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»Gott war nie tot – er hat nur ein Nickerchen gehalten.« Am Ende des 21. Jahrhunderts wird Europa von einer neuen Religion dominiert. Während Menschen in China und Amerika eine erweiterte Form der Existenz erschließen, halten die strengen Regeln des Glaubens Europa zurück. Die junge Medizinerin Derya träumt von einer Zukunft in Freiheit und flüchtet vom alten Kontinent, doch bald merkt sie, dass es mehr Grenzen gibt, als sie je geahnt hätte.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2026
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AndroSF 226
C240042C
FLUCHT.PUNKT!
Ein Hard-Science-Fiction-
Techno-Theologie-Roman
AndroSF 226
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Januar 2026
p.machinery Michael Haitel
Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.
Titelbild: Christoph Priglinger
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 489 2
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 667 4
Dieser Roman ist ein Werk der Fiktion. Alle Figuren, Ereignisse und Schauplätze sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die in der Geschichte auftretenden Bezüge zu Religionen oder religiösen Symbolen verfolgen keinerlei Ziel, einen Glauben, dessen Lehren oder Anhänger zu kritisieren oder herabzusetzen. Vielmehr dienen sie der literarischen Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Menschen durch Ideologien und moderne Medien beeinflussen lassen.
Die Darstellung religiöser oder politischer Inhalte ist daher ausschließlich Teil eines erzählerischen Gedankenexperiments. Sie soll das Spannungsfeld von Glaube, Macht und Manipulation literarisch ausloten – nicht aber eine reale Glaubensrichtung oder deren Werte infrage stellen.
Jan Hinterecker: Theologe, Religionsstifter, Weltverbesserer und Atheist.
Derya Hinterecker: Enkelin von Jan Hinterecker. Medizinerin, dann Arbeitslose. Zur Flucht gezwungen. Möchte glauben, doch schafft es nicht. Möchte unsterblich werden und lässt alles dafür zurück. Hoffnungsvolle Fatalistin.
Jason Proudfoot: Neurowissenschaftler, Wissenschaftspositivist. Möchte den Menschen die Unsterblichkeit schenken. Technologiegläubiger.
Marie Baumann: Erste Doktorandin von Jason Proudfoot. Idealistin, Träumerin.
Xiaochun Chen: Tochter chinesischer Flüchtlinge. Pragmatikerin, Realistin, Bekehrte.
Jurji Kurat: Ausbildung im Sektor Personenschutz in Wien. Bodybuilder. Intelligent. Unsicher.
Die ferne Zukunft ist kristallklar, aber sie wird trüb, wenn man ihr näher kommt.
Jan Hinterecker
Religionsstifter und Totengräber
(Derya Hinterecker)
Jetzt
Im Dunkeln bedrängt sie Angst. Derya schließt die Augen, obwohl es nichts ändert.
»Umschließe mich mit deinem Schutz«, flüstert sie. »Hilf mir.«
Langsam atmet sie aus und hält inne, bis die Luft um sie steht. Doch ihr Herz rast weiter.
»In deinen Geist lege ich mein Leben. Der du die Welt …«
Sie verstummt, betet nicht weiter, denn sie weiß nicht, zu wem. Als sie die Augen aufreißt, bleibt es schwarz. Die Wirkung der Injektion wird erst in einigen Minuten einsetzen. Gurte pressen ihren Körper gegen die Wand der Kapsel, und selbst ihr Kopf ist fixiert. In dem eng anliegenden Druckanzug fühlt sie ihren Schweiß.
»Jedes Vertrauen ist von Angst umgeben«, murmelt sie, ihre Lippen zittern. Diesen Satz sagte ihr Großvater vor vielen Jahren zu ihr und sie erschrickt, dass er ihr jetzt einfällt. Sie erinnert sich an die Demonstration. Jan drückte sie und flüsterte ihr ins Ohr, dann verschwand er in der Seitengasse und kam nicht wieder.
Sie zählt, um sich abzulenken, hört aber auf. Sie kann nicht sagen, wie viele Zahlen sie übersprungen hat. Derya zwingt ihre Gedanken nach Wien, zu Oman, doch sie bleiben nicht dort. Gedankenfetzen ziehen vorbei: der Geruch des Putzmittels im Gang, die gebogene Welt, die sie durch den Spion sieht, die Blumenkisten im Innenhof, die erst jemand besitzen will, als sie darin Tomaten pflanzt. Dann zwingt sie sich wieder zu Oman. Ihr fällt nur der Schreibtisch ein, der mit einem Bein auf dem zusammengefalteten Kinoprogramm steht, und die Vasen mit den Plastikblumen, auf denen sich der Staub sammelt. Sie ist fortgegangen.
Wieder bemerkt Derya ihr pochendes Herz und schnappt nach Luft, wie ein gestrandeter Fisch. Sie sieht nichts. Wo ist die Luke? Links oben? Sie fühlt den Gurt an ihrer Stirn, als sie versucht, den Kopf zu bewegen. Dann konzentriert sie sich auf ihre Atmung und schließt erneut die Augen. Um sich zu entspannen, ruft sie sich ins Gedächtnis, wo sie aufwachen wird: in einem leidfreien Leben. In der Unsterblichkeit.
Die erhoffte Ruhe bleibt aus. Die Kapsel drängt ihre Gedanken immer wieder in denselben Kreis. Sie versucht, an die Zukunft zu denken, doch endet in der Angst des Hier und Jetzt: nicht mehr lebend herauszukommen. Sie presst ihren Kopf gegen die Wand und zerrt an den Gurten, die knarren. Nichts bewegt sich. Alles, was ihr bleibt, ist die Hoffnung, dass jene, in deren Hände sie ihr Leben gelegt hat, wissen, was sie tun.
Derya ist gut vorbereitet. Man hat ihr erklärt, dass sie Beschleunigungskräften und extremer Kälte ausgesetzt werden wird, dass Maschinen ihre Vitalzeichen überwachen und im Notfall lebenserhaltende Maßnahmen einleiten würden. Sie weiß, dass die Reise nur knapp über zwei Stunden dauern wird, doch eine Kapsel für Güter ist nicht für Menschen gemacht. Es besteht ein nicht unerhebliches Risiko, dass sie tot in Kanada ankommen wird. Doch die Aussicht auf ein neues Leben ist das Wagnis wert.
Wo wird man mich beerdigen, falls ich sterbe? Niemand kennt mich dort, schießt es ihr durch den Kopf. Sie bewegt die Augen in der Hoffnung, einige Lichtstrahlen einzufangen, doch sie sieht lediglich Nachbilder. Die trockene Luft in ihrem Helm brennt wie Säure in den Augen. Ihr Herz pocht und sie fühlt ihren Puls in den Schläfen. Hastig atmet sie in ihre Maske, aus der zu wenig Luft kommt. Plötzlich umgibt sie ohrenbetäubender Lärm. Die Triebwerke klingen wie Presslufthämmer und lassen die Kapsel vibrieren. Sie spürt die Beschleunigung, ehe die Wirkung des Pharmakons einsetzt. Ihre Muskeln entspannen sich, ein tiefes Schwarz sickert in ihre Augen und die Nachbilder zerfließen in völliger Dunkelheit. Sie verliert das Bewusstsein.
