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Vier Frauen erzählen ihre bewegte Familiengeschichte über vier Generationen, vom sich stets wiederholenden Aufbruch und Exil zwischen dem Nahen Osten und Europa: Die Palästinenserin Naïma, die mit zwölf verheiratet wird und 1947 in den Libanon flieht. Ihre eigenwillige Tochter Ema, die sich gegen den gewalttätigen Vater zur Wehr setzt und während des libanesischen Bürgerkriegs nach Europa aufbricht. Und schließlich Dara, die aus Sehnsucht in den Libanon zurückkehrt und mit ihrer Tochter Lila erneut aufbrechen muss, als der Krieg in ihr Dorf kommt. In kurzen, poetischen Abschnitten zaubert Jadd Hilal ein Mosaik über das Leben dieser Frauen, die allen Desastern trotzen und sich stets ihren störrischen Humor bewahren. Sie alle suchen ihren Weg zwischen Patriarchat und Selbstbestimmung, zwischen zwei Kulturen, zwischen der Sehnsucht nach dem Land der Kindheit und dem Wunsch nach Freiheit und Frieden.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2021
www.lenos.ch
Jadd Hilal
Roman
Aus dem Französischenvon Barbara Sauser
Der Autor
Jadd Hilal, geboren 1987 in der Nähe von Genf, studierte französische Philologie und englische Literatur in Frankreich. Danach lebte er in Schottland und in der Schweiz. Heute forscht er zu Philosophie und Literatur und lebt als Lehrer in Paris. Flügel in der Ferne (Des ailes au loin) ist sein erster Roman. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Die Übersetzerin
Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, studierte Slawistik und Musikwissenschaft. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Französischen, Russischen und Polnischen. Sie lebt in Bellinzona. www.barbarasauser.ch.
Titel der französischen Originalausgabe:
Des ailes au loin
Copyright © 2018 by Elyzad, Tunis
Published by arrangement with Agence littéraire Astier-Pécher
All rights reserved
E-Book-Ausgabe 2021
Copyright © der deutschen Übersetzung
2021 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagfoto: Yongkiet Jitwattanatam / shutterstock
eISBN 978 3 85787 993 7
www.lenos.ch
Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personenund ihren Fiktionen ist rein reaktiv.
Für meine Grossmutter.
Für meine Mutter.
Mir scheint, für den, der zurückbleibt,ist es immer viel trauriger als für den,der weggeht.
Marivaux,Das Leben der Marianne
Naïma
Ema
Naïma
Ema
Naïma
Ema
Naïma
Ema
Naïma
Ema
Naïma
Ema
Naïma
Ema
Dara
Ema
Dara
Ema
Dara
Ema
Dara
Naïma
Dara
Ema
Dara
Naïma
Ema
Dara
Ema
Dara
Ema
Dara
Lila
Ema
Dara
Lila
Dara
Lila
Dara
Lila
Dara
Lila
Dara
Lila
Dara
Naïma
Ema
Dara
Lila
Naïma
Ema
Dara
Lila
Naïma
Ema
Dara
Lila
Glossar
Quellen
Das Meer. Meine Beine hoben ab. Gleich würde ich wegfliegen in den orangen, wolkenlosen Himmel.
»Nach rechts!«
Ich zuckte zusammen. Wie hatte Ahava mich einholen können? Ich gehorchte und versteckte mich an der Strassenecke hinter einem Mülleimer. Bemüht, mein Schnaufen zu unterdrücken, wartete ich. Eine Hand legte sich auf meine Schulter.
»Ich hab nichts getan, ich hab nichts getan!«
Der Polizist zog mich hoch. Sah mich an. Sah mich lange an.
»Was schmunzelst du, Kleine?«
Haifa: die Hauptstadt von Palästina. Haifa, ein Fjord am Mittelmeer. Eine elfenbeinfarbene Stadt, die auf ihren vierhundert Metern Höhe wie ein Leuchtturm über der See thront. Ich verbrachte ganze Tage am Hafen, bewunderte die grossen Schiffe, das Meer und in der Ferne die Küste jenes Landes, in dem ich später einen Teil meines Lebens verbrachte: des Libanons.
In Haifa lebten wir Tür an Tür mit der Familie meiner Freundin Ahava. Sie waren Juden. Blieben immer in unserer Nähe. Wir assen, sangen, tanzten zusammen. Wie sie lebten auch wir in einer kleinen Wohnung. Meine Eltern, meine grosse Schwester Saïda, mein grosser Bruder Abel und ich schliefen auf dem Fussboden unter ein und derselben Decke. Ich hatte den Ehrenplatz neben meiner Mutter. Eines Abends bat mich Saïda, mit ihr zu tauschen. Sie streckte mir einen Ring hin.
