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David und Esther kämpften über Jahre in einem Arbeitslager um ihr Überleben. Wieder in Freiheit, wollen sie in ihre vom Krieg gebeutelte Heimat zurückkehren. Dort begegnen ihnen nicht nur zerstörte Häuser, sondern auch der ungebremste Hass der Bewohner. Eines Tages bekommen sie allerdings die Chance, sich für all das erlebte Leid zu rächen. Es könnte ein Menschenleben kosten. Wie werden sie sich entscheiden ...?
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für alle, die dem Sturm der Widrigkeiten trotzen und Hoffnung im Herzen tragen.
Für jene, die noch immer in Arbeitslagern in Nordkorea, China, Russland und anderen Ländern ihr Leben fristen und um selbiges fürchten müssen. Möget auch ihr bald den Wind der Freiheit auf eurer Haut spüren, auf das eure Tränen trocknen und eure Leiden davonwehen.
Prolog - Die Ankunft
Kapitel 1 - Das Tischgespräch
Kapitel 2 - David
Kapitel 3 - Der Handschlag
Kapitel 4 - Esther
Kapitel 5 - Der Kontakt
Kapitel 6 - David
Kapitel 7 - Esther
Kapitel 8 - Das Wäscheproblem
Kapitel 9 - Der Diebstahl
Kapitel 10 - David
Kapitel 11 - Der Kaffee
Kapitel 12 - Esther
Kapitel 13 - Die Geste
Kapitel 14 - Die Löwenhöhle
Kapitel 15 - Die Entdeckung
Kapitel 16 - David
Kapitel 17 - Das Krankenhaus
Kapitel 18 - Die Ampel
Kapitel 19 - Esther
Kapitel 20 - Die Annäherung
Kapitel 21 - Das Männergespräch
Kapitel 22 - Der Eindringling
Kapitel 23 - David & Esther
Kapitel 24 - Die Verhandlung
Kapitel 25 - Esther
Kapitel 26 - Die Vollstreckung
Epilog - Mein Abschied
Fremde Stimmen und lautes Gepolter drangen in die Wohnung eines Mannes, der seit langem alleine war. Er sah sich selbst als loyales Urgestein eines Mietshauses, dessen andere Bewohner längst das Weite und damit ihr Glück gesucht hatten. Eine Fluktuation an menschlichen Leben. Ähnlich den Lebensadern einer Handfläche verlief sie mit zahlreichen Abzweigungen: mal kamen interessierte Wohnwillige in Scharen, mal verließen sie das Gebäude. Oft auch den Ort und in jüngster Vergangenheit sogar das Land — aus Angst, aber voller Hoffnung. Mit ihnen nahmen sie die Lebhaftigkeit und das bunte Treiben, das Ansammlungen von Menschen ausmacht. Es war still geworden im Haus.
Umso aufdringlicher wirkte der Krach vom Hausflur, den Ulrich Jaffke vernehmen musste. Er schüttelte sich vor Wut über diesen Umstand. Sein streng zur linken Seite gestriegeltes, helles Haar wurde zum Wackeln gebracht. Er sah sich gezwungen, es sorgsam von Neuem zu ordnen. Seine Hand roch nach der flüssigen Produktion seines Mundraumes, die dafür sorgte, seine Frisur erneut in die Position zu bringen, die er für angebracht, gar modern hielt.
Es ärgerte ihn, dass er genötigt wurde, sich aufzuregen! Der erste Moment des Lärms hatte ihn nicht sonderlich gestört. Er hielt das für Kinder, die mit Steinen der zerstörten Häuser hantierten und sie gegen die Fassade seines verschonten Wohnhauses warfen. Sicher langweilten sie sich und vertrieben sich so die Zeit, hatte er gedacht. Bestimmt würde er auch, wenn er noch so jungen Alters wäre, mit Schandtaten und Streichen versuchen, die Körnchen der Alltagssanduhr schneller hinunterfallen zu lassen.
Er, als 38 Jahre alter Mann, dessen Gesichtszüge zwar kantig waren, ihn jedoch in Verbindung mit einer knollenartigen Nase und großen rehbraunen Augen jünger wirken ließen, konnte sich kindliche Missetaten nicht mehr erlauben. Sein körperlicher Zustand hätte das ohnehin nicht mehr zugelassen: Der Schmerz in seinem linken Bein und das phantomartige Leiden des rechten "Stumpen", wie er ihn zu nennen pflegte, erforderte zu häufig seine Aufmerksamkeit. Er musste sich dann hinsetzen und seine Oberschenkel massieren, oft minutenlang.
Jaffke nutzte diese Zeit, um seine Augen zu schließen und in den Bildern einer Vergangenheit zu schwelgen, in denen er in einer besseren Verfassung war. Damals konnte er noch herumtoben. Er dachte oft daran, wie er früher mit Schulfreunden Fußball auf einem der Ascheplätze in der Nähe spielte. Oder wie er stundenlang Fahrradfahren konnte, bis er völlig das Gefühl in den Beinen verloren hatte und erschöpft in sein Bett fiel. Am nächsten Tag hätte er dann erneut seine physischen Grenzen ausgetestet.
Doch seit er wieder von der Front zurückgekehrt war, zurückkehren musste, wurde das Austoben durch Ruhephasen ersetzt. Er massierte dann seine Beine und wünschte sich, er könnte den Schmerz betäuben oder ihn zumindest für eine Weile vergessen. Umso lästiger war es, dass ausgerechnet in einem solchen Augenblick der Ruhe eine Störung erfolgte. Gegenstände, die anscheinend getragen und unsanft gegen Treppen und Wände des Flurs gestoßen wurden, verschmolzen mit lauten Stimmen, die tennisballgleich hin und her flogen, und dabei keine Rücksicht auf andere Nachbarn nahmen.
Jaffke wurde klar, dass es sich bei dem vorher noch vermuteten Kinderstreich in Wirklichkeit um einen Einzug in die Wohnung gegenüber handelte. Auch das ärgerte ihn. Weder war das vorher mit ihm abgesprochen worden noch hatte man es für nötig gehalten, ihn im Vorfeld davon in Kenntnis zu setzen. Eine bodenlose Sauerei, wie er kopfschüttelnd befand.
Der Umstand, dass er sich denken konnte, wer für diesen Krach verantwortlich war, steigerte seine Unruhe nur noch weiter. Auch wenn er überrascht war, dass sie bereits so schnell ihre Zelte wieder in diesen Gefilden aufschlagen würden. Es gab in den letzten Wochen öffentliche Meldungen, dass es wohl in den nächsten Monaten vermehrt zu Enteignungen kommen würde. Vom Krieg unberührte Wohnungen, deren Besitzer entweder nicht mehr kontaktiert oder identifiziert werden konnten, sollten in den Besitz des Staates übergehen. Der wiederum würde jenen eine Rücksiedlung ermöglichen, die als Bevölkerungsgruppe zuvor verflucht und vertrieben wurde — auch von Jaffke.
»Das sind sie. Müssen sie sein. Einen solchen Lärm machen nur die. Es ist Sonntag! Mittagsruhe geht bis exakt 15 Uhr, aber die Herrschaften meinen natürlich, dass sie unsereinem wieder auf der Nase herumtanzen können. Aber nicht mit mir, das werden sie aber erleben!«, sprach er zu sich selbst und schlug dabei mit Kraft auf die Lehne seines grauen Sessels.
