Flucht durch die Eiserne Zeit - Samira Coldchurch - E-Book

Flucht durch die Eiserne Zeit E-Book

Samira Coldchurch

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Beschreibung

1628. Der große Krieg wütet seit Jahren in weiten Teilen Europas, und Hungersnöte und die Pest entvölkern ganze Landstriche. Es herrscht die so genannte Eiserne Zeit. Millas behütete Welt war bisher immer verschont geblieben. Aber eines Nachts wird auch die Heimatstadt der jungen Kaufmannstochter überfallen und niedergebrannt. Millas Familie und ihre besten Freunde finden dabei den Tod, und nur um Haaresbreite kann sie entkommen. Allein auf sich gestellt trifft Milla eine mutige Entscheidung. Auf dem Rücken ihres weißen Hengstes Salvador und in Begleitung ihrer Weggefährten und Blutsbrüder Karim und Cornelius macht Milla sich auf den weiten, abenteuerlichen Weg in die Kolonien der Neuen Welt.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Die Verschwörung der Hexenjäger

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Das Geheimnis der Höllenschlucht

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

DIE VERSCHWÖRUNG DER HEXENJÄGER

Kapitel 01

Es dämmerte bereits, als Milla erhitzt und außer Atem die weitläufigen Uferwiesen erreichte. Wie immer nach dem Abendessen hatte sich die junge Kaufmannstochter ihren Degen gegriffen, ihn unter ihren prächtigen, langen Kleidern verborgen und war durch die engen Gassen von ihrem Elternhaus am Marktplatz hinunter zum Fluss gerannt. Die Streitereien mit ihren Eltern hatten sich zuvor wieder endlos hingezogen. Es ging um die Nachfolge im Geschäft und warum sie sich partout nicht für einen der reichen Bewerber entscheiden wollte, die ihre Eltern für sie ausgewählt hatten. Sie sei nun bereits 15 Jahre alt, also sehr bald schon in einem Alter, um zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. Aber Milla wollte nichts davon hören und gab Widerworte, wo sie nur konnte. Warum sie nicht ebenfalls zum Studieren nach Florenz gehen könne wie ihr älterer Bruder Karl? Warum ihr Vater sie nicht im Geschäft mitarbeiten lasse und sie ihn dann auf seinen Handelsreisen begleiten könne? Wie gern würde sie Paris sehen, Antwerpen, Venedig und Konstantinopel. Die wohlhabenden Kaufmannssöhne, die ihre Eltern für sie aussuchten, seien entweder grauenhafte Langweiler, dumm wie Graubrot oder so hässlich wie alle Wasserspeier der berühmten Kathedrale von Notre Dame zusammen. Lieber würde sie einen ganzen Topf Schnecken essen als einen von denen ohne Hosen zu sehen. Und damit das klar sei, sie würde nur einen Mann heiraten, den sie von Herzen liebte. Sie würde sich schon selbst einen Ehemann aussuchen – aber bestimmt nicht heute, morgen oder in der nächsten Woche. Ihr Vater war schließlich ungehalten geworden und hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen, während ihre Mutter es weiter mit viel Geduld und guten Argumenten versucht hatte. Es sei doch schön, eine große Familie und viele Kinder zu haben. Die Liebe zu ihrem Mann würde mit den Jahren schon noch wachsen, das sei bei ihr und Millas Vater doch auch so gewesen. Männer müssten nicht hübsch sein, denn vor allem ihr Charakter sei wichtig, und ein beträchtliches Vermögen natürlich. Schließlich war Milla wütend aufgesprungen und hatte heimlich das Haus verlassen, obwohl ihr Vater ihr befohlen hatte, bei Nacht daheim zu bleiben. Man schrieb das Jahr 1628. Seit zehn Jahren herrschte bereits Krieg, der große Dreißigjährige wie man ihn später nennen sollte. Obwohl man in der wohlhabenden böhmischen Kaufmannsstadt bisher recht wenig davon spürte, brodelte die Gerüchteküche und es war von Gräueltaten feindlicher Söldnerheere zu hören – von Brandstiftung, Folter und Mord. Die Moritatensänger auf dem Marktplatz grölten von morgens bis abends ihre blutrünstigen Lieder, sehr zur Begeisterung der kriegslustigen jungen Burschen und sehr zum Leidwesen aller fleißigen Kaufleute, die in den reich verzierten Patrizierhäusern rund um den Marktplatz ihren Geschäften mit Silber und dem berühmten böhmischen Glas nachgingen.

Milla war eine exzellente Degenkämpferin, sie würde sich und ihre Familie schon zu verteidigen wissen. Das abendliche Training, das sie seit ein paar Monaten heimlich mit ihren Freunden unten am Fluss absolvierte, zeigte Wirkung. Sie war schlank und drahtig und in puncto Kraft und Schnelligkeit konnte sie es mittlerweile sogar mit ihren Freunden Jakub, Cristof und Peter aufnehmen. Im Schutz der tief hängenden Zweige einer mächtigen Trauerweide zog Milla sich schließlich ihr langes Kleid über den Kopf und warf es schwungvoll über einen der dicken Äste. Darunter trug sie bereits ihre Fechtkleidung. Ein weites weißes Leinenhemd mit einem großen, reich bestickten Kragen und dazu enge weiße Beinkleider. Darüber ein hellbraunes, ebenfalls besticktes kurzes Wams aus Hirschleder und an den Füßen weiche braune Lederstiefel, deren Schäfte ihr bis über die Knie reichten. Jetzt schnallte sie sich nur noch ihren Degen an den Gürtel, band ihre langen blonden Haare mit einem schmalen Band zurück und fertig war sie für das Training. Als Milla schließlich aus dem Dickicht der Weidenblätter hinaustrat, hätte jeder sie auf den ersten Blick für einen jungen Edelmann halten können.

