Flüchtige Zeiten - Iris Roßmann - E-Book

Flüchtige Zeiten E-Book

Iris Roßmann

0,0

Beschreibung

Als ungekröntes Familienoberhaupt lenkt Iris Roßmann die Geschicke einer Großfamilie, dirigiert umsichtig und agiert intuitiv, um aus einem maroden Ostbauernhof ein florierendes, touristisches Unternehmen zu gestalten. Auf liebenswerte Weise reflektiert sie die Lebensgeschichten der mitwirkenden Angehörigen, deren Kreise sich auf dem Hof schließen. Sie verlässt mit Mann und Kindern ihr Zuhause, um in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Erwartungen hat sie keine, sondern sie stellt sich einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Unerwartete Vorkommnisse lassen ihren Alltag nicht langweilig werden und Schicksalsschläge trägt sie ergeben, ohne zu hadern. Sie ist das Herz des Hofes und bestrebt, die bäuerliche Tradition zu wahren und an die Nachkommen weiterzureichen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meine Familie, damit diese

turbulente und geschichtsträchtige Zeit

nicht in Vergessenheit gerät, als auch

zur heiteren Unterhaltung.

Mein Dank geht an:

Herrn Dr. Bernd Melzer, unser Dozent in der Schreibwerkstatt der VHS Bad Doberan, dafür, dass er mir Wege aufgezeigt hat, wie man so ein persönliches Buch schreiben kann,

Herrn Berthold Wendt, für seine Geduld bei der Korrektur, für die Gestaltung des Covers und die vielen hilfreichen Informationen,

meine Mitstreiter und Mitstreiterinnen in der Schreibwerkstatt für ihre konstruktiven Kritiken und Ermunterungen,

und ganz besonders dankbar bin ich dafür, dass ich meiner Schwiegermutter noch am Kranken- und Sterbebett die für sie wichtigsten Geschichten vorlesen durfte. Ihr Geist war bis zum Schluss wach und ich sah es ihr an, wie sie es genoss, die Vergangenheit noch einmal zu erleben.

Inhaltsverzeichnis

Vergangenheit

Die Wende

Roßmänner

Von Süd nach Nord

Alte Heimat

Vorbereitungen

Unvorhergesehenes

Mecklenburger

Der Umzug und das Kreuz mit dem Obermieter

Begegnungen

Vergangenheit und Zukunft

Rinderwahn und andere Heimsuchungen

Gefährliche Situationen

Oma Traudel

Auftrieb

Kalmus und seine Folgen

Strukturanpassungsmaßnahmen

Café olé

Der Stoppelacker

Freundschaften und eine etwas andere Abiturfeier

Feriengäste und ein neuer Plan

Am Set

Besuch in Mankells Heimat

Das Konzert

Viechereien

Das Boot

Der Windmühlenbau

Schicksal

Landverkauf

Herbst

Übergabe

Vergangenheit

Leise schloss Grete die Haustür und blieb im Halbdunkel des Flures stehen. Sie hielt ein Telegramm in den Händen, drehte es, um auf der Rückseite den Absender zu lesen, aber dort stand nichts, es war ja kein Brief. Wer außer Irene, ihre Cousine aus Mecklenburg, würde ihr ein Telegramm schicken? Mit ihr stand sie ständig in Briefkontakt, denn telefonieren war so gut wie unmöglich. Zum einen gab es zu wenig Leitungen und außerdem musste man befürchten von der Stasi abgehört zu werden. Ein Telegramm kam selten und verhieß meistens nichts Gutes.

Grete ging in die warme Küche, in der es stets nach frisch gebackenem Kuchen duftete, ging an die Besteckschublade und nahm das alte Messer mit dem dunkel gewordenen Horngriff heraus. Es stammte vom Hof in Boldenshagen und sie hütete es wie einen Schatz, obwohl es oft gescheuert werden musste, weil es rostete. Dafür wurde es rasiermesserscharf, wenn sie den irdenen Topf vom Regal nahm und die Klinge am unglasierten Rand wetzte.

Sie setzte sich auf ihren Platz am Esstisch, prüfte, ob die Wachstuchdecke sauber war, öffnete den hellbraunen Umschlag mit zittrigen Händen und zog die ebenfalls bräunliche Mitteilung heraus.

»Liebe Grete«, begann sie zu lesen.

»Tante Martha heute am 30. Januar in den Morgenstunden friedlich eingeschlafen. Beerdigung am Freitag, den 04. Februar. Leite alles in die Wege. Erwarte Euch. Mein herzliches Beileid. Irene«

Sie las es ein zweites Mal und sah dabei das ernste Gesicht ihrer Mutter, mit den streng zu einem Knoten gesteckten Haaren, vor sich.

