Flüchtige Besucher - Wolfgang Weniger - E-Book

Flüchtige Besucher E-Book

Wolfgang Weniger

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Beschreibung

Hamburg, Ende der 1970er-Jahre. Erzählt wird von einem jungen Mann, der eines Tages erkennen muss, dass er in der Distanziertheit des Großstadtlebens seine Zeit durch Belanglosigkeiten vertan hat und als flüchtiger Besucher dieser Welt nur unbedeutende Spuren seines Daseins hinterlassen wird.

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Wolfgang Weniger wurde 1946 in Hannover geboren. Er studierte

in den 1970er-Jahren in Hamburg Politik und Philosophie und

arbeitete danach freiberuflich. Seit 1980 lebt er in Hildesheim.

Schreiben ist für ihn die situationsbedingte Aneignung von

zufälligen Ereignissen, wobei Selbsterlebtes gelegentlich durch

Fantasie ergänzt wird. Einen Sinn des Schreibens sieht er in der

Darstellung eines metaphysischen Realismus.

„Der Ursprung all unserer Ängste und Schwächen ist ein Mangel an Liebe.“

Federico Fellini

Vorbemerkung

Das Bedürfnis, jemandem etwas mitzuteilen, begründet nicht von vornherein die eigene Wichtigkeit. Und wennschon, die Grenzen der Zumutbarkeit regeln sich allein durch die Verkaufszahlen eines Buches. Aber jeder Autor hat seine Gemeinde, auch wenn sie im ungünstigsten Fall nur aus ihm selbst bestehen sollte.

Wird schon gutgehen. Was für den einen zu wenig trivial, ist für den anderen zu wenig sinnvoll. Hat man sich schließlich als Autor zur Genugtuung des willigen Lesers für eine aussagefähige Variante entschieden, dann fangen auch sogleich die ersten Unannehmlichkeiten einer selbst auferlegten Suche nach dem einzigen, dem richtigen Wort für eine bestimmte Darlegung an, und da diese bekanntlich eine Sache der Beharrlichkeit ist, wünscht man sich an manchen Tagen, ein anderer zu sein.

Ich bin gereizt, empfindlich für jede ungenau geäußerte Bemerkung und ungerecht gegen zufällig anwesende Leute. Zuletzt bin ich deprimiert. Der Grund liegt darin, nicht zu zu wissen, wie ich es besser machen könnte. Die Beschäftigung mit der Mittelmäßigkeit ist ernüchternd, wenn man keine Lösung hat und die Ursachen dafür wahrscheinlich in den Voraussetzungen des gegenwärtig geführten Lebens liegen. Wenn man das weiß, findet man zwar noch immer keine Lösung, vielleicht aber eine Erklärung.

In so einer trüben Stimmung ist mir für gewöhnlich irgendeine stille Ecke recht. Ich besinne mich und erinnere mich nach einer Weile an Paul Scarron, meinen unsichtbaren Begleiter, und werde allmählich wieder zuversichtlicher.

Dankend erinnere ich mich seiner bleibenden Worte: „Diejenigen, welche lesen können, werden in diesem Geschriebenen von selbst merken, dass die größten Gebrechen darin nicht meiner Schuld beigemessen werden dürfen, und diejenigen, welche nicht lesen können, werden gar nichts merken.“

Es war ungeschickt von mir, wie ich mich umdrehte, mit der Kaffeetasse in der Hand. Direkt hinter mir stand Lisa und ich hatte weder sie noch sonst jemanden so dicht hinter mir erwartet.

Ein dunkler Fleck des heißen Kaffees wurde auf ihrer Bluse sichtbar und Arno lachte.

„Mann! Himmel noch mal.“ Lisas plötzlicher Schreck hatte uns erschreckt und ein Gespräch unterbrochen, in dem es um gar nichts ging.

„Entschuldige, hab ich dich verbrüht? Ist es schlimm?“

„Arschloch.“

„Mal langsam, mach jetzt keine Geschichten, es war bestimmt keine Absicht.“

„Ja doch, ich meine Arno.“

In dem kleinen Café war es an diesem späten Nachmittag eng und verraucht und schwül. Wir standen in der Nähe des Eingangs, an einem von den vier seitlich an der Wand befestigten Stehtischen.

Ich kannte Arno, er lachte nicht aus Häme, es lag an der ungewollten Ungeschicklichkeit, an der Situation, die jetzt komisch wirkte, denn in Lisas leichtem Unmut lag kein Grund zur Ernsthaftigkeit.

Wir wollten ja gleichmütig bleiben, versuchten den Atem anzuhalten, aber dann war da dieser innere, haltlose Zwang und so genügte ein kurzer Blick an Lisa vorbei und zu Arno hin und schon platzte es aus uns heraus, laut und unsensibel. Schließlich hielt ich die eine Hand vor meine Augen und Arno nahm seine Nickelbrille ab, wischte mit seinem Hemdärmel oberflächlich über die verschmierten Brillengläser und gab danach wortlos und mit schiefer Kopfhaltung zu verstehen, dass Lisas Missgeschick für ihn erledigt war.

„Auf meine Kosten? Jungs, ihr seid albern.“

Lisa schien sich beruhigt zu haben und prüfte nun den dunkelbraunen Fleck auf ihrer weißen Bluse genauer. Aber je länger sie verärgert prüfte, desto größer wurde ihre Enttäuschung und die gerade entstandenen Wangengrübchen verschwanden wieder. Lisa hatte ein hübsches Gesicht, ein wirklich hübsches Gesicht, aber der Ärger stand ihr nicht. „Die ist hin, habt ihr wirklich gut gemacht.“

„Ihr?“ Arnos schiefe Kopfstellung wechselte in eine gerade Haltung.

„Egal, ich geh jetzt nach Hause und werde mich umziehen. Ihr bezahlt den Kaffee für mich?“

„Na klar. Ich komme bald nach“, sagte ich und sah Lisa hinterher.

