Flügel über der roten Erde - Sylvia Wols - E-Book

Flügel über der roten Erde E-Book

Sylvia Wols

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Beschreibung

Ein Neubeginn - eine zweite Chance - und ein ungeplantes Abenteuer im Outback. 1989 - Drei Jahre Afrika sind genug! Ein Traum führt den fliegenden Arzt John Morrison zurück in seine australische Heimat. Doch er ist nicht mehr derselbe, und der Neustart gestaltet sich schwieriger, als er erwartet hatte. Sara fällt aus allen Wolken, als sie sich plötzlich John, ihrer früheren großen Liebe, gegenübersieht. Sie ist zutiefst verwirrt. Sind da noch Gefühle für diesen gezeichneten, völlig veränderten Mann? Auch sie wurde in den zurückliegenden Jahren vom Leben geprägt und hat Angst, erneut verletzt zu werden. Können die beiden noch einmal zueinander finden? Und dann taucht plötzlich Lucy auf, die ein folgenschweres Geheimnis mit sich trägt. Und auf einmal ist Sara nicht nur in einem emotionalen Konflikt, sondern auch in einer lebensbedrohlichen Lage. Wäre da nicht der Aborigine Buranda … Manchmal macht das Leben einen Umweg, und manchmal findet man etwas, nachdem man gar nicht gesucht hat. Eine Geschichte über die Suche nach Gott, sich selbst, dem Leben und der Liebe und den Alltag zweier Ärzte beim RFDS - Royal Flying Doctor Service.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sylvia Wols

Flügel über der roten Erde

Band 1

Roman

Texte: © 2025 Copyright by Sylvia Wols

Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Sylvia Wols

Verlag:

Sylvia Wols

Thurgauweg 8

88690 Uhldingen-Mühlhofen

[email protected]

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Für die deutschsprachige Flying Doctors

Fangemeinde und die wahren Helden beim RFDS - Royal Flying Doctor Service of Australia.

“The furthest corner, the finest care”

(Bis in den letzten Winkel die beste Pflege)

Motto des RFDS

PrologOakland Fields, NSWAugust 1986

Das Pub des Morning Star Hotels war – genau wie das Hotel selbst – typisch für das einer australischen Kleinstadt im Outback. Nur an diesem Abend herrschte etwas mehr Leben darin als sonst. An den Tischen, an denen normalerweise vorwiegend Männer schweigend ihr Bier tranken oder das Wetter diskutierten, saßen die Leute heute dicht gedrängt, lachten und unterhielten sich angeregt. Der Dunst des Zigarettenqualms tauchte den Raum in einen einheitlichen Nebel und hin und wieder öffnete sich die Tür und ließ Strahlen der immer noch heißen Abendsonne über den staubigen Boden gleiten, während Leute kamen und gingen.

Sara nahm ihr halbvolles Glas und schlenderte Richtung Bar. Dort unterhielt sich John gerade angeregt mit Michael Taylor, dem Piloten des Royal Flying Doctor Service (RFDS) in Oakland Fields. Sie wollte nicht stören und blieb deshalb etwas abseits an einem der Tische stehen. Dann beobachtete sie die beiden, wobei sie aber eigentlich nur Augen für John hatte. Er wirkte so dynamisch und voller Lebenslust. Lachend strich er sich eine dunkelbraune Locke aus dem Gesicht und gestikulierte dann weiter. Als sein Blick zufällig in ihre Richtung fiel, ging ein Lächeln über sein Gesicht. Er hob sein Glas und prostete ihr zu. Sie versuchte ebenfalls ein Lächeln und hob ihr Glas, aber der Kloß in ihrem Hals wurde größer und sie merkte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Schnell nippte sie an ihrem Getränk. Aber gerade als sie sich umwenden wollte sah sie, dass John sich mit einem Schulterklopfen von seinem Gesprächspartner verabschiedete und nun zu ihr herüberkam.

„Hey“, sagte er und sah sie durchdringend an. Seine dunklen Augen sorgten wie immer dafür, dass ihre Knie weich wurden und sie musste kräftig schlucken.

„Ist alles okay?“ fragte er.

„Jaja,“ winkte sie ab und versuchte fröhlich zu klingen. Aber beide wussten, dass dies nur aufgesetzt war.

Jetzt legte John sanft eine Hand auf ihren Rücken und zwang sie noch einmal, ihn anzusehen.

„Ich weiß, dass es nicht leicht werden wird, aber wir schaffen das, okay?“

Wir? In Sara sträubte sich alles. Ein ‚Wir’ gab es nicht mehr. John hatte sich mit seinem Entschluss zu gehen, dagegen entschieden und ihr war gar keine andere Wahl geblieben. Warum war er nur dieser Einladung zu der Evangelisationsveranstaltung in Broken Hill gefolgt. Und warum musste er dort sein Leben Jesus übergeben? Was auch immer das bedeuten sollte. Das war ja schon schlimm genug. Aber dass er danach auch noch sein komplettes Leben hier über Bord werfen musste und ihm sein Beruf als fliegender Arzt plötzlich nicht mehr richtig erschien? Was sollte all dieses Gefasel von ‚Es muss noch einen höheren Sinn für mein Leben geben’ und ‚Ich glaube mein Platz ist jetzt woanders’. Nein! Sein Platz war nicht woanders, sondern hier bei ihr. Was um alles in der Welt wollte er als Arzt in einem Kriegsgebiet in Afrika?