Viel zu früh gealtert durch Entbehrungen und Sorgen. Die Hände meistens hart und rissig von allzu harter Arbeit. Einsam war sie, einsam und alleine. Mit zweiunddreißig Jahren Witwe, Mutter von drei halbwüchsigen Kindern und plötzlich alleinige Wirtschafterin auf dem großen Hof in Boldenshagen. Sie hatte die Zügel fest in der Hand und ließ sich selten etwas sagen.

Manchmal sah man sie im Frühjahr mit dem Spaten über die Felder gehen und die Ecken umgraben, die die Knechte nicht sorgfältig umgepflügt hatten. Sie sprach nicht viel, ein Blick genügte, und niemand wagte ein Wort zu erwidern. Die Wirtschaft aufgeben? Nein, das kam für sie nicht in Frage. Morgens um vier Uhr aufstehen, im Sommer die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht spüren und die Kühe bei ihren Namen in den Melkstand rufen, das gab ihrem Leben einen Sinn.

Wenn sie im Winter in der Dunkelheit mit Schemel und Eimer in den warmen Stall trat und die Stirn beim Melken an die warme Flanke von Berta, ihrer Lieblingskuh, drückte, dann war sie mit sich und der Welt im Einklang. Aufgeben? Nie und nimmer! Der Hof musste weitergegeben werden, die bäuerliche Tradition erhalten bleiben. Aussaat und Ernte, Geburt und Tod bestimmten das Leben von Martha Seyer und ließ sie mit dem Hof fest verwurzelt sein.

Grete seufzte, erhob sich und ging mit dem Telegramm in der Hand in das Büro ihres Mannes. Wortlos reichte sie ihm die Mitteilung und setzte sich ihm gegenüber auf die Kante eines Stuhles, auf dem gewöhnlich Maurer und Lehrlinge saßen, um Anweisungen entgegenzunehmen.

»Dann müssen wir wohl rüber und die Omi beerdigen«, sagte er mit einem betroffenen Gesicht. Grete nickte und verließ immer noch wortlos den Raum. Ihr Verhältnis zur Mutter war in der Vergangenheit nicht immer gut gewesen. Nach dem Tod des Vaters, hatte die Mutter sich zurückgezogen und erschien ihr und den Brüdern lieblos und unnachgiebig. Sie verstanden die Trauer einer Frau um ihren geliebten Mann nicht. Nur selten nahm sie ihre Kinder in den Arm, um sie über den Verlust des Vaters hinwegzutrösten. Auch die von der Mutter veranlasste Verbannung während Gretes Schwangerschaft ließ das Verhältnis nicht besser werden. Erst die Geburt des ersten Enkels brachte das Eis zum Schmelzen, die Gemüter wurden weicher und das Mutter-Tochterverhältnis in den folgenden Jahren herzlicher.

Auf dem Weg zur Beerdigung eine Woche später, am Nachmittag, erreichten sie den Grenzübergang Lübeck-Schlutup. Nach einem flüchtigen Blick in die Pässe und einem saloppen Gruß der Grenzbeamten wurden sie durchgewunken. Sie durchquerten das Niemandsland und fuhren langsam in die auch am Tag hell beleuchteten Abfertigungsanlage der Deutschen Demokratischen Republik. Warum nur schlug Gretes Herz an dieser Stelle immer wieder bis zum Hals? Es war doch wirklich nicht das erste Mal, dass sie die Grenze passierte.

»Papiere bitte!«, forderte ein Grenzsoldat mit leichtem sächsischen Akzent. Ohne ein Wort zu verlieren, reichte Willi senior ihm das Geforderte aus dem geöffneten Fenster.

»Führen Sie Waffen, Tonträger, Zeitungen und Devisen in mit sich?«

»Nein«, entgegnete Willi und bemühte sich eine gleichgültige Miene zu zeigen. Gretes Finger krampften sich um den Henkel ihrer Handtasche und richtete ihren Blick starr gerade aus. Ein zweiter Beamter erschien und ging prüfend um das Auto herum, blieb an Gretes Fenster stehen und verglich das Passfoto mit ihrem Ebenbild.