Jetzt, im Spätsommer, führte der große Strom wenig Wasser und floss flach und träge durch sein breites Kiesbett. Dahinter erhob sich als dunkle Silhouette die alte Stadt mit ihren unzähligen Türmen, Erkern und Zinnen. Es war Ende August. Und so bitterkalt, schneereich und unwirtlich die Winter hier sein konnten, so warm, freundlich und magisch waren Sommernächte wie diese. Myriaden von kleinen Glühwürmchen erhoben sich irisierend wie winzige Sterne aus dem Uferschilf und leuchteten Milla den Weg zu ihren Freunden. Schon von weitem hörte sie deren ausgelassenes Lachen und das Krachen gekreuzter Degenklingen. Dazwischen nahm sie den Klang einer Laute und die angenehm tiefe Stimme von Jakub wahr, der ganz in sich versunken eines seiner sehnsuchtsvollen Liebeslieder in italienischer Sprache sang. Zumindest behauptete der junge Mann steif und fest, es sei Italienisch. Jakub war ihr bester Freund seit Kindertagen. Anders als Milla, die die hochgewachsene Statur ihrer Mutter geerbt hatte, ebenso wie deren mandelförmige graugrüne Augen und das lange schwarze Haar, war Jakub klein, ja fast zierlich.

Mit seiner hellen Haut, den Sommersprossen und dem feinen, rötlich-blonden langen Haar sah er viel jünger aus als 17. Sein kräftiger, etwas heiserer Bariton stand im seltsamen Kontrast zu seinem jungenhaften Aussehen. Jakub saß, den Rücken lässig an einen großen Stein gelehnt, direkt am Wasser, in der Hand seine abgegriffene Laute und neben sich einen Krug seines geliebten böhmischen Bieres. Als er Milla entdeckte, hörte er auf zu singen und rief fröhlich:

»Hallo, junger Edelmann, wohin des Weges?«

Milla begrüßte Jakub mit drei Küssen. Erst auf die linke, dann auf die rechte und schließlich wieder auf die linke Wange. Sie griff sich seinen Bierkrug und nahm einen kräftigen Schluck. Milla mochte eigentlich überhaupt kein Bier. Viel zu bitter, viel zu stark und dieses hier obendrein noch lauwarm und abgestanden. Aber es verschaffte ihr Respekt bei den Freunden, das war zumindest ihre Theorie, und deshalb nahm sie gleich noch einen großen Schluck, auch wenn sie es am liebsten gleich wieder neben sich ins Gras gespuckt hätte.

»Milla, warum trinkst du mir immer mein Bier weg, obwohl du es überhaupt nicht ausstehen kannst?«

»Weil ich verstehen muss, was so gut daran sein soll. Alle Burschen sind schließlich ganz verrückt danach. Vielleicht mag ich es ja irgendwann, wenn ich jeden Tag ein bisschen davon trinke.«

Und dann fügte sie etwas gequält hinzu:

»Und ich glaube, heute mag ich es schon ein bisschen lieber als gestern.«

Jakub schüttelte den Kopf.

»Du bist einfach unglaublich, Milla mia. Und was machen die Heiratspläne? Haben deine Eltern dir wieder mal das Abendessen damit verdorben?«

»Ach, es ist doch fast jeden Abend dasselbe. Sie wollen, dass ich einen reichen Kaufmannssohn ihrer Wahl heirate und einen Stall voll Kinder kriege. Ich bin erst 15, Jakub, und sie tun gerade so, als müsste ich als alte Jungfer sterben, wenn ich nicht schon bald unter die Haube komme. Ich will nicht zu jemandem Ja sagen, den ich gar nicht liebe, auch wenn es seit langem Tradition ist.«

»Aber was willst du dagegen tun, Milla? Meine Eltern suchen ja auch meine Braut aus. Ob es uns nun gefällt oder nicht, wir können die Regeln nicht einfach ändern.«

»Ich habe eine Idee. Warum verloben wir uns nicht, Jakub? Eine Verlobung kann man doch jederzeit wieder lösen. Aber dadurch gewännen wir Zeit. Wir könnten jeden Abend mit Peter und Cristof fechten und du könntest jede Menge ekliges Bier trinken. Keiner würde etwas dagegen sagen, schließlich wären wir verlobt, und das ist fast wie verheiratet. Aber eben nur fast.«

Jakub musste lachen.

»Gar kein so schlechter Vorschlag, Milla, aber du vergisst, dass wir nicht vom gleichen Stand sind. Meine Eltern sind zwar nicht wirklich arm, aber du bist eine Tochter aus bestem Hause. Dein Vater würde mir doch noch nicht mal die Hand zur Begrüßung geben. Und die Hand seiner teuren Tochter schon gar nicht.«

»Ach, dieser ganze Standesquatsch«, seufzte Milla.