Kurz darauf war erneut ein Geräusch zu hören, das danach klang, als hätte man ein schweres, hölzernes Möbelstück nicht hoch genug gehoben und sei gegen die Treppenstufen gestoßen. Jaffke schaute mürrisch auf die Hebräuer Tageszeitung und begann mit den Zähnen zu knirschen. Währenddessen suchten seine Augen nach einer unterhaltenden Ablenkung gegen seinen Ärger. Hektische Pupillen sprangen zwischen den Artikeln umher, wurden dabei in ihrem Versuch, einen Ankerpunkt zu erhaschen, immer hastiger, aber Jaffkes Konzentration wurde jäh durch weitere hörbare Schritte und Stimmen unterbrochen.
»Da wohnt man im vierten Stock und hat noch keine Ruhe! Eine Unverschämtheit! Diese Bagage! Neue Mieter — schlimm genug, aber dann auch noch solche!«, sagte er erneut zu sich selbst und trat kurzerhand gegen den kleinen dunkelbraunen Beistelltisch neben sich. Das Wasserglas darauf erzitterte.
Dann griff er mit einem Arm zu seinen beiden metallischen Hilfen, die seitlich an den Sessel gelehnt waren. Sie standen dort seit seinem letzten Gang und warteten darauf, dass man ihrer Existenz wieder eine Begründung verschaffte — zwei Diener, die sich nie beklagten und stets für den Besitzer da gewesen waren. Auch wenn der sich nichts sehnlicher wünschte, als diese Dinger aus dem Fenster werfen zu können, um Eigenständigkeit zurückzuerlangen. Sein Blick auf die Hilfen wurde stets mit einem Gesichtsausdruck des Abscheus begleitet, so auch in diesem Moment. Er entschied sich, eine der beiden stehen zu lassen und somit zumindest zur Hälfte der Mensch zu werden, der er vor der zersplitternden Erfahrung gewesen war.
Ulrich Jaffke führte seine rechte Hand über die Gehhilfe, die zwar stabil aussah, sich für ihn aber selbst nach monatelanger Übung noch immer wie ein Fremdkörper anfühlte. Er richtete sich vom Sessel auf, indem er seinen linken Arm auf die Lehne stützte, sein linkes Bein begradigte, die Gehhilfe in Position brachte und mit einem anstrengenden Kraftakt aus dem tiefen Sitzpolster erhob. Ein leises Stöhnen war zu vernehmen.
In gerader Haltung musste er, wie immer, einen kurzen Augenblick verharren, damit er durchatmen konnte. War ein Aufstehen für viele Menschen keine Herausforderung, spürte er speziell bei dieser Bewegung regelmäßig einen Stich in seine rechten, unteren Gliedmaßen ziehen. Er wusste, dass es nicht sein konnte, aber sein Gesicht verzog sich dennoch zu einer schmerzhaften Miene. Genauso als würde man mit dem kleinen Zeh gegen einen Schrank stoßen. Sicher empfand er nur Gespenster, besser gesagt Phantome, die hinunter in sein vermeintliches Bein jagten. Dennoch waren die Schmerzen für ihn so real, wie sie für andere Menschen nur sein konnten.
Nachdem der Stich einige Sekunden lang seinen Geist gelähmt hatte, hörte er erneut zwei Stimmen vom Hausflur kommen. Das Stechen war daraufhin zwar nicht vergessen, aber sein Zorn überstieg den Schmerzpegel. Jaffke konnte sich wieder darauf konzentrieren, warum er überhaupt aufgestanden war und sich den Pfeilspitzen ausgesetzt hatte: Er drehte seinen Körper in die Richtung der Eingangstür und versuchte, so souverän und unauffällig gehend wie nur möglich, die Distanz der wenigen Meter zu überbrücken. Eine Scharade, die er, ob unbeobachtet oder nicht, aufrechterhielt. Er wollte nicht wirken, als müsste man zu ihm eilen und ihm bei der Fortbewegung unter die Arme greifen. Zwar bekam er die gleichnamige Rente, aber er war noch lange kein Invalide — dem eigenen Selbstverständnis nach zumindest.
Dieses Maß an Normalität zu erreichen, war zu Beginn ein schwieriges Unterfangen, da sein linkes Bein ein anderes Tempo vorgab, als er mit dem rechten Arm und der Metallhilfe gehen konnte. Aber nachdem er sich angewöhnt hatte, die rechte Körperhälfte zuerst nach vorne zu bringen, lief es besser. Trotzdem wusste er, dass er von einem normalen Gang weit entfernt war; allein das klackernde Geräusch des metallischen Stabes zerstörte jede Illusion eines reibungslosen Ablaufs. Nichtsdestotrotz hatte er in den letzten Monaten Fortschritte gemacht und sich selbst in die Lage versetzt, wenige Meter auf ebener Fläche einigermaßen zügig hinter sich bringen zu können. So konnte er seine Eingangstür noch rechtzeitig erreichen, als die Stimmen — er machte eine eher gleichaltrige männliche und eine jüngere, weibliche Klangfarbe aus — unmittelbar hinter dem dünnen Holz seiner Tür zu hören waren.
Jaffke rang zwar ein wenig nach Sauerstoff, schaffte es aber, sich stabil auf das linke Bein zu stellen. Die Krücke nahm er in die Linke, mit der rechten Hand griff er nach der Türklinke und öffnete sie bewusst leise. Hätte er doch nur einen Türspion eingebaut, ging es ihm durch den Kopf.
Er hob die Tür leicht mit dem Zeigefinger und Daumen an, da sie die ungebührliche Angewohnheit besaß, auf dem Holzboden zu kratzen. Jaffke konnte sich bisher nicht dazu durchringen, den Bereich abzuschleifen, um dem ausgedehnten Holz mehr Platz zu geben.
Die Tür öffnete er nur einen kleinen Spalt, pupillenbreit. Er sah, wie zwei hagere Menschen einige Taschen in die ihm gegenüberliegende Wohnung trugen. Sie unterhielten sich, aber noch bevor er das Thema verstehen konnte, blickte sich der fremde Mann vor ihm in seine Richtung um.
Das überraschte Ulrich Jaffke so sehr, dass er die Holztür reflexartig mit beiden Händen zudrückte. Dabei lockerte er unachtsam den Griff um seine Gehhilfe, die zu Boden fiel und mit ihrem Hals, in den man seinen Arm steckt, gegen die Tür schlug.
Ein stumpfes Geräusch ertönte, das Jaffke mit rotem Gesicht zur Kenntnis nahm. Seine Augen waren krampfhaft geschlossen, seine Lippen zusammengepresst.
»Was erschreckt mich dieser Ruhestörer auch so«, murmelte er vor sich hin, nachdem einige Sekunden vergangen waren und er darauf gewartet hatte, ob vom Hausflur eine Reaktion kam.
Alles war still. Vielleicht hat die Bagage es auch nicht gehört? Oder sie traut sich nicht. Die wissen wohl, dass sie sich nicht mit mir anlegen sollten, dachte er.
»Die sollen bloß aufpassen. Sonst blüht ihnen was, dieses dreckige Pack!«, sagte er, nachdem er seine Gehhilfe gegriffen hatte und peinlich berührt zu seinem Sessel gegangen war.