„Levis Gesicht möchte ich sehen.“ Arnos Überlegung war vorurteilsfrei, nur eine sachliche Feststellung, ohne ein missverständliches Lächeln.

„Levi ist auf Reisen und Lisa ist allein. Sie verträgt das nun mal nicht.“

„Na denn, lauf ihr schnell nach. Ich muss auch los, bin verabredet mit einem möglichen Käufer für mein letztes Bild. Der Kerl hat Geld über, und es wäre unklug, ihn warten zu lassen.“

Arno war Kunstmaler, ein arbeitsbesessener Künstler, der seine Gemälde erfolgreich verkaufen konnte. Er wohnte in der Milchstraße, in einer der zwei Wohnungen, die beide seinem Freund gehörten. Dieser Freund, ein Schulfreund, hatte das Haus geerbt. Dessen Familie musste reich sein, aber Arno nannte keine Namen, hielt sich zurück und erzählte nicht viel.

Es war keine sofortige, sondern eher eine allmähliche Entscheidung für die räumliche Nähe zwischen ihm und seinem Freund gewesen. Der wahrscheinliche Grund für diese Nähe lag in einem Ereignis aus den letzten Tagen der gemeinsamen Schulzeit. Es war reiner Leichtsinn, damals, die Sauferei während der Abschlussfeier, mit der Sicherheit einer grade erworbenen Hochschulreife.

Später die dicken Zigarren zwischen den bleichen Lippen, und noch etwas später die überdrehte Angeberei über Sex und Weiber. Irgendwer kam irgendwann auf die Idee, sich in die Autos zu setzen. Die Tour mit mehreren vollbeladenen Autos ins Milieu endete entsetzlich.

Zwei Wagen kollidierten während der wilden Fahrt und es gab vier Tote. Vier Tote eines Jahrgangs.

Die Zeitungen hatten sich der Sache dankend angenommen und für einen Tag ihre Seiten damit gefüllt.

Ich trank meinen Kaffee aus und zahlte. Vom Café Neumann bis zu Lisas Wohnung war es nicht weit. Sie wohnte in der Grindelallee. Ich musste warten, bis Lisa mir die Tür öffnete.

Sie hatte inzwischen ihre Jeans gegen einen kurzen Rock und die Bluse gegen einen weiten, anthrazitfarbenen Pullover getauscht und die Ärmel nach oben geschoben.

Immer wieder musste ich auf ihre schlanken, sonnengebräunten Beine sehen.

„Ich räume auf, deine Sachen liegen hier und da“, sagte sie.

Lisa hatte eine helle, kleine Zweizimmerwohnung mit den Fenstern zur Straßenseite hin. Mit wenig Geld, aber mit Ideen und einem sicheren Stilgefühl hatte sie diese kleine Wohnung eingerichtet und man sah und fühlte Lisas Sauberkeit.

Ich suchte einen Aschenbecher und setzte mich dann in einen Sessel, den Lisa mit einer Husse abgedeckt hatte.

„Stimmt’s?“, fragte Lisa, „Arno hatte Verlangen nach häuslicher Gefälligkeit?“

„Nein, heute war er dem Geld hinterher. Ich weiß, du magst Hedy nicht. Aber sie ist nun mal seine Jugendliebe und er liebt sie mit all ihren Schwächen.“

„Doch, doch, sicher mag ich Hedy, wenn du willst. Mein lieber Freund, sie ist mir völlig egal.“

„Jedenfalls ist sie ihm eine willkommene Hilfe, sie ist seine Inspiration, er malt sie als Akt.“

„Dieses hingebungsvolle Muttertier, diese scheinheilige Gotteslohnpuppe als Akt?“

„Hedy ist sicherlich exzentrisch, exzentrisch durch ihre ungewollte Kinderlosigkeit“, sagte ich und küsste Lisas innere Handfläche.

„Oh, das ist mir so gleichgültig.“ Lisa stand vor mir und sah mich an, nervös und etwas besorgt.

„Levi wird bald hier sein.“

„Er wird bald hier sein? Das wundert mich, er braucht doch sonst viel länger.“

„Sei bitte still.“

Levi reiste dann und wann nicht allein und Lisa wusste das.

Von seinem Vater hatte Levi ein heruntergekommenes Antiquariat übernommen, konnte es aber durch gedankliches Geschick und kaufmännische Begabung im letzten Moment vor der Pleite bewahren und dann sogar schrittweise wieder nach vorne bringen. Später kam dann die Buchhandlung dazu. Allerdings waren die Zeiten schwieriger geworden, Levi musste ständig neue Ideen entwickeln und umsetzen, um nicht alles wieder zu verlieren. Seine Verbindungen waren verzweigt und die Reisen daher eine von Lisa akzeptierte Notwendigkeit.

Lisa setzte sich auf meinen Schoß. Ich spürte ihre Wärme, eine angenehme Wärme, zögerte einen Augenblick, begriff ihre gesuchte Nähe als Angebot und schob langsam meine Hand unter ihren Rock.

Lisa war neugierig, aber nicht willig. „Meine Güte, ich bin ja so unruhig.“ Lisa stand abrupt auf und zog an ihrem Rock. „Es ist schwierig genug für mich, und Levi hat dieses feine Gespür für kommende Komplikationen. Ich bin abhängig von ihm, und nicht von dir.“

Ich zündete mir eine Zigarette an, atmete tief ein und blies den Rauch in Richtung des offenen Fensters. „Die Psyche der Frauen wird uns wohl noch lange weitgehend verwehrt bleiben.“

„Psyche oder Denkweise?“, fragte Lisa.

