Flirren - Helwig Brunner - E-Book

Flirren E-Book

Helwig Brunner

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Beschreibung

Helwig Brunner zeichnet ein Bild von unserer Welt, wie sie im 25. Jahrhundert aussehen könnte. Was bleibt vom Leben, wie wir es heute kennen? Was von unseren Werten? Und wie wird der Rückblick aus der Zukunft auf unser heutiges »Hoffnungszeitalter« aussehen? Flirren erweist sich als Bündel von Fragen, die aus einer fernen Zukunft auf uns selbst, unser Hier und Jetzt, zurückfallen. Wir schreiben das 25. Jahrhundert. Klimakrise, Artensterben und nukleare Katastrophen haben die Erde zu einem unwirtlichen, schwer bewohnbaren Planeten gemacht. Hitze und Dürre flirren auf und über der Welt, Gletscher schmelzen, das Wasser dunstet den Menschen davon. In einem Humanareal lebt der Vergangenheitsforscher Leonard und arbeitet im Auftrag einer mächtigen Behörde daran, einstige Hoffnungsquellen und verheerende Versäumnisse der Menschheitsgeschichte zu beschreiben. Er blickt auf das dunkle Herz des 20. und 21. Jahrhunderts und erinnert sich zugleich voller Trauer an seine große Liebe Lea. Mit seiner umfangreichen Sachkenntnis als Ökologe mit dem Schwerpunkt Energiewende hat Helwig Brunner einen wachrüttelnden Roman geschaffen. Flirren ist ein Versuch, die offensichtlichen Gefährdungen menschlichen, zivilisatorischen und ökologischen Wohlergehens ungeschönt und in kompromisslos genauer Sprache weiterzudenken.

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Helwig Brunner

Flirren

Roman

Literaturverlag Droschl

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet.

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, These IX (1940)

Manchmal habe ich das Gefühl, / ich müßte aus noch einem / und einem weiteren Traum erwachen, / um endlich dort anzukommen, wo ich wirklich bin.

Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg (2006)

Wir müssen uns auf die Hitze, die drängendste und wahrscheinlichste Bedrohung unserer Heimat und Existenz, konzentrieren.

James Lovelock: Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz (2020)

Inhalt

0 die Dinge

1 die Echse

2 das Bild

3 der Kopfhörer (1)

4 die Fährte

5 der Blitz

6 die Wolke

7 die Bewegung

8 der Furor

9 die Zeit

10 der Lehm

11 das Mammut

12 die Bedrohung

13die Spielkegel

14 das Lachen

15 der Traum (1)

16 der Kern

17 das Unkraut

18 der Traum (2)

19 die Randnotiz

20 der Punkt

21 die Lesarten

22 der Exodus

23 das Fallbeil

24 der Traum (3)

25 die Schubumkehr

26 der Raum

27 das Kippbild

28 das Leitfossil

29 das Glück

30 die Zumutung

31 der Traum (4)

32 die Bildungsfahrt

33 der Vortrag

34 der Einwand

35 das Taschenfernrohr

36 die Nachricht

37 der Kopfhörer (2)

38 die Lizenz

39 das Elend

40 der Traum (5)

41 die Hoffnung

42 die Wespe

43 der Nachlass

44 der Besuch

45 die Erzählung

46 der Brennpunkt

47 der Satz

48 der Kopfhörer (3)

49 die Sonne

0die Dinge

»Würden Sie mich bitte in Ruhe lassen. Das Fenster, bleiben Sie vom Fenster weg, ich will die Weite vor mir haben, die Wüste, die Windräder. Nach dem Rechten wollen Sie sehen? Hören Sie, Ihr Auftrag kümmert mich nicht, ich werde an der Erfüllung des meinen gemessen. Man muss, um die Zukunft freizulegen, Tonnen von Schutt beiseiteräumen, den die zerbröselnde Geschichte hinterlassen hat. Man muss tausend Sätze schreiben, um sich dem einen zu nähern, der ungeschrieben bleibt; denn jeder Satz, meinte ein Dichter in den Hoffnungsjahren Europas, sei eine Übersetzung des einen Satzes, den es nur in Übersetzungen gibt. Man muss Beharrlichkeit an den Tag legen, Durchhaltevermögen wider jede Vernunft. Man muss vielleicht sein eigenes Überleben vortäuschen. Man muss, und das ist das Schwierigste, Sätze ertragen, die mit man muss beginnen; tatsächlich, wissen Sie, trägt unsere Zeit einen kategorischen Imperativ in sich, der längst überwunden schien. Ich schreibe ja nicht etwa über mein unbedeutendes Leben, sondern um mein Leben, ganz so, wie draußen in der Wüste mit knirschendem Staub zwischen den Zähnen ein Flüchtling um sein Leben läuft, auf den es die Jagddrohne abgesehen hat. Der sich, wie im Grunde jeder und jede von uns, verloren weiß im toten Nichts einer toten Landschaft und dennoch rennt, solange er noch kann. Er rennt, ich schreibe. Was ich schreibe, ist bloß ein Beispiel, doch dieses Beispiel muss treffend sein, zutreffend über sich selbst hinaus. So lautet die Vorgabe. Aber suchen wir nicht überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge? Kennen Sie Novalis? Aber was rede ich. Sie verstehen mich ja doch nicht. Nun gehen Sie schon!«

