Fluchtpunkte - Mena Koller - E-Book

Fluchtpunkte E-Book

Mena Koller

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Beschreibung

Berlin, Paris, Istanbul, Atlantis. Hierhin flüchten sich die Protagonisten aus Mena Kollers Kurzgeschichten. Sie fliehen vor ihrer Vergangenheit oder vor den eigenen Gefühlen. Sie entschwinden in einer anderen Realität oder in ihren Illusionen. Und manchen bleibt nur eine kurze Zeit des befreiten Aufatmens, bevor die Wirklichkeit sie wieder einholt. Mena Koller charakterisiert ihre Figuren und deren Beziehungen untereinander in einer berührenden Tiefe. Durch eine bildhafte Sprache gibt sie den Szenerien, Orten und Begegnungen eine faszinierende Metaebene. Berlin, Paris, Istanbul, Atlantis. Und irgendwo dazwischen verbirgt sich die vage Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Mena Koller: „Fluchtpunkte“

1. Auflage, März 2013, Edition Subkultur Berlin

© 2013 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur

Inh. Marion Alexa Müller, Postfach: 580 664, 10415 Berlin, www.subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Korrektorat: Marion A. Müller, Paul Waidelich

Coverfoto: Alexandre Duret-Lutz (gadl) via flickr.com under creative commons Autorinnenfoto: Sebastian Mergel

Satz & Layout: Thomas Manegold

E-Book-Version 1.2

print ISBN: 978-3-943412-02-4

epub ISBN: 978-3-943412-52-9

Mena Koller

Kindheit und Jugend im Palazzo di Latte.

Nach dem Abitur Abbruch der Lehre und des Studiums.

Um materiellen Besitz und die Aussicht auf einen Abschluss erleichtert schließlich monatelanges Vagabundieren auf dem Balkan und am Bosporus.

Seit 2010 in Berlin, seit 2012 mit festem Wohnsitz.

Mitglied der Lesebühne LUNGE.

Storyatella-Autorin.

Periplanetanerin.

http://menakoller.wordpress.com

Mena Koller

Fluchtpunkte

Kurzgeschichten

Berlin

Draußen vor dem Küchenfenster schallt türkische Popmusik durch den Innenhof, der so schmal und hoch ist, dass die bis zum Anschlag hochgedrehten Boxen ein verzerrtes, dröhnendes Inferno auslösen. Das hundertfach verstärkte Echo, das vom schmutzigen Estrich vor den Erdgeschosswohnungen bis zum satellitenschüsselbewehrten fünften Stock mit der gleichen Lautstärke in alle offenen Fenster schlägt, macht es unmöglich, herauszufinden, wo der Besitzer der Anlage wohnt.

Paul hat dem Inferno den Rücken zugewandt und steht auf dem Balkon zur Straße raus. Der Lärm verfolgt ihn durch den schmalen Flur seiner winzigen Wohnung bis in sein Schlafzimmer, er hat vergessen, die Tür zu schließen. Viel hätte es ohnehin nicht gebracht.

Mit den Unterarmen auf das metallene Balkongeländer gestützt, blinzelt er in die Abendsonne. Das Eisen ist auch durch den Stoff seines Pullovers kalt auf der Haut, es ist November, aber in der letzten Wärme der späten Sonne riecht es noch nach Herbst.

Auf dem halbmeterbreiten Betonboden des Balkons sieht man den langgezogenen Schatten einer Birke, die auf dem Grünstreifen zwischen Bürgersteig und Straße wächst und sein Stockwerk überragt. Alle paar Minuten löst sich ein welkes, gelbes Blatt von ihren beinahe kahlen Zweigen und segelt langsam, sich drehend, zu Boden. Die Schatten der Blätter schaukeln horizontal auf dem Boden zu ihm herüber.