»Das bildest du dir ein, David«, sagte Esther in einem beschwichtigen Tonfall, während sie eine weiße Tischdecke auf den dunklen Holztisch in der Mitte des Wohnzimmers legte und sie glättete. Vorsichtig arrangierte sie die Decke, sodass sie eine Raute auf dem Tisch bildete — sie fand, es sähe dynamischer und damit weniger trist aus, wie sie David beim Einzug beteuert hatte.
Ihm war die Decke nicht wichtig genug, um gegen ihren Willen vorzugehen. Er sah darin nur ein Stück weißen Stoff, der zur Dekoration diente, aber sonst keinen Nutzen hatte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte der Tisch auch blank dastehen können. Es gab wichtigere Dinge, über die man sich Gedanken machen könnte.
»Nur weil du die Augen nicht gesehen hast, heißt es nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Ich schwöre dir, Esther, die Tür gegenüber ging auf«, erwiderte David etwas aufgebracht. Er nutzte dabei seine Hände für bestätigende Gesten, um Esther von dem Wahrheitsgehalt seiner Worte zu überzeugen. Wie ein tanzendes, aber unchoreografiertes Ballett bewegten sie sich in der Luft. Ähnlich den Tänzen mancher Ureinwohner, die sich Regen wünschen, lag Davids Sehnsucht darin, Gehör zu finden und er war sich nicht zu schade, diesen Wunsch auch körperlich zur Geltung zu bringen.
»Hast du das Gepolter etwa nicht gehört? Es klang, als hätte jemand etwas zu Boden fallen lassen und ich meine, ein leises Fluchen gehört zu haben«, fuhr er fort.
»Das Fluchen kam vermutlich von mir, weil du, anstatt mir die schweren Kisten abzunehmen, nur dastandest und auf die Tür des einzigen Nachbarn gestarrt hast, den wir haben«, erwiderte Esther, die von ihrer Decke zufrieden aufblickte, sie noch ein letztes Mal glatt strich, eine Hand Richtung Tisch ausstreckte und David zu einem Kommentar ermutigte. Dieser registrierte die Aufforderung. Er wusste aber nicht, was von ihm erwartet wurde und begnügte sich zunächst damit, anerkennend zu nicken und zu lächeln. Sie könnte es so oft versuchen, wie sie wollte, aber er würde vermutlich nie wissen, was er antworten sollte. Es war nur eine Tischdecke für ihn, aber er wollte ihr die Freude nicht rauben. Daher spielte er mit und deutete zusätzlich einen kleinen Applaus an. Esther verneigte sich daraufhin lächelnd.
»Eine Ehre Ihnen dienen zu dürfen, Lord David von und zu Rosch.«
»Die Ehre ist ganz meinerseits, werte Frau Seligmann«, antwortete David. Ihm gefiel diese spielerische Leichtigkeit, die sie in sein Leben brachte.
Später hatten sich David und Esther in der Küche ihrer Wohnung eingefunden. David saß gerade im Schneidersitz auf einem der zwei Stühle, die an beiden Enden des kleinen, dunkelgelben, quadratischen Tisches standen. Schlichte hellbraune Holzstühle waren es, die sie bereits in der Wohnung hatten. Anstatt aufwendiger Verzierungen und Schnitzarbeiten war in den oberen Rückenbereich und auf der Sitzfläche jeweils ein grünes Polster angebracht worden. Das Polster seines Stuhles war oben bereits etwas aufgescheuert. Es hatte wohl schon vielen Rücken Halt gegeben, bevor es selbige Arbeit auch für ihn verrichtete.
Er mochte den Stuhl. War er doch nicht zu weich, sondern besaß eine gewisse Härte, die seinem nach vorne gebeugten Rücken eine stabile Fläche bot. Wenn ihm mal der Schmerz in die Glieder fuhr, konnte er sich in die Lehne drücken und verspürte Erleichterung. Es kam nicht häufig vor, aber dennoch oft genug, sodass er sich von allen Einrichtungsgegenständen am meisten über die Stühle freute. Sicherlich waren der Tisch und die Betten eine angenehme Dreingabe. Aber Menschen überlebten auch ohne Gegenstände, auf denen sie ihre Arme abstützen konnten. Selbst auf dem Boden ließe sich im Notfall eine Fläche schaffen, die zwar nicht zum Schlafen einladen würde, auf der es dennoch möglich wäre, in der Nacht Ruhe zu finden. Ein guter Stuhl allerdings war eine Handwerkskunst, die er zu schätzen wusste.
Esther fand seine Freude über den Stuhl belustigend. Sie schmunzelte, wenn sie sah, wie zufrieden David schaute, sobald er sich vom Sofa im Wohnzimmer hinüber zum Küchenstuhl begab. Sie nannte ihn einen Spinner und sagte, er wäre sicher der einzige Mensch, dem man zum Geburtstag einfach einen guten Stuhl anfertigen könnte. Er hätte nichts dagegen, hatte er geantwortet und es stimmte. Das wäre ein Grund zur Freude.
Während er seinen maroden Rücken an die Lehne drückte, war sein Blick an Esther vorbei auf das Fenster gerichtet. Es war wahrlich kein schönes Städtchen, das sie sich da ausgesucht hatten. Das war es wohl auch nicht, bevor es die fallenden Schrecken des Krieges heimgesucht hatten. In seinem Kopf wurden die eingestürzten Häuser wieder zusammengesetzt und er versuchte sich vorzustellen, wie die Stadt und das Leben vor einigen Jahren ausgesehen hatten. Ob die Menschen hier ebenfalls Paraden abhielten und ihre Arme für diejenigen in die Höhe streckten, die diese Stadt und deren Einwohner in Schutt und Asche verwandelten? Oder war es eine Hochburg des Widerstandes, die nur aus Unwissenheit nicht verschont wurde?
»Womit betrübst du deinen Geist?«, fragte Esther und riss ihn damit aus einem Strudel an Fragen, der möglicherweise kein Ende gefunden hätte. Er verlor sich zu gerne in dem dunklen Wald seiner Gedanken. Das konnte stundenlang so gehen und ganze Seiten füllen, bis der Stift ihn um Gnade anflehte.
Ihm fiel das durchaus hin und wieder auf, aber es war nichts, wogegen er sich hätte wehren können. Eine Rodung dieses Waldes wäre nicht möglich gewesen, bot er ihm doch eine Art Rückzugsort. Er wusste, dass seine Gedanken frei waren und für jemanden, dessen Existenz so lange umzäunt wurde, war es tröstend, sich wenigstens im Kopf fessellos bewegen zu können.
»Ach, nichts Wichtiges«, antwortete er ihr und machte dabei eine beschwichtigende Handbewegung.
Sie schaute ihn mit leicht geschlossenen Augen an, während sich ihr Kopf minimal zur Seite neigte. »Sicher? Dein Gesichtsausdruck spricht eine andere Sprache.«
»Ja, wirklich. Es war nichts. Nur ein Hirngespinst. Aber es flog schon davon«, sagte David und bemühte sich dabei, seine Gesichtszüge weicher werden zu lassen.
Esther tat es ihm gleich.
