Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Qualvolle Stunden und Tage verbringt Rolf mit Warten und Hoffen und der Angst um seine deutsche Freundin Toni, die ihn immer wieder mit ihrem in Scheidung lebenden Tunesischen Ehemann betrügt. Alle drei Monate fährt sie mit ihrer kleinen Tochter zu ihm nach Tunesien und genießt die Anerkennung, Arztfrau zu sein. Schon während der Scheidung lernt sie einen nächsten Tunesier kennen und führt eine sogenannte gefährliche Dreiecksbeziehung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Iris Schneider
Flucht in die Hoffnungslosigkeit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
KAPITEL 1 Prolog
KAPITEL 2 Verletzte Kinderseele
Kapitel 3 Der Umzug
Kapitel 4 Zum ersten Mal zu Dritt
KAPITEL 5 Iris
KAPITEL 6 Geringe Einsicht
KAPITEL 7 Das Gespräch
KAPITEL 8 Der Mann ist das Problem…
KAPITEL 9 Endlich Urlaub
KAPITEL 10 Eine Zeit für sich
KAPITEL 11 Der Abschied
KAPITEL 12 Portugal
KAPITEL 13 Aussichtslose Hoffnung
KAPITEL 14 Eine neue Brille
KAPITEL 15 Ein nächstes Kind
KAPITEL 16 Die Warnung
KAPITEL 17 Eine Klärung
KAPITEL 18 Unschönes Ende
KAPITEL 19 Eine letzte Lüge
KAPITEL 20 Ein Abschied für immer
KAPITEL 21 Epilog
Impressum neobooks
Ich hatte nicht mehr daran geglaubt Elena wiederzusehen.
In meinen Gedanken habe ich versucht sie mir vorzustellen, aber ich sah immer nur meine kleine Prinzessin vor mir. Das zierliche, kleine Mädchen, das ich nachts auf den Armen getragen habe, um sie zu beruhigen, wenn sie wieder einmal von Albträumen weinend erwachte.
Dann machte ich ihr ein Glas warme Milch und brachte sie wieder leise ins Bett, damit ihre Mutter
„Ich hab dich lieb“, hatte sie mir gesagt und ihr zierliches Händchen in meine große Hand geschoben. nicht aufwachte. Sie konnte ihre schlechten Träume noch nicht richtig ausdrücken. Bruchstücke kamen dabei heraus.
Traumtrümmerteile. Und mit diesen kam das herzzerreißende Schluchzen und Zittern aus ihr.
Ständig handelte es sich um handfeste Streitereien zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter. Diese dunklen Stunden hatten sich in Elenas kleine Seele tief hineingeätzt. Als ein großer Brandfleck.
Wiederholt träumte sie von gleichen Szenen des Erlebten. Aus dem Land ihres Vaters, Tunesien.
Immer wieder fuhr ihre Mutter mit ihr dorthin. Immer wieder erlebte sie unschöne Dinge, die sich tief in ihr kleines Herz bohrten. Auch ich litt Höllenqualen, wenn ihre Mutter wieder mit ihr wegfuhr. Mir blieben nur Tonis leere Versprechungen von Liebe und Heimatgeplätscher.
Wie glücklich war Elena hier im Deutschen Kindergarten. Sie fühlte sich dort geborgen und aufgehoben. Sie hatte Freundinnen und erzählte und plapperte in einem fort, wenn sie nachhause kam. In ihrem Kinderhort war sie ein unbeschwertes Kind.
Jedes Mal, wenn sie mit ihrer Mutter wieder aus Tunesien zurück kam, war sie ein kleiner, fremder, erwachsener Mensch geworden, mit großen, dunklen, traurigen Augen, die mich fragend anguckten. Sie war nicht mehr das unbeschwerte Mädchen, das hier winkend von mir fuhr.
