Flirrendes Licht - Dieter Pflanz - E-Book

Flirrendes Licht E-Book

Dieter Pflanz

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Beschreibung

Zwei Geschwister sehen sich wieder im Haus ihrer Kindheit, Jugend. Wegen der Deutschen Teilung haben sie sich jahrzehntelang nicht treffen können. Zeit: kurz nach der Wiedervereinigung. Das Haus ist das alte Sommerhaus der Familie. Anfang des Krieges, als die Bombenangriffe losgingen, hatte der Großvater Frau und Tochter mit ihren beiden Kindern aus Berlin in dieses Haus übersiedeln lassen, weil er ahnte, was durch den Krieg in der Großstadt passieren würde. So war es gekommen, dass Freya, Helmut in dieser abgelegenen Gegend der Uckermark aufwuchsen. Als Kinder hatten sie hier ein sehr freies Leben geführt, waren im Dorf zur Schule gegangen, hatten immer alles zusammen gemacht - gespielt, gelesen, Schularbeiten erledigt, diskutiert. Kaum beaufsichtigt von den Erwachsenen, weil die in den schweren Kriegs-, Nachkriegsjahren mit Überleben beschäftigt waren. Meistens hatten sich die Kinder damals draußen oder in dem alten kleinen Nebengebäude aufgehalten, das ursprünglich einmal der Stall für die Kutschpferde gewesen war - doch stets hatten sie alles gemeinsam gemacht. Bis es dann in ihrer Jugend zur endgültigen Trennung gekommen war.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dieter Pflanz

Flirrendes Licht

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Es war heiß, sein Rücken schwitzte. Er spürte das Hemd unter dem Rucksack nass werden. Und das schon am Anfang! Vielleicht doch keine gute Idee, den letzten Weg zu Fuß laufen zu wollen - .

Völlig unbekannt. Dunkel unter den hohen Buchen, obwohl draußen die Sonne schien. Hinter den Erlen, Buchen unten am Wasser, am anderen Ufer, dessen Hang steil abfiel, Wiesen, Büsche, Gärten, Häuser nur oben auf der Kante. Kaum zu sehen, einige Dächer, Wände mit Fenstern, darunter zwei, drei Schuppen, ein Gartenhaus, das rund und vornehm aussah. Wahrscheinlich weil es weiß gestrichen war. Vornehm rund und nicht klein, noch von vor dem Krieg. Vielleicht sogar von vor dem Ersten, obwohl das Holz diese lange Zeit schwer überlebt haben konnte. Und dann noch im Hang oberhalb des Wassers. Bestimmt feuchte Luft, fast ständig. Oder es war ein Neubau, ziemlich neuer, nach Plänen der guten alten Zeit. Sozusagen Nostalgiebau ... nach uralten Plänen. Aus der Erinnerung, für die Erinnerung: fürs gute Gefühl - .

Er konnte alles deutlich sehen, obwohl über fünfhundert Meter, tausend weg. Der See hier am unteren Ende nicht breit. Tief eingeschnitten und nicht breit, drüben die Wiesenhänge, auf dieser Seite Wald. Auch drüben etwas Wald, links hinten, weiter weg, hinter den Wiesen, wo‘s keine Häuser mehr gab. Aber anderer Wald: Kiefern anscheinend. Die abfallenden Grashänge früher für die Häuser zum Überleben. Gärten, Schafe, Ziegen, vielleicht ab und zu eine Kuh. Und unten ein alter Kahn zum Fischen.

Die meisten Hänge, die er zwischen den Bäumen hindurch einsehen konnte, sahen so aus, wie wahrscheinlich früher. Nur der weiß leuchtende Pavillon fiel aus dem Rahmen: wollte etwas Besseres sein - . Eindeutig! Auch das Boot unten, die Boote. Ein solides Anlegerfloß, Holzfläche über großen Tonnen, und darauf eine weiß gestrichene Bank. Ebenfalls grell weiß.

Eindeutig: die wollten was Besseres sein!

Frage nur, ob schon zu sozialistischen Zeiten - . Oder noch.

Er hievte den Rucksack ab, setzte ihn auf den sandigen Weg, wollte nach dem Fernglas suchen, um die Einzelheiten drüben genauer erkennen zu können. Schon hatte er die Schnürung gelockert, als er laut „Nein!“ sagte.

Er verschloss den Rucksack wieder, hob ihn zurück auf die Schultern, ließ aber den Bauchgurt offen, damit Luft unter die Rückenauflage kam. Der Weg sandig mit tiefen Einfurchungen von Regenbächen, Treckern, vielleicht auch anderen Autos. Doch schwer vorstellbar, dass hier häufig normale Autos fuhren, müssten ständig von einer Wegeseite auf die andere wechseln, um mit den Bodenblechen nicht aufzustoßen. Selbst das Gehen schwierig, ständig drückten sich die Fußspitzen tief ein, rutschten zur Seite weg. Doch zum Glück Schatten. Immer noch Buchen, jedoch jünger, dünner als unten, und vermischt mit Kiefern.

Während er ging, überlegte er, wie in dieser sandigen Erde Buchen wachsen konnten. Vielleicht reichten die Wurzeln tief runter ins Grundwasser vom See, mehr als fünfzehn, zwanzig Meter waren es nicht. Oder es gab unter dem Sand Lehm, Ton, Geschiebeflächen, noch von der Eiszeit her, und der Sand war erst später aufgeweht worden. Außerdem war dies eindeutiger Nordhang, kaum der prallen Sonne ausgesetzt, selbst ohne die Bäume nicht.

Der Weg zog sich in leichtem Bogen den Berg hoch, war weit zu überblicken, bestimmt einen Kilometer weit. Oder fast. Doch oben, wo er in der Biegung verschwand, wurde es heller, sonniger. Wohl andere Baumarten, Schonungen, niedrigeres Gehölz, - mit Sicherheit heißer, aber vielleicht auch ebener, leichter zu gehen.

Er beschleunigte den Schritt, um die einsehbare Wegstrecke schnell hinter sich zu bringen. Markierungen, die nach Wanderzeichen aussahen, gab es nicht mehr, nur ab und zu kryptische Zeichen an Baumstämmen, die nach Forstzeichen aussahen. Irgendwelche Hinweise für Holzabholung, Kartierungen, vielleicht Besitzanzeigen wenn es Privatleuten gehörte. Obwohl hier bestimmt wenig privat, nach vierzig, fünfzig Jahren Staatswirtschaft - . Oder: grade wieder! Restitution - die Klöster, Kirchen, Güter hatten sich sofort alles wieder unter den Nagel gerissen.

