Flucht nach Sarajevo - Lars Thomsen - E-Book

Flucht nach Sarajevo E-Book

Lars Thomsen

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Beschreibung

Eigentlich will der 30-jährige Benno Selbstmord begehen und seinem tristen Alltag bestehend aus entwürdigender Arbeit, Fußball und Weinbrand geschwängerter Skatabende Lebewohl sagen. Doch eine Fernseh-Reportage über die belagerte Stadt Sarajevo veranlasst ihn zur Flucht in die bosnische Hauptstadt. Unterwegs trifft er auf die selbstbewusste und aufregende Selma, die auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater ist. Eine Reise voller Hoffnung und Abenteuer beginnt.

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Lars Thomsen wurde 1975 in Neumünster geboren und wuchs im beschaulichen Bad Bramstedt auf. Nachdem er sich 40 Jahre lang streng allen künstlerischen Bestrebungen verweigert hatte, kam er durch Zufall zur Literatur. Neben seiner neuen Tätigkeit als Buchautor ist er seit 19 Jahren hauptberuflich Buchhalter. „Flucht nach Sarajevo“ ist nach „Nächster Halt: Irrenanstalt” sein zweites Werk.

www.lars-thomsen.net

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.

Mit müden Augen schaut Benno über die Stadt. Schwerfällig und kraftlos hat er sich auf das Dach des Hochhauses gequält und nun wandert sein Blick ein wohl letztes Mal auf die Alster, an dessen Ufer sich an diesem schwül warmen Abend im August sämtliche Großstadtbewohner amüsieren. Benno hat keinen Bock mehr. Er schaut nach unten, wo ihn der blanke Asphalt erwartet, wenn er denn spränge. Seit zehn Minuten steht er nun hier und grübelt, ob er seinem Leben nun ein Ende setzten soll. Vielleicht wäre er schon längst gesprungen, wenn sich dort unten mal wenigstens jemand zeigen würde. So ganz anonym, ohne dass irgendjemand etwas mitbekommt, möchte Benno nun wirklich nicht zu seinen Ahnen abtreten.

„Vielleicht hätte ich mir doch lieber einen anderen Tag zum Sterben aussuchen sollen“, geistert es Benno durch den Kopf. Er weicht einen kleinen Schritt vom Abgrund des Hochhauses zurück, da allmählich seine Waden verkrampfen. Das lange Stehen an der Kante hat seinen Beinen zugesetzt. Außerdem möchte er noch einmal mit sich ins Gericht gehen. Fast kommt es ihm vor wie im Büro, wo er Kosten und Nutzen abwägen muss. Ist dies wirklich eine gute Idee? Doch er findet keine erhellenden Argumente, die sein Leben verlängern können.

„Typisch. Nicht mal bei meinem Ableben erreiche ich Aufmerksamkeit“, denkt er und geht wieder einen halben Meter an den Abgrund. Unten, auf der ansonsten viel befahrenen Straße, sind nur noch einige wenige Fahrzeuge unterwegs. Laut seinen internen Berechnungen liegt er jetzt bei etwa 75 Prozent, sich tatsächlich in den Tod zu stürzen.

Was wohl die lieben Kollegen dazu sagen, wenn er morgen auf der ersten Seite der größten Boulevard-Zeitung erscheint. Oder das, was von ihm noch übriggeblieben ist.

Der Barmbeker Benno K. stürzte sich gestern Abend gegen 19.30 Uhr vom Hochhaus Dormannsweg in den Tod. Er hinterlässt …

Ja, genau. Was hinterlasse ich eigentlich, fragt sich Benno. Eine Frau? Oder Kinder? Vermögen? Nicht mal Schulden habe ich, denkt er. Ich habe wirklich gar nichts. Auf der einen Seite ja ideal, wenn ich damit niemanden weh tue. Wenn ich nichts hinterlasse. Aber möchte ich nicht wenigstens irgendetwas hinterlassen? Wird mir eigentlich irgendwer eine Träne nachweinen?