Die Pässe verschwanden in einem Häuschen und beide wurden aufgefordert, sich der Schlange vor der nächsten Station anzuschließen, um dort bestenfalls die überprüften Papiere wieder zu bekommen. Wider Erwarten ging die Abfertigung an diesem Tag zügig und so konnten sie den Weg durch die 5 km breite Zone bis Dassow fortsetzen. Vorbei an Sichtschutzzäunen, die den Blick auf die Lübecker Bucht in den Westen verhinderten, vorbei an einem Beobachtungsturm auf dem Soldaten mit Ferngläsern den Todesstreifen absuchten. Junge Soldaten, mit Gewehren bewaffnet, von Schäferhunden begleitet, patrouillierten an der deutsch-deutschen Grenze. Noch eine kurze Kontrolle in Dassow und sie befanden sich auf der Transitstrecke nach Rostock, der F105. Hin und wieder sahen sie einen grünen Wartburg in den Wald- und Feldschneisen stehen, immer bereit vermeintliche Geschwindigkeitssünder zur Kasse zu bitten.

Sie näherten sich Wismar. Der unangenehme Geruch von verbrannter Braunkohle und der Gestank, den die Zweitaktmotoren verursachten, nahm zu. In dicke Wintermäntel gehüllt eilten Städter über die trüben beleuchteten Bürgersteige, an deren Ränder schmutzige Schneereste klebten. Menschenschlangen standen stumm vor Geschäften, in denen es offenbar Waren gab, die so schnell nicht wieder angeboten würden.

Weil wenig Verkehr auf der Straße war, lag die Stadt schnell hinter ihnen. Kahle Alleebäume säumten die Strecke, deren Äste sich wie anklagend in den nächtlichen Himmel streckten. Winterwetter, feucht, kalt und ungemütlich. Eine gute halbe Stunde später erreichten sie Kröpelin, wo Irene sie herzlich in Empfang nahm.

Am nächsten Tag um 11 Uhr, sollte die Trauerfeier dort in der Kirche stattfinden; nicht in der kleinen gut beheizten Winterkirche, sondern in der großen würde sie zelebriert werden. Eine alteingesessene, von jedermann respektierten Persönlichkeit sollte zu Grabe getragen werden. Wie erwartet strömten die Trauergäste in schwarzen Mänteln, mit und ohne Hut, aber alle mit dicken Winterstiefeln an den Füßen in die eisige Kirche. Die Bänke fassten kaum die Menschen, die Martha Seyer, geborene Kordts, aus Boldenshagen das letzte Geleit geben wollten. Bekannte und unbekannte Menschen, nahe und ferne Verwandte reichten Grete und Willi die Hand, um ihr Beileid auszudrücken. Ihre engsten Freunde, Lisa und Herbert Beyer standen tröstend an ihrer Seite.

Es war schon wieder dunkel, als die letzten Gäste das Gesellschaftshaus verließen, in dem die Kaffeetafel gedeckt war. Erschöpft machten sich Willi, Grete und Irene auf den Heimweg. Am nächsten Tag würden sie Mecklenburg wieder verlassen müssen, denn die Sondergenehmigung, die bei einem Sterbefall erteilt wurde, erlaubte nur einen dreitägigen Besuch und der Nachlass musste noch geregelt werden.

Willi fuhr Grete früh am nächsten Tag, am 05. Februar 1972 auf den Hof in Boldenshagen. Sie wollte Abschied zu nehmen, von der Mutter, ihrer Kindheit, ihrer Jugend und von der Heimat. Sie würde sich die sechs silbernen Teelöffel mitnehmen, die zum Familiensilber gehörten, welches sie bei ihrer Ausreise schon mit in den Westen genommen hatte. Das restliche Inventar sollte an die Hausbewohner gehen. Sie nahm sich Zeit, denn es war ein Abschied für immer.

Die Wende

In Erwartung eines neuen Fahrauftrages ging ich an das fordernd klingelnde Telefon und meldete mich mit meiner freundlichen Geschäftsstimme »Taxiunternehmen Roßmann, guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

»Hallo Iris, hier ist Ninetta«, hörte ich eine leise Stimme mit sächsischem Akzent und erkannte sie sofort. Meine Cousine aus dem Osten, genauer, aus Dessau, Tochter der Schwester meiner Mutter. In Sekundenbruchteilen ging mir durch den Kopf, dass das eigentlich nicht sein konnte, sie wohnte »drüben« und konnte nicht einfach so anrufen. Aber wenn sie mich anrief, wo war sie dann?

»Wo bist du«, fragte ich erstaunt und sie erzählte mir in kurzen Sätzen Ihre Geschichte, denn telefonieren kostete Geld, Westgeld, mit dem man haushalten musste, wenn man gerade aus dem Osten in den Westen geflüchtet war. Sofort kam mir in den Sinn, dass unsere Mietwohnung im Dorf zur Zeit nicht vermietet war und bot sie ihr und ihrer kleinen Familie an, bis eine andere Lösung gefunden wäre.

»In zwei Tagen sind wir bei euch in Todenbüttel, und dann erzählen wir euch alles ganz genau«, sagte sie mit vor Freude strahlender Stimme.