Der Weg wurde sehr heiß. Der Sand, die hellen Steine reflektierten die Sonne, die wegen der dünnen Äste der Kiefern kaum Schatten warf. Er spürte, wie der Schweiß am Rücken herunterlief, schob die Finger unter die Rucksackauflage, um zu kühlen. Auch die Beine wurden wieder schwer, wie jedesmal wenn er zu schnell zu steile Berge anging. Die Venen der Unterschenkel schmerzten, bestimmt schon angeschwollen. Er zog mühsam die Hosenbeine hoch, mit einigem Drehen der Füße im Sand, und sah, dass die Waden dick waren.

Hatte keinen Zweck - . Er setzte sich auf eine Fahrspurkante, stützte den Rucksack auf der Erde ab. Sonst riss noch der Film. Wie damals in der Nacht im Wald, als so schön Schnee lag und Vollmond schien. Er grinste. Und so was dann in einem fremden Wald.

Völlig fremd, überhaupt nicht nachvollziehbar, dass sie diesen Weg früher ständig gelaufen waren - . Nicht die geringste Erinnerung. War natürlich schon Jahrzehnte her, an die vier, um genau zu sein. Oder er hatte sich verlaufen, und es war überhaupt nicht der richtige Weg.

Wahrscheinlich der falsche - aber oben wurde es heller. Niedrige Schonungen oder Ackerland, Wiesen. Er ging langsam weiter, schlurfte fast über den sandigen Boden. Der Druck in den Beinen hatte aufgehört, nur die Stützstrümpfe fühlten sich feucht an: die Haut unten den engen Stützstrümpfen. Doch es war Wind aufgekommen, der angenehm von hinten blies, aus östlicher Richtung. Er war fast auf der Kuppe. Der Wind war schon da, und das Haus damals hatte auf der Kuppe gelegen: - doch nicht verlaufen!

Er ging schneller, nach einigen hundert Metern erkannte er, dass das hellere Licht hinten den Bäumen von Wiesenflächen herrührte. Der Weg ging in eine Art Hohlweg über: rechts weiter die Kiefern des Waldes, links eine mit Büschen bewachsene Böschung, dahinter riesige Wiesenflächen. Soweit man sehen konnte nur Gras, das hinten wieder verschwand, wohl nach unten verschwand, in einen Hangabfall. Keine Häuser, keine Mauern, Zäune, Felsen - nur Gras. Es sah aus, als löse sich diese riesige Fläche in den Himmel auf. Nahtloser Übergang von Gras zu Himmel: grüngraues Gras ... flirrendes Licht ... graublauer Himmel - . Keine Wolken. Nur Wind, der am Böschungsrand das höhere Gras, Blätter bewegte. Das Gras auf den Flächen war zu kurz, als dass man daran den kräftigen Wind erkennen konnte. Dicht hinter dem Wald - am oberen Rand des Waldes, durch den er gekommen war - lagen riesige Mengen gemähtes Gras. Nicht Heu, sondern Grasberge, alt, angefault, wie die illegal entsorgten Garten-, Grasabfälle auf dem Land an Waldrändern, nur dass die Mengen hier weitaus größer waren. Riesig, hundertfach größer, der Anblick deprimierend, besonders gegen den schweifenden Blick nach rechts auf die weiten Flächen. Und den Himmel.

Er ging in den Hohlweg, der steiniger war als der Weg vorher. Die Büsche hinter ihm verdeckten den abstoßenden Blick auf die riesigen Grashaufen, die Sträucher, Bäume links auf der Böschung wurden höher, warfen wieder Schatten. Und plötzlich sah er in dunkleren Rinnen Äpfel liegen, hellgelbe Äpfel gegen grauen Stein. Er bückte sich, hob einen Apfel auf, roch dran. Sommerapfel: richtiger Sommerapfel, Roggenapfel, Klarapfel, voll reif. Er wischte ihn an der Hose ab, schaute nach oben, biss hinein. Weich, vollreif - und oben auf der Böschungskante der Baum. Voller Früchte, nur ziemlich hoch.

Hastig setzte er den Rucksack ab, kletterte den kleinen dornigen Hang hinauf, fand oben im Gras lauter weißgelbe Äpfel. Und groß, für Sommeräpfel sehr groß. Er wühlte in der Hose nach dem Taschenmesser, schnitt einen Apfel durch, probierte. Vollreif, mürbe, süß. Er trug die am besten aussehenden in einer Grasmulde zusammen, überlegte kurz, zog dann sein Hemd vorn aus der Hose, hielt es mit der linken Hand, tat die gesammelten Äpfel hinein. „Roggenäpfel ... ich werd verrückt - .“ Mit Sicherheit veredelt, irgendwann. Vor Jahrzehnten. Er versuchte sich zu erinnern, an damalsdamals, wusste aber nicht, ob hier Äpfel gestanden hatten, - wusste nicht einmal, ob er hier jemals gewesen war. Völlig unbekannt. Der Hohlweg, der ganze Weg unten vom See her - : unbekannt. Er hätte geschworen, nie hier gewesen zu sein. Doch der Himmel bekannt. Der nach weit hinten sich abwärts beugende Himmel bekannt. Unfug natürlich, gab es nicht, doch das leicht steigende Land - mit dem Abfall nach hinten ins flirrende Licht - bekannt. Bestimmt bekannt.

Er setzte sich am Weg unten in die Böschung, ließ die Äpfel aus den Hemdzipfeln ins Gras rollen. Mit dem Taschenmesser schnitt er langsam bedächtig einen Apfel in vier, dann acht Teile, steckte eins in den Mund, kaute, lutschte. Er war durstig. Vielleicht damals hier Felder gewesen, mit Ackerkrume - . Er zerschnitt einen weiteren Apfel, kaute langsam, lutschte die Stücke aus.

War allein nicht zu klären - er musste sie fragen. Die weite Grasfläche fremd, völlig fremd, aber das gebogene Land mit dem flirrenden Licht ganz hinten irgendwie bekannt. Er spürte, wie er müde wurde, legte den Kopf auf das Rückenpolster des Rucksacks, schloss die Augen. Das Licht ganz hinten bekannt - , dachte er, nur die Grasflächen nicht.

