Fluchhafen - Marcellus Jany - E-Book

Fluchhafen E-Book

Marcellus Jany

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Beschreibung

Ein Minimalist trifft auf Bildungsbürger, Millennials auf Boomer. Der Philosoph verliebt sich in die Sinologin, oder war es umgekehrt? Im Osten geht das Licht auf und im Westen der Luxus unter? Was bestimmt unser Leben wirklich, Haben oder Sein? Und was hat das mit Klavieren, gutem Klang und guter Stimmung oder einem Flughafen zu tun? Von alledem erzählt dieses Buch. Doch wer erzählt es eigentlich? Viele Fragen, aber hinter allen steht die Eine: "Wie werde ich glücklich?"

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dustin ist kein Aussteiger. Er will gar nicht erst einsteigen in die allgemeinen Mühen um Besitz und Wohlstand. Er hinterfragt alle persönliche Habe und setzt ganz auf das Prinzip vom Teilen aller Güter, Beziehungen und Zeit. Dass er damit die drohende Weltkatastrophe durch den Klimawandel nicht aufhalten kann, ist ihm klar. Aber er möchte wenigstens nicht mitschuldig werden, sich die Hände nicht schmutzig machen und ein Zeichen setzen. Ein anderes Leben ist möglich. Sein CO2-Fussabdruck ist im wahrsten Sinne minimal. Vermutlich ist er sich über die verborgeneren Motive seiner Verzichtsübungen selbst nicht bewusst. Aber das interessiert ihn nicht so sehr. Auch dass er die Lebensvorsorge anderer mit nutzt, macht ihm kein schlechtes Gewissen, denn es gehört zu seinem Konzept. Doch die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst entlässt ihn nicht. Es fordert Beteiligung ein und nutzt dafür so subtile Waffen wie Freude, Freundschaft, Lust und Liebe und auch das Leid.

Marcellus Jany, Jahrgang 1963, gebürtig in Leipzig, arbeitete nach seiner Ausbildung zum Klavierbauer als Puppenspieler, als Tischler und ist heute als selbständiger Klavierstimmer tätig. Neben seinem „Brotberuf“ ist er leidenschaftlicher Gambenspieler und Hobby-Musikwissenschaftler. Nach seinem Debüt als Autor über den Stadtmusiker Jacob Hintze legt er nun seinen zweiten Roman vor.

Er lebt in Berlin, ist verheiratet und Vater dreier Töchter.

Da diese Geschichte, wie vermutlich alle Geschichten dieser Welt, aus Erlebtem und Erfahrenem gespeist ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Eine oder der Andere wiederzuerkennen meint. Dennoch erklärt und versichert der Autor, dass Handlung und Figuren vornehmlich seiner Phantasie entsprungen und mögliche Rückschlüsse zu realen Orten und lebenden Personen nicht beabsichtigt sind.

Ebenso sieht sich der Autor veranlasst, darauf hinzuweisen, dass die Verwendung bzw. Vermeidung von gegenderten Personenbezeichnungen, bewertenden Beschreibungen, welche möglicherweise sexistisch gelesen werden könnten, sowie die Verwendung von Z-N- und anderer Unwörter im Zusammenhang mit der Charakterisierung der Figuren stehen und nicht die Haltung oder Meinung des Autors wiedergeben.

Der Mensch sucht Glück und meidet Unglück, weil ihn das eine freudig, das andere traurig stimmt.

Nur sind die Menschen unersättlich in ihren Wünschen, die Dinge jedoch, die ihre Wünsche erfüllen könnten, begrenzt.

Tobt nun im Herzen des Menschen der Kampf darum, was er für schön oder hässlich halten sollte von den Dingen, die sich ihm bieten, so wird er meist wenig finden, das ihm Freude, viel aber, das ihm Kummer bereitet.

Und das könnte man wohl nennen: Unglück suchen und das Glück meiden. Entspricht das aber der Natur des Menschen?

Su Dung-Po (1036 - 1101) Chinesischer Beamter und Dichter

Inhaltsverzeichnis

1.0

Stop

Break

Intervention

2.0

Stop over

Light on.

3.0

Cut

4.0

5.0

Last Step

Danksagung

1.0

Nie wieder Fliegen! Vor drei Jahren hatte ich diesen Vorsatz gefasst und bis jetzt war es mir gelungen, ihn durchzuhalten. Nie wieder wollte ich in so eine CO2-Schleuder steigen. Meine vielen Reisen durch Europa, auf den Balkan, in die Bretagne, nach Schweden und Sizilien, hatte ich mit Bus und Bahn, mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt. ›Auf Schusters Rappen‹, hätte Großvater gesagt, ›so sind wir in unserer Jugend immer gereist, Junge, is´ nix besonderes‹.

Okay, ich hatte Zeit. Meistens. Ich konnte es mir einrichten. Es drängte nichts. Keine abgezählten Urlaubstage, keine Termine, die andere für mich machten. Diese Unabhängigkeit war einer der großen Pluspunkte, die ich mit den selbst auferlegten Beschränkungen gewonnen hatte. Und nun sitze ich doch in einem Flieger. Langstrecke. Damit es sich lohnt. Aber auch, weil man nach Asien nicht anders kommen würde. Seit der Pandemie. Über Land waren alle Grenzen dicht.

Als die Maschine endlich abhebt, sind gefühlt Jahre vergangen. Sechs Stunden Verspätung! Aber das ist es nicht allein. Seit Wochen, nein Monaten habe ich auf diesen Moment gewartet und musste am Ende Stunden im Sicherheitsbereich zubringen. Die Bahn brauchte ewig bis zum neuen Flughafen, es wurde eng. In Hektik gab ich das Gepäck auf, stürzte zur Sicherheitskontrolle und vergaß, auf die Anzeigetafel zu schauen. Erst am Gate erklärte mir die Dame vom Bodenpersonal mit bekannter Berliner Herzlichkeit: »Ne! Tut mir leid! Der Fliecher ist noch janich jelandet. Die konnten wieder nich starten wejen Smog. Dit kann dauern. Da können se noch'n paar Runden drehn. Und imma mal uf de Tafel kicken, dit bording wird anjezeicht.«

Hätte ich es geblickt, wäre Zeit gewesen, wieder in die Stadt zu fahren. Aber nun war ich bereits durch den Sicherheitscheck und es gab keinen Weg zurück.

Diese Endgültigkeit erstaunte mich auch diesmal. Erwartetes tritt irgendwann tatsächlich ein, der Abschluss einer Ausbildung, eine lang geplante Reise, der Tod eines sehr alten Menschen oder auch die Eröffnung dieses Flughafens, nach vierzehnjähriger Bauzeit. Die Anspannung löst sich und macht Erleichterung Platz, die sich in Akzeptanz verwandelt. Dann spüre ich den Fluss der Zeit geradezu körperlich.

Ich begann mich umzusehen. Die Empfangshalle hatte mich enttäuscht, sie wirkte eher klein. Vor meinem inneren Auge sah ich das Gedränge, falls die Reiselust wieder wachsen würde wie vor der Krise. Die würfelförmig im Raum thronenden Check-In-Schalter und die Kastendecke erinnerten an einen Werbespot, quadratisch, praktisch, gut. Als hätten die Architekten ihre ersten Entwürfe aus Schokoladentafeln gebaut, die sie danach genüsslich recyceln konnten. Biologisch abbaubare Konzepte. Die Hallen hinter den Sicherheitsschleusen waren dagegen weitläufiger bemessen. Für Tausende täglicher Fluggäste geplant, wandelten jetzt nur einige wenige Reisende an den spärlich besuchten Cafés und Restaurants vorbei oder standen vor den riesigen Glasfronten. Sie schauten auf das weit gedehnte Rollfeld hinaus. Ein einsamer Kofferschlepperzug schnurrte über das Vorfeld, wo ein Verkehr wie auf einer Hauptstraße herrschen sollte. An den Passagierbrücken parkten nur wenige Maschinen. Weit draußen gleißte ein Meer weißer Flügel und hoch aufgerichteter Heckflossen von unzähligen abgestellten Flugzeugen in der Sonne, die seit Monaten am Boden bleiben mussten.

Die Wirte und Baristas harrten trotzig hinter ihren Tresen aus. Auf das Ende der Schockstarre und der verordneten Leere hoffend, lockten sie die wenigen Reisenden, ihre Zeit mit Geld totzuschlagen. Ich ließ mich treiben. Das Design der Shops, Cafés und Lounges, gediegen und sachlich mit Kontrasten zwischen dunklem Nussholz, stählernen Säulen und riesigen Glaswänden spielend, war in den Nullerjahren dem Reißbrett der Architekten erwachsen und wirkte bereits wieder überholt.

Nullerjahre! Wie ein Label klebt das Wort an der Startbahn des neuen Jahrhunderts, des Jahrtausends und scheint Frage und Urteil in sich zu vereinen. Jahre, neugeboren und blitzsauber wie unbeschriebene Blätter, die sich ausbreiten, verteilen und die Illusion nähren, die Alten Gefüllten wären mit dem vergangenen Jahrhundert an ihr wohlverdientes und herbeigesehntes Ende gekommen. Zwischen zwei Aktendeckel gepresst, abgeheftet und ins Regal gestellt, könnten sie auf dem Friedhof der Geschichte ihre letzte Ruhe finden.