Die Liebe zu Toni hatte sich bei mir zunehmend intensiviert. Obwohl sie ihre Kühle mir gegenüber nie ganz verloren hatte. Ich habe trotz allem zu ihr gehalten und nie meine Hoffnung aufgegeben, dass irgendwann alles gut werden würde. Für unsere Liebe und für unsere kleine Familie, die immer wieder aufs Neue zusammenwuchs, trotz des negativen, zwischenzeitlichen Geschehens und Tonis leeren Versprechungen, dieser Tunesischen Ehe endlich ein Ende zu setzen.
Als Ihr Lebenspartner bekam ich immer wieder mit, wie sehr Toni dort unten gelitten hatte, weil sie als deutsche Frau in diesem Land nie richtig akzeptiert worden war.
Wie oft hatte sie aus Tunesien weinend angerufen und ich habe sie versucht zu trösten. Ich hatte ihr gesagt, sie solle endlich die Scheidung mit ihrem Mann durchziehen.
Eines Tages kamen sie, die schockierenden Worte von Toni, die mich tief verletzten.
„Ich liebe meinen Mann doch noch und ich werde mit Elena wieder nach Tunesien gehen.“
Ein Schock, den ich lange nicht verkraften konnte, wo ich doch glaubte, diese ruhelose Frau endlich ändern zu können.
Unterdrückung und Gewalt legten sich wie ein schwarzes, erstickendes Gewand über Toni und Elena.
Dann kam der Tag, wo beide aus meinem Leben verschwanden.
Jahre vergingen, ohne dass ich nur ein Lebenszeichen von ihnen hörte, bis ihre Fotos im Internet auftauchten
Endlich war es wieder still geworden in der unteren Wohnung. Die Kleine hatte aufgehört zu schluchzen. Fast jede Nacht um die gleiche Zeit, hörte ich seit Tagen dieses Weinen und Jammern von dem kleinen Mädchen. Jedes Mal nahm ich mir vor, die Frau aus der unteren Etage daraufhin anzusprechen. Aber Mutter und Kind verschwanden schon früh am Morgen aus dem Haus. Heute kam ich früher nachhause und blieb vor ihrer Wohnungstür stehen. Ein Telefongespräch war schwach zu hören. Wortbruchstücke teilten mir mit, dass sie mit dem Ausland telefonierte. Plötzlich schrie sie in lautstarken, scharfzüngigen Sätzen:
„Nein…, ich will es einfach nicht mehr. Elena kann es auch nicht mehr ertragen, was willst du denn noch?“
Jemand kam die Treppe herauf. Schnell verschwand ich in die nächste Etage und schloss hastig meine Wohnungstür auf.
Nachdenklich warf ich meine Jacke auf das Sofa und steckte mir eine Zigarette an. Nervös rollte ich den Filter zwischen den Fingern.
Die junge Frau war erst vor drei Wochen hier eingezogen. Jetzt hatte sie schon Ärger? Da ich sonst nicht neugierig bin, machte ich mir aber Sorgen. Denn die Kleine weinte schon einige Nächte. Fast immer um die gleiche Zeit. Sollte ich das Jugendamt informieren? Nein, ich wollte lieber selbst auf das Problem zugehen. Morgen habe ich frei und werde früh aufstehen und sie abfangen. Ich will es jetzt endlich wissen, dachte ich.
Am nächsten Tag stand ich früher auf und ging leise runter zum gegenüberliegenden Marktplatz, der auf der anderen Straßenseite von den ersten Sonnenstrahlen erwärmt wurde. Es war Frühling und die ersten Vögel lieferten live ihr Straßenkonzert. Auch die Seitenbänke waren noch alle leer.
Von einem Baum, der am Rande des Platzes stand, konnte ich die Fenster meiner kleinen Sorgenfamilie beobachten.
Es tat sich aber nichts. Nein, es konnte sich ja auch nichts tun, weil es ja ein schöner, ruhiger Sonntagmorgen war.
„Morgen Rolf…, schon auf?“, rief Willi mit ihrer rauchig, röhrenden Stimme über die Straße.