Unten auf der Straße vor seinem Wohnblock fahren gelegentlich Autos vorbei. Der Feierabendverkehr hat noch nicht eingesetzt. Die Straße ist vierspurig und führt genau gen Westen, eine lange Bresche quer durch den Stadtteil. Von dort, wo er steht, sieht man, wie die Fahrer zusätzlich zur heruntergeklappten Sonnenblende ihre Hand oder ihren Arm heben, weil die schräg einfallenden Strahlen sie so blenden, dass sie beinahe nichts mehr sehen.

Paul kennt dieses Gefühl. Dieses Gefühl, in einem Auto zu fahren und von der Sonne geblendet zu werden; das gleißende, warme Licht, das den Kopf füllt und das Blut rauschen lässt, Geräusche und Bewegung verschluckt.

Für ihn ist es unauflöslich verbunden mit scharfem Schmerz und unendlicher Geborgenheit, beides gleichzeitig, vermischt bis zur Unkenntlichkeit.

Wind kommt auf, plötzlich ist es kalt. Ein ganzer Wirbel trockener, verkrumpelter Blätter rattert leise durch die dünnen Birkenzweige. Paul fühlt, wie die Gänsehaut an seinen rundlichen Armen emporschießt und schüttelt die weiten Pulloverärmel über seine Hände, doch als er sich vorbeugt, um entlang der Ausfallstraße freien Blick nach Westen zu haben, sieht er, dass die Sonne sowieso im Begriff ist, unterzugehen, also flüchtet er in sein Zimmer und schließt die Balkontür.

Unschlüssig steht er mitten im Raum und malt mit seinen Socken ein paar kleine Kreise in den Staub auf dem Boden, den man nur im röntgenartigen Licht der Abendsonne sehen kann. Durch die Bewegung flirren die Staubpartikel in der Luft, weiter links noch erleuchtet von der Sonne, rechts verschluckt vom beinah blauen Schatten. Paul schaut auf und betrachtet seinen Schreibtisch. Auf dem Bildschirm seines Laptops ist das Postfach geöffnet, und sein Blick tastet die Liste ungelesener Mails ab. Die Liste wird mit jedem Tag länger, und bald wird sie ins Unsichtbare jenseits des unteren Bildschirmrands weiterkriechen. Das Meiste davon sind Verteileremails der Bibliothek, verschiedener Seminare und Arbeitsgruppen.

Er überlegt, wie viele Vorlesungen er inzwischen wohl verpasst hat. Zu viele, denkt er. Mehr, als er insgesamt besucht hat, er ist seit Wochen nicht mehr in der Uni gewesen. Am Anfang dachte er, das Schlimmste wäre dieses Gefühl von nicht mehr gut zu machendem Versäumnis, bis er einen undefinierten Punkt überschritten hatte und auf einmal nichts mehr fühlte, keine Reue, keine Gewissensbisse, keine Scham, und das empfindet Paul als weitaus unheimlicher, weil es ihm völlig unbekannt ist.

Er starrt in die Teetasse, die er vor fünf Minuten auf der Pressholzplatte abgestellt hat. Der Teebeutel blutet immer noch langsam, aber stetig ins heiße Wasser aus, in graubraunen, duftenden, sich immer weiter verdunkelnden Wolken.

Paul steht für ein paar Momente völlig reglos im Zimmer, und die untergehende Sonne sendet einen letzten rotgelben, sehr schmalen Streifen durch den Raum, gerade breit genug, um Pauls Augen zu füllen mit einem blendenden, warmen Gleißen, und er wagt nicht, sich zu rühren, bis das Licht von seinem Gesicht abgerückt und übergangslos nach draußen in die blaue Kälte verschwunden ist.

Dann bewegt er leicht den Kopf, wie um eine Erinnerung abzuschütteln, und schaut wieder auf seinen Laptop. Auf der linken Seite des Bildschirms bietet Google ihm eine Reihe von nützlichen Kommunikationstools an.

