daneben bewohnen die beiden Brüder und Zoodirektoren. Carlos Antonio Karamba und sein jüngerer Bruder Luis Diego, kurz Ludo genannt. Zwei unterschiedlicher als Feuer und Wasser.

Der ehrgeizige Forscher, Erfinder und Zootierarzt, vergräbt sich am liebsten in seinem Kosmos. Dazu gehören Algorithmen, Formeln, Computerprogramme und Inhalte von Reagenzgläsern. Seine dicke Brille mit den runden Gläsern sitzt meistens schief auf der Nase. Der wilde, schwarze Haarschopf ist zu einem „Half Bun“ gebunden, einem Knoten auf dem Kopf mit seitlich herunterhängenden Haaren. So hängen sie ihm nicht störend is Gesicht. Der lange, dünne Körper steckt entweder in einem weißen oder grünen Arbeitsoverall. Aus seinen Schuhen lugen meistens knallbunte Socken hervor.

Sein älterer Bruder ist klein und kugelrund. Ihn ziert nur spärlicher Haarwuchs. Wenn er in Fahrt kommt, wundert sich jeder über dessen Schnelligkeit und Temperament. Das Team weiß, auf ihn ist Verlass, aber wehe, einer widerspricht ihm.

Da er meistens einen grünen Overall trägt, wird er auch für einen Tierpfleger gehalten. Noch dazu, weil er überall anpackt, wo Not am Mann ist.

Unter seiner Leitung entwickelte sich der Zoo zu einer Attraktion weit über Kümmeltal hinaus. Besucher kommen von weit her, um die vielen Tierarten zu sehen.

Beide Brüder lieben sich. Aber es hindert sie nicht, auch oftmals heftig miteinander zu streiten.

Als Leo und Gustav aus ihrer Arbeitskleidung schlüpfen, werden die Brüder nebenan laut.

„Die Umsätze gehen zurück, porco miseria“, poltert Carlos.

„Wir brauchen mehr Besucher!“

Vor Aufregung überschlägt sich seine Stimme. „Und du

beschäftigst dich nur mit blödsinnigen Versuchen, die keinen Cent einbringen. Kümmere dich lieber um unser Marketing.“

„No te preocupes!“, schreit sein Bruder erbost zurück.“

„Rede Deutsch, Junge! An deinen Sprachkenntnissen hapert es noch.“ Carlos’Stimme klingt streng.

„Aber du bist an unserer finanziellen Misere schuld“, schreit Ludo aufgebracht. „Überleg mal. Wie viel hast du für

artgerechtere Gehege investiert? Massenhaft Knete. Jetzt haben wir den Salat. Die Kommune drückt nicht mehr Geld ab. Wenn kein Wunder geschieht, sind wir pleite. Aber ich sorge dafür, dass das nicht passiert. Du wirst sehen.“

Theatralisch wirft der forschende Tierarzt die Hände in die Luft und ruft: „Mein Durchbruch in der Forschung steht kurz bevor. Bald werden die Besucher in Massen zu uns strömen, Carlito. Erfolg und Reichtum sind uns gewiss.“

Bei dem Wort „reich, zuckt Gustav, im Begriff, in seine Jeans zu steigen, zusammen. Er, immer chronisch pleite, träumt von Reichtum. Zu seinem Leidwesen setzen die Brüder das Gespräch gedämpft fort. So sehr er die Ohren spitzt, kein Wörtchen ist zu erfahren. „Mist! Wenn der Zoo in die Miesen geht, erleben wir noch einmal die gleiche Misere. Das endet in einer Kündigung.“

Leo wechselt den Overall gegen eine Jeans und winkt ab. „Cool down, Alter. Mach dir keinen Kopf. Erst abwarten.“

Gemeinsam verlassen sie das Zoogelände.

Draußen schließt Gustav das Schloss eines neuen E-Bikes auf. „Habe ich seit gestern“, bemerkt er mit Besitzerstolz.

„Kein Wunder, dass du ständig blank bist. Mir reicht meine alte Alugurke“, erwidert Leo mit leichtem Spott. „Lieber spare ich auf ein E-Auto.“

*

Die Brüder verstummen, als sie Geräusche von nebenan hören.

„Psst“, flüstert Ludo.

„Wir brauchen keine Mitwisser. Später erfährst du alle Einzelheiten, Carlito.“

Obwohl Carlos die spanische Verkleinerungsform seines Namens hasst, ignoriert das sein Bruder. Für ihn fühlt er sich der erste Zoodirektor immer noch verantwortlich. Fast wie ein Vater.