»Auch so eine dumme Tradition, die als nächstes dringend abgeschafft werden muss.«

»He, ihr beiden Plaudertaschen, wird hier heute noch mal gefochten oder ist das jetzt ein Debattierclub?«

Peter und Cristof hatten aufgehört zu kämpfen und sich lässig neben ihnen ins kurze Gras geworfen. Die Brüder waren zweieiige Zwillinge und bereits 19 Jahre alt. Wobei Cristof mit sieben Minuten Vorsprung der Ältere von beiden war, wie er bei jeder Gelegenheit immer wieder mit gespielter Ernsthaftigkeit betonte. Ihr Vater war ein ungarischer Adliger und beide hatten dessen pechschwarze, dichte Locken geerbt. Und von ihrer portugiesischen Mutter die dunklen, melancholischen Augen. Im Gegensatz zum kräftigen Peter war Cristof dünn wie ein Marathonläufer. Man vermutete nicht auf Anhieb, dass die beiden jungen Männer Zwillinge waren. Aber wenn sie lachten, verrieten zwei identische Grübchen rechts und links neben den Mundwinkeln doch ihre enge verwandtschaftliche Nähe. Milla liebte beide Brüder von Herzen, aber zu Peter fühlte sie sich seit geraumer Zeit ganz besonders hingezogen.

»Kaum ist ein Mädchen im Spiel, schon ist alle Disziplin dahin. Man sollte hübsche Weibermannschaften gegen die Männer in den Krieg ziehen lassen, dann würde bald nicht mehr gekämpft, sondern nur noch geturtelt.«

Peter grinste, denn er wusste genau, dass er Milla mit derartigem Gerede ganz weit oben auf die höchste Palmenspitze bringen konnte. Und er hatte die Wirkung seiner Worte richtig eingeschätzt. Milla sprang sofort angriffslustig auf, zog schwungvoll ihren Degen und forderte Peter zum Duell heraus. Der ging nur zu gerne darauf ein, denn er liebte das Theater und den Fechtkampf, und Milla teilte diese Vorlieben. Wie es Sitte war, begann der Kampf mit einer tiefen, galanten Verbeugung.

Die Gegner gingen in Position und bald war das Duell in vollem Gange. Beide waren überaus geschickt mit ihren Waffen und die scharf geschliffenen und aufwendig ziselierten Degenklingen krachten nur so gegeneinander. Erhitzt bat Milla um eine Unterbrechung, damit sie ihr enges Wams ausziehen konnte, und weiter ging der rasante Schaukampf. Immer wieder schlugen blitzende Funken, wenn Metall auf Metall traf, und im Schein des aufgehenden Mondes wirkten die dunklen Silhouetten der Kämpfenden wie zum Leben erwachte Scherenschnitte.

Ihre Zuschauer, Jakub und Cristof, belohnten besonders gelungene Paraden jedes Mal mit übermütigem Johlen und Applaus. Schließlich musste sich Peter den flinken Angriffen von Milla geschlagen geben. Er hatte schon vorher hart mit seinem Bruder trainiert und war nun erschöpft und durstig. Mit einer respektvollen Verbeugung beendeten sie den Kampf und schlenderten Schulter an Schulter hinüber zu ihren Freunden.

Inzwischen war aus der Dämmerung Dunkelheit geworden. Die vier Freunde lagerten sich rund um ein kleines Feuer, das Peter mit trockenem Treibholz am Ufer entfacht hatte. Es war eine ungewöhnlich warme Nacht und die Sterne zeigten sich bereits, als Jakub sich wenig später etwas schwankend vom starken Bier erhob. Er schnallte seine Laute um und verabschiedete sich mit Handschlag von den Freunden und einer innigen Umarmung und drei freundschaftlichen Küssen von Milla. Seine früh verwitwete Mutter und die beiden jüngeren Schwestern hatten ihn gebeten, bei Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause zu sein. Die vielen Gerüchte über den näher kommenden Krieg hatten die drei Frauen so verängstigt, dass Jakub sie nicht noch länger warten lassen wollte. Cristof bot dem Freund an, ihn in die Stadt zu begleiten. Er hatte noch ein Rendezvous mit einer jungen Gänsemagd, die er seit einiger Zeit heimlich an der Stadtmauer traf. Offiziell machte er der langweiligen Tochter eines reichen Viehhändlers den Hof, die sein Vater für ihn ausgesucht hatte. Aber bis zur Verlobung ließ er nichts anbrennen und stieg jedem Rock hinterher.

Kapitel 02

Milla blieb mit Peter am Lagerfeuer zurück. Sie war froh darüber, denn sie hatte bisher noch nie Gelegenheit gehabt, mit ihm allein zu sein. Immer waren entweder Cristof oder Jakub dabei, meistens sogar beide. Einige Minuten schauten beide versonnen in die Glut, dann brach Milla das Schweigen.

»Ich weiß, es geht mich nichts an, aber machst du eigentlich einem jungen Fräulein den Hof?«

Peter wandte ihr lächelnd seinen dunklen Lockenkopf zu und schaute ihr offen in die Augen.

»Ich habe andere Pläne für mein Leben, Milla. Du bist die Erste, der ich es erzähle. Ich will in die Neue Welt – nach Amerika.

Noch bevor die schweren Herbststürme einsetzen, werde ich in Holland auf einem Handelsschiff nach Nordamerika anheuern.

Dort will ich Tabakpflanzer werden – bei den Engländern in Virginia. Von der Landwirtschaft verstehe ich etwas und mit Tabak kann man ein reicher Mann werden!«

Milla blickte Peter verwirrt an.

Plötzlich hatte sie einen dicken Kloß im Hals.

»Du willst weg, Peter? Aber warum? Und was wird aus mir..., ich meine aus uns, deinen besten Freunden?«

Peter sah sie ernst an.