Sie sind unsichtbar, steht da. Darunter kann man einen Button anklicken, auf dem steht: Sichtbar werden.

Er weiß noch, wie es war, als er hier ankam, in Berlin, frühmorgens nach einer Nacht im Zug. Nur einen Rucksack hatte er dabei, der Rest würde später kommen, sein Vater wollte mit dem Umzugswagen hochfahren; es war sehr früh am Morgen und ungewöhnlich kalt für September.

Berlin streckte sich seltsam bewegungslos und schwer unter einem goldviolett überhauchten Frosthimmel aus, und das konturlose Licht der Morgensonne flutete über die Dächer und Glasfassaden, als er aus dem Bahnhofsgebäude auf den windigen Vorplatz trat.

Während der Zugfahrt, immer wenn er wieder aus seinem schienenrauschenden, zu Kopf steigenden Schlaf aufgefahren war und sich zu seltsam und zu allein gefühlt hatte, um ein Buch zu lesen oder Musik zu hören, dann hatte er aus dem Fenster geblickt und seine Augen waren den halberkannten Schemen nachgesprungen, die hinter der nachtblinden Spiegelung seines Gesichts in der Scheibe irgendwo draußen in der Dunkelheit vorbeigezogen waren. Dabei hatte er an Berlin gedacht, an das, was ihn erwarten würde, und die Stadt war ein unübersichtliches Chaos an Geschichten, Bildern, Liedertexten und Filmausschnitten in seinem Kopf gewesen, die unzähligen Anekdoten von Bekannten und Freunden, die Hymnen, die auf Berlin gesungen, und die Straßen, die in Büchern verewigt worden waren, und über allem dieses unausgesprochene Berlin, Berlin, das schon jedem Ursprung entkommen war, seine eigene Bedeutung abgekapselt hatte von jeder Erklärung; und in jeder Vorstellung nachgeklungen war, die er sich versuchsweise von dieser Stadt gemacht hatte, Berlin, Berlin, die mythische Essenz der Hommagen aller Klassenfahrtteilnehmer, Künstler, Musiker, Schauspieler und Kleinstadtpunks, Berlin, Berlin.

Am Ende hatte er beinahe Angst gehabt, sich ein Bild zu machen, und voller Trotz beschlossen, überhaupt nichts zu erwarten. Denn wo sollte sein Platz sein in diesem Moloch an Vorstellungen, er hatte keinerlei Bedürfnis gehabt, die Stadt für sich zu erobern, die ihm in seinen Gedanken abweisend und feindselig erschienen war, er hatte nur ankommen wollen, irgendwo. Nicht mehr.

Und dann, als er so früh am Morgen aus der Bahnhofshalle trat, als der Vorplatz vom Schmelz der aufgehenden Sonne überhaucht war, die ihm so tröstlich-vertraut und heimlich in den Augen leuchtete, da dachte er plötzlich nicht mehr an die Geschichten, an all die Erwartungen und seine Angst, er hatte auf einmal die Stimme seiner Großmutter im Ohr, die geseufzt hatte, als er ihr erzählt hatte, wo er bald studieren würde.

Ach, Berlin, seufzte sie, da war ich so lang nicht mehr, so lang ... eine junge Frau war ich damals noch, mein Gott, und es war das erste Mal, dass ich in die Oper gegangen bin, jaja, aber das war ‘45, im Herbst, und alles war kaputt, mein Gott ... meine Schuhe hab ich mir ruiniert damals, als wir über die Trümmerfelder zum Admiralspalast gestiegen sind, und überall waren ganze Häuser verschwunden, diese riesigen Löcher in den Straßen, alles war kaputt, das war so schrecklich, mein Junge, und das Aufräumen, das hat lange gedauert, so lang ... manchmal frag ich mich, wie es wohl jetzt aussieht, in Berlin, ich bin seitdem nicht mehr dort gewesen, nicht wahr, seit dem Abend in der Oper ...

