8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €
Dies ist die Geschichte eines Schriftstellers, der sich vor eine schwierige Entscheidung gestellt sieht. Was er vor Jahren im australischen Exil erträumt und was er schließlich nach seiner Rückkehr gefunden hatte: eine Familie, einen Freund, Heimat, all dies steht plötzlich in Frage. Er verliebt sich in Elena, die schwarze Sängerin aus Baltimore, gibt ihretwegen Bettina und die Töchter auf. Soll er mit Elena das Land verlassen, das ihm Heimat zu werden begann? Hartmut, der Freund, angesehener Chefarzt, verlässt seine Heimat. Die Suche nach den Gründen für dessen Flucht wird zur Suche nach sich selbst – nach Familie, Freundschaft, Heimat.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2020
Walter Kaufmann
Flucht
ISBN 978-3-96521-270-1 (E–Book)
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
Foto: Barbara Meffert
Das Buch erschien erstmals 1984 im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig.
2020 EDITION digital
Pekrul & Sohn GbR
Godern
Alte Dorfstraße 2 b
19065 Pinnow
Tel.: 03860 505788
E–Mail: [email protected]
www.edition-digital.de
Zumindest betäubte die Hektik jener Wochen mein Bewusstsein, dass ich tief in einer Krise steckte. Wegen Elena Crawford, einer schwarzen Sängerin aus Baltimore, die damals im Lindencorso gastierte, gab ich alles preis, was ich in den langen Jahren der Emigration in Australien ersehnt und erst nach meiner Rückkehr gefunden hatte – ich trennte mich von der Familie, von Bettina und den beiden Töchtern, Esther war damals erst zehn, Judith zwei Jahre jünger, und machte mich auf die Suche nach einer Wohnung in Berlin. Ausschau haltend nach gardinenlosen Fenstern, durchforschte ich die Straßen im Stadtinnern, und so fand ich schließlich eine leer stehende Mansarde, die mir dann auch, weil sie baufällig und schwer vermietbar war, kurzfristig zugewiesen wurde. Wenn ich dort ungestörter schreiben könnte und Redaktionen und Verlagen erreichbarer sei als in meinem Haus in Stahnsdorf, meinte der Leiter des Wohnungsamts, nun dann – mein Wille sei mein Himmelreich!
Der Einweisung folgte bald ein Vertrag, und wenige Wochen später waren die Räumlichkeiten von Grund auf renoviert und umgestaltet. Die relativ geräumige Besenkammer, die an die Innentoilette grenzte und über ein Fenster zum Hof verfügte, hatte sich durch den Einbau von Spülschrank und Herd in eine Kochnische verwandeln lassen. So konnte aus der Küche neben dem Wohnzimmer die altmodische Kochmaschine entfernt und dort eine Duschkabine installiert werden, die sich, in Holz verkleidet, wie ein Schrank in den jetzt in eine Schlafstube umfunktionierten Raum einpasste – eine Lösung, die von den vorangegangenen Mietern nie erwogen worden war, sich mir aber schon bei der Besichtigung als möglich angeboten hatte.
Das alles sagt zwar einiges über die Zielstrebigkeit aus, mit der ich die Veränderung meiner Umstände vorantrieb, lässt vielleicht auch die verzwickten Wege vermuten, die ich gehen musste, um die Handwerker und das nötige Material zu beschaffen, ganz sicher aber verrät der Aufwand nichts über meine innere Zerrissenheit, dieses Gefühl, etwas Beständiges, nie wieder zu Gewinnendes aufs Spiel gesetzt zu haben:
Ich bemühte mich, Elena meinen Zustand nicht spüren zu lassen, damals besonders! Aus gutem Grund verschonte ich sie, zog sie in meine Betriebsamkeit nicht hinein und ließ sie auf den Komfort ihres Hotels erst verzichten, als die Mansarde eingerichtet war, Gardinen hingen, Teppiche die frisch gehobelten Dielen bedeckten, Bilder die Wände schmückten, Bücher sich in den Regalen reihten und der Kachelofen wohlige Wärme verbreitete.
Bis dahin war der Herbst zur Neige gegangen, waren die Tage kühl und die Nächte kalt geworden. Und bis der Ofen funktionierte, hatte selbst ich nie länger in meiner neuen Bleibe ausgehalten als unbedingt nötig. Einen Großteil der Nächte war ich mehr in der Nachtbar zu finden gewesen, wo Elena sang, als zwischen den Wänden unterm Dach. So setzte sich ein Lebenswandel fort, der mit jenem Spätsommertag begonnen hatte, als ich mir von einer Zeitschrift den Auftrag holte, Elena auf ihrer bevorstehenden Konzertreise durch die Republik zu begleiten, um darüber zu schreiben. Unterwegs, von Stadt zu Stadt ziehend und in Hotels übernachtend, war mir für größere literarische Vorhaben keine Zeit geblieben – nur kurze, in sich geschlossene Prosastücke, die überschaubar waren, wollten mir damals gelingen, und so hatte sich meine Zerrissenheit mit einer schwelenden Unzufriedenheit in bezug auf meine Arbeit gepaart.
In diese Zeit fiel auch die Nacht, in der ich mich so wesensfremd verhielt, dass sich am Ende nicht nur Elena, sondern sogar die Kellner und die Barfrau besorgt zeigten. Ich verschleuderte Geld, auffallend viel, wie jeder sah, wohl an die siebenhundert Mark, hielt frei, wer freigehalten werden wollte, traktierte gegen Morgengrauen die Band des Lindencorsos mit einem Kasten Sekt und verteilte Trinkgelder wie ein Spieler nach dem großen Coup – und wirkte keinen Deut glücklich dabei.
„Was ist mit dir?“, fragte Elena, als sie sich nach der letzten, stürmisch erzwungenen Zugabe zu mir an den Tisch setzte, ein wenig atemlos noch und beseelt von jenem Glücksgefühl, das Beifall immer bei ihr auslöst. „Was hast du?“
„Ich zelebriere deinen Erfolg.“
„Beichte“, bat sie leise.
