Verlag: Kiepenheuer & Witsch eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Flucht in die Schären E-Book

Viveca Sten  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Flucht in die Schären - Viveca Sten

Ein Thriller vor der idyllischen Kulisse der schwedischen Schäreninseln, der einem den Atem stocken lässt. Nora Linde, Chefanklägerin der Behörde gegen Wirtschaftskriminalität, hat einen gefährlichen Gegner: den Anführer der Drogenszene Stockholms, Andreis Kovač. Er wurde von ihr wegen Steuerhinterziehung angeklagt, denn für Drogenhandel und Geldwäsche fehlen die Beweise. Doch nicht nur Nora kämpft gegen den Drogenboss. Seine junge Frau Mina ist auf verzweifelter Flucht vor ihm, nachdem er sie fast totgeprügelt hat. Alles, was sie möchte, ist, ihren kleinen Sohn zu schützen.So wird sie in Sicherheit gebracht, und kaum einer weiß, wo sie sich aufhält. Sie ist die Schlüsselperson im anstehenden Prozess, vorausgesetzt, Nora kann sie überzeugen auszusagen. Andreis würde alles tun, um seine Gegner auszuschalten und Mina zurückzubekommen. Er scheut keine Mittel, um seine Ziele durchzusetzen, und Minas Unterstützer sind seine Feinde. Als ein Mord geschieht, wird Thomas Andreasson in den Fall hineingezogen, und auch Nora nimmt immer größere Risiken auf sich, um Mina zu schützen.Der neunte Band der Bestsellerreihe ist ein atemloser Thriller, spannend bis zu letzten Seite.

Meinungen über das E-Book Flucht in die Schären - Viveca Sten

E-Book-Leseprobe Flucht in die Schären - Viveca Sten

Viveca Sten

Flucht in die Schären

Ein Fall für Thomas Andreasson

Roman

Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Viveca Sten

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

WidmungKarten zum BuchKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Februar 1992Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9März 1992Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15April 1992Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Juni 1992Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27September 1992Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Dezember 1992Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Januar 1993Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Februar 1993Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49März 1993Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56März 1993Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64April 1993Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69Kapitel 70Kapitel 71Kapitel 72Kapitel 73April 1993Kapitel 74Kapitel 75Kapitel 76Kapitel 77Kapitel 78Kapitel 79Kapitel 80Kapitel 81Kapitel 82Mai 1993Kapitel 83Kapitel 84Kapitel 85Kapitel 86Kapitel 87Kapitel 88Mai 1993Kapitel 89Kapitel 90Kapitel 91Kapitel 92Kapitel 93Kapitel 94Kapitel 95Mai 1993Kapitel 96Kapitel 97Kapitel 98Kapitel 99Kapitel 100Kapitel 101Kapitel 102Mai 1993Kapitel 103Kapitel 104Kapitel 105Kapitel 106Kapitel 107Kapitel 108Kapitel 109Kapitel 110Mai 1993Kapitel 111Kapitel 112Kapitel 113Kapitel 114Kapitel 115Kapitel 116Mai 1993Kapitel 117Kapitel 118Kapitel 119Kapitel 120Kapitel 121Kapitel 122Kapitel 123Kapitel 124Mai 1993Kapitel 125Kapitel 126Kapitel 127Kapitel 128Kapitel 129Kapitel 130Kapitel 131Kapitel 132Mai 1993Kapitel 133Kapitel 134Mai 1993Kapitel 135Kapitel 136Kapitel 137EpilogNachwort
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Für Tamara, die die Vernichtung überlebte und in Schweden ein neues Leben anfangen konnte

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Montag, 28. März 2016

Kapitel 1

Mina Kovač musterte die Spüle. Obwohl sie glänzte, fuhr sie sicherheitshalber ein letztes Mal mit dem Schwammtuch darüber. Sie hatte alle Fußböden gewischt und überall staubgesaugt, mit der kleinen Saugdüse, die wirklich bis in die Ecken kam, sodass keine Krümel übrig blieben. Das Bad duftete zitronenfrisch.

Der Kleine hatte ungewöhnlich lange geschlafen, Gott sei Dank, so hatte sie in aller Ruhe sauber machen können. Sie warf einen schnellen Blick zum Fenster. Dino brachte Andreis nie vor sieben nach Hause, aber sie konnte nicht anders, als trotzdem nachzusehen.

Das Essen musste fertig sein, wenn er die Haustür öffnete. Sie hatte alles vorbereitet, zwei schöne Steaks mit großen Backkartoffeln, dazu Sauce béarnaise und einen grünen Salat.

Sein Lieblingsessen.

In der letzten Zeit war Andreis noch unberechenbarer als sonst. Sie gab sich Mühe, ihn nicht zu reizen; manchmal wusste sie nicht einmal, warum er wütend wurde. Sie verhielt sich leise und versuchte, so wenig Platz wie möglich einzunehmen. Wenn Lukas aufwachte, nahm sie ihn gleich hoch, damit er nicht weinte und Andreis störte.

All die späten Besprechungen und Telefonate, manchmal fuhr er mitten in der Nacht mit Dino weg, ohne jede Erklärung.

Sie wagte nicht zu fragen, wohin und warum.

Mina ging ins Wohnzimmer und beugte sich über die alte Wiege, die ihr Vater vom Dachboden geholt und restauriert hatte. Lukas lag auf dem Rücken und schlief. Die unfassbar kleinen Hände ruhten auf dem Laken, die Finger mit den durchsichtigen Nägeln abgespreizt. Sein neues Schmusetier, ein hellblaues Plüschkaninchen, das er von Oma und Opa bekommen hatte, lag in der einen Ecke.

Sie wünschte, sie hätte die Zeit, ihn hochzunehmen, ihre Lippen auf das flaumige Köpfchen zu drücken und sich mit ihm in den Sessel zu setzen, um ihn zu füttern. Aber es war besser, wenn er weiterschlief, dann konnte sie noch schnell die Gästetoilette sauber machen, bevor Andreis zurückkam.

Ein Geräusch an der Haustür ließ Mina zusammenzucken. War er das schon? Es war erst sechs. Eilig ging sie in die Diele und öffnete. Die Anspannung fiel von ihr ab, als sie ihren Vater auf der Treppe stehen sah.

»Was machst du denn hier?«

»Ich hatte in der Nähe zu tun. Kann ich reinkommen?«

Mina zögerte.

»Ist er zu Hause?«

Sie brauchte nichts zu erklären, nicht ihm. Aber sie schämte sich, dass es so deutlich war.

»Er kommt in einer Stunde«, sagte sie, ohne ihm in die Augen zu blicken.

»Ich dachte, ich sage Lukas kurz Guten Tag, es ist schon so lange her seit dem letzten Mal. Ich bleibe nur ein paar Minuten. Bevor Andreis kommt, bin ich wieder weg.«

Mina nickte.

»Komm rein. Er schläft im Wohnzimmer, schon seit Stunden, der kleine Kerl.«

Ihr Vater trat ein. Mina hätte ihm gern Kaffee angeboten und ein bisschen mit ihm zusammengesessen und geredet, aber sie wusste, dass es keine gute Idee war. Die Zeit war zu knapp.

»Er ist wirklich süß«, sagte Papa, als er zurückkam. »Die Augen und den Mund hat er von dir. Meinst du, er wird mal genauso blond wie du?«

Mina lächelte leicht. Sie fand auch, dass ihr Sohn nach ihr kam, obwohl Andreis steif und fest behauptete, Lukas sehe seinem eigenen Vater ähnlich.

»Wir werden sehen«, erwiderte sie. »Grüß Mama von mir.«

Sie versuchte, es ganz natürlich klingen zu lassen, nicht so, als wollte sie ihn zur Eile drängen.

Papa tätschelte ihre Wange und öffnete die Haustür. Auf der Schwelle blieb er stehen und drehte sich um, etwas Flehentliches im Blick.

»Willst du nicht für ein paar Wochen nach Hause kommen?«, fragte er. »Andreis hat im Moment sicher viel zu tun. Bei uns wäre es für dich und Lukas vielleicht ein bisschen ruhiger?«

Mina wusste, dass die Eltern sich Sorgen um sie machten. Alles war schlimmer geworden, die blauen Flecken ließen sich nicht mehr verheimlichen.

»Mama und ich … wir denken die ganze Zeit an dich.«

Als Andreis im Gefängnis war, hatten die Eltern auch versucht, sie nach Hause zu holen. Aber Mina wusste, dass Andreis es als Verrat empfunden hätte. Nach seiner Entlassung hätte sie den Preis dafür zahlen müssen.

Die Hoffnung in Papas Augen machte ihr zu schaffen. Unwillkürlich warf sie einen Blick zur Straße hinter ihm, aber zum Glück war sie immer noch leer.

»Lass uns ein andermal darüber reden«, sagte sie.

»Andreis ist nicht gut für dich, das weißt du!«

Er hatte die Stimme erhoben. Aber Mina konnte ihn nicht auch noch beruhigen, sie schaffte es nicht. Sie brauchte ihre ganze Energie, um Lukas zu schützen. Und sich selbst.

»Bitte, Papa. Nicht jetzt. Ich muss noch so viel tun.«

Ihr Vater rieb sich die Stirn. In den letzten Jahren hatten sich neue Linien in sein Gesicht gegraben, dabei war er erst fünfundfünfzig. Sein weißgraues Haar brauchte einen Schnitt.

»Mama geht es nicht gut«, sagte er zögernd.

Mina erstarrte.

»Was meinst du?«

»Es ist das Herz.«

»Nein! Nicht Mama!«

Die Worte kamen ganz von selbst. Mama musste da sein. Immer. Auch wenn es schwierig, manchmal geradezu unmöglich war, sie zu besuchen, war das ihre letzte Sicherheit. Dass Mama und Papa für sie da waren, was immer auch passierte.