Todenbüttel ist eine tausend Seelen Gemeinde im Herzen Schleswig-Holsteins, in dem wir wohnten und ich das Dorftaxi fuhr: alte Leute zum Hausarzt oder zum Facharzt in die Stadt, Betrunkene von der Kneipe und Jugendliche von der Disco nach Hause. Man nannte mich im Dorf auch die schnelle Gerdi, nach einer derzeit im Fernsehen laufenden Serie mit Senta Berger. Meine bessere Hälfte Willi junior, auch Williken genannt, Schwiegervater Opa Willi senior und ich waren ein gutes Team. Willi senior kümmerte sich um die älteren Damen, Willi junior übernahm die Nachtfahrten, manchmal auch in ein Etablissement und ich erledigte den Rest, was mir Zeit gab, mich auch um die Kinder und den Haushalt zu kümmern.

Gedankenverloren wandte ich mich wieder der Küche zu, um das Abendessen weiter zuzubereiten. Meine Gedanken kreisten um den Anruf. Seit Wochen berichteten die Nachrichten von den Montagsdemonstrationen in Dresden, Leipzig, Rostock und Ostberlin und wir stellten uns die bange Frage, ob das wohl gut gehen könnte. Wie lange würde die DDR-Regierung tatenlos zusehen, wie immer mehr Menschen nach Tschechien reisten, um in der Deutschen Botschaft in Prag auf ihre Ausreise zu warten. Viele waren bereits über Ungarn geflüchtet und nur der Menschlichkeit der dortigen Grenzsoldaten war es zu verdanken, dass es zu keinen blutigen Zwischenfällen kam. Ungeduldig erwartete ich die Familie zum Essen, um ihr die Neuigkeit mitteilen zu können.

Roßmänner

Willi junior kam auch aus dem Osten, aus Boldenshagen, einem winzigen Flecken in Mecklenburg, der noch nicht einmal dem Begriff Dörfchen gerecht wurde, es lag nur 10 km von der Ostsee entfernt, eingebettet in einer von den LPGs geprägten, beeindruckend großzügigen Landschaft. Schon wenn der Name Boldenshagen bei uns genannt wurde, breitete sich ein Lächeln in seinem Gesicht aus und er erzählte von seinen jährlich wiederkehrenden sechswöchigen Sommerferien bei seiner Omi. Ferien auf dem Bauernhof bereits in den 50-er Jahren, von den Dorfkindern sehnlichst erwartet. Unbeschwertes Spielen bis in die Dunkelheit und erst die rufende Stimme der Mutter holte ihn ins Haus. Auch in seiner Familie gab es eine Flucht. Der Vater, Willi senior, stammte aus dem Rheinland und hatte während des Krieges in einem Ernteeinsatz seine Grete auf deren Feld gefunden. Er wollte eigentlich nach dem »Endsieg« in den landwirtschaftlichen Betrieb einsteigen, aber tragischerweise wurde sein jüngerer Bruder Hermann, der den elterlichen Baubetrieb in Oberhausen übernehmen sollte, von Tieffliegern erschossen. Er folgte dem Drängen des Vaters und beantragte 1949 die Ausreise für sich, seine Frau, dem kleinen Willi und der noch kleineren Anneliese.

Natürlich war nicht nur der väterliche Ruf, sondern auch die von der sozialistischen Regierung verhängten Sanktionen für die noch selbstständig wirtschaftenden Landwirte, der Grund für die Ausreise. Grete folgte ihrem Mann nur zu bereitwillig, denn es winkte ein Leben in der Stadt, kein Aufstehen mehr mit dem ersten Hahnenschrei, ohne Bangen, ob das Heu noch trocken geborgen werden konnte; nicht mehr von Wind und Wetter abhängig zu sein.

Die Omi blieb zurück, bekam in ihrem Haus ein Zimmer zugewiesen und bezog fortan eine winzige Rente, um zu überleben. Aber trotz aller Widrigkeiten zog, jedes Jahr im Sommer eine kleine Karawane, bestehend aus jetzt drei Kindern und einer Frau vom Kröpeliner Bahnhof Richtung Boldenshagen. Unterwegs, am Hause Schröder wurde haltgemacht und von den Bewohnern aufs Herzlichste begrüßt. Frau Schröder bat sie ins Haus, brühte für jeden eine Tasse vom mitgebrachten Bohnenkaffee auf und man tauschte die neusten Begebenheiten aus. Sie waren für sechs Wochen wieder zuhause.