„Komm mit nach draußen, Sara. Lass uns noch ein paar Schritte gehen und reden“, bat John, aber Sara stellte ihr Glas auf den Tresen ab und sah ihn an.

„Lieber nicht, John. Ich glaube, es ist alles gesagt.“

Dann wandte sie sich hastig um und lief Richtung Ausgang.

Traurig sah er ihr nach wie sie schnellen Schrittes die Feier verließ, aber sie konnte einfach nicht mehr. Tränen rannen ihr jetzt über die Wangen, während sie den Parkplatz vor dem Hotel überquerte und zu ihrem Auto lief. Mit tränenverschleierten Augen kramte sie mühsam in der Handtasche nach ihrem Schlüssel, schloss mit zitternden Händen auf und ließ sich dann schluchzend auf den Sitz fallen. Hätte sie sein Angebot, das er ihr gemacht hatte, doch annehmen sollen?

„Komm mit mir, Sara“, hatte er sie angefleht.

„Wir können dort zusammen etwas tun – zusammen helfen. Die Not dort ist so unendlich groß und die Menschen brauchen jede Hilfe.“

Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht? Dass sie hier ebenfalls alles aufgeben und seiner Illusion folgen sollte?

„Ich kann nicht mit dir gehen, John!“ hatte sie ihn angeschrien und ihn dabei verzweifelt an den Armen gepackt. Er war fast einen Kopf größer als sie und sie hatte das Gefühl gehabt, einen starken Baumstamm zu schütteln.

„Ich bin noch nicht einmal ein ganzes Jahr hier. Die Leute akzeptieren mich endlich als vollwertige Ärztin. Ich liebe das Land und meinen Beruf. Ich kann nicht einfach alles so aufgeben ... und du solltest das auch nicht!“

Tränen der Verzweiflung waren ihr über die Wangen gerollt und John hatte es beinah das Herz gebrochen. Er wollte sie auch nicht verlassen, im Gegenteil. Eigentlich hatte er schon daran gedacht, um ihre Hand anzuhalten. Aber tief in seinem Inneren fühlte er sich noch nicht bereit für diesen Schritt. Ein geregeltes Leben, Heirat, eine Familie und Kinder – das war einfach noch nicht dran für ihn. Davon war er überzeugt. Ja, er liebte Sara, aber nachdem er Jesus kennen gelernt hatte, füllte auch noch eine ganz andere Liebe sein Herz. Eine Liebe, die er vorher nicht gekannt hatte und in ihm war eine Leidenschaft entbrannt, der er nachgehen musste. Es schien ihm unbegreiflich, dass Sara das nicht sehen konnte. Ja, er hätte sie unglaublich gerne dabeigehabt. Aber sie hatte nicht nur gezögert, sondern sich komplett dagegengestellt.

In langen Gesprächen hatten auch andere ihn noch einige Male ermahnt, seinen Entschluss zu überdenken. Aber er war sich sicher gewesen. Trotz aller Konsequenzen wusste er, dass dies für ihn jetzt der richtige Schritt war.

Und auch wenn weder Sara noch sonst einer der Einwohner von Oakland Fields seinen plötzlichen Sinneswandel richtig nachvollziehen konnten, waren sie doch alle zu seiner Abschiedsfeier heute gekommen, und alle hatten ihm von Herzen alles Gute gewünscht.

Voller Enthusiasmus war er am folgenden Tag zu seinem Dienst in Afrika aufgebrochen. Er war sich sicher, dass er mit viel Liebe und Gottes Unterstützung, in den Kriegs- und Krisengebieten Ostafrikas ein Zeichen setzen könnte. Aber erst als er dort ankam und ihn die harte Realität traf, kamen ihm erste Zweifel, und schon bald merkte er, dass er auf das, was ihn dort erwartete, überhaupt nicht vorbereitet gewesen war. Hunger, Leid und Tod waren seine täglichen Begleiter und sein noch so zarter Glaube und auch seine Hoffnung wurden während der knapp drei Jahre, die er dort verbrachte, auf eine harte Probe gestellt.

Mendefera, EritreaJuli 1989

Ein Unfall gab schließlich den Ausschlag. Nur wenige Meter neben John ging eine Granate los. Eines der durch die Luft fliegenden Teile traf ihn am Kopf und er wurde zu Boden geschleudert. Mit einer Gehirnerschütterung und mehreren gebrochenen Rippen verbrachte er daraufhin einige Tage selbst als Patient in der Krankenstation, in der er arbeitete. Dort hatte er viel Zeit zum Nachdenken, zum ersten Mal in drei Jahren. Und plötzlich fragte er sich, warum er sich das hier eigentlich alles antat. Folgte er noch immer seiner Berufung oder ließ es nur sein Stolz nicht zu, dass er sich und anderen eingestehen musste, dass seine Entscheidung eventuell ein Fehler gewesen war.

Oder war sie damals richtig gewesen, aber seine Zeit hier war nun vorbei? Schon länger hatte er gespürt, dass seine Verbindung zu Gott nicht mehr die Beste war. Soviel Leid und Schmerz um ihn herum, das konnte ein liebender Gott doch unmöglich zulassen! Aber wenn sein Glaube nun ins Wanken geraten war, was war dann seine Berufung hier noch wert?

In seiner Verzweiflung hatte er zu Gott geschrien und um ein Zeichen gebeten. Er brauchte eine Antwort, eine Entscheidung. So konnte er nicht weitermachen. Er hatte keine Kraft mehr. Sein Körper und auch seine Seele waren völlig ausgebrannt. Erste graue Haare mischten sich in seine dunkelbraunen Locken und umrandeten sein knochiges Gesicht, und manchmal erschrak er vor sich selbst, wenn ihn im Spiegel zwei schwarze Augen aus dunklen Löchern anstarrten.