2

Er hörte das Auto, dann abruptes Rutschen auf Steinen. Türreißen, steinige Geräusche, Frauenstimme die schrie: „Sitz!“ Eine sich überschlagende Frauenstimme: „Sitz! ... sitz!“

Langsam öffnete er die Augen, sah unten auf den Steinen, dem Sand einen Hund sitzen. Knapp vor seinen Füßen einen Hund und eine Frau, die ihn, weit vorgebeugt, am Hals festhielt. Mit der linken Hand, hinten am Halsband. Eine irgendwie elegante Frau, in heller Bluse, grau, - auch wenn sie ihn mit weit aufgerissenen Augen, verzerrtem Mund anstarrte. Mit den rechten Fingerspitzen stützte sie sich auf die Erde, um nicht zu fallen.

Helmut schloss wieder die Augen, sagte sehr langsam: „Hallo ... Hund -!“

Schluchzen, Geräusche wie Weinen. Die Frau kniete jetzt im Sand, fasste ihn am Kopf von beiden Seiten, drückte die Stirn gegen seine Stirn. Fest, sehr fest, drehte die Stirn hin, her. Sie küsste ihn, weinte. „Ich dachte ... dir wäre was passiert - .“

Er richtete sich auf, stützte den Ellbogen auf den Rucksack. „Nein - dot bin ich noch nich‘. Hab nur geschlafen.“ Er streichelte ihren Kopf, küsste die Stirn. Und auf einmal war der Hund da, lautlos, ganz vorsichtig schob er seine Nase zwischen ihrer beider Gesichter. Die Nase war kalt und feucht.

Sie lachten, saßen in der Böschung, Freya hielt seine Hand. Mit den linken Fingern streichelte er den Hund, der das anscheinend mochte. Ein Terrier mit rauhem, irgendwie hartem, drahtigem Fell, das sich gut anfühlte.

„Ach, Helmut -“, wieder schluchzte sie, „ich dachte, dir sei was passiert. Mein Gott.“ Tränen liefen übers Gesicht, alles nass. „Ich muss fürchterlich aussehen ... dabei hatte ich mich extra schön gemacht für dich.“

Er sah sie lächelnd forschend an. „Du siehst prima aus.“ Mit einem Taschentuch aus der Hose trocknete er ihr das Gesicht ab. Nur der Lidschatten oder wie das heiße sei ein bisschen verlaufen, das Schwarze vom Augenlid, - rieb ihre Wange, feuchtete den Tuchzipfel mit der Zunge an, rieb noch einmal. „Wieder perfekt!“ sagte er, lachte.

„So verkrümmt, wie du auf der Erde lagst -. Auf der nackten Erde ... ich dachte...“

Er liege beim Schlafen immer verkrümmt, unterbrach Helmut sie, das sei seine embryonale Ruhestellung. Er sei auf einmal müde geworden: die Wärme, der lange Weg bergauf. Und plötzlich sagte er dann: „Mach mal die Augen zu!“, langte um sie herum nach einem Apfel im Gras.

Gehorsam hatte sie die Augen geschlossen, er bewegte den Apfel dicht unter ihrer Nase. „Was riechst du?“

Freya zog mit der Nase tief Luft ein, entließ sie gleich drauf mit Schluchzen durch den Mund. „Ich weiß nicht -.“

„Los, gib dir Mühe!“

„Ein Apfel -?“

„Nicht nur ein Apfel“¨, sagte er überlaut begeistert, „ein Sommerapfel, Roggenapfel oder wie die hießen.“ Auf die sie immer so scharf gewesen seien, um diese Jahreszeit. Die ersten neuen Äpfel im Jahr! Er biss hinein, schluckte, berührte mit dem abgebissenen saftigen Rand ihre Lippen, benetzte sie.

Sie lachte, biss auch in den Apfel, öffnete wieder langsam die Augen.

„So gefällst du mir besser“, schnauzte er. „Die hab ich extra für dich gesucht ... diesen großen Haufen hier! Reif und ganz dick.“ Sie sah zu, wie er die gesammelten Äpfel in den Außentaschen des Rucksacks verstaute. „Sag mal“, sagte er dann leise, „hattest du immer grüne Augen -?“

„Ich glaube.“ Sie lächelte.

Er strich ihr übers Haar, erhob sich abrupt, nahm den Rucksack mit der rechten Hand hoch. „Los, kommt endlich ... wo ich jetzt nicht mehr laufen muss.“

Auch der Hund sprang auf, bellte, kletterte durch die offen stehende Tür ins Auto. Sie lachten. Der sei ganz verrückt aufs Autofahren, meinte seine Schwester, obwohl erst ein Jahr alt. Noch nicht mal ein Jahr, aber Autofahren bereits gelernt. Helmut legte den Rucksack in den Kofferraum, drückte den Deckel zu.

„Ich kann hier nicht drehen“, sagte sie, er fand das Schloss des Sicherheitsgurts, hakte ein. Sie fuhr weiter bergab, setzte unterhalb der Grashaufen rückwärts in den abgehenden Forstweg, wendete. Helmut hatte den linken Arm um die Lehne gelegt, berührte den Hund, und der spielte mit, biss ihn in die Hand, knabberte. Aber sehr vorsichtig, nass.

Helmut erkundigte sich nach den riesigen Grasbergen. Irgendwie ungewöhnlich riesige, habe er sich vorhin schon Gedanken drüber gemacht.

Die seien dabei, Trockenrasen zu machen, sie lächelte ironisch. All dies sei jetzt Naturschutzgebiet, ihre rechte Hand machte eine Bewegung durchs ganze vordere Auto, und deshalb kippten sie das gemähte Gras immer unten vorm Wald ab.

„Das sieht fürchterlich aus.“

„Das sieht nicht nur aus, das ist fürchterlich. Das Zeug fault, und die ganze Brühe läuft in den Wald. Da stinkt‘s nur noch. - Eigentlich wollen sie alles auf Sondermülldeponien entsorgen, doch wer soll das bezahlen.“

Sondermüll -?, sagte Helmut entsetzt.