Dass sie nach Hause konnte.

»Du hast es sicher nicht gemerkt, aber sie bekommt schnell Atemnot«, sagte Papa. »In der letzten Zeit ist es schlimmer geworden. Sie hat eine Überweisung ins Söderkrankenhaus, nächste Woche wird sie dort durchgecheckt.«

Mina war den Tränen nahe. Wenn sie doch nur Lukas hochnehmen und mit Papa heim nach Skuru fahren könnte. Es gab nichts, was sie lieber getan hätte. Aber es ging nicht, warum konnte er das nicht verstehen?

»Ich rufe sie bald an«, sagte sie und grub ihre Fingernägel in die Handflächen, um nicht die Fassung zu verlieren.

»Kannst du uns nicht einfach besuchen? Sie würde sich so sehr freuen, wenn du mit Lukas vorbeischaust. Morgen vielleicht, oder Dienstag?«

Die Hoffnung in Papas Stimme machte alles nur noch schlimmer.

Mina versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie gestresst sie war. Lukas würde bald aufwachen, vorher musste sie noch die Kartoffeln aufsetzen und die Steaks marinieren. Den Tisch hatte sie auch noch nicht gedeckt.

»Ich versuche es«, sagte sie, obwohl sie wusste, dass sie es nicht tun würde. »Mach’s gut, Papa. Fahr vorsichtig. Ich muss jetzt wirklich noch was tun.«

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und schloss die Tür.

Lukas greinte in der Wiege. Mina beeilte sich, die Sprühflasche und einen Lappen zu holen, um schnell noch die Gästetoilette zu putzen. Sie wollte damit fertig sein, bevor Lukas endgültig wach war.

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Kapitel 2

Thomas schüttete die Fleischbällchen in die Bratpfanne. Das Haltbarkeitsdatum war schon einen Tag überschritten, aber er hatte es nicht mehr geschafft einzukaufen.

Es zischte mächtig in der Pfanne, und Thomas unterdrückte einen Fluch, als ihm heißes Öl auf die Hand spritzte.

Er hatte einen erbärmlichen Tag gehabt. Die Umstrukturierung der Polizei, die nicht so richtig vorankam, schlug einen Kollegen nach dem anderen in die Flucht. Heute hatte er erfahren, dass Kalle Lidwall, einer seiner ältesten Kollegen, sich entschieden hatte, den Dienst zu quittieren und bei einer Securityfirma anzufangen. Karin Ek, eine langjährige Assistentin, hatte ebenfalls gekündigt, als klar war, dass die Ermittlungsabteilung in Nacka in das Dezernat für Kapitalverbrechen in Flemingsberg integriert werden würde. Sie habe keine Lust, so weit zu pendeln, hatte sie erklärt.

Elin saß auf dem Sofa und sah fern, irgendwas mit übermütigen Kindern, die von einem Badesteg ins Wasser sprangen. Thomas versuchte, den fröhlichen Lärm zu ignorieren; er brauchte keine Erinnerung daran, dass dies Elins erster Sommer auf Harö ohne ihre Mutter sein würde.

Er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Dose Leichtbier heraus. Er musste mit Pernilla über den Sommer reden, wie sie die Urlaubszeit aufteilen wollten und welche Wochen Elin bei wem verbringen sollte. Er hatte ihr schon mehrere SMS mit verschiedenen Vorschlägen geschickt, aber bis jetzt war noch keine konkrete Antwort gekommen. Nur vage Mitteilungen, dass sie es sich ansehen werde.

Sein Handy klingelte. Auf dem Display stand Pernillas Nummer.

»Hallo, ich bin’s.«

Sie klang erkältet, aber ansonsten wie immer. Er kannte sie so gut und doch überhaupt nicht.

Er begriff immer noch nicht, wie sie in diese Situation geraten waren.

»Ich wollte nur Elin Gute Nacht sagen.«

Für einen Moment kehrte Stille ein. Morgen war Pernilla an der Reihe, Elin zu übernehmen. Normalerweise tauschten sie immer montags, aber er und Elin waren über das Osterwochenende verreist gewesen.

»Ich muss ja auf deinem Handy anrufen, weil sie kein eigenes hat«, fügte sie hinzu.

Thomas verkniff sich ein müdes Seufzen. Das Telefon war auch so ein Punkt, über den sie sich nicht einigen konnten. Pernilla wollte, dass Elin ein eigenes Handy bekam, während Thomas fand, dass eine Achtjährige noch viel zu jung dafür war.

Es sei unpraktisch, dass sie Elin nicht direkt erreichen könne, hatte Pernilla argumentiert, aber in Thomas’ Augen war das nur eine billige Ausrede, um nicht zugeben zu müssen, dass sie oft zu spät aus dem Büro kam. Wenn Pernilla endlich lernte, pünktlich zu sein, brauchte ihre Tochter auch kein Mobiltelefon, ganz einfach.

»Wie machen wir das diesen Sommer mit Elin?«, fragte er, und es klang wesentlich barscher, als er beabsichtigt hatte.

»Wieso?«

»Ich muss meinen Urlaub planen, hast du meine SMS nicht gelesen?«

»Müssen wir jetzt darüber reden?«

»Die Personalabteilung hat mich schon ein paarmal gemahnt. Ich muss denen jetzt langsam mal Bescheid geben.«

»Thomas, ich weiß noch nicht, wie es bei mir aussieht.«

Sie unterbrach sich und hustete. Anschließend schnäuzte sie sich hörbar.

»Im Moment ist es schwierig mit der Urlaubsplanung«, sagte sie schließlich. »Ich ersticke in Arbeit.«

Es war, als hätte sie auf einen Knopf gedrückt. Thomas konnte sich nicht zurückhalten.

»Bei dir ist es immer schwierig mit der Planung. Aber ich habe auch einen Job, bei dem ich vorausplanen muss.«

»Ich will nicht darüber streiten«, sagte Pernilla. »Aber vor Mitte Mai kann ich mich wirklich nicht festlegen. Wir starten im Spätsommer eine Riesenkampagne. Ich weiß noch nicht, wie es zeitlich bei mir aussieht.«

Thomas drückte die Bierdose so fest, dass das Blech verbeulte. Elin blickte vom Fernseher auf, und er rang sich ein Lächeln ab, um sie zu beruhigen.

»Kannst du nicht ausnahmsweise mal ein bisschen Verständnis zeigen?«, fragte Pernilla, als sei er derjenige, der unvernünftig war.

Die Stille dehnte sich aus, aufgeladen und angespannt.

»Dann lass es uns doch so machen«, schlug Thomas so ruhig wie möglich vor, trotz des Ärgers, der in ihm aufstieg. »Ich nehme meinen Urlaub im Juli, damit Elin ein paar schöne Sommerwochen auf Harö verbringen kann. Wenigstens sieht sie dann Oma und Opa in den Ferien.«

Die Botschaft war glasklar: Auch wenn ihre Mama nicht da ist.

»Das geht so nicht«, protestierte Pernilla.

Jetzt klang sie auch aufgebracht, aber daran konnte er nichts ändern. Er hatte versucht, eine möglichst zufriedenstellende Lösung für das Problem zu finden, aber er konnte nicht auch noch die Verantwortung für Pernillas unorganisiertes Leben übernehmen. Manchmal musste man eine Entscheidung treffen, man konnte nicht alles bis zum Gehtnichtmehr vor sich herschieben.

»Du lässt mir keine andere Wahl«, erwiderte er.

»Aber du kannst das nicht einfach über meinen Kopf hinweg bestimmen!«

»Ich versuche seit über einem Monat, eine gemeinsame Lösung zu finden, aber das ist ja offenbar nicht möglich. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?«

»Herrgott noch mal, Thomas«, sagte Pernilla. »Du bist erwachsen und benimmst dich wie ein kleines Kind. Jetzt mach mal halblang.«

Er konnte nicht länger mit ihr reden. Es ging nicht. Sonst würde er noch etwas sagen, was er nicht mehr zurücknehmen konnte.

Er ging zum Sofa, wo Elin wie festgeklebt vor dem Fernseher saß. Sie lachte laut über eine Zeichentrickfigur, die sich zum hundertsten Mal wie ein Idiot benahm.

»Ich gebe dir Elin«, sagte er und hielt seiner Tochter das Telefon hin, ohne sich von Pernilla zu verabschieden. »Mama ist dran. Sie will dir Gute Nacht sagen.«

Elin nahm das Telefon und schaute weiter fern, während sie mit Pernilla sprach. Es schien nicht so, als hätte sie die schlechte Stimmung oder den gereizten Ton zwischen den Eltern bemerkt.

Wenigstens hoffte er das, trotzdem überfielen ihn sofort Schuldgefühle. Er wollte nicht, dass Elin sie streiten hörte.

Thomas ging zurück in die Küche, goss das Bier in ein Glas und stellte die zerbeulte Dose weg. Er war die Zankerei so leid, hatte es satt, dass sie sich immer in die Haare kriegen mussten.

Jedes Gespräch endete so.

Die einzige Kommunikation, die im Moment noch zu funktionieren schien, war die per SMS. Wenn sie sich kurze Textnachrichten schickten, kamen sie einigermaßen miteinander aus. Aber sobald sie miteinander telefonierten, begannen sie zu streiten.

Er war zu barsch gewesen, das wusste er, aber musste sie jedes Mal in die gleiche Kerbe hauen? Warum endete es immer so?

Er goss das Nudelwasser so schwungvoll ab, dass es überschwappte und ihm den Fuß verbrühte.

