Flirt am Sonntag - Alina Wunderlich - E-Book

Flirt am Sonntag E-Book

Alina Wunderlich

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Beschreibung

Die wahren Geschichten schreibt das Leben. Johanna träumt von einer Karriere als Journalistin in der Hauptstadt. Für ein Praktikum bei N24 macht sich die 18-jährige Abiturientin auf den Weg nach Berlin. Womit sie nicht rechnet ist, dass sie auf ihrer Reise einem Mann begegnet, der ihr Herz berührt und sich mit einem intensiven Blick und einer Zeitung in ihr Leben schleicht. Auf der Suche nach sich selbst und ihrer beruflichen Bestimmung muss sie sich somit nicht nur mit den Konflikten rund um ihre Zukunftsplanung rumschlagen, sondern sich auch ihren Ängsten hinsichtlich ihrer Gefühle stellen. Denn ihr Verstand ist stärker als ihr Herz und erinnert sie immer wieder daran, dass nicht nur fünfhundert Kilometer Distanz zwischen ihr und dem unbekannten Mann aus dem Flugzeug liegen, sondern auch achtzehn Jahre Altersunterschied.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Alina Wunderlich

Flirt am Sonntag

ALINA WUNDERLICH

Flirt

am Sonntag

Roman

Alina Wunderlich ist im März 1997 geboren. Sie lebt in einer Kleinstadt mittig der Metropolen Köln und Düsseldorf.

Nach ihren Ausbildungen zur Mediengestalterin und zur Sprecherin & Moderatorin beschließt sie, ihre eigene Kampfkunstschule in Köln zu eröffnen. Damit macht sie ihr langjähriges Hobby – Wing Tsjun – zum Beruf. Um sich auch fachlich weiterzubilden, studiert die Rheinländerin Kommunikation- und Medienmanagememt an einer Fernuniversiät in Düsseldorf.

Mit ihrem Roman Flirt am Sonntag veröffentlicht sie ihr erstes Buch.

Für den unbekannten Mann aus dem Flugzeug.

1. KAPITEL

«Es sind nicht in allen Muscheln Perlen, aber man muss sie alle durchsuchen.»

– Unbekannt –

«Ich bitte euch. Er ist einunddreißig und seine längste Beziehung hat ganze drei Monate gedauert. Irgendwas kann doch mit dem Typen nicht stimmen.»

Ich kann es immer noch nicht richtig glauben, was ich heute über meinen aktuellen Schwarm erfahren habe. Während ich meinen Freundinnen von den neusten Ereignissen erzähle, denke ich darüber nach, wie ich diesen Typen wieder loswerden soll.

«Aber dafür war es besonders intensiv. Ist doch auch was.», greift Rosa mit einem ironischen Unterton auf.

Die längste Beziehung dieses einunddreißigjährigen Mannes hat nur ein paar Monate gehalten. Was sagt das über diesen Menschen aus? Beziehungsunfähig? Über längere Zeit nicht auszuhalten?

«Es wäre ja schon Stress genug, wenn ich mich auf diesen Mann einlassen würde. Ich will mir gar nicht vorstellen, was meine Eltern für einen Aufstand machen würden. Ich bin achtzehn und er dreizehn Jahre älter als ich. Aber in dem Fall hätte ich ja noch nicht mal was davon, dass er älter ist, wenn er nicht viel erfahrener ist als ich. Dann such ich mir lieber direkt einen in meinem Alter und spar mir den Ärger zu Hause.»

In den letzten Wochen habe ich mir oft Gedanken darüber gemacht, ob es wirklich sinnvoll wäre, wenn mein erster Freund die dreißig schon geknackt hätte. Da sind so viele Erfahrungen und Lebensjahre, die zwischen uns liegen würden, die mir sicher früher oder später einmal fehlen würden. In zehn Jahren begegnet man vielen Menschen. Man hat die ein oder andere Beziehung geführt, war verliebt, hat mit Sicherheit auch viele schlechte Erfahrungen gesammelt, sich dadurch verändert. Man ist getrennt durch ein ganzes Jahrzehnt, welches man niemals aufholen kann. Es bringt nichts, schneller zu laufen, denn die Zeit ist nicht zu überwinden. Dennoch glaube ich fest daran, dass das Alter einfach nur eine Zahl ist. Es sagt nichts über eine Person aus und davon ist auch nicht abhängig, ob eine Beziehung funktionieren kann oder nicht. Egal welche Art von Beziehung. Ob Liebe oder Freundschaft.

Deswegen ist für mich das Alter kein Grund, eine Beziehung auszuschließen. Ich denke, dass es in diesem Fall an dem Menschen liegt und nicht an den Jahren, die uns trennen.

Emily und Rosa schauen mich an und verkneifen sich ein Lachen.

Emily legt mir die Hand auf die Schulter.

«Einen Gleichaltrigen? Damit die Leute denken du gehst Hand in Hand mit deinem Bruder spazieren?»

«Dann musst du noch aufpassen, dass du dir keinen Ärger einfängst.» Rosa prustet los. Emily und ich lassen uns anstecken.

«Einer in deinem Alter kommt für dich mal gar nicht infrage. Das kann ich mir echt nicht vorstellen.», wirft Emily ein.

«Ich mir irgendwie auch nicht. Eigentlich erwartet man bei dir auch nichts anderes. Alles, was unter fünfundzwanzig ist, passt einfach nicht zu dir. Stell dir mal kurz vor, du und Elias wärt ein Paar.», fügt sie noch hinzu. Wir schweigen kurz.

Elias ist mein bester Freund. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, wissen alles übereinander und eigentlich ersetzen wir den Schatten des anderen.

Die meisten unserer Mitschüler dachten anfangs, als wir in den neuen Jahrgang gekommen sind, wir seien ein Paar. Sogar die Lehrer sind davon ausgegangen. Ich will nicht wissen, wie viel Geld im Lehrerzimmer schon darauf verwettet wurde, dass wir uns eines Tages vor dem Traualtar wieder treffen. Dabei kann ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich halte gerne daran fest, das beste Beispiel dafür zu sein, dass man mit dem anderen Geschlecht einfach nur befreundet sein kann. Vielleicht könnte man es platonische Liebe nennen.

Wir stehen uns wirklich sehr nah. Es gibt keinen Menschen, noch nicht einmal meine besten Freundinnen, der mich so gut kennt wie Elias. Es gibt niemanden, mit dem ich besser über meine Gedanken oder Gefühle sprechen könnte als mit ihm und niemanden, der mich so gut versteht wie er.

Es gibt so viele Dinge, die das Leben betreffen, die wir aus denselben Augen sehen. Diese besondere Freundschaft zu haben bedeutet mir sehr viel.

«Wie willst du ihn jetzt wieder loswerden?», reißt Rosa mich aus meinen Gedanken.

«Wenn ich das wüsste. Ich glaube, ich überlebe den Abend nicht.»

Marc versteht sich prächtig mit Rosas Bruder und dessen Freund, sodass wir die Gelegenheit genutzt haben, uns in Rosas Zimmer zurückzuziehen, um die Neuigkeiten des Tages auszutauschen.

«Irgendwie tut er mir total leid, das hat er wirklich nicht verdient. Er ist echt nett und ich mein, am Anfang war ich ja auch Feuer und Flamme. Aber mir ist das jetzt schon viel zu ernst und so richtig begeistert bin ich nicht. Schon gar nicht nach heute. Und besser wird es mit dem Küssen ja auch nicht.»

«Ach ja, das kommt ja auch noch dazu. Ist es immer noch nicht besser geworden?», fragt Emily.

«Naja schlimmer geht ja nicht. Ich hab schon alles gegeben, hab versucht es ihm zu zeigen, aber auf Dauer ist das anstrengend. Der Kerl hat seine Zunge einfach nicht unter Kontrolle. Null Sinnlichkeit.»

Die Mädels fangen zeitgleich an zu lachen. Ich find das nicht lustig. Ich verstehe einfach nicht, was ich immer falsch mache. Es kann doch nicht sein, dass ich immer nur so komische Typen treffe. Wo bleibt der Prinz auf seinem Scheiß Gaul?

Marc habe ich im Internet kennengelernt. Ich könnte so unglaublich viele Gründe nennen, warum ich Online-Dating nicht gut finde. Wo bleibt die Geschichte? Der Moment, in dem man zum ersten Mal aufeinander aufmerksam wird? Die Art und Weise, wie man ins Gespräch kommt, dieses aufregende Gefühl im Bauch. Da fehlt doch was, wenn man auf seinem Handy wie im Katalog einen Typen aussucht und ohne Überwindung oder Mut in Kontakt treten kann. Für mich ist es frustrierend zu sehen, wie das Angebot da draußen aussieht. Das sollen die Single-Männer von heute sein? Ungepflegt, nicht schön anzusehen, wenig sympathisch. Wie ein Haufen von übrig gebliebenen Männer-Resten.