„Ja, die heben alle ab. Bei so etwas dreht sich mir natürlich der Magen um -. Ich habe schon zig mal gefordert, die Flächen richtig zu mähen und wie früher Heu zu machen! Die verpackten Ballen könnten sie den Rinderzüchtern schenken oder den vielen Pferdehaltern, die es jetzt gibt. Die würden sich das Heu sogar selbst abholen, mit Kusshand, für umsonst. Oder sie könnten es sogar verkaufen.“ Sie hatte sich in Erregung geredet, hielt an. „Aber nein! Sogar der Ansgar, mit dem ich wirklich gut kann, lacht nur, wenn ich mich so aufrege. Ich müsse immer groß denken!, sagt er nur stets. Der Ansgar ist hier zuständig, für den Naturschutz. Aus Süddeutschland, irgendwo unten vom Bodensee, spricht noch markanten Dialekt. Groß denken! sagt der immer, Naturschutz muss denen etwas kosten. Viel! Sonst nehmen sie das nicht ernst. Je mehr er kostet, desto wertvoller werde er ihnen: - und desto mehr Geld würden sie anschließend dafür noch herausrücken.“

Sie schüttelte verständnislos den Kopf. Er sah sie von der Seite an. „Ja -.“

„Nicht ja ... nein! - Ich sei immer noch viel zu sehr Ossi, denke zu kleinräumig. Ich hätte das geltende Prinzip noch immer nicht richtig kapiert! Groß denken -. Wenn die Grashaufen endlich groß genug geworden seien, würden sie entsorgt werden, zur Sondermülldeponie. Das erzählt mir ständig der Ansgar - wenn ich mich über das Gras aufrege -, und mit dem verstehe ich mich inzwischen wirklich gut. Inzwischen verstehen wir uns gut.“

Sie lachten. Freya schüttelte noch immer den Kopf, atmete schwer.

„Verdammt, ich war Ökonomin!“ sagte sie bitter. Sie hatte die Hände schlaff auf dem Lenkrad, sah nach vorn ins Weite. Irgendwie weit in die Weite, Helmut sah sie von der Seite an. Der Hund biss auf seiner linken Hand herum, nicht mehr auf einzelnen Fingern, sondern auf der halben Hand. Vorsichtig, ohne dass es wehtat, doch begeistert.

„Ich wusste gar nicht, dass du mit so vielen Männern zusammenlebst“, sagte er plötzlich nachdenklich, ernst, „hätte ich das gewusst, würde ich mir wirklich überlegt haben zu kommen.“

Sie fuhr herum. „Ich lebe mit keinen Männern zusammen, Helmut, ich bin allein. Ich lebe in dem Haus ganz allein!“

„Da bin ich mir nicht mehr sicher“, sagte er traurig.

„Der Ansgar ist nur ein guter Freund, ein ferner Freund, ach, Bekannter. Der ist fünfundzwanzig Jahre jünger als ich, der hat Frau und Kinder. Wir waren fürchterlich aneinander geraten, im Anfang, und jetzt arbeiten wir zusammen. Beim Naturschutz. Diese ganze riesige Fläche ist Naturschutzgebiet geworden. Weil ich hier nun mal wohne, fand ich es sinnvoll, da mitzumachen. Doch auch sonst. Ich finde es sinnvoll, sich um die Umwelt zu kümmern, sehrsehr sinnvoll. Und nötig. Wir haben nur gleiche Interessen, müssen uns ständig austauschen, abstimmen, wie wir weiter vorgehen. Zu uns gehören noch zig andere Leute, wir sind eine richtig gute Gruppe, und weil ich hier wohne, am Rande des neuen Naturparks, treffen wir uns häufig bei mir. Manchmal ist das Haus ganz voll. Da wird dann richtig geschrien, diskutiert. Gestritten!“

Das Gesicht in Eifer verzogen, ihre Pupillen groß.

Er wiegte den Kopf, murmelte: „Ich weiß nicht -.“

Sie hob wieder heftig an zu erklären, als sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte, sah seinen rücklings verdrehten Arm, den kauenden Hund, lachte. „Ach, Helmut ... an deinen Humor muss ich mich auch wirklich erst wieder gewöhnen - .“

Sie schlug mit der Stirn gegen seinen Kopf, traf links oberhalb der Schläfe.

„Au ... dass das ein Mann ist, ein sehr Liebe bedürftiger, wirst du wohl nicht abstreiten!“ sagte er streng.

„Das ist Kalle. Ich hatte dir von ihm erzählt.“

„Hast du nicht.“

„Mit Sicherheit habe ich dir von ihm geschrieben. Oder am Telefon erzählt, mit Sicherheit.“

Er könne sich nicht erinnern.

Doch! Eigentlich habe sie überhaupt keinen Hund haben wollen, doch Freunde von früher hätten sie überredet. Wenn sie in dieser Wildnis wohne, brauche sie einen Hund. Und ein Freund, mit dem sie zusammen Examen gemacht habe, züchte nun Hunde. Davor sei er Hauptmann gewesen. Jetzt seien sie zurück nach Rügen, woher sie ursprünglich stammten, er züchte Terrier und sie habe da oben eine eigene Praxis aufgemacht. Zum Glück sei sie Zahnärztin gewesen. Halbwegs liefe es jetzt mit ihnen, nur habe er auf einmal Prostatakrebs bekommen. „Irgendwie logisch“, sagte sie.

Er wiegte zweifelnd den Kopf. „Klingt zwar logisch - aber im Grunde weiß keiner, woher so etwas kommt. Da streiten sie sich noch.“

„Sicher ... keine Kausalitäten, nicht: so etwas kommt mit Sicherheit von dem da. Doch ein Mann in den besten Jahren, dem plötzlich alles genommen wird: sein Beruf, das bisherige Leben, die ganzen täglichen Abläufe. Und er war mit Leib und Seele Soldat. So etwas muss doch auf die Eier gehen, auf die Prostata.“

„Genau weiß das keiner -.“ Er zog die Nase kraus. „Prostata ist bei Männern inzwischen die häufigste Krebsart, bei Frauen Brust, und all diese Männer sind keine plötzlich entlassenen Soldaten.“

Egal - wenn es auch nicht wirklich egal sei. Doch seine Hunde seien gut: Irische Terrier! „Die sollen ganz tollkühn sein, unglaublich mutig. Gradezu irre mutig, sollen es sogar mit Löwen aufnehmen. Ich weiß zwar nicht, woher man das weiß, da es hier keine Löwen gibt, aber vielleicht haben die Engländer früher diese Hunde mit in ihre Kolonien genommen -. Unglaublich tollkühn, tapfer ... der Kalle soll mich verteidigen bis aufs Blut!“ Sie machte Kunstpause. „Bisher weiß ich aber eigentlich nur, dass er immerfort gestreichelt werden will - .“

Jetzt lachte sie, dass ihr Tränen über die Wangen liefen.