1 die Echse

Vor meinem Fenster liegt Mitteleuropa, die gehäutete Echse. Am Horizont ragt der Alpenbogen kahl und grau aus der Ebene, entlang des Grates bilden zweihundert Windräder den Rückenkamm des Reptils. Das Grün, von dem alte Aufzeichnungen und Bilder zeugen, haben Hitze, Trockenheit und Einstrahlung längst von den Hängen geschält. Die Wissenschaft hat über die Jahrhunderte penibel beschrieben, wie zunächst die feuchtkühlen Buchenwälder von sonnendurchfluteten Eichen- und Föhrenbeständen abgelöst, dann die zähen und hartlaubigen Gebüsche, die dem Wald nachfolgten, von der Sonne niedergebrannt und diese zuletzt durch immer niedrigere, immer kargere, immer widerstandsfähigere Formationen des Bewuchses ersetzt wurden. Bäume und Sträucher sind längst aus dem Landschaftsbild verschwunden, aus den Gedanken und beinahe schon aus dem Wortschatz; ihre letzten natürlichen Vorkommen, hört man, sind wie eine aussterbende Eskimosprache auf winzige Reliktgebiete in der Polarregion beschränkt. Bei uns, in der einst gemäßigten Zone, haben sich nahezu vegetationslose, sandig-steinige Wüsten breitgemacht, Erg und Hammada, wie die Wüstenkunde sie nennt. Nur wo in begünstigten Lagen ein wenig Restfeuchtigkeit kondensiert, überdauern in den Halbwüsten kaum knöchelhohe, unansehnliche Polsterpflanzen und Sukkulenten, von denen sich manche mit silbrigem Haarflaum vor der Strahlung schützen, und graue, gelbe oder rötliche Krustenflechten überziehen das Gestein wie eine vernarbte Haut. Einzelne Arten nur haben es während des rasanten Niedergangs, im vergleichsweise kurzen Zeitraum weniger Jahrhunderte, aus den alten Trockengebieten des Südens zu uns geschafft – ein versprengtes Häuflein Überlebender, weit entfernt von jenem mannigfaltigen Bewuchs, dessen Bestandsaufnahme einst Generationen von Vegetationskundlerinnen und Geobotanikern beschäftigte. Im Showdown der Geschichte hat auch die Pflanzenwelt jede Selbstähnlichkeit eingebüßt, ganz wie der Mensch, das seltsamste und fast schon kümmerlichste aller Gewächse.

Ich lasse von der Tastatur ab, strecke mich im Sessel und lasse meine Handgelenke knacken. Vor meinem Fenster liegt Mitteleuropa, die gehäutete Echse … Diesen Satz werde ich nun jedes Mal lesen, wenn ich hochscrolle an den Anfang meiner Aufzeichnungen, und ich weiß, dass ich das immer tun werde, sobald ich nach einer Unterbrechung – bedingt durch eine Mahlzeit, den Stuhlgang, den leidigen, von Albträumen zerrütteten Schlaf oder eine Pause für die schmerzenden Gelenke – meine Arbeit wieder aufnehme. Ich werde zurückgehen an den Anfang, als ließe sich dort die Echse in eine neue Haut kleiden; als könnte ich mich selbst in einem Häutungsvorgang erneuern. Als wären dort, im Anfang, die Möglichkeiten des Schreibens noch nicht begrenzt durch das bereits Geschriebene, so wie ein urtümliches Lebewesen der einfachsten Art noch jede denkbare Entwicklungsrichtung einschlagen kann, weil noch nicht das fertig Ausgeformte ihm die meisten Wege verwehrt. Kaum eine vollendete Eigenschaft zu haben außer jene der Lebendigkeit selbst – das wäre befreiend. Geschrieben zu haben, bedeutet ja nicht nur, auf den Werdegang des Textes zurückzublicken, sich an seine fremde Gestalt zu gewöhnen, sondern vor allem, Ungeschriebenes unwiederbringlich versäumt zu haben. Ich werde lesen, da und dort berichtigend eingreifen, der Gestalt die eine oder andere Haltungskorrektur verordnen, immer wieder ein Wort durch ein anderes ersetzen, aber nie durch das eine, nach dem ich schon so lange vergeblich gesucht habe. Ich werde weiterhin danach suchen, so wie ich auch jetzt danach suche; in diesem Moment wie in jedem anderen durchkämmt ein Suchtrupp die Welt in meinem Kopf, stochert mit Stangen im Gestrüpp, wie man einst, als es noch Gestrüpp gab, nach vermissten Toten suchte, lauscht nach Tonsignalen aus verschütteten Tiefen, nach Klopfzeichen, die vielleicht nach oben dringen, bloß um festzustellen, dass dort, an der Oberfläche, keine Rettung ist, blickt mit Ferngläsern gegen die Mondscheibe, um ziehende Vögel zu sehen, falls es sie noch gibt. Ach was, retten, entwickeln, erneuern, befreien … was sind das bloß für Traumvokabel, was für ein hohles Pathos, sage ich mir, lehne mich ermattet zurück, rufe mir in Erinnerung, dass es bloß Arbeit ist, nur ein Auftrag, den es für eine Behörde zu erledigen gilt, um noch eine Weile weiterzuleben, nicht mehr als das und nicht weniger. Also schreibe ich weiter, jeden Satz mehrmals wiederlesend, Wort für Wort prüfend, mein eigener Lektor. Die Behörde soll nichts auszusetzen, wenigstens keine offensichtlichen Mängel zu beanstanden haben, sie soll feststellen, dass ich mit den Mitteln, die mir zu Gebote stehen, gewissenhaft gearbeitet habe, sie soll, ehe sie mich vernichtet, wenigstens einen anerkennenden Satz über mich sagen, einen Milderungsgrund nennen, der dem Urteil für die kurze Dauer eines Zögerns, eines möglichen Einwands entgegensteht.