Die mattgrüne Decke des Raumes ist mit Stuckleisten umrahmt. Deryas Blick folgt dem Lauf des Musters. Sie kann sich nicht bewegen. Hat sie überlebt? Wieder denkt sie an Wien. An Oman, wie er neben ihr im Bett liegt und seine Hand auf der ihren ruht. Dann an das Gotteshaus die Straße runter und die Nachrichten ihrer Datenbrille. Der Eine Gott sieht auf dich nieder, umgibt dich, geleitet dich durch die Dunkelheit. Steig hinauf auf den Berg und sieh: Der höchste Gipfel ist nur von Himmel umgeben. Ihr Arm kribbelt. Ist das Oman, der neben ihr liegt? Die Welt verschwimmt vor ihren Augen. Sind das Tränen? Sie versucht, sie wegzuwischen, doch ihr Arm bewegt sich nicht. Der höchste Gipfel ist nur von Himmel umgeben. Ihre Lider fallen zu. Sie zwingt sich, wach zu bleiben, reißt sie auf und zählt. Eins. Zwei. Der Eine. Gott.
»Hör … auf …«, murmelt sie und kann die Lippen kaum bewegen.
Dann schläft sie ein.
Derya weiß nicht, wie lange sie geschlafen hat. Der Raum sieht anders aus. Die Farben sind kräftiger und die Muster der Stuckleisten haben an Detail gewonnen. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Ihre Finger zucken und die Füße sind von einem Kribbeln erfüllt. Ein gutes Zeichen. Ihr Körper wird die Regungslosigkeit bald überwinden. Sie schafft es, ihren Kopf etwas zu heben, und blickt sich im Zimmer um.
Sie liegt auf einer Matratze, neben der ein Sessel und ein kleiner Tisch stehen. Darauf sieht sie Spritzen und Ampullen, die penibel angeordnet sind. Da allesamt verschlossen sind, muss es sich um Notfallequipment handeln – mutmaßt sie -, für den Fall, dass sie die Stase nicht von selbst überwinden kann. Plötzlich zieht ein Hauch kalter Luft über ihren Körper. Ihr Unterleib schmerzt. Sie blickt hinab – und erschrickt: Sie ist nackt. Aus den Augenwinkeln bemerkt sie, dass die Tür hinter ihr geöffnet wird, doch sie vermag ihren Kopf nicht weiter zu drehen. Ein bärtiger Mann in einem schwarzen Einteiler tritt ein und geht an ihr vorbei. In seiner Hand hält er einen Injektor.
»Warum bin ich nackt?« Ihre Stimme klingt, als wäre sie entzweigebrochen. Der Schrei, den sie ausstößt, kippt in ein heiseres Räuspern.
»Erst einmal: Willkommen in Kanada. Und gern geschehen – ich habe dich aus der Stase geholt.«
Er sieht sie nicht an, setzt sich an den Tisch und klappt einen Laptop auf. Dann öffnet er eine Ampulle. Derya sieht, wie er die durchsichtige Flüssigkeit mit angespannter Akribie in die Spritze aufzieht. Was ist das? Propofol? Ein stärkeres Mittel? Oder gar eine Injektion zur Einleitung einer neuen Stase? Dann könnte jede nur geringe Abweichung von der richtigen Dosierung tödlich sein.
Panik steigt in ihr auf.
»Warum bin ich nackt? Was haben Sie mit mir gemacht?«, schreit sie erneut.
Derya versucht aufzuspringen, doch ihre Gliedmaßen gehorchen ihr nicht. Sie kreischt, spuckt in seine Richtung. Tränen steigen ihr in die Augen. »Warum bin ich nicht angezogen? Was ist in der verdammten Injektion?«
Der Fremde würdigt sie keines Blickes.
Doch mit einem Mal erlangt Derya die Kontrolle über ihren Körper zurück. Ihre Muskeln kontrahieren, sie stützt sich mit der Hand ab und springt auf. Sie will zur Tür, doch der Bärtige hat ihren Sprung gesehen. Er fährt hoch, packt sie am Haar, reißt ihren Kopf zu Boden und bohrt sein Knie in ihren Nacken.
»Willkommen in Kanada. Pute blanche!«
Er greift nach dem Injektor auf dem Tisch, setzt ihn ihr an den Hals und drückt ab.
Ihr Puls peitscht die Substanz in ihr Gehirn und ihre Gedanken zerrinnen wie die windgeformte Oberfläche einer Sandbank in der Flut. Sie verliert erneut das Bewusstsein.
Dreimal geht Derya durch alle Räume des Hauses, öffnet Schränke, inspiziert jeden Winkel hinter den schweren Vorhängen und späht unter die Betten, bis sie sicher ist, allein zu sein. Sie ist voller Tatendrang, wie nach einem langen, erholsamen Schlaf, in dem Körper und Geist alle Kräfte für den kommenden Tag konzentrieren.
Im Badezimmer stellt sie sich auf einen Schemel, knotet ihre Locken zu einem Zopf und beugt sich über das Waschbecken zum Spiegel, kann im hellen Licht aber keine Wunde am Hals ausmachen, die eine Einstichstelle bezeugen könnte. Danach betrachtet sie ihre Vulva. Nicht eine Schramme. Nur am Oberschenkel entdeckt sie ein Hämatom, doch das kann von sonst woher kommen. Sie wurde immerhin in einer Gütertransportkapsel durch einen Transporttunnel von Hamburg nach Toronto geschossen. Danach hat sie eine geraume Zeit in einem Kühlraum verbracht. Wie lange, kann sie nicht sagen. Wer hat sie aus der Stase geholt? Oman hat den Plan ersonnen, sie mit organischer Kühlware nach Kanada zu schleusen.
»Bin ich in Toronto? Oder habe ich alles nur geträumt?«, sagt sie halblaut zu sich selbst.
Derya betrachtet sich im Spiegel. Die Falten um ihre Augen erscheinen ihr tiefer und weitläufiger, wie das feine Craquelé alten Porzellans, das jeden Umzug überstanden hat.
»Und was ist mit dem Arschloch, das mich nackt gesehen hat?«, murmelt sie.
Oman hat sie vor Halluzinationen nach der Stase gewarnt.
»Ich habe keine Verletzungen. Ich bin offensichtlich noch am Leben. Mir geht es sogar großartig. Ich muss herausfinden, wo ich bin«, sagt sie zu ihrem Spiegelbild und lächelt.
Derya geht in das obere Stockwerk und öffnet eines der Fenster. Sie überblickt einen Park, in dem sie zwischen den Blättern der Laubbäume einige Kieswege erspäht. Dahinter schraubt sich ein imposantes Bauwerk in den Himmel, das einer Helix gleicht. Das Gebäude muss über fünfhundert Meter hoch sein, denkt sie und bestaunt die schwarze Oberfläche. Im Abstand weniger Stockwerke wird die sparsame Geometrie durch üppig begrünte Terrassen aufgebrochen. Die Pflanzen wachsen wie in einer langsamen Explosion aus dem Monolith.
Derya ist in der Tat in Kanada. Sollte alles nach Plan laufen, würde sie in einem leer stehenden Haus in der Peripherie Torontos aufwachen, unweit eines Gebäudes, das einer Helix gleicht – das hat Oman gesagt. Davor deutete er auf ein Bild, und es besteht kein Zweifel, dass sie genau dieses Bauwerk jetzt vor sich sieht. Nun muss sie auf Jonathan warten, einen entfernten Freund Omans in Ontario.
Die Tage sind lang und ereignislos. Jonathan ist auch nach über zwei Wochen nicht aufgetaucht und sie soll das Haus nicht verlassen.
»Auf wie viele Arten kann ich Zeit totschlagen?«, flüstert sie, wenn sie aus dem Fenster blickt.