Marc war ein kleiner Lichtblick neben all diesen Nieten, die ich schon gezogen habe. Ich war positiv überrascht, als ich auf seinem Profil gelandet bin. Er sah ganz nett aus, kantiges Gesicht, blau-grüne Augen, blond, groß und breite Schultern. Beuteschema passte. Nach nur wenigen Tagen haben wir uns seitenlange Nachrichten geschrieben. Ich hatte ja nichts zu verlieren, deswegen habe ich mich schließlich dazu hinreißen lassen, mich mit ihm zu treffen.

Das erste Date war tatsächlich ganz schön. Wir haben uns im zoologischen Garten in Köln getroffen. Es war ein warmer Sommertag, der Himmel war strahlend blau. Ich war ganz schön aufgeregt. Schließlich trifft man jemanden den man gar nicht wirklich kennt. Es gibt nur Vorstellungen und die müssen am besten irgendwie erfüllt werden. Und zu neunundneunzig Prozent kann man davon ausgehen, dass man gnadenlos enttäuscht wird.

Am Anfang musste ich mich an Marcs sehr tiefe Stimme gewöhnen. Sie passte nicht zu dem Mann, den ich mir vorgestellt habe. Sein Gesicht sah ähnlich aus wie auf dem Foto, jedoch viel gezeichneter. Er hat viele Narben. Wahrscheinlich Überreste von früherer Akne. Aber es hätte mich schlimmer treffen können. Was mir gefallen hat, war, dass wir uns auch im wahren Leben sehr viel zu erzählen hatten. Ich war nicht in den ersten zwei Minuten total entgeistert. Somit hat Marc mich dazu gebracht, meine Einstellung zum Online-Dating noch mal zu überdenken. Nachdem wir einige Runden durch den Park spaziert sind, haben wir uns für ein Abendessen am Mediapark entschieden

Und da, nach einer großen Portion Pasta, hat Marc es innerhalb weniger Sekunden geschafft, den guten Eindruck und das positive Gefühl unseres ersten Dates komplett zu ruinieren.

Sehr überraschend und total unpassend – ich habe meine Nudeln noch nicht richtig runterschlucken können – küsste er mich.

Nicht, dass ich es nicht sehr anziehend an einem Mann finde, wenn er weiß, was er will und die Initiative ergreift, mich zu küssen. Nur sollte er auch das Gefühl für den richtigen Moment beweisen. Und das war er definitiv nicht.

Ich liebe es zu knutschen. Es ist meine pure Leidenschaft. Den Teil an Lebensgefühl und Lebensenergie, den man durch einen anderen Menschen aufnehmen kann, nehme ich wie die Luft zum Atmen durch das Küssen auf. Das macht mich aus. Und das kann ich richtig gut. Es sind inzwischen zahlreiche Frösche, die ich geküsst habe. Der eine hatte es mehr, der andere weniger drauf. Bei dem einen habe ich ein Kribbeln gespürt, bei dem anderen war es gut, dass ich betrunken war. Noch nie jedoch habe ich aus reiner Liebe geküsst.

Aber für Marc fehlten mir in diesem Augenblick die Worte. Während unseres sehr kurzen Kusses habe ich nicht eine Sekunde lang die Möglichkeit gehabt, seine Lippen auf meinen zu spüren. Er ist sofort mit der Zunge durchgestartet und ich weiß bis heute nicht, was er in meinem Hals gesucht hat. Es war grausam. Ich hätte am liebsten augenblicklich angefangen zu weinen. Wie kann man nur so schlecht küssen? Ausgerechnet das.

In der naiven Hoffnung, dass wir das mit dem Küssen noch hinkriegen, habe ich mich weiter mit ihm getroffen. Ich glaube, es war der Versuch, mich selbst dazu zu bringen, nicht so wählerisch zu sein. Mich daran zu erinnern, dass mein erster Freund ja nicht unbedingt der perfekte Mann zum Heiraten sein muss.

Er hat noch vier weitere Dates bekommen. Kino, Stadtfest, Kochen bei ihm und heute das Grillen mit meinen besten Freundinnen. Es bringt nichts, es fühlt sich einfach nicht gut an.

Bevor wir uns auf den Weg zu Rosa gemacht haben, war ich bei ihm in der Wohnung. Wir lagen zusammen auf seinem Sofa und haben das Knutschen noch ein bisschen geübt. Ich bilde mir ein, dass es schon ein bisschen besser geworden ist. Dann haben wir uns langsam ausgezogen, bis wir nackt aufeinander lagen. Marc wollte mit mir schlafen. Ich aber nicht mit ihm.

Man könnte mir einen Mann nackt um den Bauch binden. Wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass es das Richtige ist, dann mache ich es auch nicht. Da bin ich knallhart und sehr konsequent.

Vielleicht bin ich auch einfach nur der größte Angsthase auf diesem Planeten, der versucht, mit Händen und Füßen seine Jungfräulichkeit zu verteidigen.

Ich bin achtzehn Jahre alt und habe immer noch keinen Sex gehabt. Auch wenn ich es nicht bewusst mache, setze ich mich deswegen gerne selber unter Druck. Anfangs bin ich stolz darauf gewesen, nicht mit dem Erstbesten in die Kiste gesprungen zu sein und mein erstes Mal wohl bewusster erleben zu können, als wenn ich es mit vierzehn gemacht hätte. Doch inzwischen bin ich der Meinung, dass mal jemand kommen könnte, der mich erlöst.

Wenn man so lange wartet, kommt man irgendwann in die Situation, dass man gerne mit dem nächstbesten Typen Sex hätte, es jedoch nicht unbedacht an jemanden verschwenden möchte. Und so wird das erste Mal immer größer. Vor allem wenn man so verkopft ist wie ich.

Marc konnte verstehen, dass ich nichts überstürzen möchte. Er hat mich einfach nur in den Arm genommen. So lagen wir noch eine Weile da. Ich habe mich gefragt, ob das jetzt schon das letzte Treffen war. Oder ob ich mich wohl noch mal auf ein weiteres Treffen einlassen werde. Bis er mir erzählt hat, dass seine längste Beziehung ganze drei Monate gedauert hat. Jegliche übrige Attraktivität hat sich mit dieser Information in Luft aufgelöst.

Ich sitze auf Rosas Bett. Meine Freundinnen schauen mich erwartungsvoll an. Ich überlege, was ich tun soll. Mir ist klar geworden, dass es keinen Sinn macht, die Sache mit Marc zu erzwingen. Es wäre so schön gewesen, wenn es geklappt hätte, aber es fühlt sich einfach nicht gut an.

«Ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass das mit uns nichts wird. Wenn er heute geht, dann sehen wir uns halt nicht wieder. Ich denke, ich werde es ihm einfach schreiben.», überlege ich mit dem Wissen, dass das die unfairste Lösung ist.

«Nicht persönlich? Was ist denn mit dir los?», fragt Emily.

«Ich kann das irgendwie nicht. Oh Gott, ich bin so schlecht darin, Körbe zu verteilen. Aber immerhin beende ich das dann so, wie es angefangen hat. Unpersönlich via Chat.»

Emily zuckt mit den Schultern. Rosa steht auf und animiert uns, wieder zu den Jungs zu gehen. Wir gehen die Treppen runter. Die Küche sowie das Wohnzimmer sind durch eine Wand vom Eingang und vom Treppenhaus getrennt. Durch die offene Küche kommt man direkt ins Wohnzimmer, welches durch eine Schiebetür in den Garten führt. Auf der Terrasse sitzen Marc, Rosas Bruder, dessen bester Freund sowie Rosas Freund Fred.

Eigentlich waren wir immer das unzerstörbare Single-Jungfrauen -Trio. Bis Rosa Fred getroffen und Emily und mich unseren Schicksalen überlassen hat.

Der Valentinstag musste nur auf Karneval fallen, um Rosa ihr Liebesglück zu bescheren. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass Rosa und ich an Karneval zusammen in der Stadthalle gefeiert haben. Fred war mit ein paar Kumpels da. Den gesamten Abend galt seine Aufmerksamkeit Rosa.