»Wir wissen beide, dass deine Gespenster nicht verschwinden«, begann sie mit klarer Stimme. »Ebenso wie meine. Sie suchen ein nettes Plätzchen, warten bis sie wieder spuken können, nur um uns dann erneut heimzusuchen. Rede mit mir, David. Das ist die einzige Art, wie wir mit diesen Gespinsten umgehen können.«
Davids Lippen formten den Anflug eines Lächelns, gefolgt von einem Kopfschütteln. »Es ist manchmal unheimlich, wie du aus mir ein viel zu leicht lesbares Buch machst. Aber ich bin dir dankbar dafür. Wer weiß, wie sehr ich in meinen Gedanken versinken würde, wenn ich nicht durch dich einen Ausgang aus diesen Labyrinthen finden könnte? Du stehst immer wieder da und leuchtest mir den Weg.«
»Genug Süßholz geraspelt«, sagte sie und gab ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter.
»Du bist gnadenlos«, antwortete er zuerst mit eiserner Miene, die sich dann aber in einen freundlichen Blick wandelte. Er griff nach ihrer Hand, um sanft über sie zu streichen. Esther zuckte kurz, ließ die Berührung aber einen Wimpernschlag lang zu, nur um ihre Hand dann ruckartig von ihm zu nehmen, als wäre ihr spontan etwas bewusst geworden. Wie ein Kind, das nicht auf seine Eltern hören wollte, und, von Entdeckergeist getrieben, auf eine heiße Herdplatte fasste, die Schmerzen spürte und die Hand schnellstmöglich wegriss.
»Entschuldige, Esther«, sagte er und wurde sich bewusst, dass seine Berührung unüberlegt war.
»Nein, mir tut es leid. Es ist ein Reflex. Ich kann es nicht kontrollieren.«
»Ich weiß. Er richtet sich nicht gegen mich oder meine Berührung, es ist ein trauriger Gruß aus der Vergangenheit.«
Esther nickte und ihre Augen verloren für den Moment etwas von ihrem leuchtenden Glanz, der David den Glauben an eine bessere Zukunft gab.
»Lass uns nicht weiter darüber reden. Willst du wissen, worüber ich eben nachdachte?«
»Sehr gerne, aber nur wenn du es mir auch von selbst verraten möchtest. Ich sah dich erneut in dieser Starre; dein Blick trübte sich. Ich wollte nicht, dass du dich in dir selbst verirrst. Fühle dich aber bitte nicht gedrängt.«
»Ach, deine lieb gemeinten Aufforderungen sind wichtig für mich. “Gedrängt“ wäre das falsche Wort, ich würde eher “ermutigt“ sagen«, gab er ihr zu verstehen und zwinkerte ihr zu. Ein Signal, dass er zurechtkommt. Sie erkannte es und ihre Mundwinkel zeigten ihre Freude über das Gesagte.
»Viele Worte, alter Mann, aber ich weiß noch immer nicht, woran du eben dachtest.«
Auch sie zwinkerte.
»“Alter Mann“ — eine Unverschämtheit. Eigentlich verdienst du es nun nicht mehr, einen Blick in meinen Kopf gewährt zu bekommen. Aber du würdest sowieso nicht aufhören, mich danach zu fragen. Irgendwann gebe ich dir doch immer nach. Das weißt du und das nutzt du viel zu gerne aus«, er setzte kurz ab, um sich davon zu überzeugen, dass sie das Gesagte scherzhaft aufgefasst hatte, »Ich fragte mich eben, ob Hebräu eine Stadt war, in der die Menschen der Flagge der Schattenmänner zujubelten oder sie vielmehr verbrennen wollten. Wo standen die Bürger dieser Gegend? Auf der Seite der Schatten oder auf unserer? Wollten sie, dass dieses Land den Krieg gewinnt und alle Ziele erreicht werden, wodurch Menschen wie du und ich ihren Sieg nicht mehr hätten bezeugen können? Oder wollten sie ein Ende des Schreckens, den sie nicht aufhalten konnten? Wurden die vielen Häuser, wenn auch längst nicht alle, zurecht zum Einsturz gebracht, weil es die gerechte Strafe für ihre Taten war oder waren sie Schäden eines Krieges, den die Menschen hier nicht gefordert haben?«
Während David sinnierte, versteinerte sich seine Miene und er blickte erneut hinaus. Er sprach mehr vor sich hin als wirklich zu Esther. Vielleicht lag es daran, dass es ihm ein mulmiges, ungutes Gefühl gab, sie während einer solchen Beichte anzusehen. Die Angst vor ihrer Enttäuschung war zu groß. Enttäuschung, dass er sich noch nicht normalisiert hatte und weiterhin mit den Gedanken beim Lager war, das sie physisch verließen, aber emotional mit sich trugen.
»Du stellst dir also wieder diese vielen Fragen, die auch schon in vorherigen Gegenden durch deinen Geist waberten.«
»Sicherlich. Aber interessiert es dich nicht auch? Ob wir umringt sind von Tätern oder Opfern?«
»Was würde es ändern?«
»Wir hätten Gewissheit.«
»Und was würden wir mit dem Wissen tun?«
»Wir könnten uns dementsprechend verhalten. Sie mit unseren Blicken, unserer Kälte strafen oder, wenn sie ebenso unschuldig wären wie wir, sie als unsere Freunde und Leidensgenossen näher an uns heranlassen.«
»Aber nichts davon würde die Unschuldigen wieder zum Leben erwecken. Nichts davon würde die Häuser wieder unbeschadet vor uns stehen lassen. Wir hätten, wie Abertausende neben uns, die gleichen Erfahrungen gemacht. Du hast recht, dass es interessant wäre zu wissen, wem wir da draußen begegnen, wer uns anschaut, mit wem wir Blicke, vielleicht sogar manches Mal Worte oder Berührungen austauschen, aber letztendlich ändert es nichts an unserer Gegenwart. Es wäre nur der Versuch, dem Leben einen Sinn zu entnehmen, der uns noch verborgen liegt. Alles in der Hoffnung, dass wir auf einmal das Geschehene hinter uns lassen und von vorne anfangen könnten. Aber das werden wir nicht, David. Ob die Menschen, die da draußen ihre Häuser und ihre Leben verloren haben, auf unserer Seite oder gegen uns waren, hilft weder dir, mir, noch irgendwem. Lass dich nicht von einem falschen Gefühl von Gerechtigkeit blenden. Sicher werden viele gegen uns gewesen sein und nur wenige für unser Wohl. Aber selbst das Wissen wird diese Tatsache nicht ändern.«
David schaute auf den Tisch vor ihm. Seine Augen wanderten von einer Ecke des Holzes zur nächsten, anscheinend auf der Suche nach einer Antwort. Das Gesagte rotierte in seinem Kopf, suchte Ankerpunkte, durch die er die Worte einordnen konnte. Ein schwieriges Unterfangen. Esthers Argumente waren meist so stichfest, dass er sich manches Mal kindisch vorkam, seinen Gedanken vorher so viel Raum gegeben zu haben.
»Was würdest du denn tun, wenn du wüsstest, dass du mit jemandem sprichst, der die vielen Dinge, die man uns antat, gut hieß und sie vielleicht aktiv forderte? Wenn er die Reden im Rundfunkgerät hörte, die stürmisch nach unseren Hälsen rufenden Tageszeitungen las und nur zu gerne selbst beteiligt gewesen wäre?«, fragte David mit bebender Stimme, die weniger fest schien, je länger die Worte ihren Weg aus seinem Mund fanden. Er schaute sie dabei beinahe vorwurfsvoll an, selbst wenn er das nicht wollte. Vielleicht sprach er in jenem Moment gar nicht so sehr zu ihr persönlich, sondern vielmehr zu allen Lagerinsassen, die so tun wollten, als sei nichts geschehen. Als gäbe es keine Schuld, die beglichen werden müsste. Einfach zur Normalität überzugehen, kam für ihn nicht infrage.