Im Haus gibt es keinen Computer – Derya ist vom Internet abgeschnitten. Der Kühlschrank ist jedoch, wie es scheint, mit dem Netz verbunden und wird im Abstand von zwei Tagen von Zustelldrohnen mit Nahrungsmitteln gefüllt. Bemängelt Derya die Abwesenheit von Datteln, Ziegenkäse oder Oliven, findet sie diese bei der nächsten Lieferung im Sortiment. Der Ananassaft, den sie nicht anrührt, verschwindet nach wenigen Tagen, genauso wie die Äpfel und der orange Cheddar. Auch Kleider werden geliefert. Sie gefallen Derya und überdecken den Bauch, der sich inzwischen hervorwölbt, selbst wenn sie einatmet und die Luft anhält. Zudem sind sie in ihren Lieblingsfarben Schwarz und Grün, die gut zu dem hellen Teint ihrer Haut passen.
Irgendjemand – oder irgendetwas – hört und sieht mir also zu, folgert sie.
Jedwede Unordnung, die sie verursacht, wird von Robotern sofort behoben. Es gibt für sie keinen Grund, das Haus zu verlassen, um etwa den Müll hinauszubringen. Stattdessen verbringt sie viel Zeit damit, die Maschinen zu beobachten: kleine Formwandler, die sich je nach Aufgabe zu immer neuen Gestalten zusammenfügen – mal als tonnenförmige Staubsaugerroboter, die durch den Flur rollen, mal als insektenartige Kletterroboter, die Spinnweben von den Wänden zupfen. Tief im Inneren ihrer Schaltkreise liegt ein Regelwerk verborgen, das ihr nicht zugänglich ist. Es ist, als stünde sie zu nah vor einem Mosaik.
Je länger sich Derya in dem Haus aufhält, desto unangenehmer wird es ihr, neben den Robotern zu leben. Sie ist von einer unsichtbaren Geschäftigkeit umgeben. Gläser, Teller und Kleidungsstücke, die sie an den unmöglichsten Plätzen stehen und liegen lässt, finden sich nach wenigen Stunden wieder in den Schränken. Derya beobachtet die Roboter eindringlicher. Sie stellt sich ihnen in den Weg, lauert ihnen auf oder verfolgt sie. Die Maschinen reagieren sofort. Sie sind wohl darauf programmiert, die Menschen um sich herum zu analysieren. Sie zeigen sich öfter und lassen ein klein wenig Unordnung zu. Ihr Nachthemd bleibt an manchen Tagen bis zum Abend vor der Badezimmertür liegen. Derya fühlt sich wohler.
Im Haus gibt es außer den Robotern kaum elektronische Geräte. Die eleganten Holzmöbel, der knarzende Boden und das Keramikgeschirr wirken auf Derya wie aus einem Museum. Die Stimmigkeit und das Alter der Möbel machen ein bloßes Wohnen im Alltag unmöglich. Wenn sie durch den Flur geht, bestaunt sie Vitrinen, Schränke und Bilder. In den Rezeptbüchern, die sie in der Küche entdeckt, findet sie Anmerkungen und Kritzeleien. Im Wohnsalon stehen zwei bis an die Decke gefüllte Bücherregale, in denen Derya europäische Literatur des späten zwanzigsten Jahrhunderts findet.
Sie hat bis zu diesem Zeitpunkt nur wenig aus dieser Epoche gelesen. Romane aus dieser Zeit sind in Wien nicht erhältlich.
»Kurami späht mit seiner KI in jedes verdammte Wohnzimmer«, scherzte Oman oft, als sie im Bett lagen und sich gegenseitig vorlasen. Das taten sie so lange, bis das Gerücht die Runde machte, dass selbst die Schlafzimmer vor dem Kanzler nicht sicher seien. Dann flüsterten sie, selbst wenn sie zuvor alle Handys, Computer und Tablets ausgeschaltet und in einer Küchenschublade verstaut hatten. Später lagen sie schweigend nebeneinander.
Da sie keinen der Autoren kennt, lässt sie sich von den Titeln leiten. Die Bücher sind ohne Computer schwer zu verstehen. Zu viele Worte, Namen und historische Begebenheiten müsste sie nachschlagen. Doch trotz der verworrenen Sprache ist Derya von den Geschichten hellauf begeistert. Sie findet in den Texten eine ihr bis dahin nicht bekannte Dichte. Sie liest explizite Sexszenen, die in melancholische Kritik am Konsumismus umschlagen, über eine philosophische Spurensuche nach einem glücklichen Leben, Betrachtungen über Ökoethik und Politik oder religionskritische Texte. Derya ist von der Direktheit tief berührt. Nie hat sie ein Buch gelesen, in dem Gedanken derart schonungslos vorgetragen werden. Ihr Großvater Jan hatte recht, wenn er dieser Epoche ein hohes Maß an selbstkritischer Energie attestierte.
Jeden Abend geht Derya ins oberste Stockwerk und blickt aus dem Fenster. Stundenlang. Manchmal färbt der Lichtsmog der Großstadt die Wolken rötlich. Bald wird sie in diesem Schmelztiegel sein. Sie will Teil einer Mitte werden, Menschen kennenlernen, mit ihnen sprechen, ohne nach Worten zu suchen. Ohne zwischen den Zeilen Botschaften zu verstecken. Einfach lachen, ohne den Blick beschämt zu senken, herumalbern, ohne sich zu zügeln.
»Entgrenzung«, murmelt sie manchmal.
Sie denkt an den Streit mit Oman, kurz bevor sie Wien verlassen hat.
»Ich will frei sein«, sagte sie.
Er sah sie an und schüttelte den Kopf. »Ist es wirklich nur Freiheit?«
»Das ist die größte Revolution der Menschheitsgeschichte. Du weißt das, Oman.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Oman, bitte. Du hast selbst von dem geschwärmt, was Proudfoot geschaffen hat. Alles Wissen nur einen Wimpernschlag entfernt. Eine neue Existenz. Ewiges Leben.«
Er lachte und wurde sofort wieder ernst. »Du willst wegen einer Technologie alles zurücklassen?«
»Menschen tun das seit Jahrhunderten.«
Er sagte nichts.
»Weswegen sollte ich hierbleiben?«
»Freunde.«
»Du meinst dich?«
»Derya, bitte.«
»Im Ernst, was ist an Wien so toll, dass du um jeden Preis hier sterben willst?«
»Mit dir kann man nicht reden.«
Sie schlug die Küchentür zu, um sie gleich wieder aufzureißen. »Komm mit!«
»Du weißt schon, wer hier wen verlassen hat.«
»Würdest du mitkommen, wenn wir noch ein Paar wären?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Willst du nicht ewig leben?«
»Ich traue dem Ganzen nicht. Ich warte, bis die Spiegelung in Österreich erlaubt ist.«
»Und du glaubst im Ernst, dass das passiert?«
»Ja, das glaube ich. Es wird vielleicht noch dauern, aber es lässt sich nicht aufhalten.«
»Du bist dermaßen naiv, Oman. Schau dich doch mal um!«
»Es regt sich was.«
»Das ist lächerlich. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich was ändert. Ich kann nicht warten.«
»Das konntest du noch nie.«
Wieder wollte sie die Tür zuschlagen, hielt aber inne. »Ich brauche deine Hilfe.«
Oman ging einige Schritte vor der Küchenzeile auf und ab und atmete dabei hörbar ein und aus. Schließlich öffnete er eine Lade und zog seine Datenbrille heraus. Er schaltete sie nicht ein. »Ich helfe dir, Derya.« Er hielt inne und fügte dann leiser hinzu: »So gut ich kann. Mehr nicht.«
Derya wollte ihn in die Arme nehmen und gleichzeitig anschreien. Er trat näher an sie heran, doch zog sie nicht am Gürtel zu sich, wie er es früher getan hatte, sondern strich ihr über die Schulter.
»Nur weil wir nicht mehr miteinander schlafen, heißt das nicht, dass wir Arschlöcher sein müssen.«
Derya nickte und streichelte seine Wange. Beinahe wäre ihre Hand weiter seinen Hals und schließlich die Knopfleiste nach unten geglitten. Er wollte genau das, und sie wusste es.