Und eines Nachts, auf seinem Krankenbett, träumte er diesen Traum.

Er war wieder in Oakland Fields und wandelte dort durch die Straßen. Alle Häuser lagen im Nebel und er konnte die Gesichter der Menschen nicht klar erkennen. Bis er an das Haus kam, in dem Sara gewohnt hatte. Sie stand am Tor ihres kleinen Gartens und winkte ihm zu. Und plötzlich stockte er. Er sah sie ganz deutlich. Sie lächelte ihn an und ihre Augen strahlten. Erfreut wollte er ihr zurückwinken, aber seine Arme waren schwer wie Blei. Mit aller Kraft schaffte er es schließlich, seine rechte Hand zu einem oberflächlichen Gruß zu erheben. Aber in diesem Moment drehte sie sich um und verschwand im Haus.

Dann erwachte er. Sein Herz klopfte bis zum Hals und er richtete sich erst einmal auf. Dieses Lächeln, ihre Augen – Sara. An sie hatte er schon lange nicht mehr gedacht. Wieso träumte er ausgerechnet jetzt von ihr?

Am Anfang hatten sie sich noch regelmäßig geschrieben. Aber irgendwann musste er feststellen, dass ihre Leben einfach zu unterschiedlich waren. Er hatte einsehen müssen, dass sie ihm nicht folgen würde und er war zu der Erkenntnis gekommen, dass dies für sie wohl auch besser so war. Das Leid um ihn herum hatte ihn gefangen genommen und nach und nach sein Handeln und Denken beherrscht. Daher schrieb er ihr nach etwa einem Jahr noch einen letzten Brief und gab sie dann frei. Er wollte ihr nicht weiterhin Hoffnung machen und er wollte auch sich selbst davor schützen, ständig mit der Sehnsucht nach seinem alten Leben konfrontiert zu werden.

Ab diesem Moment war der Kontakt ganz abgebrochen und er war davon ausgegangen, dass sich Sara neu verliebt hatte. Der Gedanke daran hatte ihm zwar einen Stich versetzt, aber er hatte versucht, damit klarzukommen und sich abzulenken.

In den darauffolgenden zwei Nächten hatte er jeweils noch einmal den gleichen Traum und er begann sich zu fragen, ob das sein Zeichen war. Unsicher bewegte er diese Gedanken einige Tage in seinem Herzen. War dies nur ein Wunschtraum von ihm oder machte es wirklich Sinn? War es möglich, dass eine Frau wie Sara drei Jahre auf ihn gewartet hatte? War sie überhaupt noch in Oakland Fields?

1

Zögernd stand John vor der dünnen Holztür, die zum Zimmer seines Vorgesetzten führte. Er hörte wie dieser sich am Telefon von seinem Gesprächspartner verabschiedete und dann auflegte. Noch einmal blickte er nachdenklich auf den Briefumschlag in seiner Hand. Sollte er es wirklich tun? Er erschrak fast, als die Tür plötzlich aufging und Dr. Norman vor ihm stand.

„Ich habe doch gewusst, dass ich ein Klopfen gehört habe“, sagte dieser freundlich und bat John einzutreten. Langsam folgte er ihm in das kleine Büro. Der Oberarzt war in den vergangenen drei Jahren nicht nur sein Chef gewesen, sondern ihm auch ein guter Freund geworden. Seine Entscheidung würde diesen hart treffen. Schweigend überreichte er ihm den Umschlag.

„Ich möchte kündigen, Terry“, sagte er dann vorsichtig. Sein Gegenüber blickte ihn ruhig an und nahm dann den Brief entgegen. Langsam öffnete er ihn und überflog die wenigen Zeilen. Dann bat er John, sich zu setzten. Eine Weile sah er ihn prüfend an.

„Hast du dir das genau überlegt?“ fragte er und forschte dabei in Johns Gesicht. Der Angesprochene blickte verlegen zu Boden. Nach einer Weile sah er wieder auf und sah Dr. Norman in die Augen. Auch diese sahen müde aus und versanken in dessen eingefallenem Gesicht.

„Ja, Terry, das habe ich. Ich kann einfach nicht mehr ... es geht nicht mehr.“

John hatte das Gefühl, dass er sich rechtfertigen musste, aber ihm fehlten die richtigen Worte. Abwartend sah er seinen Freund und Chef an. Dieser schaute noch einmal auf das Schreiben vor sich und wandte sich dann wieder an John.

„Du hast es in der letzten Zeit wirklich nicht leicht gehabt. Ich kann dich verstehen, John. Wahrscheinlich ist es wirklich gut, wenn du dir eine Auszeit nimmst. Ich werde deinen Wunsch weiterleiten ... und in Anbetracht der Umstände denke ich, dass sie deinen Fall schnell bearbeiten.“

John blickte Terry erleichtert an.

„Ich danke dir“, sagte er dann leise.

Die Bearbeitung der Kündigung ging sogar noch schneller als erwartet. In nur zwei Wochen hatte man einen Nachfolger für John gefunden. Einen jungen Mann, der ebenso motiviert schien wie John es am Anfang gewesen war und es brach ihm fast das Herz zu sehen, wie das Leid den neuen Arzt innerhalb von nur wenigen Tagen veränderte. Nach einer einwöchigen Einarbeitungszeit überließ er ihm sein Büro und John packte seine Sachen und bereitete sich auf die Abreise vor. Es war nicht viel, was er mitnahm. Das nötigste brachte er in seinem kleinen brauen Lederkoffer unter. Er brauchte nichts mitzunehmen, was ihn an die Zeit hier erinnerte. Im Gegenteil, er wollte vergessen.