Ich traf sie fast jeden Sonntag auf dem Platz. Sie war einst die Großschnäutzigste, aber Humorvollste Schornsteinfegerin, die ich kannte.
Zzzzzz…, machte ich und versuchte mit einigen gestikulierenden Bewegungen ihr Temperament zu dämpfen. Ich ging zu ihr.
„Die schlafen wohl noch alle um diese Zeit, wie?“, brummte Willi.
„Kennst du die junge Frau, die bei uns vor kurzem erst im Haus eingezogen ist?“, fragte ich Willi.
Na ja, nicht direkt. Die treffe ich öfter beim Bäcker. Sie kauft dem Kind immer ein Hörnchen. Warum willste denn das wissen?“
„Ich höre die Kleine fast jede Nacht weinen und mache mir große Sorgen um sie. Ich möchte langsam wissen, was da los ist.“
„Frage sie doch einfach. Dazu hast du ein Recht. Du bist doch der Nachbar. Also darfst du dich auch erkundigen.“
„Sicherlich kann ich es aus meiner Sorge heraus tun. Genau, das werde ich jetzt auch machen!“
„Sag mir, wie‘s gelaufen ist!“
Willi ging mit ihrem Dackel weiter und nickte mir aufmunternd zu.
Gut gelaunt klingelte ich an der Wohnungstüre in der unteren Etage. Schallende Stimmen aus leeren
Räumen näherten sich, und jemand öffnete mir die Tür.
„Guten Tag, sie sind bestimmt der… Kommen sie herein. Ich bin Toni und das ist meine Tochter Elena.“
Während die junge Frau vor mir in die Küche ging, begutachtete ich das kleine, zierliche Mädchen und stellte fest, dass es nicht nach irgendeiner Misshandlung oder einem gequälten Geschöpf aussah. Aber sie hatte tiefe, dunkle Augenränder und das machte mich ein wenig stutzig.
„Geht es euch sonst gut“, fragte ich interessiert.
Vor mir stand eine hübsche um die Dreißigerin, mit einem zierlichen, kleinen Mädchen. In der kärglich eingerichteten Wohnung sprang mich direkt Hilflosigkeit an und in vier Augen las ich Mac Donald und italienische Pizza
„Oh, ihr könnt ja gar nicht richtig kochen, ohne Herd“, wagte ich mich vorsichtig vor.
„Aus diesem Grund habe ich ihnen nach einem Gespräch mit dem Hausmeister, einen Zettel in den Briefkasten geworfen“, sagte Frau Toni verschmitzt.
„Ach ja, richtig. Ich hatte dem Hausmeister mal gesagt, wenn er meine Hilfe als Handwerker braucht, würde ich gern einspringen.“
Wir guckten uns gemeinsam die kleine Baustelle in der Küche an und kamen ins Gespräch.
„Wie lange dauert sowas denn?“
„Nicht solange“, sagte ich ohne nachzudenken.
„Ich hab Hunger Mama.“
„Wir fahren gleich zu Oma, Elena.“
„Woher kommen sie?“, fragte ich neugierig.
„Ich will aber jetzt essen, Mama!“
„Wir fahren gleich zur Omaaa, Elenaaa…!
„Und sie?“
Aus Düsseldorf.“
„Da habe ich auch gewohnt. Ist schon länger her.
In Tunesien wohnen wir auch.“
„Elenaaaa…!“
„Mamaaaa…, ich hab Huuuungeeeeer!“
Beinahe duckte ich mich. Welch ein Organ war solch einem netten Geschöpf doch gegeben.
Durchdringend, bis in die Zehenspitzen. Die Kleine drei Oktaven höher. Passte irgendwie zu ihr. Sie musste sich bestimmt durchsetzen…bei Muttern.