Sie starrt aus dem Fenster. Hier ist sie dem Ziel so nah. Der Kanzler wird seine Hand noch fester um das Land schließen. Selbst in den eigenen vier Wänden wird es nur noch ein Leben im Scheinwerferlicht geben.
Ihr Blick folgt Drohnenschwärmen, die nacheinander über den Himmel Richtung Stadt ziehen und sie an windbewegtes Leinen oder Gebetsfahnen erinnern. Hier gibt es wahre Freiheit, denkt Derya. Ein leidfreies Leben. Genau das will sie. Sie will die Fesseln der Vergangenheit abstreifen, um endlich eine Zukunft zu besitzen. Doch noch muss sie warten, was ihr seit jeher am schwersten fällt.
(Jan Hinterecker)
Vor circa fünfundsechzig Jahren
Jan aktivierte das WLAN seines Mobiltelefons und bereute es augenblicklich. Eine Reihe aufdringlicher Signaltöne verkündete neunundzwanzig ungelesene Nachrichten. Er stellte das Telefon auf lautlos und öffnete den Messenger.
»Bitte ruf mich an.«
Jan scrollte weiter.
»Warum bist du offline? Schau dir an, was in Frankreich geschehen ist.«
Jan überlegte, den Internetbrowser zu öffnen, doch er las weiter.
»Ich werde mich um einen Termin mit der PROSOCIAL-Leitung bemühen. Jetzt ist die richtige Zeit.«
Er scrollte zur letzten Nachricht.
»Morgen zehn Uhr CET ist fix. Ich schicke dir den Meeting-Link. Hör bitte auf, deine Chats nur am Abend zu checken. Das ist wichtig. Also: morgen großer Tag. Ich bin bereit!«
Jans Daumen strich den Messenger umständlich vom Bildschirm. Er fühlte sich inzwischen zu alt für diese Art der Kommunikation, obwohl er erst knapp über vierzig war. Durch die untere Hälfte seiner Brille schaute er auf das Telefon, startete den Internetbrowser und öffnete die Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sofort war ihm klar, weshalb Karima das Treffen arrangiert hatte. Jan sah auch auf anderen Nachrichtenseiten nach. Alle nennenswerten europäischen Portale stimmten in den Kanon der Bestürzung ein und sprachen von einem Angriff auf die Demokratie, die Meinungsfreiheit oder andere Werte, die Europa zu Europa machten.
Jan musste zugeben, dass der Zeitpunkt gut gewählt war. Sie hatten sich lange vorbereitet. Er hatte erst vor Kurzem zu Karima gesagt, dass es sich anfühlte, als ob er sein ganzes Leben an dem Projekt gearbeitet hätte. Sie hatten einige Gelegenheiten versäumt. Jeder Anschlag wäre eine Möglichkeit gewesen, doch erst jetzt waren ihre Entwürfe ausgereift. Jan dachte an den Streit mit Karima vor einigen Jahren. Zwei Tote und fünf Verletzte in einem Londoner Vorort. Karima hatte vorgeschlagen, aktiv zu werden, doch Jan hatte sich durchgesetzt. Halb Europa hatte sich wegen Asyl-, Wirtschafts-, Klima- oder anderen Krisen in Aufruhr befunden und Besseres zu tun gehabt, als sich um Religion zu kümmern. Nach dem Streit hatten sie über drei Wochen nicht miteinander gesprochen. Karima war der Meinung gewesen, Jan leite den Thinktank nicht richtig. Sie hatte seine Mutlosigkeit bei Entscheidungen kritisiert – ein überraschendes und reichlich unschönes Erlebnis.
Jetzt würde es keinen Streit geben. Alles, was Jan über den Vorfall in Erfahrung bringen konnte, passte. Nach der jahrzehntelangen Beschäftigung mit religiös motivierter Gewalt empfand er nichts mehr, wenn er die Artikel über den Anschlag las. Wohl aus Selbstschutz, dachte er. Stattdessen betrachtete er die Vorkommnisse nüchtern: Ein Professor, der sich für mehr Religionsfreiheit ausgesprochen hatte, war in einem Vorort von Paris auf offener Straße ermordet worden.
Besser geht es nicht. Der Attentäter, nein, der gesamte Vorfall erfüllt jedes Klischee, dachte Jan und schämte sich für diesen Gedanken. Er fuhr sich über die Glatze, als wollte er sie polieren. Eine Angewohnheit, die ihn seit Jahren immer dann beschlich, wenn er angestrengt nachdachte.
Er tippte mit dem Daumen auf ein Video. Die Auflösung war miserabel. Erst war ein älterer Herr zu sehen, der einen Einkaufsroller zog. Dann Jugendliche, die aus einem Geschäft drängten. Jemand schrie und Jan sah Füße, Rasen, Asphalt, Bodenmarkierungen und wieder Rasen. Alles wackelte. Keuchen. Mehr Schreie. Ein Sprung hinter einen Busch. Die Kamera wurde gedreht. Ein Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt. Haarsträhnen klebten auf ihrer Stirn und ihre Nasenflügel weiteten sich mit jedem Atemzug. Sie flüsterte auf Französisch. Jan verstand nur wenige Wörter. Dann filmte sie durch das Gestrüpp. Die Auflösung wurde besser. War das ein abgetrennter Kopf, der neben einem Motorrad lag? Sie zoomte eine Blutlache heran und schwenkte auf etwas, das einer Machete glich.
Nun war eine Hand zu sehen, die einige Äste wegdrückte. Das Bild wackelte. Jemand rannte, verschwand in einer Seitengasse. Dann kroch das Mädchen weiter in das Gestrüpp. Jan sah Grashalme, einige Steine und hörte Flüstern.
Er suchte auf anderen Nachrichtenportalen, doch es schien nur dieses eine Video zu geben. War es echt? Beschissene KI, dachte er. Keine Überwachungskamera, nur ein beschissenes Handy. Ungünstig, aber in den Banlieues durchaus möglich. Er öffnete eine weitere Onlinezeitung und sah ein Bild des Mädchens unter der Überschrift: Nous sombrons dans la violence.
Jan kannte das Wort sombrons nicht, aber er ahnte, was es bedeutete. »Versinken«, murmelte er.
Er schrieb ein knappes »Alles okay. Guter Plan. Bis morgen!« an Karima, legte sein Telefon beiseite und tastete mit den Füßen nach seinen Filzpantoffeln. Er bemerkte einige Staubfussel, die über den Boden rollten, und griff danach, indem er sich im Sessel unter einem verhaltenen Stöhnen verrenkte.
Dann ging er in die Küche. Er würde sich dem Fall später widmen. Doch eigentlich war es irrelevant, was genau vorgefallen war. Ihm war egal, aus welchen Motiven der Attentäter gemordet hatte. Erneut ekelte ihm vor seinen eigenen Gedanken, doch die Medien hatten ihre Geschichte und die Religion war kurz auf den Titelseiten. Das war die Hauptsache.
Jan goss Kaffee in eine Tasse und verdünnte ihn reichlich mit Wasser. Seit Jahren schlug ihm Kaffee auf den Magen, doch der Verzicht schlug ihm aufs Gemüt, was in seinem Alter schwerer zu ertragen war.
Im Nebenzimmer hörte er Klaviermusik, die eindeutig für einen Werbefilm komponiert worden war. Er blickte zur Tür. Der Fernseher flimmerte in der Dunkelheit.
»Ich sehe mir dann die Nachrichten an. Setzt du dich zu mir?«, fragte Lena.