Daran dachte er, an seine Großmutter, die das erste Mal in die Oper ging, als alles so kaputt war, und er erinnerte sich, wie ihre Stimme geklungen hatte, so schwer und alt, und weit fort, er sah sich auf dem unwirklichen Bahnhofsvorplatz um und schaute auf den Bundestag, auch dieser Anblick unwirklich, wie ein Abziehbild aus der Tagesschau, aber da waren keine Löcher, keine Schlundlöcher im weitausgreifenden Raum um ihn herum, es war grau und leer und hässlich im Schmelz der Morgensonne und irgendwo hier wollte er ankommen. Mehr nicht.

Und jetzt ist der Himmel vor dem Fenster graublau und lichtleer, und Paul ist müde; nicht körperlich, er hat wieder einen ganzen Tag untätig in seiner Wohnung verbracht, aber sein Kopf ist schwer und angefüllt mit zu vielen halbgedachten Gedanken. Er lässt die Vorhänge offen, und bald dringt das mattgelbe Schimmern der Straßenlaternen zu ihm herauf, vermischt mit dem stetigen Reifenrauschen der Rushhour. Der Tee ist kalt geworden auf dem Schreibtisch. Er hat es wieder nicht über sich bringen können, die zarten Schlieren der unterschiedlich dunkel getönten Teeschwaden zu zerstören, also hat er die Tasse nicht angerührt.

Immer noch mit Socken, Jogginghose und Pullover bekleidet, kriecht Paul in sein ungemachtes Bett und zieht die Decke bis ans Kinn.

Aus alter Gewohnheit zählt er die Länge seiner Atemzüge, eins zwei drei vier aus, eins zwei drei vier ein. In der Stille kann er seinen Nachbarn durch die Wohnung schlurfen hören. Ein Fernseher murmelt. Unten quietscht das Bett eines Bewohners, der sich mit seiner Freundin vergnügt. Irgendwo lachen Leute, Türen schlagen, ein Auto hupt draußen, noch eines. Die Wände sind dünn in dem Wohnblock. Die Böden auch. Man hört jeden, der über oder unter seinem Stockwerk duscht. Eigentlich hört man ständig irgendeine Dusche.

Das stört ihn nicht, er fühlt sich geborgen durch die anonyme Geräuschkulisse. Es macht ihn glücklich, nicht allein zu sein auf diese Art und Weise. Er ist umgeben von Menschen, die alle ihr Leben führen, Geräusche machen, da sind, und nichts von ihm erwarten, außer sein Leben zu führen und Geräusche zu machen, die man durch die dünnen Wände hören kann, ohne ihren Verursacher zu kennen.

Das war früher schon so, als Paul klein war. Wenn seine Eltern Besuch hatten, der bis spät in die Nacht blieb, lag er in seinem warmen Bett und lauschte dem dumpfen Stimmengewirr, dem Gläserklingeln, dem Lachen; später kam das Klappern von Geschirr, das Brummen der Spülmaschine, die Absätze seiner Mutter auf dem Parkett, die beim Aufräumen hin- und herging. Er ließ sich von den beruhigenden Geräuschen in den Schlaf wiegen und fühlte sich erlöst, denn die Welt geschah weiterhin, ohne dass er etwas dafür tun musste. Alles nahm seinen Lauf, so wie es sein sollte, aber es war nicht Pauls Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles in Ordnung war. Er liebte diese Abende.

Am nächsten Morgen ist Paul früh wach, viel zu früh, er wagt es nicht, auf die Uhr zu sehen, aber der Himmel draußen ist noch nicht einmal richtig hell. Die Luft im Zimmer ist scharf und kalt auf seinem Gesicht, strömt mit einem Geruch nach reifknackendem Tagesbeginn durch das gekippte Fenster. Ihm ist gemütlich warm unter seiner Decke, er trägt immer noch Jogginghose und Pullover.

