Fluch des Erinnerns - Joerg S. Claussen - E-Book

Fluch des Erinnerns E-Book

Joerg S. Claussen

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Beschreibung

Nach der Großen Transformation leben die Menschen selbst­genügsam und wohlbehütet in Koexistenz mit den technischen Segnungen der Robotik und Künstlichen Intelligenz. So auch Tycho Mortensen, ein erfahrener Informatiker. Erst durch einen mysteriösen Vorfall wird Tycho aus dem Gleichmaß seines Alltagslebens herausgerissen. Ohne sein bewußtes oder beabsichtiges Zutun zieht er die Aufmerksamkeit und das Mißfallen der Verwaltungen auf sich. Um den Ursachen der daraus folgenden unerklärlichen Vorgänge auf die Spur zu kommen, sieht sich Tycho zu Reflexionen gezwungen, die ihn an den Rand der Selbstverleugnung und Verzweiflung bringen. Erst nach einem langen Weg der Verwicklungen erkennt er, daß eine Persönlichkeitsveränderung der Grund für seine Auffälligkeit ist. Als bemühter Beitragender zum Wohle der Gemeinschaft entwickelt er einen Plan, seine daraus gewonnenen wissen­schaftlichen Erkenntnisse allgemein zugänglich zu machen. Vor der Veröffentlichung wird er aber die Richtigkeit seiner Theorie durch einen Versuch beweisen.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zum Inhalt

Nach der Großen Transformation leben die Menschen selbstgenügsam und wohlbehütet in Koexistenz mit den technischen Segnungen der Robotik und Künstlichen Intelligenz. So auch Tycho Mortensen, ein erfahrener Informatiker. Erst durch einen mysteriösen Vorfall wird Tycho aus dem Gleichmaß seines Alltagslebens herausgerissen. Ohne sein bewußtes oder beabsichtigtes Zutun zieht er die Aufmerksamkeit und das Mißfallen der Verwaltungen auf sich. Um den Ursachen der daraus folgenden unerklärlichen Vorgänge auf die Spur zu kommen, sieht sich Tycho zu Reflexionen gezwungen, die ihn an den Rand der Selbstverleugnung und Verzweiflung bringen. Erst nach einem langen Weg der Verwicklungen erkennt er, daß eine Persönlichkeits-veränderung der Grund für seine Auffälligkeit ist. Als bemühter Beitragender zum Wohle der Gemeinschaft entwickelt er einen Plan, seine daraus gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse allgemein zugänglich zu machen. Vor der Veröffentlichung wird er aber die Richtigkeit seiner Theorie durch einen Versuch beweisen.

Zum Autor

Joerg S. Claussen hat als Ingenieur an vielfältigen Projekten gearbeitet. Die tiefgreifenden Veränderungen der technischen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, denen unsere Gesellschaft mit atemberaubender Geschwindigkeit gerade unterworfen wird, haben ihn aus der Sicht seiner beruflichen Erfahrungen veranlaßt, spekulativ in die nahe Zukunft zu schauen.

Für C. , A. , L. , E.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 01 Vorfall

Kapitel 02 Wahrnehmungen

Kapitel 03 Beitragende

Kapitel 04 Institut

Kapitel 05 Blackbox

Kapitel 06 Vorladung

Kapitel 07 Komitees

Kapitel 08 Selbstzweifel

Kapitel 09 Abordnung

Kapitel 10 Betreuung

Kapitel 11 Tagebuch I

Kapitel 12 Therapie

Kapitel 13 Zweifel

Kapitel 14 Ursachenforschung

Kapitel 15 Kybernetik

Kapitel 16 Erinnerung

Kapitel 17 Theorie

Kapitel 18 Plan

Kapitel 19 Überlegungen

Kapitel 20 Verschwörung

Kapitel 21 Abschied

Kapitel 22 Labor

Kapitel 23 Simulation

Kapitel 24 Ungewißheit

Kapitel 25 Warten

Kapitel 26 Brief

Kapitel 27 Verwirrung

Kapitel 28 Bedrängnis

Kapitel 29 ZK00153

Kapitel 30 Zielsuche

Kapitel 31 Alleingelassen

Kapitel 32 Tagebuch II

Kapitel 33 Begegnungen

Kapitel 34 Annäherungen

Kapitel 35 Sprachlos

Kapitel 36 Aufrecht

Kapitel 37 Deal

Kapitel 38 Blackout

Kapitel 39 Publik

Kapitel 40 Programmcode

Verzeichnis der Abkürzungen

Skizze Laboreinrichtung

Kapitel 01 Vorfall

Das Gelände war weitläufig. Zwischen großzügigen Grünanlagen waren Gebäude in Gestalt von Kuben in verschiedenen Größen angeordnet. Keines des Gebäude besaß mehr als drei Geschosse. Lange, gleichförmige Fensterfronten und gleichgestaltete Eingangsbereiche wiesen sie als nüchterne Zweckbauten aus. Neben jedem der überdachten Eingänge waren schmucklose Hinweistafeln mit großen Zahlen und den Bezeichnungen der dort untergebrachten Institute aufgestellt. Es drängte sich die Vermutung auf, daß es sich um einen Campus einer großen Studien- oder Forschungseinrichtung handelte.

Die Wege von und zu den Gebäuden waren geradlinig so angelegt, daß sie aus der Vogelperspektive wie die Begrenzungslinien der Felder eines überdimensionalen Schachbretts aussahen. Sie kreuzten sich, bildeten rechte Winkel, wo sie an der Weiterführung durch die Gebäude gehindert wurden oder verschwanden als Geraden aus dem Blickfeld. Die Anzahl der Felder und ihr Maß der Ausdehnung über das Gelände war nicht abschätzbar.