»Verdammt!«

Diesmal konnte er sich den Fluch nicht verbeißen.

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Kapitel 3

Mina atmete erleichtert auf. Das Haus war fertig geputzt. Das Essen vorbereitet. Es gab nichts, worüber Andreis sich ärgern konnte, wenn er nach Hause kam.

Sie saß im Wohnzimmer mit Lukas im Arm und gab ihm das Fläschchen. Er trank gierig, die kleinen Lippen fest um den Sauger geschlossen. Heute Abend würden sie es sich gemütlich machen, nahm sie sich vor. Andreis würde gut gelaunt sein, wenn er sah, wie schön sauber das Haus war und was für ein leckeres Essen sie gekocht hatte. Er würde sie mit demselben liebevollen Blick ansehen wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Als sie so verliebt waren, dass sie kaum die Hände voneinander lassen konnten.

Sie würden am Esstisch sitzen und sich über Nichtigkeiten unterhalten wie jede andere kleine Familie. Nach dem Essen würde er mit Lukas spielen, während sie die Küche aufräumte. Wenn Lukas eingeschlafen war, würden sie sich vielleicht einen Film ansehen, jeder mit einer Tasse frisch gebrühtem Kaffee oder einem letzten Glas Wein.

Sie wollte gerade Lukas an die Schulter legen, damit er sein Bäuerchen machte, als sie hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Unwillkürlich zog sich ihr Magen zusammen, aber sie verdrängte das ungute Gefühl und versuchte, ganz ruhig zu atmen. Es gab keinen Grund, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Alles war gut, sie musste einfach daran glauben.

Auf einmal wurde ihr eiskalt.

Der Staubsauger stand noch in der Küche. Gerade als sie ihn wegstellen wollte, hatte Lukas angefangen zu greinen, und sie war ins Wohnzimmer gelaufen, um nach ihm zu sehen.

Wie hatte sie so dumm sein können?

Mina lauschte auf seine Schritte. Konnte sie es schaffen, in die Küche zu laufen und den Staubsauger wegzuräumen, bevor Andreis hereinkam?

Sie wagte nicht, sich zu rühren, geschweige denn zu rufen. Die Gedanken rasten. Vielleicht ging er zuerst nach oben. Manchmal wollte Andreis als Erstes unter die Dusche, wenn er von der Arbeit kam. Dann würde sie ihren Fehler noch rechtzeitig wiedergutmachen können, ohne dass er etwas merkte.

Ihr Herz klopfte immer heftiger, während sie auf das Geräusch von Schritten auf der Treppe wartete.

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Dienstag

Kapitel 4

Nora Linde drückte die Klinke der Tür zum Konferenzraum mit dem Ellbogen herunter und legte den Stapel Dokumente auf dem langen Tisch ab.

In wenigen Minuten würde das wöchentliche Meeting der Zweiten Abteilung für Wirtschaftsdelikte beginnen. Sie musste sich wirklich auf ihre Fälle konzentrieren, jetzt, wo nach dem langen Osterwochenende alles wieder losging, aber sie hatte schlecht geschlafen und war gestresst wegen der ganzen Strafsachen auf ihrem Tisch.

Die Tür ging auf, und Chefankläger Jonathan Sandelin erschien auf der Schwelle. Ihr Vorgesetzter musste es am Morgen eilig gehabt haben, ein Pflaster am Kinn verriet, dass er sich beim Rasieren geschnitten hatte.

»Morgen«, sagte er und zog einen Stuhl hervor. »Schöne Ostern gehabt?«

Die Frage war rhetorisch. Nora nickte leicht, während der Raum sich mit weiteren Kollegen füllte. Irgendein Frühaufsteher hatte eine Blume an das Whiteboard gemalt, mit der Überschrift Willkommen zurück!

Leila Kacim, die Kriminalkommissarin, mit der Nora oft zusammenarbeitete, kam herein und nahm an der anderen Seite des Tisches Platz.

Jonathan Sandelin eröffnete die Sitzung damit, dass er die Anwesenden auf den aktuellen Stand der Dinge brachte und berichtete, welche Themen im Meeting der Führungsgruppe besprochen worden waren. Anschließend ging er die Liste der Anklagesachen durch. Neue Fälle für die Behörde zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, kurz EBM, wurden per Los auf die verschiedenen Abteilungen verteilt. Über Ostern war unter anderem ein Fall hereingekommen, bei dem ein Politiker, der für eine ausländerfeindliche Partei im Reichstag saß, die örtliche Parteikasse veruntreut hatte. In einem anderen Fall hatte eine Baufirma mehrere Subunternehmer beschäftigt, die weder Umsatzsteuer noch Unternehmenssteuern abgeführt hatten.

Nachdem Jonathan fertig war, ging es reihum, und jeder am Tisch gab einen kurzen Statusbericht über die laufenden Vorgänge.

Nora war an der Reihe.

»Wie sieht’s in Sachen Steuerbetrug und Drogenmafia aus?«, fragte Jonathan. »Nähern wir uns einer Anklage?«

Nora schlug die oberste Akte von ihrem Stapel auf.

Das Drogendezernat hatte seit Längerem ein Auge auf Andreis Kovač geworfen. Es bestand der dringende Verdacht, dass er Drogenhandel betrieb, aber bisher war es nicht gelungen, konkrete Beweise zu finden, die für eine Anklage wegen Rauschgiftkriminalität gereicht hätten.

Eines Tages hatte die Steuerbehörde einen anonymen Hinweis sowie Belastungsmaterial erhalten, das der EBM die Möglichkeit gab, Andreis Kovač stattdessen wegen schweren Steuerbetrugs anzuklagen. Die Ermittlungen gegen Kovač hatten Nora und Leila fast das ganze Frühjahr hindurch beschäftigt.

Sie war dabei, einen »Al Capone« hinzulegen und einen Vertreter des organisierten Verbrechens wegen Steuervergehens hinter Gitter zu bringen, da sie ihn wegen anderer krimineller Aktivitäten nicht belangen konnten.

»Die Voruntersuchungen gegen Andreis Kovač sind so gut wie abgeschlossen«, sagte Nora. »Ich werde ihn in dieser Woche ein letztes Mal vernehmen. Aber ich rechne mit einer Verurteilung.«

Der letzte Satz war eigentlich überflüssig. Alle Anwesenden wussten, dass nur dann Anklage erhoben werden konnte, wenn der Ankläger objektive Gründe hatte, von einer Verurteilung auszugehen. Alles andere wäre ein Verstoß gegen die Dienstvorschriften.

»Sitzt er noch in Untersuchungshaft?«, fragte Jonathan.

Die Frage berührte einen wunden Punkt, auch wenn Nora nach Kräften versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Es war ein Rückschlag gewesen, dass das Amtsgericht Noras Antrag auf Verlängerung der U-Haft bis zum Prozessbeginn nicht stattgegeben, sondern Kovač auf freien Fuß gesetzt hatte. Eins zu null für Kovač und seine Verteidiger. Sie wollte nicht daran erinnert werden.

»Leider nicht«, erwiderte sie. »Das Amtsgericht hat den Haftbeschluss aufgehoben, Kovač ist seit gestern wieder draußen. Seiner armen Frau würde es vermutlich heute besser gehen, wenn er in U-Haft geblieben wäre.«

»Hat er ihr was getan?«, fragte Jonathan.

»Sie liegt im Krankenhaus.«

Nora hatte die Nachricht kurz vor Sitzungsbeginn erhalten. Es war wie eine Ohrfeige gewesen. Sie griff nach ihrem Tablet.

»Hier«, sagte sie und holte die Nachricht aufs Display. »Mina Kovač wurde gestern Abend ins Söderkrankenhaus eingeliefert. Sie hat zwei gebrochene Rippen und eine aufgeplatzte Lippe, und eine Augenbraue musste genäht werden.«

»Ist es sicher, dass sie von ihrem Ehemann misshandelt wurde?«

»Sieht ganz danach aus. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sie krankenhausreif geschlagen hat.«

Nora lag eine Aufstellung von Minas früheren Krankenhausaufenthalten vor. Das Muster war eindeutig.

»Gibt es Kinder, die Zeugen der Misshandlungen wurden?«, fragte Jonathan.

»Einen Sohn«, antwortete Nora. »Er ist erst drei Monate alt.«

»Wie alt ist die Frau?«

»Gerade fünfundzwanzig geworden.«

Sie blätterte in ihren Unterlagen.

»Das Paar ist seit vier Jahren zusammen, sie haben sich kennengelernt, als Mina einundzwanzig war. Im Gegensatz zu Andreis, dessen Familie aus Bosnien geflüchtet ist, kommt Mina aus einer schwedischen Mittelschichtfamilie, sie hat die Gymnasialreife, aber keinen höheren Schulabschluss und war in den letzten Jahren auch nicht berufstätig. Ihre Eltern, Stefan und Katrin Talevski, wohnen in Skuru in der Gemeinde Nacka. Der Vater ist Steuerprüfer und die Mutter Vorschullehrerin.«

»Wann rechnen Sie mit der Hauptverhandlung?«, fragte Jonathan.

Die Anklage lautete auf schweren Steuerbetrug und Bilanzfälschung, möglicherweise auch Geldwäsche. Nora hätte nichts dagegen gehabt, die Tatvorwürfe um den Punkt »häusliche Gewalt« zu ergänzen.

»Ich hoffe, ich bekomme noch einen Termin vor den Sommerferien«, erwiderte sie.

»Welches Strafmaß wollen Sie beantragen?«

Die Höchststrafe für Steuerbetrug lag bei sechs Jahren Gefängnis, die Gerichte verhängten sie allerdings selten. In den letzten Jahren war das Strafmaß verschärft worden, aber es war kein Geheimnis, dass Gefängnisstrafen eher im unteren Bereich angesiedelt waren.