Der Vorwurf seiner Exfrau Linda, er kümmere sich mehr um ihn als um seine Tochter, trifft ihn hart. Vor allem, weil etwas dran ist. Seine kaputte Ehe bleibt sein wunder Punkt. Obwohl Samantha die Schulferien bei ihm verbringt, ist das mit normalem Familienalltag nicht vergleichbar.

Bevor Ludo den Raum verlässt, wispert er: „Wenn ich nach der Abendrunde zurückkomme, erzähle ich dir etwas Spektakuläres. Mit den daraus entstehenden Einnahmen werde ich meine Arbeitsräume modernisieren.“

Obwohl die Finanzen hinten und vorne nicht reichen, ist zumindest sein Labor im technisch-digitalen Bereich auf dem neuesten Stand. Das Geld für dieses Equipment schmilzt schneller als Wassertropfen auf einem heißen Stein in der glühenden, spanischen Mittagssonne.

Mit freudiger Erregung schaut er auf ein Reagenzglas.Der durchschlagende Beweis meines Experiments schwimmt dort in klarer Flüssigkeit. Die Befruchtung einer Eizelle mit einer anderen tierischen DNA und modifizierten Stammzellen hat geklappt. Was wird wohl Carlos dazu sagen?

Seine digitale Sprachassistentin reißt ihn mit ihrer ewig gleichbleibenden Stimme aus den Gedanken: „Ludo, kümmere dich um die Patienten. Es ist an der Zeit, die Tiere medizinisch zu versorgen“, tönt es aus dem Lautsprecher.IhreSprechweise bräuchte ein Update in einer anderen Tonlage.Sie nervt mich,denkt er frustriert, holt die Behandlungstasche und verlässt das Labor.

Als Tierarzt ist er zweifellos fachlich genial, aber seine wahre Leidenschaft sind Experimente. Tiere betrachtet er nüchterner als die Leute, die sie verhätscheln und vermenschlichen.

Als er zurückkommt, sitzt sein Bruder lesend im Schein der Wohnzimmerlampe. Wegen der kühlen Abendtemperatur lodert ein behagliches Feuer im Kamin.

Carlos legt die Zeitung weg. „Was willst du mir erzählen?“

Ludo sieht ihn geheimnisvoll an. „Du wirst dich wundern. Seit Monaten experimentiere ich mit tierischer DNA. Bereits in Spanien und im Silicon Valley habe ich damit geforscht.“

Carlos gähnt gelangweilt. Diese Experimente haben ihn nie vom Hocker gerissen, aber er hört geduldig zu.

In den dunklen Augen des Bruders, hinter den Brillengläsern, funkelt Enthusiasmus. „Es ist mir endlich gelungen, die DNA eines Kaiserpinguins in die Eizelle eines Flamingos einzuschleusen. Ist das nicht genial?“

Carlos sieht ihn entsetzt an. „Das ist Wahnsinn!“

„Nö, das ist die Zukunft.“

Ludos Gesicht glänzt und rötet sich vor Aufregung.

„Stell dir vor, ich setze das genetisch manipulierte Material einem Flamingo zum Ausbrüten ein. Die Brutphase beginnt. Lucy, das größte Weibchen, erscheint mir am geeignetsten.“

Carlos schüttelt ungläubig den Kopf. „Du bist komplett loco, locissimo.“

Sein Bruder zuckt mit den Schultern. „Es kommt auf einen Versuch an. Wenn das Hybridküken geschlüpft ist, setze ich ihm als Upgrade einen Chip mit künstlicher Intelligenz ein.“

Der Zoodirektor protestiert energisch: „Auf keinen Fall. Schäme dich. Ein entsetzlicher Gedanke. Du kannst keine Kreatur zum digitalen Monster umpolen.“

„Reg dich nicht auf. Zuerst kommt der Versuch, den Hybriden zu erschaffen. Wenn das erste Küken geschlüpft ist, werden sie uns die Bude einrennen.“

Carlos ist nicht leicht zu überzeugen, obwohl sein Bruder

ihn wie ein Wasserfall mit Argumenten überschüttet. In leuchtenden Farben malt er eine bessere Zukunft des Zoos.

„Das Experiment wird spannend. Setzt sich der Flamingo oder der Pinguin stärker durch?“

Der Zoodirektor sieht ihn mit gemischten Gefühlen an.

„Du stellst dir das so einfach vor. Das Weibchen muss aus dem Gehege geholt werden. Das Ganze läuft auf einen operativen Eingriff hinaus. Ob das klappt, ist fraglich. Wann willst du diese verrückte Aktion starten?“

„Noch heute Nacht“, flüstert Ludo beschwörend.