Auf den Wegen bewegten sich Figuren. Einzelne kamen zwischen den Gebäuden hervor und strebten auf Eingänge zu. Andere traten aus den Gebäuden heraus, gingen geschäftig auf dem Wegemuster, entfernten sich, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Ihr Ziel blieb unklar. Keine der Figuren betrat die Rasenflächen der Schachbrettfelder, um durch Diagonalen Wege abzukürzen. Alle eilten in gleichartigem Rhythmus der Schrittfolgen, dennoch nicht sychron, und in verschiedene Richtungen. Sie schienen ihre Aufträge unabhängig voneinander zu erledigen. Begegneten sie sich oder kreuzten sich ihre Wege, so gingen sie grußlos aneinander vorbei, wichen aus, soweit das an den Kreuzungspunkten erforderlich war und setzten ihre Wege ohne gegenseitige Beachtung und mit gesenkten Blicken fort.

Für die über das Gelände Eilenden gab es keine sichtbare Veranlassung, zu verweilen. Parkbänke, die dazu hätten einladen können, gab es nicht. Neben wenigen buschartigen Gebilden waren keine weiteren Anpflanzungen zu sehen. Bäume, Blumenbeete oder wegbegleitende Rabatten fehlten gänzlich. Wildwachsende Arten wie Löwenzahn und Gänseblümchen hatten auf den kurzgeschorenen Rasenflächen keine Chance, Blüten zu entwickeln. Der farbliche Eindruck wurde geprägt von dem gleichmäßigen Blaßgrün des Grases, den Grautönen der Fassaden und den betonfarbenen Streifen der Wege. Die unauffälligen, dunkelblauen oder schwarzen Bekleidungen der Figuren fügten sich in das Farbspektrum ihrer Umgebung kontrastlos ein.

Das fahle Morgenlicht des Vorfrühlings warf einen beklemmenden Dunstschleier über den Campus.

Ein unüberhörbar schrilles Pfeifen weckte ihn. Gleich im Anschluß sprach eine laute Stimme: «Mit dem Signalton war es 6:30 Uhr. Die Gemeinschaft wartet auf deinen heutigen Beitrag zum Gemeinwohl. Das Ministerium für Fortschritt und Zukunft wünscht guten Erfolg!» Die Worte ergossen sich aus dem PCD, das auf dem Tisch lag, auf den gerade Erwachenden. Um zu verhindern, daß Weckpfiff und Ansage alle drei Minuten wiederholt wurden, sprach er den vorgegebenen Abschaltcode: «Ich habe verstanden. Ich beende meine Schlafruhe.» . Es blieben ihm nun eindreiviertel Stunden bis zum Dienstantritt am Institut um 8:15 Uhr.

Er erhob sich von der Schlafcouch und verschwand in der Naßzelle. Nachdem die Morgentoilette verrichtet war, trat er vor den Tisch und zögerte einen Moment. er mußte sich immer noch in der Wohnbox orientieren, obwohl er diese bereits seit mehreren Wochen bewohnte und der einzige Schrank nicht zu übersehen war. Aus diesem entnahm er die vom Institut gestellte Kleidung, eine dunkelgraue Kombination mit schwarzem Schuhwerk, kleidete sich an und griff zu seinem PCD und einer kleinen Tasche. Er verließ die Wohnbox.

Im Erdgeschoß des Wohnblocks trat er auf das Automatenbuffet zu, entnahm eine Tasse Kaffee und eine Schale Müsli und setzte sich an einen der noch nicht belegten kleinen Tische, vor denen jeweils nur ein Stuhl stand. Während er das Frühstück eher beiläufig zu sich nahm, widmete er seine Aufmerksamkeit dem, womit auch alle anderen in der Eingangshalle Anwesenden je für sich selbst beschäftigt waren. Auf dem Display seines PCD wurde sein Tageszeitplan und die Beschreibung der von ihm heute zu bewältigenden Aufgaben angezeigt. Nachdem er das Frühstück mit dem letzten Schluck aus der Kaffeetasse beendet hatte, stand er auf, trug das Geschirr zum Entsorgungs-automaten und verließ das Haus durch die große Flügeltür.

Nach wenigen Schritten erreichte er den Straßenrand und stellte sich auf einen der im Abstand von zehn Metern am Boden markierten weißen Kreise, die die Wartepunke für die Fahrt mit einem SDV kennzeichneten. Nach wenigen Minuten hielt eines der vielen vorbeifahrenden SDVs vor ihm. Die einzige Fahrzeugtür öffnete sich und eine Stimme meldete: «Bereit zum Einstieg!» Er nahm Platz, und umgehend schloß sich die Tür. Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Das Fahrtziel mußte nicht ausgehandelt werden, da sich sein PCD bereits mit dem SDV verständigt hatte. Der Tagesplan sah den Dienstantritt im Institut vor. Somit stand sein Ziel zweifelsfrei fest.