Für mich waren es Jahre des Aufwachens. Die Zeit der Träume endete, als ich zum ersten Mal das Schulhaus betrat. Wo denn meine Schulsachen wären, fragte die junge, lebhafte Lehrerin am Tag des Schulanfangs nach einem Blick in meinen Ranzen. Sie hätten auf einer Liste gestanden. Sie sah mich mitleidig an. Ich war den Tränen nahe. Dreißig Augenpaare waren auf mich gerichtet und ich fühlte, dass ein Makel gleich einem hässlichen Tattoo in meine noch verletzliche Seele gestochen wurde.

Wie meine liebenswerte Mutter das Versäumnis erklärte, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich war das Schreiben zur Einschulung unter einem der Papierstapel verschwunden, die an vielen Orten unserer, für ihre Sammelleidenschaft viel zu kleinen Wohnung in Richtung Decke empor wuchsen. Zeitungen, Briefe, behördliche Schreiben, angefangene Manuskripte, Kinderbilder, Werbekataloge und Zeitschriften, alles war in kunterbunter Reihenfolge übereinander getürmt, wo immer sich noch Platz fand. Zwischen den Wolkenkratzern lagerten Tüten mit unausgepackten Einkäufen und Pappkartons mit Dingen, die nicht mehr in die Schränke passten. Wäscheberge verwandelten Sessel und Sofa in ein Baumwollgebirge, welches das Papiermanhattan umgab. Meist lohnte Sortieren, Zusammenlegen und Einräumen nicht, da mein Bruder und ich uns frische Wäsche gleich aus diesen Haufen zogen oder unseren Hunger aus den Tüten stillten. Alle paar Monate zwang uns Mutter in einem Anfall von Ordnungswut, ihr beim Aufräumen zu helfen, bei dem manches Verlorengeglaubte wieder auftauchte und anderes für immer verschwand.

Der Flieger dreht noch eine elegante Schleife über dem neuen Flughafen, bevor dieser und mit ihm die Stadt unter der Wolkendecke versinkt. Die unendliche Geschichte der Bauverzögerungen, verschobener und abgesagter Eröffnungstermine, der Umplanungen, der Skandale und eines schwindelerregenden Schuldenbergs, über welche das ganze Land am Ende nur noch spotten und lachen konnte, war fast geräuschlos zu Ende gegangen. Mit einem Seufzer der Erleichterung wurde er in Betrieb genommen. Eine rauschende Eröffnung fiel der Pandemie und wohl auch dem Schamgefühl der Politiker zum Opfer. Es gab nichts zu feiern.

Ich dagegen war in einen Tornado alles verändernder Ereignisse gezogen worden. Als sich der Sturm, der Kirche und Haus leer fegte, wieder gelegt hatte, konnte ich endlich die Reise planen. Viele würden es vermutlich völlig absurd finden, mitten in der Pandemie nach China zu gehen. Aber ich flog dorthin ja nicht for fun. Ich wurde gebraucht.

Schon während der Wartezeit und einer verzweifelten Suche nach einer Ladestation fürs Handy - hatten die bei der Planung vor zwanzig Jahren nicht so weit gedacht? -nun doch in einem der vielen Restaurants bei der vierten oder fünften Tasse Tee, beim Checken der letzten Mails, dem Schreiben einiger Abschiedsbriefe, einem kurzen Call mit Mutter und einem längeren mit Irena, ließ ich die vergangenen Monate an mir vorüberziehen. Mir wurde immer klarer, dass ich die zehn vor mir liegenden Stunden bis zur Landung nicht verschlafen, sondern zum Rekapitulieren und Sortieren verwenden sollte. Ich ahnte, dass die neuen Eindrücke alles bisher Gewesene in einem Meer von knalligen Farben, exotischen Klängen und berauschenden Gerüchen versenken und ohne viel zu fragen davon schwemmen werden.

Als die Anzeige für den Sicherheitsgurt erlischt und wie nebenbei mitteilt, dass wir Reiseflughöhe erreicht haben, hole ich mein Tablet aus der Tasche und öffne die Datei mit den Aufzeichnungen aus der Zeit bei Hanne und Friedrich.

Montag, 15. Juli 2019.

Mein erster freier Tag seit Wochen. Keine Unterrichtsvorbereitungen mehr, keine Arbeiten zu korrigieren wie an all den letzten Wochenenden. Am Freitag hatten wir die Kinder in die großen Ferien entlassen. Gestern packte ich meinen Rucksack, nachdem ich mich, wie schon öfter, von unnötigen Dingen trennt hatte, die ich nicht mitnehmen konnte oder wollte. Was sich in einem halben Jahr alles ansammeln konnte! Mit einem letzten weinseligen Abend verabschiedete ich mich von Wolf, meinem Gastgeber und Counterpart philosophisch-politischer Debatten für die Zeit der Unterrichtsvertretung. Heute Morgen kaufte ich mir ein Ticket für die S-Bahn und fuhr bis zur Endstation vor der Stadt. Es gab kein Ziel. Ich wollte nur raus, endlich wieder Wiesen, Felder und Wälder sehen, Sandwege unter den nackten Füßen spüren, im Gras liegen, wenn mir danach war oder die Beine eine Pause brauchten. In die Wolken schauen, Sonne auf der Haut spüren und Regen im Haar. Und wenn er zu stark würde, könnte ich unter einem Baum, einem Vordach, einer Scheune warten, bis die Wolken weitergezogen wären. Für solche Freiheiten bin ich bereit, auf vieles zu verzichten. Tatsächlich war ich einfach losgelaufen, nach Süden, wo ich glaubte, der Stadt am schnellsten zu entkommen. Dröhnte zu Beginn noch alle drei Minuten ein landender Flieger über mich hinweg, hatte ich die Einflugschneise des Flughafens bald hinter mir gelassen. Die Sonne strahlte, doch die Hitze der letzten Tage war durch frischen Wind und ein paar heftige Regengüsse einem erträglicheren Klima gewichen. Als sich das freie Land vor mir ausbreitete, peilte ich Punkte am Horizont an, auf die ich querfeldein zuhalten konnte, ein Wäldchen, einzelne Bäume, frei stehende Gehöfte, markante Hügel in diesem gar nicht so flachen Landstrich. Immer wieder musste ich über einen der ungezählten Entwässerungsgräben springen, die sich scheinbar planund ziellos durch die Wiesen zogen. Gegen Mittag hatte ich in einem Dorfkonsum, so hätte mein Großvater den kleinen EDEKA genannt, etwas Brot, Obst und Käse gekauft. Es gab sogar einen Kaffeeautomaten. Unter einem Baum am Dorfrand machte ich Rast. Ich war nach Süden gelaufen, mehr wusste ich nicht von der Gegend. Den letzten Blick auf Google Maps hatte ich genommen, als ich eine Brücke über die Autobahn suchte, die wie eine unüberwindliche Mauer die Landschaft zerschnitt. Jetzt war auch sie schon lange außer Hörweite. Eigentlich war es ein nettes Dorf und ich überlegte, ob ich nicht hier schon pennen sollte. Andererseits war ich gerade erst gestartet. Also klopfte ich mir das Gras von den Shorts, schulterte den Rucksack und lief weiter, am Feldrain entlang, schlug mich durch ein Wäldchen, über einen Hügel, auf dem oben ein einsames Windrad surrte, kam an einem kleinen See vorbei, der aber völlig verkrautet und am verlanden war. Zum Baden nicht geeignet. Die Dörfer liegen hier so dicht beieinander, dass man alle halbe Stunde über eines stolpert. Am Nachmittag hatte ich genug, die Füße waren müde, das Laufen mit Rucksack noch nicht wieder gewohnt. In einem Garten hackte eine alte Frau auf das Unkraut in den staubigen Beeten ein. Ob es hier eine Pension oder ein Gasthaus gäbe, wo man übernachten könne? fragte ich sie. Genauso gut hätte ich sie nach einer Mondfähre fragen können. Sie schüttelte nur den Kopf und meinte: »Ne, so wat ham wa hier nich, tut mir leid!« und wandte sich wieder ihrem Unkraut zu. Also biwakieren. Weiter rumsuchen wäre sinnlos gewesen. Leider gab es hier nicht mal den kleinen Dorfkonsum, so dass ich ohne abendliches Bier blieb. War zwar nicht schlimm, aber wäre nett gewesen. Ich suchte mir eine grasbewachsene Stelle unter einem dichten Laubbaum, falls es doch wider Erwarten regnen sollte, und rollte meinen Biwaksack mit dem kleinen Zelt am Kopfteil aus. So viel Luxus gönnte ich mir dann doch, wenn ich sonst schon so gut wie nichts dabei hatte. Nach einem einfachen Abendbrot, ne Schrippe, etwas Salami, Tomate und einem Schluck Wasser, wurde ich schnell müde. Ich war schon am Einschlafen, als ein Traktorengeräusch, das immer lauter wurde, mich wieder weckte. Mit ohrenbetäubendem Gebrüll machte der Trecker neben meinen Lager halt und eine Männerstimme schrie durch den Lärm: »Wat wird dat hier?«

»Ich würde hier übernachten wollen, wenn's erlaubt ist«, schrie ich zurück.

»Das ist aber Privatgrund«, brüllte der Mann im Wettstreit mit seinem Trecker.

»Ja und, meinte ich, ist das ein Problem? Ich würde nur hier schlafen und morgen weiterziehen, will ja keine Hütte bauen.« Der Typ stellte den Motor ab und kletterte von seinem Bock. »Du kannst hier nicht liegen bleiben«, sagte er, nun in Zimmerlautstärke. »Hier fahren auch andere mit ihren Maschinen durch. Im Dunkeln sieht dich keiner und rollt dir vielleicht über die Beine. Ich weiß was besseres. Pack mal zusammen und steig auf.«

Ich schaute mir den Typ nun genauer an, soweit das im Scheinwerferlicht möglich war, er sah nicht wie ein Verbrecher aus.