»Was sollte ich tun? Der Schaden ist entstanden, die Taten sind vollbracht. Nichts, was ich tun oder sagen würde, könnte auch nur einen Tag der vergangenen Jahre ungeschehen machen. Nichts, was jemand erzählen würde, könnte die Erinnerungen auslöschen oder diejenigen zurückholen, die man verscharrt hat. Wir können nur noch nach vorne gehen, da wir das hinter uns Liegende nicht mehr beeinflussen können. Wir sind das Resultat einer Endlösung, die wir nie wollten. Wir müssen damit leben, so schwer es auch ist.«
»Du bist viel zu weise für so ein junges Ding, Esther«, sagte er und schüttelte den Kopf, erneut über seine eigenen Gedanken und ihre Antwort staunend.
»Das Leben lehrt einem so manches, wenn man es lässt und eine aufmerksame Schülerin ist.«
»Dann hätte ich wohl mehr aufpassen sollen, anstatt die vielen Jahre in meinem eigenen Geist zu verbringen. Ich muss den Unterricht des Lebens an einigen Tagen geradezu geschwänzt haben.«
»Vielleicht gibt es für uns alle nicht dieselbe Lektion, sondern eine auf uns zugeschnittene Variante. Deine Erfahrungen waren auch andere als meine. Selbst wenn beide schwer in Worte zu fassen sind.«
»Vielleicht hast du recht.«
Es entstand eine kurze Pause, in der beide sich stumm ansahen. Es war keine unangenehme Ruhe zwischen ihnen, eher eine vertraute Stille.
»Von allen Menschen, die mir auf diesen langen Märschen begegnet sind, die mich manches Mal für eine Millisekunde berührten, bin ich nun ausgerechnet mit einer Frau verbunden, die nicht nur ihren Kopf strukturiert hält, sondern meinen noch zusätzlich aufräumt.«
»Das war auch bitter nötig. Es war ganz staubig da oben«, antwortete Esther und zeigte mit der linken Hand auf seinen Kopf. David lächelte und kniff seine Augen zu einem gespielt bösen Blick zusammen.
»Frech, Frau Seligmann. Frech. Aber wo du von Dingen sprichst, die bitter nötig sind, weißt du, was wir dringend hinter uns bringen sollten?«, fragte David einen Themenwechsel anstrebend.
»Sag's mir.«
»Uns mit unserem Nachbarn auseinander zu setzen.«
»Aber hast du nicht gesagt, dass er die Tür zugeknallt und irgendetwas umgeworfen hätte, als du in seine Richtung blicktest?«
»Dem war auch so. Aber inzwischen ist ein Tag vergangen und bisher habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er daheim ist. Aus seiner Wohnung kam kaum mehr ein Geräusch.«
»Meinst du, er hat sich verletzt und war deswegen nicht mehr zu hören?«, fragte Esther mit leicht aufgeregter Stimme, die nur eines bedeuten konnte: Ihr Helfersyndrom hatte sich aktiviert und versetzte die ehemalige Krankenschwester in den Zustand der Bereitschaft.
»Das kann ich mir nicht vorstellen. Er hat uns gehört, das steht fest. Sonst wäre er nicht zur Tür gekommen. Also hätte er rufen können, wenn ihm wirklich etwas passiert wäre.«
»Wenn er es denn konnte. Vielleicht ist er auf den Kopf gefallen und liegt bewusstlos da. Uns wurde gesagt, dass er eine Verletzung aus dem Krieg hat und deswegen verbittert ist«, gab sie besorgt zu bedenken.
David überlegte einen Moment, drehte sich in Richtung der eigenen Haustür, schaute von dort zu Esther und wieder zurück.
»Du wirst nicht ruhen, bis du dir sicher bist, dass dem Mann nichts passiert ist, oder?«, fragte David.
Esther hob die Arme und zuckte mit den Schultern. »Ich kann nicht anders …«
»Ich weiß. Wenn du spürst, dass jemand Hilfe brauchen könnte, riskierst du sogar dein eigenes Leben, nur damit es der Person besser geht. So wie bei mir damals.«
»Das ist doch selbstverständlich.«
»Für dich. Für viele nicht. Ich schlage vor, wir sehen einmal nach.«
»Einverstanden«, sagte Esther nickend.
»Dann bist du erst einmal beruhigt, wenn wir ihn antreffen sollten. Direkt im Anschluss kann ich auch einkaufen gehen. Wir benötigen noch einige Lebensmittel, denn ich glaube nicht, dass wir mit den paar Brotscheiben auskommen werden, die man uns mitgegeben hat. Weißt du noch den Namen von dem Mann?«, fragte David.
»Stand der nicht unten an der Tür?«
»Mag sein, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt. Ich ging davon aus, dass man sich auf dem Hausflur begegnen und kennenlernen würde.«
»Ich glaube, es war Ulf Jaffke. Bei dem Vornamen bin ich mir unsicher, aber der Nachname prägte sich mir ein. Jaffke. Das klingt so zackig, so hart, beinahe militärisch.«
»Stimmt. Das ist mir auch aufgefallen, aber war es nicht Ulrich anstelle von Ulf?«, fragte David mit gerunzelter Stirn.
»Möglich, ich weiß es nicht mehr so genau.«
»Egal, Jaffke wird reichen. Hoffentlich öffnet er nicht gerade die Tür, wenn ich vor ihm stehe. Wir wollen ihn nicht erschrecken oder den Eindruck vermitteln, dass wir auf ihn gewartet hätten. Das wäre ein noch schlechterer Start als sein Zuknallen der Tür und das anschließende Randalieren.«
»Hoffentlich geht es ihm gut.«
»Sorge dich nicht, ihm wird nichts passiert sein.«
»Wir werden sehen.«
Es ist ein mulmiges Gefühl, das mich beschleicht, während ich die Stadt betrachte. Alles wirkt fremd. Die Häuser sind in sich zusammengefallen wie die Menschen, die ich kannte und schätzte. Einige Kleidungsstücke schauen ebenso aus den Ruinen hervor wie die Spielsachen von Kindern, die sie nicht mehr benötigen. Die Straßen sind vom Staub bedeckt. Es knirscht unter den Schuhen. Überreste einer Vergangenheit, die nur noch in kleinen Partikeln vorhanden ist. Und diese zerbrochene Welt soll wieder meine Heimat sein.
Auf dem Weg in die kleine Stadt, die wir als unser neues Zuhause bestimmten, durchquerten Esther und ich ein Land, das ein großer Krieg hinterlassen hat. Meist wählten wir die Richtungen, ohne groß darüber nachzudenken. Wir nahmen jede unerforschte Abzweigung, wanderten Hügel hinunter und anderswo wieder herauf, ohne uns zu begrenzen. Wir wollten nur fort von dem Ort, den wir hinter uns ließen.
Hätte man mir zu den Zeiten des Arbeitslagers gesagt, dass ich noch einmal die staubige Luft dieses Landes in meine Lungen saugen würde, wäre ich wohl zu Boden gegangen vor Lachen. Mein Schicksal schien vorbestimmt und wie so viele vor mir, sah ich keinen Ausweg. Ich sah nur den Tod.