Obwohl die Entfernung zwischen seinem Wohnblock und dem Institut leicht fußläufig zu bewältigen war, hatte er den Verordnungen seiner Austraggeber zu folgen und alle dienstlich veranlassten Wege mit dem SDV zurückzulegen. Die Regelung zum Transport störte ihn nicht. Er befand, daß sein Alltag optimal für das Gemeinwohl geregelt war. Während der kurzen Fahrt konnte er das Lesen der Aufgabenbeschreibung fortsetzen, nachdem er dieses nach dem Frühstück hatte unterbrechen müssen. Nach kurzer Fahrt hielt das SDV an. «Das Fahrtziel ist erreicht.» Der Fahrgast blickte vom PCD auf, steckte es in die kleine Tasche, die er bei sich trug. Er wartete, bis sich die Fahrzeugtür öffnete und ihn der akustische Hinweis «Bereit zum Ausstieg!» veranlasste, aus dem SDV auszusteigen. Er wandte sich der linken Seite eines Tors zu, das als Teil eines überdachten Einfahrtportals einen schmalen Durchgang auf das Gelände freigab. Rechts und links des großen Tores erstreckten sich hohe Sichtschutzwände um das Areal. Als er an dem kleinen Pförtnerhäuschen vorbeischritt, ertönte der Beepton und leuchtete ein dort montiertes Lämpchen auf. Damit war bestätigt, daß der Zutretende mit Gesichtserkennung, PCD, Körperhaltung und Bewegungsablauf als Zutrittsberechtigter erkannt war.

Der nun vor ihm liegende, vielleicht zehnminütige Fußweg zum Institut war einer gut durchdachten Verordnung des Ministeriums für Zusammenhalt und Wohlbefinden geschuldet. Auf diese Weise bewegte er sich mindestens zweimal pro Arbeitstag. Der dadurch verursachte Kalorienverbrauch wurde durch sein PCD akribisch im Personal-Fitness-Protokoll, dem PFP, verzeichnet. Da die Institutsgebäude unterschiedliche Entfernungen zum Haupteingang aufwiesen, wurden die hier Tätigen je nach Institutszugehörigkeit von ihren SDVs an verschiedenen Nebeneingängen abgesetzt. Das war aus Gründen der Gleichbehandlung erforderlich, und er wertete es als weiteres Zeichen der intelligenten gesundheitlichen Fürsorge durch die Gemeinschaft.

So schritt er mit einem ausdruckslosen, ernsten Gesicht zielstrebig, aber nicht hastig über den Weg auf das bereits erkennbare Institutsgebäude zu. Dort hatte man ihm vor einigen Wochen seinen Arbeitsplatz im ersten Obergeschoß zugewiesen.

Kurz bevor er den Zugang zu seinem Institut erreichte, kam er an den ebenerdigen Fensterreihen des Nachbarinstituts vorbei. Eines dieser Fenster war weit geöffnet. Dahinter waren umfangreiche und undurchschaubare Laboraufbauten mit elektronischen Anzeigetafeln zu erkennen. Im gleichen Augenblick, in dem er im Abstand weniger Meter an dem geöffneten Fenster vorbeischritt, ertönte daraus das Poltern einer umstürzenden Geräteinstallation, ein kurzer Lichtblitz reflektierte an den Scheiben. Der Schmerzschrei eines Menschen war zu vernehmen, der begleitet wurde durch die Flüche und erbosten Zurechtweisungen einer weiteren Person.

Er war für Sekundenbruchteile erstarrt stehen geblieben. Aus der Nähe hätte man erkennen können, daß sich sein Gesicht für den gleichen Bruchteil einer Sekunde verzerrte, was man leicht mit dem Schreck erklären konnte, den das Geschehen hinter dem offenen Fenster wohl ausgelöst hatte. Erstaunlicherweise hatte er nicht einmal den Kopf gewendet, um nach der Ursache des Lärms zu schauen. Noch erstaunlicher war wohl, daß er, bis auf die kaum merkliche Unterbrechung, scheinbar mechanisch seinen Weg fortsetzte. Er öffnete die Tür zum Institutsgebäude und stieg die Stufen im Treppenhaus in das erste Obergeschoß hinauf. Nach wenigen weiteren Schritten trat er über einen Flur durch die offenstehende Tür eines Laborraumes an einen, seinen, Schreibtisch.

Er setzte sich auf den Schreibtischstuhl, aus seiner linken Hand fiel die kleine Tasche zu Boden. Sein abwesend wirkender starrer Blick streifte die Laboranordnung, sein Oberkörper neigte sich unkontrolliert vor und seine Schulter und der Kopf fielen hart auf die Schreibtischplatte. Er hatte erkennbar das Bewußtsein verloren.

Kapitel 02 Wahrnehmungen

...er läuft entlang einer mäandrierenden Wasserlinie. Die auf den Strand geworfenen Zungen gebrochener, zarter Wellen umschmeicheln seine nackten Füße. Ein milder Windhauch von der See steicht über sein Gesicht. Wenige Wolken ziehen landeinwärts über den klaren lichtdurchfluteten Himmel. Ein unbeschreibliches Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit will ihn mit sich reißen, als auch er sieht, was die anderen am Strand, wild gestikulierend und mit lautlosen Schreckensrufen schon bemerkt haben. Eine hohe, sehr hohe Wasserfront baut sich in der Entfernung auf und bewegt sicht bedrohlich näher auf den Strand zu....

... Gestalten, verkleidet in weißblauen Hypernautenanzügen und eigenartigen Helmen schweben wie beim Außeneinsatz einer Raumfahrzeugbesatzung schwerelos um ihn herum. Einer von ihnen gleitet auf ihn zu und hält ihn an der Schulter fest. Ein anderer füllt eine faßgroße Spritze mit einer armdicken Kanüle aus einem Kanister. Er richtet die Spitze auf ihn. Ein dritter zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf ihn und gibt das Zeichen zum Zustechen ...