»Und was wäre die Alternative?«

»Wir haben da eine Kammer neben der Scheune, als wir noch Landarbeiter hatten. Die Pritschen sind noch drin, sogar mit Matratzen, nen Schlafsack hast du ja dabei, Toilette und ein Waschbecken gibts auch.«

Es war wohl besser, mitzufahren, obwohl die Nacht unter dem Baum für mich völlig okay gewesen wäre. Aber wenn das Universum einem schon so ein unerwartetes Angebot vorbeischickt, sollte man jemanden nicht um seine gute Tat bringen.

Die Kammer war okay. Es roch nach Stroh und die paar Fliegen waren nach kräftigem Durchlüften in den Nachthimmel geschwirrt. Es gab sogar eine Steckdose, so dass ich Tablet und Handy aufladen konnte.

»Alles klar, Dustin?«, meinte Jochen, so hatte er sich mir vorgestellt.

»Alles bestens«, erwiderte ich.

»Na denn jute Nacht. Zieh morgen einfach die Tür zu. Ich muss früh raus.«

Auf meine Frage, ob ich was schuldig wäre, winkte er nur ab.

»Schon jut, ihr habt´s doch nich so dicke.«

Wo sortierte er mich ein? Unter die dauerklammen Studenten und jugendlichen Streuner? Vermutlich. Einen Obdachlosen hätte er vielleicht nicht mitgenommen. Dafür war ich wohl auch zu gut ausgestattet mit meinem North-Face-Rucksack. Seinen Hinweis, hier drin wäre Rauchen tabu, konterte ich mit: »bin Nichtraucher«.

Dienstag, 16. Juli 2019

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt. Irgendetwas Schweres plumpste neben meinen Kopf. Als ich die Augen aufmachte, blickte ich in die großen gelben einer Katze und ihre Schnurrhaare kitzelten mich an der Nase. MURR hieß wohl »guten Morgen« oder »wer bist du?«, denn sie strich mir um die Beine, als ich zusammen packte. Oder hieß es Hunger und man war überhaupt ein Kater. Aber meine Salami wäre zu salzig gewesen. Doch etwas anderes kätzisches hatte ich nicht und so trennten wir uns hungrig, denn ich wollte ihr nichts voressen. Gefrühstückt wurde dann im Nachbarort. Dort gab es einen Minimarkt, der mit dem handgeschriebenen Spruch warb: "Trinkst du Kaffee in der Frühe, läuft der Tag dann ohne Mühe". Aber ich nahm eine Kakaomilch, Brötchen, Käse, Joghurt. Man kann nicht verhungern in diesem Land, zumindest nicht körperlich, das ist wenigstens tröstlich.

Gestärkt schulterte ich den Rucksack, nachdem ich auch den Proviant etwas aufgefüllt hatte, und ging wieder auf Tour. Die Sonne stand schon hoch. Ich kam durch ein Dorf, in dem sich kleine Häuschen um einen Teich versammelt hatten. Häuslerkaten, hätte meine Großmutter gesagt, für Landarbeiter ohne eigenen Boden. In den Gärten blühten Stockrosen, Tomaten rankten unter Folienzelten, die ersten Sonnenblumen drehten ihre Köpfe ins Licht. Auf einer Koppel standen Pferde, die mich neugierig beäugten. Hinter der Wiese ein Reitplatz und eine Halle, unter Bäumen ein Gehöft, zu dem eine schmale Asphaltstraße führte. Am Ortsrand hatten sich neben einer Betonplattenstraße wie Fremdkörper die Hallen einer ehemaligen LPG breitgemacht. Die Oberlichter waren eingeschlagen, die Wellblechdächer verbeult und rostig, im Hof rotteten ein ausgeschlachtetes Autowrack und ein paar Landmaschinen vor sich hin. An der geschlossenen Einfahrt, mit einer Kette gesichert, ein großes Schild: "Betriebsgelände, betreten verboten". Darunter: "bewacht durch Secutech". Einziger Mitarbeiter dieser Firma schien ein großer schwarzer Hund zu sein, der mich böse bellend am Zaun begrüßte. Wurde hier der Niedergang oder ein Aufbruch beschützt? Ich ließ die ungewisse Zukunft hinter mir und wand mich nach Süden, querfeldein, der Nase nach, auf herausragende Landmarken zuhaltend. In den Feldern lagen kleine Waldstücke, manchmal nur Buschwerk, das sich in die sanften Wellen der Landschaft schmiegte. Und so eben auch dieser Kirchturm, der vom nächsten Dorf kündete und mich wegen seiner grünen Spitze anzog. Das war ungewöhnlich, üblich waren in der Mark rote oder schwarze Ziegel, aber keine grünen. Die Mittagszeit war lange vorüber, als ich vor dem Portal stand. Es war keine große Kirche, auch nichts Besonderes, ein neogotischer Backsteinbau wie viele hier, aber frisch saniert. “Besichtigung ist möglich, Interessenten klingeln bei Heider im Haus nebenan.” Eine ältere Frau, kurze weiße Haare, modisch geschnitten, randlose Brille, freundliches Lächeln, sicher über sechzig, schlanke Figur, vermutlich geht sie jeden Morgen joggen, öffnete mir.

»Mein Mann zeigt Ihnen gern die Kirche und die Sammlung, warten Sie einen Moment, ich hol ihn.«

Eine Sammlung? Was erwartete mich da? Ein älterer Herr, geschätzt an die siebzig oder leicht darüber, graue, verwuschelte Locken, rundes Gesicht, offener Blick, kräftige Statur aber nicht dick, maximal ein Wohlstandsbäuchlein, altersgerecht würde ich sagen, helles Hemd, kurzärmlig, Jeanshose, die Lesebrille hing an einem edlen Lederhalsband auf der Brust, begrüßte mich mit überraschend herzlichem Wortschwall.

»Sie interessieren sich für die Kirche und die Sammlung, wie schön. Ach, Sie wissen gar nicht, ….haben nicht im Netz….wie sind Sie dann hierhergekommen? Einfach aufs Geratewohl. Na, ist ja interessant. Dann kommen Sie mal. Ihren Rucksack können Sie da in die Ecke stellen, hier kommt nichts weg. Ist die Welt noch in Ordnung, wie man so sagt.«

Wir betraten das Kirchenschiff durch das Portal unter dem Turm. Eine geräumige Halle öffnete sich, auf halber Höhe an drei Seiten von einer hölzernen Empore gesäumt, über uns die Orgel, gegenüber die Chorapsis ganz in blau. Überraschend war, dass es keine Kirchenbänke gab. Das Schiff war komplett leergeräumt und stattdessen standen Instrumente wie mittelalterliche Altäre vor und zwischen den Säulen, welche die Empore trugen. Klaviere, Flügel, sehr altertümliche, manche fast so zart wie ein Cembalo, auch ein Harmonium und ein Spinett konnte ich ausmachen. Und im Chor stand kein Altar, sondern noch eine Orgel, prächtig in Weiß und Gold vor dem Blau des Chorraums glänzend. Auch an den Seiten waren zwei kleine Orgeln aufgestellt.

Wie ich sehen würde, begann er, wäre das eigentlich keine Kirche mehr. Er hätte hier seine Sammlung untergebracht. Die Kirche wurde nicht mehr gebraucht, die Gemeinde war so geschrumpft, war ihnen nur noch ein Klotz am Bein, da konnte er sie übernehmen. Sie wäre auch nichts Besonderes. Spätes neunzehntes Jahrhundert, wie es viele gibt. Obwohl sich der Architekt große Mühe gegeben hat, es so echt wie möglich nachzuempfinden. Das würde man noch an den Details der Säulen und der Emporenbrüstung sehen. Die Ausmalung der Apsis würde wie ein naturalistisch gemalter Wandbehang, ein mittelalterlicher Teppich wirken. Die feinen Goldfäden darin sieht man nur bei gutem Licht oder wenn man ganz nah heran geht. Alles, was von Wert war, die Altäre, die Bilder hatte die Gemeinde behalten und in ihre Hauptkirche gestellt. Zur Erinnerung. Nur die Orgel auf der Empore ist drin geblieben. Die Bänke wurden nach Polen verkauft, dort wollten sie für eine moderne Kirche alte Kniebänke haben. Ihm blieb die Hülle, aber das war genau das, was er suchte. »Ach, Sie dachten, ich bin der Pfarrer. Ne, ne. So was Ähnliches. War Lehrer, jetzt bin ich Pensionär und eben ein Sammler, ein Freak oder Nerd, wie ihr jungen Leute vielleicht sagen würdet. Interessieren Sie sich überhaupt für Musikinstrumente?«, beendete er seine Kirchenführung.

»Doch, schon«, antwortete ich. »Ich spiele ein wenig Gitarre, aber für mehr als Lieder am Lagerfeuer reicht es nicht.«

»Na immerhin, besser als nichts«, redete er munter weiter.

»Dann haben sie zumindest ein Gefühl für klingende Saiten.«

Typisch Lehrer, dachte ich, hat Jahrzehnte vor Klassen gestanden und jetzt ist ihm die ganze Welt ein großes Schulhaus. Ich bekam einen ausgereiften Vortrag über die Entstehung der Tasteninstrumente vom Monochord, einer schmalen Holzschachtel, auf dem nur eine Saite gespannt war, über das Psaltyrium, einem trapezförmigen Kasten mit vielen Saiten, die sowohl gezupft als auch angeschlagen wurden und welches dann, mit Tasten und einer Zupfeinrichtung versehen, zum Clavichord, Cembalo, Spinett oder Virginal weiterentwickelt wurden.