„Auf meinem Herd habe ich noch Spagetti von gestern stehen. Brauch ich nur warm zu machen. Es reicht für uns drei.“
„Jaaaa…, ich will Pagettiii.“
„Elenaaaa….!“
Während wir die Treppen zu meiner Wohnung hochgingen, stellten wir im Hausflur fest, dass wir beide dabei waren, uns eine neue Zukunft zu kreieren. Ich hatte die Schnauze voll, von Großstädtern, samt der Firma meines Bruders, in der ich immer nur der Copilot war, und Frau Toni hatte wieder einmal die Faxen dicke, von ihrem Tunesischen Noch Ehemann.
Nervös schloss ich meine Wohnungstüre auf.
„Oh sie rauchen?“
„Riecht so danach, ja?“, grinste ich.
Elena stürzte sich gleich auf die Holzelefanten, die auf meiner Fensterbank standen.
„Elenaaaa, lass stehen!“
Hastig holte ich Teller aus dem Schrank und das Besteck aus Muttchens Nachlass. Es wurde mir großzügig von meiner Schwester überlassen.
„Reicht denn das für uns alle?“
„Selbstverständlich, ist schon gleich fertig“, sagte ich rührend.
Es reichte tatsächlich. Mein durchtrainiertes Gehirn für Mengenabschätzungen, für Meterwahren, Laminat- und Teppichböden funktionierte also doch noch.
Quietschend drehten wir die Gabeln auf den Löffeln. Elena aß mit den Händen. Das klappte teilweise auch.
„Elenaaa…!! „Lalalaaa…, guck mal Mamaaaa…die Nudln...
Elena hatte während unserer Unterhaltung den Rest Spagetti überall hin verteilt. Sie klebten hier, sie klebten dort, nur kleben sie nicht auf ihrem Teller.
„Oh Gott…, Elena!“
„Lassen sie nur, sieht doch lustig aus. Das ist der Farbkasten- Effekt.“
Elena sog die letzte Nudel durch den kleinen, spitz geformten Mund schmatzend in sich hinein.
„Wenn sie mal Hilfe brauchen, klingeln sie bei mir ruhig an“, sagte ich.
„Meine Oma wohnt im Neben- Ort, da haben wir es beide nicht so weit.“
Außerdem haben wir ja ein Auto.“
„Wenn sie meinen?“
Mit drei Tomatigen-Teller-Gebilden und Rest-Nudeln, die an allen nur erdenklichen Ecken und Winkeln des Stuhls klebten, begann ich pfeifend und gut gelaunt den Spülvorgang Stufe eins, in meiner neu erworbenen, babyblauen Plastikschüssel.
In den kommenden Tagen stand die kleine Elena immer öfter vor meiner Tür, wenn ich nachhause kam.
„Du sollst Tee mit uns trinken kommen“, sagte Elena.
In den darauffolgenden Tagen trank ich dann immer öfter einen Tee bei den Beiden. Und auch bei mir in der Wohnung intensivierte sich allmählich unser freundschaftliches Verhältnis.
Inzwischen duzten wir uns und unser Zusammensein verband sich gelassen zu einer aufflammenden Liebe mit Erklärung.
In den darauffolgenden Monaten verlor ich meine Arbeit in der Firma meines Bruders endgültig.
Copilot Ade.
Kauf und Reparaturaufträge in unserer Teppichfirma, nebst-Branche, ließen immer mehr und mehr nach und meine Arbeit als Subunternehmer endete schließlich im Familienzwist zwischen uns Brüdern. Allerdings ohne Hauen oder Mordabsichten. Angeblich flog ich, wegen dem nicht überschaubaren Preis-Leistungs-Verhältnis auf dem Arbeitsmarkt. Laminat bei Teppich-Karl und
Kettel-Aufträge bei Adam Pütt wurden eben eher verlangt, weil sie zwei Cent unter unserem Verkaufs-Angebot lagen. So endete meine nicht mehr ausreichende Arbeitskraft an einem unüberschaubaren Ende.
Ausrangiert, wie ein alter Filz-Teppich und abgenutztes Billig-Laminat, begannen meine finanziellen Aussichten und Chancen nun beim Arbeitsamt in meiner neuen Heimat.