„Vermutlich beides.“

„Ach was, ihr seid bequem und hormonbeherrscht, und glaubt ja nicht, dass euch eure Beiträge zur menschlichen Entwicklung retten werden.“

„Lisa, du bist ganz schön nervös.“

„Bin ich nicht. Möchtest du eine Kleinigkeit essen? Schinken mit Ei?“

„Nein danke, setz dich doch bitte wieder“, sagte ich, aber Lisa schüttelte ihren Kopf und öffnete den Kleiderschrank.

„Ich brauche neue Schuhe, Ballerinas und leichte Schuhe mit hohen Absätzen.“

„Ich könnte dich begleiten, wenn du willst.“

„Von wegen, Inga kommt mit.“ Lisa wurde nachdenklich. „Was liebst du eigentlich an mir?“

Ich stand vom Sessel auf, stellte mich hinter Lisa, umarmte sie, und wie von selbst waren auf einmal meine Hände unter ihrem Pullover und dann streichelte ich mit der einen Hand ihren runden, kleinen Busen und legte die andere Hand auf ihren flachen Mädchenbauch.

„Bitte hör auf“, sagte Lisa.

Wir zuckten zusammen, als es klingelte, und wir mochten zuerst nicht glauben, dass es geklingelt hatte, aber dann machte sich Lisa los von mir, lief zum Fenster und sah auf die befahrene Straße hinunter.

„Es ist Levi. Nimm schnell deine Sachen, geh eine Treppe höher und verhalte dich ruhig.“

Kurz darauf kam Levi die Treppe hoch. Er trug schwere Koffer und war außer Atem.

„Schön, dass du hier bist“, sagte Lisa und zog die Tür hinter sich zu.

Ich wartete, bis sich ihre Schritte entfernten und ihre Stimmen leiser wurden. Mit meiner kleinen Tasche schlich ich an Lisas Wohnung vorbei, ging die Treppen hinunter und auf die Straße, sah zu Lisas Fenster hoch und ging dann zu meinem Auto. Einen Augenblick blieb ich still sitzen, dann fuhr ich in den Eppendorfer Weg, zu meiner Wohnung. Im Vorbeifahren sah ich, dass die Tür vom Pö noch verschlossen war.

In meinem Postkasten lagen einige Briefe und eine Ansichtskarte aus Italien. Ich erkannte Ingas Handschrift.

In der Wohnung öffnete ich sämtliche Fenster, atmete tief durch, ging zum Schreibtisch und las im weißen Schein der Lampe Lisas Ansichtskarte und die Briefe.

Inga ging es gut.

In einem der Briefe lag ein Verrechnungsscheck von einem Privatmann. Meine Bezahlung für eine simpel geschriebene Geschichte.

Nachdem ich die Fenster wieder geschlossen hatte, nahm ich Rotwein aus der Küche mit zur Fensterbank und verteilte Kissen, füllte mein Glas und lehnte mich zurück.

Lisa hatte sich gefreut, als Levi kam.

Ich griff nach dem Glas und nippte, dann trank ich das ganze Glas leer. Der Rotwein wärmte meinen Magen und machte ein bisschen müde. Ich sah aus dem Fenster, beobachtete vorübergehende Leute und erkannte hin und wieder, wie der nahe Abend die Menschen in ihrer Beweglichkeit veränderte.

Hinter den Blättern der Linde vor meinem Fenster sang eine Amsel. Sie spreizte nacheinander ihre schwarzen Flügel, richtete kurz die Kopffedern auf und flog davon. Ohne ihren Gesang war es sonderbar still, und nur die ständigen Geräusche der Straße dauerten an.

In letzter Zeit trank ich auch alleine und nicht nur, wenn ich mit anderen zusammen war und alle tranken.

Draußen wurde es ruhiger, fast menschenleer, vereinzelte Schritte auf dem Pflaster hallten hoch und manchmal das übertriebene Lachen von Leuten, die aus der Kneipe kamen und umständlich weitergingen.

Ich verdünnte den Rotwein nicht mehr mit Wasser, trank noch ein Glas und wurde müde.

Mit den Kissen in der Hand ging ich hinüber und sank aufs Bett, das mit der Kopfseite inmitten eines Bücherregals stand, hart gepolstert war und in dem Lisa, Inga und ich zusammen Platz genug hatten, als es einmal spät geworden war. Ich schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen regnete es und es war kühl geworden. Im Bett war es warm und ich verspürte kein sofortiges Verlangen nach dem Badezimmer. Ich langte über meinen Kopf nach oben ins Regal, tastete nach der Karte und las nochmals Ingas kurze Sätze, die kein verstecktes Wort der Zuneigung für mich enthielten.

Nachdem ich geduscht hatte, kochte ich mir Kaffee, aß ein mit Butter bestrichenes Croissant und nahm den heißen Kaffee mit in das vordere Zimmer, setzte mich an die Schreibmaschine und begann mit der Arbeit.

Meine Geschichten hatten immer eine einfache Handlung und die darin vorkommenden Figuren unterschieden sich nur durch Namen und Gewohnheiten. Ich war jedes Mal erstaunt, dass ich mir damit Essen und Trinken verdienen konnte.

Die Leute, die mir Geld dafür gaben, lasen gern ihren Namen, und dafür, dass ihr Name in einem Buch stand, waren sie bereit, einiges hinzublättern. Ich hörte zu und merkte mir, was ihnen wichtig war. Das, was für sie Bedeutung hatte, und ihren Namen fügte ich dann in die vorbereitete Geschichte ein. Es bedeutete ihnen wirklich eine ganze Menge.

In Levis Buchhandlung lagen Aufmacher von mir. Aufmacher in Form eines Steckbriefs für an sich bedeutungslose, lächerliche Geschichten. Wenn jemand interessiert war, vermittelte Lisa. Sie tat das mit geschäftsmäßiger Umsicht, und dank ihrer Hilfe wurde die Nachfrage in letzter Zeit größer. Ich kam über die Runden und lag in der Nacht nicht mehr wach.