»Du wirst bald einen wohlhabenden Kaufmann heiraten, ein halbes Dutzend wunderhübscher Kinder haben und eine hoch angesehene Bürgerin dieser Stadt sein. Dein Umgang mit mir ist schon jetzt unziemlich und wird nach deiner Hochzeit ganz ausgeschlossen sein. Mein Bruder ist, wie du ja weißt, der Erstgeborene, auch wenn es nur wenige Minuten sind. Er wird unseren Gutshof erben. Mir steht hingegen nur ein kleiner Erbteil zu. Er reicht nicht aus, um mir hier eine Existenz aufzubauen, wie ich sie mir erträume. Ich hätte ohnehin die Stadt verlassen müssen, warum also nicht gleich das Land und den Kontinent?«

»Wenn das so ist«, erwiderte Milla heiser, »werde ich gemeinsam mit dir fortgehen. Wenn ich durch eine Heirat meine Freiheit und noch dazu alle meine Freunde verliere, will ich lieber gar nicht heiraten. Und sowieso niemanden, den mein Vater für mich aussucht, das habe ich Jakub vorhin auch schon erklärt.«

»Bis du sicher, dass du wirklich für immer weg willst, Milla?

Das wird ein sehr harter und gefahrvoller Weg.

Du bist zäh und hast Mut wie nur wenige Burschen, die ich kenne. Und du führst den Degen nach nur sechs Monaten Übung beinahe schon geschickter als ich. Aber wenn du wirklich mit mir kommst, dann ist es vorbei mit dem edlen Fräulein Milla, der verwöhnten Kaufmannstochter. Vorbei mit prachtvollen Roben und teurem Schmuck – zumindest für eine lange Zeit. Du wirst unter harten Kerlen leben müssen. Meinst du, dass du dem gewachsen sein wirst?«

»Aber natürlich bin ich dem gewachsen, Peter. Ich kann eine Menge einstecken, das weißt du. Ich kann literweise Bier vertragen und fluchen wie ein alter Melker. Hör zu.«

Milla räusperte sich und sprach plötzlich mit tiefer Reibeisenstimme.

»Das ist, verdammte Ochsenscheiße, das beste Bier, das ich seit langem getrunken, äh, ich meine gesoffen habe!«

Peter musste lachen.

»Spreche ich etwa so? Verdammte Ochsenscheiße?«

»Nein, du nicht, aber die rauen Kerle in den Bierschenken unten am Viehmarkt.«

»Was in aller Welt treibt ein anständiges Mädchen wie du in diesen üblen Spelunken?«

»Jakub und ich sind öfter da, besonders wenn Pferdeauktion ist. Wieso auch nicht?«

Ungläubig schüttelte Peter den Kopf.

»Du bist wirklich mit allen Wassern gewaschen, was? Einverstanden, du kannst mit mir kommen. Aber vorerst zu niemandem ein Sterbenswort, auch nicht zu Cristof und Jakub. Das musst du mir bei allem, was dir heilig ist, versprechen.«

»Bei allem, was mir heilig ist, ich werde schweigen, wie eine frisch Enthauptete«, schwor Milla feierlich, grinste breit und umarmte Peter stürmisch.

»Ja, schon gut, ich glaube dir ja«, entgegnete der errötend.

»Lass uns jetzt noch etwas fechten. Wenn wir erst auf Reisen sind, werden wir nämlich kaum noch Zeit dafür finden.«

Peter hatte das Feuer ausgetreten und sie schlenderten zum alten Wehr hinüber, um auf der hohen Staumauer Balanceübungen zu machen. Hier führte der Bach auch während der momentanen sommerlichen Trockenzeit noch genügend Wasser. Es wurde vor der Mauer aufgestaut und ergoss sich dann in mehreren rauschenden Kaskaden in das tiefer liegende Bachbett. Tagsüber wimmelte es von schwatzenden Waschweibern, die hier ihrem anstrengenden Tagewerk nachgingen. Jetzt, gegen Mitternacht, war allerdings keine Menschenseele zu sehen und man hörte nur ab und zu das Glucksen der fetten Karpfen, die sich den einen oder anderen abgestürzten Nachtfalter von der Wasseroberfläche schnappten.

Milla und Peter zogen ihre Stiefel aus und erklommen barfuß die steile Mauer. Dort machten sie zuerst einige Balanceübungen und trainierten dann intensiv Balestren, Pattinandos und Raddoppios, während ihnen das kühle dunkle Wasser um die nackten Füße wirbelte. Es waren überaus anspruchsvolle Übungen, denn man musste mit den Füßen ertasten, wo die glitschige Mauer unter dem rauschenden Wasser begann und wo sie endete. Jede Sekunde lief man Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren und in die Stromschnellen darunter zu stürzen. Plötzlich zerriss ein ohrenbetäubender Kanonendonner, gefolgt von einem dumpfen Krachen die nächtliche Stille. Ein großer Schwarm Schwarzdrosseln erhob sich zeternd aus seinen Schlafbäumen am Fluss und umschwirrte wild flatternd ihre Köpfe. Dann ließen sich die Vögel wieder in einem nahen Gebüsch nieder und verstummten abrupt. Milla und Peter lauschten in die plötzliche Stille. Es folgte ein weiterer lauter Knall aus Richtung des Stadttores. Jetzt kam Bewegung in die beiden. In Windeseile sprangen sie von der Staumauer und zogen ihre Stiefel an. Es hatte keinen weiteren Schuss gegeben aber sie rochen bereits den ätzenden Pulverdampf, der sich mit dem Nachtwind wie weißer Nebel auf dem Wasser verteilte.