Von dem vielen Nachdenken wird Benno schwindelig. Erneut verkrampfen sich seine Waden schlagartig und er fängt an zu taumeln. Er beginnt leichte unverständliche Laute auszustoßen, rudert wild mit den Armen umher und schafft es in letzter Sekunde, sich nach hinten auf das mit Teerpappe versehene Dach abzurollen.

„Puh, das war knapp“, ächzt es aus ihm heraus. Benno ist irritiert. Wieso hat er sich überhaupt gegen den Sturz in den Abgrund gewehrt? Er hat hier doch ganz andere Pläne. Er rappelt sich wieder hoch und will erneut Richtung Kante gehen. Da klingelt sein Mobiltelefon.

Sag mal, wie blöd bist du eigentlich, Benno Klotz? Du willst Selbstmord begehen und nimmst dein Handy mit? Wenigstens auf lautlos hättest du es doch stellen können, schimpft er mit sich.

Benno wird immer konfuser. Er beschließt, das Gespräch anzunehmen. Danach kann er sich immer noch in den Tod stürzen. Wird ja eh nichts Wichtiges sein. Wann wird er schon einmal auf seinem Handy angerufen? Die Nummer haben ja nur 20 Leute. Davon fünfzehn aus der Fußballmannschaft, die ihn sowieso nicht anrufen, Mutti und Vati, die Sekretärin aus dem Büro und seine beiden Skatbrüder.

Es ist dann tatsächlich Spargel, ein Skatkumpel, der Benno kurzfristig von seinem Plan abbringt.

„Mann, Spargel. Was gibt es denn?“, raunzt Benno in sein Handy und klingt dabei, als ob er gerade beim Sex gestört worden wäre.

„Alter, wo bleibst du denn? Wir warten hier auf dich!“, antwortet Spargel.

„Häh? Wieso? Skat ist doch erst morgen. Wie immer mittwochs.“

„Nee. Morgen habe ich doch Karten für Lotto im Stadtpark. Deswegen haben wir doch auf Dienstag geswitcht. Habe ich dir beim letzten Mal auch gesagt. Aber da warst du auch ein wenig abwesend. Lag wahrscheinlich am Boonekamp. Da hattest du auch wieder hingelangt. Wo bist du überhaupt? Sieh zu, dass du hierherkommst. Waldi springt auch schon im Dreieck.“

Waldi heißt eigentlich Valentin und wurde von seinem ständig besoffenen Vater so getauft. Waldi kommt einem bei 3,0 Promille auf dem Kessel halt besser über die Lippen. Spargel bekam seinen Namen natürlich in erster Linie wegen seiner äußerlichen Erscheinung. Ein 1,98 Meter großer Albino, der tatsächlich irgendwie an das lange Gemüse erinnert. Benno ist nun endgültig aus dem Konzept. Irgendwie ist es wie verhext. Selbst zum Selbstmord ist er zu blöd und zu feige.

„Ja, ja ich komme ja gleich. Bin ungefähr in 15 Minuten bei euch“, antwortet Benno.

„Alter, wie bitte? Gib Gas und bring noch ein paar Boonekamp von der Tanke mit.“

Als ob nichts gewesen wäre, setzt sich Benno wieder in Bewegung. Er schaut auf die Uhr und fängt an sich zu beeilen, da er ja schon spät dran ist.

Dann eben morgen oder nächste Woche, denkt er sich. Dann ist vielleicht auch mehr los da unten. Ich muss einfach diesen Schweinehund überwinden. Kann doch nicht so schwer sein.

Benno ist wieder im Treppenhaus angekommen. Eigentlich wollte er den Fahrstuhl nehmen, doch er reduziert seine Geschwindigkeit und geht gedankenverloren die 15 Stockwerke die Treppe hinunter.

Warum sollen da unten eigentlich Leute sein, wenn ich mich hinunterstürze, fragt er sich. Dann würde ich doch erst recht nicht springen. Ich habe doch schon so viel zu viel Schiss. Und in der Zeitung wird es sowieso nicht stehen. Nachher ahmt mir Klappspaten noch jemand nach, ist Benno am Grübeln.