Es war fast Mittag, als Thomas anrief. Er hielt sich zurück mit Worten, wenn er telefonierte, ein Spleen von ihm, ein Spleen, den er konsequent beibehielt.

„Wir haben etwas zu besprechen.“

„Schön, aber was denn nur?“

„Du könntest mir Arbeit abnehmen.“

„Fein. Ein Wort mehr von dir wäre jetzt hilfreich.“

„Hör zu. Die Protestbewegung wird journalistisch mal wieder aktuell, zehn Jahre nach dem Schahbesuch und dem Tod eines Studenten in Berlin.“

„Berlin also. Berlin bot schon immer Voraussetzungen für Tragik und Verschleierung.“

„Siehst du. Nun, die Redaktion wünscht kurzfristig ein Resümee fürs Feuilleton. Willst du?“

„Und ob ich will.“

„Schreibst du eigentlich noch immer an diesen absurden Geschichten?“

„Ich würde dir gern eine andere Antwort geben.“

„Armer Irrer. Na, wenigstens benutzt du keine elaborierten Stilmittel.“

„Manchmal ist meine sprachliche Ausdrucksfähigkeit schon differenziert.“

„Lass gut sein. Wir treffen uns in einer Stunde bei Levi, im Buchladen.“

„Wieso dort?“

„Weil ich mit ihm gesprochen habe. Er ist einverstanden und freut sich auf unsere Anwesenheit.“

„Wenn das man kein Missverständnis ist.“

Thomas hatte aufgelegt. Er hatte nicht mehr gehört, was ich zum Schluss sagte.

Drei Bücher hatte Thomas bislang geschrieben. Diese Bücher hatten ihn zwar nicht reich gemacht, aber er konnte gut davon leben. Thomas schrieb über die Dinge, in denen er sich zu Hause wusste. Er schrieb schlicht, erzählerisch und mit dem Können, seine Zuneigung zur geschriebenen Sprache auf eine solche Weise zu vermitteln, dass die Fantasie des Lesers seiner geschriebenen Normalität zu folgen vermochte.

Wir kannten uns jetzt einige Jahre und ich hatte festgestellt, dass er nicht zu jenen Menschen gehörte, die sich durch Erfolg entfremden ließen. Thomas blieb, wie er war, und ich profitierte davon, denn seine guten Verbindungen zur Zeitung beruhigten mich gelegentlich bei der Feststellung meines Saldos.

Thomas und ich wussten, was wir voneinander zu halten hatten, wir kamen uns nicht in die Quere und versicherten uns unserer Verlässlichkeit. Dennoch behielt ich eine instinktive Distanziertheit, die ich allerdings für mich nicht plausibel erklären konnte.

Eine ziemlich lange Zeit war er unglücklich gewesen, unglücklich durch seine Widersprüchlichkeit. Im Grunde war er ein Einzelgänger, der in seiner Wohnung mitunter ein wunderliches Leben führte. Schreiben konnte er nur, wenn er allein war und in Ruhe gelassen wurde, aber dann wieder, in den stillen Zeiten des Nichtstuns, fühlte er doch, wie gefährlich die Einsamkeit sein konnte.

Und dann kam eines Tages Dido, aus heiterem Himmel, und brachte sein Leben in Unordnung. Dido war ihrem Mann davongelaufen, stand mit leichtem Täschchen in der Hand vor der Tür, unerschütterlich und selbstsicher, und blieb einfach da. Und Thomas war zuerst blind vor Liebe, und auch ein wenig zu gutmütig. Er bemerkte zunächst gar nichts, bemerkte keine Anzeichen einer Veränderung, er riss nur eines Tages die Augen auf, als aus einer Aktrice der Nacht eine dominierende Frau am Tage geworden war.

„Diese kleinen Gefälligkeiten, die sie ständig verlangt … Ich bitte sie, erkläre ihr, dass ihre Störungen den Tod meiner Einfälle bedeuten, aber sie versteht es nicht und ich muss sie schließlich anknurren wie ein Hund, und vor lauter Wut verflüchtigt sich der letzte Rest meiner Ideen. Aber später, wenn ich genug geschrien habe, tut es mir leid, und dann begreife ich langsam, dass ich ihre Nähe brauche, dass ich ohne dieses verdammte Weib unfähig bin und keine weitere Zeile mehr schreiben kann.“

Als Thomas mir davon erzählte, drehte ich ihm den Rücken zu. Er sollte in meinem Gesicht dieses Grinsen nicht sehen, dieses spöttische Grinsen, das ich an mir selbst nicht mochte.

Levi hatte seine Buchhandlung im Mittelweg, mit dem Auto von meiner Wohnung aus eine Sache von Minuten. Als ich die Tür öffnete, sah ich Lisa. Sie sprach mit Kunden, winkte kurz und deutete mit der Hand hinter sich.

Ich ging weiter und betrat das Clubzimmer. Levis Büro. Ein Büro, das eigentlich nach Levis Vorstellungen englisch aussehen sollte. Irgendwann wurde diese Absicht vergessen und sank dadurch zu einer Ansammlung unterschiedlicher Einrichtungsgegenstände herab. Und dennoch, es war ganz und gar nicht so, dass man sich in Levis Büro nicht wohlfühlte.

Ein dunkler, massiver Holzschrank aus dem 19. Jahrhundert verdeckte fast eine gesamte Wand. In diesem Bollwerk aus Holz befanden sich Levis sämtliche Aktenordner, unwichtige Gebrauchsgegenstände fürs Büro sowie der größte Teil seiner Hosen, Hemden und Unterwäsche, und selbstverständlich jede Menge unterschiedlicher Getränke und Gläser.

Levi saß an seinem Empire-Schreibtisch und telefonierte. Von der Seite sah ich seine anliegenden, zurückgekämmten Haare, sein dunkles, schmales Gesicht, glatt rasiert, und hörte seine verärgerte, aber routiniert kontrollierte Stimme.