Ich brauchte nur zwei Worte hinzuzufügen, filthy lucre, um ihr begreiflich zu machen, dass ich Hartmuts Mercedes an den staatlichen Handel abgestoßen hatte und mit dem Erlös nichts Besseres anzufangen wusste, als ihn zu vergeuden – es war Geld, das mir auf den Nägeln brannte, weil es mir nicht zustand.
„Steck es in einen Umschlag und schick es ihm nach“, schlug sie vor.
„Als ob das ginge!“
„Dann vermach es irgendwem.“
„Wie du siehst, bin ich schon dabei.“
„Das kannst du einfacher haben“, sagte sie und hob dabei sanft lächelnd das kleine goldene Kreuz an, das sie an einem Kettchen am Hals trug.
Ich verstand sie sogleich. „Das fehlt noch, dass ich das Geld der Kirche spende.“
„Du könntest es auch dem Roten Kreuz lassen“, erwiderte sie. „Rot für dich, Kreuz für mich. Wäre doch eine Möglichkeit, oder?“
„Sicher“, gab ich zu, „und nicht einmal die schlechteste.“
Am nächsten Tag war der Betrag überwiesen – in bar, auf Heller und Pfennig genau die Summe, die nach der Nacht zuvor von dem Verkauf des Mercedes übrig geblieben war, 6230 Mark, kein Vermögen, aber auch nicht wenig. Immerhin hatte Hartmut den Wagen etliche Jahre genutzt, nachdem ich ihn aus Westberlin eingeführt hatte. Mein Manko waren die Postgebühren, eine Lappalie, und die Zeit, die ich für die Transaktionen beim staatlichen Handel aufgewendet hatte. Doch meine Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Kaum kehrte ich von der Post in die Mansardenwohnung zurück, wurde ich erneut an das Fahrzeug erinnert. Es klingelte an der Tür, zwei Männer, die sich als Mitarbeiter der Staatssicherheit auswiesen, baten mit kühler Höflichkeit um eine Unterredung. Ich wusste Bescheid. Seit dem nun schon zehn Tage zurückliegenden Anruf von Hartmuts Sekretärin hatte ich diesen Besuch erwartet. Als ich den Männern das sagte, stutzten sie, schienen dann aber zu erkennen, dass ich ihnen nicht auswich, und nachdem sie mir bestätigt hatten, dass sie „Ganz richtig wegen der Republikflucht des Doktor Hartmut Berg“ zu mir gekommen seien, ließen sie mich zunächst einmal jenen Anruf erläutern.
„Schlicht und einfach die Auskunft, dass Doktor Berg mit seiner Familie die Republik verlassen habe und mich aus Westberlin grüßen ließ.“
„Teilte Ihnen die Sekretärin mit?“
„So ist es.“
Sie schwiegen und sahen mich an. Offensichtlich erwarteten sie mehr, und ich entschloss mich hinzuzufügen, dass es auch um den Mercedes gegangen sei, für dessen Nutzung mir Dr. Berg gedankt und den er in der Nähe meiner Wohnung abgestellt habe. Die dazu gehörenden Schlüssel, auch der Garagenschlüssel, wären unter einer Radkappe zu finden, und wenn ich so wollte, könnte ich die Garage übernehmen, deren Miete bis zum Jahresende bezahlt sei.
„Es war also Ihr Wagen?“
„Insofern, als ich ihn unter meinem Namen eingeführt und registriert hatte“, sagte ich. „Tatsächlich aber fuhr ihn nur Doktor Berg.“
Zu meinem Erstaunen gingen sie darauf nicht ein – es war, als wüssten sie das. Vorrangig interessiere im Augenblick, ob der Mercedes seit der Einfuhr je wieder über die Staatsgrenze gebracht worden sei.
„Von mir jedenfalls nicht“, sagte ich. „Was ja mühelos nachzuprüfen wäre.“
Zwar wollte mir nicht in den Kopf, dass sie mich verdächtigen könnten, Hartmut mit Frau und Tochter über die Grenze geschleust zu haben, doch dass sie vermuteten, der Wagen sei dazu missbraucht worden, lag auf der Hand. „Einfacher als das nachzuprüfen wäre es, wenn Sie uns für kurze Zeit die Schlüssel überließen.“
„Gern, wenn ich sie noch hätte – was aber seit ein paar Stunden nicht mehr zutrifft.“
„Tatsächlich!“ Meine Antwort ließ sie aufhorchen. „Wir verstanden Sie doch richtig, als Sie sagten, dass Sie den Mercedes nie wieder über die Grenze fuhren?“
„Ganz richtig.“
„Aber jetzt ist er weg, und Sie haben die Schlüssel nicht mehr.“
„Mein Gott“, sagte ich. „Wenn alles so einfach zu erklären wäre.“ Ich zog den Verkaufsvertrag vom staatlichen Handel aus der Innentasche meiner Jacke und zeigte ihn vor. „Dort wird er vermutlich noch sein.“
Ihre Mienen hellten sich auf. „Na also“, sagten sie, „gut für alle Beteiligten.“
„Ich fühle mich da kaum noch beteiligt“, erwiderte ich, froh, Hartmut den Mercedes, der ja ihm gehörte, nicht nach Westberlin gebracht zu haben. Mir war es recht, dass ihnen selbst nach längerer Pause nicht in den Sinn zu kommen schien, mich zu befragen, von wem das Fahrzeug bezahlt worden war. Warum sich darüber auslassen – schlafende Hunde soll man nicht wecken, ist eine angelsächsische Regel, und an die hielt ich mich. Weshalb sollte ich mich weiter mit einer Sache belasten, die mir bis zur Stunde, als ich den Mercedes endlich abgestoßen hatte, schon genug zu schaffen machte. Ungefragt jedenfalls würde ich auf die Gründe nicht eingehen, die mich damals bewogen hatten, Hartmuts Drängen nachzugeben und den Wagen für ihn einzuführen. So schwieg ich also und sagte nichts von jener pharmazeutischen Firma in Schweden, die ihm, wie Hartmut mir versichert hatte, den Mercedes auf dem Kulanzweg hatte zukommen lassen, nachdem ein von ihm entwickeltes Präparat über den Außenhandel der DDR zur Produktion an sie freigegeben worden war. Im Geiste hörte ich Hartmut wieder von dem Traumwagen schwärmen, der, „bedenk das mal!“, drüben schon etliche Monate herumstünde und verrottete.