Paul bleibt einfach liegen.

Er ist müde, es ist ein vertrautes Gefühl, auch wenn er zwölf Stunden lang schläft, ist er immer müde, wenn er aufwacht. Morgens in dieser erschöpften Müdigkeit einfach unter der warmen Decke liegen zu bleiben, ist das Schönste, was Paul sich vorstellen kann, und obwohl er jetzt schon seit Wochen morgens liegen bleibt, ist das Gefühl von überwältigender Dankbarkeit, das seine Brust füllt, nicht schwächer geworden.

Solange er unter seiner Decke liegt und der Tag noch gar nicht wirklich begonnen hat, ist Paul unerreichbar für die Welt, und es macht ihm keine Angst, all die halbgedachten Gedanken zu Ende zu denken. Denn solange er hier liegt und die Zeit nicht weiterläuft, haben die Konsequenzen der Realität jeden Schrecken verloren, es ist nur ein Spiel, eine Fantasie, und wenn Paul mit seinen Gedanken ein Monster weckt, ist es nicht real.

Paul denkt also über den Tag nach, als er aufhörte, seine Vorlesungen zu besuchen.

Er hatte nie vor, einfach nicht mehr hinzugehen, er kann sich nicht erinnern, diesen Entschluss gefasst zu haben, es ergab sich einfach. Er kam aus der letzten Vorlesung, mit dem Kopf voller halbgedachter, ängstlicher Gedanken über all das, was er würde schaffen müssen, und stieg aus Versehen in die falsche S-Bahn.

Und alles, was dann passierte, machte es am Ende unmöglich, zurückzugehen, auch wenn er dafür nicht einmal einen richtigen Grund angeben kann, er weiß nur, dass es einfach nicht mehr möglich ist.

Es ist ähnlich wie mit dem Papagei, denkt er sich, streckt das linke Bein aus, wackelt mit den Zehen und rollt sich wieder zu einer neugeformten Kugel zusammen unter der Bettdecke.

Auch das kann er seiner Mutter nicht sagen. Er hatte ihr versprochen, sich selbständig um einen neuen Therapeuten zu kümmern, denn Berlin war zu weit weg von seiner alten Jugendtherapeutin, um einmal in der Woche zur Sitzung zu pendeln.

Also sah Paul im Telefonbuch nach und schrieb auf der ersten Seite seines neuen Notizblocks, den er extra für die Uni gekauft hatte, eine Liste mit Namen und Telefonnummern von Therapeuten auf.

Er las die Namen ein paar Mal halblaut und versuchte, sich vorzustellen, was für ein Mensch der Besitzer des jeweiligen Namens sein würde. In den letzten zehn Jahren war Paul bei verschiedenen Therapeuten gewesen, insgesamt waren es – er zählte es an seinen Fingern ab – vier gewesen, und wenn man die mitzählte, bei denen er nur ein- oder zweimal gewesen war für irgendein Gutachten, dann kam er sogar auf sieben.

Die letzten zwei Jahre, bis zu seinem Umzug nach Berlin, war er zu Frau Huber gegangen, einmal in der Woche.

Wenn Frau Huber ihm die Tür zur Praxis öffnete, schaute sie ihm für eine Sekunde in die Augen und richtete danach ihre Begrüßungsformel an den Sisalteppich, der auf den Dielen lag. Sie bat ihn herein, er setzte sich im Wartezimmer auf die Holzbank mit den farbigen Kissen und wartete fünf Minuten, während sie in ihrem Sprechzimmer verschwand. Die Holzbank war klein geraten, nicht wie etwas, das für Kinder gemacht worden ist, sondern einfach nur ungewöhnlich schmal und klein. Paul mochte diese Bank, denn wenn er darauf zu viel Raum einnahm, lag es einfach nur daran, dass die Bank zu klein war, und nicht an ihm.