Die Veränderung des Klimas und der Landschaft hat sich seit einigen Jahrhunderten angebahnt und ist zuletzt in einer Geschwindigkeit verlaufen, mit der das Leben nicht Schritt halten kann. Es wird vor unseren Augen in einer Weise vom Planeten gefegt, neben der die bisherigen Aussterbewellen der Erdgeschichte zu harmlosen Randnotizen verblassen.

Man starrt jetzt stundenlang auf die Ebene hinaus, ohne ein einziges Tier zu sehen. Einmal nur, kurz vor Leas Tod, flog ein Wüstenrabe vor meinem Bullauge vorbei, auf torkelnder Flugbahn ankämpfend gegen den böigen Wind, seiner Herkunft nach ein Afrikaner wie die meisten der zu uns geflüchteten Tiere und Pflanzen, eine fast schon unglaubliche Ausnahmeerscheinung, wie mir Luis versichert hat, der es wissen muss, ist er doch als Agrartechniker täglich in seinem Schutzanzug dort draußen unterwegs. Ansonsten sind es nur Sandschlieren und Staubwolken, die über die Landschaft hinwegtanzen. Der Wind, der heute wie an den meisten Tagen in Sturmstärke weht, trägt den entblößten, seiner schützenden Pflanzendecke beraubten Boden ab, bis das Grundgestein zutage tritt. Man kann nicht erkennen, wo das Hitzeflirren endet und die Schwaden des Flugsandes beginnen, die überall in der Luft treiben; beides verbindet sich vor dem Auge zu einem gleißenden Schleier, hinter dem der ferne Alpenkamm sich schemenhaft auflöst. Die Echse macht sich dem Auge rar. Gesehen oder ungesehen, drehen sich auf ihrem Rücken unablässig die riesigen Rotoren der Windräder. Diesen ständigen Starkwind, dieses unerschöpfliche Sonnenlicht hätte man sich damals wohl gewünscht, als man am Beginn des dritten Jahrtausends noch an eine Klimawende glaubte, gegen allerlei kleinliche Widerstände die Errichtung von Windparks und Solarfeldern zäh vorantrieb und dabei mit Flauten und einer schwächelnden Wintersonne zu hadern hatte. Mittlerweile denkt niemand mehr, das Inferno damit aufhalten zu können. Der elektrische Strom, den Wind und Sonne uns in schier unerschöpflichen Mengen liefern, speist vor allem die Kühlsysteme, die uns vorläufig am Leben halten – eine Spirale aus Produktion und Verbrauch, die irgendwann unvermeidlich in sich zusammenbrechen muss.