»Nein, heute nicht.« Nach einer Pause fuhr er fort: »Ich muss wahrscheinlich eine Zeit lang weg.«
»Das habe ich mir schon gedacht. Bei dem, was passiert ist, verständlich. Es ist so schrecklich!«
Er nickte und war sich sicher, dass seine Frau es nicht bemerkt hatte. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging zurück in sein Arbeitszimmer. Er war froh, das Haus in Oberbayern gekauft zu haben, um nicht immer in der kleinen Münchner Wohnung zu hocken. Seit über einem Jahr waren Jan und seine Frau nicht mehr gereist. Auch berufliche Kurztrips hatten nicht stattgefunden. PROSOCIAL ließ ihn arbeiten, wo immer er wollte.
Jan schätzte das zur Ruhe gekommene Leben. Endlich schlugen die Pendel der Welt in seiner Geschwindigkeit. Früher hatte er über einhundert Mal im Jahr in einem Flugzeug gesessen. Er dachte an die hingetupften Ortschaften in der Nacht, wenn er aus dem Fenster geblickt und sich bei jedem Absacken gefragt hatte, ob auch er schreien würde, wenn Panik ausbräche. Jan war unentwegt zwischen Berlin, Wien, München, Genf, New York, Dubai, Jerusalem, London, Paris und Brüssel gependelt. Drei Städte an einem Tag, das war ein für ihn trauriger Rekord, denn er hatte Flugangst, die in den letzten Jahren nur zugenommen hatte. Inzwischen verbrachte er selbst den Urlaub in Bayern.
Jan vermerkte das Meeting in seinem Terminkalender und war froh, nicht hinfliegen zu müssen. Sollte das Vorhaben genehmigt werden, würde sich das Team aber dennoch für viele Wochen treffen. Er trank einen Schluck Kaffee, lehnte sich im Sessel zurück und überschlug seine Beine auf dem Tisch. Einen Filzpantoffel wippte er auf seinen Zehen.
Etwas Schweres legte sich über ihn. Seufzend dachte er an die Zukunft. Es waren genug Steine losgetreten worden, um den Hang ins Rutschen zu bringen. Er würde sich dem mit aller Kraft entgegenstemmen. Wieder fuhr er sich über die Glatze und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, der sich schwerer als sonst anfühlte.
Sein Blick war wie an die Wand genagelt. Dort hing eine Landkarte, auf der kleine Fähnchen die Orte markierten, die er in seinem Leben bereist hatte. Jan hatte sie mit einem Wollfaden verbunden. Es fühlte sich unwirklich an, das Geflecht zu betrachten. Seine Großeltern hatten das Land nie verlassen, seine Eltern waren einmal nach Jerusalem und ein anderes Mal nach Paris gereist, er hatte ein Netz über alle Kontinente gespannt.
Jan hatte Theologie studiert, um Priester zu werden. Ein einzelnes Fähnchen hätte seine Gemeinde markieren sollen. Mehr nicht. Ein Wirken im kleinen Kreis. Vielleicht ein Faden zu seinem Elternhaus und ein zweiter nach Rom. Doch noch vor Abschluss seiner Promotion hatte er den Glauben an Gott verloren und vor einem Scherbenhaufen gestanden. Nun aber blickte Jan zufrieden auf seine Entscheidungen zurück. Entgegen allen Erwartungen hatte er sofort eine Anstellung gefunden. Über Beziehungen war er in den bayerischen Staatsdienst gekommen und hatte dort Konzepte für einen Ethikunterricht an öffentlichen Schulen entwickelt. Danach war es steil bergauf gegangen bis zu einem Job in der EU. Nun arbeitete er seit vielen Jahren für die Organisation einer exzentrischen Milliardärin, Franziska Piesch.
Er griff nach seinem Notizbuch und trommelte mit den Fingern auf den Ledereinband. Lange betrachtete er die Prägung. PROSOCIAL – Promoting Social Coexistence and Integration for All. Obwohl Piesch die Organisation erst vor wenigen Jahren so benannt hatte, klang der Name wie aus einer anderen Zeit. Wie aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Wo jetzt Mandarin, Hindi, Französisch, Arabisch, Deutsch, Russisch oder Spanisch in den Vordergrund drängten, hatte früher Englisch alles glattgebügelt. Der Humanismus war global geträumt worden.
Jan mochte den Namen. Wie passend er das beschrieb, wofür auch er stand. Er hatte Projekte in den entlegensten Winkeln der Welt realisiert. Mit Bildungseinrichtungen, Kunst oder gezielter Förderung einzelner Regionen hatte er Hunderttausenden geholfen. Er war von der Erbsenzählerei um Ressourcen befreit und schuf Oasen in der Wüste, wie er seinen wenigen Freunden die Arbeit erklärte. Er tat dies mit zwei Ingredienzen: dem Glauben und der Zeit. Glaube an die gute Sache und Zeit, die in Jahrhunderten bemessen war. Sie seien Architekten, pflegte Piesch stets zu sagen: Architekten der Zukunft.
Frankreich. Er nahm seinen Computer, klappte ihn auf und las einige Artikel. Wieder fühlte er nur etwas, wenn er sich dazu zwang. Noch bemerkte er das Ausbleiben einer Regung wie Phantomschmerzen, was ihn beruhigte. Wo nüchterne Betrachtung stand, waren einst Sorge und Angst gewesen, die er betäubt hatte. Jan kannte die Zahlen, die Prognosen und Analysen. Vor vielen Jahren waren es kleine Verwerfungen gewesen, die sich zu fast unüberwindbaren Gräben ausgedehnt hatten. Sie würden weiterwachsen und Menschen wie Landmassen auseinandertreiben, bis sie irgendwann unter einem Beben wieder ineinander krachen würden. Dies war seine Aufgabe: manche dieser Gräben zu schließen und andere mit Brücken zu verbinden.
Er aktualisierte das Datum in einem Dokument, das er vor einigen Wochen mit Karima verfasst hatte, und versandte es an das Präsidium der Organisation. Es bestand darauf, vor jeder Besprechung vorinformiert zu werden, um die richtigen Personen zuziehen zu können. Das Dokument beinhaltete eine Zusammenfassung seiner Forschung und der nächsten Schritte, die das Team unternehmen würde, sollten die Entscheidungsträger den Plan weiterverfolgen wollen.
Am nächsten Tag loggte sich Jan auf dem PROSOCIAL-Server ein. Er vertippte sich etliche Male bei dem übertrieben langen Passwort, öffnete die Präsentation und betrat den virtuellen Meetingraum. Karima wartete bereits.
Sechs andere Teilnehmer waren in der Konferenzschaltung. Jan konnte auf seinem kleinen Bildschirm, über dem er gekrümmt saß, nicht sehen, wer sie waren. Nur die Präsidentin Piesch sowie einen weiteren Geldgeber, den französischen Multimilliardär Philippe Rinderknech, erkannte er. Jan verspürte keine Nervosität. Mit ruhiger Stimme begrüßte er die Anwesenden und sprach Rinderknech sein Bedauern über den Vorfall in Frankreich aus. Der senkte nur den Kopf.
Nach dieser Eröffnung klärte der Sekretär der Präsidentin einige Formalitäten und forderte Jan auf, die Präsentation zu starten. Zu seiner Überraschung wurde auf eine Vorstellungsrunde verzichtet, sodass Jan nicht wusste, wer die anderen Konferenzteilnehmer waren.
Er zeigte die erste Folie. Darauf stand »Plausibilität«.