Ehe er sich versah, stand er auf einmal wieder auf australischem Boden und wusste noch nicht einmal, was er denn jetzt eigentlich tun sollte. Eine Weile hatte er mit dem Gedanken gespielt, zu seinen Eltern nach Perth zu reisen, aber tief in seinem Innersten wusste er, dass dies auch nur wieder eine Flucht wäre. Nein, er musste zurück nach Oakland Fields. Er musste herausfinden, ob an diesem Traum irgendetwas Wahres war.

Als er in Sydney ankam hatte er das Gefühl, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Die lebensfrohe Metropole mit ihrem Reichtum und Überfluss erschlug ihn fast. Nach knapp drei Jahren Afrika war ihm seine eigene Heimat Australien fremd geworden und in all diesem bunten Treiben fühlte er sich fehl am Platz und alleine. Daher wollte er von dort so schnell wie möglich weiter. Zunächst flog er nach Cobar, was neben Broken Hill für Oakland Fields der nächstgrößte Ort mit offiziellem Flughafen war. Aber anstatt am nächsten Tag weiter nach Oakland Fields zu fliegen, blieb er dort. Sein eigener Mut hatte ihn wieder verlassen. War er eigentlich verrückt geworden? Was sollten die Leute in Oakland Fields denn von ihm denken?

Vor knapp drei Jahren hatte er sie von einem Tag auf den anderen verlassen und jetzt würde er zurückkommen als wäre nichts gewesen? Was sollte er ihnen denn sagen? Und Sara? Was, wenn sie mittlerweile eine Familie hatte? Er konnte doch nicht so einfach wieder in ihr Leben platzen! Weder ihren noch seinen Gefühlen könnte er dies zumuten. Und wovon sollte er leben? Sollte er sich wieder beim RFDS bewerben? Bei diesem Gedanken sträubte sich alles in ihm. Nein, kranke und verletzte Menschen hatte er in den letzten drei Jahren zu viele gesehen. Das könnte er im Moment nicht ertragen.

Aus Verzweiflung meldete er sich schließlich auf eine Anzeige, die er am General Store in Cobar gesehen hatte und bewarb sich als Farmhelfer auf der Sattle Creek Station. Er bekam den Job sofort und lebte sich schnell in den Alltag ein. Mechanisch tat er alles, was von ihm erwartet wurde und Zäune reparieren erschien ihm plötzlich als wahrer Segen. So kaputt ein Zaun auch sein mochte, er litt nicht. Er stöhnte nicht und spuckte kein Blut. Und er konnte auch nicht sterben. Er musste nicht einmal mit ihm kommunizieren. Im Gegenteil, er konnte schweigend vor sich hinarbeiten und hatte dabei viel Zeit zum Nachdenken. Doch dieses Nachdenken tat ihm auf Dauer auch nicht gut. Traumatische Bilder erschienen Tag und Nacht vor seinem inneren Auge und er bekam sie nicht aus dem Kopf, so sehr er sich auch dagegen wehrte. Er hätte Zeit gehabt zu beten, mit Gott zu reden. Aber dieser schien ihm weit entfernt.

John fühlte sich gefangen, in einem Mühlrad der Schrecken. Wie sollte er diesem entkommen? Vor der Vergangenheit war er geflohen, die Gegenwart erschien unerträglich und vor der Zukunft hatte er Angst. Aber warum? Wieso versetzte ihn der Gedanke, nach Oakland Fields zurückzukehren in Panik? War es nur die Befürchtung, als Versager abgestempelt zu werden oder war es auch die Furcht, dass vielleicht nichts mehr so war, wie er es kannte?

Seine eigene Unachtsamkeit weckte ihn schließlich aus diesem Albtraum auf. Während frühmorgendlicher Holzarbeiten an einem Zaun, weitab von der Farm, rutschte er mit der Axt ab und rammte sie mit voller Wucht in seinen linken Oberschenkel. Der Schmerz ließ ihn zu Boden stürzen und für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Aber dann war er hellwach. Plötzlich war er als Arzt wieder gefordert, wenn auch bei sich selbst. Er riss sein Hemd entzwei und legte sich einen Druckverband an. Der einsetzende Schock nahm ihm die Schmerzen und nachdem er die Blutung gestoppt hatte, wies er seinen völlig entsetzten Kollegen an, dass dieser den fliegenden Ärztedienst verständigen sollte.

Im Schatten eines Baumes lag er auf der verrosteten Tragefläche eines der alten Farmtrucks und wartete auf Hilfe. Natürlich hatte er in dieser Situation für einen Augenblick an Sara gedacht. Aber der Gedanke, dass ausgerechnet sie als Ärztin auftauchen könnte erschien ihm absurd. Nein, das konnte nicht sein, und das durfte auch nicht sein. Nicht hier und nicht heute. Er war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Erschöpft zog er sich seinen Lederhut etwas tiefer über die Augen und versuchte die Schmerzen zu ignorieren, die nach und nach wieder stärker wurden.

Als Sara bei der Unfallstelle ankam und der Patient langsam den Hut abnahm, starrte sie ihn total verblüfft und fast ungläubig an. Sie spürte wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich und sowohl ihre Stimme als auch ihr ganzer Körper zitterte.