... er ist einer von vielen, die in einer schier endlosen Kette hintereinander einen schmalen Grat zwischen zwei hohen Berggipfeln entlangstolpern. Beidseits des gerade einmal hüftbreiten unebenen Pfades lauern gähnende, nebelverhangene Tiefen wie die offenen Rachen gigantischer Drachen, bereit, Nahrung aufzunehmen. Lücken, die durch das Entschwinden derjenigen entstehen, die bereits entkräftet sind oder mit unzureichendem Schuhwerk keinen Halt mehr auf dem feuchten Untergrund gefunden haben, werden durch eine schnellere Gangart der Nachfolgenden geschlossen ...

Es ist bitterkalt. Es fröstelt ihn.

Noch bevor er die Augen öffnete, spürte Tycho, daß er sehr unbequem auf dem Rücken lag. Als er sie öffnete, sah er in gleißend helle, kaltweiße Deckenbeleuchtung, die, hätte er die Augenlider nicht sofort wieder geschlossen, ihm die Netzhaut verbrannt hätte. Er versuchte, sich ein Bild davon zu machen, wo er sein könnte, was ihn in diese Lage hätte bringen können, warum er so verzerrt lag. Erst jetzt wurde er gewahr, daß sein Kopf, genauer sein Hirn, zitterte wie unter einem Dauerkurzschluß, verursacht von mindestens 1000 Volt Spannung. Das Blitzgewitter, das ihm das innere Auge vermittelte, wurde untermalt von dem andauernden Trommelwirbel nahezu unerträglicher Kopfschmerzen. Seiner Kehle entrang sich ein langgezogenes, erschöpftes «Uuiiihhh». Durch das Chaos hindurch, das ihm das eigene Nervenkostüm bereitete, vernahm er überrascht einen Kommentar aus der Nähe: «Ah, aufgewacht?» Und «Bleib liegen, ich kümmere mich gleich um dich. Ich muß erst den Akutfall hier behandeln.» Tycho versank zurück in einen Halbschlaf.

Einzelne Satzfetzen drangen an sein Ohr. «...hätte schlimmer sein können, MCE Pavel...», «...nur häßliche Brandwunde...», «...vom Strahl nur gestreift...», «...kein Laserdurchschuß...», «...Strahlung ausgesetzt?...», «...benötige Angaben für den Bericht...».

Als er am Arm gepackt wurde weil ihm jemand beim Aufstehen helfen wollte, war er sofort hellwach. Er stand mühsam auf, taumelte mit Unterstützung durch den Raum und durfte sich sofort wieder hinlegen. Nun lag er aber auf einer weichgepolsterten Behandlungsliege. Aus dem Augenwinkel sah er, daß er zuvor auf einer Sitzbank gelegen hatte, die schon beim bloßen Anblick keinen Liegekomfort versprach.

«Wir haben dich auf der Bank abgelegt, weil wir einen Akutfall aus dem Nachbarinstitut zu behandeln hatten. Dieser Notfallraum ist für die Behandlung einer einzelnen Person ausgelegt. Statistisch tritt der Fall von zwei Akutfällen gleichzeitig praktisch nicht auf. Man hat dich ohnehin nur vorsorglich hierher gebracht. Du warst wohl kurzzeitig bewußtlos» sagte eine Frau in einem weißen Kittel. Das waren für Tychos Zustand, so wie er sich fühlte, sehr viele Worte. Er hatte immer noch keine Ordnung in seinem Kopf. Er schwieg. Die Kittelfrau neigte sich über ihn, spreizte seine Augenlider, sah in die Pupillen, nahm seinen rechten Unterarm und hielt das Pulsmeßgerät an die Vene. Das Namensschild am Kittel wies sie als MCE/med Silvana aus. Sie war also Ärztin. «...ziemlich ungesunder Blutdruck, Pulsfrequenzen außerhalb der vorgeschriebenen Normen. Als du für die Aufgaben im Institut ausgewählt wurdest, stimmten deine medizinischen Werte vollständig mit den Mittelwerten der vom Ministerium für Zusammenhalt und Wohlbefinden festgelegten Fitness-Skalen überein. MCE/inf Tycho, was hat sich an deinem Lebenswandel geändert, daß du an deinem Arbeitsplatz zusammenbrichst und das Bewußtsein verlierst? Drogen, von denen wir nichts wissen? Alkohol, den du vor uns versteckst? Ungesunde Ernährung entgegen den Vorschriften? Psychische Probleme, die du vor uns verheimlichst?»

Obwohl er bisher gewohnt war, sich auf ungewöhnliche und neue Anforderungen spontan und ohne zu zögern einzustellen, fiel es ihm in diesem Augenblick unglaublich schwer, durch seine immer noch heftig pulsierenden Kopfschmerzen hinduch Antworten auf die auf ihn niederprasselnden Fragen zu finden. Er fühlte sich zunehmend hilflos und schwieg weiter.

In der folgenden Dreiviertelstunde wurde er von MCE/med Silvana dem vollständigen Programm des Fitnesschecks unterworfen. Die Vorschriften dazu waren allgemein bekannt und vom Ministerium in einer Verordnung formuliert, womit die Standards für die physische Gesundheit der Mitglieder der Gemeinschaft gesetzt waren. Blutdruck, Herzrhythmus, Reflexe, Gewicht, Größe, Beweglichkeit, Ergometer, Balance ...