»Echtes Gold.«
Ich kriegte mich kaum ein vor Lachen.
Das Viertel, die Läden, die Lebensmittelverkäufer. Vom Zimmer aus konnte ich die Moschee, die Kirche, die Synagoge und in der Ferne Olivenbäume sehen. Ich erinnere mich an einen Traum, an eine Reihe Engel, die sich über den Bäumen in den Himmel zog. Meine Augen waren wohl offen. Vielleicht handelte es sich einfach um Menschen. Der Himmel war in Haifa nah, die Sterne deutlich, fast greifbar. Ich fing an, sie zu zählen.
»Für jeden Stern wird dir eine Warze wachsen.«
Meine Mutter. Ich zählte weiter, weil ich wissen wollte, ob sie log oder nicht.
Im Zentrum von Haifa wucherte ein riesiger Markt. Mein Vater trug mir oft auf, dort Brot zu holen. Das machte ich nicht gern. Lieber setzte ich mich mit Ahava in ein Café gleich daneben. Beobachtete die Menschen. Der Besitzer war ein Freund meiner Familie, ich durfte dort sitzen, ohne etwas zu bestellen. Er mochte mich ganz gern, glaube ich. Oft sagte er, ich sei hübsch und später würden sich die Verehrer um mich reissen.
»Deine schönen grünen Augen werden über dein Leben entscheiden, Naïma.«
Das Leben hat ihm recht gegeben.
»Heute liegt es in deinem Interesse, ein Brot nach Hause zu bringen.«
Die Stirn meines Vaters war gerunzelt. Er hatte Ahavas Familie zum Essen eingeladen. Diesmal keine Ausflüchte.
Im Zickzack flitzte ich über den Markt, an Beinen vorbei, die mir, klein wie ich war, vorkamen wie Stelzen. Ich hatte das Brot schon unter dem Arm, als ich eine Explosion hörte.
Eine Druckwelle.
Ich wurde zurückgeschleudert. Meine Ohren rauschten. Ich schmunzelte. Warum, weiss ich selber nicht. Ich versuchte aufzustehen. Verlor das Gleichgewicht und plumpste wieder zu Boden. Oben an der Stirn fühlte ich ein Brennen. Dass mich ein Bombensplitter gestreift hatte, wurde mir erst nach einer Weile klar. In diesem Moment verstand ich nichts. Rein gar nichts. Benommen, belustigt, vom Schock aufgewühlt, kehrte ich nach Hause zurück, als ob nichts gewesen wäre.
»Ich habe es ihm immer gesagt! Ich habe immer gesagt, dass sie zu klein ist, um alleine auf den Markt zu gehen! Er hat meine Tochter getötet! Hasam hat meine Tochter getötet! Mein Mann hat meine Tochter getötet!«
Meine Mutter wehklagte nach Art der arabischen Mütter. Zog die Vokale in die Länge. Meine Tooochter, er hat meine Tooochter getööötet. Als sie mich erblickte, stürzte sie zu mir. Ich streckte ihr das Brot hin. Dann das Wechselgeld. Es war blutverschmiert.
»Das waren Juden«, sagte sie ein paar Stunden später zu mir.
Ich hielt es für einen Scherz zur Aufheiterung.
»Sie sind anders als wir. Das sind Juden von der Haganah*.«
* Dieser und andere Begriffe siehe Glossar des Autors ab Seite 199.
Nach dem Attentat von 1938 verliessen meine Mutter, mein älterer Bruder, meine Schwester und ich Haifa. Mein Vater lehnte es ab mitzukommen. Er hatte eine neue, besser bezahlte Stelle, in einem Bergwerk unweit der Küste.
»Mein Arbeitsweg ist ohnehin schon lang, Nedschla«, sagte er.
Er behielt die Wohnung in Haifa, um dort unter der Woche zu schlafen, und kaufte ein Haus in Schafa Amr, wo er uns an den Wochenenden besuchte. Der reinste Luxus, das neue Haus: mit Balkon, grossem Wohnzimmer und sogar einem Backofen. Mehrere Jahre später baute mein Vater einen zweiten Stock darauf, für die Schlafzimmer. Er verdiente gut.