Kapitel 03

Sie liefen gebückt, im Schutz der großen Uferbäume Richtung Stadtmauer, um zu erkunden, was genau dort vor sich ging. Eine feindliche Söldnertruppe hatte das schwere hölzerne Tor offensichtlich mit zwei gezielten Kanonenschüssen gesprengt. Es musste eine Hundertschaft sein, die nun laut grölend und mit Degen, Musketen und Hellebarden bewaffnet in die ungeschützte Stadt stürmte. Schon sahen Milla und Peter die ersten trockenen Strohdächer in hellen Flammen aufgehen. Die verzweifelten Schreie und das Wehklagen von Frauen und Kindern waren zu hören, begleitet von Kriegsgebrüll und dem Krachen von Musketen. Die Glocken der Stadtpfarrkirche begannen viel zu spät zu läuten, um die Einwohner der Stadt und der umliegenden Dörfer noch rechtzeitig warnen zu können. Milla und Peter rannten weiter auf die Stadtmauer zu, wobei sie sich immer wieder unter dem tief hängenden Laub der Trauerweiden verbargen. Peter war der erste, der kurz vor dem Ziel wieder zu Atem kam.

»Die Söldner sind durch das nördliche Tor eingedrungen und werden sicher gleich weiter zum Marktplatz durchbrechen, um das Rathaus in ihre Gewalt zu bringen. Damit werden sie erst einmal beschäftigt sein. Aber dann werden sie plündernd von Haus zu Haus ziehen, so machen sie es immer. Milla, du musst versuchen, deine Familie durch das Südtor aus der Stadt zu bringen. Du kennst doch unseren Gutshof?«

Milla nickte wortlos, denn ihr Mund war vor Aufregung plötzlich ganz trocken.

»Der ist nur acht Meilen entfernt«, fuhr Peter fort.

»Da treffen wir uns alle heute um die Mittagszeit. Auf dem Land sind wir wahrscheinlich fürs Erste in Sicherheit und können beraten, was als Nächstes zu tun ist. Hör mir gut zu! Wir trennen uns hier. Du schlägst dich zu deinen Eltern durch. Ich suche nach Cristof und nach Jakub und seiner Familie und bringe sie ebenfalls zum Gut. Milla! Versprich mir, dass du dich nur im äußersten Notfall auf einen Degenkampf mit den Feinden einlässt – sie haben schwere Rüstungen, Musketen und Spieße.

Und es sind einfach viel zu viele!«

Milla hatte die ganze Zeit wie unter Schock geschwiegen, aber sie wusste, dass Peters Vorschlag, getrennt weiterzugehen, vernünftig war.

»Wir sehen uns auf dem Gutshof – heute um die Mittagszeit. Was immer auch passiert, Peter, ich werde auf jeden Fall dort sein.«

Sie umarmten einander und plötzlich spürte sie Peters Lippen auf ihren. Doch noch ehe Milla seinen Kuss richtig erwidern konnte, hatte Peter sich schon wieder von ihr gelöst.

»Noch etwas«, flüsterte er heiser.

»Nur für den Fall, dass mir etwas zustoßen sollte. Ich verwahre einen Beutel mit Gold- und Silbermünzen unter einer losen Fußbodenplanke rechts neben meinem Bett. Du weißt ja, wo mein Zimmer ist. Nimm alles an dich und geh mit deiner Familie nach Amerika – versprich es mir!« Wieder küsste er sie, dieses Mal leidenschaftlicher. Dann drückte er ein letztes Mal fest ihre Hand, schaute ihr fest in die Augen und lief Richtung Nordtor. Milla war wie versteinert. Das war ihr erster richtiger Kuss gewesen und sie hatte das Gefühl, überhaupt nichts mitbekommen zu haben, so schnell war es wieder vorbei gewesen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und in ihrem Kopf rauschte es. Dann aber hörte sie das nahe Krachen einer Muskete und rannte instinktiv los.

Schon zehn Minuten später erreichte Milla das südliche Stadttor. Es stand bereits weit offen und beide Torwächter lagen mit durchschnittenen Kehlen in ihrem eigenen Blut. Ein Verräter musste die Männer getötet und den Feinden das massive, eisenbeschlagene Tor von innen geöffnet haben. In der warmen Nachtluft konnte Milla den eigentümlich metallischen Geruch von frischem Blut riechen und musste würgen. Geduckt lief sie weiter und atmete flach durch den Mund, bis die Übelkeit langsam wieder nachließ. Die Gassen waren menschenleer, aber das Brüllen der Söldner kam immer näher. Rechts und links hinter den dunklen Fensterscheiben sah Milla die angstvoll geweiteten Augen ihrer Mitbürger, die sich in die trügerische Sicherheit ihrer Stuben zurückgezogen hatten. Hastig schlich sie weiter zur nächsten Ecke und erreichte schließlich den großen quadratischen Marktplatz, an dem das stattliche Patrizierhaus ihrer Familie stand. Wie angewurzelt blieb sie plötzlich im Schutz des Brunnens mit der großen bronzenen Merkurstatue stehen. Milla war zu spät gekommen. Gut zwei Dutzend grölende Männer drangen bereits durch die zertrümmerte Eingangstür in ihr Elternhaus ein und stürmten, die gezückten Degen voran, die Treppe hinauf. Ihre Eltern – zuerst ihr Vater, dann ihre Mutter – wurden durch eines der großen Fenster im oberen Stockwerk gestoßen und blieben reglos auf dem Kopfsteinpflaster liegen. Anschließend rissen die Söldner ihrer Mutter den wertvollen Schmuck von Hals, Ohren und Fingern und setzten das Haus in Brand. Alles ging so rasend schnell, dass es Milla fast vorkam, als hätte sie nur einen einzigen Wimpernschlag getan. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Als sie den Kopf endlich wieder heben konnte, stand ihr Elternhaus bereits hell in Flammen und die Soldaten trieben gerade die verängstige Dienerschaft aus dem Haus. Alle wurden wüst beschimpft, aber man verschonte zumindest ihr Leben. Milla taumelte zurück in die dunkle Gasse, aus der sie gekommen war. Sie ahnte, dass es gerade so oder ähnlich überall in ihrer Heimatstadt zuging. Ein Höllenschlund hatte sich aufgetan und die wunderschöne Stadt, das Paradies ihrer Kindheit, in einen Ort des Entsetzens verwandelt. Ihre Familie war tot, ihr Elternhaus in Schutt und Asche gelegt und ihre Stadt in der Hand der Feinde. Verzweifelt rannte Milla die engen Gassen zurück zum Südtor, ihren Degen kampfbereit in der rechten Faust. Aber wie durch ein Wunder stellte sich ihr niemand in den Weg. Schließlich lief sie durch das Stadttor hinaus aufs freie Land und schaute sich nicht mehr nach der lichterloh brennenden Stadt um. Ihr einziger Gedanke galt nun Peter und den Freunden. Wie mochte es ihnen ergangen sein? Hatte Peter Cristof finden können? Und Jakub? War es ihm, seiner Mutter und seiner Schwester gelungen, dem Inferno zu entkommen? Oder waren sie im Schlaf überrascht worden, so nah, wie sie am Stadttor wohnten? Sie versuchte zu beten, aber wo war Gott? Und wer brauchte einen Gott, der offenbar die Augen davor verschloss, wenn tausendfach gebrandschatzt, gefoltert und gemordet wurde?