„Kannten Sie Doktor Bergs Sekretärin?“, fragte jetzt der jüngere meiner Besucher.
„Nicht einmal vom Sehen.“
„Dann wäre wohl auch anzunehmen, dass es vor Doktor Bergs Republikflucht keine Verständigung zwischen Ihnen und dieser Frau gegeben hat.“
Mir war klar, worauf sie anspielten. Da ich aber tatsächlich mit der Sekretärin nie zuvor auch nur ein Wort gewechselt und bis zuletzt nicht geahnt hatte, dass sich Hartmut je so entscheiden könnte, zeigte ich mich ungehalten. Nun erst recht behielt ich für mich, wie aufgebracht er sich gezeigt hatte, als ihm die Einfuhrgenehmigung des Mercedes verweigert worden war. Zu den möglichen Gründen für seine Republikflucht befragt, erwiderte ich lediglich, dass er sich des Öfteren über eine unsachliche, um nicht zu sagen bürokratische Einmischung in seine Tätigkeit als Oberarzt beklagt hätte, eine Verletzung seiner Autorität, wie er meinte, und er sich darüber hinaus in seiner Reisefreiheit eingeengt fühlte. Immer häufiger hätte er mir in letzter Zeit vorgehalten, dass ich in dieser Hinsicht privilegiert sei und darum gar nicht ermessen könne, wie ihm zumute wäre.
Obwohl sie das zu interessieren schien, vermied ich es, die Gründe anzuführen, die von maßgeblichen Stellen gegen meinen geplanten Verzicht auf die australische Staatsbürgerschaft vorgebracht worden waren – gerade mit einem solchen Pass könnte ich mich ungehindert in Ländern bewegen, die DDR-Bürgern bislang noch verschlossen wären; es sei wünschenswert, dass ich auch weiterhin die Möglichkeit hätte, von überall her zu berichten. Und so genau mir auch Hartmuts neidvolle Vorhaltungen erinnerlich waren, „einer wie du wird gebraucht, für den gibt es keine Grenzen – Australien, Amerika … mein Gott, wo du nicht schon warst und, solange die DDR nicht anerkannt ist, auch immer wieder hingeschickt werden wirst!“, zitierte ich ihn schon deswegen nicht, weil ich seinen Reisewünschen stets Verständnis entgegengebracht hatte. Es war ja nicht nur Fernweh schlechthin gewesen, sondern wohl auch ein Bestreben, sich im Beruflichen weltweit zu informieren. Wohin aber würde das führen, wenn ich jetzt darauf einging, oder gar im nachhinein die Frage aufwarf, ob Hartmut mich hatte täuschen wollen, als er vor kurzem noch beteuert hatte, sich auf die ihm angebotene Stelle als Chefarzt in einer kaum weniger renommierten Klinik als seine bisherige Wirkungsstätte trotz anfänglicher Bedenken eingestellt zu haben. So kritisch er sich auch weiterhin, gewisse berufliche Belange betreffend, mir gegenüber geäußert hatte, dass er vor eben diesem Klinikwechsel, der ja ein Aufstieg war, seinen Abgang betreiben könnte, war mir nie in den Sinn gekommen – Hartmut und Republikflucht. Undenkbar!. Nun, das war ein Irrtum gewesen. Er hatte mich getäuscht. Trotzdem widerstrebte es mir, mich bei einer Ermittlung wie dieser zum Ankläger zu machen, und schon gar nicht wollte ich ihn richten. Ich stand nicht nur in seiner Schuld, weil er meine Frau auf die Geburt meiner Töchter vorbereitet und die Entbindung überwacht hatte, wir waren in jenen Jahren auch Freunde geworden, hatten uns zusammengefunden zu einer Freundschaft in allen Lebenslagen, und die wog schwerer als meine Ablehnung seiner Entscheidung. Zwar war ich betroffen von der Flucht und sah mich allein des Mercedes wegen in meinem Ansehen geschädigt, doch abtun konnte ich Hartmut deswegen nicht – noch immer fühlte ich mich eher verlassen als verraten von ihm. Und weil das so war, machte ich daraus auch kein Hehl.
„Nun gut“, sagte der Ältere der beiden, „wie Sie meinen.“
Seit sie wussten, wo der Mercedes zu finden war, schien sich ihr Argwohn gelegt zu haben. Trotz der von mir unbestrittenen Freundschaft zu Hartmut war ich ihnen wohl nicht länger als Mitwisser oder gar als Helfer suspekt. Jedenfalls begnügten sie sich mit dem, was ich über die möglichen Beweggründe für sein Handeln vorgebracht hatte, und erwähnten meine uneingeschränkten Reisemöglichkeiten nicht wieder. An den Blicken, die sie wechselten, war zu erkennen, dass sie aufzubrechen gedachten, und als ich von mir aus nichts weiter hinzufügte, erhoben sie sich und dankten mir für die Unterredung.
„Wir wissen ja, wo Sie zu finden sind – sollten wir noch weitere Fragen haben.“
„Jederzeit“, sagte ich, und begleitete sie zur Tür, wo sie ihre Mäntel anzogen und sich verabschiedeten.
Ich glaubte, Elena hätte nichts von dem relativ kurzen und keineswegs lauten Besuch bemerkt, doch als sie einige Zeit später noch schlaftrunken – Nachtmensch, der sie ist, schlief sie stets bis gegen Mittag – ins Wohnzimmer kam, flüsterte sie etwas von Stimmen und wer in Gottes Namen hier eingedrungen wäre.