Jedoch überlebte ich — zu meiner Überraschung. Anders als viel zu viele meiner Mitgefangenen. Ich weiß noch immer nicht, wie mir das gelang. Geschweige denn warum ich verschont wurde, während viel klügere, nützlichere und bessere Menschen nicht so ein Glück hatten.
Eines weiß ich allerdings: Ich überlebte nicht, weil mich die Bürger dieser Stadt in ihre Gebete einschlossen oder auf mein Wohl hofften. Die meisten werden das Gegenteil getan haben. So wie die breite Masse des gesamten Landes. Und dennoch kehrte ich vor kurzem zurück. Getrieben von der Hoffnung, die Erlebnisse hinter mir lassen zu können, wenn ich mich nur stark genug bemühe. “Hoffnung“ — ein schönes Wort für diejenigen, die es sich erlauben können.
Während diese und andere wirre Gedanken mein Inneres umkreisen, regt sich ein Eindruck in meiner Brust, der sie mir zugleich zuschnürt, sodass mein eigener Körper drückt und spannt wie Schnürsenkel, die man bis zur Betäubung zugezogen hat: Ich fühle mich in diesem Land beobachtet. Als lägen Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Augenpaare auf mir. Ständig. Sie schauen aber nicht nur auf mein Äußeres. Das würde ich ertragen können. Ich merke eher, wie die vielen Augäpfel an mir hoch und runter krabbeln, als wären es Schaben, die auf der Suche nach Nahrung sind. Es ist spürbar, wie sich die Blicke über meine Haut, meine Kleidung und meine Existenz bewegen. Hilflosigkeit überkommt mich in solchen Momenten, denn ich kann es ihnen nicht verbieten. Sie analysieren mich und mir bereitet Sorge, was sie wieder mit mir machen, sollte die Untersuchung schlecht für mich ausgehen. Bestimmt fallen sie erneut über mich her. So zumindest ist mein Gefühl.
Vielleicht machen mir diese Blicke deswegen so viel aus, weil ich im Lager nur eine unter vielen Zeichenketten war. Nichts Besonderes. Ein Gesicht, ausgemergelt, wie ich an den wenigen vorhandenen Spiegeln im Hospitalbereich sehen konnte, aber keinesfalls mehr Individuum. Ich war Teil einer Masse, die sich versammelt hatte, tagtäglich, weil sie es musste. Vereint sowohl in der übermenschlichen Kraft, unter diesen Zuständen leben zu können, als auch in dem Wunsch, nicht an diesem Ort den letzten Atemzug zu nehmen.
Den Blicken, die mich anstarren und absuchen, versuche ich jedoch, trotz meiner Sorgen, ebenso standhaft zu begegnen. Ich schaue sie direkt an. Dabei fällt mir vor allem auf, wie viele ihre Abscheu kaum verbergen können. Aber damit hatte ich gerechnet. Man sieht mir an, woher ich komme. Dafür brauchte es nur einen Blick auf meine Haut. Einige von ihnen, damit rechnete ich nicht, weichen meinen Augen demonstrativ aus. Von einem auf den anderen Moment nehmen sie keine Notiz mehr von mir. So als gäbe es mich plötzlich nicht mehr. Als wäre ich ein in Ungnade gefallenes Spielzeug dieser Figuren des öffentlichen Lebens, über dessen Existenz sie lieber den Mantel des Todschweigens werfen wollen.
Vermutlich beherbergt das Innere dieser Leute, die meinem Blick nicht begegnen wollen, ein Schuldgefühl, das größer nicht sein könnte. Sie wussten, was in den Lagern geschah. Ich bin sogar überzeugt, dass es alle Menschen dieses Landes taten. Selbst wenn einige von ihnen nun das Gegenteil behaupten. Manche besitzen sogar die Unverfrorenheit zu sagen, sie hätten keine Chance gehabt, den rollenden Vernichtungsapparat aufzuhalten. Und sowieso hätte man sie ebenfalls in das Lager gesteckt, wenn sie sich aufgelehnt hätten. Das wollte man nicht. Man hinge doch so am Leben, sagen viele.
Immer wenn ich solche Begründungen mitbekomme, beginnt mein Blut zu kochen. Wenn ich schon höre, dass sie unter einem nationalen Zauberbann standen, der ihnen jegliche Kontrolle nahm. Hanebüchene Ausreden für fürchterliche Taten, die jeder Beschreibung entbehren. Die Bürger dieses Landes wissen, dass sie die Gräueltaten für immer in Form von unsichtbarer Asche auf ihrer Haut tragen werden. Das ist nur gerecht, wenn ich auf die erkennbaren Narben auf meiner rechten Hand schaue.
Diese Wut und der Wunsch nach Gerechtigkeit lassen mich nur selten los seit dem Lager. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie ich mich den Menschen dieser Stadt gegenüber überhaupt verhalten soll. Ich kann nicht so tun, als wäre nichts vorgefallen.
Ich kann nicht vergessen, was sie mir, Esther und uns allen angetan haben. Deswegen fällt es mir auch so schwer, mit ihnen in Kontakt zu treten und normale Unterhaltungen zu führen. Ich vermute einfach immer, dass hinter jedem von ihnen ein Schattenanhänger steckt, der nur darauf wartet, mich erneut ins Lager zu schicken.
Daran ändert auch nichts, dass der Krieg etwas in den Menschen zu verändert haben scheint: Sie hielten sich merklich vom ersten Tag unserer Rückkehr an im Zaum. Sie bespuckten und beleidigen nicht in der Form, in der sie es früher taten. Aber soll dieses Mindeste an normalem Umgang schon ausreichen, damit ich ihnen verzeihe? Das kann ich nicht. Erst Recht kann ich nicht über die Erlebnisse hinwegkommen, wie oft von jenen gefordert wird, die schnell vergessen wollen. Wir hätten doch den Krieg gewonnen und sollten froh sein. Aber das ist eine Sichtweise, die mir mehr als fremd ist. Das Scheitern des Bösen bedeutet nicht automatisch unseren Sieg.
Wie soll man von einem Sieg oder einem Gewinn sprechen können, wenn es so viele von uns gibt, die mehr als nur ihre Identität verloren haben? Wie sollen wir Glück empfinden, wenn uns die Erinnerungen gebrandmarkt haben und wir das heiße Eisen weiterhin spüren? Es sind keine Streiche gewesen, die man uns da gespielt hat. Man kann solche Erlebnisse nicht wie die Kreide einer Tafel wegwischen und sie sind aus dem Sinn. Ähnlich wie ich auch meinen leichten Buckel nicht einfach wieder loswerde, nur weil ich es mir wünsche.
Den habe ich noch heute, auch wenn bereits viele Monde ins Land gestrichen sind. Er erinnert mich stets daran, wie schwer ich tragen musste. Ambosse — hin und her. Kein wirklicher Sinn, zumindest erschien es mir so. Trotzdem folgte ich den Anweisungen. Es war Teil des Alltags im Lager, in dem man es sich zur Aufgabe gemacht hatte, uns zu Nutztieren zu formen, deren einzige Aufgabe es war, sich völlig zu verausgaben. Jedwedes Widersetzen führte dazu, dass nichts mehr im Leben hätte folgen können.
Daher schleppte ich und schleppte. Bis es eines Tages hieß, wir müssten aufbrechen. Das Lager verlassen. Aber keineswegs, um endlich in Freiheit sein zu dürfen. Es hieß, wir sollten zu einem anderen Lager marschieren. Niemand sagte uns, wie weit der Weg war oder wie beschwerlich er sein würde. Es gab nur ein Kommando: »Lauft!«
Und das taten wir.