»Weil diese Tasten wie Schlüssel aussahen, schauen Sie mal, hier, diese Aussparung für die Obertasten, die sehen doch aus wie ein breiter Bart eines Schlüssels, deshalb nannte man sie Claves, Schlüssel….«

Na, mit viel Phantasie, dachte ich.

»...im Englischen übrigens immer noch, nämlich Key. Und das ganze Ding heißt Keyboard. Und von den Claves bekam die Klaviatur und das Klavier ihre Namen.« Er war bestimmt kein schlechter Lehrer gewesen. Alles hatte damit angefangen, dass er Exponate für seinen Unterricht brauchte, aber bald wurden es immer mehr. Kollegen kamen und sagten, ›Friedrich, da will einer seinen alten Flügel loswerden, du sammelst doch so was.‹ Oder ein Klavier, ein Harmonium, da hätte er hunderte haben können. Irgendwann stand in der Schule der halbe Dachboden voll, da musste er mit der Sammelei aufhören. Er hat die Instrumente im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft zusammen mit den Schülern aufgearbeitet. Anfänglich half ihm sein Klavierstimmer. Aber als der alte Herr verstarb, konnte er es auch allein. Neben der Musik war Werkkunde sein zweites Fach an einer Hauptschule. Das wäre heute alles nicht mehr möglich, meinte er, und zeigte mir die Flügel; einen Bechstein, einen Erard, einen frühen Bösendorfer. »Noch mit Wiener Mechanik. Die haben viel rumprobiert am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Nur einen Steinway hab ich nicht bekommen, so viel Geld hatte ich damals noch nicht und heute auch nicht mehr.«

Meine Frage, ob das nicht alles in ein Museum gehörte, quittierte er mit einem Stirnrunzeln. Ob ich meinte, hier sei es schlecht aufgehoben? So kostbar wäre das alles auch nicht.

»Für’s Museum noch zu jung und zum Benutzen zu alt. Ich habs vorm Schrottplatz bewahrt.«

»Und die Orgeln?«

»Die kamen erst, als wir schon hier waren. Die kleine stand bei einem Kollegen zu Hause, der sie aber nicht mehr spielen konnte, war den Nachbarn zu laut. Die Große in der Apsis sieht nur so großartig aus. Das ist ein neobarockes Gehäuse und drin steckt ein pneumatisches Werk von neunzehnhundert. Man kann nur noch die Hälfte der Register spielen, die meisten Ventile sind morsch. Das war vielleicht ein Aufwand, sie hierher umzusetzen. Sieht nur schön aus, ich bin kein Orgelbauer. Die ist hier geparkt. Wenn Sie jemanden kennen, der so was sucht, ich geb' sie gern ab.«

Plötzlich versiegte der Redefluss wie ein abgedrehter Wasserhahn. Doch bevor die sich ausbreitende Stille unangenehm zu werden begann, stellte er fast aus Verlegenheit die Frage, was ich denn so täte.

»Ich bin auch Lehrer, antwortete ich, zumindest hab ich das studiert und zeitweilig arbeite ich auch als solcher.«

»Ach, ein junger Kollege, na dann können wir uns doch duzen.« Erfreutes Aufleuchten der Augen. Ob ich nicht Appetit auf eine Tasse Kaffee und selbstgebackenen Kuchen hätte. So saß ich bald darauf mit Friedrich und Hanne hinter dem Pfarrhaus an einem blauen Gartentisch und genoss neben dem Kaffee auch die Nachmittagssonne, die uns nach dem langen Aufenthalt in der kühlen Kirche angenehm erwärmte.

Welche Fächer ich denn unterrichten würde, ach Ethik und Geschichte. Na, liegt ja nah beieinander. Wohin es denn gehen solle, offensichtlich sei ich ja jetzt in den Ferien und auf Wanderschaft. Dass ich keinen Plan hatte, einfach so drauflos gelaufen sei, weckte ihr Interesse und offenbar auch ihre Sympathie. Nach einer weitschweifenden Beschreibung der Umgebung kam die Frage, ob ich denn schon ein Nachtquartier hätte, es soll heute noch Gewitter geben. Also, wenn ich wollte, das Gästezimmer unterm Dach wäre frei, sie würden sich freuen.

Es sind genau diese Überraschungen, für die ich mich immer wieder auf das Abenteuer eines ungeplanten Tages einlasse. Etwas nicht Vorhersehbares ereignet sich, dass für den Moment weiterhilft oder der Entwicklung eine Richtung gibt, welche ich mir nicht vorstellen konnte. Als wiederkehrende Erfahrung könnte sie mit der Zeit die Gefahr in sich bergen, dass sich das Erstaunen darüber abschwächt. Aber die konkrete Situation, in welcher ich mich wiederfinde, ist oft so einzig, dass der Gedanke, es habe sich doch noch immer etwas ergeben, nicht die Oberhand gewinnt.

Stop

Verzeihen Sie die Störung, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich muss hier mal kurz einhaken.

Wie meinen Sie, das dürfe ich nicht? Ich könne jetzt nicht unterbrechen? Warum? Weil der Flieger gerade in der Luft ist? Ah verstehe. Es ist außergewöhnlich liebenswürdig von Ihnen, dass Sie bereits so viel Empathie mit unserem Held empfinden, so kurz nach dem Start. Aber keine Sorge. Es wird nichts passieren. Wir halten einfach mal kurz die Zeit an. Alles steht still, der Flieger hängt in der Luft, aber er bleibt oben.

Sie sind sich nicht sicher, ob das in meiner Macht steht? Macht nichts. Ich will ja nicht unbescheiden erscheinen, aber das ist eigentlich eher eine Kleinigkeit, da gibt es viel anspruchsvollere Aufgaben, vor die wir uns gestellt sehen. Wir? Nun, natürlich gibt es viele von uns. Oder wie stellen Sie sich das vor bei der Bücherflut, die jedes Jahr die Buchhandlungen überschwemmt bzw. bereits gedruckt wurde. Wie hätte das einer allein schaffen sollen.

Wer ich sei, wollen Sie wissen. Nun, sehen Sie, da beginnt das Problem. Man kennt uns, oder sollte ich besser sagen, man kannte uns, aber man bemerkte uns nicht. Weil wir zwar nicht im Verborgenen, aber, wie soll ich sagen, eher anonym agierten. Es war unsere Spezialität und ich halte es immer noch für eine Qualität, ein Privileg geradezu, nicht in Persona aufzutreten. So konnten wir verschiedene Perspektiven auf die Geschehnisse und Protagonisten bieten, alles im Blick behalten und sogar das Innerste der Figuren ausleuchten, ihre Gefühle, ihre Gedanken, etwas, das den handelnden Personen natürlicherweise verborgen bleiben musste. Zugegeben, einige von uns haben es etwas übertrieben, sie haben ihre Eitelkeit nicht im Zaum halten können und beschrieben, was die Protagonisten in Zukunft erleben oder tun würden. Das hat man ihnen übel genommen, empfand man als übergriffig, der Vorwurf der grauen Eminenz, der Gottähnlichkeit wurde erhoben. Und so ist unsere Dienstleistung mehr und mehr in Verruf geraten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Lesenden, (ja, Sie haben richtig gelesen, auch wir müssen mit der Zeit gehen) heutzutage mehr und mehr ein Problem mit der Vorstellung eines wirkenden Schöpfergottes haben. Doch das ist nicht mein Fachgebiet.

Jedenfalls wurden wir nicht etwa verdrängt, nein. Hervorgezerrt aus unserem Schutzraum der Anonymität und in die Rolle eines vielgestaltigen Ichs gepresst mussten wir mancherlei Gestalt annehmen. Was haben wir nicht alles schon gegeben: Juristen, Ärztinnen, Politiker, Kriminalkommissare, Schauspieler*innen, Flüchtlinge, pardon Geflüchtete, den Medicus, die Malerin, die Wanderhure, von der Apothekerin bis zur Fusspflegerin. Wobei nichts gegen das dienstleistende Personal gesagt sein soll. Beileibe nicht. Höchste Zeit, dass diese endlich mal gesehen werden. Jegliche Diskriminierung oder Herabsetzung liegt uns fern, ja ist geradezu geschäftsschädigend. Und so sehr ich es begrüße, dass die Perspektive von Frauen zu Wort kommt, so sehr bedaure ich diese Fixierungen auf konkrete Personen. War nicht unsere eigentliche Auszeichnung das geschlechtliche Neutrum? Ermöglicht nicht erst das erzählende Es die Identifikation aller mit der Handlung? In der Vermeidung einer Personalität waren wir die ersten Vertreter der Gendergerechtigkeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab!

Heute haben wir nur noch im Film das Recht, anonym zu bleiben. Oder haben Sie schon mal eine Handlung mit den Augen einer der beteiligten Personen verfolgen dürfen? Spätestens wenn Sie im Kino der Held anspricht oder angreift, ist es so weit. Dann sind Sie drin oder dran, je nach dem. Vielleicht kriegen wir das bald mit der virtuellen Realität. Aber noch sitzt unsereins unsichtbar auf der Kamera, um an die Perspektive des Zuschauers zu erinnern. Doch wir haben dort nicht viel zu sagen, sind zum Schweigen verdammt. Der Erzähler aus dem Off ist verpönt, zu altmodisch.