Rosa war eigentlich gar nicht begeistert von ihm. Sie hat versucht ihn loszuwerden. Ihre Blicke haben mich angefleht, etwas zu tun. Ich musste mich sogar kurzzeitig mit ihr auf der Toilette verstecken. Leider – oder auch zum Glück – war das einer der wenigen Situationen, in denen ich nicht hinter meiner Freundin stehen konnte. Den Typ fand ich nett. Er sah gut aus und machte einen sympathischen Eindruck. Ich wusste keinen Grund, warum sie nicht mit ihm tanzen und ins Gespräch kommen sollte.

Schnell hat Fred geschnallt, dass ich Rosas beste Freundin bin, sodass er wusste, zu wem er nett sein sollte. Er bat mich mit vielsagenden Blicken um Hilfe. Ich habe Rosa an der Hand gepackt, sie neben den Cowboy gesetzt und sie ermahnt, sitzen zu bleiben. Mit dem Kopf deutete Fred mir dann an, dass ich jetzt verschwinden könnte. Gern geschehen.

Ein paar Wochen haben die beiden sich getroffen. Nach meinem 18. Geburtstag – Fred war Rosas Begleitung auf meiner Party – kamen sie dann offiziell zusammen. Meine Güte, wie einfach das gewesen ist. Ich feiere mein hundertdreißigstes Date und hab schon wieder in die Scheiße gegriffen. Was ist das nur mit mir und den Männern?

Daten, Flirten und Knutschen sind Dinge, die man bei mir beinahe schon als Hobby bezeichnen könnte. Ich genieße es, unterschiedliche Typen zu treffen, kennenzulernen, wild zu knutschen, interessante Männer anzusprechen und natürlich angesprochen zu werden. Flirten ist etwas so Großartiges. Das hat einfach was von Freiheit. Dieses Gefühl, begehrt zu werden ist wie Strom, der alle Batterien auflädt.

Der Beginn der Volljährigkeit ist ein so fabelhaftes Alter, um nach draußen zu gehen und einfach zu machen. Es hat was von Freiheit. Meine Oma beneidet mich immer wieder darum. Sagt mir, dass ich die Zeit genießen müsste, sie sei schnell genug wieder vorbei. Das Einzige, was meine Freiheit einschränkt, ist die Tatsache, dass ich noch Jungfrau bin. Denn wäre ich es nicht, könnte ich mich eine Weile austoben, um mich dann auf etwas Richtiges einzulassen. Denn auch wenn die Freiheit in mir schreit, vermisse ich es, dass jemand neben mir liegt. Jemand, der da auch noch am nächsten und übernächsten Morgen liegt. Jemand, der sich an mich heran kuschelt. Nicht einmal oder zweimal, dann wieder jemand anderes. Nein. Ich will jemanden der immer da ist. Aber das muss ja nicht unbedingt der Typ sein, mit dem ich das erste Mal Sex habe.

Ich öffne meine Weinflasche und fülle mein leeres Glas wieder auf. Inzwischen ist es schon ganz normal, dass ich in meinem Freundeskreis meine eigene Weinflasche habe. Ich liebe Wein. Eine Eigenschaft, die meine Freunde nicht mit mir teilen. Elias habe ich inzwischen erfolgreich zum Weintrinker gebogen. Bei den Mädels gebe ich die Hoffnung auf. In unseren Kreisen ist das Wein trinken noch etwas sehr Spießiges. Aber das ist mir egal. Dann riskiere ich eben schiefe Blicke, wenn ich die Einzige im Irish Pub bin, die sich einen Wein bestellt. Wein macht die Stimmung. Ob an einem warmen Sommerabend im Garten unter freiem Himmel oder im Winter vor dem Kamin. Es gibt keine schöneren Unterhaltungen als die, die von einem vollmundigen Glas Wein begleitet werden. Und er kann fast so gut trösten wie Schokolade.

«Möchtest du noch ein Brötchen?«, fragt Marc und beugt sich zu mir. Er streckt seinen Mund zu mir aus und erwartet einen Kuss. Ich bemerke einen Brotkrümel in seinem Mundwinkel. Seine blauen, schmalen Augen sind noch schmaler als sonst. Das Bedürfnis, sein Verlangen zu erwidern, liegt bei minus hundert. Außerdem ist es mir unangenehm, ihn vor Rosas Bruder und den anderen Jungs zu küssen. Marc passt einfach nicht hier rein in eine Runde von Zwanzigjährigen. Bevor er mir mit seinem Mund nur einen Zentimeter näherkommen kann, springe ich auf und flüchte zum Grill. Auch wenn ich mich schon jetzt vor dem rauchigen Geruch meiner Haare heute Nacht ekle, drehe ich lieber ein paar Würstchen, als mich zurück in diese furchtbar unangenehme Situation zu begeben. Marc macht sich wirklich ernsthafte Hoffnungen. Für ihn scheint die Sache klar zu sein. Ein Blick über meine Schulter zeigt mir, dass Marc sich in meinem Freundeskreis ziemlich wohl fühlt. Er lächelt mir breit zu. Schnell widme ich mich wieder dem Grill.

Emily und Rosa haben inzwischen verstanden, wo mein plötzliches Interesse am Grillen herkommt. Emily steht auf und steuert mit ihrem Teller auf mich zu.

«Alles ok? Soll ich ein bisschen hierbleiben?», flüstert sie. Eigentlich wäre es nicht nötig, leise zu reden. Der Tisch ist weit genug weg, um ungehört sprechen zu können.

«Ich musste da einfach kurz weg», antworte ich.

«Mir ist das irgendwie zu viel. Das fühlt sich nicht gut an.»

Nun steht auch Rosa auf. Sie kippt den letzten Schluck Wein in mein fast leeres Weinglas und gesellt sich zu uns.

«Hier.» Sie drückt mir das Glas in die Hand. Ich nehme einen großen Schluck.

«Er ist doch ganz nett. Aber ich kann dich verstehen», sagt Rosa. «Mein Fall wär das auch nicht.»

«Vielleicht bin ich einfach der bessere Single.»

«Vielleicht solltest du anfangen, Kompromisse einzugehen», schlägt Emily vor.

«Das sagt die Richtige», antworte ich provokant.

«Gerade du, die seit zwei Jahren einem Fußballer hinterher träumt und keine Augen für irgendeinen erreichbaren Typen aus dem wahren Leben hat. So sehr ich es dir wünschen würde, er wird nicht an deiner Tür klopfen.»

«Lass mich doch. Mir reicht das, wenn ich mir regelmäßig seine tollen Bilder auf Facebook und Instagram angucken kann. Der postet immer so schöne Fotos.» Emily verfällt ins Schwärmen.

«Er sieht so perfekt aus. Sein kantiges Gesicht, seine dunklen Augen und ich liebe seinen Style. Warum kann er nicht hier sein?»

«Ich nehme mal an, er hockt gerade auf irgendeiner angesagten Party und hat gerade mindestens fünf Models um sich herumsitzen», antwortet Rosa.

«Egal. Die Vorstellung daran reicht mir schon», erwidert Emily.

Das Schlimme daran ist, dass sie es tatsächlich ernst meint. Es macht sie voll und ganz glücklich, wenn ihr Leon Goretzka mal ein neues Foto postet. Inzwischen besteht mein Handy-Speicher fast ausschließlich aus Screenshots von diesem Leon. Im Trikot auf dem Platz, beim Bälle einsammeln, mit irgendwelchen Hunden und Kindern im Arm oder auf der Hängematte, während er gerade fürs Abi lernt. Es ist wirklich amüsant und ich freue mich immer über die Bilder, denn ich weiß, wie sehr Emily sich darüber freut. Sie ist total hin und weg von diesem Typen. Ich würde ihr so sehr wünschen, dass sie ihn eines Tages mal treffen kann. Träumen kostet ja nichts.

Eine Stunde später sitzen wir zusammen auf dem Sofa. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden und die Sommerluft kühler. Im Fernsehen läuft irgendeine langweilige Castingshow, die eigentlich keiner beachtet. Sehr verkrampft sitze ich neben Marc, der mit einem dauerhaften Grinsen im Gesicht immer wieder zu mir sieht und dabei sein Bier genießt. Langsam merke ich, wie der Wein Wirkung zeigt. Marc legt seinen Arm um meine Schulter und zieht mich an sich heran. Ich lasse es einfach zu. Ich greife zu meinem Glas, in dem noch ein letzter Schluck Wein darauf wartet, getrunken zu werden. Ich bin total müde. Aber trotzdem nicht müde genug, um schlafen zu gehen. Marc macht keine Anstalten, den Heimweg einzuschlagen. Er weiß, dass ich bei Rosa schlafen werde. Es ist schon spät.

«Ich werde jetzt gleich schlafen gehen», sage ich ihm. Es ist die beste Möglichkeit, ihm zu deuten, dass er sich nun auf den Weg nach Hause machen kann.