„Der ist noch sehr jung ... kein Jahr alt, sagtest du.“

„Sicher. Er ist wahnsinnig anhänglich, und ich hänge auch an ihm. Wahnsinnig.“ Doch sie wolle alles richtig machen. Da sie wenig Ahnung von Hunden gehabt habe, sei sie mit ihm in die Welpenschule gegangen, danach in die Grundausbildung, jetzt in noch etwas anderes ganz Wichtiges. Die Frau von der Hundeschule habe bei ihnen auch früher irgendetwas ganz Anderes gemacht, sehr sympathische Frau, sie möge sie. Sehr belesen in Hundedingen. Und diese Frau sage ihr oft, wenn sie sie beide beobachte, den Hund, sie, ihr gemeinsames Verhalten, den Umgang miteinander: „Der nimmt sie nicht ernst! - Und das ist korrekt. Das wirklich Schlimme ist nur, dass es mich im Stillen freut, wenn er nicht richtig gehorcht - . Natürlich spreche ich dann streng zu ihm, schimpfe, wenn er nicht macht, was er soll, doch in Wirklichkeit freue ich mich. Ganz tief im Inneren freue ich mich dann - wenigstens ein bisschen.“

Sie lachten.

„Du merkst an meinen Reden über Hunde gleich meine psychiatrische Vergangenheit“, sagte sie lächelnd, „psychoanalytische, psychologische Vergangenheit, habe wirklich einiges gelernt. Und jetzt endlich weiter!“

Die Räder des Autos knirschten auf Steinen. Rechts, links auf den leicht erhöhten Wegerändern nur Gras.

„Das war das mit Kalle. Und als Mann darf er auch neben mir auf dem Sofa liegen, wenn ich lese. Weil das Thema Männer der Ausgang unseres Gesprächs war. Ab und zu auch in meinem Bett - aber unten auf dem Fußende, und nur auf. Obendrauf auf dem Bett.“

„Wusste ich doch -“, sagte Helmut traurig, „fremde Männer.“

„Du siehst gut aus, sogar die Haare sind wieder gewachsen!“ Sie wuschelte ihm mit der rechten Hand übern Kopf.

„Mir geht‘s auch gut ... du siehst, ich bin den ganzen langen Weg gelaufen, zwar langsam, aber immerhin.“

„Du hättest dich vom Taxi gleich bis oben bringen lassen sollen! Oder mich dich vom Bahnhof abholen lassen“, sagte sie streng. „Ich habe eine ganze Stunde gebraucht, um dich endlich zu finden. Um die verschiedenen Wege zu mir abzufahren.“

Nein, er könne sich nicht einfach einfliegen lassen. Er müsse das Land zuerst langsam sehen, um anzukommen. Die Erde unter den Füßen spüren, den Wald riechenı, die Äpfel, Brombeeren. Sie riechen. Besonders nach dieser langen Zeit. Deshalb als erstes den Weg zu Fuß gehen wollen, den sie früher immer gegangen seien.

„Diesen Weg sind wir aber selten gegangen, Helmut -.“ Sie hielt wieder an, lächelte.

„Nicht - ? War das nicht der Schulweg?“

„Nein. Unseren Schulweg zeige ich dir gleich. Den Weg eben sind wir hinuntergelaufen, wenn wir Pilze suchen wollten oder Bucheckern. Da unten am See gab es große Buchen. Dieses eine Jahr, wo es so wahnsinnig viele Bucheckern gab - Siebenundvierzig. Oder Sechsundvierzig. Wir hatten uns aus Kaninchendraht Siebe konstruiert, Sammelsiebe für die Bucheckern, und sind jeden Tag losgezogen. Für zehn Kilo Bucheckern gab es ein Liter Öl. Mutti hat sich immer wahnsinnig gefreut, wenn wir die Eimer voll Bucheckern brachten.“

„Ja -“, sagte er langsam, „ich weiß noch, wie die feuchte Buchenerde roch. Hab ich irgendwie noch immer in der Nase. Doch diese Rahmen waren gut, mit dem aufgenagelten Kaninchendraht, wir haben richtige Sammelrekorde aufgestellt!“

Sie sahen sich an, ihre Blicke gingen hindurch, weit weg.

Doch Kilo -? Komme ihm ein bisschen viel vor. Nicht Pfund? Ein Liter Öl für zehn Pfund.

„Ich meine Kilo ... egal - .“ Plötzlich fasste sie ihn seitlich im Haar, küsste ihn, rieb die Stirn gegen seine Stirn. „Du siehst wieder gut aus.“ In ihren Augen standen Tränen. „Du hast fürchterlich ausgesehen, als ich dich im Krankenhaus wiedersah.“

„Doll dürfte ich nicht ausgesehen haben … zwei schwere Bauchoperationen, plus Chemotherapien. Du hättest nicht kommen sollen. Immer erst warten, bis der Held wieder Held geworden ist -.“

„Du sahst fürchterlich aus. Ich habe die ganze Zeit geheult, im Zug. Auf der Rückfahrt.“

„Könnte es sein, dass du in letzter Zeit zu viel heultst, Frey -?“ sagte er, grinste.

Sie schloss die Augen. „Ja. - Doch ich musste kommen. Als ich da im Krankenhaus anrief, um mich zu erkundigen, wie die Operation verlaufen war, bekam ich gleich den Arzt an den Apparat, der dich operiert hatte. Den verantwortlichen Oberarzt, Chefarzt, und der war ganz high. Wirklich high. Er schrie direkt, lachte ins Telefon - ‚Ihr Bruder ist geheilt!, geheilt!‘ schrie er immer wieder. Der war über seinen eigenen Erfolg total high, ein noch junger Arzt von der Stimme. Und da musste ich sofort kommen!“

Helmut lachte. Die Ärzte da habe er wirklich high gemacht - die seien richtig glücklich gewesen, tagelang. Doch er selbst habe keine Erinnerung an ihren Besuch: nur Schemenhaftes, aber nicht vor Augen, sondern dem Ohr: dass da irgendwas gewesen war. Irgendwer gewesen war. Und wahnsinnige Müdigkeit ständig die Augen geschlossen habe. „Ich hab es dir geschrieben: dass ich an deinen Besuch überhaupt keine Erinnerung habe.“

„Ich musste kommen! Und du sahst fürchterlich aus: an all den Drähten, Schläuchen, ganz bleich, keine Bewegung, nur Zucken in den Augen. Unter den Augenlidern.“

Da sei er noch halb in Narkose gewesen. Acht Stunden Operation, ursprünglich habe sie über elf dauern sollen, mit zehn Liter gebunkertem Blut - . Doch jetzt gehe es ihm nicht schlecht, wie sie sehe. Er grinste.