Ich blickte vom Sessel zu ihr hoch. So wie sie da vor mir stand, in weißseidenem Morgenmantel, ungeschminkt und ohne Perücke, die langen schmalen Füße in ausgetretenen Pantoffeln, die sie wie einen Talisman von Land zu Land schleppte, mochte ich sie mehr als je in ihrer Bühnenpracht, ihrer ständig wechselnden Nachtbargarderobe. Sie wirkte jünger, mädchenhaft in ihrer Schlankheit, obwohl sie doch schon etliche Jahre über Dreißig war, und weder physisch noch psychisch war ihr anzumerken, was sie vor nicht allzulanger Zeit durchgestanden hatte. Das alles schien weit zurückzuliegen. Irgendwie lausbubenhaft wirkte sie heute, impish ist das englische Wort, das meist unter einer Perücke verborgene kurze Kraushaar wie eine schwarze Wollmütze überm Kopf, die Augen groß und dunkel, und dann dieses Lächeln, das unvermittelt zu einem Lachen überging, einem unbekümmerten Ausbruch über nichts weiter, als dass sie da war, auf und wach und für den Tag bereit. Solchem Lachen folgten nicht selten ein paar herzhafte Flüche, Gassenflüche, die mich schon, als ich sie kennenlernte, nicht an ihr gestört hatten, weil sie zu ihr passten, ein Teil jener Elena zu sein schienen, die sich von ganz unten hochgekämpft hatte.
„Sag endlich, wer in drei Teufels Namen hier mitten in der Nacht eingedrungen ist!“
„Mitten in der Nacht – soso. Davon hast du doch kaum was mitgekriegt.“
„Hab’ ich. Und ich ahne auch, worum es ging. Gib mir eine Zigarette!“
„Schon gar nicht vor dem Frühstück!“
„Süßer Jesus!“ Sie griff zum Regal, zündete sich eine Astor an, blies mir den Rauch zu. „Wer also in drei Teufels Namen – ich will’s wissen!“
„Die Tscheka.“
Sie setzte sich auf die Sessellehne – zu nah, zu duftend nah, Nachtduft, Schlafduft, eben Elena, legte mir einen Arm um die Schulter, beugte sich zu mir und flüsterte: „Erklär mir das, ja!“
„Das FBI.“
Ihr Gesicht wurde ernst. „Ach so – und jetzt es gibt Ärger für dich!“
Das sagte sie in Deutsch, obwohl wir fast ausschließlich englisch miteinander sprachen, gewisse deutsche Wendungen aber hatte sie längst aufgegriffen und für sich umgesetzt.
„Und jetzt es gibt keinen Ärger für mich“, antwortete ich ihr.
„Gut“, sagte sie. „Auto weg, Geld weg …“
„Ja, und Hartmut weg“, fiel ich ihr ins Wort, „aber du scheinst noch immer nicht begriffen zu haben, was mir das bedeutet.“
„Wieso?“, fragte sie. „Westberlin, das ist doch nicht weit.“
„Tausend Meilen weit!“
„Das versteh ich nicht.“
„Eben“, sagte ich ihr, „das verstehst du nicht.“
Wie sollte sie auch? Seit langem schon bereiste sie die Welt in allen Himmelsrichtungen, oft sogar ohne die Notwendigkeit von Passformalitäten. Allein in den vergangenen achtzehn Monaten war sie in Brasilien aufgetreten, in England, Italien, Jugoslawien, Dänemark, der Bundesrepublik und in Polen – und ihre durch die Künstleragentur vermittelte Aufenthaltsgenehmigung für die DDR war mit einem unbeschränkten Ein- und Ausreisevisum gekoppelt, so dass sie jederzeit nach Westberlin fahren konnte. Wie also war ihr begreiflich zu machen, dass ich, seit eine feste Grenze die Stadt teilte, den westlichen Bereich so gut wie gemieden hatte – nicht aus Prinzip, so starr war meine Haltung nicht, sondern weil ich auch in den Jahren der offenen Grenze dem Westberliner Getriebe weniger abgewinnen konnte und darum kaum Kontakt dort hatte. Immer war mir die Atmosphäre rund um den Bahnhof Zoo abschreckend fremd, ja geradezu anrüchig vorgekommen, und es hatte mir widerstrebt, in den alle Sinne betäubenden Sog von Kommerzialität zu geraten. Auch der anregendste Theater- oder Kinobesuch hatte mich mit dieser Bilka-C&A-Wertheim-KADEWE-Quelle-Woolworth-Beate Uhse-Welt nicht versöhnen oder mein Gefühl der Befremdung mindern können. Dass Hartmut nun dorthin verschwunden war, machte mir diese Welt nicht attraktiver. Westberlin schien mir ferner denn je. So viel ich auch gereist, so weit ich auch herumgekommen war in meinem Leben, eine Reise zu ihm schien mir, bei aller Freundschaft, zu weit.
„Weißt du was“, sagte Elena, „ich werde mich mal umtun dort. Mit fünf Mark bin ich dabei.“
Ich musste lachen. „Wo hast du das nun wieder her?“
„Search me“, sagte sie und hob verwundert die Hände, so als erstaunte es sie selbst. „Heute noch fahre ich nach – wie heißt das doch? Charlottenburg. Und ich sage dir, ehe fünf Mark vertelefoniert sind, habe ich Hartmut in der Leitung.“
„Das wage“, warnte ich sie.
„Ist er dein Freund oder nicht?“
„Du hältst dich da raus!“
„Seltsame Welt“, sagte sie. „Da fährt einer von einem Stadtteil in den anderen, und schon läutet es mitten in der Nacht an der Haustür – the midnight knock.“
„Zu viele Krimis sind dein Problem.“
„Und deins ist, dass du zu nichts taugst, bis zu Bescheid weißt.“
„Ich weiß Bescheid.“
„Dann, bitte schön, besinn dich mal auf mich.“
Wieder beugte sie sich zu mir herab, der weißseidene Morgenmantel löste sich dabei, und ich verengte die Augen gegen den Anblick ihrer Brüste, sah noch, wie sie hinter sich die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte, dann zog ich sie an mich und küsste sie hart auf den Mund – zu hart. Sie musste gespürt haben, dass da wenig Liebe war.
„So nicht“, flüsterte sie.
„Anders auch nicht“, gab ich zurück.
Und dabei blieb es, musste es bleiben an diesem späten, von fremdem Besuch gestörten Morgen.