Pünktlich zur vollen Stunde öffnete sie die Tür zum Sprechzimmer. Eigentlich drückte sie nur die Klinke herunter und stieß dann die Tür auf, die langsam aufschwang. Paul stand auf, ging hinein und schloss die Tür hinter sich. Frau Huber saß jedes Mal bereits in ihrem Sessel, bevor er den Raum betrat.

Als Paul also in Berlin in seiner winzigen neuen Wohnung saß und halblaut fremde Namen von fremden Therapeuten murmelte, dachte er an Frau Huber und begann plötzlich zu hoffen, dieses Mal vielleicht jemand Nettes zu finden. Immerhin hatte er das erste Mal im Leben die Wahl. Seine Mutter konnte ihn nicht mehr einfach bei Frau Huber anmelden, er konnte sich für jemanden entscheiden, den er mochte.

Beinahe erleichtert nahm er sein Handy und begann, die erste Nummer einzutippen.

Eine halbe Stunde später lauschte er der vierzehnten Bandansage. Eine abgehackte, nüchterne Stimme sagte, dass er verbunden sei mit der Praxis für Psycho – und an dieser Stelle sagte die Stimme psychopsychopsycho, bevor sie zu -therapie von Dr. Hablinger überging, wie ein abgehackter, nüchterner, verrückter Papagei, und Paul legte voller Schreck auf. Es war nur ein defekter Anrufbeantworter, aber Paul wollte nicht noch einmal anrufen, und ein paar Tage später war klar, dass Paul auch keine der anderen Nummern mehr anrufen würde, obwohl er dafür keinen anderen Grund hätte angeben können als den Papagei.

Er konnte seiner Mutter nicht sagen, dass ein Papagei ihn davon abhielt, sich einen Therapieplatz zu beschaffen, also antwortete er erst ausweichend und nahm dann nicht mehr ab, wenn er die altvertraute Festnetznummer auf seinem Handydisplay leuchten sah.

Seine Mutter hatte ihn nach Paul Watzlawick benannt, wegen seines Buches Anleitung zum Unglücklichsein, das sie wohl sehr beeindruckt hatte als junge Frau. Denn auch, wenn sie es damals genau genommen nur überflogen hatte, hinterließ es in ihr den einen großen tröstlichen Gedanken, dass man jedes Unglück – egal welchen vermeintlichen Ursprungs - einfach selbst abschaffen könnte. Insofern wäre das Glücklichsein zu erreichen, indem man einfach aufhörte, Probleme zu machen oder auf sie hinzuweisen, da man sie dadurch ja erst existent machte.

Dieser Gedanke musste sie tatsächlich glücklich gemacht haben, denn er beschenkte sie mit dem plötzlichen Gefühl der möglichen selbst erschaffenen Absolution, ein Bedürfnis, das sie begleitet hatte, seit sie denken konnte, obwohl sie niemals behauptet hätte, es überhaupt verspürt zu haben. Doch die Lektüre dieses Buches und die darauffolgende Schwangerschaft waren wie eine Befreiung von all den alten Familiengeschichten, die sie immer als ungerechtes Erbe empfunden hatte. Nun konnte sie selbst entscheiden, und sie entschied, glücklich zu sein und dieses neue Erbe ihrem Kind mitzugeben.

Sie nannte ihren Sohn also Paul, und es war das größte Unglück ihres Lebens, dass Paul sie vom ersten Tag seines Lebens an darauf hinwies, dass etwas nicht stimmte. Es war auch das größte Unglück von Paul, dass seine Mutter vom ersten Tag seines Lebens an darauf bestand, dass er ständig auf ein nicht existentes Unglück hinwies, sodass sie es sich zur Gewohnheit machte, Paul selbst als Unglück wahrzunehmen. Sie erwartete nichts weiter von ihm, als endlich damit aufzuhören, auf etwas hinzuweisen, das es nicht gab. Und als Paul erwachsen war, hatte er sich mit dem Gedanken eingerichtet, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmte und er es nur endlich schaffen müsste, damit aufzuhören.