Auch auf der Sonne, so hat es in der Früh der meteorologische Datenspiegel gemeldet, stürmt es heute vermehrt, Sonnenwinde strömen in den Weltraum und setzen dem Erdmagnetfeld zu, dass die Kompassnadeln zittern. Am Rand der Sonnenscheibe hat sich, von einer Raumsonde genauestens dokumentiert, zuletzt eine Säule aus heißem Plasma gebildet, die mehr als sieben Erddurchmesser weit ins All ragt. Während Hitze und Strahlung draußen wie unsichtbare Geschoße gegen die dicke, selbsttönende Mehrfachverglasung meines Fensters prallen, sitze ich hier bei erträglicher Raumtemperatur in meiner Wohnzelle wie eine Wespenlarve in ihrer papierenen Wabe und habe mit viel Elan zu schreiben begonnen, in bester Absicht ausgehend vom Unstrittigen und Offensichtlichen, das kaum meiner persönlichen Lesart unterworfen ist. Bald werde ich diesen sicheren Boden verlassen müssen, bewehrt zwar mit dem Stachel meiner Sprache, doch im Grunde schutzlos, wie ich wohl weiß.

Stickig ist es hier, seit Tagen riecht es nach verschmortem Kunststoff; Gerüchte gehen um, die Innenklimatisierung des Humanareals gerate allmählich an ihre Leistungsgrenzen. Armdicke Kabelstränge würden in ihren Schächten heißlaufen und glühen, hat jemand auf Public Rumour gepostet, die Ummantelung mancher kritischen Leitungsabschnitte koche und rauche bereits. Von öffentlicher Seite werden solche Behauptungen ebenso wenig bestätigt wie dementiert. Immer wieder läuft hier allerdings Personal ein und aus, möglicherweise stehen Arbeiten an der Klimaanlage bevor, oder die Aktivitäten werden nur vorgeschützt und man überwacht mich, versucht mich gezielt zu stören. Vielleicht sollen meine Entschlossenheit, meine Beharrlichkeit, mein Wert als menschliche Ressource auf die Probe gestellt werden, und die mutwillige Geruchsfreisetzung liefert den Vorwand dafür, den standardisierten Testfall; oder es ist eben doch umgekehrt und man will fürsorglich prüfen, welches Ausmaß die Geruchsbelästigung und die Belastung der Atemwege in den Wohnzellen bereits erreicht haben. Ich kenne die Aufträge der anderen so wenig wie sie den meinen. Doch jeder und jede von uns steht hier ständig unter Leistungskontrolle oder soll es zumindest glauben oder glaubt es von sich aus, auch wenn es vielleicht nicht der Fall ist. Es ist eine paranoide Welt; man zweifelt an seinem Verstand und weiß nicht, wer einen ans Messer liefert, wer wem worüber Bericht erstattet, was inhaltliche Anforderung ist, was Kontrollinstrument und was Ausgeburt der eigenen Neurosen, die sich, erklärbar möglicherweise als spätes Echo einstiger katholisch-abendländischer Moralzwänge, unter den unmenschlichen Lebensbedingungen des dennoch sogenannten Humanareals in den Winkeln des Bewusstseins zusammengeballt haben. Man wird verrückt oder ist es schon – nichts ist schwerer zu erkennen als der eigene Wahnsinn. Ich versuche, mich unbeirrt zu geben, bleibe auf meine Aufgabe konzentriert und lasse sie allmählich Gestalt annehmen, um sie irgendwann vielleicht zu lösen oder aber, was wahrscheinlicher ist, geradewegs an ihr zu scheitern.

2das Bild

Ein Anfang ist gemacht, ein Ausgangspunkt mitsamt ersten Richtungspfeilen skizziert. Ich gebe mir Zeit, nehme mir Zeit, verspüre wider alle Vernunft etwas wie Zuversicht, den unausrottbaren Hoffnungsrest eines »dum spiro spero« – eine seltene, wie auf einen späten Sinn gerichtete Gemütsverfassung, die meinen Rücken stärkt, meine Wirbelsäule streckt. Ich stehe auf, gehe die wenigen Schritte zum Bullauge, nehme wie so oft Leas Bild vom Sims, halte den glatten, blassblauen Rahmen in beiden Händen. Er fühlt sich angenehm kühl an. Meine Hände reagieren mit einem Reflex des Festhaltens, mein Gehirn mit einer Erinnerung des Entgleitens. Dieser Widerspruch erzeugt ein leises, körperlich spürbares Ziehen und Zerren in mir, das unaufgelöst bleibt und das ich als Antriebskraft meiner Gedanken zu nutzen bemüht bin. Ich schaue hinaus auf die leicht gewellte Ebene, hinter der die Echse schemenhaft aufragt; mein Denken folgt den sanften Hügeln und Senken. Ich kehre an meinen Schreibtisch zurück, stelle das Bild dort ab, gleich neben dem kristallinen Kalzit, dem glasklaren Stück Doppelspat, das ich mitunter über die Schrift meines Bildschirms halte, um dank der Lichtbrechung des Kristalls jedes Wort verdoppelt zu sehen wie ein Betrunkener – oder wie jemand, der das Wesen der Sprache erkannt hat. Auch kindischen Einfällen folge ich manchmal gerne, betrachte meine Zehen oder mein entblößtes Geschlecht durch den Doppelspat und gebe, nachdem ich mich meines Daseins als zwanzigzehiger doppelschwänziger Bewohner versichert habe, meiner Wohnzelle ein zweites Fenster. Heute genügt es mir, den seltsamen Stein neben dem Bild liegen zu sehen und um die Möglichkeiten zu wissen, die in ihm ruhen.