Ich tippte im Vorbeigehen auf seine Schulter und ging zu Etna und Thomas hinüber. Beide saßen in den schweren, dunkelbraunen Ledersesseln. Auf dem niedrigen, schwarzgebeizten Rundtisch standen Kaffeetassen und eine halbvolle Kognakflasche.

„Da ist er ja“, sagte Etna und Thomas zog an meinem Ärmel, als ich mich neben ihn gestellt hatte. „Setz dich bitte dorthin, aufs Sofa.“

„Du wolltest mich doch ins Kino einladen.“ Etna war abweisend.

„Ich hab’s nicht vergessen.“

Etna sah mich mit ihren dunklen Augen an. Sie glaubte mir nicht und sie hatte recht, ich hatte sie vergessen.

Etna war schlank und langbeinig, sie hatte brünettes Haar und einen bräunlichen Teint. Meistens war sie übernervös.

„Deine Haare werden immer kürzer und deine Möpse dafür größer.“

„Was geht dich das an.“

„Hört schon auf.“ Thomas schob mir den Merkzettel hin. Wie meistens waren seine Notizen sauber und gut lesbar. Ich las flüchtig die Hinweise zur Frist und unten am Zettelrand die Andeutung, ungeklärte Hintergründe im Zusammenhang mit dem Berlin-Besuch des Schahs besser unberücksichtigt zu lassen. Ich begriff nicht gleich, stellte meine Fragen an Thomas jedoch zurück, faltete den Zettel und steckte ihn in meine Jackentasche.

Etna hatte mich während des Lesens aufmerksam beobachtet.

„Wäre Frankfurt für dich eigentlich vorteilhafter gewesen?“, fragte ich. „Zur Frankfurter Schule als höchste Form der reinen Vernunft?“

Etna reagierte nicht, wertete die Frage offensichtlich als nichtssagende Bemerkung, die keiner Antwort bedurfte.

„Hör zu, Etna, ich brauche aktuelle Einblicke für meinen Schreibkram und dazu hätte ich gern deine Unterstützung. Ich werde mich auch demnächst revanchieren. Erstens, wie ist es denn heute so, das Verhältnis zu euren Professoren?“

„Das Verhältnis zu meinem Professor ist sehr gut, wir duzen uns.“ Etna sah mich zuerst verwundert an, dann wurde sie etwas nachdenklich. „Und die Talare sind auch passé. Rollkragenpullover und Jeans sind jetzt modern, und mein Professor hat manchmal reineweg gar nichts an. Was sagst du nun?“

„Etna, bitte etwas mehr Verständnis. Gibt es sie denn noch, die wütenden, die revolutionären Gedanken von 68?“

„Ich weiß nicht, was damals war. 1968 kannte ich nur meinen Schulweg und tapsige Berührungen junger Dussel und die Professoren mit dem Gehabe von Duodezfürsten sind mittlerweile verstorben.“

„Wie Theodor Wiesengrund?“, fragte Thomas.

„Irrtum, er war keineswegs herrschaftssüchtig, er war einzigartig.“

„Bei euch Soziologen ist doch jeder Mensch einzigartig.“

„Thomas, das sind doch wohl eher die Psychologen, die diese Meinung haben. Aber es stimmt doch?“

„Mag ja sein, aber sie dürften es nicht jedem sagen, dass er einzigartig ist, es verträgt nicht ein jeder.“

„Also, Adorno war kein Duodezfürst, dieses überhebliche Gehabe war ihm fremd. Und er hat auch nicht die studentische Revolution verraten, er war nur anderer Meinung als die damaligen Agitatoren, und nun Schluss, ich hätte gern etwas zu trinken.“

„Moment bitte, ich wollte dich doch nur ein bisschen hochnehmen.“ Thomas sah Etna an und hob beschwichtigend seine Hände.

„Etna und der nackte Irrtum. So macht man Karriere.“ Ich schob ihr die Tasse hin.

„Mein nackter Professor ist kein Irrtum. Pfui Deibel, was ist das für eine lauwarme Plörre?“ Etna schob ihre Tasse zurück.

„Besondere Boni gab‘s hier eigentlich nie für ihn.“ Levi hatte sein Telefongespräch inzwischen beendet und uns zugehört. „1934 nicht und 1968 auch nicht. Entweder Tschingderassabum oder zu Tode adornieren, ihr konntet produktive und geniale Köpfe seit eh und je nachdrücklich zur Abreise animieren.“

„Dein ‚ihr‘ beinhaltet eine konservativ kollektive Beleidigung“, sagte Thomas. Er war pikiert, aber Levi lachte nur.

Er ging zu dem englischen, mit Büchern und Broschüren beladenen Esstisch hinüber, nahm sich zwei Taschenbücher, hob einen der viktorianischen Dielenstühle hoch und kam mit kurzen Schritten wieder zurück.

„Wenn du die gebrauchen kannst“, sagte er, gab mir die zwei Bücher und setzte sich neben mich, auf seinen abgestellten, harten Dielenstuhl.

Etna sah flüchtig auf die Titel der Bücher, erinnerte sich an etwas und begann, in ihrer Tasche zu kramen. „Oh, Thomas, für dich habe ich doch auch etwas, natürlich, hier ist sie, die amtliche Bestätigung, die Dido benötigt, falls sie sich scheiden lassen will. Und Friedrich lässt auch herzlichst grüßen und ist so dankbar, dass er eine Last weniger zu tragen hat.“

Etna fächelte mit dem Blatt, beugte sich zu Thomas hinüber und fächelte weiter, kam dicht an sein Gesicht heran und war dennoch überrascht, als Thomas zugriff, schnell und sicher.