»Drei bis vier Jahre«, sagte Nora. »Vielleicht etwas mehr, je nach Höhe der Schadenssumme.«

»Kooperiert er?«, fragte Jonathan.

Nora erlaubte sich ein schiefes Lächeln.

»Nicht im Geringsten. Kovač hat Ulrika Grönstedt angeheuert. Sie wissen ja, wie sie ist.«

Leila warf Nora einen vielsagenden Blick zu.

Ulrika Grönstedt war als beinharte Verteidigerin bekannt. Nora begriff nicht, warum die Frau sämtliche Klischees einer ausgekochten Strafverteidigerin erfüllen musste, aber sie war eiskalt und äußerst schwierig im Umgang. Ulrika Grönstedt machte sich einen Sport daraus, über alles zu streiten, selbst über rein formale Fragen, als wäre jedes Detail maßgeblich für das Verfahren.

»Wer leitet die Untersuchungen in Sachen Misshandlung der Ehefrau?«, fragte einer der anderen Ankläger am Tisch.

Nora seufzte.

»Fragt sich, ob es überhaupt eine Untersuchung gibt«, erwiderte sie. »Mina Kovač hat angegeben, sie sei über den Staubsauger gefallen, den sie in der Küche vergessen hatte. Ihr Mann war nicht zu Hause, als es passierte. Jedenfalls behauptet sie das.«

»Nicht zu fassen«, sagte Leila, knüllte ein Stück Papier zusammen und warf die Kugel treffsicher in den Papierkorb.

»Sie hat ihn noch nie angezeigt«, sagte Nora. »Die Polizei hat ihn gestern Abend vorläufig festgenommen, aber ich gehe davon aus, dass er bald wieder auf freiem Fuß ist.«

Ohne Minas Mitwirkung würde es nahezu unmöglich sein, Andreis Kovač wegen Misshandlung anzuklagen, ganz gleich, wie windelweich er seine Frau geprügelt hatte. Die Angaben des behandelnden Arztes über die körperlichen Schäden brachten nicht viel, wenn das Opfer sich weigerte, gegen den Mann auszusagen.

»Wenn wir sie dazu bringen, mit uns zusammenzuarbeiten, könnten wir sie als Belastungszeugin anführen«, sagte Jonathan. »Ist sie zum Steuerbetrug befragt worden?«

»Nur ganz kurz«, sagte Nora. »Sie bestreitet, irgendetwas über die Geschäfte ihres Mannes zu wissen.«

Jonathan zupfte am Pflaster an seinem Kinn.

»Es würde dem Fall eine andere Wendung geben, wenn wir sie dazu bringen können, ihre Meinung zu ändern, und wir beide Sachen zusammenfassen. Reden Sie doch mal mit ihr, vielleicht lässt sich da ja was machen.«

Nora nickte und machte sich Notizen.

»Ich hatte ohnehin vor, sie morgen zu besuchen«, sagte sie.

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Bosnien

Februar 1992

Als Andreis ins Wohnzimmer kam, saßen seine Eltern auf dem Sofa vor dem Fernseher, obwohl es mitten am Tag war. Sein Vater hatte eine Zigarette zwischen den Lippen, deren Asche so lang war, dass sie jeden Moment abzufallen drohte. Vor seiner Mutter stand eine Tasse Kaffee und wurde kalt.

Andreis zupfte an ihrem Arm, um sie auf sich aufmerksam zu machen.

»Darf ich raus zum Spielen?«

»Nicht jetzt, Junge.«

»Och bitte!«

»Du musst noch warten.«

Mama schüttelte seine Hand ab, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen.

Andreis verstand nicht, was sie sich ansahen. Da waren nur eine Menge Männer in Anzügen, die in einem großen Saal mit vielen Bänken saßen. Alle hatten ernste Gesichter und redeten durcheinander.

Einer der älteren Männer stand auf und ging zu einem Rednerpult. Er hatte dichtes weißes Haar und dicke Tränensäcke unter den Augen.

»Viele Jahrhunderte lang haben wir in einer multikulturellen Gesellschaft gelebt«, begann er. »Kroaten, Serben und Bosnier Seite an Seite. Wir müssen alles tun, um den Frieden in diesem Land zu bewahren, damit wir weiterhin in Harmonie und Freundschaft zusammenleben können, ohne Krieg.«

Er machte eine Pause, seine Hände umklammerten die Seiten des Pults.

»Der einzige Weg dorthin ist Selbstständigkeit.«

Ein bittender Unterton schlich sich in seine Stimme.

»Wir müssen eine Volksabstimmung über die Zukunft Bosniens durchführen«, fuhr er fort. »Wir müssen unsere Selbstständigkeit ausrufen und unsere offene Gesellschaft schützen, sonst gehen wir unter.«

Er wurde von Männern unterbrochen, die Einwände und Beschimpfungen brüllten. Andreis hatte nicht gewusst, dass es so viele schlimme Wörter gab. Normalerweise hätte Mama ihn weggeschickt, aber jetzt schien sie gar nicht zu merken, dass er da war.

»Die Weltgemeinschaft steht auf unserer Seite«, sagte der Weißhaarige zum Schluss. Er war durch das Geschrei kaum zu hören.

Als er zurück zu seinem Platz ging, trat ein anderer Mann ans Rednerpult. Er war aus der Gruppe, die am lautesten schrie und am meisten protestierte.

Sein Gesicht war voller Narben, und die Augen brannten unter den buschigen Augenbrauen.

»Er ist Serbe«, sagte Papa. »Sieh nur, wie höhnisch seine Parteigenossen die anderen mustern. Den Serben liegt nichts am Frieden.«

Mama strich sich über den dicken Bauch und setzte sich bequemer hin. Andreis wusste, dass da ein Baby drin war. Es würde bald herauskommen.

Der Mann schlug mit der Hand aufs Rednerpult, um sich Gehör zu verschaffen.

»Wenn ihr eine Volksabstimmung durchführt, gibt es Krieg«, rief er mit erhobener Faust.

Jetzt schrien alle wild durcheinander.

»Mama«, quengelte Andreis. »Ich will raus.«

»Schhht«, machte Papa und stellte den Ton des Fernsehers noch lauter.

Der Mann auf dem Bildschirm hob drohend die Faust.

»Wenn Bosnien sich für die Selbstständigkeit entscheidet, wird es zwischen Serbien und Kroatien zerrieben wie eine kleine Ameise. Dann gibt es Krieg, das schwöre ich!«

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Kapitel 5

Als Nora zurück in ihr Büro kam, schämte sie sich fast dafür, wie ihr Schreibtisch aussah. Er war überladen mit Aktenordnern und Papierstapeln, die zum Ende einer Ermittlung immer noch mehr anwuchsen. Sie war eigentlich ein ordnungsliebender Mensch, aber im Moment hätte sie gut noch einen zweiten Schreibtisch nur für die Akten gebrauchen können.

Sie musste mit der Polizei über die Untersuchung im Misshandlungsfall Mina Kovač reden. Am einfachsten wäre, Thomas anzurufen. Es gab natürlich den Dienstweg, aber so hätte sie einen Grund, sich zu erkundigen, wie es ihm ging.

Er hatte einen schweren Winter hinter sich, und sie hatten seit fast zwei Wochen nicht mehr miteinander gesprochen. Thomas hatte das Osterwochenende zusammen mit Elin und seinen Eltern in Spanien verbracht. Als Nora ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er richtig bedrückt gewesen.

Die Trennung von ihm und Pernilla war relativ frisch, die beiden gingen erst seit wenigen Monaten wieder eigene Wege. Thomas hatte bis auf Weiteres die Wohnung auf Söder behalten, Pernilla war ausgezogen. Sie sei ohnehin ständig beruflich auf Reisen, hatte er Nora bei einer der wenigen Gelegenheiten erklärt, bei der sie darüber sprachen. Pernilla hatte ganz in der Nähe eine Zweizimmerwohnung gefunden, in der sie bis zum Sommer zur Untermiete wohnen konnte.

Nora öffnete die Kontakte auf ihrem Handy und tippte seine Nummer an.

»Andreasson«, meldete sich eine vertraute Stimme.

»Spreche ich mit Kriminalkommissar Andreasson?«, fragte sie, als würde Thomas nicht sofort ihre Nummer erkennen oder hören, dass sie dran war.

Sie kannten sich so gut, waren seit mehr als einem halben Leben enge Freunde. Es war schwer zu begreifen, dass sie jetzt im mittleren Alter waren. So ganz behagte Nora der Gedanke nicht.

»Kommt drauf an«, erwiderte er. »Ist es privat oder dienstlich?«

Nora schaltete den Lautsprecher ein, sodass sie ihre Hände frei hatte.

»Das kannst du dir aussuchen.«

»Dann dienstlich.« Seine Stimme wurde weicher. »Tut mir leid, aber ich muss in fünf Minuten zu einer Besprechung. Worum geht’s?«

Nora schilderte ihm den Grund ihres Anrufs.

»Kovač ist noch in Haft«, bestätigte Thomas nach einer kurzen Weile. »Er ist zwei Mal vernommen worden, bestreitet aber, seine Frau misshandelt zu haben, und behauptet, es sei ein Unfall gewesen. Wenn keine weiteren Beweise auftauchen, wird er spätestens Donnerstag entlassen.«

»Gibt es keine Zeugen?«, fragte sie. »Nachbarn zum Beispiel? Jemand muss sie doch schreien gehört haben?«

»Nicht unbedingt.«

Thomas tippte etwas in den Computer, während sie sich unterhielten.