«Ok.»

Mehr antwortet er nicht. Einfach nur ok? Entspannt sitzt er noch auf derselben Stelle wie zuvor und zeigt keine Regung.

Ich warte einen Augenblick. Dann stehe ich auf.

«Ich gehe jetzt schlafen», sage ich mit ernstem Ton.

«Schlaf gut», erwidert Marc lächelnd. Er versteht es nicht. Rosa fängt an zu lachen. Ich schüttle den Kopf. Langsam schleiche ich aus dem Wohnzimmer. Es stört Marc absolut nicht. Rosa kommt mir hinterhergelaufen.

«Der bleibt wohl hier.», warne ich Rosa.

«Ist doch toll. Kann er sich noch mit meinem Bruder unterhalten», lacht sie.

2. KAPITEL

«Als ich dich sah, verliebte ich mich, und Du hast gelächelt, weil Du es wusstest.»

- William Shakespeare –

Ich stopfe meine Sonnenbrille in den kleinen Handgepäck-Koffer und ziehe den Reißverschluss zu. Das Taxi steht bereits vor der Tür und mein Vater verfrachtet die Taschen im Kofferraum. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Nur noch ein paar Stunden und die Hauptstadt hat mich wieder. Berlin, ich bin auf dem Weg!

Ich liebe diese Stadt. So sehr mein Herz ins Rheinland gehört, wenn ich in der Hauptstadt bin, umgeben von tausenden Menschen, Touristen, Leuten auf der Durchreise, fühle ich mich einfach wohl. Diese Anonymität. Und trotzdem diese Individualität. Jeder ist, was er ist und zeigt das auch, ohne sich zu verstecken. Es gibt so viele verschiedene bunte Menschen, die in dieser Stadt zusammenkommen. So viele Träume, Ziele, Aufgaben und persönliche Missionen. Unzählige Geschichten. Ich bin immer wieder angetan von all den Sehenswürdigkeiten. Das Brandenburger Tor, das rote Rathaus oder der Berliner Dom. Der Blick, wenn man am Ufer der Friedrichstraße steht und über die Spree blickt. Wunderbar.

Dieses Berlin hat so viele Gesichter. Geschichte, Medien, Kunst und Kultur. Wichtige Menschen aus Politik und Wirtschaft, die unser Land regieren. Mode, Glamour. Wenn ich durch die Straßen schlendere, hab ich das Gefühl, mir selbst ein kleines Stückchen näher zu sein. Dieses Gefühl lässt mich von innen strahlen.

Meinem Vater war es immer sehr wichtig, meiner Schwester Alice und mir so viel wie möglich von der Welt zu zeigen.

Die Basics, wie er sagen würde. Und dazu gehörte vor Jahren, mit uns in die Hauptstadt zu fahren. Daraus ist dann eine Familientradition geworden. Jedes Jahr fahren wir über ein verlängertes Wochenende nach Berlin. Von der ersten Sekunde an hat mich diese Stadt um den Finger gewickelt. Sie hat meine Träume größer werden lassen, Jahr für Jahr. Nach zahlreichen FamilienTrips war ich im letzten Jahr das erste Mal «allein» in Berlin. Allein mit meinem gesamten Jahrgang. Diese Studienfahrt hat mir eine ganz neue Perspektive auf die Stadt gegeben. Ohne meine Eltern, stattdessen mit Leuten in meinem Alter, sind wir abends in Cocktailbars gegangen statt in Restaurants und Hotelbars. Wir sind durch die Straßen gezogen und hatten kein Ziel. Dabei entdeckt man immer wieder ganz neue Seiten. Dieses Mal bekomme ich eine Businesswoche in der Hauptstadt.

Eine Erinnerung blinkt auf meinem Handydisplay auf. Vor kurzem habe ich mir aus Langeweile eine App heruntergeladen, die mir einmal in der Woche mein Horoskop verrät. Eigentlich wollte ich die App schon längst wieder deinstallieren. Weil meine Neugierde nun trotzdem geweckt ist, tippe ich es an.

Eine unerwartete Begegnung wird Ihr Herz höher schlagen lassen. Ein Neuanfang? Für Singles kann sie zur Wende werden.

Unberührt von diesen Worten wische ich das Horoskop weg, um zu schauen, wer mir eine neue Nachricht geschrieben hat. Marc. Nach dem Grillen am Freitagabend haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich habe ihm am nächsten Morgen eine lange Nachricht geschrieben und ihm damit erklärt, dass es mit uns beiden nicht weiter gehen wird. Auf die Frage, was er falsch gemacht hätte, habe ich ihm geschrieben, dass der Funke bei mir nicht übergesprungen ist. Ich mein, hätte ich ihm sagen sollen, dass er ein furchtbarer Küsser ist? Oder dass ihn seine «längste» Beziehung unattraktiv macht? Es ist mir nicht leichtgefallen, ihm diese Nachricht zu schreiben. Aber ich hatte das Gefühl, das noch vor der Berlin Reise erledigen zu müssen. Ich habe mich nun so lange auf diesen Trip gefreut, dass ich einfach nur frei sein möchte. Und so fühle ich mich nach diesem ehrlichen Austausch auch. Wieder frei.

Inzwischen sitzen wir mit unseren Koffern am Gate und warten darauf, dass die Schlange vor der Gangway kürzer wird. Ich kann die Leute nicht verstehen, die sich schon vor dem ersten Aufruf anstellen, um in den Flieger zu kommen. Früher werden die deswegen ja auch nicht ankommen. Ich beobachte die Leute, die sich inzwischen in der immer größer werdenden Schlange angestellt haben. Meine Aufmerksamkeit wird von einem schrägen Typen erregt, der trotz des dunklen Warteraums seine Pilotenbrille nicht abgesetzt hat. Bei der krassen Sonneneinstrahlung natürlich verständlich. Seine Sonnenbankbräune betont seine strohblonden Haare, die in alle Richtungen abstehen, als wäre er gerade erst aufgestanden. Seine Haltung verrät, für wie cool er sich hält. Beinahe schon amüsant, ihn da einfach nur stehen zu sehen. Ich merke, wie auch er mich beobachtet. Schnell richte ich meinen Blick in eine andere Richtung, damit bloß kein Missverständnis entsteht.

Irgendwann stehen die letzten Passagiere vor dem Schalter und auch wir bewegen uns langsam. Ein paar Leute stehen noch in der Gangway, aber es geht ziemlich schnell voran. Der Surferboy – ich finde, das ist eine gute Beschreibung für diesen Typen – sitzt schräg hinter mir, sodass er mich durch den Spalt zwischen seinem Vordersitz beobachten kann. Das musste natürlich so kommen.

«In der Mitte von Mama und Papa. Wie in alten Zeiten.»

Betont meine Mama mit einem bewusst provokanten Unterton in der Stimme. Ich lache und strecke meiner Mutter ein aufgesetztes Grinsen ins Gesicht. Mein Papa schaut prüfend aus dem Fenster. Er hat einen so guten Orientierungssinn, dass er sofort merkt, wenn der Pilot eine andere Flugroute fliegt. Ein bisschen was von diesem Orientierungssinn habe ich glücklicherweise abbekommen.

Aus meiner Handtasche ragt ein großer Briefumschlag. Ich habe ihn zwischendurch immer wieder extra so aufgestellt, dass jeder das dicke N24-Logo sehen kann. Ich ziehe den Umschlag aus der Tasche. Bisher habe ich mich noch nicht mit meinem Praktikumsvertrag auseinandergesetzt. Es ist das erste Mal, dass ich für ein Praktikum einen Vertrag unterschreiben muss. Der ganze Aufwand für die eine Woche. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich meine Kontakte nicht genutzt hätte. Denn normalerweise wollen große Medienhäuser wie Axel-Springer lieber Langzeitpraktikanten haben. Bisher habe ich all meine Praktika in Redaktionen gemacht. Umso interessanter ist es jetzt, einen anderen Bereich kennenzulernen.

Ursprünglich habe ich geplant, in Köln zu bleiben und erneut ein Praktikum bei RTL zu machen. Leider haben die dort die Termine mit einer anderen Praktikantin vertauscht und mussten mir deswegen absagen.

Bruno, mein ehemaliger Nebenjob-Chef, hat mir schon vor einer Ewigkeit angeboten, seine Kontakte spielen zu lassen. Es ist mir zwar unangenehm, solche Gefallen entgegenzunehmen, aber in diesem Fall musste ich mich einfach der Vitamin-B Spritze unterziehen. Ich hätte es nicht ausgehalten, sechs Wochen Ferien zu haben und nicht eine davon dafür zu nutzen, in irgendein cooles Unternehmen zu schnuppern. Neue Kontakte und zusätzliche Erfahrungen sammle ich am liebsten. Aktuell schreibe ich eine Biografie über einen alten Herrn, für welche ich in der Stadt noch ein Interview mit seinem Sohn führen muss. Daher kommt der Trip doppelt gelegen.