Und dann ergab es sich, dass Elena Hartmut gar nicht zu suchen brauchte, denn noch am gleichen Tag, als ich gerade nicht in der Wohnung war, meldete er sich telefonisch aus Westberlin – wegen eines Fotoalbums, das womöglich noch irgendwo im Mercedes liege, ein ihm sehr wertvolles Erinnerungsstück. Tatsächlich hatte ich das Album längst gefunden und verwahrt – es waren Hochzeitsfotos, auch Bilder von seiner und Helgas Harzreise nach der Heirat, Baby- und Kinderfotos von Karin, der Tochter, eine Reihe von Aufnahmen, die ihn als FDJler zeigten, im Brigadeeinsatz für die Maxhütte, als Schüler einer Abiturientenklasse in Wickersdorf, als Offizier und Student in Greifswald, als junger Arzt unter Ärzten und am Operationstisch. Ich hatte schon überlegt, wie ich ihm das Album zukommen lassen könnte, und dass Elena anbot, es ihm zu bringen, war nur zu verständlich gewesen, denn seit jener einschneidenden Novembernacht, als es um das Kind gegangen war, das sie von mir erwartete, fühlte sie sich ihm verpflichtet.
Sie war auf dem Weg von der Mansardenwohnung zum Lindencorso im dunklen Treppenhaus gestürzt, und als sich danach leichte Blutungen bei ihr einstellten, hatte ich Hartmut sofort verständigt. Er kam noch in der gleichen Stunde und zögerte keinen Augenblick, sie in die Klinik einzuweisen. Am folgenden Morgen schon ließ er mich telefonisch wissen, dass trotz allem mit einem normalen Verlauf der Schwangerschaft gerechnet werden dürfe – vorausgesetzt, Elena bliebe eine Zeit lang unter Aufsicht in der Klinik, verhalte sich auch danach noch ruhig und meide für die nächste Zeit jegliche Konzertauftritte.
„Hast du ihr das klargemacht?“
„Hab’ ich – sie scheint bereit dazu“, sagte er.
Ich dankte ihm.
„Schon gut“, erwiderte er und legte, brüsk, wie er stets am Telefon war und auch im normalen Umgang sein konnte, ohne weitere Worte auf.
Abgesehen von der Notwendigkeit ärztlicher Obhut also hatte sich nichts verändert, schien das Pendel zu seinem Ursprung zurückgekehrt, und in den folgenden, von regelmäßigen Klinikbesuchen unterbrochenen Tagen versicherte ich Elena immer wieder, dass ich froh über Hartmuts Prognose sei. Das versicherte ich ihr nicht nur, ich teilte wirklich ihre wieder auflebende Hoffnung auf das Kind.
„Hand aufs Herz!“, verlangte sie. Ich tat ihr den Gefallen, und dann sagte ich: „Es wird nicht leicht sein mit dem Kind, aber glaub mir, ich bin froh“, strich ihr übers Haar, beugte mich zu ihr hinab und küsste sie. „Du“, fragte sie, „was fängst du mit einem Weib an, das sich nicht rühren darf?“ Ich antwortete: „So komm’ ich wenigstens zum Schreiben.“ Sie lächelte, wurde schnell wieder ernst: „Du hast Bettina gesagt, was mir passiert ist?“ Ich sagte: „Hab’ ich nicht.“ Sie sagte: „Arbeite, so gut du kannst, aber lass dir auch Zeit für deine Frau und die Kinder.“ Ich antwortete nur: „Fast zu verständnisvoll von dir“, und wechselte das Thema, indem ich sie ermahnte, sich auch wirklich den Anweisungen der Ärzte zu fügen und nichts zu tun, was die Schwangerschaft gefährden könnte. „Unser Kind“, sagte sie froh, und versprach, worum ich sie gebeten hatte. Bald darauf ging ich, und es gelang mir an diesem Tag, trotz aller Gedanken an sie, konzentrierter zu arbeiten als seit langem. Wäre ich nicht durch ein jähes Läuten an der Wohnungstür unterbrochen worden, ich hätte die Erzählung in einem Zug geschrieben. Hartmut war gekommen. Kaum dass er sich gesetzt und ich ihm einen Whisky eingeschenkt hatte, stieß er zur Sache vor.
„Ich glaube inzwischen, auch wenn der Chef anderer Ansicht ist, es wäre besser, die Schwangerschaft zu unterbrechen – und das sage ich dir als dein Freund.“
Ich sah ihn an. „Wegen Bettina und weil Elena ist, wer sie ist.“
„Unterstell mir nichts“, entgegnete er. „Ich rate zum Eingriff, weil nun doch nicht auszuschließen ist, dass die Blutungen zu einer Schädigung des Embryos geführt haben könnten. Willst du das riskieren – ein nicht widerstandsfähiges, womöglich sogar hirngeschädigtes Mischlingskind?“
Wie er das betonte, zeigte mir, dass ihn nicht ausschließlich medizinische Überlegungen bewegten. „Der Hinweis darauf war überflüssig.“
„Du irrst dich“, erwiderte er. „Denn es ist nun mal eine wesentliche Tatsache.“
Mir widerstrebte es, das zu erörtern. „Warum hast du uns nicht gleich vor einer Gefährdung gewarnt?“
„Du wirst mir schon die Korrektur meiner Prognose gestatten müssen“, entgegnete er. „Doch zu deiner Erinnerung – ich habe lediglich vor einer möglichen Schädigung gewarnt. Der Chef, wie ich schon sagte, ist anderer Ansicht. Die Entscheidung liegt also bei euch.“
„Der Arzt – mein Freund und Helfer.“
„Was soll das!“
„Ich weiß doch, was du denkst“, sagte ich ihm. „Dass das zwischen ihr und mir keine Zukunft hat, wegen Bettina nicht, meiner Kinder nicht, und weil ich hier verwurzelt bin und sie, trotz allem, in jenem andern Land. Und weil sie ist, wer sie ist.“
„Hast du ausgeredet?“ Er stand auf und sah mich an, doch als er wieder sprach, spürte ich, dass er wie eh und je verbunden mit mir war. „Wenn du mich brauchst, du findest mich in der Klinik.“
Eine Stunde, wenn nicht länger, saß ich und dachte nach, und ehe es noch Nacht war, entschloss ich mich, ein zweites Mal zu Elena zu gehen. Sie hörte mir schweigend zu.