»Sie wohnen in einer Villengegend«, sagte er. »Der Garten ist riesig. Als der Rettungswagen eintraf, waren nur Kovač und seine Frau im Haus. Eine Streife hat ihn festgenommen, während Mina Kovač ins Krankenhaus gebracht wurde. Das war um … lass mich nachsehen … halb neun gestern Abend.«

Nora machte sich Notizen.

»Habt ihr schon die Version der Frau gehört?«, fragte sie.

»Nur kurz. Sie will nicht kooperieren und bleibt dabei, dass ihren Mann keine Schuld trifft. Sie sei unglücklich gefallen, sagt sie.«

Nichts von dem, was Thomas sagte, überraschte sie.

»Wie sieht es mit Spuren aus?«, fragte Nora. »Es muss doch irgendetwas geben, was ihn mit dem Vorfall in Verbindung bringt.«

»Nichts, was sich nicht dadurch erklären ließe, dass er sich nach dem angeblichen Sturz um sie gekümmert hat. Das Blut könnte an seine Kleidung gekommen sein, als er ihr geholfen hat aufzustehen.«

Thomas schnaubte.

»Natürlich hat er sie verprügelt. Sie waren allein im Haus, bis auf den kleinen Sohn in der Wiege. Aber mit einem tüchtigen Anwalt an seiner Seite wird Kovač für jedes Detail eine Ausrede finden, solange seine Frau nichts anderes sagt.«

So zynisch hatte sie Thomas schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Aber die große Umstrukturierung der Polizei war für ihn und seine Kollegen eine Belastung. Thomas machte kein Geheimnis daraus, dass die vielen Kursänderungen und der Mangel an fähigem Führungspersonal seine Arbeit mehr denn je erschwerten. Viele erfahrene Ermittler hatten die Truppe aus Frust verlassen, und dass es auch an tüchtigen Kriminaltechnikern mangelte, machte die Sache nicht besser.

Thomas’ Dienststelle befand sich nun ein ganzes Stück südlich von Stockholm, in dem neuen Komplex in Flemingsberg, der jetzt für die Verbrechen in Nacka, Värmdö, Södertälje und im Schärengarten zuständig war.

Hatte der Job es doch noch geschafft, ihn zu zermürben? Oder waren es seine privaten Sorgen, die ihm zusetzten?

Jemand rief nach Thomas.

»Du, ich muss los.«

»Danke für deine Hilfe. Wer ist eigentlich Ankläger in der Sache?«

»Erik Sandberg.«

Den kannte Nora nicht, aber es gab viele Staatsanwälte in Stockholm.

»Wir müssen uns bald mal wieder treffen«, sagte sie.

»Na klar.«

Thomas klang gestresst, so als sei er mit den Gedanken längst woanders.

Nora legte auf. Wenn sie Mina dazu bringen konnte, bei der Ermittlung wegen Misshandlung mitzuwirken, erhöhte das den Druck auf Andreis Kovač. Dann hatte er zwei Anklagen am Hals. Das würde es für Ulrika Grönstedt schwieriger machen, ihren Mandanten als ehrbaren Mitbürger darzustellen.

Es war einen Versuch wert.

Sie musste wegen der Koordinierung der Ermittlungen mit Erik Sandberg reden. Am besten wäre es, wenn sie auch den Misshandlungsfall übernehmen würde, natürlich mit Sandbergs Einverständnis und Unterstützung.

Wenn sie Mina außerdem eine alternative Wohnmöglichkeit anbot, sodass sie sich sicher fühlen konnte, würde die junge Frau vielleicht Vertrauen zu den Behörden fassen und bereit sein zusammenzuarbeiten.

Auf Runmarö gab es ein Frauenhaus, Friggagården, das war für diesen Zweck perfekt geeignet.

Nora griff nach der Maus und ging ins Netz, um die Kontaktdaten der Abteilung Personenschutz herauszusuchen. Sie sollten einen Platz für Mina organisieren und ihre Unterbringung in die Wege leiten.

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Kapitel 6

Anna-Maria Petersén legte das Telefon beiseite und schloss die Augen.

Es hörte nie auf.

All diese Frauen, die langsam aber sicher von Hass und Gewalt zerstört wurden und sich vor gewalttätigen Männern verstecken mussten. Gerade eben war ihr wieder eine Frau angekündigt worden. Die wievielte es war, wusste sie nicht.

Ihr Blick ging zum Fenster. Vom Büro hatte sie Aussicht auf den Rasen und die Blumenrabatten, in der Ferne schimmerte das Meer blau zwischen dürren Kiefern. Friggagården war ein idyllisches Fleckchen auf Runmarö. Das Frauenhaus erinnerte eher an ein hübsches Ferienhaus als an eine Zuflucht für geschundene Frauen, und das war auch gut so. Es sollte mit der Umgebung verschmelzen.

Malin, ihr einziges Kind, lachte sie vom Foto auf dem Schreibtisch an. Ihre Augen strahlten.

Anna-Maria berührte das Foto, um Kraft zu finden und sich an hellere Zeiten zu erinnern. Ihr geliebtes Mädchen.

Sie zog die Hand zurück. Sie musste ihre Zuversicht behalten, den Glauben daran, dass ihre Arbeit etwas bewirkte. Wenn sie es nicht tat, wer dann? Sie durfte die dunklen Gedanken nicht zulassen, davon wurde nichts besser.

Durch die geschlossene Tür hörte sie die Kinder im Gemeinschaftsraum spielen. Diese Woche hatten sie neun Frauen und zwei Kinder im Haus. Das Lachen der Kinder war das schönste Geräusch, es ließ sie ihre eigenen Sorgen vergessen. Die Kleinen lebten im Hier und Jetzt. Genau wie die Kinder sollte sie die guten Stunden genießen, statt sich Sorgen um die Finanzen und die Bedürfnisse zu machen, die immer größer zu sein schienen als die vorhandenen Ressourcen. Statt darüber nachzugrübeln, was aus den Frauen werden sollte, wenn sie nicht mehr im Friggagården bleiben konnten.

Statt immer das Gefühl zu haben, nicht genug zu tun.

Es klopfte an der Tür. Beyan Rezazi, eine der Festangestellten in der Einrichtung, steckte den Kopf herein.

»Entschuldigung, aber die Inspektorin von der Sozialverwaltung ist hier«, sagte sie.

Anna-Maria seufzte und erhob sich. Die Anzeichen von Kürzungen wurden immer deutlicher. Die Kommune musste sparen, wie alle anderen auch.

Sie streckte der Frau in Blazer und blauer Hose die Hand entgegen.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte sie. »Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

»Nicht nötig, danke«, erwiderte die Frau, die sich als Birgitta Svanberg vorstellte. »Ich habe nicht viel Zeit.«

Sie setzte sich mit dem Mantel über dem Arm.

Anna-Maria kannte sie nicht, sie musste neu in der Gemeinde sein. Die Mitarbeiter wechselten oft, vor allem im sozialen Bereich. Jedes Mal sahen die Inspektoren gestresster aus.

»Vielleicht sollte ich zunächst etwas über unsere Einrichtung erzählen«, sagte Anna-Maria und strich sich über den mit grauen Haaren durchzogenen Pferdeschwanz. »Friggagården hier auf Runmarö gibt es seit rund zehn Jahren. Gegründet wurde die Einrichtung als Kollektiv mit einer gemeinnützigen Stiftung im Hintergrund. Wir bieten geschütztes Wohnen an, und wer zu uns kommt, erhält ein eigenes Zimmer. Unser Betreuungspersonal ist geschult und erfahren, alle Schutzsuchenden erhalten individuell angepasste Unterstützung.«

Sie war viel zu eifrig. Die Floskeln sprudelten nur so hervor, sie klang wie eine Werbebroschüre. Trotzdem schaffte sie es nicht, sich zu mäßigen.

»Die Frauen und Kinder, die bei uns untergebracht werden, erhalten eine eigene Vertrauensperson, die strukturierte Gespräche anbietet. Die Gespräche dienen dazu, das Selbstwertgefühl zu stärken und Traumata zu bearbeiten. Auch die Kinder erhalten diese Möglichkeit, sofern sie nicht zu klein sind, natürlich.«

Birgitta Svanberg zeigte keine Reaktion auf den Wortschwall. Anna-Maria wurde immer nervöser.

»Wir haben auch Nachbesprechungen mit der zuweisenden Behörde und anderen Ämtern, die wichtig für die Frauen sind«, fuhr sie fort. »Wir versuchen, gemeinsame oder individuelle Aktivitäten anzubieten, und betreiben verschiedene Projekte. Das Ziel ist, dass die Frauen hier so normal wie möglich leben sollen. Alle kümmern sich selbst um die alltäglichen Dinge, zum Beispiel bereiten sie ihre eigenen Mahlzeiten zu und machen den Abwasch selbst.«

Immer noch keine sichtbare Reaktion. Was war los mit der Frau? Wieso saß sie da wie zur Salzsäule erstarrt?

Anna-Maria versuchte sich zu zwingen, langsamer zu sprechen, mit mehr Autorität und Würde. Ohne den kommunalen Zuschuss konnte die Einrichtung nicht existieren.

»Unser Bestreben ist, dass die Frauen nach dem Aufenthalt im Friggagården ein selbstständiges Leben führen können, mit eigener Wohnung und Arbeit«, sagte sie.

Alles war darauf angelegt, das Selbstwertgefühl der Frauen zu stärken und ihnen begreiflich zu machen, dass sie eine eigene Stimme hatten. Die Unsicherheit bei den Neuankömmlingen war zum Heulen, sie waren so daran gewöhnt, dass ihre Meinung nichts zählte.