Mittlerweile sitzen wir schon seit einer guten halben Stunde im Flieger. Die Flugbegleiterin hat uns Snacks und einen Kaffee gebracht. Etwas angewidert kaue ich auf der durchweichten Laugenstange herum. Normalerweise bin ich ein heimlicher Fan von den viel zu kalten, zermatschten Brötchen aus dem Flugzeug. Aber diesmal schmeckt es wirklich nicht. Die Remoulade – wenn ich etwas nicht mag, ist es eine fette Remouladenschicht auf Brötchen – trieft an den Seiten schon herunter. Dafür ist mein Hunger dann doch nicht groß genug.

Ein Blick auf die Uhr und das Gefühl für die Flugstrecke verraten mir, dass es jeden Moment mit dem Landeanflug losgehen wird. Deswegen entschließe ich mich, vorher noch einmal zur Toilette zu gehen. Der komische Vogel hinter mir beobachtet mich intensiv, als ich über den Schoß meiner Mutter klettere, um aus der Reihe zu gelangen. Ich laufe aus der Mitte des Flugzeuges den Gang zur vorderen Toilette hoch. Zwischendurch halte ich mich abwechselnd an den Rückenlehnen der Sitze fest. Dabei bemerke ich, wie mich ein Mann aus einer der vorderen Sitzreihen beobachtet. Er zwinkert mir zu, als ich einen flüchtigen Blick an ihm vorbei richte. Ich habe gar nicht erwartet, so viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Mit Sicherheit strahlt mein Gesicht ein Dutzend Mal Berlin aus. Denn das Strahlen in meinem Gesicht ist wie festgefroren. Glück und Vorfreude. Vielleicht ist es auch mein Outfit?

Das Jeanskleid im Achtzigerjahre-Look macht ein schönes Dekolleté, welches durch einen Reißverschluss, der bis zum Bauch runter reicht, unterstützt wird. Ich liebe hohe Schuhe, Glitzer, stylische Kleider und auffällige Klamotten. Mein Schrank wacht über mehr hochhackige Schuhe als welche, die man im Alltag tragen kann. Nur leider bietet sich in meinem Leben viel zu selten die Gelegenheit, sich derart schick zu machen. Mit High Heels und Glitzerkleidchen in die Schule zu gehen oder sich in diesem Dress abends mit Freunden zu treffen, ist manchmal mehr als overdressed. Deswegen muss ich jede Gelegenheit nutzen, die sich mir bietet. Das ist übrigens noch eine Sache, die ich an der Großstadt so faszinierend finde. Jeder trägt einfach, was er will. Dadurch entsteht diese bunte Kulisse. Wenn Leute schräge Sonnenbrillen tragen, Hüte, hohe Schuhe im Alltag, Muster, die man so niemals zusammen tragen würde, Farbkombinationen, die in den Augen beinahe wehtun. Entweder ganz ohne Make-up oder so, als würde man sich jeden Morgen erst mal beim Friseur für den Tag stylen lassen. Alles ist möglich.

Eine kleine Schlange hat sich vor den Waschräumen gebildet. Vor mir steht ein Mann. Er ist etwa so groß wie ich und hat blonde Haare. Mir gefällt sein graues Shirt. Es hat leichte Strukturen in einem etwas dunkleren Grau. Es liegt so leicht auf seinen Schultern, dass es mir gefällt – obwohl es einfach nur ein graues Shirt ist. Ich werfe einen Blick auf die Toilettenanzeige. Beide Lichter leuchten rot. Zum Glück muss ich nicht so dringend. Vor mir kommt es zu einem kurzen Hin und Her zwischen der Stewardess und den vor mir stehenden Leuten. Ich bekomme nicht mit, worum es geht, deswegen warte ich einfach ab, was passiert.

Plötzlich dreht sich der Mann vor mir mit einem Schwung um. Wow. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wir schauen uns ein paar kurze Sekunden tief in die Augen. Magie gibt es doch. Es fehlt nur noch der Glitzerstaub, der um unsere Köpfe weht. Einen Augenblick kann ich meinen Blick nicht von ihm wenden. Totaler Filmmoment. Auch er hält dem Blick stand. Die Zeit steht still, genau wie mein Herz, das einige Sekunden aussetzt. Seine Mundwinkel ziehen zu einem kleinen, schüchternen Lächeln hoch. Dann ist dieser magische Moment vorbei. Der imaginäre Glitzerstaub ist zu Boden gefallen.

Ich weiß nicht, was los ist. Er deutet mir an, in die andere Richtung zu gehen. Erst dann kapiere ich, dass wir zu den anderen Waschräumen gehen sollen. Ich verstehe nicht, warum, gehe aber den schmalen Gang runter zur anderen Seite des Fliegers. Ich merke, wie dieser unbekannte Mann sich dicht hinter mir bewegt. Meine Gedanken überschlagen sich und spielen mir durchgehend das Bild dieses Mannes vor Augen, dessen Nähe ich erstaunlich intensiv wahrnehme. Am liebsten würde ich mich wieder umdrehen, um ihn mir noch mal anzusehen, aber das wäre zu auffällig. Mit einer kurzen, etwas stockenden Bewegung möchte ich ihm den Vorrang lassen. Noch im selben Moment stelle ich fest, dass beide Waschräume frei sind. Ich öffne eine der beiden Türen und als ich mich drinnen umdrehe, um sie wieder zu schließen, werfe ich vorher noch einen kurzen Blick nach draußen. Der Blondi schaut ebenfalls zu mir und lächelt. Schnell drücke ich die Tür zu.

Oh mein Gott, was war das denn? Ich lasse mich von einem Mann doch nicht so aus dem Konzept bringen. Also scheinbar ja doch. Wahnsinn. Ich habe das Bedürfnis, die Tür aufzureißen und ihn mir noch mal ganz genau anzuschauen. Ich muss am Boden bleiben. Nachdem ich auf der Toilette war, zupfe ich an meinem Pferdeschwanz und klemme meine Haarsträhnen hinter meine Ohren. Mit den Fingerspitzen wische ich unter meinen Augen entlang und tupfe mir mit einem Tuch die schwitzige Stirn ab.

Durchatmen. Mit der Hand auf dem Türöffner nehme ich noch ein paar kleine Atemzüge. Wie die Ruhe selbst öffne ich die Tür und trete auf den Gang. Er ist noch im Waschraum. Langsam schwebe ich über den Gang zurück zu meinem Platz. Meine Mama steht auf, damit ich mich wieder in die Mitte setzen kann. Über beide Ohren grinsend schaut sie mich an.

«Na, hast du eine nette Bekanntschaft gemacht?»

«Mama, der ist so schön!»

«Dachte ich mir schon direkt, als ihr hier zusammen vorbei gelaufen seid.»

Meine Mama kennt mein Beuteschema inzwischen besser als ich. Jedes Mal, wenn wir irgendwo unterwegs sind und ich einem Typen hinterherschaue, guckt sie mich an als hätte sie mich ertappt oder sagt: «Ich wusste, dass er dir gefällt!»

Mit dem Hinsetzen richte ich meinen Blick über die Reihen vor mir auf. Der Blondi setzt sich gerade wieder in seine Reihe. Mit einem Mal schaue ich direkt in seine Augen. Er scheint auch nach mir Ausschau gehalten zu haben. Kurzes Herz aussetzen. Meine Mama grinst. Mein Vater ist ganz woanders. Er sitzt sehr abwesend neben mir und blättert in seiner Zeitung. Ich bin durcheinander. Wieder versuche ich mir sein Gesicht vor Augen zu führen. Auf meinem Rücken spüre ich die bohrenden Blicke des Surferboys. Ich weiß nicht, ob ich ihn amüsant finde oder ob er mich langsam nervt.

«Sehr verehrte Damen und Herren, wir beginnen in Kürze den Landeanflug auf Berlin Tegel.», dröhnt es aus den Lautsprechern.

In mir macht sich ein Gefühl von Freiheit breit, das mich innerlich zum Schweben bringt. Mein Lachen lässt sich nicht mehr aus meinem Gesicht nehmen. Es ging mir schon lange nicht mehr so gut wie jetzt. Alles ist perfekt. Es sind Sommerferien, ich bin auf dem Weg in meine Lieblingsfremdstadt, eine Woche Praktikum bei N24 und dann geht es direkt weiter nach Italien. Jetset Lifestyle, wie ich es mag.