Immerhin für einige Monate. Ich war nur noch reizlos liquide.
Schlummerten in meinem Innersten vielleicht doch noch andere Qualitäten?!
Ich kramte in meinem Gehirn nach Spezialitäten und Altertümchen und wurde fündig. Mit mittelmäßiger Anstrengung, fielen mir überraschend sogar einige Kochrezepte ein, die ich in der darauffolgenden Zeit, in verschiedensten Geschmackskompositionen ausprobierte.
Stubendienst war gleichfalls angesagt. Langeweile kannte ich ab jenem Tag nicht mehr, denn meine Verliebtheitsgrade stiegen unaufhörlich in Richtung Kleinfamilie.
Ich kümmerte mich hauptsächlich um Elena und hatte einfach gesagt, viel nachzuholen.
Toni ließ wiederholt ihre Tochter bei mir, wenn sie unterwegs war. Und sie war sehr oft unterwegs.
Elena war ein ausgesprochenes aktives Kind und beschäftigte mich rund um die Uhr.
Wir kauften zusammen ein, gingen zum nahe gelegenen Spielplatz, und meine kleine Freundin plapperte ohne Unterlass die schönsten Geschichten aus Tunesien.
„Mein Papa macht alle Leute gesund und hat mir auch einen Spiel-Koffer mit Arzt-Sachen gekauft. Ich helfe immer mit und alle kriegen dann eine Spritze.“
Lächelnd packte ich unseren Einkauf in den Kofferraum meines Wagens.
Ich genoss das Plaudern von Elena. Erinnerungen holten mich ein, denn meine eigene Scheidung ist schon eine Weile her. Ich hatte ja selbst eine Tochter im damaligen Alter von sechzehn Jahren. Leider sah ich sie kaum, denn sie unterlag den wichtigen Interessen der Punk-Frisuren und Vegan-Speisen. Wie man das ebenso in diesem Alter macht.
Ich habe alles für meine Tochter Laura getan. Alles was ein Vater nur für sein Kind tun kann. Auf dem Fahrrad fuhren wir am Rhein entlang, oder wir spielten auch auf Spielplätzen. Sonntag war immer Laura-Tag. Auf diese Zeit freute ich mich besonders. Sie war damals ein kleiner Engel mit blonden Locken. Jedem fiel sie auf. Jeden lächelte Laura an. Sie war eben mein kleiner Sonnenschein. Meine kleine Motte.
Ein kleines Händchen schob sich in meine Hand und fragte mich zaghaft:
„Bist du traurig Rolf?“
„Nein, nein, ich dachte nur nach Elena. Ich habe auch eine Tochter. Die wohnt in Düsseldorf, weißt du?“
Wir fuhren nachhause.
„Wie heißt denn dein Kind?“, fragte Elena mich dort weiter.
„Laura heißt sie.“
„Kannst du die nicht holen, dann kann die Laura doch in meinem Bett mitschlafen.
„Ich glaube, das geht schlecht“, erklärte ich Elena.
„Ihre Beine sind schon zu lang und diese würden uns nur störend im Wege herumhängen. Die passen nicht mehr in dein Bettchen.“
„Du kannst doch das Bett größer machen, Rolf.“
„Sie will auch gar nicht mehr in solch ein Kinderbett, sie will lieber in ihrem Bett und in ihrem Zimmer
schlafen“, machte ich dem munteren Quälgeist klar. Elena gab sich vorerst mit dieser Antwort zufrieden.
Mittlerweile standen in Tonis Wohnung ein paar Möbel mehr.
In der Küche stand endlich ein Tisch mit drei Stühlen. Im Wohnzimmer standen ein Tisch mit vier Stühlen und ein Klappsofa und im Kinderzimmer standen keine Stühle, nur Elenas Kinderbett und ein Schrank für Mutter und Kind. Trotz des ausreichenden Stuhl- Mobiliars, hatte Toni eine behagliche Atmosphäre gezaubert wofür ich sie oft bewunderte.