Dass sie nicht über ihr eigenes Leben bestimmen konnten.

»Wir erzielen sehr gute Resultate«, fuhr Anna-Maria fort. »Wir bewirken etwas bei den Frauen, die zu uns kommen.«

»Haben Sie eine Statistik über die Rückfallquote?«, fragte Birgitta Svanberg.

Das klang, als spräche sie über Straftäter in einer Besserungsanstalt. Anna-Maria wurde unsicher.

»Wie meinen Sie das?«

»Wie viele Frauen gehen trotz des Aufenthalts bei Ihnen zurück zu ihren Männern? Wie sieht es nach einem Jahr aus?«

»Darüber führen wir nicht Buch.«

»Woher wissen Sie dann, dass Sie gute Resultate erzielen?«

Anna-Marias Hals wurde trocken.

»Wir bieten Nachbetreuungsgespräche für diejenigen an, die das möchten«, sagte sie und hörte selbst, wie lahm das klang.

»Ich verstehe«, sagte die Frau ihr gegenüber, die anscheinend überhaupt nichts verstand.

Sie war eine Bürokratin, eine Kommunalbeamtin, der die Frauen egal waren, die zu Anna-Maria kamen. Für sie war das nur eine Arbeit, die getan werden musste.

Das Budget musste stimmen, das war das Einzige, was zählte.

Birgitta Svanberg schrieb etwas in ihr Notizbuch.

»Wie ich bereits am Telefon sagte, prüfen wir zurzeit verschiedene Alternativen innerhalb der Kommune«, sagte sie. »Es kann sein, dass wir die Maßnahmen stärker konzentrieren müssen, als es gegenwärtig der Fall ist.«

Anna-Naria wusste, was das bedeutete. »Konzentrieren« war das kommunale Codewort für »kürzen«. Die Kommune wollte sichere und gut arbeitende Einrichtungen abbauen, bis nur noch einige wenige Unterkünfte für die am schlimmsten betroffenen Frauen übrig blieben. Das Minimalkontingent, das die Kommunen laut Gesetz vorhalten mussten.

In Kürze würde es eine neue öffentliche Ausschreibung geben, bei der die Kosten den wichtigsten Faktor darstellten. Wer sich anbot, für den absolut niedrigsten Betrag Frauen in Not aufzunehmen, würde den Zuschlag erhalten.

Das erinnerte Anna-Maria an die Armenauktionen vergangener Zeiten. Als elternlose Kinder an diejenigen Bauern versteigert wurden, die am wenigsten Geld für ihre Aufnahme verlangten.

»Wir werden eine Evaluierung Ihrer Einrichtung durchführen«, sagte Birgitta Svanberg. »Sie erhalten einen Fragebogen, der wird Ihnen im Laufe der nächsten Woche per Mail zugehen.«

Sie erhob sich.

»Ich muss leider aufbrechen, sonst verpasse ich die Fähre zurück in die Stadt.«

Der Besuch hatte höchstens fünfzehn Minuten gedauert. Warum war sie überhaupt gekommen, wenn sie nicht einmal daran interessiert war, sich den Friggagården anzusehen?

Weil du auf einem Besuch bestanden hast, als ihr miteinander telefoniert habt, flüsterte eine innere Stimme. Du wolltest sie persönlich treffen.

Was hatte sie sich dabei gedacht? Dass der bloße Anblick die Kommunalbeamtin davon überzeugen würde, Friggagården von den Einsparungen zu verschonen?

»Soll ich Ihnen nicht vorher noch unser Haus zeigen?«, fragte Anna-Maria und erhob sich ebenfalls. »Die Kinder sind so gern bei uns. Sogar denen, die zu Hause schreckliche Dinge erlebt haben, geht es nach ein paar Tagen hier draußen schon besser. Die frische Luft und der Schärengarten sind wie Balsam für die verwundeten Seelen.«

Birgitta Svanberg verzog keine Miene.

Anna-Maria beugte sich über den Tisch vor.

»Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig ein geordnetes und sicheres Umfeld für traumatisierte Mütter und Kinder ist. Sie dürfen bei uns bleiben, solange sie wollen, und die Kinder können in aller Ruhe zur Schule gehen. In dieser Umgebung erholen sie sich, das tun sie wirklich.«

»Ich habe heute leider keine Zeit, mich umzusehen«, erwiderte Birgitta Svanberg. »Das müssen wir auf ein andermal verschieben.«

Anna-Maria nickte, obwohl sie die dumme Kuh am liebsten angeschrien hätte, endlich zu verschwinden. Stattdessen brachte sie die Frau zur Tür und verabschiedete sie höflich, bevor sie zurück in ihr Büro ging und auf ihren Stuhl sank.

Es war schlimm genug, jedes Mal, wenn sie wieder eine neue Geschichte über einen gewalttätigen Mann hörte, die Hoffnungslosigkeit und das Gefühl zu ertragen, dass die Welt schlecht war. Sich auch noch mit den Politikern und ihren Einsparungen herumschlagen zu müssen, gab ihr beinahe den Rest.

Anna-Maria rieb sich die Augen und spürte die Müdigkeit hinter den Schläfen. Manchmal fragte sie sich, wie sie das auch nur noch einen Tag länger durchhalten sollte.

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Kapitel 7

Das Handy auf dem Nachttisch neben dem Krankenhausbett vibrierte.

Mina brauchte nicht aufs Display zu schauen, um zu wissen, dass es Andreis war. Er hatte es schon drei Mal versucht. Sie hatte das Telefon nach den ersten beiden Anrufen stumm geschaltet, wollte es aber nicht ganz ausmachen, wegen dem, was Papa über Mamas Herz gesagt hatte.

Das Handy hörte auf zu vibrieren, als der Anruf auf die Mailbox umgeleitet wurde.

Warum ließ Andreis sie nicht in Ruhe? Sie konnte noch nicht mit ihm reden.

Es tat zu weh, in jeder Hinsicht.

Könnte sie sich doch nur unter der Bettdecke verkriechen, im Krankenhaus bleiben und nie wieder weggehen. Hier brauchte sie nicht an die Zukunft zu denken oder irgendwelche folgenschweren Entscheidungen zu treffen.

Sie begriff nicht, wie sie nach dem, was passiert war, weiterhin mit Andreis zusammenleben sollte. Oder zurückkehren in das Haus am Trastvägen. Aber sie wusste auch nicht, ob sie es fertigbrachte, ihn zu verlassen.

Der Regen prasselte gegen die Fensterscheibe. Ein Unwetter war am Nachmittag über Stockholm aufgezogen, und der schwarzgraue Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Sie hätte Licht anmachen können, aber sie blieb im Halbdunkel liegen.

Sie hatte nicht einmal die Kraft, den Schalter zu drücken.

Das Handy piepste. Wahrscheinlich hatte Andreis eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen.

Sie stellte sich vor, wie er mit dem Handy am Ohr in der Zelle saß. Sie wusste, dass die Polizei ihn festgenommen hatte, nachdem sie ins Krankenhaus gebracht worden war.

Mina griff nach dem Telefon. Im Grunde wollte sie weder die Nachricht noch seine Stimme hören, trotzdem konnte sie es nicht lassen, die Mailbox anzuwählen.

Andreis’ Stimme weckte zu viele Gefühle. Ihr wurde gleichzeitig kalt und heiß.

»Verzeih mir, Liebling«, flüsterte seine Stimme auf Band.

Er klang überhaupt nicht wie gestern Abend, als seine Pupillen klein wie Nadelstiche gewesen waren und sie sich unter seiner erhobenen Faust geduckt hatte.

Jetzt klang er wie sein wahres Ich, wie der Mann, in den sie sich verliebt hatte.

Lukas’ Papa.

»Es tut mir so schrecklich leid«, fuhr er mit brüchiger Stimme fort. »Ich liebe dich, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr. Du bist mein Leben. Lass mich wenigstens mit dir sprechen!«

Das Telefon brannte in ihrer Hand. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Kannst du nicht einfach rangehen, wenn ich anrufe, und …«

Die Nachricht brach jäh ab.

Mina ließ das Handy auf die Bettdecke fallen.

Was sollte sie nur tun? Alles war so chaotisch, und sie war entsetzlich müde.

Das Telefon klingelte. Es war Andreis. Schon wieder.

Als würde jemand sie steuern, nahm Mina das Gespräch nach dem vierten Klingeln an.

»Mina, mein Herz!«

Andreis weinte in ihr Ohr.

»Kannst du mir vergeben?«

Er schluchzte laut in den Hörer.

»Wie geht es dir? Wie geht es Lukas? Wo seid ihr?«

»Wir sind im Söderkrankenhaus.«

»Ich schwöre dir, ich wollte nicht, dass das passiert. Auf einmal wurde einfach alles schwarz, als wäre ich jemand anderes. Ich verstehe es selbst nicht.«

Er hatte nie auf diese Art geweint, so nackt und kläglich.

»Ich kann nicht mit dir reden«, murmelte sie.

Lukas hatte den Schnuller verloren und bewegte sich unruhig im Babybett neben ihr. Mina streckte die Hand aus und schob ihm den Schnuller wieder in den Mund. Von den gebrochenen Rippen durchfuhr sie ein Schmerz, der ihr den Atem nahm.

»Das geht so nicht mehr weiter«, sagte sie, und jedes Wort, das über ihre geschwollenen Lippen kam, war eine Anstrengung.

»Du darfst mich nicht verlassen. Ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder passiert.«

Sie hatte das schon so oft gehört. Seine Versprechungen. Jedes Mal hatte sie ihm geglaubt.

»Du brauchst Hilfe«, sagte sie leise.