In Schafa Amr hatte es ein Ende mit kurzen Röcken und T-Shirts. Wenn wir mit unserer Mutter spazierten, zogen meine Schwester und ich immer wieder lüsterne Blicke an. So beschloss sie eines schönen Tages, uns beiden Hosen zu nähen. Ich sah zu, wie sie die Nadel führte. Meine Mutter war schön. Schön und sehr zart. Die helle Haut, die geradlinige Silhouette und die gemächlichen Bewegungen verliehen ihr etwas Sittsames. Wenn sie ernst mit mir sprach, zielte ihr grünäugiger Blick nie direkt in meine Augen, sondern ein klein wenig darunter.
»Die Haganah ist eine zionistische Untergrundorganisation.«
Ich verstand kein Wort.
»Sie beschützt die Juden, weil die Araber sie bedrohen.«
»Was, wir bedrohen die Juden?«
In ihrem Gesicht erschien ein aufrichtiges Lächeln.
»Hier hast du deine Hose.«
Pflaumenzeit. Meine Schwester Saïda und ich pflückten die Früchte immer von einem grossen Baum in der Nähe unseres Hauses. Saïda, die Sadistin. Einmal fiel ich vom Baum und hatte daraufhin eine Woche lang Nackenschmerzen. Beim nächsten Mal hatte ich natürlich Bedenken hochzuklettern. Aber das interessierte mein Schwesterherz nicht. Sie schrie mich an und schlug mich, bis ich nachgab. Einmal oben, drohte ich, alles unserer Mutter zu erzählen.
»Das kauft sie dir ohnehin nicht ab, man sieht ja nichts.«
Ich riss Pflaumen von einem nahen Zweig und zerdrückte sie zwischen den Fingern. Dann rieb ich sie mir auf die Augen und schrie: »Schon haben wir zwei schöne Veilchen!«
Mit mir war meine Mutter enger verbunden als mit ihren anderen Kindern. Zumindest bildete ich mir das ein. Es war auch logisch, schliesslich hatte sie mir einiges zu verdanken. Ich hatte ihr schon das Leben gerettet. Mit gerade mal neun Jahren! Sie war einmal vor mir hergegangen, auf dem Kopf einen riesigen Krug Mais – geerntet, um ihn an Händler zu verkaufen –, als daraus plötzlich der Kopf einer Schlange hervorlugte. Das Tier wand sich in Richtung ihres Nackens. Ich stürzte zu ihr und schlug den Krug herunter. Er ging zu Bruch. Die Schlange kam in ihrer ganzen Länge zum Vorschein. Sie war unglaublich lang, nahm aber Reissaus. Und ich schmunzelte wie damals bei der Explosion auf dem Markt.
»Ich war ungefähr gleich alt wie du, als ich den Schreck meines Lebens bekam. Ebenfalls eine Schlangengeschichte.«
Wir machten kehrt, um zu Hause einen anderen Krug zu holen.
»Dein Onkel Reda spielte draussen. Da hörte ich ihn rufen: ›Komm, mein kleines Kätzchen, es gibt zu fressen.‹ Wir hatten kein Kätzchen. Ich stürmte zu ihm und erblickte in seinen Händen eine riesige Schlange. Er wollte sie füttern.«
Ein paar Jahre später erzählte mir meine Mutter die Geschichte noch einmal. Es geschah auf derselben Strasse. Als ich vor unserem Haus vom Pferd stieg, biss mich eine Spinne in den Fuss. Mein Vater schnitt mir mit einem Teppichmesser ein Stück von der Zehe ab. Blut strömte. Während meine Mutter von der Naivität meines Onkels plauderte, brach mein Vater eine Knoblauchzehe entzwei und band sie mit einem Taschentuch an die Wunde.
Es ging mir auf die Nerven, zwischen Haifa und Schafa Amr hin- und herzureisen. Das wussten alle in der Familie und niemand besser als Saïda, die Sadistin.
»Es ist eine Schande, dass Naïma ihren Vater nicht öfter sieht. Bestimmt ist er traurig«, sagte sie.
Und damit war die Maschinerie in Gang gesetzt. Die schuldige Gattin stürzte sich in die Organisation der heilbringenden Reise. Weckte uns um sieben Uhr früh und zerrte uns in die Küche. Dort klatschte sie für uns verschlafene Kinder zwei khabez, libanesische Fladenbrote, auf den Tisch, schnitt sie auf, bestrich eine Seite mit labneh, fermentiertem Frischkäse, goss einen dünnen Strahl Öl darüber und legte ein paar Oliven darauf.