Zuerst las er flüchtig, aber dann nahm er sich die Zeit und blickte lange auf die Urkunde. Ich stand auf und sah ihm über die Schulter. Geboren 1944 in Hamburg, irgendwo im zerstörten Hamburg, aber wo genau, konnte ich nicht lesen. Dido war jetzt also vierunddreißig, und nun wusste ich, dass sie zwei Jahre älter als ich war.

„Ist Dido eigentlich immer noch so frigide?“

„Dido ist vielleicht so frigide wie Friedrich wahrscheinlich pervers ist. Etna, du bist bösartig, lass mich in Ruhe, ja?“

„Stimmt’s also doch.“

„Lass ihn in Ruhe, Etna.“ Levi lächelte amüsiert. „Weißt du denn nicht, dass sein Unbehagen die Folge eines zurückliegenden Streits zwischen Dido und Friedrich ist?“

„Ihr könnt mich beide mal. Meint ihr, ich merke das nicht?“

„Aber Thomas, überlege ganz einfach als dritte Person. Der eine empfindet Liebe als Übermaß an Zuwendung, während der andere hofft und in der Einsamkeit leidet, und alles endet zwangsläufig irgendwann in gemeinen Verleumdungen.“

Das Telefon klingelte und Levi stand von seinem Stuhl auf. „Wie so oft, bei zerrütteten Paaren. Thomas, freu dich doch.“ Er ging zum Schreibtisch, nahm den Hörer ab und meldete sich, ohne seinen Namen zu nennen.

Wir drei saßen nur da, schwiegen, gaben vor, mit uns selbst beschäftigt zu sein, und horchten doch mitunter in Levis Richtung.

Er sprach wenig, machte eine flüchtige Notiz und legte den Hörer auf. „Meine lieben Freunde, ich muss noch mal weg. Bleibt meinetwegen hier, so lange wie es euch gefällt. Wo die Getränke sind, wisst ihr ja.“ Er nahm sein Jackett und zog die Tür hinter sich zu. Und wir standen nach einer Weile auf, denn wir sahen keinen Sinn darin, ohne Levi länger in seinem Büro zu bleiben, obwohl genug Kognak im Schrank stand.

„Bessert euch.“ Etna klopfte Thomas versöhnlich auf die Schulter, mir aber zeigte sie ihre Freundlichkeit, eine aufgesetzte Freundlichkeit, wie sie nur bei Menschen üblich ist, wenn sie sich flüchtig begegnen.

Es regnete inzwischen stärker, als ich zurück zu meiner Wohnung fuhr. Es war spät am Nachmittag und die Leute wollten schnell nach Hause. Einige von ihnen fuhren riskant.

Meine Wohnung war kalt und still, und schon als ich die Tür öffnete, fühlte ich mich fremd in den Räumen, die mir eigentlich vertraut waren. Ein sonderbares Gefühl. Ich nahm mir eine Wolldecke und setzte mich in die Fensterbank, sah auf die Straße hinunter, auf geöffnete Regenschirme und nasse Hosenbeine. Es war kühl im Hamburger Sommer.

Ich mochte kein Buch lesen und mochte nicht telefonieren.

Ich schloss meine Augen und statt der nassen Hamburger Straßen sah ich weiß getünchte flache Häuser, helle Sandstrände, flirrende Luft in der Hitze und ein ruhiges blaues Meer, welches die Farbe des Lapislazuli hatte.

Und dann dachte ich an die Frau, die mal meine Frau war. Ich sah ihre leuchtenden Augen, dachte an das hübsche Schwedenmädchen, an die Frau, die es gut mit mir gemeint hatte, und ich wünschte mir, dass sie jetzt hier wäre und bei mir.

Arno und ich warteten im Cosinus auf Etna. Wir wollten in einen Film, über den man redete.

Als Etna kam, hatten wir noch ein wenig Zeit, beobachteten Gäste und machten uns lustig, aber dann tranken wir unsere Gläser aus, zahlten und gingen die paar Meter zum Abaton. Kurz vor dem Kino hörten wir laute Stimmen und Schmährufe, und als wir um die Hausecke bogen, sahen wir erhobene Arme und wildes Gefuchtel, auf der Treppe vor dem Kinoeingang standen Gestalten in grünen Parkas und ließen niemanden durch.

„SDS-Aktivisten“, sagte Etna.

Bei dem Lärm verstand ich nichts und blickte Etna fragend an.

„Sozialistischer Studentenbund, ich kenne einige von ihnen aus dem Hörsaal, sie sind alle aus bürgerlichem Hause und fordern für sich das politische Mandat.“

„Und, bekommen sie’s?“

„Offiziell niemals, sagt Friedrich. Es wäre vom Verständnis her widersinnig.“

Ich nahm meine Hand von Etnas Arm und sah wieder zum Eingang hin. Der Wortführer stand ganz oben auf der Treppe und beobachtete alles, seine Blicke flogen unstet über die Leute hinweg, die unten vor der Treppe warteten und murrten.

Er war unruhig, pulte mit vier Fingern in seinem rötlichen Bart, der aussah, als wäre er von Motten zerfressen, und ab und zu leckte seine Zunge über trockene, spröde Lippen. Es sah nach Unschlüssigkeit aus, aber dann nahm er die Hand aus seinem Bart, hob das Megafon vom Boden auf und hielt es vor seinen Mund: „Der Nachtportier ist soeben verstorben. Leute, geht nach Hause. Der Film ist faschistische Scheiße und wird deshalb boykottiert. Geht nach Hause.“

„Wer bestimmt das?“

„Wir bestimmen das, und nicht ihr und die Bourgeoisie nicht und die unbelehrbaren Dummköpfe von gestern schon gar nicht!“

„Ihr seid wohl die ganz guten Menschen und wir haben kein Recht auf eigene Meinung?“