„John?“

Ungläubig, fragend und mit heiserer Stimme kam ihr der Name über die Lippen.

Anstatt einer Antwort konnte dieser nur nicken. Ein dicker Kloß in seinem Hals machte ihm das Sprechen unmöglich. Sie war schön, so schön! Ihre mittlerweile halblangen, dunkelblonden Locken waren zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden und sie sah trotz verwaschener Bluejeans und einfacher Bluse noch besser aus, als er sie in Erinnerung hatte.

„Hast du … starke Schmerzen?“ fragte sie und versuchte ihre innere Aufgewühltheit mit mechanischen Fragen zu überspielen. Aber John konnte immer noch nicht viel sagen.

„Es geht“, brachte er schließlich heiser hervor, während er den Kopf senkte. Er konnte ihr einfach nicht länger in die Augen schauen.

Und dann ging alles ganz schnell. Saras junger Kollege, Daniel Randow, mit dem sie vorher auf Kliniktour in Coolabah war, und der Pilot Michael hoben ihn auf eine Trage und brachten ihn in das Flugzeug. Die Inneneinrichtung und auch der Geruch der Nomad waren ihm gleich wieder vertraut, fast so, als wäre er nie weg gewesen. Aber die Tatsache, dass er sich dieses Mal als Patient hilflos auf der Trage befand, machte ihm die Situation noch unangenehmer, als sie ihm eh schon war. So hatte er sich das Wiedersehen mit Sara auf keinen Fall vorgestellt.

„Seit wann … bist du wieder zurück?“ fragte sie, nachdem sie seine Wunde gesäubert und ihm einen neuen Verband angelegt hatte. Dies war ihr noch nie so schwergefallen wie in diesem Augenblick, da ihre Hände noch immer zitterten und die Gedanken in ihrem Kopf wild durcheinander kreisten. War das wirklich wahr? John war hier? Zurück in Australien? Und sie hatte nichts davon gewusst? Ihre Stimme klang routiniert und doch konnte sie ihre Verletztheit nicht verbergen.

„Seit ein paar Wochen“, gab er zur Antwort und hätte sich danach am liebsten die Zunge abgebissen. Was musste sie von ihm denken?

„Ich ... ich wollte vorbeikommen“, ergänzte er schnell, aber dann brach er ab. Dies musste in ihren Ohren wie eine billige Entschuldigung klingen. Wie sollte er ihr nur sein Verhalten erklären? Er verstand sich ja selbst nicht. Ja, er war zurückgekommen, wegen ihr. Aber dann hatte er sich aus Angst und Unsicherheit vergraben und sie wusste nicht einmal, dass er wieder da war.

„Mach dir keine Gedanken“, winkte sie ab und er hatte keine Ahnung, was sie damit gemeint haben könnte. Ihre Stimme klang geschäftlich. War er ihr egal oder wollte sie einfach ihre Enttäuschung nicht zeigen?

Für den Rest des Fluges schwiegen sie. John hatte noch nie so angestrengt aus dem Fenster gesehen. Die ganze Situation war ihm so unangenehm, dass er sich ganz weit wegwünschte. Aber er musste es aushalten und alles in ihm hoffte, dass der Flug schnell vorbeigehen würde.

In Saras Kopf herrschte derweil ein noch größeres Chaos. Ihre Gedanken kreisten wild durcheinander und sie hatte Mühe gehabt, ihrer zitternden Hände unter Kontrolle zu halten während sie John versorgt hatte. Wieso war er nicht mehr in Afrika? Und warum lag er verletzt auf einem Farmtruck? Das machte überhaupt keinen Sinn! Sie hatte so viele Fragen, aber traute sich nicht, eine von ihnen zu stellen. Nicht hier. Nicht jetzt. Sie würde sich erst einmal sortieren müssen. Mit allem hatte sie an diesem Tag gerechnet. Aber nicht mit sowas.

Im Krankenhaus wurde Johns Bein geröntgt. Zum Glück war die Verletzung nicht so schlimm wie zunächst vermutet. Einige Stiche reichten aus und mit dem Analgetikum, das man ihm verabreicht hatte, waren die Schmerzen einigermaßen erträglich. John dachte gerade darüber nach, wie froh er darüber war. So könnte er Oakland Fields bald wieder verlassen.

Sara hatte er seit seiner Ankunft im Krankenhaus nicht mehr gesehen und er nahm an, dass sie ihm absichtlich aus dem Weg ging. Was in seinen Augen auch völlig verständlich war. Sie muss aus allen Wolken gefallen sein, als er plötzlich vor ihr lag und es tat ihm immer noch leid, dass ihr Wiedersehen unter solch seltsamen Bedingungen stattgefunden hatte.

Die beiden anderen Ärzte, Dr. Randow und Jennys Mann, Steve Stanford, sahen regelmäßig nach ihm. Aber Sara war wahrscheinlich entweder auf Kliniktour unterwegs oder sie ließ sich in der Zentrale oder auf anderen Stationen einteilen. John traute sich nicht, nach ihr zu fragen und weder Jenny, noch Steve noch Dr. Randow erwähnten jemals bei der Visite ihren Namen.

Ein paar Tage später trat Dr. Randow morgens zu John ans Bett.

„Sie sind ja eine ganz schöne Legende hier!“ begann er.

John schaute auf. Der junge Arzt wirkte freundlich und aus seinen Worten sprach kein Neid.