Atemlos lief Milla durch die Nacht, und immer wieder dachte sie an Peter. Hoffentlich hatte er es geschafft und sie sahen sich auf dem Anwesen seiner Familie wieder.

Kapitel 04

Der Morgen brach bereits an, als Milla endlich die Abzweigung zum Gut erreichte. Es konnten jetzt nur noch zwei oder drei Meilen sein. Aber irgendetwas stimmte nicht, aber was? Mit klopfendem Herzen ging sie weiter. In der Morgendämmerung sah sie, dass der Weg kurz vorher von Pferden, schweren Karren und vielen Füßen passiert worden war. Milla hoffte inständig, dass sich ihr Verdacht nicht bewahrheitete. Dass nämlich ein weiterer Söldnertrupp schon vorher das Gut erreicht und geplündert hatte. Sie wollte diesen schrecklichen Gedanken nicht bis zu Ende denken. Vorsichtshalber verließ sie die Straße und setzte ihren Weg im Schutz des nahen Waldrandes fort. Hier konnte sie alles im Auge behalten, ohne selbst gesehen zu werden. Sie brach einige große Fichtenzweige ab und steckte sie sich rundherum in ihren breiten Ledergürtel. Mit dieser Tarnung konnte sie ihren Weg fast unsichtbar im Dickicht fortsetzen. Sie war durstig und zum Umfallen erschöpft. Dennoch wollte sie sich keine Pause gönnen, bis sie Gewissheit hatte, dass Peter, Jakub und Cristof nichts passiert war.

Nach zwei weiteren Meilen sah sie einen Trupp Söldner mit einem Versorgungskarren, der ihr auf der Straße entgegenkam. Milla duckte sich sofort tief ins Gebüsch und beobachtete, wie etwa 20 betrunken grölende Kerle an ihr vorbeimarschierten. Ihre Waffen und Rüstungen hatten sie in einem zweirädrigen Planwagen verstaut, der von einem mageren Klepper mühsam voran gezogen wurde. Auf dem Kutschbock hing ein sehr junger, offensichtlich volltrunkener Bursche, der kaum noch die Zügel halten konnte. Die Gruppe musste also erst vor kurzem reichlich Bier getrunken haben. Milla sank der Mut. Bangen Herzens schlich sie weiter und endlich kam das große Gut in Sichtweite. Jetzt musste sie den Schutz des Waldes verlassen und wieder die Straße nehmen, die rechts und links von erntereifen Weizenfeldern gesäumt wurde. Das hölzerne Doppeltor zum Gehöft stand weit offen. Es war aus den Angeln gerissen worden und zersplittert. Unzählige Spuren führten hinein und wieder hinaus. Vorsichtig betrat Milla den Innenhof, an dessen Stirnseite das stattliche Gutshaus mit seinem imposanten, weißen Säulenportal stand. Die niedrigen Nebengebäude und Stallungen zu beiden Seiten des Haupthauses waren aus Fachwerk und reetgedeckt. Eine kleinere Scheune war vor Kurzem niedergebrannt worden. Die Trümmer schwelten noch. Mit Grauen sah Milla plötzlich einen verkohlten und grotesk verdrehten Frauenkörper zwischen den Trümmern in der Asche liegen. Angst kroch ihr kalt den Rücken hinab. Ihre Knie zitterten und sie wollte nicht weitergehen, aber sie musste Gewissheit haben. Vielleicht war Peter ja verletzt und sie konnte helfen.

Es war jetzt etwa sechs Uhr in der Früh und die Luft war erfüllt vom Zwitschern unzähliger Rauchschwalben. Sie hatten ihre Nester in den offenen Stallungen und schossen auf der Jagd nach Schnaken und Fliegen immer wieder wie kleine schwarze Pfeile um sie herum. Als Kind hatte Milla die Flugkünste und waghalsigen Kapriolen der Vögel geliebt – stundenlang hatte sie ihnen zugeschaut. Aber heute schien es ihr fast so, als würden sie sich über sie lustig machen und sie mit ihrem munteren Gezwitscher verhöhnen. Wie konnten sie nach diesen schrecklichen Ereignissen einfach weiterfliegen, als ob es ein ganz normaler Sommermorgen war?