Während er in jeder Hinsicht vermessen wurde, diktierte die Ärztin die Meßergebnisse mit ihren Kommentaren in ihren PCD. Durch die automatische Kopplung mit seinem, Tychos, PCD, das noch auf der harten Sitzbank lag, war seine gesamte Vorgeschichte bereits in ihren Bericht eingeflossen. Eine Anamnese erübrigte sich also.

Tycho fühlte eine gewisse Erleichterung, als seine häßlichen Kopfschmerzen sich zu einem wabernden Hintergrundrauschen in der linken Kopfhälfte verwandelte. Während der Bewegungsübungen, zu denen er mit verschiedenen Sensoren ausgestattet wurde, hatte er endlich die Möglichkeit, sich umzusehen. Der Notfallraum des Instituts befand sich im Erdgeschoß des Gebäudes. Er hatte auf dem täglichen Weg zu seinem Büro Hinweisschilder darauf gelesen, aber nicht bewußt wahrgenommen, daß es ihn gab. Der Raum war tatsächlich kleiner als sein Labor, vollgestellt mit Schränken und medizinischen Geräten, einem bestuhlten Schreibtisch, sowie einem Behandlungstisch und eben der Bank, die wohl eher zur Ablage von irgendetwas als zum Sitzen oder Liegen diente.

Der hier tätigen Ärztin war er noch nie begegnet. Das war aber auch wenig verwunderlich, weil er ja auch die anderen Mitarbeiter am Institut nicht kannte. Kaum hatte er das für sich festgestellt, kam es ihm sehr merkwürdig vor, daß ihm das erst jetzt auffiel.

Die Aufforderung an ihn, den nächsten medizinischen Programmpunkt zu absolvieren, unterbrach seinen Gedankenstrom. Die Beantwortung der stummen Frage an sich selbst, warum er hier niemanden kannte, blieb aus.

Bei der Vermessung seines Lungenvolumens kam ihm dieser Vorgang plötzlich so lächerlich vor, daß er sich prustend abwenden mußte und den Kopf schüttelte. Wann hatte er zuletzt so gelacht? Er konnte sich gerade nicht vorstellen, wozu das genormte Lungenvolumen für seine Aufgaben am Institut von Bedeutung sein sollte.

MCE/med Silvana schaute erschrocken von ihrem PCD auf, in das sie unaufhörlich ihren Bericht hineingesprochen hatte. Sie sah ihn ernst und verständnislos an. da sich Tycho nicht weiter zu helfen wußte, nahm er die Atemübung wieder auf und blies, wie verordnet, in das Volumenmeßgerät. Die Ärztin empfand sein Verhalten offenbar so sonderbar, daß sie seine kleine Unterbrechung sofort in ihren Bericht aufnahm und mit der Bemerkung versah: «Dieser seltsame emotionale Ausbruch des MCE/inf Tycho wird noch im Zusammenhang mit dem gesamten Erkrankungsbild zu bewerten sein. Insbesondere sollte bei seinen zunkünftigen Leistungsprotokollen am Arbeitsplatz auf ähnlich abweichende Verhaltensmuster geachtet werden.»

Tycho nahm sich vor, das weitere Programm hier diszipliniert bis zum Abschluß durchzuhalten.

Mehrere Fragen drängten sich nun aber unmißverständlich und quälend in den Vordergrund seines Bewußtseins. Was machte er hier überhaupt? Wie war er hierher gekommen? Woran konnte er sich erinnern? Hatte sich etwas verändert? Hatte er sich verändert? War er noch er selbst? Wer, verdammt noch einmal, war er überhaupt?

«MCE/inf Tycho ...» Sie hielt inne, bis er sie aus seiner gedanklichen Abwesenheit wahrnahm und sich ihr zuwandte. «...ich habe dich vollständig durchgecheckt. Die Auswertung durch den GMA, den Great Medical Analyser, hat ergeben, daß du außer der abklingenden Abweichung des Blutdrucks und leichten Herzrhythmusstörungen gesund bist. Der GMA erkennt keine Ursache für deinen Zusammenbruch und die kurzzeitig aufgetretene Bewußtlosigkeit. Der GMA entläßt dich an deinen Arbeitsplatz. Man wird dich genau beobachten. Das Ministerium für Fortschritt und Zukunft erwartet weiterhin deinen vollen Einatz für die dir anvertrauten Aufgaben. Das Institut geht davon aus, daß du den Leistungsverlust, der durch deine Abwesenheit vom Arbeitsplatz heute entstanden ist, ausgleichst.»

MCD/med Silvana stand auf und zeigte auf Tychos PCD auf der Bank. Tycho drehte sich um, holte sein Gerät, und als er sich zur bereits geöffneten Tür wandte, um den Notfallraum zu verlassen, konnte er gerade noch den weißen Kittel über den Flur entschwinden sehen.

Kapitel 03 Beitragende

Durch eine gute Fügung, deren Ursachen im Unklaren blieben - niemand hatte das Bedürfnis, nach Ursachen zu fragen - konnte die Gemeinschaft auf die Segnungen der Automatentechnik und Robotik zurückgreifen. Ohne sie wäre das geordnete und gesicherte Alltagsleben nicht möglich gewesen. Die Entwicklung und Zukunft zum Wohle der Gemeinschaft war undenkbar ohne den unschätzbaren Beitrag der Technik.