»Dieses hier könnt ihr jetzt essen. Das zweite ist für unterwegs.«
Immerhin ein Trost. Diese Sandwiches waren unglaublich lecker. Und vor allem: Man musste einen Halt einlegen und vom Pferd steigen, um sie zu essen. Das verkürzte die Reise. Mitunter. Manchmal war es gerade umgekehrt. Sekunden konnten einen grossen Unterschied machen. Saïda war begabt, das musste man ihr lassen. Eines Morgens waren wir unterwegs zum Olivenernten, da blieb sie auf einmal abrupt stehen. Zog mich am Arm.
»Komm, wir laufen zusammen zu Papa.«
Das Miststück. Sie sah mich wohlwollend, geradezu von Zuneigung erfüllt an. Versuchte mich zu überreden.
»Glaubst du etwa, ich kenne den Weg nicht?«
Ihre Brauen wanderten nach unten, das Lächeln verschwand. Ihr üblicher Blick gewann wieder die Oberhand: fordernd, an das Verantwortungsgefühl appellierend. Saïda gehörte zu den Menschen, bei denen Aussehen und Charakter zusammenpassten. Sie war eine harte Person, in beiderlei Hinsicht. In ihrem Gesicht gab es kein sanftes Auf und Ab, alles wirkte wie mit dem Lineal gezeichnet. Dasselbe galt auch für ihren Körper. Sie war nicht so gertenschlank wie meine Mutter, aber den wahren Unterschied machte das Ungleichgewicht. Von kurvenreicher Figur konnte nicht die Rede sein. Saïda war ein Stier. Ihre Beine waren dünn, aber stämmig, weil sie seit Jahren dieses gewaltige, gedrungene V von Oberkörper tragen mussten. Und dann die Augen. Sie wirkten auf mich immer subtil undurchdringlich, auch jetzt.
»Los, wir brechen auf.«
Jetzt klang es harscher. Ich wich ein paar Schritte zurück.
»Komm schon.«
Ich konnte mich nicht widersetzen. Tröstete mich mit dem Gedanken, wertvoller zu sein als sie. Dass nie recht hat, wer sich nie irrt, und mit ähnlichen Leitsätzen für den Notfall.
Fünf Stunden. Fünf Stunden Fussmarsch. Kein Gespräch, kein Wort. Als mein Vater uns aufmachte, war ich drauf und dran zusammenzuklappen. Er trug eine graue Arbeiterkluft, was seinem mediterranen Gesicht etwas Elendes verlieh. Aber sein Stolz liess mich im Nu die ganze Mühsal vergessen. Er legte eine Hand auf sein kurzgeschorenes Haar, die andere an den buschigen Schnurrbart und sah uns an. Der gleiche Gesichtsausdruck wie bei Saïda. Die gleiche Undurchdringlichkeit. Aber damit hatte es sich in seinem Fall. Davon abgesehen war mein Vater das pure Gegenteil meiner Schwester. Zwischen seinem Verhalten und seinem Erscheinungsbild bestand eine verblüffende Diskrepanz. Mein Vater war scheinruhig. Und wie die meisten scheinruhigen Menschen verbarg er hinter seinem Phlegma eine unablässig brodelnde Nervosität. Auch seine Grösse und sein Verhalten waren zwei klar getrennte Dinge. Mein Vater war klein, vermochte aber trotzdem zu erdrücken. Die Perspektive spielte keine Rolle. Er beherrschte die Leute auch von unten.
»Wie seid ihr hergekommen?«
Er liess uns auf dem Sofa Platz nehmen und bot uns eines der berühmten labneh-Sandwiches an, das ich, weil es nicht ein Etappenziel markierte, etwas weniger schmackhaft fand. Kaum hatte ich den Imbiss verschlungen, streckte ich mich aus und schlief ein.
»Steh auf, ihr müsst jetzt los.«
Abruptes Aufwachen.
»Dürfen wir nicht bleiben, Papa?«, murmelte ich.
»Nein, sonst macht sich eure Mutter Sorgen.«
Saïda trat auf den Plan.
»Komm schon, Naïma, hör auf zu jammern.«
»Du könntest uns begleiten, Papa …«
»Ich muss zur Arbeit.«
Kein Mitleid im Blick. Nichts. Meine Schwester wartete vor der Tür. Sie wurde ungeduldig. Tränen in den Augen, fügte ich mich, wieder einmal.