Von Süd nach Nord

1953 flohen meine Eltern aus Sachsen-Anhalt in den Westen in eine neue, unbekannte Welt. Alles zurücklassend, mit nichts als zwei großen Koffern, zwei kleinen Kindern, 3- und 4-jährig und einem grenzenlosen Vertrauen in die Zukunft. Ihre erste Bleibe war für mehrere Monate ein Lager in Baden-Württemberg, bis man ihnen eine Wohnung in einem nahe gelegenen Dorf zuwies, in der ich das trübe Januarlicht im Jahr 1954 erblickte. Für mich und meine Geschwister war es ein wunderbarer Ort zu leben und wir merkten nichts von den Nöten unserer Eltern, so viele hungrige Mäuler in der immer noch schlechten Zeit stopfen zu müssen. Wir Kinder und unser Hund liebten die Ausflüge an einen Seitenarm des alten Rheins, planschten nach Herzenslust in einer seichten Badebucht und rekelten uns auf Decken in der warmen Sonne. Die mitgebrachten Schnitten und die Kanne Tee wurden ausgepackt und mit Genuss verzehrt. Dass die Not erfinderisch macht, ist sicher jedem bekannt und mein Vater war erfinderisch. Häufig gingen wir an den Wochenenden in die Weinberge um Schnecken zu sammeln, die er an ein Restaurant lieferte. Es sicherte uns ein kleines Nebeneinkommen, mit dem winzige Extrawünsche erfüllt werden konnten. Ich erinnere mich noch genau an so einen Schneckensamstag. Die Eimer konnten am Abend aus irgendeinem Grund nicht abgeliefert werden und lagerten in unserer Küche zwischen. Am nächsten Morgen hatten sich die schleimigen Hausträger verselbstständigt, den lose auf den Eimer gelegten Deckel hochgehoben und sich gleichmäßig über den Boden und die wenigen Möbel, die wir besaßen, verteilt. Mutter Traudel betrat die Küche, um für uns das Frühstück zu machen. Sie spürte, dass es unter ihrem rechten Hausschuh knirschte und ein unangenehmes Gefühl das Bein hinauf kroch. Ein verzweifeltes »Herbert« scholl durch die Wohnung, als sie sah, was geschehen war. Ich fürchte, sie war einem Nervenzusammenbruch ganz nahe. Völlig aufgelöst holte sie uns aus den Betten, damit wir die Tiere wieder einsammeln halfen, und Vater Herbert blieb keine Frist mehr: Er musste die Schnecken an ihren Bestimmungsort bringen. Seit diesem Tag wurden unsere Besuche in den Weinbergen weniger.

Leider schlugen die Eltern auch in meinem Geburtsort keine dauerhaften Wurzeln, denn im Dorf herrschte der »wahre Glaube« und der hatte etwas gegen uns. Wieder packten meine Eltern uns Kinder und ihre Sachen ein, um ein neues Zuhause zu suchen und zu finden. »Als Zigeuner waren sie gekommen und mit einem Auto fahren sie wieder«, rief man uns nach.

Es war ein Renault Dauphine mit einer mir unbekannten Nutzlast, ich weiß aber trotzdem, wie viel in dieses Auto passte. Ganz genau vier Kinder und ein Schäferhund hinten und zwei Erwachsene vorn, das weiß ich sicher, denn so sind wir von Oberschopfheim im Badischen nach Legan in Schleswig-Holstein gezogen. Wir Kinder auf dem Rücksitz und Dina der Schäferhund zu unseren Füssen. Irgendwann drückte der Tunnel im Fußraum Dina wohl so sehr, dass sie sich einfach mit auf die Rückbank drängte, beziehungsweise sich quer auf unsere Beine legte. Wie sollten wir Platz schaffen, wenn keiner da war. Meine kleinste Schwester Carola wurde von einem Schoß zum anderen gereicht, aber der Platz reichte trotzdem nicht aus. Ich vermutete, dass Dina in der kurzen Zeit einfach gewachsen war, denn auch nachdem meine Mutter die Kleinste mit nach vorne genommen hatte, war nicht mehr Platz. Zanken, weinen, knuffen, nur die Androhung meines Vaters mit uns mitmachen zu wollen, hielt uns im Zaum und ließ uns durchhalten. Was für eine Zerreißprobe für die Nerven der Eltern! Fast tausend Kilometer mit so einer Fracht.