„Und was hältst du für richtig?“
„Kein Kind ist besser als ein krankes“, sagte ich – und so wahr auch ist, dass mich Hartmuts ursprünglicher Glaube an eine normale Schwangerschaft beruhigt hatte, als Elena seine späteren Bedenken guthieß und sich für seinen Rat entschied, war mir, als befreie sie mich von einer Bürde. Ich nahm sie in die Arme, und sicher hatte sie gespürt, dass ich das auch aus Erleichterung tat.
Nicht die geringste Vorahnung einer solchen Entwicklung war mir gekommen, als ich drei Monate zuvor Elena in dem Atelier der Wilhelms, eines mir befreundeten Künstlerehepaars, kennengelemt hatte. Nur dass ich sie begehrte und in ihrer Nähe bleiben wollte, war mir im Sinn, und wenn überhaupt, dann nur sehr vage, war mir bewusst gewesen, dass ich auch etwas nachholen wollte, was ich in den vergangenen Jahren versäumt hatte, als Seemann auf den pazifischen Inseln, in Brasilien und auf Kuba – das Erlebnis einer schwarzen Frau. Elena schien wie für mich geschaffen, ich setzte mich über alle Bedenken hinweg, meine Bedenken, die Bedenken der Wilhelms, und je länger ich Elena auf ihren Konzertreisen begleitete, ich mich Tage und schließlich Wochen von meiner Familie trennte, je tiefer verlor ich mich an sie. Das war nicht bloß ein Spiel mit dem Feuer, es war ein Verbrennen. Sie erwiderte meine Gefühle wohl auch, weil sie allein in einer ihr fremden Welt war und sie sich mit mir in ihrer Sprache austauschen konnte. So entstand ein immer heftigeres Verlangen, das wir beide bald als Liebe empfanden. Und doch – nicht selten schien sie mir damals auch wieder fremd und weit entrückt, und in die dann folgende Leere stieß eine so starke Sehnsucht nach Bettina und den Töchtern, dass mich bei Elena wenig mehr als der Zeitungsauftrag hielt. Gelang es mir mit der Reportage, oder gar mit den Erzählungen, die ich Elenas wegen beiseite geschoben hatte, ein Stück voranzukommen, war ich auch wieder empfänglich für sie, drängte es mich wie zuvor nach allem, was sie mir begehrenswert machte, das selbst mit Worten wie leidenschaftlich und sinnlich nur schwach umrissen ist. Sosehr es zuweilen auch den Anschein hatte, dass sie nur für den Augenblick lebte, von einer gemeinsamen Hotelnacht zur nächsten, wenn ich spürte, wie sie sich mir gab, zweifelte ich nicht daran, dass sie mich liebte. Und weil sie stets anteilnehmend nach Bettina und den Töchtern fragte, auch darin hatte ich ein Zeichen ihrer Liebe gesehen, brachte ich meinerseits für ihre Sehnsucht nach ihren Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, die sie im fernen Baltimore zurückgelassen hatte, als sie sich von ihrem Mann trennte, ein sie beglückendes Verständnis auf. Was uns verband, musste nicht von der Dauer einer Ewigkeit sein, versicherte sie, doch solange es währte, sollte das Gefühl, das uns zusammenbrachte, unantastbar bleiben. Mehr hatte sie nicht verlangt, aber auch nicht weniger.
Erst im Spätherbst dann, mit der Gewissheit von Elenas Schwangerschaft, war es zu jener entscheidenden Wende gekommen, die mich dazu brachte, meiner Frau mitzuteilen, was geschehen war. Wie eine Reise bis ans Ende meiner Kraft zog sich jene Dampferfahrt auf der Elbe hin, zu der ich Bettina überredet hatte, um ihr nicht zu Hause, vor den Töchtern gar, die Tragweite der Situation darlegen zu müssen. Mir schien, als ich endlich sprach, wie wenn ein Abgrund sich vor mir öffnete, der mit jedem Wort, jedem Satz bedrohlicher wurde. Es war, als zögen mich Kräfte hinab, und nachdem ich mich dazu durchgerungen hatte, das erwartete Kind anzuführen, verloren meine Worte sehr bald an Zusammenhang und Richtung. Mit keiner Silbe erwähnte ich die Spannungen, die unsere Ehe schon lange belastet hatten, und verlegte mich darauf, Bettina an die Zeit unserer ersten, noch ungetrübten Liebe zu erinnern, und was diese mir, trotz allem, noch bedeutete, während ich ihr im gleichen Atemzug die besondere Verantwortlichkeit klarzumachen versuchte, der ich mich durch Elenas Schwangerschaft ausgesetzt sah. Ich plädierte um Bettinas Verständnis, lobte ihre Fraulichkeit und welch gute Mutter sie unseren Töchtern war, hob ihre charakterliche Stärke hervor, pries ihre Schönheit, bezichtigte mich und sprach sie frei von jeder Schuld – ich, und nur ich, hätte die Dinge vorangetrieben. Und am Ende brachte ich den Mut nicht auf, mich zu Elena zu bekennen. Ich tat, als ginge es nur um das Kind, und ließ Bettina in dem Glauben, dass meine Leidenschaft für Elena längst abgeklungen sei. Sie unterbrach mich nicht, stellte keine Fragen, erhob weder Vorwürfe noch Forderungen und erinnerte mich nicht einmal an unsere beiden Töchter – was in ihr vorging, war erkennbar nur an dem starren Blick ihrer Augen. Sie schien erkaltet in der strahlenden Sonne jenes Herbsttages, sie regte sich nicht, nichts regte sich an ihr außer der Strähne weichen blonden Haars im Fahrtwind, und erst als das Schiff in Pirna anlegte und ich innehielt, wünschte sie uns, Elena und mir, mit verhaltener Stimme Glück. Und dann trennten wir uns, Bettina wollte es so. Wieder war mir, als bewegte ich mich am Rande eines Abgrunds, anstatt fort von ihr, trat ich noch einmal zu ihr hin und fragte sie, ob sie darauf bestünde, dass wir uns nicht nur jetzt und hier, sondern für immer trennten. Sie sah mich an, als litt sie mit mir um meinen Verlust, als bemitleide sie mich, und zögerte, meine Frage mit absoluter Endgültigkeit zu beantworten. Gab sie mir Bedenkzeit? Ich spürte, dass es so war, und fühlte mich dabei sogar erleichtert. Es war, als habe sie mich vor einem Unheil bewahrt, das mich soeben noch bedrohte. „Bis bald, Betty.“ Sie antwortete nicht, und als ich zögerte, wandte sie sich ab. Ich musste sie lassen, mir blieb keine Wahl. Allein war ich zur Innenstadt von Dresden und von dort zurück nach Berlin gefahren – zu Elena, die mich im Hotel erwartete. Und schon am Montag, der diesem Sonntag folgte, hatte ich mich auf die Wohnungssuche gemacht, während derer ich keinen Augenblick von dem Bewusstsein frei gewesen war, für das zu erwartende Kind verantwortlich zu sein – eine Verantwortung, von der mich nur Wochen später Elenas Sturz im Treppenhaus, vor allem aber ihre Übereinstimmung mit Hartmuts Rat befreite.