Kurz darauf ist er wieder unten vor dem Hochhaus angekommen. Sein Blick geht noch einmal etwas sehnsuchtsvoll nach oben. Er schließt sein Fahrrad auf und fährt wie mechanisch Richtung Tankstelle. Er sollte sich ein wenig beeilen. Seine Kumpels warten ja schließlich schon auf ihn.

2.

„Da bist Du ja endlich! Hast du die Boonekamp mitgebracht? Waldi ist schon ganz wuschig. Der braucht dringend einen Schluck“, empfängt ihn Spargel.

„Hier“, antwortet Benno und schleudert drei Packungen des Magenbitters auf den Küchentisch.

„Moin Benno“, begrüßt ihn Waldi, der sich wie immer auf seinem Stammplatz in der Sitzecke gepflanzt hat.

„Moin Waldi“, antwortet Benno.

„Gar kein Fußi heute?“

„Nee, bin diese Saison nur Stand-by. Sonst müsste ich heute diese dämliche Vorbereitung mitmachen. Kondition bolzen im Stadtpark. Keinen Bock drauf.“

„Ja und so häufig hast ja letzte Saison auch nicht gespielt, ne? Hast ja mehr die Reservebank gewärmt.“

„Was kann ich denn dafür, dass die damals den Libero abgeschafft haben? Ich habe immer Libero in der Jugend gespielt. Und dann auf einmal kam dieser neumodische Kram mit der Viererkette. Wenn du da keinen vernünftigen Spieler neben dir hast, dann siehst du immer schlecht aus. Früher habe ich immer schön die Kirschen hinten rausgebolzst und gut war. Und heute? Ach hör auf!“

„Beruhig dich! Komm‘, wir schrauben uns erst mal ’ne Bohne rein. Prost!“

„Trinkt ihr schon wieder ohne mich? Da geht man einmal pinkeln und dann sowas“, flötet Spargel, als er wieder die Küche betritt.

Wie immer spielen Benno, Spargel und Waldi in der Küche, weil man hier ausgiebig quarzen kann. Benno hat Spargel und Waldi auf einem Fortbildungsseminar kennengelernt. Es waren die einzigen Beiden, die an diesem Wochenende etwas mit ihm zu tun haben wollten. Ansonsten waren dort nur Schnösel und Streber zugegen, die nach den Seminaren lieber noch in die Bücher schauten als einen trinken zu gehen.

Jeden Mittwoch wird in der geräumigen Zwei-Zimmer-Wohnung von Spargel Skat gekloppt. Manchmal treffen sie sich auch am Wochenende, wenn ihnen alle drei die Decke zuhause auf den Kopf fällt. Dann gibt es auch immer Asbach-Cola anstatt Bier und Boonekamp.

„Es hat sich auch schon mal jemand totgemischt, Herr Klotz!“

„Ist ja schon gut, Spargel.“ Bei dem Wort tot muss Benno zusammenzucken. Schließlich hatte er vor nicht mal zwei Stunden nur bedingt Interesse, Skat zu spielen.

Wie immer bekommt Benno dabei kein Bein auf die Erde. Während Spargel und Waldi das Skatspielen mit der Muttermilch aufgesogen haben, hat Benno wie immer keinen Zugang zum Geschehen.

„Mann, lange Farbe, kurzer Weg, du Blockflöte“, herrscht ihn Spargel an, als sie zusammen mit fliegenden Fahnen gegen den spielenden Waldi verlieren.

„Ach, Mann. Leck mich! Wie soll ich mich bei diesem Qualm denn auch konzentrieren?“

„Ach, jetzt ist der Qualm schuld an deinem Hausfrauen-Skat?“, entgegnet ihm Spargel und zündet sich demonstrativ die nächste Discounter-Zigarette an.