»Religion«, sagte er. »Religion ist wie ein physikalisches Feld: Sie gibt Struktur. Eine Plausibilitätsstruktur, die uns ein – ich zitiere einen Philosophen – theorieloses Geltenlassen von Üblichkeiten ermöglicht. Das Problem dabei, meine Damen und Herren, ist jedoch, dass es eine Vielzahl solcher Felder gibt und dass die Üblichkeiten und Bräuche der einen oft Blasphemie für die anderen sind.« Jan sprach langsam und bedacht. Seine Worte entsprangen der tiefen Zuversicht, das Richtige zu tun.
Er zeigte die nächste Folie. Es war eine animierte Grafik, auf der religiös motivierte Anschläge in Eurasien in den letzten zweihundertfünfzig Jahren gezeigt wurden. Er ließ die Animation laufen, ohne etwas zu sagen. Die nächste Folie war leer.
Jan fuhr fort: »Wir arbeiten mit Bildung, Dialog und Toleranz, aber auch durch Sanktionen und Einschränkungen wollen wir auf diese Felder einwirken. Und das durchaus mit Erfolg, wie auch PROSOCIAL bewiesen hat. Wir wollen, dass sich die Felder durchdringen, dass sie friedlich koexistieren. Doch in vielen Regionen stehen wir vor Problemen, wie die Statistiken belegen. Vor allem in Europa und Amerika. Vorurteile, Ressentiments und Feindseligkeiten, ja selbst Gewalt nehmen leider zu.«
Er übertrieb, presste die Lippen zusammen. Die Wahrheit allein, dachte er, hat noch nie jemanden überzeugt – nur die Übertreibung vollendet, was nackte Zahlen begonnen haben. Zu oft war er mit seinen Ausführungen in der Akribie stecken geblieben. Er atmete ein und richtete sich im Sessel auf. Jede Zuspitzung ist in Wort gegossener Tatendrang, jedes Übermaß schöpft aus der Ungeduld.
Jan blickte in die wenigen Gesichter, die er auf dem Bildschirm sah. Noch hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer. Er wusste, dass er nicht zu sehr abschweifen durfte. Er musste ihre Ängste ansprechen.
»Unser Wohlstand basiert auf Forschung, Innovation und unternehmerischer Freiheit. Sie fürchten ein lähmendes Spiel gegenläufiger Kräfte in der Mitte unserer Gesellschaften? Eine Ära der Scharmützel? Metastasen der Gewalt?« Jan unterbrach seinen Gedanken und lehnte sich zurück. Dann fuhr er fort: »All unsere Analysen deuten darauf hin, dass die Spannungen zunehmen werden. Es wird noch mehr Gewalt geben. Unser Zusammenleben, die Wissenschaft und die Wirtschaft werden darunter leiden. Diese Arbeitsgruppe wurde gegründet, um den zu erwartenden Spannungen zwischen den Glaubensrichtungen und politischen Strömungen, die diese instrumentalisieren, frühzeitig entgegenzuwirken. Ich glaube, meine Damen und Herren, dass wir einen Weg gefunden haben, die Menschen in Europa und darüber hinaus wieder zu einen.«
Fast populistisch, nicht zu sehr übertreiben, ermahnte er sich.
Jan zeigte die nächste Folie. Darauf war eine Statue Konstantins zu sehen. Eine grün schimmernde Patina hatte den Kaiser vollends umschlossen, und die Figur wirkte wie der Zeit entrückt.
»Die von Konstantin I. und Licinius im Jahre 313 erlassene Mailänder Vereinbarung ebnete den Weg für das Christentum zur Staatsreligion. Die Geschichte ist voll von politischen Lenkungen des Glaubens. Ich könnte Ihnen stundenlang Beispiele erläutern.
Wir aber haben aufgehört, Religion als lenkbar zu begreifen. Wir denken, die Glaubensgemeinschaften wären die alleinigen Schmiede ihrer Entwicklung. Als wären sie Entscheidungskollektive, auf die der Staat nur milde und wohlwollend einwirken kann, da ansonsten der Zorn einer zu allem bereiten Anhängerschaft provoziert werden könnte. Wir nehmen die unterschiedlichen Religionen als statische Gebilde wahr. Doch diese Sicht ist nicht zutreffend und Resultat einer falschen zeitlichen Perspektive. Dringt man in die Tiefen der Geschichte vor, bleibt nichts anderes übrig als ein Ineinanderfließen der Ideen, auf das unterschiedlichste politische Interessengruppen wirken.«
Jan sah, dass sich einige Teilnehmer der Konferenzschaltung in ihren Sesseln zurückgelehnt hatten.
Zum Punkt kommen. Nicht abschweifen. Milliardäre schienen eine Aufmerksamkeitsspanne von nur wenigen Minuten zu besitzen. Ängste schüren!
»Sie fürchten eine Zunahme religiös motivierter Gewalt auf dem Planeten? Sie fürchten, dass sich Europa in inneren Konflikten zerfleischen könnte? Sie haben Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg? Sie befürchten, dass sich die Fragmente unserer Gesellschaft immer stärker aneinander aufreiben, bis Funken fliegen? Unser Thinktank hat eine Lösung ausgearbeitet. Ich sage nicht, dass unser Vorhaben mit Sicherheit funktionieren wird, doch neben Bildung und staatlicher Lenkung könnte es maßgeblich zur Defragmentierung beitragen. Unser Konzept trägt den Namen Monthei!«
Jan hielt inne. Er wollte die Reaktionen der Anwesenden abwarten, doch die Gesichter wirkten in den kleinen Fenstern wie eingefroren.
Wie abgesprochen fuhr Karima fort: »Die technologischen Mittel waren nie besser, um lenkend auf die Glaubensgemeinschaften einzuwirken. Wir haben künstliche Intelligenz, Deepfakes, soziale Medien, Mobiltelefone, mit denen wir jede Person in angemessener Form erreichen können. Wir können Angehörige unterschiedlicher sozialer Gruppen mithilfe statistischer Verfahren identifizieren und diese zielgerichtet beeinflussen. Autonome Kommunikationssysteme können Menschen jedweder religiösen oder politischen Gesinnung erreichen. Wir schlagen vor, eine Hybridreligion zu starten, die als Konvergenzpunkt für unterschiedlichste Religionen fungiert. Wir wollen die Informationstechnologie nutzen, um eine neue Bewegung der Gemeinsamkeit zu etablieren.«
Karima drohte, sich in Details zu verlieren, also unterbrach Jan sie: »Meine Damen und Herren, die unterschiedlichen Monotheismen und überhaupt alle Religionen sollen als überholt betrachtet werden. Die Anhängerschaft der ursprünglichen Lehren soll – und ich formuliere das bewusst provokant – als hinterwäldlerisch gelten.
Mit Ihrem Einverständnis werden wir ein neues Kapitel in der Theogenese aufschlagen. Dieses Team wird zu einer Guerillaeinheit der Religionsstiftung. Bitte entnehmen Sie die Details den Dokumenten, die ich an Sie, Frau Piesch und Herr Rinderknech, geschickt habe. Unser Ziel ist es, eine neue Religion zu schaffen. Sie soll die Menschen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenschweißen. Das Trennende soll überwunden und die Gesellschaftsfragmente unter diesem neuen Glauben geeint werden. Wir wollen ethische Leitsätze in diese Religion einweben, die einen respektvollen Umgang mit der Natur gebieten, um so die unzulänglichen Konzepte der alten Buchreligionen zu überwinden. Wir schlagen vor, sie Monthei zu nennen, ausgesprochen wie Monte, der Berg auf Italienisch oder Spanisch. Insgesamt werden wir die neue Lehre nach den Grundsätzen des evolutionären Humanismus ausrichten. Eine Ethik der Nachhaltigkeit soll im Zentrum stehen. Und jetzt möchte ich Sie zu einer Diskussion einladen.«
Jan beendete die Präsentation und lehnte sich zurück. Die nachfolgenden Fragen zur Implementierung beantwortete Karima. Ein Zuhörer äußerte Einwände.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Religion je wieder an Bedeutung gewinnt. Gott ist doch tot«, stellte er fest. »Dennoch ist der Entwurf verlockend. Die Spannungen kann man nicht wegdiskutieren.«
Jan hatte mit genau diesem Einwand gerechnet. Er zeigte eine Folie mit Balkendiagrammen und Linien. Sein Team hatte in mühsamer Kleinarbeit Wörter wie Gott, Buddha, Bibel, Himmel, Hölle, Sünde und viele mehr in Videos, Büchern, Fernsehdebatten gezählt. Die Kurven gingen steil nach oben.