Alte Heimat

Mit den Gedanken wieder in der Gegenwart, holte ich Brot, Butter, Wurst und Käse aus dem Kühlschrank, schnitt Tomaten und Gurken in Scheiben, kochte Tee, deckte den Tisch und rief unsere Kinder Tobias und Annika aus ihren Zimmern. Thorsten, Sohn aus erster Ehe meines Mannes war bereits 20 Jahre, hatte gerade seine Lehre als Elektriker abgeschlossen und war noch unterwegs, er würde erst am Wochenende nach Hause kommen. Tobias kam die Wendeltreppe herunter gehüpft und setzte sich auf seinen Platz. »Ich möchte aber Nutella aufs Brot«, forderte er, und zum wiederholten Male entgegnete ich, dass es dieses süße Zeug nur zum Frühstück gäbe. Seinen blonden Schopf wuschelnd forderte ich ihn auf, seine Hände waschen zu gehen, und blickte ihm nachdenklich nach. Dieser unbeschwerte Junge, was für ein Glück er hat, in einer freien Gesellschaft aufwachsen zu dürfen. Er wird es, wenn er erwachsen ist, hoffentlich zu schätzen wissen. Ich drehte mich um und sah unsere kleine 4-jährige Tochter Annika, ihre Puppe fest an die Brust drückend, Stufe für Stufe die Treppe heruntertapsen. Ich nahm sie lächelnd in die Arme und drückte einen Kuss auf ihren Scheitel. Sie hatte sich eine Nagelschere stibitzt und in einem unbeobachteten Moment ihren Pony geschnitten und nun stellenweise kahle, stoppelige Stellen über ihrer Stirn. Auch sie schickte ich ins Bad und wartete derweil ungeduldig auf das Kommen meines Mannes. Durch das große Fenster in der Essdiele, das ehemals ein wagenbreites Dielentor war, hielt ich nach ihm Ausschau. Wir bewohnten ein wunderschönes Reetdachhaus in Todenbüttel, einer 1000 Seelen-Gemeinde im Herzen Schleswig-Holsteins, das 1666 als Büdnerei erbaut wurde, rund 20 Jahre nach dem Dreißigjähren Krieg. Staunend hörten die Kinder zu, wenn ich ihnen erzählte, dass zu der Zeit noch Landsknechte, mit Hellebarden und Schwertern bewaffnet durch die Gegend streiften und die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Es war ein typisches Holsteiner Ständerhaus mit einem fast bis auf den Boden heruntergezogenen Dach, als wollte es sich vor den wirren Ereignissen der Welt ducken und verstecken. Die Jahrhunderte und der stete Westwind hatten das Gebäude einen halben Meter aus dem Lot gedrückt und wir mussten es abstützen, damit es bei den Umbauarbeiten nicht einstürzte. Wie viel Liebe zum Detail, Geld und Schweiß hatten wir in dieses Haus gesteckt, ging es mir durch den Kopf. Mein Vater war Tischler und baute uns eine Wendeltreppe aus feinstem Mahagoni, fertigte alle Außen- und Innentüren und verglaste das große Dielentor, was dem Haus nicht nur ein besonderes Aussehen verlieh, sondern auch das ganze Esszimmer in morgendliches Sonnenlicht tauchte. Ein großer Kamin im Wohnzimmer spendete im Winter Wärme und Behaglichkeit.

Maurermeister Willi senior, mein Schwiegervater, erweiterte unser Haus um eine Wohneinheit für sich und Oma Grete und fortan lebten wir in einer sich ergänzenden Großfamilie. Opa Willi fungierte als Ersatzfahrer in meinem Taxiunternehmen, Oma Grete achtete bei Bedarf auf die Kinder und Willi und ich sorgten dafür, dass Haus und Garten in Ordnung gehalten wurden. Dazu gehörte auch mein Gemüsegarten, in dem ich täglich hackte, pflanzte, schnitt und erntete, je nach Jahreszeit. Ich zog Erbsen, Möhren, Zwiebeln, Porree und alle möglichen Kohlsorten, um gesundes Gemüse zu ernten. Leuchtende Sommerblumen säumten in Rabatten Wege und Ränder in denen Bienen und andere Insekten summten und brummten. Mein Garten war jedes Jahr eine einzige Pracht – meine Leidenschaft. An einem sonnigen Nachmittag beobachtete ich Thorsten, unseren 10-jährigen, wie er nachmittags den Weg in den Garten einschlug und sich bückte, um etwas aufzuheben. Er trat an die Brokkolipflanzen, bückte sich und schien etwas abzusetzen. »Was hast du denn da auf dem Weg gefunden«, fragte ich, als er ins Haus trat.

»Ach, ich hab nur eine Raupe in den Kohl gesetzt, damit sie nicht versehentlich zertreten wird«, entgegnete er ernsthaft. Wie sollte ich ihm erklären, dass Raupen im Gemüsegarten eigentlich unerwünscht waren?