„Stimmt. Einen Scheißdreck habt ihr.“

Arno stand direkt neben mir, hatte ein hochrotes Gesicht und verlor seine besonnene Art. Er hob den rechten Arm und drohte dann mit der Faust. „Ihr seid wie die Faschisten, ihr seid hoffnungslos vertrottelte Linksfaschisten.“

„Mal langsam, werd man nicht großkotzig.“

„Großkotzig? Steckt euch lieber den Panzerkreuzer Potemkin in euren verquerten Arsch.“

„Warte, wir kriegen dich, egal, wo du bist, wir finden dich und machen dich fertig.“

„Kommt, lasst uns verschwinden“, sagte ich, „der Kerl ist dicht vorm Durchdrehen.“

Wir ließen die Ansammlung von Menschen hinter uns, gingen wieder zurück ins Cosinus, gingen schneller als sonst und waren nicht dazu aufgelegt, den Vorfall durch oberflächliche Worte zu verharmlosen. Wir waren verärgert über die Macht einer Minderheit, und enttäuscht von einer Mehrheit, die schwach war.

Als wir die Tür öffneten, sahen wir Levi an der Theke sitzen. Er blickte uns entgegen und verzog leicht seine Mundwinkel. „Soso, Kino schon aus?“

„Levi, Freundchen, die Meinungsbildung lag nicht in unserer Hand“, sagte Arno und atmete prüfend durch die Nase. Aus dem Nebenraum roch es nach Marihuana.

„Was ist los mit diesen linken Studenten, sind sie jetzt vollends verrückt geworden?“, fragte ich Etna, nachdem ich etwas ruhiger geworden war, aber die Situation von vorhin gedanklich noch nicht für erledigt hielt.

„Ach nein, unglaubwürdig vielleicht durch den übertriebenen Zwang, alles und jeden zu kritisieren. Aber verrückt?“ Etna lächelte belustigt. „Jedenfalls sorgen sie dafür, dass die Seminare nicht vor leeren Stühlen stattfinden. Ein Professor ohne Studenten ist bekanntlich nur die Hälfte wert, wie Friedrich für gewöhnlich feststellt. Außerdem traut er sich die rhetorische Auseinandersetzung mit ihnen durchaus zu.“

„Und sonst, kommen ihm keine Bedenken?“

„Doch. Der Weg bereitet ihm Sorgen. Der Weg durch die Institutionen. Es wird sehr bald fragwürdige Richterentscheidungen geben, und eine scheinbare Liberalisierung wird zu Missverständnissen führen und eine Demokratisierung im positiven Sinn verhindern. Diese Entwicklung befürchtet Friedrich, aber so lehrt er nicht, weil die Zeit etwas anderes verlangt.“

„Ungerechtigkeit wird also zur Normalität und die wenigsten stören sich dran?“

„So wird’s sein. Friedrich ist geschult und weiß von der erforderlichen Genauigkeit, wenn Phänomene unterschiedlich betrachtet werden müssen. Einseitigkeit ist die Krankheit der Einfältigen, sagt er.“

„Gilt das auch im Großen, gilt das auch für Nordkorea?“

„Also wirklich, manchmal denke ich, du hast sie nicht alle.“

„Etna, ich bewundere euch Studenten, ich bewundere tatsächlich eure Vorgehensweisen, eure orchideenhafte Trennung des Einerseits und des Andererseits.“

„Wirklich? Und wie sieht’s mit deinen Bestrebungen zur Meinungsbildung aus?“

„Mit meiner? Also, analysieren kann ich schon mal nicht, aber manchmal glaube ich an Zufälle und manchmal wähle ich den direkten Weg wie dieser Boxer da. Fragte doch einmal ein Sportreporter einen erfolgreichen Boxer nach seiner Vorgehensweise zum nächsten Kampf: ‚Welche Taktik haben Sie, um Ihren Gegner zu besiegen?‘ ‚Taktik?‘ Der Boxer überlegte kurz. ‚Mit meiner starken, schnellen Rechten werde ich ihn einfach umhauen.‘“

„Wenn es doch so einfach wäre“, sagte Etna.

„Das Herausfinden von gut oder böse ist müßig, Etna. Gleichmacherei ist bequemer, und scheinbar plausible Erklärungen für gewisse Umstände wird es weiterhin geben.“

„Du riskierst grade unsere Freundschaft.“

„Weshalb? Schade, dass du mir nicht glaubst und Friedrich hörig bist.“

„Du bist mir einer, ach, bei dir weiß man auch nie.“

„Bestell ihm schöne Grüße von mir und sag ihm, dass ich der redlichen Toleranz der Sechzigerjahre nachweine.“

„Grüße von dir? Woher wusstest du, dass ich gehen wollte?“

„Ich hab’s dir angesehen.“

„Also, mein Lieber …“ Etna beugte sich leicht nach vorn, spitzte ihre Lippen zum Schein, wandte sich an Arno und Levi, flüsterte „ciao“ in unsere Ohren, schlenderte zum Ausgang und auf die Straße und war verschwunden. Ich nahm mein Glas in die Hand, hörte, wie Arno über eine Bemerkung Levis lachte, aber mir war nicht nach Lachen zumute und sah an Levi vorbei, nach vorn und sah die drei Kerle hereinkommen. Breitbeinig blieben sie stehen und suchten nach nur einem Gesicht. Einer von ihnen reckte sich hoch und als er Arno erkannte, machte er große Schritte und stand augenblicks vor ihm, hielt seine Fäuste dicht vor der Brust und trat sofort zu.

Arno taumelte, ging samt Glas zu Boden und setzte sich in die Bierlache. Jemand kam und schob mit der Fußspitze die Glasscherben weg. Levi und ich griffen Arno unter die Arme, zogen ihn hoch und durch unseren kurzen, prüfenden Blick sahen wir, wie die Schmerzen sein Gesicht verändert hatten. Er sah erschreckend bleich aus und atmete flach. Zitternd löste er den Gürtel, schob seine Hände unter die Hose und spreizte seine Finger. Der Tritt hatte seine Hoden verfehlt, nicht aber die andere empfindliche Stelle, ein einziges Blutgefäß.