Der Landeanflug beginnt. Ich krame Kaugummi für mich und meine Eltern aus der Tasche und lehne mich gemütlich zurück. Ich schaue aus dem Fenster und beobachte, wie die Häuser und Gebäude langsam wieder größer werden. Wir durchfliegen eine Wolke. Früher als Kind bin ich davon aus gegangen, dass man auf den Wolken laufen kann. Die Enttäuschung nach dem ersten Flug war groß. Ich konnte mir einfach nicht erklären, warum ein Flugzeug durch die Wolken fliegen kann. Wir kommen der Landebahn immer näher. Mein Vater hat inzwischen die Zeitung in der Tasche verstaut und richtet seinen Blick ebenfalls nach draußen. Eine sanfte Landung. Vereinzelnd klatschen die Leute.

«Berlin, here I am!»

Mit dem Erreichen der Parkposition springen die Leute von ihren Sitzen auf. Taschen, Koffer und Jacken fliegen durch die Luft und verstopfen den wenigen Platz, der im Gang noch übrig war. Wie schon beim boarden kann ich auch diese Hektik nicht nachvollziehen. Jedes Mal versuche ich zu begreifen, warum die Leute aufspringen, obwohl sie den Flieger noch gar nicht verlassen können. Ob die nicht verstehen, dass sie das Aussteigen dadurch verlangsamen, statt zu beschleunigen? Während das Aussteigen langsam seinen Lauf nimmt, schalte ich mein Handy ein, um den Mädels von der sicheren Landung zu berichten. Kurz denke ich an meine Begegnung. Ob ich ihn nochmal sehen werde? Er scheint in der Menschenmenge untergegangen zu sein, denn ich kann ihn in seiner Reihe nicht mehr finden.

Langsam wird das Flugzeug leerer, die Leute aber nicht ruhiger. Ich ziehe meinen kleinen Koffer aus der Ablage über mir, stelle ihn auf den Boden und ziehe das Gestell heraus, damit ich ihn hinter mir herziehen kann. Meine Mama geht dicht hinter mir. Ein Blick über meine Schulter lässt mich feststellen, dass wir meinen Vater verloren haben. Die Leute haben so dicht gedrängelt, dass er noch nicht die Chance dazu hatte, aus der Reihe zu kommen. Meine Mutter und ich lassen uns durch die Gangway schieben. Ich suche die Leute vor mir ab. Ich kann einfach keinen Mann im grauen Shirt entdecken. Er saß doch gar nicht so viel weiter vorne als wir. Wo ist er so schnell hin?

Mit einer Coolness, wie sie nur mein Vater hinkriegen könnte, steht dieser plötzlich neben uns.

«Na los, ab zum Taxi», animiert er uns weiterzugehen.

Vereinzelnd versammeln sich Leute um das Kofferband. Doch die meisten reisen wie wir nur mit Handgepäck und verlassen mit uns zusammen das Gate. Auch der Surferboy ist wieder aufgetaucht. Noch immer trägt er seine Pilotenbrille. Echt dämlich. Ich glaube, er hat sie während des gesamten Flugs nicht einmal abgesetzt. Mit seinem Koffer hat er sich an den Ausgang gestellt und beobachtet uns dabei, wie wir diskutieren, in welche Richtung wir gehen müssen, um am Taxistand raus zu kommen. Mein Vater läuft selbstsicher vor. Ich zögere, da ich für einen Moment die Aufmerksamkeit der Leute um uns herum genieße. Denn es ist nicht nur der Surferboy, der uns beobachtet. Es sind all die Menschen um uns herum, die neugierig auf uns blicken.

Es kommt öfters vor, dass wir für die Leute interessant sind, wenn wir als Familie unterwegs sind. Manchmal drehen sie sich nach uns um oder fangen an zu tuscheln. Wir strahlen irgendetwas aus, das uns aus der Masse hervorhebt. Bei meinem Vater ist es sogar schon öfters vorgekommen, dass er mit Berühmtheiten aus Funk und Fernsehen verwechselt wurde. Zum Beispiel mit Dieter Bohlen. Vom Typ her sind die beiden sich tatsächlich sehr ähnlich. Sowohl vom Modegeschmack und dem Körperbau als auch vom Humor und der Ausstrahlung. Und beide sind immer schön braun gebrannt und sehen nach einem sorgenfreien Leben aus.

Ich stelle meine Handtasche auf den Koffer und klemme die Bügel um das Gestell. Gerade als ich die Spur hinter meinen Eltern aufnehmen möchte, tippt mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter. Ich bin irritiert. Hab ich was fallen lassen? Wer würde mich schon einfach antippen?

Ich drehe mich um. Mit einem Mal schaue ich in zwei strahlende blaue Augen. Er ist es. Mein Toiletten-Vorgänger. Der unbekannte Mann aus dem Flugzeug. Noch bevor ich die Situation realisieren kann, drückt er mir eine Zeitung in die Hand.

«Hier. Du hast deine Flugzeuglektüre vergessen.»

Dass er aufgeregt ist, höre ich aus seiner weichen, sympathischen Stimme heraus.

«Ehm. Die habe ich doch gar ni-»

Ich habe die Zeitung noch gar nicht richtig in der Hand und keine Zeit zu protestieren, als er sich mit einem Lächeln und einem flüchtigen Blick auch schon wieder umdreht. Ich versuche noch einen Blick auf den Mann zu erhaschen, der ein weiteres Mal in der Menschenmenge verschwindet. Erst mit einem verwunderten, prüfenden Blick auf die Zeitung in meiner Hand stelle ich fest, dass es nicht einfach nur eine Zeitung ist. Ich muss nach Luft schnappen. Es ist, als hätte ich die letzten zwanzig Sekunden die Luft angehalten.

Es ist die Welt am Sonntag. Ich bekomme Schnappatmung, als ich realisiere, wie diese Zeitung bearbeitet wurde. Mein Kopf braucht doppelt so viel Zeit wie sonst, jegliche Informationen zu verarbeiten und an meinen Verstand weiterzugeben. Das Wort WELT wurde kurzerhand durchgestrichen und durch FLIRT ersetzt. Also FLIRT AM SONNTAG. Darunter stehen eine Handynummer und ein Name. Mehr nicht.

Ich kann es nicht fassen. Ich starre die Buchstaben an. Seinen Namen kann ich durch seine Handschrift kaum entziffern. Mit dem M am Anfang bin ich mir sicher. So schnell sich alles um mich herum dreht, so sehr versuche ich diesen Augenblick zu speichern. Denn was auch immer das gerade war, ich spüre, dass es der Anfang von etwas ganz Besonderem ist.

Meine Mama dreht sich nach mir um. Daran, dass sie noch gar nicht so weit weg ist, kann ich messen, wie kurz die vergangenen Augenblicke waren. Auch wenn sie sich angefühlt haben wie ein Moment Ewigkeit.

«Kommst du?», fragt sie.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, dass der Surferboy noch immer nicht weg ist und anscheinend die ganze Situation beobachtet hat. Auf seinem Gesicht liegt ein zurückhaltendes Grinsen. Ich frage mich, was er gerade denkt und wie er die Szene wohl wahrgenommen hat. Und vor allem auf was er noch wartet.

«Mama? Mama!»

Ich greife nach meinen Sachen und laufe meiner Mutter hinterher.

«Mama, hast du das gerade mitbekommen? Oh mein Gott. Guck mal!»

Ich halte ihr die Zeitung unter die Nase. Sie braucht einen Augenblick, um zu verstehen, was das eigentlich ist. Ihre Lippen formen sich zu einem Lächeln.

«Von dem aus dem Flugzeug?»

Ich nicke nur kurz und umschließe die Zeitung nun immer fester.

«Wo bleibt ihr denn?», ruft mein Vater. Wir gehen auf ihn zu. Er hat bereits den Ausgang im Visier.

«Ich geh noch mal schnell zur Toilette.», wirft meine Mama ein.

«Und schau mal, was deine Tochter da gerade bekommen hat.»

Stolz zeige ich ihm die Zeitung. Er nimmt sie mir aus der Hand und begutachtet kritisch die Aufschrift. Er schaut mich mit einem Blick an, den ich nicht mag. Ein Blick, der sagt: Was soll der Mist? Sei nicht so naiv. Diesen Scheiß brauchst du nicht.

Diesem Blick entsprechend verhält er sich auch. Er dreht die Zeitung ein und lässt sie in seinen großen Händen nach unten sinken. Kurz vor: Wo ist der nächste Mülleimer?