„Naja, früher vielleicht einmal“, gab John zu. Nach der Pleite, die er sich geleistet hatte, war er das heute aber ganz bestimmt nicht mehr.

„Sie freuen sich alle riesig, dass Sie wieder da sind“, fuhr Dr. Randow fort.

„Äh … wen meinen Sie?“ fragte John erstaunt.

„Na alle! Die Leute von Oakland Fields“, erklärte der Arzt.

John verschlug es für einen Moment die Sprache. Die Tatsache war ihm genauso unangenehm wie das Gespräch mit Dr. Randow, der offensichtlich ein komplett falsches Bild von ihm hatte.

„Aber woher wissen sie ...?“ begann John, doch dann brach er ab. Natürlich wussten es alle bereits. So eine Nachricht musste sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen haben. Und wahrscheinlich wusste es nicht nur der ganze Ort, sondern das gesamte Outback.

John seufzte. Auf der Sattle Creek Station hatte er sich verstecken können. Dort hatte ihn niemand erkannt. Aber jetzt war es raus und er wusste, dass es nun kein Entrinnen mehr gab. Aber wenn es eine Chance gab, nach Oakland Fields zurückzukommen, dann diese. Jetzt, da er gezwungenermaßen sowieso schon hier war.

„Wirklich?“ fragte er dann vorsichtig nach.

Es war ihm immer noch unbegreiflich, dass sich irgendjemand über sein Zurückkommen freuen könnte. Vor allem nicht, nachdem seine Rückkehr eher heimlich, ja, fast hinterhältig war. Er hatte angenommen, dass die Leute ihn dafür verurteilen würden.

„Sie wollen ein Willkommensfest für Sie geben“, fuhr Dr. Randow begeistert fort.

„WAS?“ Jetzt war John völlig entsetzt. „Das möchte ich nicht!“ sagte er bestimmt.

„Bitte sagen Sie ihnen, dass ich das nicht will!“

Dr. Randow blickte ihn erstaunt an. Natürlich, ein Arzt in seinem Alter konnte wahrscheinlich überhaupt nicht nachvollziehen, dass eine Party, egal aus welchem Anlass, etwas Negatives sein könnte.

„Okay …“, sagte Dr. Randow langsam.

„Ich hatte eher herausgehört, dass Sie früher gerne gefeiert haben.“

In John arbeitete es. Ja, früher. Aber damals war er auch ein Lebemensch und unbeschwert gewesen.

„Ich bin nicht mehr derselbe“, versuchte er zu erklären.

„Hm …“, meinte der junge Arzt und schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Sie freuen sich wirklich! Ich denke, … ich glaube, dass sie ziemlich verletzt wären, wenn Sie sich nicht feiern ließen.“

John fühlte sich hin- und hergerissen. Auf gar keinen Fall wollte er die Menschen hier verärgern. Nicht, nachdem er sie mit seinem Weggang damals so enttäuscht hatte. Aber ein Fest? Und er wäre der Mittelpunkt? Sein Magen krampfte sich zusammen bei diesem Gedanken. Aber dann gab er sich einen Ruck. Irgendwie würde er das schon überleben.

„Okay“, lenkte er deshalb ein. „Sagen Sie ihnen, dass ich kommen werde.“

In Dr. Randows Augen blitzte ein triumphierendes Strahlen auf.

„Toll!“ freute er sich.

„Es wurde sowieso richtig Zeit, dass hier mal wieder etwas geht! Allerdings sollten Sie sich bis dahin noch schonen“, ordnete er an, während er zur Tür ging.

„Ich halte Sie auf dem Laufenden.“

John schluckte. „Ist gut“, nickte er schließlich. Aber noch ehe er etwas Weiteres sagen konnte, war der Arzt verschwunden und er war mit seinen Gedanken wieder alleine. Er fühlte sich so unwohl wie selten zuvor in seinem Leben und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er diesen Partyabend schon hinter sich hätte.

2

An diesem Abend lagen die meisten Anwesen des kleinen Ortes im Herzen von New South Wales in friedlicher Stille. Aus kaum einem der Häuser war ein Lichtstrahl zu sehen. Alt wie jung hatten sich, sobald die tägliche Arbeit erledigt war, im großen Saal des hiesigen Morning Star Hotels zusammengefunden und alle warteten gespannt auf die Ankunft ihres ehemaligen Arztes. Dass er wieder zurück war, das wussten alle. Auch, dass er einige Tage verletzt im Krankenhaus gelegen hatte, hatte sich schnell herumgesprochen. Aber die Umstände und der Grund für seine Heimkehr war wilde Spekulation.

„Eine Bombe hat ihn am Bein getroffen – eine schreckliche Verletzung ... und natürlich konnte er als australischer Arzt nicht dort in der notdürftigen Krankenstation versorgt werden. Er musste sofort nach Sydney geflogen werden“, berichtete Erica eifrig und der kleine Kreis Frauen, der um sie herumstand, hing förmlich an ihren Lippen. Erica und ihrem Mann Charles gehörten das örtliche General Store und sie waren es gewohnt, immer und über alles bestens informiert zu sein. Sie konnte es nur schwer ertragen, dass sie den zurückgekehrten Arzt bisher nicht zu Gesicht bekommen hatte. Neidisch hatte sie erfahren, dass John nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus am Morgen, ein Zimmer im Morning Star bezogen hatte. Doch sie hätte nie zugeben können, dass sie eigentlich nichts wusste. Daher reimte sie sich aus den dürftigen Informationen, die ihr zu Ohren gekommen waren und ihrer eigenen blühenden Fantasie eine Geschichte zusammen, von der sie hoffte, dass andere sie ihr abkaufen würden. Dahinter lag keine böse Absicht. Es war einfach ihre Art.