Wo blieb er denn? Er musste doch jeden Moment da sein. Lauschend hielt ich inne und hörte, wie das Garagentor scheppernd geschlossen wurde. »Gleich wird er in der Tür stehen«, dachte ich und ging ihm entgegen, hakte mich bei ihm unter und musste mich beherrschen, um nicht vor Mitteilungsbedürfnis zu platzen. Die Kinder begrüßten ihren Vater beiläufig und erzählten mit vollem Mund ihre Erlebnisse des Tages. Ich wartete, bis die Kinder satt waren und sich ihren Spielsachen zuwandten, beziehungsweise den Fernseher einschalteten. Mein Moment war gekommen. »Wir bekommen Besuch«, begann ich. Das war bei uns eigentlich nichts Ungewöhnliches. Also erhöhte ich die Spannung, indem ich eine Pause einlegte.

»Ja, nun aber raus mit der Sprache, wer kommt denn?«, fragte mein Mann nicht gerade erwartungsvoll.

»Ninetta hat angerufen und wird wahrscheinlich übermorgen hier sein.«

Wieder machte ich eine Kunstpause und beobachtete seine Reaktion. In seinem Gesicht spiegelte sich Erstaunen wider und in seiner gemächlichen, abwartenden Art fragte er:

»Aha, und was will sie?«

Für einen Moment verschlug es mir die Sprache, aber dann sah ich ein Schmunzeln über sein Gesicht huschen. Ich knuffte ihn wegen seines hinterhältigen Scherzes und erzählte ihm das Wenige, was ich von meiner Cousine erfahren hatte.

»Nun geht es also los und die bucklige Verwandtschaft aus dem Osten überrennt uns«, bemerkte er trocken, erhob sich lachend und ging ins Wohnzimmer, um die Nachrichten einzuschalten. Ich räumte wie gewohnt den Tisch ab und setzte mich zu ihm. Seitdem über die Ereignisse im Osten berichtet wurde, war es auf den Straßen ruhiger als sonst, so als hielte die Welt den Atem an, was würde es heute Neues geben. Die Ära Honecker war vorbei und die Genossen um Egon Krenz versuchten vergeblich noch immer, das Volk von der Richtigkeit des Sozialismus zu überzeugen. Die schweigend durch die Straßen ziehenden Menschen und die Kerzen lehrten sie etwas anderes.

Ein Lada hielt am Straßenrand. Ich lief zur Tür und öffnete sie. Was für ein Moment! Wir fielen einander in die Arme und die Rührung übermannte uns. Günther, der Lebensgefährte meiner Cousine und Jaqueline, ihre Tochter, standen etwas abseits und beobachten betreten die Szene.

»Kommt doch herein«, forderte ich sie auf, nahm ihnen ihre Jacken ab und schob sie in Richtung Essdiele.

»Sucht euch einen Platz, macht es euch bequem, ich mach‹ einen Kaffee, habt ihr Hunger?«, sprudelte es aus mir heraus und hantierte hektisch in der Küche herum. Als alles auf dem Tisch stand und ich mich endlich auch setzte, fingen sie an zu erzählen.

»Wochen vorher haben wir heimlich mit den engsten Freunden über den Verkauf unseres Hausstandes verhandelt, alles musste streng vertraulich sein, denn es war trotz der Demos immer noch Republikflucht.«

Ninetta holte tief Luft, strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares mit ihren schlanken, gepflegten Händen aus dem Gesicht und fuhr fort.

»Die hätten uns eingesperrt, vielleicht das Kind weggenommen, wer weiß. Als wir alles geregelt hatten, setzten wir uns ins Auto und machten uns auf die Fahrt in Richtung tschechischer Grenze. Das Herz klopfte uns bis zum Hals. Es gab kein Zurück mehr, Freiheit oder Gefängnis. Schweiß rann mir den Rücken herunter, als wir uns dem Übergang Schönberg-Vojtano, an der DDR-ČSSR-Grenze näherten«, flüsterte sie. »Abgesprochen war, sollte der Grenzsoldat fragen, wohin die Reise ginge, dass wir die Mutter in Franzensbad besuchen wollten. Ich werde die Angst mein Lebtag nicht mehr vergessen«, sagte meine Cousine, schlug die Hände vor das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Aber es geschah nichts«, Erstaunen schwang in ihrer Stimme mit. »Sie ließen uns nach der Ausweiskontrolle einfach durch. Weiter, weiter nun in Richtung westdeutsche Grenze. Wir umfuhren Franzensbad und hielten auf den nächsten Übergang zu, Schirnding, Richtung Bayreuth. Keiner wagte, einen Mucks von sich zu geben. Konzentriert fuhr Günther Richtung Westen und plötzlich fing ich hysterisch an zu kichern, denn mir fiel der alte Witz ein, dessen Pointe lautete: ›der letzte, der die DDR verlässt, macht das Licht aus.‹ Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und drohte mir die Luft abzudrücken«, wobei sie sich instinktiv an die Kehle griff.