Als Säugling schrie Paul, wie alle Säuglinge schreien, er hörte nur nie damit auf. Je verzweifelter seine Mutter sich wünschte, er möge still sein, endlich verflucht noch mal still sein und zu einem süßen, zufriedenen Baby werden, desto schriller und verzweifelter schrie Paul.

Seine Mutter hörte erst auf, ihn dafür zu beschuldigen, als er seine Zähne bekam, denn es war bekannt, dass neue Zähne einen Säugling zum Schreien brachten. Das würde vorübergehen.

Es ging vorüber, doch Paul wurde nicht stiller, er lernte lediglich zu sprechen, und hörte auch damit nicht mehr auf. Genauso wenig, wie er aufhörte herumzulaufen oder mit Dingen zu werfen, sobald er es einmal gelernt hatte. Das Einzige, was ihn ruhig werden ließ, war das Autofahren an sonnigen Spätnachmittagen, wenn das Sonnenlicht das Auto anfüllte wie etwas, das sonst keinen Platz mehr ließ für irgendetwas außer Wärme und dem einlullenden Rauschen der Straße, doch seine Mutter weigerte sich, diese Lösung für ein nicht existentes Unglück hinzunehmen, und begann, eine Abneigung gegen das Autofahren an sich zu entwickeln.

Als er vier Jahre alt war, diagnostizierte ein Kinderarzt ADHS, lang bevor es zur allgemeinen Mode verkam. Seine Mutter hatte diverse Ärzte aufsuchen müssen, bis einer davon ihr mit einer Diagnose dienen konnte, die ihr den beruhigenden Gedanken ermöglichte, dass Paul kein Problem hatte, sondern eines machte, was bedeutete, dass er auch – mit der richtigen Hilfe – wieder damit aufhören könnte.

Paul wuchs auf mit Ritalin, bevor es überhaupt so hieß, und als er zehn war, diagnostizierte ein weiterer Kinderarzt Adipositas, diesmal ohne jeden Zweifel, denn Paul hatte sechs Jahre lang damit verbracht, mithilfe der Medikamente nicht mehr auf irgendein Problem hinzuweisen, was darauf hinauslief, dass er sich nicht viel bewegte und jeden Drang zur Gefühlsäußerung durch den Konsum von Nahrungsmitteln ausdrückte. Noch ein paar Jahre später waren die anschließenden von seiner Mutter verordneten Diäten so weit eskaliert, dass Paul ohne jegliche Überreste von Selbstachtung in seine Pubertät schlitterte, was ihm – es kam ihm wie eine Beförderung vor – von einem richtigen Arzt, keinem Kinderarzt, die Diagnose der pubertären depressiven Verstimmung eintrug.

Seine Jugend verbrachte Paul in den Ecken der Pausenhöfe, die er körperlich mehr ausfüllte, als ihm lieb war, und in den Sprechzimmern von Jugendlichentherapeuten, die mit ihm darüber sprachen, dass er eigentlich gar kein Problem hatte, sondern nur dachte, dass etwas nicht stimmte.

Paul war nicht dumm, er war nur so beschäftigt damit, unermüdlich an sich selbst zu arbeiten, dass der Schulstoff einfach nicht genug Platz in seinem Kopf hatte; seine Konzentration reichte nie aus, um französischen Vokabeln oder Matheformeln die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Am Ende machte er sein Abitur wie alle anderen Schüler an seiner Schule auch, aber die Jahre der ermüdenden, aussichtslosen Kämpfe gegen all die Probleme, die doch eigentlich grundlos waren, machten aus seiner Abiturfeier einen schalen Sieg, errungen mit übermenschlicher Anstrengung, die dennoch lediglich dazu ausreichte, das Erwartbare zustande zu bringen.