„Der arme John. Er ist bestimmt heilfroh, dass er wieder bei uns ist und deshalb wollen wir ihn heute Abend auch so richtig verwöhnen.“

„Ja, das werden wir“, bestätigte Madeleine, die von hinten an die Gruppe von Frauen herangetreten war. Madeleine, die zusammen mit ihrem Mann Vince das einzige Hotel des Ortes führte war erschrocken gewesen, als sie den ehemaligen Arzt am Morgen in Empfang genommen hatte. Aber nachdem sie ihn zu seinem Zimmer gebracht hatte, wo er sich für die nächsten Stunden zurückgezogen hatte, schob sie seinen schlechten Allgemeinzustand und seine Wortkargheit auf seine Verletzung und hoffte, dass er am Abend wieder der Alte wäre. Viele Einwohner des Ortes hatten ihr seit gestern tatkräftig bei den Vorbereitungen zur Willkommensfeier unter die Arme gegriffen und sie war davon überzeugt, dass dieses Fest zu einem vollen Erfolg werden würde.

Aber all dies war an John vorbeigegangen. Im Gegensatz zu den Einwohnern von Oakland Fields freute er sich überhaupt nicht auf diese Party. Doch nachdem er schon zugesagt hatte, beschloss er den Abend so gut es ginge über sich ergehen zu lassen. Die Krankenschwester Jenny, die er von allen am längsten kannte, holte ihn, wie kurzfristig abgesprochen, um neunzehn Uhr von seinem Zimmer ab. Das Wiedersehen mit ihr war am entspanntesten gewesen und er hatte ihre herzliche Umarmung gerne erwidert. Sie war von Grund auf eine Frohnatur und in ihrer Gegenwart konnte man gar nicht anders, als sich wohlfühlen.

„Bist du bereit?“ fragte sie aufgeregt, als sie und John vor der Tür zum großen Saal standen.

John war es nicht, aber er schluckte seine Anspannung herunter und bedeutete Jenny, die Türe zu öffnen. Der einsetzende Jubel der wild durcheinanderrufenden Gäste nahm ihm fast den Atem, aber er zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, dass sich die erste Aufregung schnell legen würde. Von allen Seiten wurde er mit Fragen bombardiert und innerhalb von nur einer Minute hatte er unzählige Hände geschüttelt. Die begeisterten Begrüßungsrufe der Leute machten ihn total verlegen und er hatte trotz der vielen alten Bekannten das Gefühl, Fremden gegenüber zu stehen. Es waren der gleiche Raum und fast die gleichen Leute wie drei Jahre zuvor bei seinem Abschiedsfest und doch hatte er das Gefühl so fehl am Platz zu sein, dass er am liebsten im Erdboden versunken wäre. Besorgt fragten alle nach seiner Beinverletzung, aber diese Schmerzen störten ihn am Wenigsten. Die Tatsache, dass alle ihn anstarrten bereitete ihm viel mehr Probleme und er konnte nicht umhin zu denken, dass die Leute über ihn tuschelten.

Nachdem Vince Walker eine kleine Begrüßungsrede gehalten hatte und den ‚verlorenen Doc’ willkommen hieß, wünschte er sich nur noch ganz weit weg. Er dachte an die Geschichte vom ‚verlorenen Sohn’ in der Bibel und fragte sich, inwieweit Vince mit seiner Rede wohl unbewusst ins Schwarze getroffen hatte. Dann erst bemerkte er das riesige Buffet, was sich über die ganze linke Seite des Raumes erstreckte. Auf Tellern, Platten und in Schüsseln gab es eine Vielzahl an Häppchen, Salaten, Steaks und Kuchen. Aber dieser Überfluss an Speisen, die man liebevoll zu seiner Ehre bereitet hatte, war ihm unerträglich. In Afrika hatte er gelernt, was Hunger war und er hatte sich daran gewöhnt, bescheiden zu leben. Die hier aufgetischten Köstlichkeiten verursachten ihm fast Übelkeit.

Die „Racing Utes“, eine vierköpfige Band des Ortes, spielte einen munteren Tusch und dann bat Vince ihn, doch eine kleine Rede zu halten. John schluckte. Eine Rede? Dafür fühlte er sich im Augenblick gar nicht in der Lage. Aber die Leute waren begeistert, und ohne, dass er etwas dagegen tun konnte, wurde er innerhalb von wenigen Sekunden Richtung Podium geschoben. Der Wirt drückte ihm das Mikrofon in die Hand und lächelte ihm aufmunternd zu.

Dann stand er im Rampenlicht. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und erwarteten gespannt, was er zu berichten hätte. Was wollten sie denn hören? Die Geschichten, die er ihnen zu erzählen hätte, würden nicht zu der feierlichen Stimmung hier passen. Er war zunächst in Äthiopien und später in Eritrea gewesen. Dort hatte er in verschiedenen Krankenstationen, mitten in den Bürgerkriegsgebieten, gearbeitet. Anschläge waren an der Tagesordnung. Unschuldige Menschen waren Opfer, Kinder verloren ihre Eltern und Armut, Hunger und katastrophale hygienische Bedingungen taten ihr Übriges dazu. Davon konnte er berichten. Aber war es das, was die Menschen hier heute hören wollten? Erwarteten sie nicht eher, dass er ihnen von spektakulären Heilungen und Erfolgen durch Spenden und Hilfslieferungen erzählte? Der Kloß in seinem Hals wurde immer dicker. Nein, er konnte nichts sagen. Nicht hier, nicht jetzt.