»Sag, dass du mir verzeihst«, bettelte er. »Ich mache alles, was du willst, wenn du nur wieder nach Hause kommst.«

»Ich muss jetzt auflegen«, murmelte sie.

»Ich kann ohne dich nicht leben, das weißt du.«

Andreis klang so mutlos und verzweifelt.

»Sie haben mich in eine Arrestzelle gesperrt«, fuhr er fort. »Ich sitze bei der Polizei in Nacka. Ich halte das nicht aus, du weißt, dass ich das nicht kann.«

Andreis hasste es, eingesperrt zu sein. Enge Räume lösten Panik in ihm aus. Mina schloss die Augen.

»Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben, du und Lukas. Kannst du mir nicht vergeben?«

Der Regen war stärker geworden, er peitschte gegen die Scheibe.

»Ich vergebe dir«, flüsterte Mina.

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Kapitel 8

Nora sah auf die Uhr. Sie sollte langsam Feierabend machen, damit die Kinder zu einer vernünftigen Zeit ihr Abendessen bekamen. Die Behörde leerte sich bereits, aber sie hatte noch so viel auf dem Schreibtisch. Außerdem musste sie eine Lücke finden, um Mina Kovač zu besuchen und sich in den Misshandlungsfall einzuarbeiten.

Höchstens noch eine halbe Stunde, nahm sie sich vor. Dann musste sie heim nach Saltsjöbaden.

»Du bist noch da?«

Leila stand in der Tür, in der Hand eine dunkelgelbe Banane. Die braun gefleckte Schale verriet, dass sie schon bessere Tage gesehen hatte.

»Hast du mit Stockholm-Süd über die Misshandlung von Kovačs Ehefrau gesprochen?«, fragte sie.

»Ja, wir übernehmen den Fall. Ist einfacher so.«

Staatsanwalt Sandberg hatte sich nicht so angehört, als wäre er besonders traurig über den Vorschlag, ihr den Fall zu überlassen.

Sie hatten alle genug zu tun.

Leila nahm auf dem Stuhl gegenüber Platz und biss von ihrer Banane ab.

»Solltest du nicht längst bei deiner Familie sein?«, fragte sie. »Jonas ist doch die ganze Wochen weg, oder?«

Nora zeigte wortlos auf die Ordner und die ausgebreiteten Papiere, die den Schreibtisch bedeckten.

Bei der Sitzung am Vormittag hatte sie Jonathan versprochen, die Anklage gegen Kovač nächste Woche einzureichen. Sie hoffte, sie konnte den Termin halten. Aber es war eine umfassende und komplizierte Materie. Ordner voller Aufstellungen über die Geldströme, die durch Kovačs diverse Bankkonten geflossen waren und ihn zu einem reichen Mann gemacht hatten.

Die Drogenfahnder hatten sie mit genügend Zahlen und Mengenschätzungen versorgt, damit sie die Einnahmen aus Kovačs Aktivitäten kalkulieren konnten. Dem Verkauf von Kokain, Amphetamin und Ecstasy. Daraus ließen sich die Einnahmen und Ausgaben berechnen, der cashflow, der nötig war, um ein Geschäft gleich welcher Art zu betreiben.

Kovač scheffelte Millionen.

»Ein Glück für uns, dass nicht einmal kriminelle Organisationen ihre Geschäfte nur mit Bargeld abwickeln können«, sagte Leila. »Sonst hätten wir ihn nie erwischt.«

Sie biss noch ein Stück ab und verzog das Gesicht, ehe sie den Rest der überreifen Banane in Noras Papierkorb warf.

»Die digitale Gesellschaft macht es den Berufsverbrechern auch nicht leicht«, sagte sie.

»Heutzutage bleibt niemand unbeobachtet«, stimmte Nora zu.

Ohne den anonymen Hinweis wäre es ihnen nie gelungen, das Puzzle zusammenzusetzen. Kovač hatte regelmäßige Bargeldeingänge aus illegalem Drogenhandel. Die Höhe des Gewinns hing davon ab, an welcher Stelle der Organisation man sich befand, und Kovač stand sehr weit oben. Ein Kilo Kokain kostete im Einkauf knapp vierhunderttausend Kronen, konnte aber auf der Straße, wo ein Gramm die übliche Einheit war, für mindestens das Doppelte verkauft werden, wenn nicht mehr. Nach Abzug der Beschaffungskosten und nachdem das Fußvolk seinen Anteil erhalten hatte, blieb ein ordentlicher Überschuss – in bar.

Das Problem war, dieses Geld in den Finanzkreislauf einzuspeisen, ohne dass die Banken stutzig wurden und deshalb die Aufsichtsbehörden informierten.

Sobald regelmäßig große Barbeträge auf dem Konto eingingen, schrillten bei den Geldinstituten die Alarmglocken. Nach der Finanzkrise 2008 hatte der Gesetzgeber eine Vielzahl von Kontrollmechanismen eingebaut. Die EU hatte noch eins draufgesetzt und die Regeln durch spezielle Direktiven verschärft.

»Schau mal, was ich gerade von den IT-Jungs bekommen habe«, sagte Nora. »Sie haben ein Diagramm erstellt.«

Nora faltete eine Grafik im A3-Format auf, die sie Leila noch nicht gezeigt hatte.

Verschieden gefärbte Pfeile illustrierten alle Verbindungen, bei denen Kovač in irgendeiner Weise als Eigentümer oder Inhaber von Bankkonten und Unternehmen fungierte. Das Blatt bedeckte den halben Schreibtisch und veranschaulichte effektvoll das Ausmaß seiner Geschäfte.

»Erklär mir die Farben«, bat Leila und betrachtete das Diagramm.

»Rot steht für Firmen, die ihm zu hundert Prozent gehören«, sagte Nora. »Blau sind Firmen, an denen er Anteile hält, oder assoziierte Unternehmen. Und Gelb zeigt die Geldströme.«

Als Nora und ihr Team begonnen hatten, Kovačs Geschäften auf den Grund zu gehen, hatte sich herausgestellt, dass ihm ein ganzer Konzern gehörte. Mithilfe der verschiedenen Unternehmen konnte er Gelder hin und her schieben, bis es unmöglich war, die Gewinne aus seinen kriminellen Machenschaften aufzuspüren.

So verwandelte sich Schwarzgeld in sauberes Geld, ohne dass es auffiel oder zurückverfolgt werden konnte.

»Das ist ja ein richtiges Firmenimperium«, sagte Leila. »Der Mann ist clever, das muss man ihm lassen. Er wäre sicher ein Gewinn für die Wirtschaft gewesen, wenn er stattdessen auf eine akademische Ausbildung gesetzt hätte. Vor allem bei seinem Aussehen.«

Kovačs geschniegeltes Erscheinungsbild war Nora egal, aber Leilas Analyse konnte sie nur beipflichten. Er hatte eine umfassende und lukrative Organisation aufgebaut, um die illegalen Einnahmen aus dem Drogenhandel zu verschleiern.

»Wie ein Industrieunternehmen«, stimmte sie zu.

Es war offensichtlich, dass Kovač Hilfe beim Aufbau der Organisationsstruktur erhalten hatte. Geschäftsmodelle dieses Kalibers erforderten fundierte Kenntnisse in Gesellschaftsrecht und Betriebswirtschaft.

»Meinst du, dass Ulrika Grönstedt dahintersteckt?«, fragte Leila.

Grönstedt war eine der besten Strafverteidigerinnen Schwedens, aber Kovačs Firmenstruktur setzte eine andere Art von Kompetenz voraus.

»Ich glaube nicht, dass sie dazu in der Lage ist«, sagte Nora. »Grönstedt ist klug, aber für so etwas hier brauchst du Steuerexperten und Ökonomen. Leute, die sich um alle Transaktionen kümmern, um den Kauf und Verkauf von Firmen, um Mehrheitsbeschlüsse und die notwendige juristische Absicherung.«

Sie folgte einem der Pfeile mit dem Zeigefinger.

»Allerdings würde es mich nicht wundern, wenn ihre Kanzlei die Finger im Spiel hätte.«

»Die bieten sicher eine breite Palette von Dienstleistungen für ihre Mandanten«, sagte Leila und studierte die Grafik weiterhin.

Als das Team die Geldströme analysiert hatte, hatte sich ein deutliches Bild herauskristallisiert: Kovač kaufte sich in Firmen ein, in denen viel Bargeld floss. Er besaß Anteile an Marktständen, Restaurants, Taxiunternehmen und Baufirmen. Genug, um zu erklären, warum ständig ein großer Teil liquider Mittel in seinem Unternehmen generiert wurde. Die Bargeldbeträge wurden zu kleineren Wechselstuben und Cash-Management-Dienstleistern gebracht, die sie auf Konten bei vielen verschiedenen Banken einschleusten.

Plötzlich befanden sich die Gelder im Bankensystem und konnten per Knopfdruck weitergeschickt werden.

»Was bedeuten die gestrichelten Linien?«, fragte Leila.

»Das sind Unternehmen, die ihm zeitweise gehört haben, dann aber veräußert wurden.«

Kovač hatte auch ein System aufgebaut, um Firmen weiterzuverkaufen. Dadurch entstanden völlig unverdächtige Gewinne. Diese konnten ganz legitim ins Ausland an Kovačs Stammgesellschaft mit Sitz in Bosnien-Herzegowina transferiert werden.

Bosnien-Herzegowina stand allerdings auf der schwarzen Liste der Länder, die laut EU-Kommission schwere Mängel bei der Bekämpfung von Geldwäsche aufwiesen. Allein schon die Tatsache, dass das Land im Zusammenhang mit Kovačs Geschäften auftauchte, reichte aus, um Misstrauen zu wecken. Andere Staaten auf der Liste waren beispielsweise Afghanistan, Irak und Syrien.