Maschinen, Automaten und Roboter boten für alle Aufgaben, die schnell, präzise und in großer Stückzahl zu bewältigen waren, die optimale Lösung. Diese Erkenntnis wurde auch immer wieder durch die Kosten-Nutzen-Rechnung unterstrichen. Sobald die Komplexität der Anforderungen ein gewisses Maß überschritt, mußte jeder die uneinholbare Überlegenheit der Technik anerkennen. Dem Eindruck der offenkundigen Abhängigkeit wurde durch die Betonung der Dankbarkeit begegnet. regelmäßige Kampagnen der Ministerien hatten den Hinweis auf die überwiegenden Vorteile zum Inhalt, die die möglichen Nachteile bei weitem überwogen. Ohnehin machte sich die Allgemeinheit keine Gedanken zu solch grundsätzlichen Themen.

Für manche Aufgaben rechnete es sich nicht, Maschinen, Automaten oder Roboter zu entwickeln oder einzuplanen. Dafür gab es verschiedene Gründe. Man hätte sie beschaffen müssen. Oder ihre Einsatzdauer war zu kurz. Oder ihre Entwicklung und Herstellung stand in keinem finanziell vertretbaren Verhältnis zum erzielbaren Ergebnis. Das galt umso mehr für einfache Tätigkeiten, für die die hochentwickelte Technik nun einmal nicht vorgesehen war.

In diesen Fällen kam die sehr sinnvolle Arbeitsleistung durch die Gewöhnlichen Beitragenden, auch HECs genannt, also den Mitgliedern der Gemeinschaft, in's Spiel. Schon die Vernunft gebot, die vielen, sehr vielen Menschen zum wirtschaftlichen Nutzen der Gemeinschaft einzusetzen. Das Ministerium für Zusammenhalt und Wohlbefinden hatte kluge und hilfreiche Pläne ausgearbeitet und in Verordnungen umgesetzt, die die Gewöhnlichen Beitragenden in geordnete Tagesabläufe einband. Die durch Künstliche Intelligenz unterstützten Aufgaben-verteilungen sorgten dafür, daß jedes Mitglied der Gemeinschaft einen brauchbaren Beitrag zum Gemeinwohl erbringen konnte. Die Auswahl erfolgte unter Berücksichtigung der genau dokumentierten Fähigkeiten und Leistungen jedes einzelnen. Den meisten Beitragenden war nicht bewußt, daß die KI bei der Zusammenstellung der täglichen Arbeitspläne besondere Beachtung darauf legte, daß die mit den Aufgaben Betrauten am Ende des Arbeitstages ein Ergebnis erzielen konnten, das zu einem, wenn auch marginalem, Erfolgserlebnis führte. Damit war - wie vom Ministerium beabsichtigt - für ein Mindestmaß an Wohlbefinden bei den Beitragenden gesorgt.

So häufig man auf Maschinen, Automaten, Robotern und eben Gewöhnlichen Beitragenden, den HECs traf, so selten begegnete man wissentlich Humanoiden. Das lag wohl daran, daß sie zur Herstellung und Programmierung immer noch einen immensen Aufwand benötigten. Es hatte aber auch damit zu tun, daß man sie, wenn sie gut gelungen waren, eigentlich nicht von biologischen Wesen unterscheiden konnte. Die Kommunikation zwischen den Beschäftigten im beruflichen Umfeld war sehr begrenzt und wurde ausschließlich im Zusammenhang mit den beauftragten Aufgaben geführt. Man konnte niemals sicher sein, ob man einem Menschen oder einem selbstlernenden, autonom agierenden Humanoiden gegenüber stand. Auch die Identifikation durch das PCD gab dazu keine Auskunft. Die Vermutung, es gäbe nur eine kleine Anzahl von Humanoiden, schien aber schon aus dem Grunde plausibel, weil die Entscheidungsträger sicher ausschließen wollten, von ihnen durch einen Putsch ersetzt zu werden. Wer hätte ausschließen können, daß sich Humanoiden in größerer Zahl untereinander solidarisierten und eigene Ziele verfolgten?

HECs, also Gewöhnliche Beitragende, wurden im gesamten Bereich der Wirtschaft zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Infrastrukturen, zu allen Dienstleistungen und in der Industrie als Lückenfüller bei von intelligenten Maschinen verschmähten Aufgaben eingesetzt. Da die Aufgaben täglich neu vergeben wurden, konnte sich ein Beitragender, der sich mangels Talent oder Eigeninitiative nicht besonders qualifiziert hatte, an einem Tag beim Straßenbau, am nächsten in der Nahrungsmittelverpackung und tags darauf in der Abfallentsorgung wiederfinden.

Die Unterweisung eines HEC zur Durchführung einer ihm an einem Tag übertragenen Aufgabe erfolgte on-the-job. Er brauchte nur den akustischen Beschreibungen der zu verrichtenden Handgriffe, die ihm sein PCD Schritt für Schritt vorlas, im gleichen Rhythmus zu folgen. Auf diese Weise wurden unproduktive Leerzeiten vermieden. War der HEC durch die Abfolge zeitlich oder durch den Schwierigkeitsgrad überfordert, so hatte er die Möglichkeit, die Arbeitssequenz zu unterbrechen und, falls erforderlich, zu wiederholen.

Ein Hintergrundprogramm registrierte die erbrachten Leistungen und wertete die Auffassungsgabe. Darauf wurden besondere Fähigkeiten und Talente ermittelt, die sich in der Auswahl der Folgeaufgaben widerspiegeln konnten. Nicht erreichte Tagesziele wurden auf dem Sozialkonto SCA, dem social credit account, des HEC nach einem standardisierten Punktesystem durch Abzug vermerkt. Da der Abzug ausgeglichen werden konnte, stellte das kein Problem dar.