Milla folgte den vielen Fußspuren weiter zum Gutshaus. Die mit Schnitzereien und goldenen Intarsien reich verzierte Eingangstür stand halb offen und sie konnte weit in den dunklen Hausflur hineinsehen. Nichts regte sich dort drinnen. Das Haus war wie ausgestorben. Sie entschied sich, vorsichtshalber um das Gebäude herum zu schleichen und das Haus vom Obstgarten her zu betreten. Kampfbereit hatte sie ihren Degen gezückt und schaute sich immer wieder wachsam um. Kaum war Milla um die Ecke gebogen, erblickte sie auch schon Peters älteste Schwester Paula. Ihr lebloser Körper hing kopfüber aus dem zerborstenen Stubenfenster im Erdgeschoss. Milla stockte der Atem. Sie ahnte nun, was noch auf sie zukommen konnte, und betete, dass Peter, Jakub und Cristof nicht hier waren.

Der Obstgarten hinter dem Haus hatte den Söldnern als Lagerplatz gedient. Über vier, noch schwelenden Feuerplätzen hingen die verkohlten Überreste von Spanferkeln und einem halben Ochsen. Milla schlich weiter und versuchte die beiden reglosen Frauenkörper zu ignorieren, die blutüberströmt zwischen den Apfelbäumen lagen. Sie kannte die beiden nicht, aber der Kleidung nach zu urteilen waren es Küchenmägde.

Aus dem Augenwinkel heraus nahm Milla plötzlich eine Bewegung am nahen Waldrand wahr. Sie duckte sich instinktiv hinter einen knorrigen Quittenbaum, der voller leuchtend gelber Früchte hing. Aber es waren nur Kleinbauern, die während der Erntezeit für das Gut arbeiteten. Milla winkte ihnen zu und vorsichtig kam die kleine Gruppe näher.

Als sie sahen, dass sie keine Fremde war, sondern Milla, die junge Vertraute der beiden Brüder, trat ein alter Bauer vor.

»Edles Fräulein Milla, wie schön, dass Ihr am Leben und wohlauf seid. Die Mordbuben haben hier grausam gehaust. Das Geschrei und Wehklagen haben wir bis in den Wald hinein hören können, in den man uns getrieben hatte. Es war schrecklich.« Der alten Mann hatte Tränen in den Augen.

»Aber habt ihr Peter gesehen und Cristof? Waren die Brüder hier?«, fragte Milla ungeduldig.

»Ja, gewiss, junge Dame, aber den Herrn Baron, die Frau Baronin und ihre beiden Söhne hat man gleich zu Anfang an der großen Linde bei den Stallungen aufgehängt.«

Dem alten Bauern versagte für einen Moment die Stimme.

»Sie haben noch so tapfer gekämpft, aber gegen die Übermacht konnten sie nichts ausrichten – ich führe Euch zu ihnen.«

Wie betäubt folgte Milla dem alten Mann um das Haus herum.

An dem stärksten Ast des mächtigen Baumes hatte man die Familie der Reihe nach aufgeknüpft. Der Baron und die Baronin machten den Anfang, dann folgten die Brüder, zuerst Cristof und dann – Peter.

Milla musste sich zwingen hinzuschauen und Tränen schossen ihr in die Augen. Alle waren unbekleidet und man hatte sie grausam zugerichtet. Milla spürte, wie ihre Knie weich wurden, aber in Anwesenheit der Bauern wollte sie keinerlei Schwäche zeigen. Mit tonloser Stimme wies sie die Männer an, alle Toten herunterzuschneiden. Sie sollten gewaschen und sauber gekleidet in der großen Diele des Gutshauses aufgebahrt werden. Um den Leichnam von Peter wollte sie sich persönlich kümmern.

Milla pflückte im Garten einige wilde Rosen, füllte eine große Silberschale mit frischem Brunnenwasser und betrat schließlich den abgedunkelten Raum, in dem man Peter aufgebahrt hatte. Mit einem weichen Leinentuch tupfte sie zuerst Schmutz und Blut von seinem Gesicht. Vorsichtig reinigte sie den blutig abgeschürften Hals, in den sich die grobe Hanfschlinge des Galgenstricks tief eingegraben hatte. So wusch Milla voller Sorgfalt Peters erkalteten Körper bis er sauber vor ihr lag. Nur wenige Stunden zuvor hatte sie mit ihm noch am Lagerfeuer gesessen und Zukunftspläne geschmiedet – und sie hatten sich geküsst. Nun stand sie in seinem Totenzimmer, wusch das Blut von seinem starren Körper und kleidete ihn für seine Beerdigung. Milla konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Sie weinte nicht nur um Peter. Milla weinte auch um ihre Mutter und ihren Vater, die sie wütend und im Streit verlassen hatte. Was würde sie jetzt dafür geben, noch einmal mit ihnen zu Hause beim Abendessen sitzen zu dürfen. Und sie weinte um ihre Freunde, was mochte nur aus Ihnen geworden sein.

Zum Schluss breitete Milla viele kleine Rosenblüten um Peters Kopf herum aus und küsste ein letztes Mal seine kalten blassen Lippen. Die Beisetzung sollte am nächsten Tag in der kleinen

Hofkapelle stattfinden, aber Milla hatte beschlossen, das Gut noch am selben Tag zu verlassen. Wie erschlagen vor Trauer und Erschöpfung wusch sie sich. Dann aß sie, ohne etwas zu schmecken ein wenig Brot und Käse und verkroch sich schließlich in Peters Bett. Kissen und Laken trugen noch den Geruch ihres toten Freundes und Milla atmete ihn tief ein. Bis zu ihrer letzten Stunde wollte sie sich genau daran erinnern. Dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Wie in einem Fiebertraum sah sie die grausamen Ereignisse der vergangenen Stunden immer wieder vor sich ablaufen. Milla wollte ihren Eltern zur Hilfe eilen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Verwirrt sah sie an sich hinunter.