«Gibst du mir die Zeitung wieder?»

Ich strecke meine Hand fordernd zu ihm aus.

«Was willst du denn damit? Das brauchst du nicht! Das ist doch Quatsch!», sagt er in einem vorsichtigen, aber bestimmten Ton.

«Papa, jetzt gib mir die Zeitung!»

Ich bin sauer. Als er zögert, reiße ich ihm das Blatt aus der Hand und stecke es in meine Handtasche. Ich werfe meinem Vater einen bösen Blick zu. Im selben Moment kommt meine Mutter wieder.

«Sollen wir?»

Mein Vater antwortet, indem er sich Richtung Ausgang bewegt.

«Findest du das jetzt also gut mit der Zeitung?», fragt er meine Mutter mit einem scharfen Unterton. Ich bin neben all meinen Glücksgefühlen total genervt. Warum kann er mir die Freude nicht einfach lassen, ohne immer alles total kritisch und rational zu sehen?

«Wie soll ich denn sonst noch jemanden kennenlernen?», wende ich ein.

«Das ist doch total nett. Und besser als über das Internet. Stimmt doch», bestärkt mich meine Mutter. «Ist doch süß!»

Mein Vater antwortet nicht und winkt uns ein Taxi her. Der Taxifahrer springt förmlich aus dem Wagen und greift sofort nach unseren Koffern, um diese im Kofferraum zu verstauen. Ich steige mit meiner Mama auf die Rückbank. Langsam entfernen wir uns vom Flughafengebäude. Ziel: Potsdamer Platz. Bevor ich die Aussicht genieße und in Melancholie verfalle, muss ich unbedingt die Nummer des Flugzeug-Typen in meinem Handy speichern. Am liebsten würde ich ihm sofort schreiben, aber ich werde mich zurückhalten, um die Sache noch etwas spannender zu gestalten.

Nachdem ich die Nummer in meinem Handy eingetippt habe, versuche ich erneut den Namen zu identifizieren. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass es Marlo heißen soll. Also füge ich den Namen der Nummer hinzu. Sofort öffne ich WhatsApp und synchronisiere meine Kontakte. Ich gebe den Namen in das Suchfeld ein. Glücklicherweise hat Marlo sein Profil öffentlich, sodass ich seinen Status und sein Profilbild sehen kann. Sein Status ist: Berlin calling. Ob er aus Düsseldorf kommt und nur geschäftlich in der Stadt ist? Wohl nicht. Denn gerade bemerke ich, dass der Status schon fast zwei Jahr alt ist. Ob er hier wohnt? Ich tippe auf sein Profilbild. Im Hintergrund sieht man einen Ausschnitt einer Kulisse in Düsseldorf. Das Foto sieht so aus, als sei es von einem Fotografen gemacht worden. Bei näherem Betrachten dieses Bildes erkennt man seine tollen blauen Augen. Seine Stirn ist ziemlich hoch, sein blondes Haar liegt leicht nach rechts geneigt auf seinem Kopf. Er sieht nach wie vor sehr sympathisch aus. Jedoch fällt mir auf diesem Bild auch auf, dass er einige Jahre älter sein muss als ich. Also dreißig ist er bestimmt schon. Ich mache mir jetzt mal keine Gedanken darüber, warum das so ist und ob mit mir etwas nicht stimmt.

Abgesehen davon, dass ich ältere Männer meistens viel interessanter finde, habe ich bei Jungs in meinem Alter – selbst bei denen Anfang zwanzig – einfach keine Chance. Wenn ich in einen Club gehe, in dem mindestens fünfhundert Typen Anfang bis Mitte zwanzig sind und nur ein einziger von denen über dreißig ist, dann kann ich zu hundert Prozent davon ausgehen, dass mich der eine einzige mit über dreißig anspricht. Mir steht es sozusagen auf der Stirn geschrieben. Ich denke, dass das etwas mit meiner Ausstrahlung zu tun hat. Ich bin ein sehr selbstbewusster Mensch, was in meinem Alter mit Sicherheit eine gewisse Reife verspricht. Dazu sah ich schon immer mindestens drei bis fünf Jahre älter aus. Dadurch war es von Anfang an so, dass sich die Älteren für mich interessiert haben. Junge Männer in meinem Alter fühlen sich, so meine Theorie, eher eingeschüchtert von meinem Selbstbewusstsein und meiner Einstellung zum Leben.

Älter zu wirken hatte seine Vorteile, aber auch genug Nachteile. Etwa wenn man nie so richtig in die Gruppe passt. Sei es in der Schule oder im Freundeskreis. Zum Glück hat sich das seit dem Abi etwas gelegt. Zumindest was den Freundeskreis angeht. Das mit den Männern hab ich absolut nicht im Griff. Aber ich kann einfach nichts mit Typen in meinem Alter anfangen. Da geht es um Dinge, die ich nicht verstehe. Alles bewegt sich eher auf der Oberfläche und mit Oberflächlichkeit kann ich einfach nichts anfangen. Mit Menschen, denen die Fassade wichtiger ist als das, was sich dahinter verbirgt. Jemand, der nichts Besonderes in dir sieht. Auch die Gesprächsthemen sind meistens keine, die fesseln oder tiefer gehen. Elias ist da echt eine Ausnahme. Es gibt einfach niemanden, mit dem ich so vertrauensvoll tiefgründige Unterhaltungen führen kann wie mit ihm. Manchmal ist es schon gruselig, wenn wir feststellen, wie intensiv das Thema oder Gespräch war, welches wir gerade geführt haben.

Jedenfalls ist das ein Grund, warum ich mich immer wieder von Älteren mitziehen lasse. Und in diesem Zuge womöglich auch der Grund, warum ich immer noch Single bin.

Bevor ich mein Handy in das Seitenfach meiner Handtasche rutschen lasse, fotografiere ich den Zeitungsausschnitt ab. Noch nie wurde ich auf eine so großartige Art und Weise angesprochen. Kein dummer Spruch an der Bar, nein, ganz Oldschool, wie ich es mag. Eine Zeitung und eine Nummer. Ein mutiger Moment, verpackt in Kreativität. Ich bin verliebt in diesen Moment. Schon jetzt. Ich habe das Gefühl, gut auf diese Zeitung aufpassen zu müssen. Ich schiebe sie zwischen meine Cosmopolitan und meinen Praktikumsvertrag. Dann schließe ich meine Tasche und ziehe sie ganz nah an mich heran.

Meine Eltern unterhalten sich mit dem Taxifahrer. Der übliche Small Talk. Der starke Verkehr, in den wir geraten sind, das Wetter in der Stadt, die Tochter des Fahrers, die er gleich abholen muss. All das bekomme ich wie durch einen Schleier mit. Ich spüre, wie sich mein dauerhaftes Lächeln auf meinen Lippen festigt. Nun ist es aber nicht mehr nur der Flugzeug-Typ, sondern es ist die Stadt. Es ist das Gefühl, welches mir dieses Berlin gibt. Der Gedanke, dass ich nun eine Woche vollgepackt mit neuen Eindrücken und Abenteuer hier erleben darf. Es ist die Lebensfreude, die in mir explodiert.

Mit jeder weiter vor uns liegenden Ampel löst sich der Verkehr immer mehr auf. Wir biegen links ein und fahren jetzt neben dem Spreeufer entlang, dessen Richtung uns nach Kreuzberg führt. Es dauert nicht mehr lang und das Taxi kommt vor dem Hoteleingang zum Stehen. Neugierig schaue ich aus dem Fenster und betrachte das Hotel, bevor ich die Autotür öffne, um auszusteigen. Während mein Vater und der Taxifahrer die Koffer aus dem Kofferraum laden, begutachte ich den großen Elch, der vor den Glastüren des Eingangs platziert ist. Das Hotel mit seinem Konzept stammt ursprünglich aus den skandinavischen Ländern, deswegen wohl der Elch als Symbol.

Zielstrebig laufe ich auf die wirklich lange Theke der Rezeption zu, meine Eltern im Schlepptau. Eine der Rezeptionistinnen ist mir auf Anhieb besonders sympathisch. Sie ist schätzungsweise Mitte zwanzig, hat braune Locken, die ihr bis über die Schulter reichen und ein sehr nettes Lächeln. Als sie mich sieht, merke ich, dass die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht. Der vor mir wartende Japaner greift zu seinem Koffer und verlässt den Tresen. Jetzt fällt mir auch der dunkelhaarige, wirklich attraktive Rezeptionist auf, der für die englisch- und französischsprachigen Gäste zuständig ist. Och, da würde ich auch auf Englisch einchecken. Aber sein Blick ist scharf und streift nur flüchtig den meinen. So ein Pech. Also rücke ich vor zu der netten Rezeptionistin. Sie strahlt mich an. Ich strahle zurück. Sie fragt mich nach unserem Nachnamen und sucht im System nach unserer Reservierung.