HECs wohnten in Recreationcenters. Das waren Wohntürme mit kleinen Schlafräumen, Gemeinschaftsnaßzellen, zentralen Automatenküchen und großzügigen Aufenthaltsbereichen mit 24/7 Unterhaltungsprogramm. Sie, die HECs, wurden in Commuter SDVs, einer Art Kleinbussen, zu ihren Arbeitsorten gefahren und auch abgeholt. Die Organisation der Arbeitswelt war vorbildlich und fürsorglich.

«Die erfolgreiche Bewältigung der einem HEC übertragenen Aufgabe trägt bei zum Fortschritt, zur Zukunft und zum Wohlbefinden der Gemeinschaft.» So vermittelten es nicht nur die Parolen. Diese Formel gehörte zu den Zehn Grundsätzen, die den individuellen Tagesplänen auf den PDCs vorangestellt waren. So konnte man sie leicht verinnerlichen. Darüber hinaus boten die Worte eine starke Motivation in der ständigen Konkurrenz zu den Maschinen, Automaten, Robotern ... und den anderen HECs!

Tycho war bis vor wenigen Wochen selbst einer der vielen HECs gewesen. Als Gewöhnlicher Beitragender hatte er zuvor über mehrere Monate hinweg zunehmend anspruchsvolle Programmieraufgaben übertragen bekommen. Da er nur jeweils Bruchteile von Programmen, einzelnen Funktionen, Schnittstellen, GUIs, Kommunikationsprotokollen zuarbeitete, konnte er deren Bedeutung im Zusammenhang nicht erkennen. Ihm selbst war aber aufgefallen, daß ihm die Arbeiten leicht in die Tastatur geflossen waren.

Eines Morgens, er war völlig unvorbereitet, las er dann auf dem PCD anstelle des üblichen Tagesplans die Meldung: «Du wirst bis auf weiteres deinen Beitrag für die Gemeinschaft als Kandidat MCE/inf einbringen. Werde dir der besonderen Verpflichtung bewußt. Die Gemeinschaft erwartet herausragende Leistungen von dir. Folge den unten aufgeführten Anweisungen.»

Er erschrak, weil er keine Vorstellung davon hatte, was das für ihn bedeutete. Offenbar war er dem Programm, das für die ständige intensive Beobachtung der Gewöhnlichen Beitragenden zuständig war, aufgefallen. Da ihm bisher, wie allen anderen HECs wohl auch, das tägliche Gleichmaß und die Vorhersehbarkeit der Ereignisse ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit boten, empfand er diese Nachricht als unangenehme Störung.... oder fühlte er sich so, weil er Angst vor dem Unbekannten hatte?

Tycho hatte nicht einmal eine vage Vorstellung davon, mit welchen Aufgaben Experten vertraut wurden. Er war bisher nur wenigen in seinem Umfeld begegnet. Er wußte, daß sie feste Arbeitsplätze aufsuchten, getrennt von HECs wohnten und in kleinen SDVs fuhren. Außerdem trugen sie dunkelgraue oder schwarze Anzüge statt der hellblauen der HECs. Da sie an den Orten, an denen HECs zur Arbeit eingesetzt waren, nie auftauchten, gab es auch keine Anweisungen von ihnen noch sonst einen Austausch zwischen HECs und Experten.

Tycho hatte auf einem Bildschirm, den er als Programmierer zufällig zu Gesicht bekommen hatte, gelesen, daß es Experten verschiedener Fachrichtungen gab. Sie wurden als

MCE (modern conditioned experts) für

nat

Naturwissenschaften

fin

Finanzwissenschaften

inf

Informatik

ing

Ingenieurwissenschaften

med

Biowissenschaften und Medizin

sup

Supervision / Überwachung

con

Controlling

pro

Propaganda

soc

Sozialwissenschaften

bezeichnet. Wegen seiner bisherigen Aufgaben als HEC war es für ihn naheliegend, daß er als MCE/inf eingruppiert wurde.

Tycho hatte die wenigen Absätze studiert, die der einleitenden Order folgten. sie ließen sich knapp zusammenfassen:

er hatte sich durch ein check-out-Formular als HEC abzumelden.

er sollte am gleichen Tage aus dem Recreationcenterhochhaus in eine Wohnbox umziehen (die Adresse war angegeben). Der Zugang sei für sein PCD freigeschaltet.

die Standardkleidung als MCE sei zu verwenden. Er würde einen Satz Anzüge in der Wohnbox vorfinden.

er hatte sich am nächsten Morgen um 8:15 Uhr in dem Institut für DBS in einem bezeichneten Laborraum einzufinden.

die Fahrten zum und vom Institut seien grundsätzlich mit einem SDV zurückzulegen.

ab sofort habe er sich als MCE/inf auszuweisen.

alle Anordnungen galten bis auf Widerruf.

Die Ausführungen waren gezeichnet vom Ministerium für Fortschritt und Zukunft und beglaubigt vom Ministerium für Kulturhygiene und Sprachvielfalt.

Kapitel 04 Institut

Tycho kehrte langsam, bei jedem Schritt sein Gleichgewicht suchend, in das ihm zugewiesene Labor zurück. Er hatte das Gefühl, er bewege sich durch vorbeigleitende dichte Nebelschwaden. Gleichzeitig kam es ihm vor, als sei in ihm etwas aufgebrochen. Eine Art flüssige Bewußtseinsdroge strömte durch alle Fasern seines Körpers. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so etwas empfunden zu haben.