„Hinterher habe ich nur noch geheult.“

„Du warst zu früh.“

„Vorher wolltest du mich nicht sehen!“ sagte sie heftig. „Ich wollte vor der Operation kommen, aber du hast mich abgewimmelt.“

Er hob nicht wissend die Schultern.

„Das vergesse ich nie! Ich wollte dich vorher besuchen - und da hast du mich ganz brutal abgewimmelt.“

„Ich erinnere mich wirklich nicht.“

„Weißt du, was du gesagt hast?!: ‚Wenn du kommst, verliere ich die Ruhe zum Sterben‘. Wörtlich, am Telefon. - Das vergesse ich dir nie!“ sagte sie, schlug ihm mit den Faust gegen die Brust.

Er hielt ihre Hand fest, grinste. „Nicht! Der Hund beißt mich ... der wird schon ganz komisch.“

„Der soll dich beißen!“

Sie lachten, rieben die Köpfe aneinander.

Sei schon spannend gewesen -, meinte er, wirklich. Bis dahin nie mit Krankenhäusern zu tun gehabt. Wochenlange Untersuchungen im ersten kleinen Krankenhaus, bis sie schließlich den Bauch aufgeschnitten, um nachzusehen. Und gleich wieder zugeklappt! „Wie in den bekannten Stammtischgesprächen: - aufgeschnitten und gleich wieder zugeklappt! Hoffnungslos. - Weil‘s aber ein sehr seltenes Gewächs war - ein Leiomyosarkom - wurde ich ins nächste größere Haus weitergereicht.“

Er schloss die Augen.

Da zuerst einmal Chemotherapien, um den Tumor zu schrumpfen. In Abständen, von Wochen. Dann weitergereicht in die Medizinische Hochschule nach Hannover.

„Da warst du sehr lange, hast mir unentwegt geschrieben“, sagte sie.

Eines Tages habe alles zueinander gepasst: keine schweren Unfälle, die vorgezogen werden mussten, die eingeplanten Operateure frei - den Bauch zum zweiten Mal aufgeschnitten. Riesenschnitt. „Und dann haben sie plötzlich gesehen, dass der Tumor überhaupt nicht dort saß, wo die ersten Operateure meinten: nicht in der Bauchspeicheldrüse, sondern darunter, in der Vena cava. Der Großen Hohlvene.“

„Du hast wirklich Glück gehabt.“

„Die muss ich richtig glücklich gemacht haben -. Obwohl natürlich nichts von all dem mitgekriegt. Junge Leute, in den Dreißigern. Kurz danach musst du angerufen haben! Wenn das wirklich Bauchspeicheldrüse gewesen wäre, wär ich schon lange nicht mehr da.“

„Der war völlig aufgeregt, stammelte am Telefon, freute sich wie ein Kind, schrie in den Hörer. Und da bin ich sofort gekommen … mit seiner Genehmigung.“

Die Ärzte tagelang aus dem Häuschen, ständig Sätze wie: ‚Mein Gott, haben Sie ein Glück gehabt!‘ Und da erst habe er begriffen, was für eine gefährliche Operation es gewesen sei.

„Du hast unheimliches Glück gehabt!“

„Heute weiß ich das. Nur die ganze Zeit in den Krankenhäusern, es waren Wochen, Monate, hatte ich nie das Gefühl, todkrank zu sein. Oft gedacht: Was reden die bloß alle -. Natürlich nie etwas laut gesagt, nur still vor mich hingedacht. Wenn man wirklich stirbt, müsste man das eigentlich merken ... und ich spürte nichts. Bis auf die dicken Beine, mit denen ich ständig herumlief, um die fremde Krankenhauswelt zu erkunden.“

Gefühle könnten täuschen - , meinte sie, kenne sie von sich selbst zur genüge.

„Sicher, wusste ich auch damals schon, habe ich ständig in Erwägung gezogen, sozusagen als Gegenprobe. Doch ständig überwog in mir das Gefühl, welchen Unsinn da die Ärzte redeten.“

Sie lachte. „Du hast dich weggedacht ... wie du das immer gemacht hast -. In heile Welten hinein.“

„Mädchen, ich hatte recht!“ protestierte er. „Und dann der letzte Tag ... hab ich das dir schon erzählt?“

Wisse sie nicht, aber bestimmt habe er es ihr geschrieben. „Erzähl!“

Schon nach vier, fünf Tagen sei er aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die hätten freie Betten gebraucht, ihn rausgeschmissen. Mit Riesenwunde von Scham- bis Brustbein. Vorher natürlich gefragt, ob er sich schon stark genug fühle. Und eine Stunde vor der Abfahrt sei dann der Onkologe gekommen -.

Er lächelte, seine Zungenspitze benetzte die Lippen.

„Junger Mann Mitte Dreißig, in Jeans, T-Shirt, gar nicht wie ein Arzt. Wirkte irgendwie intellektuell, bestimmt Habilitierter oder kurz davor. Der fing so an, ohne Einleitung: ‚Darüber müssen wir uns klar sein: mit einundneunzigkommasechsprozentiger Wahrscheinlichkeit kommt diese Krankheit zurück!‘ Warum das so sei, darüber stritten die Leute, einige meinten, es seien die zurückgebliebenen Krebszellen im Blut, andere glaubten eher an Prädestination des Körpers für Krebserkrankung. Doch ich sei jetzt einundsechzig, habe ein Leben gehabt. Meine Chance sei das Messer! Sobald irgendwo neue Tochtergeschwülste auftauchten, sofort herausschneiden!“

„Das hat er wirklich gesagt?“

Helmut nickte „Und ganz zum Schluss hat er gegrinst und gesagt: ‚Doch vielleicht haben Sie auch Glück ... und gehören zu den zehn Prozent, bei denen der Krebs nicht wiederkommt.‘ Das so ungefähr der letzte Satz, bevor er ging, und ich nach Hause fahren durfte.“

„Die müssen natürlich dafür sorgen, dass die Patienten auch später noch funktionieren, die Nachsorgen exakt einhalten“, meinte sie nachdenklich.