„Alter, mach mal einer das Fenster auf und lass mal Pause machen“, schlägt Benno genervt vor.

„Gute Idee. Dann kann ich mal wieder ein paar Kippen nachstopfen und strunzen gehen. Und eine Bohne könnt ich auch mal wieder vertragen“, japst Waldi.

Waldi ist wie immer in Trinklaune. Eigentlich wollte er nach dem Alkohol bedingten Tod seines Vaters nicht in dessen Fußstapfen treten, doch nach dem Verlust seiner Arbeit ist ihm mittlerweile alles scheißegal.

„Der Waldi kann ja ausschlafen. Wie sieht denn morgen wieder dein Tag als Aufstocker aus? Um zehn endlich mal aufstehen, Kippen stopfen und dann in Supermarkt und ein paar Dosenbier einkaufen, oder?“, zieht ihn Spargel auf.

„Ach komm‘. Du machst dich doch auch nicht krumm in deinem Scheißladen!“, prescht Benno dazwischen.

„Vorsichtig. Ich arbeite zwar in einer Entsorgungsfirma, aber wie genießen in Hamburg einen ausgezeichneten Ruf.“

„Trotzdem fahrt ihr Scheiße durch Hamburg und verpestet die ganze Luft.“

„Einer muss es ja machen. Und ich würde sagen, wir machen es schon verdammt gut, wenn ich mir die Bilanzen anschaue.“

Spargel ist Buchhalter und seit seiner Lehre bei einer Entsorgungsfirma, die wie er in Altona ansässig ist. Er ist mit Waldi in eine Schulklasse in Hamburg-Lohbrügge gegangen und seitdem sind sie unzertrennlich. Sogar Kollegen waren sie für einige Zeit. Doch dann hatte Waldi einen folgenschweren Verkehrsunfall, die ihm jegliche Berufstätigkeit verbietet. Ständig klagt er über Rückenschmerzen, die er tagsüber gerne mit Dosenbier in seiner 1-Zimmer-Mansarde betäubt.

„Und was machen die Weiber?“, fragt Spargel in die Runde.

„Ich musste eben schon wieder zwei Nymphomaninnen wegschicken. Wegen Rücken“, antwortet Waldi und erstickt fast an seinem asthmatischen Lachen.

„Nee. Ich habe dem abgeschworen“, plustert sich Spargel auf.

„Ja genau. Nur weil du so gar keine abbekommst. Du bist dir doch für nichts zu schade“, kontert Benno

„Wie bitte?“

„Wer hat denn damals die 90-Kilo-Bombe in der Besenkammer entschärft? Hast dir erst schön den Obstler mit ihr reingeschnasselt, dich und sie gefügig gemacht und dann ging die Luzie ab. Ging da überhaupt noch was? Ich meine, ihr wart ja sowas von besoffen, da kriegst du doch gar keinen mehr hoch. Schon gar nicht bei der.“

„Ein Gentleman genießt und schweigt.“

„Mir kommt es gleich hoch. Achtzehn.“

„Du.“

„Mann, hier wird auch wieder gemauert.“

„Ja und bei dir. Dein letzter Ausflug zum anderen Geschlecht ist ja nun auch ein Weilchen her.“

„Das kannst du doch gar nicht mit deiner Bergsteigertour vergleichen.“

„Nun werde mal nicht gleich aggressiv! Ich meine ja nur. War ja wohl auch der Grund, warum du in der großen Stadt gelandet bist.“

In der Tat ist dies Bennos dunkles Geheimnis. Benno war schwer verliebt in die Auszubildende in seiner damaligen Steuerkanzlei in seinem Heimatort. Ein Früchtchen, das eine Übergangslösung zwischen zwei Beziehungen dringendst benötigte.