Abstand gewinnen – fern vom Schuss, allein und auf mich gestellt zu entscheiden, entweder für ein Leben mit Elena, so unruhig und wechselhaft es auch sein und wohl bleiben würde, oder zu Bettina zurückzukehren …
Auch Überlegungen wie diese hatten dazu beigetragen, dass ich den Zeitungsauffrag, ins Ausland zu fahren, begrüßte. Es sollte meine vierte Reise in die Vereinigten Staaten werden und zugleich die Wiederbegegnung mit der Stadt Memphis in Tennessee, wohin ich nach dem Attentat auf Martin Luther King schon einmal geschickt worden war – die Weiterführung jener Berichterstattung also, die mich einst nach Texas geführt hatte, Schauplatz der Ermordung Präsident Kennedys, und schließlich auch nach Mississippi, wo sich nach dem grausamen Ku-Klux-Klan-Überfall auf drei Bürgerrechtskämpfer die Überzeugung in mir verhärtet hatte, dass Amerika bis hin zu einer grundlegenden sozialen Umwälzung von immer wiederkehrenden Wellen von Gewalttätigkeiten zerrissen werden würde.
Abstand gewinnen, Entscheidungen treffen!
Hatte ich in der Stunde des Abflugs, ja gerade dann, Sehnsucht nach Bettina empfunden, ein Gefühl, das von einer Liebe getragen war, die noch immer weiter reichte, als dass sie die Mutter meiner Töchter war – in den USA entglitt sie mir. Angesichts des Elends im schwarzen Chicago, wo ich zwischengelandet war und mich zwei Tage lang aufhielt, und auch des Elends in jenem Randgebiet von Memphis, wo die Menschen lebten, deretwegen Martin Luther King sein Leben gelassen hatte, schwand mein Schuldgefühl gegenüber Bettina. Was ich diesmal wieder in Amerika sah, hörte und erlebte, verdrängte meine Gedanken an die Lage, in die ich sie gebracht, den Zustand von Überreiztheit und Lustlosigkeit, unter dem inzwischen auch die Töchter litten, besonders die ältere, schon recht verständige Esther – und natürlich Bettinas Beruf, die Arbeit in der Keramikwerkstatt und an den Buchillustrationen. War mir all das immer weniger gegenwärtig, so füllte jetzt Elena zunehmend mein Bewusstsein, und je tiefer ich in das Leben eindrang, mit dem ich konfrontiert war, ich mich bald nur unter schwarzen Menschen bewegte, desto deutlicher sah ich sie vor mir. Hier auch, stärker noch als in Berlin, wirkte das einschneidende Erlebnis ihrer Jugend auf mich, welches sie mir in stockenden Worten erzählt hatte – es war, als sei ich zu eben jenem verhängnisvollen Ort gelangt. Die wüste Schuttablage voller Autowracks zwischen den zerfallenen Häusern des Gettos, an deren Wände rüde Worte gemalt waren, motherfuckers, fuck youse all, mochte der Stelle gleichen, zu der in jener dunklen, mondlosen Nacht diese Bande Elena gezerrt, ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie auf dem Rücksitz eines Autowracks vergewaltigt hatte. Und die Gettokneipe, in die ich eingekehrt war, unterschied sich wohl kaum von der Kneipe, wo Elena als junges Mädchen Spucknäpfe, Pissoirs und Toiletten geschrubbt hatte. Memphis oder Baltimore – das soulfood Restaurant, in das ich eingekehrt war, würde dem Restaurant ähnlich sein, wo Elena einst für freies Essen nur und die Trinkgelder gekellnert hatte, und sicher glich die kleine Bar mit dem weißhaarigen Klavierspieler jener Bar in Baltimore, wohinein sie vor ihrem Mann geflüchtet war und, indem sie die Bühne eroberte und zu singen begann, sich innerlich von seinen gewalttätigen Eifersüchten befreit hatte – Elenas erster öffentlicher Auftritt! Oh, Danny boy, the pipes, the pipes are calling: sehnsuchtsvoll irische Weise aus dem Munde einer schwarzen Frau. Täglich, stündlich glaubte ich Elena besser zu begreifen. Ich erkannte, dass ihre Flucht aus der Ehe zugleich auch eine Flucht aus dem Getto gewesen war, ein Durchbrechen jener unsichtbaren Grenzen, die ich überall spürte. Bald war mein Bedürfnis, mit den Menschen, unter denen ich jetzt lebte, über Elena zu sprechen, nicht mehr zurückzudrängen, und obschon diese oft genug Skepsis gegenüber unserer Liebe offenbarten und sogar Ablehnung, schließlich war Elena dem Getto entkommen und lebte jetzt unbehelligt in Europa, in dem Grad, da sie meine Verbundenheit zu ihr spürten und Verständnis dafür aufbrachten, gewann ich auch ihr Vertrauen. Mir war, als schickten sie sich allmählich an, Elena die Flucht aus dem Getto zu verzeihen – war das nicht der Weg so vieler schwarzer Sänger – und sie wie eine lang verschollene, nun plötzlich wiederentdeckte Schwester zu akzeptieren. Bald fühlte ich mich als dazugehörig einbezogen, Türen öffneten sich mir, wo sie zuvor verschlossen geblieben waren, und je länger ich Gast unterm Dach der Armen von Memphis blieb, desto mehr schwand das Gefühl, dass ich unter Schwarzen