„Verflucht noch mal, wo ist das Arschloch?“ Arno hatte starke Schmerzen, aber Schwäche zeigen, vor uns und vor denen, die zugesehen hatten, als Verlierer dastehen, das mochte er nicht.

Ich blickte mich um. „Sie sind weg“, sagte ich. „Man gut, diese Figuren waren bezahlte Schläger.“

Arno stöhnte und suchte nach Halt.

„Wohin?“, fragte ich.

„Nach Eppendorf.“

Levi und ich nahmen Arno in unsere Mitte, stützten ihn und brachten ihn zu Levis Wagen.

Wir fuhren zur Eppendorfer Klinik und warteten im Flur auf einen Arzt und darauf, dass es weiterging. Arno hielt noch immer seine Finger gespreizt, hielt die Hose weit ab. Mit dem Rücken an der Wand, krummbeinig, die weitab gehaltene Hose, das leidende Gesicht und auf einmal wie achtzigjährig, das alles war unbeabsichtigt komisch.

Der Stationsarzt kam und als er Arno sah, verzog er die Mundwinkel, prüfte nach Augenschein und griente.

„Was haben Sie mit mir vor, wo bringen Sie mich hin?“, fragte Arno.

„Zum Einschläfern“, sagte der Arzt und nahm ihn mit.

Es war spät geworden, als wir in der Milchstraße ankamen. Wir stellten Arno vorsichtig an den Rahmen der Eingangstür, klopften ihm auf die Schulter und machten ihm Mut, klingelten, warteten ab, bis wir Schritte hörten, gingen zum Auto und fuhren davon.

„Ihr seid mir ja schöne Freunde, Arno mir so zurückzubringen.“ Hedy war ärgerlich.

„Wie geht’s ihm?“

„Er ist oben und malt schon wieder.“

Als Arno mich bemerkte, trat er von der Staffelei zurück, legte Farbpalette und Pinsel aus der Hand.

„Schnappes?“

„Schnappes, na klar.“

„Wollte nur sehen, ob deine Hose wieder passt, so ohne Verband, meine ich.“

„Alles wieder verheilt“, sagte Arno. „Noch einen?“

Ich nickte.

„Wieso starrst du wie gebannt auf meine schönen Reitstiefel?“

„Weil du sie in der Wohnung trägst. Du hast doch kein Pferd?“

„Pferd? Ich brauche kein Pferd. Die trage ich statt dieser hinderlichen Stützstrümpfe, das hilft mir, wenn ich lange stehe, und gibt mir außerdem eine männlich sportliche Note.“

„Arno hoch zu Ross, als Herrenreiter im vollen Galopp mit Zügeln um den Hals und mit wehendem Haar, ach, gäbe das ein Bild.“

„Unsinn. Hm, einen könnten wir noch.“

„Mein lieber Onkel Otto, du verträgst aber nen Stiebel.“

„Hedy mag mich in dem Zustand weniger, ich wäre dann immer so obszön, sagt sie.“

„Was malst du da eigentlich?“

„Bismarck von hinten.“

„Junge, Junge.“

„Wenn meine Kunst zur Geldanlage wird“, sagte Arno nachdenklich, „dann weiß ich, dass ich schon lange tot bin.“

„Was, wie bitte?“

„Einen noch?“

Ich stieß gegen einen Stuhl. „Arno, dein Atelier dreht sich.“

„Psst, mach keinen Lärm. Is auch egal, wir müssen hier weg. Ich und du und ich, wir drei gehen jetzt auf direktem Wege in die Kurke.“

„Ihr seid aber dick besoffen.“ Hedy stand hinter uns.

„Das sind wir, und du darfst nicht mit uns streiten“, sagte Arno.

„In die Kurke, hatta sesacht, dein Arno, auf direktem Wege.“

„In Die Gurke? Nichts da.“

Hedy öffnete die Fenster. „Das wäre der direkte Weg, die senkrechte Luftlinie vom Dach bis zur Straße. Also, ihr geht nirgends mehr hin. Wenn ihr euch nur sehen könntet, ihr Saufschweine. Kein Wort mehr, ihr geht jetzt schlafen.“

Morgens wachte ich im Atelier auf dem Sofa auf. Hedy stand vor mir und schüttelte heftig meine Schulter. „Aufstehen!“ Hedy hatte kleine, böse Augen. Sie zog mir die Wolldecke weg und tippte mit dem Zeigefinger an meine Stirn. „Immer, wenn du kommst, läuft hier irgendwas verdammt schief. Wenn du doch bloß schon weg wärst.“

Arno schlief noch fest, als ich ging.

„Seit gestern mag ich dich noch weniger“, hatte Hedy zu mir gesagt.

Im Buchladen standen noch einige Kunden vor den Bücherregalen. Lisa versuchte abzuschließen, hob die Schultern und zeigte bedauernd auf ihre Uhr. Bildungsbeflissene können hartnäckig sein. Endlich hörten sie auf, zu suchen und zu lesen und zu fragen, und gingen nach draußen.

Wenig später saßen wir in Lisas Wagen und fuhren durch den abendlich dichten Verkehr. Lisa fuhr sicher und schnell, aber ohne leichtsinnige Überholversuche. Sie hielt in einer Nebenstraße und wir gingen ein paar Schritte.

Im Cosinus fanden wir einen freien Tisch, seitlich am Fenster zur Straße hin und etwas weg von der Theke.

„Was möchtest du trinken?“, sagte Lisa, „ich lade dich ein.“

„Na, na.“ Ich winkte dem Mädchen hinter der Theke. „Zwei Gin.“