Günther herrschte mich an, mich zusammen zu nehmen, und fuhr in die gleißende Helligkeit des Grenzüberganges. Vor uns eine Schlange Autos mit DDR-Kennzeichen und wir richteten uns auf eine lange Wartezeit ein. Erstaunlicherweise ging die Abfertigung zügig und eigenartigerweise wunderten wir uns überhaupt nicht darüber. Wir waren einfach drüben und wurden dort von den Grenzbeamten der Bundesrepublik in Empfang genommen. An weitere Einzelheiten kann ich mich eigentlich gar nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und Günther mich fest in den Armen hielt«, schloss Ninetta ihren Bericht.

Wir schwiegen, ich um das Gesagte zu erfassen. Die beiden versanken im Rückblick. Es gab eine Erklärung dafür, warum die Grenzen so »leicht« passierbar waren, die so lächerlich wie einfach war: Im Lada gab es kein Radio und keiner hatte vom Fall der Mauer und der Öffnung der Grenzen gehört.

Vorbereitungen

»Nichts blieb so, wie es war, weder für die Menschen drüben, noch für uns. Am Tage der Wiedervereinigung eröffnet meine Schwiegermutter uns ihren folgenschweren Entschluss, auf den Hof nach Boldenshagen, ihrem Geburtsort, ziehen zu wollen. Sprachlos schauten Willi und ich uns an. Meine Gedanken überschlugen sich, unser wohlgeordnetes Leben drohte durcheinanderzugeraten.

Ich atmete tief durch und wagte zu fragen: »Wie stellst du dir das denn vor? Auf dem Hof herrscht Wildnis, wo willst du wohnen, alleine, in deinem Alter, mit 68 Jahren, ohne Auto, der nächste Ort ist drei Kilometer entfernt, Feldweg, überall sich auflösende russische Verbände. Es ist dort doch nicht mehr so wie damals, als deine Mutter noch lebte und du mit den Kindern in Urlaub warst.«

Nichts von dem, was ich anführte, schreckte sie oder ließ ihren Entschluss wanken. Still vor sich hin lächelnd saß sie in ihrem Schaukelstuhl und wippte vor und zurück.

Nun hatten wir ein richtiges Problem, dachte ich. Seit zehn Jahren lebten wir unter einem Dach, zwar in getrennten Wohnungen und mit getrennter Haushaltsführung, aber doch miteinander. In diesen Jahren waren Abhängigkeiten entstanden, natürlich mehr von unserer Seite als von der meiner Schwiegereltern. Willi senior war mein unentbehrlicher Ersatzmann im Geschäft, der galante ältere Herr, der bei einer Taxifahrt zum Facharzt den Damen schon mal ein Döckchen Garn während der Wartezeit besorgte oder sie in ein Café einlud, dachte ich verzweifelt. Wer sollte ihn versorgen, den alten Pascha, ich doch nicht, nicht jetzt schon. Er wollte nicht mit in den Osten ziehen, er fühlte sich wohl in unserer Gemeinschaft und in unserem Dorf, genau wie wir. Wir waren fertig, hatten ein wunderschönes Haus, und unser gutes Auskommen, waren im Tennisverein und respektierte Mitglieder der Gemeinde, die Kinder hatten ihre Freunde. Alles stand plötzlich infrage, nur weil Oma Grete in den Osten wollte.

Meine Schwiegermutter, diese stille, gottesfürchtige Frau, unauffällig, immer bescheiden und am glücklichsten im Garten, zwischen Kartoffeln und Spargel, wollte uns verlassen und ohne ihren Mann gehen. Na gut dachte ich entschlossen, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wer sagte denn, dass Oma Gretes Plan umgesetzt werden konnte? Ein Hauch von Hoffnung stiegt in mir auf.

Am nächsten Tag besuchte ich sie in Ihrer Wohnung und fragte sie vielleicht etwas scheinheilig, ob noch irgendwelche Unterlagen vom Hof existierten. Zielsicher ging sie an ihren Schreibtisch, holte einen braunen Papphefter hervor und drückte ihn mir in die Hand.

»Hier, schau dir das mal an, das sind die Dokumente, die mir meine Mutter kurz vor ihrem Tod während ihres letzten Besuches bei uns in Oberhausen gegeben hat. Ich bin die einzige Erbin des Hofes dank meiner Cousine Irene. Die hat darauf gedrungen, mich ins Grundbuch eintragen zu lassen, nachdem wir wussten, dass Hans und Wilhelm, meine Brüder, nicht mehr aus dem Krieg kommen würden.«