Mein Vater war ein harter Mensch. Hart allen gegenüber. Das rettete uns in Schafa Amr eines Nachts das Leben. Meine Eltern und ich schliefen in benachbarten Zimmern. Eine Albtraumserie führte dazu, dass ich mich über Vaters Strenge hinwegsetzte und ins Ehebett legte. Nach einigen schlaflosen Minuten sah ich eine Gestalt, die ins Zimmer trat und sich in einer Ecke bückte. Ich empfand die Silhouette als unproportioniert, dann fremd. Aber besorgt war ich nicht. Warum sollte jemand lieber zu uns wollen als zu jemand anderem? Und warum ausgerechnet in dieses Zimmer? Zum Stehlen? Da gab es schon im Wohnzimmer genug zu tun, wo man zudem ungestört war. Merkwürdig unstrategisch.
Dann endlich ging mir ein Licht auf. In diesem Winkel stand der Karabiner meines Vaters, eine bemerkenswerte Waffe, von deren Präzision er – allzu laut – in der ganzen Stadt schwärmte. Ich begriff, was der Mann vorhatte, und reagierte.
»Papa! Ein Dieb!«
Das Spektakel begann. Mein Vater sprang aus dem Bett, als hätte er wach gelegen, und versetzte dem Unbekannten einen Stoss. Die Waffe fiel zu Boden. Im Halbdunkel schien das Gesicht des Mannes auf. Er wirkte überrascht. Vor Schreck über die ungeheure Kraft, die in diesem kleinen Körper steckte, blieb er wie angewurzelt stehen. Einen Moment später floh er aus dem Zimmer. Mein Vater schnappte sich den Karabiner und stürzte ihm hinterher. Seine kurzen Beine zappelten vorwärts wie die eines Tausendfüsslers. Ich folgte den beiden. Und schmunzelte. Wieder einmal.
Am nächsten Tag kochte meine Mutter einen grossen Topf Kohl, mit vielen Gewürzen und Chili. Ich sass auf einem wackeligen Hocker und sah ihr zu, als ich die Haustür aufgehen und wieder zukrachen hörte. Mein Vater war von der Arbeit zurück. Schmiss im Wohnzimmer seine Schuhe zu Boden. Meine Mutter sah mich an. Diesmal direkt in die Augen. Bis heute erinnere ich mich an diesen Blick. Angestrengt mutig und dazu eine Angst, die diesen Mut zu ersticken drohte. Es war, als wollte sie mich schon im Voraus beruhigen. Die unsichere Prophetin vermittelte mir eine Botschaft, ein Gefühl des Trostes. Erst vor kurzem habe ich die Absicht dahinter verstanden. Sie füllte mich auf. Sie füllte mich mit Hoffnung, die sie bei sich selber abzog. Über ihren Blick tränkte sie mich damit. Sie sah mich an diesem Tag lange an und zog ihren Optimismus bis zum letzten Tropfen ab. Warum? Für mein Überleben. Sie wusste, dass das Kommende mich verändern, einen Teil von mir abtöten würde. Die Zukunft würde diese ganze Hoffnung wieder aus mir heraussaugen und verschleudern.
Mein Vater kam in die Küche, schrie: »Kohl?«, hob unter meinem belämmerten Blick den kochend heissen Topf hoch und kippte den Inhalt über meiner Mutter aus.
Mein Vater war ein harter Mensch. Hart allen gegenüber.
»Deinen Gesichtsausdruck habe ich nie vergessen, Mama.«
Meine Mutter und ich sassen auf der Terrasse eines Restaurants im Zentrum von Schafa Amr. Seit der Sache mit dem Topf Kohl war ein Jahr vergangen. Ihr Gesicht war immer noch davon gezeichnet. Zikaden zirpten. Mir war kalt.
»Ich will dir etwas erzählen«, sagte sie.
Sie blickte sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel, als fühlte sie sich zu ihm hingezogen.
»Eine Geschichte, die meine Mutter mir erzählt hat, einfach weil ich als Kind einmal auf der Strasse mit einem Unbekannten geredet habe.«
Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich wollte sie bitten, nicht weiterzureden.
»Stell dir einmal vor, Nedschla, hat meine Mutter gesagt, eines schönen Tages kommt ein Fremder in ein Dorf. Er hat Durst. Deshalb bleibt er vor einem Haus stehen, vor dem ein kleines Mädchen im Garten spielt und eine Frau die Terrasse fegt. Er sagt zur Frau: ›Könnten Sie mir bitte etwas Wasser geben?‹ Sie bringt ihm welches. Der Mann trinkt, und mit dem restlichen Wasser wäscht er sich noch das Gesicht. Ein paar Stunden später kommt der Ehemann von der Arbeit nach Hause. Das Mädchen sagt: ›Mama hat einen Fremden gewaschen.‹