Kaum nähern sich meine Finger der Tastatur, beginnen sie ihre eigenständige Routine des Schreibens, sie scheinen, zumindest solange ich dem Vorgang nicht zu viel Aufmerksamkeit schenke, über unsichtbare Nervenbahnen mit den Tasten verbunden zu sein. Ich ermahne mich, nur an die Inhalte zu denken, sie gedanklich auszuformen, und mich nicht in hemmender Selbstbeobachtung zu verlieren. Nur am Rande nehme ich wahr, wie der Text schrittweise anwächst, was anfangs noch eine rasche Verdoppelung, Verdreifachung, später nur noch kleine Erstreckungen eines bereits lange gewordenen Weges bedeutet. Wenn du, erlaube ich mir einen Ausflug in die Komfortzone der trivialen Lebensweisheiten, hundert Meilen zurückzulegen hast, musst du neunzig als die Hälfte betrachten. Aber auch: Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Und ebenso: Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurande. Ja, denke ich, und wer den ersten Satz verfehlt, kommt mit dem Text nicht zurande. Ich nicke und greife, da mir nichts Besseres einfällt, mein anfängliches Thema nochmals auf. Mag sein, ich werde die Bausteine später neu zusammenfügen müssen.

Die Landschaft, wie sie sich dem Auge zeigt, ist die aufgeschlagene Seite im Buch der Erdgeschichte. Das einstige Landschaftsbild, das die Chroniken zeichnen, das Kulturland mit seinen Mais- und Getreidefeldern, seinen Obst- und Weingärten, Blühstreifen, Wäldchen und gehölzgesäumten Bachläufen, ist längst überblättert, seit die ausufernde Sonne ein trockenheißes Klima mit konstant hohen Tagestemperaturen um die fünfzig Grad befeuert. Der Zyklus der Jahreszeiten ist weitgehend zusammengebrochen, die Hitze lässt auch im Winterhalbjahr nur noch wenig nach. In der staubigen Weite verfallen unbewohnte Dörfer, niemand will sich an ihre Namen erinnern. Zwei von ihnen kann ich deutlich ausmachen, ein weiteres in der flirrenden Ferne erahnen, wie es sich an die Flanke des Reptils lehnt. In alten Landkarten eingetragene Flurnamen wie Haslau, Grünanger oder Eichkögl haben, abgesehen von ihren Lagekoordinaten in einem abstrakt über die Erdoberfläche gespannten Gitternetz, jeden Wirklichkeitsbezug verloren, weil es heute weder Haseln, Eichen noch sonstiges Grün außerhalb der Agrarhallen gibt. Das spärliche, weißfilzige Graugrün hier und da in der Wüste zählt nicht, da es schon auf wenige Schritte Entfernung unsichtbar wird, aufgelöst im Grau des Sandes und der Steine.

Während dort draußen alles mitsamt seinen sinnlos gewordenen Namen verblasst und versandet, vegetieren wir in der Enge des Humanareals dahin. Auch unsere eigenen Namen ergeben nur noch wenig Sinn. Familie Brunner, denke ich zum Beispiel, hatte wohl einst einen Brunnen bei ihrem Haus – doch beides, Brunnen und Haus, sind bloß noch Erinnerung. Herr Müller nannte eine klappernde Mühle am Bach sein Eigen und ist heute bestenfalls der Mühlenwart riesiger Windräder. Hier im Areal sind wir nur ein paar Zehntausend; gemessen an den einstigen Einwohnerzahlen der Region erscheint das wenig, ist aber doch zu viel, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Dies ist, so witzelt man auf Public Rumour, der noch verbliebene Vorteil unseres in Jahrmillionen erworbenen aufrechten Gangs: dass wir senkrecht eingeschlichtet werden können in beengte Räume. Über Nacht braucht dann alles nur um neunzig Grad geschwenkt zu werden, damit jeder und jede bequem zu liegen kommt.