»Gott war niemals tot«, sagte Jan und lachte dabei. »Er hat nur ein Nickerchen gehalten.« Er pausierte, solange Rinderknech die Mundwinkel nach oben zog. »Nietzsche hat sich geirrt«, fuhr er fort. »Die säkulare Gesellschaft ist ein Epiphänomen des Wohlstands.« Er rieb sich die Hände. Das war sein Metier. »Ein Epiphänomen der Ablenkung.« Nun starrte er direkt in die Kamera. »Und mit dem wirtschaftlichen Höhenflug ist es dank des Klimawandels und Artensterbens erst mal vorbei.«
Jan brachte weitere Grafiken, aus Umfragen, Trendanalysen und Geschichtsbüchern zusammengetragen. Piesch äußerte Begeisterung, genau wie Rinderknech.
»Eine Hybridreligion kann neben Bildung und Toleranz eine wichtige Säule im Kampf gegen religiöse Engstirnigkeit sein. Lasst es uns versuchen«, sagte Jan und hob dabei die Zeigefinger beider Hände. Er lehnte sich zurück und schaltete sein Mikrofon stumm – etwas, das die Zuhörer auf ihren Bildschirmen sehen und sie zu einer Reaktion zwingen würde.
»Manche Menschen sehen die Flut erst, wenn sie die Augen im Wasser aufmachen«, sagte Piesch. »Unsere Organisation besitzt eine andere Weitsicht. Ich beliebe, zu agieren und nicht zu reagieren. Mir gefällt der Vorschlag.«
Obwohl das Sitzungsprotokoll keine unmittelbare Abstimmung vorsah, gab die Präsidentin dem Team den Auftrag, das Vorhaben umzusetzen. Sie unterstrich jedoch, dass PROSOCIAL zu keinem Zeitpunkt mit diesen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden sollte. Höchste Diskretion und jährliche mündliche Updates in persönlichen Treffen wurden vereinbart. Zudem sollten die hier Anwesenden unterschiedliche Phasen des Vorhabens leiten. Genaue Zuständigkeiten würden von ihr und Rinderknech erarbeitet und den einzelnen Teams zu gegebener Zeit im Detail kommuniziert werden.
Jan klappte den Laptop zu und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Die Lüftung des Computers surrte leise und schaltete sich schließlich ab. Eine entspannte Stille breitete sich aus. Jan folgte nicht seiner Gewohnheit, sofort zur nächsten Aufgabe überzugehen. Er fühlte sich gelöst. Die kommenden Jahre lagen wie Brachland vor ihm, das sie nun bearbeiten würden. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und atmete tief durch. Die Sonne schien durch das Fenster des Arbeitszimmers und Jan glaubte zu sehen, wie die Schatten kürzer wurden.
(Derya Hinterecker)
Jetzt
»Du musst Derya sein. Mein Name ist Jonathan oder Jo.«
Er durchquert das Wohnzimmer, in dem Derya auf der Couch sitzt und ihn anstarrt. Jo trägt einen eleganten Einteiler aus Seide und eine Datenbrille, hinter der seine Augen nur schemenhaft zu sehen sind. Er wirkt jung. Vielleicht fünfundzwanzig oder dreißig Jahre alt.
»Ja«, antwortet sie knapp.
Er streckt ihr die Hand entgegen. Derya zögert. Er hat ihr nichts gezeigt. Keinen Ausweis, keine ID, keinen QR, keinen Irisscan, keinen DNS-Abdruck. Nichts.
»Keine Angst. Hier begrüßt man sich so.«
Sie reicht ihm die Hand.
»Tut leid, dass ich erst so spät hier auftauche. Die Zeiten sind meschugge. Es kommen jeden Tag Hunderte Menschen in Kanada an. Ich helfe an vorderster Front. Du warst safe hier und wurdest von Maschinen überwacht. Deshalb habe ich mich erst um andere gekümmert. C’est comme ça. Das Haus ist utopisch, nicht? Wir nutzen es als Zwischenstation für Leute wie dich. Die wenigen, die aus der Stase kommen.« Er wendet sich zum Bücherregal. »Wenigstens warst du in ausgezeichneter Gesellschaft.« Er zieht ein Buch aus dem Regal. »Houellebecq, der alte Perversling.« Er lacht und schiebt es zurück. »Eine Zeit très fantastique! Die Analogs haben besser geschrieben als die LLMs und Silicobrains. Hast du was gelesen?«
Derya nickt.
»Und? Très chic, oder?«
Wieder nickt sie, ohne etwas zu sagen. Sie hat Probleme, ihm zu folgen.
Jonathan fährt mit einer Hand über das Regal, als würde er ein bestimmtes Buch suchen. »Sprengsätze«, murmelt er. »Analoge Sprengsätze.« Er geht weiter und scheint für einen Moment in Gedanken versunken. Dann wendet er sich wieder Derya zu.
Er kramt in einer Tasche seines Einteilers und hält ihr dann die flache Hand entgegen. Darauf sieht Derya vier Pillen in unterschiedlichen Farben und Größen. Manche sind mit Zahlen bedruckt. Eine so groß, dass sie beim Anblick schluckt. Er macht einen Schritt aus sie zu.
»Schluck das!«
»Was soll das sein?«
»Das wird deine Telomere verlängern und die Proteinaggregate in deiner Muskulatur verringern. Yamanaka-Faktoren, Autophagie-Stimulatoren und Telomerase. Bio-Kram. Nicht nachweisbar. Et voilà! Das Zeug dreht dein messbares biologisches Alter um Jahre zurück. Je jünger du bist, desto besser stehen deine Chancen, in Kanada aufgenommen zu werden.« Er kippt die Pillen in Deryas ausgestreckte Hand.
»Was heißt, ich soll warten? Ich kenne Jason Proudfoot. Ich will mich, so schnell es geht, spiegeln lassen. Dann vielleicht zurück, wenn ich ewig lebe …«
»Die Dinge haben sich geändert«, unterbricht Jonathan sie, nimmt die Brille ab und hält sie gegen das Licht. Dann haucht er die Gläser an und reinigt sie mit dem Armzipfel. »Radikalos, Montheisten, Idioten. Es gibt Probleme in den Spiegeln. Alle werden genauestens überprüft. Das dauert. C’est comme ça. Ich bringe dich erst mal in deine neue Bleibe. Danach sehen wir weiter. Bien, alors allons-y.«
Derya starrt nachdenklich zum Fenster. Sie hat von dieser angeblich paradiesischen Gesellschaft bislang nicht viel gesehen. Jonathan ist der erste Mensch, dem sie hier begegnet. Der Tanz der Drohnen und Roboter ist hier anders als in Hamburg oder Wien. Etwas sparsamer. Etwas verhaltener. Aber das ist auch schon alles.