lebte; ich merkte es kaum noch, lernte sie in ihrer Wesensart zu unterscheiden, Nachbarn, Freunde und Feinde, Menschen wie überall, und teilte ihr Leben, bis für mich schon nicht mehr in Frage stand, dass ich mich dem Gedenkmarsch für Martin Luther King anzuschließen habe, der sich in Memphis für den langen Weg nach Washington formierte. Während der Nächte vor den Lagerfeuern von Tennessee, der Busfahrten quer durch Kentucky bis hin nach Illinois erfuhr ich, was kein Fremder je erfahren hatte. Ich schrieb alles auf – und so entstand weit mehr als eine Reportage über die Hintergründe eines Attentats, es häuften sich die Aufzeichnungen für ein Buch, das auch von den Erkenntnissen, den Einblicken zeugen würde, zu denen mir die Verbundenheit mit Elena den Weg geebnet hatte …
„Elena.“
Es war, als habe sie weder den Schlüssel im Schloss noch mein Eintreten gehört, auch nicht, dass ich zu ihr sprach. Versunken in ihre Gitarrenmusik, zu der sie leise sang, saß sie im Dämmerlicht beim Fenster der Mansarde, und erst, als tief unten in der Schlucht der Straße das Kreischen der Räder auf Stahl, als klirrend und laut rumpelnd eine Straßenbahn die sonntägliche Stille zerriss, hielt sie inne. Ihre Hände lagen nun flach über den Saiten der Gitarre, doch noch immer wandte sie sich mir nicht zu.
„Elena!“, rief ich ein zweites Mal.
Waren es wirklich nur drei uns trennende Wochen gewesen? Als sie, still jetzt, nach den langen und immer doch zu kurzen Minuten in meinen Armen lag, schien mir, als seien wir die Spanne eines turbulent gelebten Lebens getrennt gewesen.
„Und doch – ich war immer bei dir, Elena. Ich war, wo du herkommst.“
Ich spürte, wie sie erstarrte. „In Baltimore – du …“
Ihre Panik erschreckte mich, und weil das so war, ließ ich sie in dem Irrglauben – nicht lange, doch zu lange für sie.
„Mein Gott“, sagte sie heiser, „was hast du nur angerichtet. Du wusstest doch, wozu er in seinem Zorn fähig ist! Hast du ihm gesagt, dass ich dich zu ihm schicke, dass du und ich …“
Wen anders als den Vater ihrer Kinder konnte sie meinen? Und so, statt einer Antwort, fragte ich sie: „Seid ihr auseinander, oder seid ihr es nicht?“
„Mehr als du und Bettina.“
„Wo bin ich denn jetzt? Etwa bei ihr?“
Sie hörte nicht darauf. Ihre Ängste schürten ihre Panik. „Er wird sich durch die Kinder an mir rächen. Du kennst ihn nicht. Wie konntest du zu ihm fahren!“
„Ich wollte in deine Nähe.“
„Die findest du hier, nicht dort!“
„Deine Nähe“, sagte ich, „war auch in New York zu finden, in Chicago und in Memphis!“
„Wie soll ich das begreifen? Warst du bei ihm oder nicht?“
„Der Vater deiner Kinder muss noch viel schlimmer sein, als du es beschrieben hast“, sagte ich ihr. „Und nein – ich war nie in Baltimore!“
Die Spannung wich aus ihrem Körper. Wie erlöst begann sie zu weinen, ohne Tränen, nur ihre Augen schimmerten. Sie hob den Arm, der über meiner Brust lag, und jetzt im schwindenden Dämmerlicht sah ich wieder die Brandmale auf der samtweichen dunklen Haut, Narben nicht größer als Nagelköpfe.
„Das geschah wegen weit weniger, als uns verbindet – oh, dieses Misstrauen, diese Eifersucht!“
Nun endlich wusste ich auch das. „Und dem hast du deine Kinder anvertraut!“
„Zu den Kindern war er immer gut“, sagte sie. „Aber das heißt nicht, dass ich aufhöre, mich nach ihnen zu sehnen. All diese Wochen ohne dich, und immer die Sehnsucht nach den Kindern.“
„Hol sie dir“, sagte ich ohne Überzeugung – denn was für ein Leben würde es für die Kinder sein, solange die Mutter wieder und wieder zu neuen Reisen aufbrach. „Hol sie dir, wenn du meinst, dass es nicht anders geht.“
„Verlier ich dich dann?“
„Verlier ich dich meiner Kinder wegen?“
„Selbst wenn du zurück zu Bettina gingest, würde ich dich weiter lieben.“
Woher nahm sie die Kraft dazu? Ginge ich wirklich zu Bettina, Elena bliebe mir auch dann, das spürte ich, und auch dafür liebte ich sie.
„Sometimes I feel like a mother– less child.“
Ich wusste, warum sie den Blues jetzt sang, begriff ihre Traurigkeit, und plötzlich wollte ich nicht, dass sie wegging, wollte nicht, dass sie heute in der Nachtbar sang, und das sagte ich ihr.
Sie schüttelte nur den Kopf, befreite sich aus meinen Armen und stand auf. Im Schein der Bogenlampen, der von der Straße her durchs Fenster fiel, sah ich, wie sie die Perücke, ohne die sie nie auftrat, über ihr Haar streifte.
„Längst müsste ich dort sein. Und sicher bist du nicht hier, wenn ich wiederkomme“, sagte sie leise, aber bestimmt. Es war, als forderte sie meinen Aufbruch geradezu heraus.
„Ich bin morgen wieder hier.“
Sie widersprach mit keinem Wort, und in jener Stunde noch verließ ich die Wohnung und fuhr nach Stahnsdorf.