Wie in zähem Morast steckten ihre beiden Füße im Straßenpflaster fest. Sie wollte schreien und ihre Eltern warnen, doch aus ihrer Kehle drang kein einziger Ton. Schweißgebadet wachte Milla auf und horchte in das totenstille, dunkle Haus hinein, das sich nun in eine riesige Gruft verwandelt hatte.

Als es Abend wurde, stand Milla auf, kleidete sich an und packte in der großen Gutshausküche genug Proviant für die nächsten Tage ein. Unter der losen Fußbodenplanke neben Peters Bett fand sie die Lederbörse mit Gold- und Silbermünzen und verstaute sie sicher in ihren hohen Stiefeln. Es widerstrebte ihr, das Geld einfach so an sich zu nehmen, aber es war Peters letzter Wunsch gewesen und sie würde es gewiss brauchen. Zum Schluss schnallte sie sich ihren Ledergürtel mit dem Degen fest um die Hüften und ging durch den dunklen Flur zur Haustür. Als Milla an Peters Totenzimmer vorbeikam, blieb sie für einen Moment im Dunkeln vor der verschlossenen Tür stehen und flüsterte:

»Wir sehen uns im Himmel, Peter. Oder wo auch immer uns dieser merkwürdige Gott dort oben einen Platz zuweist. Du bist heute vorangegangen – bitte halte mir den Platz an deiner Seite frei!« Dann atmete sie tief durch, trat in den dämmrigen Hof hinaus und machte sich auf den Weg.

Kapitel 05

Milla war zu Beginn unschlüssig, ob sie ohne Peter überhaupt noch nach Amerika auswandern wollte. Sie fühlte sich dieser gefährlichen und langen Reise ohne ihn nicht gewachsen. Aber wohin sollte sie sonst gehen? Zu ihrem Bruder nach Florenz ganz sicher nicht. Sie hatte sich nie so recht mit ihm verstanden. Er war acht Jahre älter und sehr streng. Viel strenger als ihre Eltern. Sicher würde er sie sofort verheiraten wollen, nur damit sie versorgt und keine Last für ihn war. Aber genau das wollte sie nicht. Sie wollte frei und unabhängig sein, auch wenn das vielleicht hieß, ein Leben voller Entbehrungen führen zu müssen. Schließlich traf Milla ihre Entscheidung und schlug den Weg Richtung Westen ein. Richtung Neue Welt. Richtung Amerika.

In der Nacht waren kaum Menschen unterwegs, denn die meisten reisten aus gutem Grund tagsüber, wenn es hell und einigermaßen sicher war. Aber Milla schien es ratsamer, im Dunkeln zu wandern, solange feindliche Truppen die Gegend unsicher machten. Und so marschierte sie in völliger Dunkelheit, lauschte dem klagenden Gesang der Nachtigallen, sah winzige Fledermäuse lautlos umherjagen und einmal kreuzte sogar ein Luchs die Straße vor ihr. Er schaute sie durchdringend aus seinen bernsteinfarbenen Augen an, fast so, als würde er überlegen, woher er sie kannte. Dann verschwand er lautlos im Dickicht. Merkwürdigerweise hatte Milla keine Angst vor dem großen Raubtier. Obwohl sie ein Stadtkind war, kamen ihr die Tiere des Waldes jetzt wie Freunde vor. Waren es nicht die Menschen, vor denen man sich in Acht nehmen musste?

In der Morgendämmerung füllte sich die Landstraße mit Flüchtlingen und Reisenden, die zu Fuß, zu Pferd oder mit Ochsenkarren unterwegs waren. Gerade ruhte Milla am Straßenrand im Schatten einer alten Ulme aus, als ein äußerst merkwürdiges Pferdegespann an ihr vorüberzog. Es war ein großer Planwagen, der von einem wunderschönen weißen Hengst gezogen wurde. So ein edles Pferd gehört nicht vor einen Planwagen, dachte Milla stirnrunzelnd. Vorne auf dem Kutschbock saß ein unglaublich dicker, überreich in Brokat und Seide gekleideter Mann, der gierig in ein gebratenes Huhn biss. Der Planwagen zog langsam an Milla vorbei. Der Anblick, der sich ihr dann bot, ließ sie abrupt aufspringen. Sie hatte schon von Mohren gehört, jedoch noch nie einen gesehen. Dieser dunkelhäutige Junge, der dort angekettet hinter dem Planwagen herlaufen musste, war ganz sicher einer. Milla folgte dem Gespann und schaute sich den Gefangenen genauer an. Er war in elender Verfassung und musste schon tagelang barfuß gelaufen sein. Seine schmutzigen Füße waren blutverkrustet und seine grobe Leinenhose rutschte ihm fast über die knochigen Hüften. Er war groß und so mager, dass seine Rippen im hellen Sonnenlicht kleine Schatten warfen. So schmutzig, wie er war, konnte sie kaum erahnen, wie alt er sein mochte – vielleicht 16 oder 17. Seine Handgelenke waren blutig gerieben von den schweren Eisenfesseln, die über eine rostige Kette mit dem Planwagen verbunden waren.

Milla versuchte mit ihm zu sprechen, aber er schien so erschöpft zu sein, dass er den Kopf kaum heben konnte und sie nur stumm