Die Straßen, die das Humanareal durch doppelte Thermoschleusen verlassen, laufen sternförmig nicht etwa zu den Dörfern, sondern zu den Agrarhallen hinaus. Die riesigen, halbtransparenten Gewächshäuser sprenkeln wie Flecken grünen Scharlachs die Landschaft, Symptom des Fiebers, von dem der Planet befallen ist – dabei sind sie noch die gesündesten Orte, an denen es, wenn auch nur unter hohem technischen Aufwand, immerhin wächst und gedeiht. Krumme, niedrigwüchsige Obstbäumchen und dichte Reihen von Gemüsepflanzen bringen hier streng rationierte Genussmittel hervor, die unsere synthetische, künstlich aromatisierte Grundnahrung ergänzen. Sogar kleine Singvögel, vor allem einige Grasmückenarten, die einst in den Wadis und Oasen Nordafrikas vorkamen, werden unter dem Folienhimmel durch Schutzprogramme am Leben erhalten und dezimieren die Pflanzenschädlinge, die Trauermücken, Schildläuse, Spinnmilben und Thripse, deren Vermehrung unter den feuchtwarmen Bedingungen, die in den Agrarhallen herrschen, nie ganz auszuschließen, sondern nur einzudämmen ist. Ihr einstiges Zugverhalten haben diese Vögel längst abgelegt, sie verbleiben ganzjährig in den Agrarhallen, die für sie die einzigen Überlebensorte sind; zur Vermeidung von Inzucht werden die Kleinpopulationen von Zeit zu Zeit nach einem bestimmten System durchgemischt, indem manche Vögel gefangen und in einer anderen Halle wieder freigesetzt werden. Die Kunst des laufenden Betriebs, hat Luis mir erklärt, bestehe darin, gerade genügend Pestizide einzusetzen, um eine Massenvermehrung der Schädlinge zu unterbinden, und gleichzeitig so wenig, dass die Vögel keinen Schaden nehmen. Ein Fehler, und das labile System breche zusammen. Mehr als einmal schon habe er dutzende Vogelkadaver aus einer Halle schaffen müssen, nachdem man eine aufkommende Schädlingskalamität mit zu reichlichem Gifteinsatz bekämpft habe.

Die Farbe Grün ist, indem sie die spärlichen Reste pflanzlichen Lebens koloriert, zum Symbol der Vergangenheit, der Vergänglichkeit, aber auch des unbeugsamen Überdauerns, des Aufbegehrens und der Wiederkehr geworden. In den klimatisierten Agrarhallen, vor allem in neu angelegten Hallen nach der ersten sparsamen Durchfeuchtung des Bodens, kommen mitunter Pflanzen auf, deren Samen lange in der Erde geruht haben. Sie gelten hier freilich als Unkräuter, als Wasserräuber, und werden, je nach dem Ausmaß ihres Auftretens, entweder chemisch bekämpft oder einfach in den Boden zurückgepflügt. Zuvor aber machen die Botaniker ihre Arbeit, gehen langsam, gesenkten Hauptes über die Flächen und bücken sich hier und da, um die Nachzügler einstigen Lebens zu untersuchen und Proben zu nehmen, die in unserer Zukunft, falls es eine solche gibt, noch von Nutzen sein könnten; denn Ackerwildkräuter, heißt es, sind in Wahrheit keine Unkräuter, sondern genetische Ressourcen und Überlebenspools, die keine abwertende Vorsilbe verdient haben. Grün ist der Werkstoff der Genetikerinnen, wenn sie durch die Übertragung von Erbmaterial aus den zählebigsten Wildformen immer genügsamere Kulturpflanzen entwickeln, die in den Agrarhallen unter geringstem Wasserverbrauch möglichst rasch zur Erntereife gelangen. Was einst die Evolution war, ist heute die Bastelstube der Gentechnik.

Wasser, das liegt bei kaum noch vierzig Millimetern Jahresniederschlag auf der Hand, ist dennoch der Schlüsselfaktor der neuen Landwirtschaft, es muss aufwändig gewonnen und sparsam zugeteilt werden. Da die Wasserfänger, die den spärlichen atmosphärischen Wasserdampf an Kühlelementen kondensieren lassen, den Bedarf nicht decken können, hat man neben jeder Agrarhalle einen Prozesskubus aus massivem Stahlbeton errichtet. Darin oxidiert Wasserstoff, der aus toter Biomasse gewonnen wurde, in einer vorsichtig dosierten Reaktion zu Wasser. Wir alle enden so als Wasser und organischer Dünger. Daran denke ich manchmal, wenn ich einen kostbaren Schluck nehme. Dem Energieeinsatz zur Herstellung des Wasserstoffs und zur Kühlung der Wasserfänger wird heute ebenso wie der bei der Wassersynthese anfallenden Reaktionsenergie nur wenig Beachtung geschenkt, denn Wind- und Sonnenkraft stehen uns praktisch unbegrenzt und ganzjährig zur Verfügung. So haben die Dinge sich umgekehrt: Das einst so bedeutende Prinzip der Brennstoffzellen interessiert heute niemanden mehr, am Wasser selbst aber, ehemals ein unwichtiges Nebenprodukt der Energieumwandlung, mangelt es uns bitterlich; auf seine Gewinnung zielt all der technische Aufwand ab. Einmal hörte ich aus der Ferne einen dumpfen Knall, als durch einen Defekt im System eine kleine Menge des Gasgemisches unkontrolliert zur Reaktion gelangte.