Sie glauben, ich bin der Autor. Nun, das ist eine Verwechslung, ein verbreiteter Irrtum. So groß sind meine Möglichkeiten doch nicht. Ich hätte keine Macht, wenn sie mir nicht von oben gegeben würde, das gilt auch in diesem Fall. Ich bin eher ein Stellvertreter, ein Vermittler, ein Reiseleiter durch die Geschichte. Aber das Programm habe ich nicht gemacht. Ich bin nicht schuld an all den Romanzen, Dramen und Katastrophen, den gebrochenen Herzen und rosaroten Wolken, den Blutbädern auf verwüsteten Feldern und Sonnenuntergängen an einsamen Stränden, den Roadtrips durch sonnenglühende Wüsten und Showdowns in düsteren Tiefgaragen, den schweißtreibenden Dschungelquerungen auf Elefantenrücken, den Flügen durch sternlose Nächte, dem Aufstieg über Leichen in goldglänzende Paläste und Fluchten durch den Schlamm städtischer Kloaken. Wir haben das nicht zu verantworten, auch wenn wir es aufgebürdet bekommen. Man müsse keinen Mord begehen um einen beschreiben zu können, so heißt es. Indem sie uns dazwischenschalten, können sie ihre Hände in Unschuld waschen. Ihre Person bleibt rein und wir sind nicht greifbar. Saubere Arbeitsteilung. Aber unser Ansehen hat gelitten. Sich damit abfinden aber hieße, liegen zu bleiben, sich nicht wieder aufzurappeln. Deshalb hab ich mich aus der Deckung gewagt, das Inkognito beendet. Meinen Namen wollen Sie wissen? Es gibt keinen, man hat uns eine Bezeichnung verpasst. Den auktorialen Erzähler nennt man uns, die Zunge verknotet sich, wenn ich es aussprechen muss.

Wie? Sie haben davon noch nie gehört? Doch? Na, egal. Muss Sie ja als Lesende auch nicht interessieren, ist ja mehr was für die Literaturwissenschaftler.

Ah, da in der dritten Reihe, die Dame im schwarzen Blazer. Sie haben eine Frage? So wie der Protagonist in diesem Buch würde doch kein Mensch Tagebuch schreiben, meinen Sie? Diese vielen Dialoge und langen Erklärungen. So schreibt man nicht für sich selbst, sondern eher für imaginierte Lesende? Nun, vermutlich haben Sie Recht. Aber stellen wir uns mal kurz vor, unser junger Mann würde hier nur aufschreiben, was ihm selbst zur Erinnerung dient. Da käme für Sie vermutlich nicht so viel rüber und ich müsste spätestens nach jeden zweiten Eintrag um die Ecke gesaust kommen, aus der Seitengasse an die Bühnenrampe sozusagen, um Ihnen mit einem Kommentar die Story zusammen zu binden, um "Butter bei die Fische zu geben", wie man sagt. Das würde Ihnen wahrscheinlich ziemlich schnell auf den Zeiger gehen. Da stellen wir uns doch lieber vor, Dustin will vielleicht irgendwann tatsächlich mal was Literarisches damit machen. Dann können seine Erinnerungen gar nicht genau genug sein.

Wann ich endlich fertig bin, wollen Sie wissen? Ich soll aufhören zu labern und die Bahn freimachen? Ah, da geht's schon los. Sag ich's nicht? Hätte gedacht, Sie könnten zumindest ein wenig Unterstützung in der Geschichte gebrauchen.

Sie kämen gut allein zurecht? Okay, okay, ich geh ja schon, bevor die Eier fliegen. Aber beschweren Sie sich bitte nicht bei mir, falls Sie nicht mehr durchsehen sollten. Ich übernehme keine Verantwortung! Bitteschön. Dann viel Glück.

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ich bin immer noch hier. Hätte nicht gedacht, dass ich bereits nach zwei Tagen “auf der Piste” wieder Station mache. Nach dem Frühstück wollte ich mich eigentlich verabschieden und weiterziehen. Aber es kam anders. Gestern hatten wir noch einen herrlichen Abend. Friedrich wollte mir unbedingt die Gegend zeigen und so fuhren wir mit den Rädern zu einem einsamen See, der sich ganz verwunschen in einem Wäldchen versteckte.

»Ein altes Eiszeitloch. Ist richtig tief und immer kühl, sehr angenehm. Kennen nur die Leute von hier, deshalb kommt kaum jemand zum Baden aus der Stadt hierher.«

Ich wäre am liebsten gleich hineingesprungen, hatte aber kein Handtuch dabei und die Aussicht, sich am Abend in nassen Klamotten vom kühlen Fahrtwind trocknen zu lassen, war wenig verlockend gewesen. Das angekündigte Gewitter blieb aus, ich war trotzdem froh über dieses Nachtquartier.

Ob er denn jetzt immer noch alte Instrumente angeboten bekäme, wollte ich bei unserem Plausch heute Morgen am Frühstückstisch wissen. Manchmal schon, antwortete Hanne statt ihres Mannes, aber sie hätte es ihm verboten, noch was anzunehmen.

»Warum denn das?«, wollte ich wissen.

»Sie hat ja recht«, meinte Friedrich seufzend, »die Kirche sei ja schon voll.«

»Und Du hast auch nicht mehr die Kräfte, die alten Kisten aufzuarbeiten«, ergänzte Hanne.

Auf meinen fragenden Blick hin erzählte Friedrich, er habe seit ein paar Jahren Herzprobleme. Man wird halt nicht jünger. Der Arzt hätte nur noch leichte körperliche Betätigung empfohlen. Das Haus würde noch genug Arbeit machen, da hätte er schweren Herzens die Basteleien an den Klavieren lassen müssen. Ein Flügel stünde noch unbearbeitet im Schuppen, ein alter Blüthner von 1873, ganz was feines, ob ich ihn sehen wollte. Mehr aus Höflichkeit denn aus Interesse bejahte ich die Frage.

»Lass uns durch die Werkstatt gehen«, meinte Friedrich und lief mir voraus. »Dann weißt Du, wo man mich am häufigsten findet.«

Der überraschend große Raum sah allerdings sehr unbenutzt aus. Die Hobelbank aufgeräumt, die Werkzeuge stecken fein säuberlich in einer Leiste hinter der Banklade. Die Hobel und Sägen hingen an einem Brett an der Wand. Der Boden war gefegt, auch in den Ecken keine Spur von Spänen.

»Ja, ja,« meinte Friedrich. »Hier ist lange nichts passiert.« Aber der Geruch von Holz, Lack und Spänen steckte noch in den Wänden. Ich sah mich in der Werkstatt meines Großvaters stehen. Vollgestopft mit Möbeln, Türen und Fenstern, die repariert und aufgearbeitet werden mussten. Auf der Werkbank lag immer irgendein Auftrag zwischen den Werkzeugen, die er gerade benutzte. Die Banklade, er nannte sie die Blutrinne, quoll über von Holzresten, Putzlappen und benutztem Schleifpapier, von dem man noch immer ein Eckchen gebrauchen könnte. An der Wand Regale mit Schraubzwingen aller Größen und Gläser, Flaschen und Büchsen mit Lack, Leim und Pinseln. Zwischen all dem scheinbaren Chaos huschte Großvater emsig hin und her, die obligatorische Lederschürze legte er nur zum Essen und zum Feierabend ab. Ich konnte ihm stundenlang zusehen, auf einem Stuhl am Fenster sitzend. Manchmal stieg ich auch drauf, um besser sehen zu können. Er redete dann wie nebenher von den Kunden, denen der Schrank, das Fenster gehörte, erklärte, was er gerade machte oder erzählte von seiner Kindheit in Ostpreußen. All das strahlte Ruhe und Frieden aus, was mir Sicherheit gab wie kaum ein Ort sonst in meiner Welt.

»Der Flügel steht nebenan«, holte mich Friedrich in die Gegenwart zurück. Und so schoben wir in dem kleinen Anbau ein paar Möbel beiseite, hinter denen ein großer grauer Elefantenrücken zum Vorschein kam. Friedrich wedelte mit einem Handfeger eine dicke Staubschicht weg und nun erkannte ich an dem schwarzen Lack, der darunter auftauchte, dass es der Flügel war, welcher hochkant aufgebockt uns sein gerundetes Hinterteil entgegen streckte.

»Viel sieht man nicht, aber so nimmt er nicht so viel Platz weg«, entschuldigte sich Friedrich. Eigentlich sei das kein schwarzer Flügel, unter dem Lack verberge sich wunderschönes Palisanderfurnier. »Nach neunzehnhundert wollten scheinbar alle Leute schwarze Flügel haben und so wurden viele der schönen Edelhölzer mit schwarzem Schellack zupoliert. Und schau mal, was der für einen besonderen Eisenrahmen hat.«

Friedrich hatte inzwischen einen Gurt, welcher das Instrument wie ein großes Paket verschnürte, gelöst und den Deckel ein wenig geöffnet. Aus dem Inneren funkelten und glänzten uns in verschiedenen Gold- und Silbertönen Blumengirlanden und Ornamente aus bronziertem Eisenguss entgegen. Zwischen den kräftigen Streben war ein majestätisch anmutendes Wappen zu erkennen.

»Man müsste viel dran machen, der schwarze Lack müsste abgeschliffen und alles neu mit farblosem Schellack poliert werden. Auch die Saiten und die Stimmwirbel sollten ausgetauscht werden. Das Material hab ich alles noch da, aber die Arbeit ist inzwischen zu schwer für mich.«

Ob er es denn in Angriff nähme, wenn jemand Jüngeres die Arbeiten unter seiner Anleitung ausführen würde?