„Was? Heute noch? So schnell?“

„Komm, Carlito! Hol das Gewehr mit den Betäubungspatronen.“

Der Zoodirektor fühlt sich überrumpelt. Es hat ihm förmlich

die Sprache verschlagen. Sein forschender Bruder hat schon oft für Überraschungen gesorgt. Aber das ist mit Abstand das Absurdeste.

„Wir müssen schnell handeln“, drängt Ludo. „Die Flamingos bauen bereits ihre Schlammnester. Jetzt ist der beste Zeitpunkt, einem Weibchen die befruchtete Eizelle unterzuschieben.“

Endlich hat Ludo gewonnen. Seufzend holt Carlos die Flinte und die Patronen mit dem Betäubungsmittel.

Die Kirchturmuhr schlägt Mitternacht, als die Brüder aufbrechen. Eine dunkle Wolke verdeckt zum Teil den Vollmond. Ein Käuzchen ruft mit langgezogenen, klagenden Tönen: „Huu-huhuuuu-Huuuu!“

Es ist stockdunkel und die Zooatmosphäre in der Finsternis der Nacht unheimlich. Das spärliche Licht wirft gespenstisch Schatten auf die Wege. Ludo schiebt die große Schubkarre. In der rechten Hand schwingt er eine LED-Taschenlampe, um das Gehege der Tiere auszuleuchten.

Der Mond schiebt sich kurz hinter einer dunklen Wolke hervor. Vorübergehend erhellt sein Licht den Bereich der rosaroten Vögel. Die meisten schlafen und stehen auf einem Bein. Ihre Köpfe haben sie ins Gefieder gesteckt. Lucy, das auserwählte Weibchen, starrt die Männer mit ihren rot geränderten Augen an.

„Hier, du schießt!“ Carlos reicht seinem Bruder das Gewehr.

„Ich habe es zu lange nicht mehr benutzt.“

Ludo zögert einen Moment, bevor er mit zusammengekniffenen Augen das Ziel fixiert und abdrückt. Mit einem leisen Plopp landet das Geschoss im Gefieder.

Das Tier spreizt die Federn und schüttelt sich. Die anderen erschrecken und laufen schnatternd in alle Richtungen.

Ungeduldig warten die Brüder auf die Wirkung des Betäubungsmittels. Nach etwa zwei Minuten sackt der rosarote Vogel in sich zusammen.

Als er wenig später auf der Arbeitsplatte des Behandlungstisches liegt, atmet der forschende Tierarzt erleichtert auf. Die erste Hürde ist genommen.

„Geh ins Bett, Carlos“, flüstert er. „Der Rest ist mein Part.“

Der betäubte Flamingo sieht wie tot aus. Ein Flügel hängt schlaff vom Behandlungstisch herunter. Überall im Raum schweben kleine, weiße und rosafarbene Federn. Als wären mehrere Hühner gleichzeitig gerupft worden.

Konzentriert macht sich Ludo an die Arbeit und führt sorgfältig sein geplantes Werk aus. Es muss schnell gehen, bevor die Betäubung nachlässt.

*

Zur selben Zeit verbringen die beiden Freunde Leo und Gustav den Abend in der Rathausschenke. Es ist spät, als sie aufbrechen.

Leos Heimweg führt am Bahnhof vorbei. Danach durch eine kleine Seitenstraße mit alten, teils baufälligen Häusern. Die Gegend macht einen wenig einladenden Eindruck. Zu guter Letzt muss er einen dunklen Hinterhof überqueren. Auf einmal stutzt er. Aus einem Müllcontainer kommt ein klägliches Winseln. Dazu ein scharrendes Geräusch wie von Tierpfoten.

Leo spitzt die Ohren und bleibt stehen. Den Containerdeckel kann er wegen seiner geringen Größe nicht hochheben. Er ist wie so oft ein unüberwindbares Hindernis. Beiläufig fällt sein Blick auf ein altes, verrostetes Fahrrad, das mit einem Platten an der Hauswand lehnt.

Nach kurzem Zögern schiebt er es an den großen Abfallbehälter, klettert auf den Sattel und hebt den schweren Deckel mit beiden Händen hoch.

Auf übel riechendem Müll steht eine offene Holzkiste mit drei winzigen schwarz-braunen Fellbündeln. Welpen. Vermutlich sind sie erst wenige Tage oder Wochen alt. Jämmerlich fiepend purzeln sie unter- und übereinander.

Bei dem Versuch, sich nach dem Karton zu strecken, kippt das Rad zur Seite.

Unsanft landet Leo auf seinem Hinterteil. „Aua“, ruft er, und beißt vor Schmerz die Zähne zusammen.