„Sicher … ich bin dem auch nicht böse. Und bei mir hat er es wirklich prima hingekriegt: die einundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit sitzt mir seitdem wie eingeschossen im Gehirn.“

Sie lachten.

3

Und jetzt müssten sie wirklich weiter, sonst verderbe der Kuchen noch. Seitdem sie nichts mehr zu tun habe, backe sie selbst Kuchen. „Früher habe ich den von meinen Sekretärinnen besorgen lassen - . Und wenn ich mal eine Party hatte, haben mir Frauen aus unserer Kantine geholfen. Heute: alles selbst!“ Und nach einer Pause: „Hätte ich mir damals auch nicht vorstellen können - .“

Sie lachten.

Als der Wagen aus der tief eingefahrenen Wiese nach rechts in einen breiteren Weg einbog, lagen voraus plötzlich zwei Häuser. Anscheinend nicht groß, versteckt hinter Büschen, Bäumen. Helmut versuchte, sich zu erinnern, doch alles wirkte fremd. Er zuckte mit den Schultern, sagte: „Überhaupt keine Ahnung, wo wir sind - . Haben wir hier wirklich mal gelebt?“

Freya nickte, zu ihrer Zeit seien hier aber Wiesen, Ackerland gewesen. Später dann das Aufmarschgebiet der Panzer, Truppentransporter, Geschütze. Wenige hundert Meter weiter, den Berg hinunter, den sie eben gekommen seien, habe der Truppenübungsplatz der Russen begonnen. Einer der größten im Land, dreißig, vierzig Kilometer weit nach Norden offen. „Die konnten hier mit allem schießen: in Panzergefechten, mit schweren Geschützen, Raketenwerfern. In dem langgestreckten großen See unten, dem Großen Seutel, sollen sie ständig mit Amphibienfahrzeugen geübt haben, hat man mir erzählt. War hier natürlich totales Sperrgebiet.“

„Ist das etwa unser Haus dahinten?“

„Nein“, sagte sie mit ironischem Unterton, „nur die Vorwerke - .“

„Hat es die damals schon gegeben? Keine Erinnerung, nicht die geringste.“

Die habe es gegeben, bewohnt von vielen Flüchtlingen. Die Kinder dort seien aber weitaus jünger als sie gewesen. Jetzt seien es Ferienhäuser. Unten im Dorf werde erzählt, Stasileute hätten sie sich nach dem Abzug der Russen unter den Nagel gerissen. „Auf solche Gerüchte darf man aber nichts geben - ich selbst laufe bei denen auch unter Stasiprofiteur. Die fallen immer vom Hocker, wenn ich ihnen erzähle, dass das Haus von meinen Urgroßeltern vor über hundert Jahren gebaut worden ist, unser Opa hier bereits als Kind seine Ferien verbracht hat und wir als Familie in den Kriegs-, Nachkriegsjahren darin gelebt haben! Ich sei hier zur Schule gegangen - . Zum Glück gibt es noch ein paar alte Leute im Dorf, die mich von früher her kennen, meine Angaben bestätigen können.“ Was wichtig sei, da durch den wirtschaftlichen Niedergang sich regelrechter Verfolgungswahn breitmache: die alten Parteibonsen, raffgierige Wessis, Stasileute.

Sie schaute nach vorn, ihr Mund verkniffen. „Und da hinten kommt jetzt wirklich das Haus ... unser Haus.“

„Auch das erkenn ich nicht.“

„Es ist es aber“, sie lachte, „inzwischen sind natürlich jede Menge Büsche, Bäume gewachsen. Früher war alles kahl, nur der Garten drumrum.“ Das Auto bog in das offene, schief hängende Tor ein, auf dem Kies Knirschen der Reifen. Sie war beim Aussteigen, da hatte der Hund sich bereits an den Vordersitzen vorbei nach draußen gezwängt. Bellend rannte er nach hinten ums Haus, kam bellend an der anderen Seite wieder zum Vorschein.

Wenn mit dem Auto länger unterwegs gewesen, seien oft Rehe im Garten: das seine Hoffnung, sein voraus entworfenes Glück. Seine sich selbst entworfenen Glücksgefühle.

„Hat er schon mal eins erwischt -?“

„Nein, die sind viel zu schnell. Ich bin mir auch sicher, dass er ihnen nichts täte, nur sein Triumph, sie zu vertreiben. Dies hier ist sein Garten!“

Helmut ging ums Haus, kam auf der anderen Seite zurück. Noch immer keine Erinnerung, oder kaum. Sei das nicht größer gewesen -? In den Bildern seiner Erinnerung viel höher. Und das Dach: völlig anders!

Das könne sein. Große Zementpfannen habe es früher, zu Opas Zeiten, nicht gegeben. Die Pfannen hätten wohl irgendwann erneuert werden müssen, seien Jahrzehnte alt gewesen.

„Und hier haben wir wirklich alle gelebt?“

„Ja.“

„Wie viele waren wir?“

„Nach meiner Zählung bis zu zehn: später mit den Zwillingen, Tante Gerda, Onkel Willi. Im Krieg, als Oma noch lebte, fünf. Und das war ja unsere Chance, die wir gleich genutzt haben -. Als die aus Polen noch bei uns unterkrochen, aus Pommern. Sie kamen hinzu ... und wir verschwanden in unser Haus.“

„Zuerst ich!“ sagte Helmut. „Der Schuppen steht noch, habe ich eben ganz ergriffen festgestellt -.“

Wie früher, nur etwas verfallener. Sie gingen ins Haus, seine Schwester griff nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch. Das Rauchen habe sie immer noch nicht aufgegeben, allein ins Auto nehme sie Zigaretten nicht mehr mit. Eisern. Und sehr stolz, dass sie wenigstens das schon geschafft habe. Doch sie sei furchtbar nervös, müsse jetzt unbedingt rauchen.

„Meinetwegen brauchst du nicht nervös zu sein, Frey -.“ Er lachte, nahm sie in den Arm, streichelte ihren Rücken, Nacken.