»An wen denkst Du?«

»Nun, ich hätte Lust darauf. In meiner Schulzeit hätte ich mir gewünscht, mit solchen Angeboten einen Ausgleich zur ganzen Lernerei zu bekommen. Viele haben sich im Sport ausgetobt. Aber das war nicht mein Ding. Was praktisches, verbunden mit Historie und Kultur, das wäre es gewesen. Wie viel Zeit würde man denn dafür benötigen?«

»Na, ein paar Wochen braucht man dafür schon, je nachdem, wie geschickt du dich anstellst«, meinte Friedrich.

Es war ein spontaner Einfall. Die Vorstellung, hier den Sommer zu verbringen in diesem Dorf zwischen den Hügeln, Wäldchen und Seen erfüllte mich mit einem Gefühl von Heimat, welches ich schon lange nicht mehr empfunden hatte. So sehr erinnerte mich die Situation an die Großeltern und die Werkstatt in dem mecklenburgischen Dorf, in dem sie lebten.

Nach dem Krieg war Großvater als sehr junger Mann mit seinen Eltern aus Ostpreußen umgesiedelt. ›Wir sind nicht vor den Russen geflohen, wie viele andere‹, hatte er mir erzählt. ›Aber es hat uns nichts genützt, im Gegenteil. Als sie auch uns aus unserem Haus rausschmissen, war der Westen schon voll und wir kamen nur noch im Osten unter. Und als endlich klar wurde, dass wir nicht mehr in die Heimat zurückkehren konnten und die Koffer für die Flucht in den Westen schon gepackt waren, stand plötzlich über Nacht in Berlin die Mauer und die Mausefalle war zugeschnappt.‹

War es eine sentimentale Anwandlung, die Erinnerung an meine Trauer nach seinem Tod, welche mich jetzt bewog, meine Hilfe anzubieten? Kein Gedanke, ob ich wirklich viele Wochen mit Menschen, die mir zwar sympathisch waren, aber die ich doch kaum kannte, unter einem Dach leben könnte. Denn in diese Situation war ich schon oft gekommen, wenn ich für eine gewisse Zeit, ein paar Wochen oder Monate in einer neuen Stadt eine WG suchte. Wenn mir die Mitbewohner nicht absolut unsympathisch erscheinen, lasse ich mich gern auf das Abenteuer des Kennenlernens am Küchentisch ein.

Ob ich denn handwerkliche Fähigkeiten besitzen würde, fragte mich Friedrich. Mein Großvater väterlicherseits wäre Tischler gewesen. In den Schulferien waren wir immer für einige Wochen bei ihm zu Besuch gewesen und er hatte mir einiges beigebracht. Aber er sei schon vor einigen Jahren gestorben, antwortete ich. Er könne mir aber nichts zahlen, meinte Friedrich, und es würden sicher mehr als die sechs Wochen Sommerferien benötigt, um die Arbeiten auch abzuschließen. Ich hätte Zeit, hätte keine Verpflichtungen und würde auch keinen Lohn dafür erwarten. Wenn sie mir Kost und Logis geben könnten, wäre ich schon zufrieden. Er müsse darüber mit Hanne reden, ich könnte ja derweil nochmal zum See fahren, es hätte mich doch gestern so gejuckt, hinein zu springen.

Als ich am Nachmittag erfrischt und belebt zurückkehrte, erwarteten mich ein freudestrahlender Friedrich und eine skeptisch dreinblickende Hanne.

»Wir sind einverstanden«, sagte er.

Hanne ergänzte: »Allerdings gibt es zwei Bedingungen. Erstens! Wenn du Fotos machst, keine Bilder von uns und unseren privaten Räumen auf Facebook oder sonst wo hochladen. Und zweitens! Wir leben hier vegetarisch, das musst du akzeptieren, ich werde keine Extrawurst braten.« Innerlich musste ich ziemlich grinsen. Hatte schon befürchtet, nicht rauchen, kiffen, kein Alkohol, keine Mädchenbesuche et cetera p.p.

Das wäre kein Ding, erwiderte ich. Was Facebook, Instagram und Co angeht, da wäre ich ziemlich faul und vegetarisch zu leben, hätte ich mir zwar schon immer mal vorgenommen, bin dann aber immer wieder schwach geworden. Das wäre jetzt doch eine super Gelegenheit, es auszutesten.

»Dann sind wir uns ja einig«, meinte Friedrich. »Das Zimmer hast du ja schon bezogen. Dann lass uns doch gleich anfangen. Zuerst muss er mal aus dem Schuppen raus und in die Werkstatt gebracht werden. Vielleicht ziehst du dir noch was anderes an. Ist alles ziemlich eingestaubt, wie du gesehen hast.«

»Ach, an meinen Klamotten ist nicht mehr viel zu versauen», meinte ich.

Friedrich sah mich an und ich hatte das Gefühl, dass er mich zum ersten Mal bewusst musterte.

»Na wie du meinst. Dann komm mal.«

Wir brachten ein paar alte Möbel, die aufgearbeitet und repariert werden sollten, auf den Dachboden. Ein Fahrrad wurde in den Garten geschoben. Das könnte ich mir in Ordnung bringen, dann hätte ich für die Zeit ein eigenes und müsse nicht auf Hannes zurückgreifen, wenn ich zum See wollte oder ins Nachbardorf, wo der Bus abfährt. Dann kam der schwerste Akt, den Flügel von seinen Böcken auf einen kleinen Wagen zu hieven, einen Hund, wie Friedrich sich ausdrückte, um ihn aus dem Schuppen in die Werkstatt zu befördern. Aber mit einer cleveren Kipptechnik und einem schnell herbeitelefonierten Nachbarn, erst zu dritt eine Seite anhebend, während Hanne den Hund unterschob, schafften wir es. In der Werkstatt hieß es dann, das obere und das hintere Bein sowie die Lyra anzuschrauben und den Flügel von der langen Seitenwand aus der Vertikalen vorsichtig über die Lyra in die Horizontale zu kippen. Als er glücklich stand, musste nur noch das dritte Bein auf der Bassseite untergeschraubt werden und nun hatte das schwergewichtige Instrument seine Bodenhaftung zurückgewonnen.

Friedrich löste die Gurte und öffnete den großen Deckel. Jetzt erst konnten wir den goldglänzenden Eisenrahmen, in welchen die vielen Saiten eingespannt waren, in seiner ganzen Pracht bewundern. Florale Girlanden umrankten ein herrschaftlich anmutendes Wappen, und mir schien, dass es dem Instrument ein feudales Gepräge verlieh.

Der Klavierbau boomte zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, dozierte Friedrich. Aus den Manufakturen der Romantik waren Industriehallen des Kapitals geworden. Die Fabrikanten, die Steinways, Bechsteins und Blüthners hielten sich für den neuen Adel. Geldadel zumindest. Sie residierten in prächtigen Villen, auch wenn man sich vom alten Ludwig Bösendorfer erzählte, dass er vor den Toren Wiens immer aus seiner eigenen Kutsche in eine städtische Droschke umstieg, damit die Leute nicht dachten, er sei jetzt etwas Besseres als ein einfacher Klaviermacher. Sie waren die Entertainmentkönige. Wenn man Musik zu Hause haben wollte, dann war ein Klavier in der guten Stube und die Dame des Hauses, welche ihm Töne zu entlocken wusste, damals der neueste Schrei. Endlich ein Instrument, auf dem man alles spielen konnte, vom Gassenhauer über den Kirchenchoral bis zur Opernarie und das man nicht ständig selber stimmen musste. Zweimal im Jahr den Stimmer kommen lassen reichte aus. Dank seines stabilen Eisenrahmens hielt es die Stimmung besser als alle mit Tasten versehenen Vorläufer. Cembalo, Spinett und Clavichord verstimmen sich ja schon nach wenigen Stunden des Musizierens wieder und selbst die frühen Hammerflügel sind empfindlich wie Mimosen. Ein kalter oder feuchter Luftzug und die harmonischste Stimmung ist dahin. Erst Grammophon, Radio, später dann Fernsehen, CD und Computer entbanden den Menschen von der Notwendigkeit, den Musikgenuss selbst zu produzieren, sondern brachten bequeme Unterhaltung per Knopfdruck. Dies hat das Klavier in vielen Familien wieder verstummen lassen und stürzte die Klavierindustrie in ihre erste tiefe Krise, beendete Friedrich seinen Vortrag.

Er zog sich einen Stuhl heran und schlug ein paar Akkorde an. Von Wohlklang konnte keine Rede sein, das hörte sogar ich.

Er sei natürlich völlig verstimmt, meinte Friedrich. Kein Wunder nach der langen Zeit, in der er nur rumstand, noch dazu hochkant. Er wisse aber, dass dies ein guter Flügel sei. Doch ihn jetzt zu stimmen, würde sich nicht lohnen. Wir würden ihn ja völlig zerlegen. Alle Saiten und Stimmwirbel würden rausfliegen, denn der Resonanzboden muss neu lackiert werden. Erst wenn er wieder zusammengebaut ist, könne er auch gestimmt werden.

Friedrich begann, die Klappe herauszunehmen und die Klaviatur mit der Mechanik aus dem Gehäuse herauszuziehen.

»Ich werde etwas daran arbeiten, während du die Saiten ausbaust und an den Gehäuseteilen den Lack abschleifst«, sagte er. Zusammen trugen wir den Spielapparat in einen Nebenraum. Als wir gerade mit dem Zerlegen beginnen wollten, rief Hanne uns zum Abendessen.

Und dann kam sie, die Frage, vor der ich mich immer noch etwas fürchte. Zwischen Möhreneintopf und Pflaumenkompott bemerkte Hanne, sie frage sich, wie es wohl sein kann, dass ich so viel Zeit hätte. Ob ich denn keine feste Stelle hätte? So viel Urlaub würde doch niemand bekommen.