Weil die Strompreise immer diktatorischer wurden, und verschleiert höher krochen, fühlte ich mich langsam aber sicher durch sie bedrängt. Denn es waren nicht nur diese Preise, die mich herausforderten, mein Gasboiler fiel mir ebenfalls in den Rücken. Das wurde mir nun doch zu viel. Da meine Wohnung ebenso wenig ausreichende Isolierungen aufwies, gab ich mich regelrecht geschlagen und trat den Rückzug an. Ich sah es nicht mehr ein, den Stadtwerken noch mehr in den gierigen Rachen zu werfen.
Bist du nicht willig, sperre ich dir den Hahn zu. Vielleicht auch noch mit Gewalt? Ich suchte mir eine andere Wohnung.
Nach einigen Versuchen und Aufsuchen vieler Mietswohnungen aller Art, fand ich endlich ein geräumiges Apartment an einem Berg. Mit Außentreppe modernster Art. Ein Bau-Werk eines Architekten mit hochentwickelter Wohn-Kultur. Die zu den oberen Parkplatz-Etagen hochführende Außentreppe, protzte aus verzinktem Stahlgitter in den grünenden Natur-Hang hinein.
Endlich werde ich jeden Eindringling, der mich aufsuchen würde, sofort wahrnehmen und durch meinen Türspion orten können. Sogar eine ausgedehnte Terrasse mit Dorfblick, nebst einer von weitem schon erkennbaren Kirchturmspitze lag vor mir. Ich war glücklich. Alles wirkte sehr idyllisch.
Ebenso, der darunterliegende Bahnhof mit den lautleisen Zügen, die ich irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen würde. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.
Toni blieb in ihrer Wohnung und stellte sich erst einmal den weiteren Energie-Herausforderungen.
Endlich war es soweit.
Schweren Herzens zog ich aus dem Haus aus, wo ich doch gerade erst meine neue Liebe kennen gelernt hatte.
„Denk daran Toni, ich bin für euch da, wenn ihr etwas braucht.“
„Ja, ja, ich weiß Rolf, aber ich werde demnächst sowieso nach Tunesien fahren müssen, um einiges dort zu klären. Du weißt ja, das ich mich von meinem Mann scheiden lassen will.“
SCHEIDEN?!
Das sagte Toni so, als würde sie mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit ihr Sparschwein erschlagen.
„Wird man dich da drüben nicht sofort steinigen?“, fragte ich ohne Besonnenheit direkt nach.
Sofort ergriff mich ein altes Verlassenheitsgefühl aus früheren Kinderjahren, mit einem schalen, ängstlichen Nachgeschmack. Hatte ich schon Verlustängste? Es waren doch Kleinkinderjahre.
Toni guckte mich musternd an.
„Du hast ja einen knallroten Kopf“, stellte sie erschrocken fest.
„Hast du dich wirklich entschieden?“, fragte ich mit einem Kloß im Hals nach.
„Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, steht es. Okay?“
Diese Portion Arroganz saß.
„Deswegen brauchst du nicht gleich einen Herzinfarkt zu kriegen. Wenn ich mich zu etwas entschieden habe. Sowas führe ich jedenfalls immer durch.“
„Natürlich…klar. Hab ich alles gut verstanden. Aber ein bisschen anders hatte ich mir unsere jüngferliche Beziehung schon vorgestellt. Wenn du das unbedingt meinst, dann tu es“, sagte ich säuerlich.
„Kann der Rolf nicht mitkommen, Mama?“
„ELENAAA…!“
„Nein…, nein Elena, ich schmeiß indessen hier den Laden, das wird mich ablenken.“
Danach sah ich die beiden einige Wochen nicht mehr.
Der Sommer zog ins Land, sogar bis hin in unser idyllisches Dörfchen, und ich wartete und wartete, aber nichts regte sich von Toni und Elena. Endlich an einem Abend, ein erlösender Anruf.