„Ich weiß, weiß ... doch sieh mal die Hände. Mir schlägt das Herz bis in den Hals. Höher, höher - bis in Schläfen, Haarspitzen.“ Sie schaffte es mit dem Streichholz, nahm einen tiefen Zug, öffnete ein Fenster. Die Augen geschlossen, versuchte sie gleich, den Rauch nach draußen zu blasen. Sie zerdrückte die halbe Zigarette an der Fensterbank, warf sie nach draußen.

So … und jetzt habe er Hunger, sagte Helmut, setzte sich unaufgefordert an den gedeckten Tisch, Riesenhunger. Doch die Tischdecke kenne er! Nichts im Haus erkenne er wieder - doch die Tischdecke. Die sei bestimmt von Mutti.

„Ich mochte sie nicht wegwerfen -.“ Freya lachte, goss Kaffee ein, plauderte. Er überlegte, ob er um Tee bitten könne, da er Kaffee schlecht vertrug, ließ es.

Sei schon komisch, wie man in neuen Situationen plötzlich nach alten Verhaltensmustern suche. Sie überlege immer, wie Mutti das und das gemacht habe, wenn sich Besuch anmelde, gehe Jahrzehnte zurück in die Erinnerung. Das macht frau so ... das nicht ... dieses noch wieder anders. Sie habe auf hausfraulichen Gebieten kaum Erfahrung gehabt - habe natürlich als Kind, weibliches Wesen, von den vielen Frauen in diesem Haus alles lernen müssen. Doch später habe sie für solche Sachen ihre Leute gehabt. Und jetzt lerne sie über die Erinnerung wieder richtig/ falsch, obwohl ihr in den Jahrzehnten dazwischen wohl nichts so gleichgültig gewesen wie traditionelles Frausein. Wahrscheinlich sogar verächtlich gewesen sei. „Deshalb habe ich Muttis alte Kaffeetischdecke wieder rausgesucht -. Extra für dich! Und du hast sie sogar erkannt, was mich erfreut. Warm erfreut. Aber das Geschirr ist neu!“

Habe er natürlich bemerkt.

„Doch du wirst lachen“ - sie habe auch noch das alte Geschirr, irgendwo im Keller. Das alte Porzellan der Aussteuer ihrer Mutter, das sie damals von Opa Paul zur Hochzeit bekommen habe. Einigemal sogar wieder benutzt, als viele Leute im Haus gewesen seien, die vom Naturschutz, und große Teller, Schüsseln fehlten.

„Wann hatten die geheiratet?“

„Drei Jahre vor deiner Geburt.“ Mutti habe einige Zeit zuerst einmal ohne Kinder leben wollen, später oft erzählt, auch dass sie deswegen von der Verwandtschaft schon unter Druck gesetzt worden sei. Solch unnatürliches, egoistisches Verhalten einer Frau! Doch sie sei mit der Hochzeit ihrem fürchterlich strengen Vater entkommen gewesen, habe nicht sofort schon wieder Sklave anderer Lebewesen werden wollen.

So etwas habe sie ihr erzählt -?! Ihm nie, oder kaum je.

„Du wolltest ja auch nichts wissen ... hast dich immer gleich in die Büsche geschlagen.“

„Geschrieben hat sie mir viel. Später. Auch Persönliches, Gefühlsträchtiges. - Unterschwellig immer mit sehr viel Gefühl.“

Ja. Später im Alter habe sie viel erzählt, auch Betrübliches. Dass sie zum Beispiel in den Zwanziger Jahren in Berlin als Mädchen, junge Frau aufgewachsen sei: - und von dieser tollen Zeit überhaupt nichts mitbekommen habe! Ihr Vater sie in Turnvereine gesteckt, anstatt in Tanzkurse, und jahrelang hatte sie in Höheren-Töchter-Schulen lernen müssen. Nähen, Kochen, Schneidern, Haushaltsführung. Geschneidert habe sie jedoch immer sehr gern.

„All das hat sie später bedauert?“

„Deshalb war sie so froh, dass ich es immer völlig anders gemacht habe. Sie war irgendwie stolz auf mich.“

Er auch. Helmut lachte. Sehr sogar! Wenigstens einer von ihnen, der etwas geworden sei.

„Ach. Ich war immer stolz auf dich, habe oft von dir erzählt. Das wussten alle meiner Freunde, dass du Schriftsteller geworden bist. Und wenn ich einen Brief von dir bekam, bin ich ausgeflippt -. Vor Glück. Auch das wussten viele, damals im Internat, Studium, im Büro - haben gelacht, mich geneckt. Etliche haben sich für mich auch gefreut, sogar hinten in Russland. Die Sonja, mit der ich in Kiew in einem Zimmer lebte. Der musste ich alles über dich erzählen!“

„Du warst mein einziger Leser - . Doch unbeirrbar treuer ... was ich hoch anrechne.“

Er mache sie wütend, schnaubte sie, wenn er sich selbst immer schlecht, klein mache. Was er sich getraut habe im Leben, hätte sie niemals gewagt. Mit Sicherheit nicht.

Helmut sah ihr in die Augen, wo wieder Tränen schimmerten, drückte die Finger aufs Tischtuch. „Nein, Frey ... diesmal ganz im Ernst. Ich bin zufrieden mit mir: dass ich das Schreiben ein ganzes Leben lang durchgehalten und so viele Bücher, Manuskripte geschafft habe. Doch auf der anderen Seite hätte ich mir natürlich etwas mehr Erfolg gewünscht, ganz prosaisch: etwas bessere wirtschaftliche Ergebnisse. Sprich geldlichen Verdienst, da in dieser Gesellschaft alles und jedes stets in Geld umgerechnet wird.“ Ihm fehle nichts, er müsse nicht hungern, habe keine materiellen Wünsche, die er sich nicht erfüllen könne. Doch wenn einer sich durch sein ganzes Leben viel Mühe gegeben habe, so viel gearbeitet wie er, müsse das eigentlich auch von außen als Wert bestätigt werden. Das habe aber wohl allein mit Gefühlen zu tun. Negativen, beleidigten Gefühlen.

Er sah sie lächelnd an, zuckte die Schultern. Sie legte die Hand auf seine, sagte, ihr ergehe es jetzt ähnlich. Seitdem sie die Arbeit verloren habe, den Beruf, spüre sie in sich, ganz tief drinnen, dieses unglaubliche Gefühl der Verletzung. Menschen müssten nun mal in der Gesellschaft bestätigt werden, über das Echo von außen, auch vor sich selbst. Als Wert, Werteinschätzung. Von den materiellen Werten ganz zu schweigen.