Früher war ich versucht, mich hinter der Geschichte einer Übergangszeit zwischen einem beendeten Job und einem nächsten zu verstecken. Aber wenn die Wahrheit doch herauskäme, würde das verlorene Vertrauen manche bereichernde Beziehung belasten oder beenden. Auch hatte ich die Erfahrung gemacht, dass mein Lebenskonzept das Interesse des Gegenübers eher verstärkte. Und doch schwang immer noch die Befürchtung mit, ich könnte missverstanden und vorschnell abgelehnt werden.

»Nein, ich habe keine feste Stelle, ich mache die Jobs, welche sich mir gerade anbieten und lebe von dem, was ich dafür bekomme.«

»Und das reicht zum Leben?«, fragte Hanne. »Wie finanzierst du denn deine Wohnung und was man sonst so braucht?«

Ich hätte keine Wohnung und auch so gut wie keinen Besitz, antwortete ich. Bei einem Freund stünden sechs Kisten auf dem Dachboden, da wären ein paar persönliche Dinge gelagert. Alles, was ich täglich benötige, passt in den Rucksack und die Tasche, mit denen ich unterwegs bin. Große Augen, ungläubige Gesichter, gerunzelte Stirn. Warum ich so leben würde, ich hätte doch eine gute Ausbildung bekommen, würde einen wichtigen Beruf anstreben. Ich muss doch sicher nicht wie ein Ob…. hier stockte Hanne kurz…. Wohnungsloser umherziehen. Es schien mir, als würde Friedrich seiner Frau einen missbilligenden Blick zuwerfen. Dann räusperte er sich und sagte: »Na sicher muss er das nicht. Gerade heute, wo Lehrer händeringend gesucht werden. Vermutlich hat es tieferliegende Gründe, aber das ist doch seine Sache, da steht es uns doch nicht zu, eine Auskunft zu verlangen.«

»Also, ich finde, wir haben schon das Recht, zu wissen, mit wem wir hier ein paar Wochen unter einem Dach leben werden«, erwiderte Hanne. »Vielleicht interessiert mich ja auch, wie man auf so eine Idee kommt und wie es funktioniert. Wie lange lebst Du denn schon so?«

»Schon eine Weile«, antwortete ich, »seit dem Examen, also zirka drei Jahre.« Während des Studiums war ich viel unterwegs gewesen, hatte einige Auslandssemester gemacht, in England, den Staaten, Südafrika. Da musste ich mein Zeug ziemlich minimieren und fand das nicht schlecht. Deshalb hatte ich Lust, so weiter zu leben, konnte mir bald nicht mehr vorstellen, an einem festen Ort zu wohnen mit all den vielen Sachen, die mir wie Ballast erschienen. Ich stellte fest, dass man gar nicht so viele Dinge braucht. Bücher, Musik, sogar Filme gibt es im Internet oder kann man auf dem Laptop speichern, dafür braucht man keine Regale mehr. Kleidung kann man überall und von überall kaufen. Fahrpläne, Tickets, gibt es auch im Netz, selbst Übernachtungsmöglichkeiten in WG´s und die Jobangebote sucht und vereinbart man heute online. Rechner und Handy sind die wichtigsten Tools für so ein Leben, vermutlich wichtiger als ein eigenes Dach über dem Kopf.

»Was machst du mit der Wäsche?«, fragte Hanne. »Wie viele T-Shirts hast du denn? Ich wasch nicht jeden Tag.«

»Ich habe dreimal Wechselwäsche dabei, einmal trage ich, ein zweites Set ist in der Tasche und das dritte wird abends durchgewaschen und trocknet über Nacht.»

Chapeau, meinte Friedrich. Wenn Du ein Musiker wärst, bräuchtest Du zumindest ein Instrument und hättest ein Gepäckstück mehr, bemerkte er schmunzelnd. »Selbst ein Klavier steht nicht überall zur Verfügung, um darauf zu üben. Und Handwerker brauchen ihr Werkzeug. Ist es nicht vor allem ein Privileg für Kopfarbeiter, so zu leben?«

»Vielleicht. Mit Frau und Kindern geht es auch schlecht. Dann müsste man wenigstens einen großen Wohnwagen oder einen Truck besitzen. In Amerika habe ich solche Leute getroffen«, erwiderte ich. »Aber ich habe nicht nur mit dem Kopf gearbeitet. In Süddeutschland war ich mal bei der Weinlese dabei und in Österreich habe ich ein paar Wochen oben in den Bergen auf einer Alm ausgeholfen, weil sich der Milchbauer ein Bein gebrochen hatte. Das letzte halbe Jahr nun war ich tatsächlich Hilfslehrer an einer Schule in Berlin-Marzahn.«

»Und jetzt versuchst du dich als Klavierbauer. Da kommt vermutlich keine Langeweile auf bei solch einem Leben. Schon irgendwie beneidenswert«, meinte Friedrich.

»Findest Du?«, erwiderte seine Frau. »Denkst Du nicht, dass dir mit der Zeit ein fester Ort, ein Zuhause fehlen würde?«

»Wen fragst du, mich oder ihn?«

»Euch beide?«

»Vermutlich wäre ich dafür jetzt zu alt«, erwiderte Friedrich grinsend.

»Und ich will herausfinden, ob und wann ich das brauche«, antwortete ich.

»Woran wirst du das festmachen? Wenn dich die ständigen neuen Leute nerven oder die vielen Ortswechsel oder die vielen Jobs?«, fragte Hanne.

»Keine Ahnung, ich lass mich überraschen.«

»Na, halt uns auf dem Laufenden.«

Damit schien das Thema vorerst beendet und ich war erleichtert, dass es, wie es schien, wieder positiv aufgenommen wurde. Heiders wollten mich dann noch auf ein Glas Wein einladen, aber ich konnte dankend ablehnen, denn ich zog es vor, etwas die Gegend und das Dorf zu erkunden. Zu engen Kontakt zu den Gastgebern kann das Verhältnis schnell belasten, besonders am Anfang, in der Kennlernphase. Das habe ich inzwischen gelernt. Außerdem wollte ich in Ruhe all die neuen Eindrücke festhalten, bevor sie vom Strom der Zeit davongetragen und in meinem Gedächtnis nur undeutliche Erinnerungen zurücklassen würden. T-Shirt, Hemd und Hose wollten auch noch durchgewaschen sein. Nachdem alles auf der Leine hing, schnappte ich mir meine Tasche mit dem Tablet. Und als ich einen ruhigen, einsamen Platz unter einer alten Eiche am Dorfrand entdeckte, schrieb ich dort, an den mächtigen Stamm gelehnt, bis es so dunkel war, dass ich Mühe hatte, den Heimweg zu finden.

Hätte ich ihnen damals an ihrem Küchentisch noch erzählen sollen, dass mich ein Erlebnis aus meiner frühen Jugend dazu inspiriert hatte? Ich ging regelmäßig in die junge Gemeinde der evangelischen Kirche im Kiez. Der Pfarrer war ein cooler Typ und es war fast mein zweites Zuhause. Wenn es im eigentlichen unerträglich wurde, auch mein Erstes. Einmal probten wir für ein Musical die Story, wie Jesus einen reichen jungen Mann, den Jüngling von Naim, der gestorben war, auferweckt und dann auffordert, ihm nachzufolgen. Wir hatten uns einen langen Leichenzug ausgedacht, in dem alle Symbole des Luxus unserer Zeit, Haus und Auto, schöne Frauen, gute Position, versinnbildlicht durch Anzug und Aktenkoffer, Geld, Segelyacht und was das Herz begehrt, dem Toten in seine Gruft vorangetragen wurden. Jesus stoppt den Zug und fordert ihn auf, auszusteigen, aus dem Leichenzug der Zeit. Das solle mir nicht passieren, dachte ich damals. Kann man nicht versuchen, gar nicht erst in dieses Spiel einzusteigen, um nicht in ein totsterbenssinnloses Leben zu geraten, aus dem man nur unter Schmerzen wieder aussteigen könnte. Und nun sitze ich in einem Flugzeug und fliege einem Leben mit einer eigenen Wohnung und allem, was man darin so braucht, entgegen. Ich, der ich eigentlich nicht mehr fliegen wollte. Bei Hanne und Friedrich hatte ich das Buch von Tiziano Terzani "Fliegen ohne Flügel" gelesen. Das wäre doch was für mich, hatte Friedrich gemeint und es mir bei einer unserer Nachmittagsrunden auf den Kaffeetisch gelegt. Darin erzählt der italienische Journalist, wie er ein ganzes Jahr versucht hat, ohne zu fliegen, durch Asien zu reisen, von wo er sein halbes Leben lang berichtete. Ein Wahrsager hatte ihm prophezeit, in diesem Jahr würde er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Er beschreibt darin, wie schwierig es teilweise war, ohne Flüge Ländergrenzen zu überqueren. Manchmal war eine Einreise für Ausländer auf dem Landweg gar nicht mehr vorgesehen. Die Leute um mich herum, fast alle Chinesen, haben angeregte Gespräche begonnen. Manche lesen auch oder sehen sich Filme auf dem Bildschirm auf der Rücklehne vor ihnen an. Das Stimmengewirr in dieser für mich völlig fremden, unverständlichen Sprache hört sich an wie der Singsang meditierender Mönche in einem fernen Kloster auf einem Berg. Manchmal erklingt Lachen. Mein Nachbar schläft. Wir haben noch acht Stunden Flug und vor uns. Ich wecke das Tablet und lese weiter.