Als er endlich an seinem Schreibtisch angekommen war, und er sich erschöpft auf dem Stuhl dahinter niedergelassen hatte, wußte er, daß etwas - mit ihm? - geschehen sein mußte. Als sähe er seine Arbeitsumgebung, in der er doch bereits seit Wochen tätig war, zum ersten Mal, blickte er sich befremdet um. das Insitut, an das er delegiert worden war, hieß mit vollständigem Namen «Institut für die Erforschung der Wirkungen von Deep Brain Stimulation zur Optimierung von leistungsrelevanten Hirnfunktionen». Der Kurzname hieß DBSI und wurde ausschließlich als Bezeichnung verwendet. Das DBSI war Teil eines ausgedehnten Areals von Forschungseinrichtungen, die vorwiegend naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auf der Spur waren.

Von der für ihn unübersehbaren Anzahl von Fachrichtungen hatte Tycho im Laufe seiner kurzen Tätigkeit hier nur das Nachbarinstitut wahrgenommen, weil es auf seinem Fußweg zum DBSI lag. Gemäß dem am Eingang angebrachten Schild beschäftigte man sich dort mit lasergestützter Quanten-kommunikation.

Da Tycho am DBSI bisher ausschließlich mit der Programmierung von vorgegebenen Programmteilen befaßt war, hatte er keine fachliche Kenntnis von dem, was in all den anderen Büros und Laboren vor sich ging. Das hatte ihn auch nicht interessiert. Daran hatte sich seit seiner Zeit als HEC auch mit dem Arbeitsplatzwechsel nichts geändert. Er war zufrieden mit seinem kleinen Reich, das durch die kahlen Wände seines Labors begrenzt war.

Als er damals nach der für ihn völlig ungewohnten Anfahrt am ersten Tag als Experte das Labor betreten hatte, erhielt er auf seinem PCD eine Beschreibung dessen, was er in diesem Raum vorfand:

man trat durch eine mittig angeordnete Tür in einen fensterlosen Raum, der von einer kaltweißen Deckenbeleuchtung erhellt wurde. Der Raum hatte einen quadratischen Grundriß.

Die Wände waren weiß gestrichen. Die Einrichtung umfaßte überschaubar wenige Elemente. rechts von der Tür stand ein Schreibtisch ohne Schubladen, dahinter ein Schreibtischstuhl. Auf dem Schreibtisch befand sich ein Bildschirm, davor lag eine Tastatur.

Saß man auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch, blickte man gegenüber auf drei goße Monitore. Diese waren auf Standfüße montiert und in den Raum gerückt. Zusammen nahmen sie nahezu die gesamte Wandbreite ein. An der der Tür gegenüberliegenden Wand reihten sich von links nach rechts ein schmales, eineinhalb Meter breites, brusthohes Stehpult, daneben ein indutrielles Computer-Rack und daneben wiederum ein kleiner Tisch mit einer Steuereinheit auf. Die vielen Leitungen, die vom Schreibtisch zur Steuereinheit, zum Rack, zum Stehpult, zu den Monitoren verliefen, verbanden die Teile der Laboreinrichtung optisch zu einer Gruppe. Da alle Einheiten ca. einen halben Meter von den Wänden abgerückt waren, konnte man den Eindruck gewinnen, sie kauerten sich zusammen, um sich vor der Kältestrahlung der nackten Wände in ihrem Rücken zu schützen. Dieses Bild wurde vielleicht hervorgerufen durch ein Detail, das nur durch die Aufgaben des Instituts zu erklären war: auf dem Stehpult befanden sich drei Büsten mit menschlichen Gesichtskonturen, denen mit Sensoren bestückte Kopfhauben übergestülpt waren. Aus jeder Haube bündelten sich dünne Drähte zu Kabeln, die zu dem Rack führten. Aus den Konsolen der Büsten verliefen Leitungen zu den Monitoren.

Die gesamte Installation des Labors sah auf den ersten Blick wie vorläufig angeordnet aus, als wäre sie in aller Eile aufgestellt worden. Tycho hatte keinen Anhaltspunkt finden können, der darauf hinwies, daß dieses Labor und die Gerätschaften schon einmal in Benutzung gewesen waren. Alles schien neu, unberührt und klinisch sauber.

Auf dem PCD hatte Tycho im Anschluß an die Gerätebeschreibungen Anweisungen gefunden, die an ihn gerichtet waren. Er sollte Programmcodes erstellen. Das war nicht neu für ihn, damit war er vertraut. Was folgte, war allerdings jenseits dessen, was er verstehen konnte. Seine Aufgabe sollte darin bestehen, innerhalb eines bereits installierten Programmcodes einen einzelnen Baustein auf vielfältige Art zu variieren. Einige Eingangsvariablen verloren sich in einer Blackbox, eine Vielzahl von Ausgangsvariablen waren an den folgenden Programmcode aus der Blackbox abzuliefern. Was in dem schwarzen Kasten passierte, dafür war Tycho zuständig! Erklärungen darüber hinaus gab es nicht! Kein Hinweis, NICHTS!

Nun, er war als Bemühter Beitragender gewohnt, Anweisungen zu befolgen und nicht über Ursachen und Wirkungen zu grübeln. Am ersten Tag war er allerdings noch recht ratlos, wie er mit den Anweisungen umgehen sollte. Nach zwei weiteren Tagen irritierte ihn eine andere Feststellung aber richtig: außer denen für Netzstrom gab es im ganzen Laborraum keine weiteren Anschlüsse, also