«Sie haben übrigens richtig tolle Haare. Ist mir direkt aufgefallen, als Sie hier reingekommen sind», sagt sie, während sie weiter das System durchsucht.

«Danke sehr. Aber Sie doch auch.»

Ich komme mir immer seltsam vor, wenn ich Leute siezen muss, die jugendlich und nicht viel älter als ich wirken. Das ist immer so unangenehm förmlich. Und wenn man sich dann noch sympathisch ist, macht es die Sache zu einer richtigen Überwindung.

«Was machen Sie hier in Berlin? Urlaub?», fragt die junge Frau mich.

«Ich bin bei N24 im Marketing.«

Elegant versuche ich das Wort Praktikum zu umgehen. Denn bei diesem Stichwort kommt man meistens auf das Thema Alter zu sprechen und darüber rede ich sehr ungern. Weil ich genau weiß, dass mich die meisten Leute mindestens drei Jahre älter schätzen. Das genieße ich inzwischen. Vor allem wenn ich merke, dass jemand mit Mitte zwanzig mich für gleich alt oder sogar älter hält. Das ist so eine Respektsache. Sobald ich dann verrate, wie alt ich wirklich bin, bilde ich mir ein, nicht mehr so ernst genommen zu werden. Wahrscheinlich ist das nur in meinem Kopf, aber es blockiert mich ständig und ich versuche mein Alter schon fast unbewusst immer wieder zu umgehen.

«Das klingt gut. Ist ja direkt hier um die Ecke. Was genau machen Sie da?»

«Praktikum», sage ich wehmütig. Mein Vater schieb der Dame seine Kreditkarte über den Tresen zu. An seinem Ausdruck in den Augen kann ich erkennen, dass er nicht sehr angetan von der direkten Art der Rezeptionistin ist.

«Und Sie sind zum Aufpassen mitgekommen?», fragt sie meinen Vater belächelnd. Keine Frage, die man meinem Papa stellen sollte. Schon gar nicht mit diesem ironischen Unterton.

«Wir sind gerne in der Stadt. Wir haben das verbunden. Außerdem seid ihr für eine einzelne Person viel zu teuer.»

«Sie können wohl nicht loslassen«, kontert die Dame und grinst dabei meinem Vater spöttisch entgegen. Autsch, nicht die Neutralität und Zurückhaltung, die mein Vater von einer Hoteldame erwartet.

Aber sie liegt gar nicht so falsch, diese Diskussion hatten wir tatsächlich neulich erst. Ich muss zugeben, der Entschluss nach Berlin zu fahren ist nicht unbedingt in direkter Absprache mit meinen Eltern gefallen. Ich habe dieses tolle Angebot bekommen und konnte es schlecht ablehnen. Ich wusste, dass ich Flug und Hostel für eine Woche schon irgendwie finanziert kriege. Das haben schon andere Leute hinbekommen. Mein leeres Konto habe ich dabei allerdings nicht bedacht. Ursprünglich war es natürlich mein Plan, allein ohne meine Eltern nach Berlin zu fliegen. Ich bin achtzehn Jahre alt und der Meinung, dass ich es schaffe, sieben Tage in der Stadt zu leben, ohne dabei umzukommen.

Meine Eltern sehen das anders. Berlin, große Stadt, gefährlich. Punkt. Vor ein paar Monaten waren sie zu zweit in der Stadt und haben Ausschau nach einem Hostel am Potsdamer Platz und Umgebung gehalten. Nicht die gehobenen Ecken. Also war klar, dass ich in einem vertrauensvollen Hotel unterkommen sollte. Und weil dieses Hotel für drei Personen wesentlich günstiger war als für eine, gab es kein Argument mehr gegen einen Familienausflug. So viel zu meiner Businesswoche in der Hauptstadt. Ich habe mich so sehr darüber aufgeregt, bis es mich letztlich gar nicht mehr so gestört hat. Ich muss mir einfach immer wieder einreden, dass mir besorgte Eltern lieber sind als welche, die sich nicht kümmern und denen egal ist, was mit ihren Kindern passiert. Nur das mit dem Loslassen wird noch ein langer Prozess. Damit hat die forsche Rezeptionistin also ins Schwarze getroffen.

Nachdem wir unsere Sachen im Hotelzimmer untergebracht, uns erholt und frisch gemacht haben, machen wir uns nun auf den Weg zum Brauhaus. Es ist eine Familientradition. Jedes Mal, wenn wir zusammen in Berlin sind, essen wir dort. Im Sony-Center mit einer wunderbaren Aussicht auf die Lichter des Gebäudes.

Das Wetter ist leider nicht sehr beständig. Es ist ganz schön frisch und es haben sich einige Wolken zusammengezogen. Ein leichter Wind weht durch meine Haare. Es ist die Berliner Luft. Mein Herz lächelt, als wir am Potsdamer Platz über die Straße laufen und durch einen der Seiteneingänge ins Sony-Center huschen. Die Lichter der Decke leuchten abwechselnd in Lila, Rosa und Blau. Ich krame meine Kamera aus der Tasche und mache Foto Nummer 786 von diesem Anblick. Ich finde es immer wieder schön.

Wir betreten das Brauhaus und bekommen einen unserer Lieblingstische direkt unten am Eingang. Am Fenster versteht sich. Von hier aus hat man alles im Blick. Wir können uns gerade setzen, da steht auch schon der Kellner neben uns und will unsere Bestellung aufnehmen. Ich kenne ihn noch nicht, aber meine Eltern scheinen beim letzten Mal schon die Bekanntschaft gemacht zu haben. Während er meinen Eltern freundlich die Hand gibt, begutachte ich ihn. Rein optisch würde ich vermuten, dass er sicherlich indische Wurzeln hat. Seine Haut hat ein schönes Braun und seine Gesichtszüge sowie seine dunklen Augen, die beinahe dieselbe Farbe wie seine Haare haben, unterstreichen diese Vermutung. Ich schätze ihn auf vierundzwanzig. Nun wendet er sich auch mir zu und streckt mir seine Hand entgegen. Er lächelt freundlich.

«Hallo. Ich bin Kasi.» Er schaut mir tief in die Augen. Fast ein bisschen beängstigend.

«Deine Eltern haben beim letzten Mal schon von dir erzählt.»

«Wir haben ihm erzählt, dass wir öfters hier sind und dass unsere Kinder jetzt auch gerne hier wären», erklärt meine Mutter.

«Was darf ich euch denn zu Trinken bringen?», fragt er höflich.

«Ich nehme ein großes Weizen. Du eine Cola?»

Mein Vater wirft einen kurzen Blick zu meiner Mutter.

«Ja, eine Cola.», antwortet sie. «Johanna, du nimmst sicher einen Wein oder?»

Ich nicke.

«Ok. Kommt sofort.» Kasi dreht sich um und verschwindet.

«Der ist ja besonders nett.» Ich grinse über beide Ohren.

Natürlich habe ich bemerkt, wie er mich angesehen hat.

«Kaum bist du dabei, sind die Kellner alle doppelt so nett.»

Mein Vater lacht. Wenige Minuten später bringt der Kellner uns unsere Getränke. Wieder ein standhafter Blick.

«Danke sehr», sage ich cool.

«Und gefällt es dir in Berlin?», fragt der junge Mann mich. Sehr gesprächig dafür, dass der Laden ziemlich voll ist.

«Ist ja nicht mein erstes Mal hier. Ich liebe diese Stadt. Ist wirklich großartig. Wohnst Du hier?»

«Ja. Also ich wohne seit meiner Kindheit hier.»

«Schön. Aber im Brauhaus bist du noch nicht so lange, oder? Habe dich noch nie gesehen», spreche ich meine Überlegung laut aus.

«Ich habe vor vier Monaten hier angefangen. Mache das aber nur nebenbei.»

Bevor ich ihn fragen kann, was er denn hauptsächlich macht, wird er von einem Kollegen gerufen. Da wir uns schon abgesprochen haben, was wir essen wollen, listet mein Vater ihm noch schnell die Bestellung auf. Mein Dad steht auf, um zur Toilette zu gehen. Diesen Moment habe ich erwartet. Als er hinter der Toilettentür verschwunden ist, krame ich mein Handy hervor.

«Was soll ich ihm schreiben, Mama?»

Ich warte die Antwort nicht ab und tippe drauf los. Mehrere Male lösche ich die Eingabe wieder und starte von vorne.