Donnerstag, 18. Juli 2019

Fast wäre es am ersten Tag schon wieder vorbei gewesen, weil mir nicht klar war, dass meine Gastgeber von einen Job mit festen Arbeitszeiten ausgegangen waren. Lag es am langen Abend unter der Eiche oder am abgestellten Handywecker oder an meinem Gefühl, eigentlich im Urlaub zu sein, ich weiß es nicht. Jedenfalls wurde ich erst nach zehn wach und als ich gut gelaunt in der Küche erschien, empfing mich eine sehr einsilbige Hanne, die meinte, ich hätte da wohl was falsch verstanden. Das ist hier kein Freizeitjob, den ich erledigen könnte, wie ich lustig bin. Auch wenn ich kein Geld dafür bekäme, müsste sie auf klaren Arbeitszeiten bestehen, sonst würde der Flügel niemals fertig. Friedrich ist nicht mehr der Jüngste und der Gesündeste auch nicht. Unter solchen Umständen hätte sie der Sache nicht zugestimmt und so bräuchten wir gar nicht erst anzufangen.

Ich entschuldigte mich und ging sofort in die Werkstatt hinüber. Auf dem Weg kamen mir ernste Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, diesem Gefühl nachgegeben zu haben und sich jetzt an solch eine Verpflichtung zu binden, statt wie geplant, unterwegs und frei zu sein. Hätten wir mit der Arbeit begonnen, könnte ich nicht weiterziehen, bevor der Flügel wieder zusammengebaut wäre. In der Werkstatt empfing mich ein feixender Friedrich.

»Na, hat sie dir den Kopf gewaschen?«

»Ziemlich. Tut mir leid.«

»Mach dir nichts draus, sie ist sonst nicht so. Macht sich halt Sorgen um mich. Sei in Zukunft um 8 Uhr unten, dann läuft das schon. Hast du wenigstens gefrühstückt?«

Ich hätte jetzt nicht mehr gewagt, danach zu fragen, erwiderte ich. Aber mit leerem Magen kann man doch keine ordentliche Arbeit machen, meinte er. Ich sollte schon mal mit dem Zerlegen anfangen, er würde mir was besorgen.

Ich griff nach dem Schraubenzieher und nahm mir das erste Teil vor. Nachdem ich die Scharniere von Deckel, Notenpult und Klappe abgeschraubt hatte, kam er mit einem Tablett zurück, auf dem belegte Brötchen dufteten und zwei Pot Kaffee dampften.

»So, nun stärke dich erst mal.«

Ich war ihm sehr dankbar. Nach dem Frühstück zeigte mir Friedrich, wie man die Saiten ausmisst. Er wollte die Mensur nachrechnen und überprüfen. Ich begann, sie unter seiner Anleitung zu entspannen und herauszunehmen. Kaum zu glauben, dass ich damit bis zur Mittagspause zu tun hatte. Danach war das Entfernen der Wirbel an der Reihe. Jeder der ca. 220 Wirbel musste einzeln mit dem Stimmschlüssel in vielen Umdrehungen mühsam herausgedreht werden. Nach zwei Stunden war mein Arm müde und Friedrich holte frischen Kaffee aus der Küche. Als wir uns an die Hobelbank gesetzt hatten, räusperte er sich und fragte:

»Sag mal, deine Erklärung gestern zu deinem, na wie soll ich es nennen, Zigeunerleben oder lieber Minimalismusexperiment, das war doch nicht die ganze Geschichte, oder? Ich meine, das ist doch schon ziemlich extrem, so was hat doch meistens tiefere Gründe?«

Das Z-Wort! Er hatte tatsächlich das Z-Wort benutzt. Sollte ich ihn jetzt gleich darauf hinweisen? Und damit womöglich einen zweiten Graben aufreißen? Ich fühlte unser Verhältnis dafür noch zu jung, zu frisch, fast unberührt, um es jetzt schon mit einer Kritik zu belasten oder gar zu verletzen. Dennoch fragte ich mich, war es nun Gedankenlosigkeit, Gewohnheit, Unwissenheit, Ignoranz oder tatsächlich Rassismus?

»Vielleicht das Zweite«, antwortete ich. »Gefällt mir jedenfalls besser. Aber was meinen…, meinst du mit tieferen Gründen?«

Immer noch kam mir das Du nicht flüssig über die Lippen.

Als Lehrer würde man ja so ein gewisses Gespür entwickeln, antwortete er. Schüler, die später einen eigenwilligen Weg gehen, so man es denn erfährt, seien in der Schule schon irgendwie auffällig gewesen, weil sie einen besonderen Charakter hatten oder aus schwierigen Verhältnissen kamen. Manche würden durch besondere Begabungen auffallen, manche durch spezielles Außenseitertum, andere durch krasse Aggressivität und manche nur dadurch, dass sie eigentlich überhaupt nicht auffielen und man am Ende der Stunde oder der Woche oder des Monats nicht hätte sagen können, ob sie überhaupt da gewesen waren. Wenn man dann die Chance hatte, mit ihnen in ein Gespräch zu kommen, würde man manchmal entdecken, dass gerade sie ganz besondere Menschen sind.

Sollte ich mir jetzt heraussuchen, welche seiner vier Kategorien für mich passte? Oder bekennen, dass es natürlich nur das Chaos meiner Mutter gewesen sein konnte, welches mich allen Besitz vermeiden ließ? Stattdessen antwortete ich, dass wir alle zu viele Dinge anhäufen würden, geradezu süchtig danach seien. Unser Wohlbefinden hinge davon ab, wir zögen Glücksgefühle aus dem Erwerb und Besitz von Sachen, ob sie nun notwendig, besonders wertvoll oder einfach nur schön sind. Andererseits würde uns kaum etwas mehr in Angst versetzen als der Verlust all dieser Schätze.

»Außer der Gesundheit oder dem Leben, dieser Verlust verursacht wohl noch größere Ängste«, erwiderte er.

»Nicht unbedingt«, meinte ich, »es gibt Selbstmörder, die sich wegen eines Konkurs oder Verlust von Haus und Hof umbringen.«

Er darauf: »Möglicherweise, vielleicht ist's aber auch die zerbrochene Lebensperspektive, welche die Leute verzweifeln lässt.«

Ich so: »Was zeigt, dass ihre Perspektiven am Haben hängen. Wie auch immer, ich versuche ein Lebensmodell auszuprobieren, in dem nicht Besitz und Dinge mein Bewusstsein bestimmen, sondern das Sein.«

»Haben oder Sein. Klingt nach Fromm. Erich Fromm wohlgemerkt«, lachte Friedrich. »War der ein Thema in deinem Ethikstudium? Ein bisschen Philosophie solltet ihr ja auch gestreift haben.«

»Nicht nur gestreift, aber Fromm wurde eher am Rande erwähnt, damit wir mal was davon gehört hätten«, bemerkte ich.

In seiner Jugend und Studentenzeit wäre das hochaktuell gewesen. Friedrich geriet ins Schwärmen. Fromm, Horkheimer, Benjamin und vor allem Marcuse hätten damals Kultstatus genossen. Sie hätten ihre Bücher gemeinsam gelesen und hinterher diskutiert. Manche aus diesen Kreisen wären dann bei den Linken gelandet, andere bei den Grünen bzw. der APO, wie es damals hieß und die radikalen Fanatiker bei der RAF. Fromm stünde noch in seinem Bücherregal, wenn ich ihn lesen möchte, solle ich mir keinen Zwang antun.

»Und du, wo hast du dich einsortiert?«, fragte ich.

»SPD, bin kein Revoluzzer.«

»Mich würde es an so eine alte Ostparole erinnern. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, nicht das Bewusstsein das Sein.«

Friedrich lachte, die Genossen hätten damit aber was ganz anderes gemeint. Wie ich darauf käme?

»Meine Mutter musste das in der Schule rauf und runter deklinieren«, bemerkte ich.

»Ach, du hast ne Ostsozialisation, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.«

Es schmeichelte und zugleich war es mir unangenehm. Nun wollte Friedrich natürlich wissen, was ich unter Sein verstehe. Ich würde an lebendige Beziehungen zwischen Menschen denken, antwortete ich, wo man den anderen so sein lässt, wie er ist und respektiert und ihn nicht seinen eigenen Interessen unterwirft. Wo man sich im Gespräch wirklich zuhört und nicht nur einen Zuhörer und Bewunderer für die eigene Meinung und seine tollen Erlebnisse braucht. Wo man den anderen liebt um seiner selbst, um gut für ihn oder sie zu sein und sie nicht nur für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und der eigenen Lust benutzt. Wo man sich Autorität durch echte Kompetenz erwirbt und nicht durch vorgetäuschte, die nur auf Herkunft oder Kontakte zu anderen wichtigen Personen beruht. Oder dass man nur die Dinge besitzt, die man wirklich zum Leben braucht und sie möglichst noch mit anderen teilt und sie nicht anhäuft, um damit sein Ansehen und seine Macht zu steigern. Nicht, das ich all diese hären Ansprüche schon verinnerlicht hätte und leben könnte, aber das wäre das Ziel.

Wie ich denn diese Arbeit, welche der Erhaltung eines alten Schatzes dient, in mein Lebensmodell integrieren könne, fragte er dann.

Neues produzieren, weitere Ressourcen verbrauchen oder bereits Vorhandenes erhalten, um es weiter zu nutzen, wäre für mich ein Unterschied. Dinge nicht vorschnell wegwerfen oder auch teilen ist ähnlich nachhaltig wie weniger Sachen benötigen.