Plötzlich steht ein bärtiger, zerlumpter Mann neben ihm und fragt: „Kann ich helfen?“

Als er sieht, worum es sich handelt, langt er in die Abfalltonne. Mit einer Hand befördert er den Kasten samt Inhalt nach draußen.

„Mach damit, was du willst“, brummt er und schlurft hinkend davon.

Leo sieht sich in der Verantwortung und nimmt das Behältnis mit dem lebenden Inhalt kurzentschlossen mit. Daheim steht angebrochene Milch im Kühlschrank. Auch Fleischwurst ist noch da. Ansonsten bietet sein Inhalt nichts Brauchbares. Mit Haferflocken, verwässerter Milch und klein geschnittenen Wurststückchen ergibt das eine bescheidene Mahlzeit. Aber besser als nichts.

Im Nullkommanichts haben die Viecher alles verputzt und fiepen weiter. Dabei schauen sie ihren Retter mit glänzenden dunklen Knopfaugen neugierig an.

Leo rümpft bei ihrem bestialischen Gestank die Nase.

„Ihr stinkt schlimmer als eine Müllhalde. Ab mit euch unter die Dusche.

Als der Wasserstrahl über sie platscht, kacken zwei vor Angst in das Duschbecken. Selbst nach einer Runde Shampoo riechen sie noch ekelhaft. Baden ist nicht ihr Ding.

Wütend versuchen sie zur knurren und die kleinen, messerscharfen Zähne zu fletschen. Das sieht eher komisch als gefährlich aus.

*

Am folgenden Tag packt der Tierretter die Fellbündel in den Fahrradanhänger. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie zur Arbeit mitzuschleppen.

Carlos Karamba hat gerade das Personal zur Morgenandacht, der täglichen Dienstbesprechung, versammelt. Heute geht es hoch her. Die Mitarbeiter sind nicht unter einen Hut zu bringen.

Mit einem karierten Taschentuch reibt er den Schweiß von der Stirn. Wenn er sich aufregt, beginnt er zu schwitzen.

„Also noch einmal zum Mitschreiben, Leo und Colette tauschen Flamingos mit Papageien. Basta.“

„Oh, non, non. Ich ‚abe keinen Bock, die Flamingos zu versorgen.“ Bei Aufregung ist der französische Akzent der Tierpflegerin deutlicher als sonst. Entschieden schüttelt sie den Kopf mit den schwarzen Dreadlocks. Dabei bebt ihre Nase mit dem Ringpiercing.

Der Zoodirektor zuckt bei dem Protest zusammen. Gerade will er sie zurechtweisen, weil Widerspruch generell seine Autorität untergräbt. Er setzt an und verstummt, als er Leo entdeckt. Zu seinem Entsetzen hat der Kleine eine Kiste mit fiependem Inhalt dabei.

Entgeistert brüllt er: „Was ist das? Que pasa? Que pasa? Seid ihr alle irre?“

Er räuspert sich: „Keiner darf seine Haustiere mit zur Arbeit bringen? Macht hier jeder, was er will?“

„Das sind nicht meine“, stottert Leo erschrocken. „Ich musste die Hündchen gestern Nacht aus einem Müllcontainer retten.“

Ludo tritt hervor, packt einen mit zwei Fingern und hält ihn an der lockeren Nackenfalte hoch. Prüfend betrachtet er das zappelnde Etwas.

Mokant grinst er: „Wenn das Hunde sind, fresse ich einen Besen. Das sind Wolfsjunge. Wenn wir sie zu ihren Artgenossen stecken, würde sich das Problem vermutlich leicht lösen. Aber noch besser wäre, sie einzuschläfern. Das würde sie friedlich in die ewigen Jagdgründe befördern.“

Er ist ganz der nüchterne Tierarzt, als er das sachlich vorschlägt.

Lauter Protest prasselt daraufhin auf ihn ein. „Elender Tierschinder, Mörder!“

Carlos unterbricht den Tumult mit dröhnender Stimme: „Noch ein einziger Zwischenruf…! Derjenige kann dann sofort seine Papiere abholen. Wir entscheiden später, was wir mit ihnen machen!“

„Von mir aus könnten sie vorerst in den Überbrückungskäfig neben dem Labor“, schlägt der forschende Tierarzt vor.

„Gut. Aber jetzt gehen alle an die Arbeit! Für heute ist die Dienstbesprechung beendet!“

Colette und Leo haben für die Tauschmaßnahme Flamingos gegen Papageien kein Verständnis. Aber Diskussionen mit dem Chef führen zu nichts.