„Ach, hör mir damit auf! Schnee von gestern.“

„Aber immer wieder schön. Erzähl doch noch mal, wie war das im Festzelt?“

Benno hatte gerade von Svetlana den Laufpass bekommen. Unglücklicherweise hatte sie mit einem Mandanten aus der Kanzlei etwas begonnen. Beim örtlichen Schützenfest musste Benno dann die Anwesenheit des jungen Glücks über sich ergehen lassen. Benno verschanzte sich mit Bier und Apfelkorn am Tresen im Festzelt. Geradezu offensichtlich knutschten die beiden vor seinen Augen herum. Svetlana liebte es, Männer zu demütigen. Da Benno ein friedfertiger Mensch ist, vermied er es, den Peiniger aufzumischen. Stattdessen kippte er sich alles in den Körper, was ihm in die Quere kam. Der Showdown bestand aus den wankenden Schritten zur Bühne, dem Bepöbeln des örtlichen Musikzuges wegen der schlechten Beschallung und dem gepflegten Abreihern auf die davor gelegene Tanzfläche. Benno torkelte noch aus dem Zelt, um sich der aufgebrachten und fassungslosen Meute zu entziehen. Doch leider endete sein Nachhauseweg unvollendet in der Hecke des Friedhofs.

Dies war für Benno das Zeichen, die Stadt zu verlassen. Sein Chef stellte ihm ein überraschend gutes Zeugnis aus, damit er möglichst schnell die Kanzlei verlassen konnte. Seine Eltern beschleunigten ihr Vorhaben, ihren Altersruhesitz auf Mallorca zu beziehen. Seitdem war Benno allein.

„Das sind denn heute Abend zwei Euro für mich, der liebe Waldi muss nichts blechen und unser Benno ist mit 16 Euro mal wieder dick im Geschäft. Dann mal her mit der Kohle! Hast ja heute mal wieder dein bestes Skat gespielt. Eine Bohne für jeden haben wir noch“, resümiert Spargel.

Benno sitzt apathisch vor seinem halbleeren Weizenbierglas und erwartet die abschließende Schnaps-Runde. Nach vier Weizenbieren und jetzt vier Boonekamp hat er sein Pensum erfüllt und wird morgen einigermaßen aufrecht zur Arbeit gehen können.

„Mal wieder einen Tag geschafft“, seufzt er in sich hinein.

„So, wir sehen uns dann wieder fahrplanmäßig am Mittwoch. Und ich freue mich jetzt schon auf morgen. Lotto im Stadtpark. Hamburg meine Perle. Geil!“, entweicht es Spargel.

„Wieso gehst du überhaupt dahin? Den Affen siehst du doch sowieso alle 14 Tage im Stadion?“, braust Benno auf.

„Jetzt kommt wieder der Bayern-Fan. Du weißt doch gar nicht, wie das im Stadion ist. Wenn 50.000 mitsingen. Übrigens, weißt du eigentlich, dass Bayern-Fans von allen Fans bundesweit das geringste Selbstwertgefühl haben. Die suchen sich extra so einen erfolgreichen Verein aus. Um sich besser zu fühlen. Und nun kommst du.“

„So ein Schwachsinn! Wo hast du denn diesen Scheiß her? So, hier hast du deine bescheuerten 16 Euro. Schönen Dank auch und viel Spaß morgen beim Proletentreffen. Und beim Heimspiel am Samstag im … Wie heißt euer Stadion noch gleich?“

„Volksparkstadion!“

„Für mich wird es immer die AOL-Arena bleiben. Und tschüss.“

Benno verlässt Spargels Wohnung und besteigt sein Fahrrad.

„Mit was für Idioten hänge ich eigentlich ab?“, fragt er sich. Doch dann fällt ihm wieder ein, dass es die einzigen Freunde sind, die er hat.

„Es muss sich schleunigst etwas ändern. Sonst bin ich morgen Abend wieder da oben.“

3.

Der Wecker klingelt um sieben Uhr. Benno fühlt sich so wie jeden Morgen nach einem zünftigen Skatabend. Die vier Kurzen und die vier Weizen haben Spuren hinterlassen. Vom Einatmen des Rauches billiger Zigaretten hat er ein wenig Kopfschmerzen. In einer Stunde muss er in der Steuerkanzlei sein. Bei diesem Gedanken werden seine Schmerzen noch ein wenig schlimmer. Er kann sich noch nicht aufraffen und sinkt wieder in die Kissen.