Aber ungesetzlich war es nicht.

»Saubere Arbeit.«

Leila klang fast ein bisschen beeindruckt. Wobei unklar blieb, ob sie damit die Grafik meinte oder Kovačs Gerissenheit.

»Und er will uns weismachen, er wettet auf Pferde«, sagte sie und schnaubte verächtlich.

Auf die direkte Frage, wie er seinen Lebensstil finanzierte, das große Haus, die Rolex und die teuren Autos, hatte Kovač behauptet, er habe bei Trabrennen gewonnen. Die Wettgewinne hätten das Startkapital geliefert.

Nora konnte geradezu hören, wie Ulrika Grönstedt ihm die Worte in den Mund gelegt hatte.

»Es ist, wie es ist«, sagte sie. »Hauptsache, die Anklage hält stand, wenn ich sie einreiche.«

»Schwerer Steuerbetrug also? Hast du dich dafür entschieden?«

»Ja, wir fahren diese Schiene.«

Nora bezweifelte nicht, dass Kovač sich auch der Geldwäsche schuldig gemacht hatte, aber was das betraf, war die Beweislage dünn. Nach langen Überlegungen und internen Diskussionen war sie zu dem Schluss gekommen, dass nicht genügend Beweise vorhanden waren, um eine Anklage in diesem Punkt zu stützen. Es wäre allzu schwer, ein Urteil wegen Geldwäsche gegen Kovač zu erreichen.

Mit anderen Worten, sie saß im selben Boot wie die Drogenfahndung, die auch nicht beweisen konnte, dass Kovač für einen wesentlichen Teil des umfassenden Drogenhandels in Stockholms Vororten verantwortlich war.

»Es ist besser, sich auf einen Anklagepunkt zu konzentrieren, der voraussichtlich zu einem Schuldspruch führen wird, als zu viel zu wollen«, sagte sie und massierte sich den steifen Nacken.

»Lieber einen Schuldspruch in der Hand als eine abgewiesene Klage auf dem Dach.«

Leila grinste.

Hoffentlich würde es dennoch reichen, um Kovač für mehrere Jahre hinter Gitter zu bringen.

Noras Handy klingelte. Es war Julia.

»Hallo, mein Spatz.«

»Wann kommst du nach Hause?«

Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen.

»Ich bin schon unterwegs«, schwindelte sie und schob mit der freien Hand die Papiere auf ihrem Schreibtisch zusammen. Es war kurz vor halb sieben, und sie würde fast eine Stunde bis nach Hause brauchen. Viel zu spät, um noch Abendessen für Julia zu kochen, die um acht im Bett liegen sollte.

Leila erhob sich.

»Bis morgen«, sagte sie und verließ das Zimmer.

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Kapitel 9

Es klopfte leise an der Tür zu Minas Krankenzimmer.

»Herein.«

Mina hatte im Halbschlaf gedöst, aber jetzt kam sie vorsichtig hoch und stützte sich auf den Ellbogen, als die Tür aufging. Sie kannte die ältere Frau nicht, die ins Zimmer trat. Ihre Gesichtszüge waren im Dunkeln kaum zu erkennen, aber sie trug eine kleine Brosche mit dem Zeichen des Roten Kreuzes am Pullover.

»Hallo«, sagte sie. »Ich bin Irene, eine der freiwilligen Helferinnen hier im Krankenhaus. Ich wollte mich nur erkundigen, ob ich etwas für Sie tun kann.«

Mina wurde unsicher. Was meinte sie?

»Wir können uns ein bisschen unterhalten, wenn Sie möchten«, fuhr Irene fort. »Oder ich kann mich einfach hier zu Ihnen setzen, damit Sie nicht so allein sind?«

Zu ihrer eigenen Überraschung nickte Mina, obwohl die Frau eine völlig Fremde war.

Irene beugte sich über Lukas im Babybett. Er lag auf dem Rücken, satt und zufrieden und ganz fasziniert von einem Mobile, das eine der Schwestern über seinem Bettchen aufgehängt hatte.

»Das ist ja ein ganz Süßer«, sagte sie. »Wie alt ist er?«

»Drei Monate.«

»Offenbar geht es ihm richtig gut.«

Unwillkürlich lächelte Mina stolz.

»Und Sie?«, fragte Irene. »Geht es Ihnen auch gut?«

Minas Lächeln erlosch.

»Nicht direkt«, flüsterte sie und schämte sich sofort dafür, wie sie aussah. Es war offensichtlich, dass sie geschlagen worden war.

Irene schien ihre Verlegenheit nicht zu bemerken.

»Ich höre gerne zu, wenn Sie reden wollen«, sagte sie. »Ich habe Zeit, und manchmal tut es gut, nicht allein mit seinen Gedanken zu sein.«

Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett.

Etwas an Irene gab Mina ein beruhigendes Gefühl. Das weiße Haar war im Nacken mit einer Spange zusammengefasst. Das erinnerte sie an ihre alte Klassenlehrerin in der Grundschule, die sie sehr gemocht hatte.

Irene trug einen Goldring mit einem verschlungenen Blumenmuster am Ringfinger der linken Hand.

»Was für ein schöner Ring«, sagte Mina.

»Danke. Ich trage ihn ständig, sogar wenn ich schlafe. Mein Mann hat ihn mir geschenkt, kurz bevor er starb.«

»Oh«, sagte Mina. »Das tut mir leid.«

»Kein Problem. Er ist schon seit mehreren Jahren tot. So ist das eben.«

Es wurde still, aber Irene hatte immer noch dasselbe freundliche Lächeln auf den Lippen, so als würde es ihr nichts ausmachen.

»Vermissen Sie ihn?«, fragte Mina nach einer Weile.

»Jeden Tag. Aber er war zum Schluss sehr krank, von daher war es auch eine Erlösung.«

Irene sagte das auf eine Art, die Mina Mut machte weiterzufragen.

»Haben Sie sich geliebt?«

Irene lachte leise.

»Sehr. Wir waren fast fünfzig Jahre verheiratet. Mit einundzwanzig haben wir uns kennengelernt, und es war Liebe auf den ersten Blick.«

»Ich war auch einundzwanzig, als ich mit Andreis zusammengekommen bin«, flüsterte Mina. »Wir haben uns auch sofort in einander verliebt.«

»Wie haben Sie sich kennengelernt?«

»Das war in einem Pub auf Söder. Ich habe ihn gleich gesehen, als ich zur Tür hereinkam.«

Andreis hatte mit einem Bier in der Hand am Tresen gelehnt, als sie mit einer Freundin in das Lokal gekommen war. Seine dunklen Augen hatten sie magnetisch angezogen, genau wie die muskulösen Arme unter dem schwarzen T-Shirt. Sie hatte sich unwillkürlich gefragt, wie es sich wohl anfühlte, von ihnen umschlossen zu werden.

Er war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte.

Es bestand kein Zweifel daran, dass er der Mittelpunkt seiner Gang war. Wenn er einen Witz machte, lachten alle. Es war, als ob sie um Andreis’ Aufmerksamkeit wetteiferten, er stand wie selbstverständlich im Zentrum.

Als sie schließlich ein Paar wurden, hatte sie diese Selbstsicherheit geliebt, diese Überzeugung, dass die Welt sich nach ihm zu richten hatte.

»Wie alt sind Sie jetzt?«, fragte Irene.

»Fünfundzwanzig.«

»So jung noch.«

Irene tätschelte ihr die Hand. Sie wusste nicht, wie unrecht sie hatte. Mina hatte sich nie älter gefühlt. Wo war das junge Mädchen mit den langen blonden Haaren geblieben? Sie, die so verliebt in Andreis gewesen war, dass sie schon vor Glück gezittert hatte, wenn er sie nur berührte.

»Haben Sie und Ihr Mann sich nie gestritten?«, fragte Mina und betastete unwillkürlich den Verband über der Augenbraue.

»In einer langen Ehe gibt es immer mal Meinungsverschiedenheiten, aber meistens waren wir uns einig.«

»Wir haben uns auch nicht gestritten, am Anfang nicht.«

»Möchten Sie mir von Ihrem Mann erzählen?«, fragte Irene und faltete die Hände. Der Ring schimmerte.

Mina blickte zum Fenster. Die Dunkelheit draußen war undurchdringlich, die Station, auf der sie lag, befand sich hoch oben im Gebäude. Vor ein paar Stunden hatte sie am Fenster gestanden und gedacht, wenn man sich zu weit hinauslehnte und auf den Asphalt stürzte, wäre man sofort tot.

»Die erste Zeit war wie im Märchen«, sagte sie, ohne Irene anzusehen. »Wir sind schon nach ein paar Monaten zusammengezogen und haben nach einem halben Jahr geheiratet.«

Sie war überglücklich gewesen, als Andreis sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle, und am Hochzeitstag war sie wie auf Wolken geschwebt. Es war kein Opfer gewesen, ihren bisherigen Freundeskreis aufzugeben, oder den fast täglichen Kontakt mit ihren Eltern. Es war so wunderbar, dass Andreis sie ganz für sich haben wollte, wenn er frei hatte.

Sie hatten alles zusammen gemacht, gefangen in ihrer eigenen kleinen Seifenblase.

»Wir waren wirklich glücklich«, flüsterte Mina. »Wenigstens in der ersten Zeit. Andreis hat mich verwöhnt, oft hat er mir Geschenke und hübsche Sachen mitgebracht. Es hört sich an wie ein Klischee, aber er hat mich auf Händen getragen.«

»Das muss wunderbar gewesen sein.«

»Er war … ist … wunderbar.«