Sie steigen in ein Auto, um in das Stadtzentrum Torontos zu fahren. Jonathan trägt seine Datenbrille und ist wohl in den Spiegeln, während Derya die Umgebung betrachtet. Es ist keine Stadt im klassischen Sinn. Häuser, Straßen und Natur sind ineinander verwoben wie die Fasern eines Teppichs. Derya sieht keine Grenzen, nur Übergänge. Die wenigen Menschen, die sie entdeckt, wirken glücklich.
Als das Auto neben einem dicht bepflanzten Haus langsamer wird, sieht sie eine Familie, die um einen altmodischen Holzgrill sitzt. Ein Hund bellt und läuft den Zaun entlang. Ein Kind springt mit einer Datenbrille am Kopf durch das Gras. Es bleibt stehen und winkt, als Derya und Jo vorüberfahren.
»Das sind Tech-Shojis. Schiebetüren und moderne Papierhäuser. Die Leute begnügen sich natürlich nicht damit, die Natur aus ihren Häusern heraus zu betrachten«, entgegnet Jo auf Deryas Frage, weshalb kaum Menschen in den Parks und Straßen zu sehen sind. »Wenn man Lust auf Natur hat, dreht man an einem Regler, und die Vegetation rückt in die Innenräume. Utopique.«
»Und wo trifft man sich?«
»Im Spiegelkabinett.« Er lacht und blinzelt ihr zu. Seine Augen sind hinter der Brille kaum zu sehen.
Derya starrt hinaus. Bald wird sie in diese Welt eintauchen.
»Aber wir feiern auch Partys oder hängen rum wie die Analogs«, sagt Jo nach einer Weile und schnippt mit den Fingern. Er hebt die Brille hoch und starrt sie an. »In den Suburbs arbeitet kaum jemand. Hier leben die Superreichen, enfants riches. Arbeit ist für sie abgedroschen analog. Pétrole brut. Complètement tabou. Aber es gibt auch noch andere Flecken. Weiter unten am See. Du wirst sie sehen. Dort gibt es ein Leben zwischen den Häusern – und Arbeit.« Er lacht. »Und es gibt noch Beton, viel Beton.«
»Weshalb kann ich nicht im Suburb bleiben?«
Jo schüttelt den Kopf. »Es bleibt nur der offizielle Weg. Da gibt es Behausungen und Warteschlangen in Apps und Ämtern. Dort musst du Formulare ausfüllen. Die Suburbs dienen als vorübergehender Aufenthaltsort von Illegalen, bis wir Platz in einem Heim finden. Wie schon gesagt, Leute aus der Stase. Die Häuser sind im Privatbesitz. Sie hätten längst zurückgebaut werden sollen, aber es kommen immer mehr Flüchtlinge.«
»Behausungen?« Derya murmelt das Wort und denkt an Baracken.
Jo reagiert nicht. Er zieht die Brille über die Augen und wischt mit der Hand vor seinem Gesicht herum.
Derya blickt auf die Straße. Sie sieht weder Asphalt noch Solarzellen. Nur schmale Bänder, deren Ränder ohne Grenze in die Vegetation übergehen. Wenn ein Fahrzeug vorüberfährt, verdichtet sich das Material, als würde jeder Wagen auf einer Welle gleiten. Sie überlegt, zu fragen, doch sie will keine weiteren Erklärungen von Jo hören. Sie fühlt sich wie ein Kind. Und das vollkommen grundlos. Wäre Jonathan in Wien eingetroffen, würde er keinen Schritt ohne ihre Hilfe machen können. Derya weiß das. Dennoch missfällt ihr die Asymmetrie. Sie ermahnt sich, in Zukunft unbeeindruckt zu reagieren. Wenn ihr Internetzugang wieder funktioniert, kann sie sich über die Technik hinter den Straßen und Gebäuden erkundigen. Bis dahin wird sie die unnötigen Fragen aufschieben und vorgeben, darüber Bescheid zu wissen.
(Jason Proudfoot)
Vor über fünfzehn Jahren
Er würde nicht lange hierbleiben. Nur einschreiben und dann wieder ans Institut, sagte sich Jason und aktivierte Werbefilter und Weichzeichner. Er hatte keine Lust auf Realität.
Er sprang aus der Straßenbahn und ging in eine Seitenstraße, die Richtung Universität führte. Die Fassaden der umliegenden Häuser waren makellos. Er hob die Brille hoch, um zu vergleichen. Zwei leer stehende Auslagen hatte das System gefüllt. Ein Blumenladen und eine Drogerie mit einem »Geschlossen«-Schild, sodass niemand hineinging, der den Filter aktiviert hatte. Der bröckelnde Putz war ausgebessert und die Glasfassade des Nebengebäudes verschönert worden. Die Außenjalousien, die Jason als architektonisches Verbrechen betrachtete, hatte das System mit Fensterläden aus Holz ersetzt. Zufrieden ging er weiter. Der Straßenzug wirkte wie aus einer Dokumentation.
Jason ließ sich die Uhrzeit einblenden. Er war spät dran. Der Schalter würde um neun öffnen, nun war es acht. Seine Chefin hatte ihn gewarnt: »Da werden Hunderte Studenten warten. Nimm den Hintereingang. Unbedingt schon um sieben Uhr dort sein.«
Als er die Treppen zum Hintereingang hinaufging, kam ihm eine junge Frau entgegen: »Da wirst du Pech haben. Zu.« Sie hatte ihre Locken zu einem losen Knoten gebunden. Als sie auf der gleichen Stufe stand wie er, merkte Jason, dass sie um fast zwei Köpfe kleiner war. Sie trug ein T-Shirt mit dem Symbol des Monthei. Ihre Hose hatte Seitentaschen und war in ihre Stiefel gesteckt. Für einen Punk fehlen ihr Piercings und Tattoos, dachte er.
»Jason. Es freut mich, dich kennenzulernen.« Er nahm seine Brille ab.
»Quatsch nicht. Wenn du heute noch drankommen willst, komm mit!«
Sie lief die Stufen hinunter und blickte sich nicht um. Jason folgte ihr. Gemeinsam rannten sie am Gebäude entlang.
»Muss das sein? Wir werden ja ohnedies warten.«
»Du hast keinen Plan«, schrie sie und lief schneller.
Als sie beim Haupteingang ankamen, war auch hier die Tür zu.
»Na toll.« Sie trat mit dem Fuß gegen den Randstein.
»Was bedeutet das?«
»Zu.«
»Wie kann eine Universität zu haben?«
Sie wandte sich ihm zu und rollte mit den Augen. »Du bist nicht von hier, stimmt’s?«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Duh? Meisterleistung, das zu erkennen.«
Sie formte mit den Fingern einer Hand ein »C« und legte den Zeigefinger der anderen über den Daumen. Das Zeichen des Monthei. Jason tat es ihr gleich.
»Derya.«
»Jason. Und ja, du hast recht. Ich komme aus England.«
»Merkt man. Du sprichst lustig. Studierst du hier?«
»Ich nehme an einem Forschungsaustausch teil.«
Derya kramte eine Brille aus ihrem Beutel. »Sorry. Anruf.«
Sie wandte sich ab. »Wo bist du? … Okay … Ich bin vor der Hauptuni … Klar. Kommt hierher … Bis gleich.«
Sie blickte ihn durch die Datenbrille an. In ihren braunen Augen spiegelte sich das Display.
»Also was machst du noch mal?«
»Forschung.«
»Aha. Und was?«
»Informatik.«
»Sicher auch interessant.«
Sie ging an das Treppengeländer und hielt auf Zehenspitzen Ausschau Richtung Ringstraße. Jason stellte sich neben sie. Am Platz vor der Universität waren Hunderte junge Menschen, in kleine Gruppen zusammengedrängt.
»Wie kommen wir nun rein?«, fragte er.
»Rein?« Derya lachte. »Heute gar nicht. Morgen früh ist wieder offen.«