Erst kurz vor halb acht wuchtet er sich hoch. Nach einer Katzenwäsche besteigt er ohne Frühstück sein Fahrrad und radelt gemächlich die drei Kilometer zur Arbeitsstelle. Der morgendliche Berufsverkehr mit seinen stickigen Abgasen und der anstrengenden Hektik setzen ihm zusätzlich zu. Kurz überlegt er, ob er sich noch beim Bäcker etwas zu Essen holen soll. Doch ihm ist so übel, dass er diesen Gedanken verwirft.

Benno schlüpft durch die Bürotür und wirft der Dame an der Anmeldung, Frau Gorski, einen kurzen Morgengruß zu. Er verschwindet unauffällig in sein Büro und nimmt an seinem Schreibtisch Platz. Am liebsten würde er auf der Stelle wieder Feierabend machen, doch vor ihm liegen acht Stunden Arbeit plus eine halbe Stunde Mittagspause.

Er malt sich gerade aus, was heute schlimmer sein könnte. Acht Stunden monoton vor sich hinarbeiten oder 30 Minuten Pause mit den lieben Kollegen in der viel zu kleinen Küche. Es lohnt sich leider nicht für ihn, für eine halbe Stunde nach Hause oder woanders hin zu gehen. In der Umgebung gibt es einfach nichts, um sich die Pause zu versüßen.

So wird er wie in jeder Mittagspause still in seiner Ecke vegetieren und hoffen, möglichst nicht angesprochen zu werden. Gerade als er sich mit diesen Gedanken beschäftigt, lässt ihn eine lautstarke morgendliche Begrüßung schlagartig wach werden.

„Guten Morgen, Herr Klotz! Schön, dass Sie auch schon hier sind. Ist ja keine Selbstverständlichkeit. Ach nee, entschuldigen Sie. Morgen müssten Sie doch traditionell wieder Ihre nicht vorhandene Gleitzeit auskosten, nicht wahr?“ Es ist Philipp Ständer, der frisch gebackene Steuerberater und Juniorchef, der ihn an diesem Morgen so herzlich begrüßt.

„Morgen, Herr Ständer“, antwortet Benno leise.

„Was?“

„Guten Morgen, Herr Ständer“, wiederholt Benno einen Tick lauter

„Na, also. Geht doch.“

Dann verschwindet der 32-jährige Nachfolger des beliebten Vorgängers, seinem Vater Hermann Ständer, in sein geräumiges Büro.

„Der Penner“, denkt Benno. „Hat doch alles nur seinem Vater zu verdanken. Wenn der Alte nicht ein gutes Wort bei der Steuerberaterkammer für ihn eingelegt hätte, wäre der doch nie Steuerberater geworden. Jetzt plustert der sich jeden Tag auf und macht einen auf Big Boss.“

Benno wendet sich wieder seinem Tagesgeschäft zu. Buchhaltung und ein paar kleine Steuererklärungen. Mehr wird ihm hier nicht zugetraut. Sein Zimmerkollege Seppel hat noch Urlaub, so dass er heute ungestört vor sich hinarbeiten kann.

Gegen halb zehn muss Benno doch mal etwas essen. Die Frage ist nur, was. Jetzt bereut er, dass er auf dem Hinweg nichts aus der Bäckerei mitgenommen hatte. Er geht in die Küche und wirft einen Blick in den Gemeinschaftskühlschrank. Jeder der dort acht Beschäftigten hat seinen Bereich, in dem akkurat die Lebensmittel gelagert sind. Er braucht nicht lange zu überlegen, von wem er etwas stibitzen kann. Seine Wahl fällt auf Ständer, der neben einem gekühlten Latte Macchiato noch ein paar kleine Salami vom letzten Italien-Urlaub im Kühlschrank aufbewahrt.