„Wir kommen morgen zurück. Kannst du für uns ein paar Sachen einkaufen?“
Mir fiel nicht nur meine Kinnlade herunter, sondern mir fiel sofort mein gestresstes Portemonnaie ein. Meines Wissens herrschte in diesem gähnende Leere. Da ich aber schon immer ein optimistischer Mensch war, ließ ich mich in dieser hoffenden Weise an jenem Abend eines Besseren belehren. Mich stierte tatsächlich eine halbzerknitterte, grünlich, ansprechende Notreserve aus einem vergessenen, versifften Seitenfach meines Portemonnaie an.
Brav mein Junge. So schlecht bist du gar nicht, wie dich dein Bruder immer bewertet hat. Nur so kommt man zu lang ersehntem Reichtum.
Der nächste Anruf des darauf folgenden Tages, war nicht so erfreulich.
„Ja hallo wir sind`s. Bei uns ist alles dunkel. Der Strom ist abgesperrt.“, heulte mich jammernd mein Handy an.
„Ich kann für Elena ohne Strom schlecht kochen.“
„Hattest du den Strom denn bezahlt?“
„Ist das denn jetzt so WICHTIG?“, kreischte Tonilein mich erbarmungslos an. Wie gereizt sie war. Das sind pure tunesische Nachwirkungen, die sie erst einmal verarbeiten muss. Geduld. Ich brauche jetzt viel Geduld. Ich muss ihnen Ruhe entgegenbringen. Übermittelnde, besonnene Ausstrahlung stärkt jede Unruhe und Rastlosigkeit. Das waren immer Muttchens Wortegewesen. Sie taten mir wirklich gut. Ich dachte an blauen Himmel, Natur und gesunde, unverbrauchte Luft. Ich atmete tief durch und zwang mich zum Nachdenken.
„Ähäm…ja…“
Funkstille.
„Hallo?...Toni?“
Weg war sie. Ich stierte verdutzt mein tonloses Handy an. Es schien tatsächlich ernst zu sein.
In Windes Eile packte ich das längste Stromkabel ein, was ich bei mir fand und kaufte dieses Mal flotter in der Laden-Kette Ladidl ein. Mein wohltuender Reichtum verließ mich an diesem Tage wieder. Ich kaufte nicht nur gutgünstig ein, sondern für ausgehungerte Tunesien-Geschädigte, die wahrscheinlich wochenlang nichts mehr zu essen bekommen hatten.
Besonders für die Kleine. Der Arabien-Brei hat ihr bestimmt nicht gemundet. Wenn überhaupt jemand für die beiden Heimatlosen gekocht hatte.
Mit unzähligen Einkaufstüten, behangenen an Armen und Schultern, fuhr ich zu den Zweien ins Dorf. Wie schön. Sie waren wieder da. Zukünftige Gemütlichkeit und romantische Atmosphäre, mit Kerzenlicht erwartete mich in nächstliegenden Stunden.
Wunderbare Zuversicht pur.
Dann stand ich endlich vor meiner verflossenen Erst-Heimat. Eigentlich war es doch recht nett in diesem Haus gewesen. Ich ließ einen Moment meinen Großeinkauf auf den Boden sinken. Der wundervolle Bach, der am Haus vorbeifloss. Nur bei Regen stank er immer bestialisch. Eine malerische kleine Innenstadt mit Kirche, Sparkasse, einer Gesundheitskasse, Marktständen, einer Eck-Pommes Bude und bequemen Bänke an der Taxistraßenseite, auf denen sich nur zum Abend hin, Betrunkene und andere Süchtige herumwälzten.
Pustend zog ich meine unzähligen Kilolasten wieder an mich und schleifte sie hechelnd wie ein Husky in die nächste Etage.
Keuchend klingelte ich an Tonis Wohnungstür.
„Hallo, du hast aber lange gebraucht. Was hast du denn da alles eingekauft?