Ich nehme Leas Bild zur Hand, wie ich es oft in Schreibpausen mache, und stelle es wieder auf das Fenstersims zurück, ohne es betrachtet zu haben. Ich kenne jedes Detail auswendig, die weißblonden Haare, die strahlend blauen Augen (die ich einmal huskyblau nannte), die Lachfältchen, die in Richtung Schläfe ziehen, den schmalen Spalt zwischen den oberen Schneidezähnen. Gewiss sind viele Frauen so beschrieben worden, und doch war Lea einzigartig. Ich brauche das Bild nicht anzuschauen, um sie zu sehen. Lea lächelt mir aus dem Rahmen meiner Erinnerungen zu. Ich lächle zurück.

3der Kopfhörer (1)

Das Schreiben und das Erinnern, beides strengt mich an, eine Auflehnung kommt in mir auf, fast eine Empörung: Nein, ich will diese Arbeit nicht machen, die auf Hoffnung abzielt und doch, vorerst zumindest, erbarmungslos auf die Verschriftlichung des Niedergangs hinausläuft. Bin ich denn ein Totengräber, der nicht nur seinen Lebensmenschen, sondern die ganze Welt zu Grabe tragen muss? Ich setze den Kopfhörer auf, hole mir Musik herein, wende mich von der Schreibtastatur ab, ziehe mich in den Klangraum zurück, der mühelos die Jahrhunderte überspannt und mich die zeitgebundenen Bilder der Welt rasch vergessen lässt. Ich höre den erwartungsvoll vibrierenden Dreiklang zu Beginn der Ciaconna aus Johann Sebastian Bachs zweiter Partita für Solovioline, diesen ein wenig gebrochenen Akkord, weil der Bogen nicht drei Saiten gleichzeitig streichen kann, die sonore Feierlichkeit des d-Moll mit der leeren A-Saite in der Quinte, die für einige Momente frei nachschwingt, ehe der Anfangsakkord auf komplexere Harmonien, gewagtere Brechungen, schließlich Zerlegungen in flüssigem, raschem, rasendem Arpeggio zustrebt. Der Stolz, die Ermächtigung des Geigers ist zu spüren, der nach jahrelangem hingebungsvollem Studium die technischen Anforderungen gemeistert und im Einvernehmen mit seiner Guarneri-Violine endlich den auskomponierten Raum mit dem lange schon erahnten Inhalt beseelt hat, gleichzeitig aber auch der Respekt, nein, die Demut, mit der er sich in diesen hochgewölbten, himmelwärts strebenden Raum begibt. Im Anwachsen und Aufblühen der Klänge zeigt sich eine bestimmte, bestimmende Geste der Überschreitung, des Hinauswachsens (über sich selbst, über das Irdische, über das bloß Tänzerische der vorangegangenen Sätze jener Partita), das von eben dieser Demut getragen und überhaupt erst ermöglicht wird. Ich lese auf dem Bildschirm die Noten mit, die ausdrucksstarke Handschrift des alten Meisters in Faksimile, um der Übereinstimmung des Notenbildes mit den so notierten Klängen nachzuspüren – und damit auch dem unmerklichen Haarriss, der sich immer zwischen dem nüchternen Regelkanon tonsetzerischen Handwerks und der musikalischen Idee, dem musikalischen Ideal auftut. Das war ein Jahrhundert, denke ich mir, in dem so vieles noch nicht geschehen und noch nicht einmal angelegt war, dennoch wusste Johann Sebastian ganz genau, was er tat, zu welchem Zweck er seine tönenden (gewiss nicht tönernen) Architekturen errichtete, die als unumstößliches Kapitel in die Musikgeschichte eingehen sollten. Ich lasse mich mittragen, wegtragen von der geballten Kraft, fühle mich plötzlich wie ausgelöst, gleichsam als Fossil herausgeschlagen aus dem steinernen Bett der Zukunft, in der ich mich gegenüber jener Musik befinde; ein Vorgang also, der unverhofft nach einer langen Generalpause eine uralte Gestalt ans Licht bringt. So spannt die Musik ihre Zeit auf, ihre Idee von Ewigkeit. Als das Stück zu Ende ist, nehme ich den Kopfhörer wieder ab, horche noch ein wenig nach, wo nichts mehr ist, nur das neuronale Echo in meinem Innenohr, das geringe Nachvibrieren unausgeformter Ahnungen.