Auf diesen Märschen war es auch, wo ich Esther begegnete. Es war mehr Zufall als alles andere. Aber eines steht fest: Sie war mir von Anbeginn an eine große Stütze, indem sie mich die Grausamkeit und Sinnlosigkeit um mich herum vergessen ließ. Sie erlöste mich zwar nicht von den irdischen Übeln, aber sie beruhigte mich, während wir umringt waren von hunderten kaputten Menschen. Alle waren erschöpft und hatten das Gefühl, genug gelebt zu haben. Doch sie hatte eine Aura der Zuversicht, so als wüsste sie, wie heilend ihre Wirkung auf andere wäre. Vor allem auf mich. Auch ich schien ihr etwas gegeben zu haben, selbst wenn ich überfragt bin, was das war, denn schon nach kurzer Zeit suchten wir die Nähe des anderen.
Dies taten wir jedoch, ohne einander zu berühren. Denn das durften wir nicht. Die Schattenmänner, Verantwortliche unseres Leids, dachten, man würde sich verbünden und aufbegehren, wenn sich Gefangene so zusammenrotten und ein Gefühl von Gemeinschaft entwickeln konnten. Übermäßiger physischer Kontakt wurde daher mit Erschießung bestraft. Was zu viel war, bestimmten diejenigen, die uns festhielten. Noch heute haben wir deshalb Probleme, kleinste Berührungen zuzulassen. Stets ist da die Angst, man könnte uns dafür bestrafen.
Damals war diese physische Distanz allerdings kein Thema zwischen uns. Die Gedanken kreisten schlichtweg nicht um natürliche, körperliche Bedürfnisse. Wir wollten nicht lieben. Einzig der Wunsch nach Überleben war für uns von Bedeutung.
Wir fanden deshalb schnell Wege, den erzwungenen Abstand kein Problem sein zu lassen: tagsüber, indem wir möglichst im Blickkontakt der anderen Person gingen. Abends, wenn wir rasteten, sprachen wir in einer besonderen Lautstärke, die es uns erlaubte, von den Wachen nicht gehört zu werden. Gleichzeitig wollten wir aber natürlich jedes Wort verstehen. Silben wurden so wie teure Güter, die bewusst und präzise ausgesprochen werden mussten. Kein Atemausstoß durfte verschwendet werden. Er konnte das Todesurteil bedeuten, wenn eine Wache ihn hörte und eine angestaute Laune abreagieren wollte.
Diese Lautstärke wurde mit der Zeit zu einem antrainierten Zwang, den wir kaum abschütteln konnten. Sogar nach dem Lager erwischten wir uns dabei, wie wir sie unbewusst wählten. Nur mit Mühe gelang es uns in den letzten Wochen, unsere Stimmen merklich zu erheben. Wir blickten uns dabei stets verunsichert um, als würden wir nur darauf warten, dass uns jemand zurechtweist oder schlimmere Dinge tut. Doch die meiste Zeit über waren da nur wir beide.
Es war allerdings wichtig für uns, dass wir diese Zurückhaltung irgendwann überwinden konnten. Immerhin standen nach unserer Befreiung einige Fragen im Raum, die wir gemeinsam zu beantworten hatten. So mussten wir beispielsweise für uns herausfinden, was wir uns von der Zukunft erhofften. Immerhin hatte jeder von uns eine Vergangenheit, die vom Aufenthalt im Lager beschnitten wurde. Niemand wusste, ob die vorherigen Leben nur pausiert und fortgeführt werden konnten.
Schnell waren wir uns aber darüber einig, dass wir beide die Sehnsucht verspürten, in unsere alten Welten zurückkehren zu können: Esther als Krankenschwester und ich als Lehrer. Wir kannten nichts anderes. Außerdem teilten wir den Gedanken, das dunkle Kapitel unseres Lebens aus unseren Köpfen verdrängen zu können, wenn wir wieder Normalität schaffen würden. Dafür fehlte uns nur der richtige Ort, aber die Klärung zu diesem Problem ließ nicht lange auf sich warten.
Warum wir letztendlich die Stadt Hebräu auswählten, wissen weder Esther noch ich, da es mehr die Entscheidung unserer Bäuche, denn unserer Herzen war. Vermutlich war es die erste Gegend, die uns weit genug von dem entfernt schien, das uns zusammenführte. Wir haben nicht lange darüber gesprochen, ob Hebräu unsere neue Heimat sein würde. Wir sahen vielmehr ein, dass wir nicht unendlich lang weitergehen und uns von dem ernähren könnten, was wir auf unseren Wegen fanden. Ein rastloses Leben stand uns beiden nicht gut zu Gesicht. Jeder sehnte sich nach Stabilität und einem Ort, in dem man ein Zuhause besaß. Gerade für den herannahenden Winter.
In Hebräu stießen wir auf offene Arme bei denen, die den Krieg gewonnen hatten. Zwar mussten wir zuerst den unrühmlichen Beweis antreten, dass wir wirklich Lagerinsassen waren, aber dann half man uns gerne. Diese Prozedur, unsere Hände sehen zu wollen, sei notwendig, wurde gesagt. Viele der Schatten, wie wir sie nennen, versuchten, die Hilfeleistungen für ehemalige Lagerinsassen für sich auszunutzen. Ein für mich unbegreiflicher Gedanke, der doch so naheliegend ist, wenn man sich ihre Skrupellosigkeit vor Augen führt. Wir nahmen das kurze Prüfverfahren nicht übel. Ich empfand sogar Dankbarkeit, dass Maßnahmen getroffen wurden, um Schatten zu entlarven. Nur hätte ich gerne beigewohnt, wenn sie ihre verdiente Strafe erhielten.
Man versicherte uns nach dem Prüfverfahren wiederholt, uns würde nun keine Gefahr mehr drohen. Wir könnten ganz unbesorgt sein. Das beruhigte mich nur zum Teil, da solche Worte früher schon gesprochen und gebrochen wurden. Jedoch wollte ich nicht unhöflich erscheinen und behielt die Vorbehalte für mich. Stattdessen nahm ich dankend einen Zettel mit einer Adresse entgegen, in der wir leben sollten. Die Wohnung wäre leer stehend und für Lagerinsassen bereitgehalten worden. Sie befände sich im vierten Stock eines beinahe unbewohnten Hauses. Wir könnten die Wohnung bereits nutzen, während man versuchte, die Besitzer der anderen Behausungen ausfindig zu machen. Außerdem gab man uns Kleidung, Lebensmittel und einige Haushaltsgegenstände, von denen sie wussten, dass sie nicht in unserer neuen Bleibe vorhanden sein würden.
Man lud alles auf einen dunkelgrünen Kleinlaster, fuhr mit uns zu eben jener Wohnung und half dabei, die Sachen hinauf zu tragen. Als sie sich dann verabschiedeten, wünschten sie uns viel Glück in unserem neuen, besseren Leben. Ihr Lächeln wirkte so ehrlich, wie ich es seit Jahren nicht mehr sah. In jenem Moment wünschte ich mir, dass sie Recht behalten sollten.