Wir trugen die Tüten in die Küche.
„So viel kann doch kein Mensch essen.“ Irritiert sah ich mich um.
Tatsächlich. Der nette Absperrmensch hatte ganze Arbeit geleistet. Sogar am fortgeschrittenen Spät-Nachmittag würde es nur noch gedämpft dunkel sein. Immerhin brauchten sich beide nicht im Stockdüstern durch die Wohnung zu tasten. Dafür spendete großzügig eine flackernde Straßenlaterne von weitem ein paar Lichtstrahlen in die Zimmer. Zum Lesen reichte es allerdings nicht.
„Da hätte ich ja gleich in Tunesien bleiben können. Da ist es in den Berg-Höhlen ja heller.“
Nach mehrfachen besänftigenden Beschwichtigungen, kam ich auf eine seltsame Idee.
Ich legte das Strom-Kabel von einer Kellersteckdose, bis hoch in Tonis Etagen Wohnung und die beiden hatten wenigstens wieder Licht. Wenn auch vom Untergrund des Hauses für einige Zeit gespendet. Diese Möglichkeit, sich etwas Warmes herzurichten, ordneten wir nach damaliger Hinsicht, einer notwendigen Wichtigkeit zu. Und somit einer verständlichen, eigenmächtigen Gesetzesänderung, für etliche Stunden Strom auf Pump. Immerhin war ja ein Fast-Kleinkind vorhanden und das würde die Sache bei einer eventuellen, eingeräumten Straftat sicherlich mindert. Sogar die Nachbarn gingen achtlos an diesem Kabel im Hausflur vorüber und maßen es sicherlich eher einer dringenden Handwerker Einrichtung bei.
„Bring das mit den Stadtwerken so schnell wie möglich in Ordnung“, riet ich Toni.
„Da muss ich mir erst noch mal was von Oma leihen.“
Bei diesen Worten blieb es.
Inzwischen hatte ich mich in meinem neuen Heim häuslich eingerichtet.
Mein neues Reich bestand aus einem großen Wohnzimmer mit integrierter Küchenzeile und einer geräumigen Schlafnische für ein ganzes Bett, und einer weiteren, großzügigen Ecke, für einen angrenzenden Computer-Tisch. Hinter einer nächsten Tür war ein Abstellraum. Auch sehr geräumig. Vielleicht sogar als begehbaren Kleiderschrank zu nutzen, wenn man sich Regale oder Aufhänge-Vorrichtungen wegdachte, die ich eigentlich eher gebrauchen konnte. Zusätzlich war ein Bad vorhanden, mit einer Dusche, als Sitzbadewännchen gänzlich unvorstellbar, aber es genügte nur ein halber, galanter Ausstiegsschritt bis hin zum WC. Eine kleine Diele und ein Vorraum fehlten auch nicht. Stolz genoss ich den Blick von meiner Terrasse. Vor mir lag mein verträumtes Dörfchen Ich sah den Berg hinunter. Fernblick Pur, wenn die ersten Blätter von den Bäumen gefallen waren. Hier konnte ich in Ruhe meine kleine Familie empfangen.
Endlich kamen sie.
Ich hatte liebevoll den schmalen Wohnzimmertisch gedeckt. Für Toni Tee und für mich meinen, mir
wohlverdienten Kaffee. Ich öffnete die Tür und wies mit einer generösen Handbewegung in Richtung Stube.
Langsam schritten beide in mein Gemach.
„War die andere Wohnung nicht bedeutend größer gewesen?“, war Tonis erste Frage.
Sah sie nur die Größe oder kommt da noch was, ich meinte wenigstens eine winzige, positive….
„Also, mir gefällt es recht gut hier“, verteidigte ich mich.
Plötzlich stürzte sich Elena auf meine Sofakissen und was aus der alten Wohnung durch ihr Herum-Hüpfen davon noch übriggeblieben war.
„Mein Hüpfsofa…Mamaa, ja…ja…ja.“