4die Fährte

Wie die Musik verklingt, hinterlassen auch wir kein Abbild, das sich einrahmen lässt. Leas Bild zeigt ein Stück menschlicher Oberfläche, einen aus dem Kontinuum der Zeit gebrochenen Splitter, einen Ausdruck von vielen, die ihre Erscheinung ausmachten. Aber was bedeutet das schon? Das Leben, und mit ihm das Lebewesen, ist anekdotischer Natur, und der Tod, flüchtig hingeworfen und endgültig, ist es auch. Beides ließe sich als Comic oder Graphic Novel zeichnen, in tausend schwarzweißen oder kolorierten Bildern, mit Sprech- und Denkblasen über tausend Gesichtern. Eine leere Gedankenblase über einer abwesenden Person – so sehe ich mich, wenn die Trauer mich auslöscht, mich eintauscht gegen ihre dunkle Schraffur. Die Anekdote aber blitzt unverhofft auf, die sich zum Besten geben oder, wie ihre Wortherkunft es besagt, unveröffentlicht unter Verschluss halten lässt. Anekdoton, das nicht Herausgegebene. Luis hat mir unlängst ein ganz persönliches Exemplar zugeeignet, eine Geschichte, die er, wie er erwähnte, noch niemandem zuvor erzählt hatte. Schreibend stelle ich mir vor, ich würde Lea die Anekdote weiterzählen.

»Als angehender Agrartechniker Anfang zwanzig erledigte ich meine ersten Außenarbeiten, einfache Reparaturen an der Verschalung einer Agrarhalle, und war wie berauscht vom unmittelbaren Eindruck der offenen Landschaft, die ich bis dahin, während meiner gesamten Kindheit und Jugend, nur wie entrückt durch die Fenster des Humanareals hatte sehen können. Schwitzend und keuchend in meinem schweren Schutzanzug folgte ich einmal eine Stunde lang der Fährte eines Fenneks, der einer der Letzten seiner Art im Alpenraum gewesen sein muss. Vor kaum zweihundert Jahren waren die großohrigen Wüstenfüchse zu uns nach Mitteleuropa eingewandert, ähnlich wie zuvor der Goldschakal in den Anfangszeiten der Klimaerwärmung; jetzt im fünfundzwanzigsten Jahrhundert ist die Zeit beider Arten bei uns schon wieder vorüber. Die Fährte, die ich im Sand, mit kurzen Unterbrechungen auf steinigem Grund, über mehrere Kilometer gut hatte verfolgen können, endete plötzlich, als habe der Fennek sich hier in die Lüfte erhoben wie der geflügelte japanische Hund Hainu. Wenn ich mich umdrehte und zurückschaute, sah ich meine eigene Fährte und die des Fenneks im Sand nebeneinander herlaufen, als habe er mich begleitet oder ich ihn. Als hätten wir einander begleitet. Da meinte ich zu begreifen, was Zeit wirklich bedeutet und wie sich mit ihr alles verändert, sich in Luft auflöst und ein für alle Mal verloren geht, was für ein seltenes Geschenk Gleichzeitigkeit ist, und wie die Geschichte, die persönliche Biografie wie die gemeinsame Historie, als Konvolut vieler kleiner Geschichten heranwächst, als Sammelband beiläufiger Anekdoten, wie der Schakal und ich soeben eine in den Sand geschrieben hatten.«

5der Blitz

Wir werden gewartet und reguliert. Man schickt Bakterien durch unsere Adern, die das dort angereicherte Mikroplastik verdauen, ehe sie ihrerseits von unserem fitgespritzen Immunsystem abgebaut werden. Man lässt unsere genetische Information durch Algorithmen laufen, die uns schon in der Jugend mit hoher Treffsicherheit unsere Altersleiden voraussagen; so haben wir dann ein Leben lang Zeit für Vorbeugemaßnahmen, gentechnische Korrekturen oder den gemeinnützigen Suizid, um der Allgemeinheit nicht zur Last zu fallen. Vor allem aber formt man uns zum geistigen Hochleistungshybrid, zum Homo superior zweipunktnull. Der Blitz schlägt ein, die Artschwelle wird durchbrochen, wir lassen den altgedienten Homo sapiens hinter uns. Seitens der Überlebensbehörde wird am Leitbild des Novozäns als Zeitalter einer technoiden Superintelligenz festgehalten, als könne nur dies, und nicht etwa der sang- und klanglose Untergang, die nächste Station unseres Werdegangs sein. An der Verwirklichung dieses Bildes arbeiten Dutzende von Forschungs- und Technikteams fieberhaft und unter Einsatz bedeutender Mittel. Ich hingegen bin gespalten, empfinde zwar dankbare Bewunderung für die Errungenschaften, welche die Hybridisierung von Mensch und Technik mit sich gebracht hat, aber auch ein Erschaudern angesichts der tiefgreifenden Überformung, die unser Menschsein de facto beendet oder aber, so die offizielle Diktion, auf eine neue Stufe hebt. Künstliche und natürliche Intelligenz sind ununterscheidbar geworden.