Kalter Wind zog durch das vierstöckige Gebäude. Ein leises Pfeifen erklang. Es durchquerte den Eingangsbereich, suchte sich seinen Weg über eckig verlaufende Treppen, um letztendlich am begehbaren Dachboden zu enden. David schüttelte sich ob des kühlen Luftstroms, der seine nackte Haut oberhalb seines Hemdkragens berührte. Er merkte, wie sich seine Härchen an den Armen aufrichteten und ein Kribbeln seinen Rücken überzog.
Esther stand versetzt neben ihm und hatte eine kerzengerade Haltung eingenommen. Sie atmete etwas schneller. Aufregung. Ihr Mund war ein wenig geöffnet. David konnte den Lufthauch hören, der beschleunigt in ihre Lungen gesogen wurde, um dann sauerstoffärmer wieder in die Welt entlassen zu werden.
Er hatte seine Hände nah an sich gedrückt, um der wahllos durch den Hausflur strömenden Kaltluft nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten. Auch Esther war sie unangenehm; ihr Oberkörper zitterte leicht. Sie schien es allerdings nicht zu merken, sondern starrte, ohne David wahrzunehmen, auf die Tür vor ihnen. Sie war sicher in Gedanken bereits davongeeilt, vermutete David, und stellte sich vor, wie sie auf den Nachbarn treffen, sich unterhalten und das Missverständnis mit dem Lärm aufklären würden.
Dann durchbrach ein noch stärkerer Luftzug diese fantasierten Bilder und sie wurde wieder in die Gegenwart geholt. Sie schüttelte sich kurz und schaute David in einer Art an, als wolle sie fragen, wie es nur so kalt und zugig in einem Hausflur sein konnte. David hob lediglich kurz die Arme und signalisierte, dass er nicht wüsste, wie er das Problem lösen solle.
Sie sahen beide zur Tür und lauschten, ob ein Geräusch zu vernehmen war. Irgendein Zeichen hätte genügt und sie hätten zurück in ihre Wohnung gehen können, aber alles war stumm. Der Wind war zusätzlich von Nachteil, da das immer wieder aufkehrende Pfeifen eventuelle Regungen im Inneren der Wohnung übertönen könnte.
David wäre nur zu gerne hinuntergegangen und hätte die Tür im Eingangsbereich geschlossen, aber diese alte, dürre, braune Holztür war anscheinend mehrmals aufgebrochen worden und rastete nicht mehr ein. Sie war nur angelehnt und jeder stärkere Windstoß konnte sie erneut öffnen. Der Bereich, in den sich das Metall des Schließmechanismus’ hätte verhaken sollen, war vielfach zersplittert, wie er beim Einzug sah. Als hätte man keilförmige Dinge benutzt, um die Tür aus der Verankerung zu lösen. Vielleicht hatte man sie sogar zu Anfang noch repariert, aber die vielen unbehandelten, kaputten Stellen um das Schloss und am Türrahmen deuteten darauf hin, dass man den Kampf gegen die Einbrecher aufgegeben hatte. Möglicherweise haben die anderen Mieter deshalb das Haus verlassen?
Denkbar wäre es, antwortete Esther, als David ihr diese Idee beim Einzug unterbreitetet hatte. Er war es, der ihre Aufmerksamkeit damals auf die Tür gelenkt und darauf hingewiesen hatte, dass sie nicht mehr vollständig geschlossen werden könne. Er wäre sich zwar sicher, dass im vierten Stock keine Gefahr drohen würde, aber dennoch hatte er sich beunruhigt darüber gezeigt und die Tür selbst reparieren wollen. Immerhin wäre es kein Zustand, in einem Haus zu leben, das nicht einmal diesen kleinen Funken an Schutz und Sicherheit garantiere. Besser sie würden frühzeitig gegenlenken, als wenn sie sich später reuig zeigen müssten.
Esther hatte aber nur mit dem Kopf geschüttelt. Für sie hatte es in diesen Zeiten nur wenig Sinn, sich um die eigene Sicherheit zu sorgen. Man war gerade erst einer viel gefährlicheren Situation entkommen und musste froh sein, nicht mehr die schreienden Sirenen zu hören, die den Tod vom Himmel ankündigten. Da war eine solche Kleinigkeit nebensächlich, so unangenehm die kalte Luft auch sein mochte.
»Wahrscheinlich hat sich Jaffke an die Möglichkeit eines Einbruchs gewöhnt«, antwortete sie, als er heute Morgen erneut darauf bestanden hatte, die Tür reparieren zu wollen. »Wären die Einbrecher gefährlich oder an mehr interessiert als nur an ein paar leblosen Dingen, hätte er sich um eine Reparatur gekümmert. Da er das nicht tat, gibt es keinen Grund zur Sorge, David. Sicher geschehen diese Einbrüche nicht aus Raffgier, sondern dem Wunsch des eigenen Überlebens. Familien haben ihre Ernährer verloren. Kinder und Mütter sind zurückgeblieben — mittellos, oft ohne Ausbildung, weil man sich auf den Vater verlassen hatte. Dazu noch der blühende Schwarzmarkt. Raubzüge sind im Moment notwendig, um vielerorts leben zu können. Du und ich sind auch nicht davon freizusprechen, wie du weißt.«
David war zuerst wenig angetan von ihrer Antwort und hatte argumentiert, dass es Jaffke auch an Geld fehlen könnte, um die Reparatur in Auftrag zu geben. Esther hatte jedoch erwidert, dass er sein Geld ebenso auf die Fensterbank legen und vom Wind davontragen lassen könnte, da auf eine Reparatur nur ein weiterer Einbruch folgen würde und das investierte Geld verschwendet wäre. Erneut hatte sie ihn mit ihrer wasserdichten Logik geschlagen.
In dem Moment, in dem sie vor Jaffkes Tür standen, verfluchte er sich aber dennoch ein wenig dafür, nachgegeben zu haben. Durch seine Nachsicht standen sie in der Kälte des Hausflures und froren. Je schneller sie die Sache mit Jaffke geklärt haben, umso früher können sie diesen Windstößen entkommen, dachte er sich und sah Esther fragend an. Er wartete auf ein Zeichen von ihr, dass die Zeit des Lauschens vorbei und der Moment des Anklopfens gekommen sei.
Esther bemerkte ihn und sah noch einmal an sich herunter. Sie fand einige Falten und Flusen auf ihrem braunen Latzrock und ihrem weißen Wollkragenpullover, auf dem ihr schwarzes Haar friedlich lag. Mehr ein gedankenloser Reflex als bewusste Handlung führte sie ihre Hände einige Male über ihre Kleidung, was von David interessiert beobachtet wurde. Er äffte sie kurz nach und strich ebenfalls über sein dunkelgrünes Hemd, was von ihr mit einem leichten Klaps auf seinen Bauch gewürdigt wurde.
»Willst du einen guten Eindruck machen? Warst doch eben noch besorgt, ob er überhaupt lebt«, neckte er sie flüsternd.
Esther wurde sich der Bewegung ihrer Hände bewusst und schloss ihre Augen zu kleinen Schlitzen.
»Wenigstens einer von uns sollte vorzeigbar sein«, antwortete sie leise und stach ihm mit dem Finger in die rechte Seite. Er legte theatralisch seine linke Hand auf die getroffene Stelle, seine Rechte auf den Ort, wo er sein Herz vermutete und verzog das Gesicht, als hätte er starke Schmerzen.
»Ein schlimmer Treffer von Seligmann«, sagte er, ohne auf seine Lautstärke zu achten.
Beide fingen an zu lachen.