Wortlos verließ er das Podium und drückte dem verdutzten Vince das Mikrofon wieder in die Hand. Danach warf er noch einen Blick in die Runde. Auf den Gesichtern der Menschen waren Erstaunen und Unverständnis abzulesen und ein lautes Raunen ging durch den Raum. Wahrscheinlich hielten sie ihn für undankbar und feige. Aber das war ihm in diesem Moment egal.

Unter den verwunderten Blicken aller Anwesenden verließ er das Lokal. So schnell es sein kaputtes Bein zuließ, ging er die Treppe nach oben zu seinem Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich und ließ sich auf das Bett fallen. Nur wenige Sekunden später hörte er, wie unten die Band wieder einsetzte, aber nach nur einem weiteren Lied brach sie ab. Es polterte eine Weile. Wahrscheinlich packten alle zusammen. Die Leute verließen nach und nach das Pub. Auf der Straße unter seinem Fenster hörte er sie noch reden. Automotoren wurden gestartet und entfernten sich langsam in die Nacht. Er lauschte dem Stimmengewirr, das von unten an sein Fenster drang und eine Zeitlang befürchtete er, dass irgendjemand zu ihm heraufkommen würde. Erst als es nach einer halben Stunde endgültig ruhig war, atmete er langsam auf. Keiner hatte es gewagt, ihn in seinem Zimmer aufzusuchen. Oder waren die Menschen zu sauer auf ihn? Er seufzte und schämte sich gleichzeitig unendlich für sein Verhalten. Nichts schien mehr zu stimmen. Er gehörte einfach nicht mehr hierher.

Wie hatte er nur annehmen können, dass er sein altes Leben wieder aufnehmen könnte, als wäre nichts geschehen. Die drei Jahre in Afrika hatten ihn verändert, wirklich verändert. Das wurde ihm jetzt noch stärker als zuvor bewusst.

Oh Gott! schrie er innerlich. Er fühlte sich einsam, verlassen und alleine. War er denn nirgends mehr zu Hause? Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere und seine wirren Gedanken ließen ihn lange keinen Schlaf finden.

Am nächsten Tag stand er unschlüssig an seiner Zimmertür. Ein paarmal hatte er sie schon geöffnet um nach unten zum Frühstücken zu gehen aber jedes Mal hatte ihn der Mut wieder verlassen. Appetit hatte er sowieso keinen und am liebsten hätte er sich ungesehen aus dem Staub gemacht. Aber das konnte er natürlich nicht tun. Er hatte sich fest vorgenommen, sich bei Vince und Madeleine zu entschuldigen. Die beiden Wirtsleute hatten sich so viel Mühe mit seiner Willkommensparty gegeben und es wäre äußerst unhöflich von ihm, sich dafür nicht wenigstens zu bedanken. Als er nach unten kam erinnerten Reste der Dekoration, Girlanden und Luftballons noch an das geplante Fest vom Vortag, aber die Stimmung der wenigen Leute im Lokal war eher gedrückt. John holte tief Luft bevor er mit einem mulmigen Gefühl an den Tresen trat.

„Es tut mir leid“, sagte er leise und hatte Mühe, Madeleine in die Augen zu sehen. In dem Moment betrat auch Vince den Raum. Er trat neben seine Frau, legte ihr beschützend den Arm um und starrte John dabei stumm an.

„Es tut mir wirklich leid“, wiederholte John an Vince gewandt noch einmal. Das tiefe Schuldgefühl, was er in seinem Inneren verspürte, war fast nicht mehr zu ertragen.

„Uns tut es auch leid, Doc“, sagte Vince traurig. „Wir hatten gedacht, du freust dich.“

John schluckte schwer. Ja, er hätte sich freuen sollen, es wäre seine Pflicht gewesen, sich zu freuen, ganz egal wie er sich dabei gefühlt hätte. Die Leute hatten ihm etwas Gutes tun wollen und er hatte sie verprellt. Sein Magen zog sich zusammen. In die traurigen und enttäuschten Augen seiner früher engsten Freunde sehen zu müssen, schmerzte ihn sehr. Aber er konnte doch auch nicht einfach sich selbst und seine Gefühle verleugnen und den Leuten etwas vormachen. In diesem Augenblick wollte er nur eines: weg, schnell weg. Er passte nicht mehr hier her. Er hatte es vorher schon befürchtet und das misslungene Fest war der Beweis dafür.

Verlegen dankte er den beiden für all ihre Mühe und beglich dann die Rechnung für seine Übernachtung. Es gab keine Diskussion mehr, nicht einmal Smalltalk und die kühle Geschäftigkeit mit der sie die Formalitäten klärten, ließ die Kluft zwischen ihnen nur noch tiefer werden. Es nahm ihm die Luft und er merkte, dass er erst wieder richtig atmen konnte nachdem die schwere Eingangstür des Hotels hinter ihm ins Schloss gefallen war.

Er blinzelte in die helle Sonne und atmete einmal tief durch.

Aber das Gefühl der Leichtigkeit währte nur kurz, denn im nächsten Augenblick erinnerte er sich an das, was ihm jetzt bevorstand und bei diesem Gedanken spannte sich sofort wieder alles in ihm an. Sara hatte ihm ausrichten lassen, dass sie ihn zurück zur Farm fliegen könnte und dieses Angebot hatte er angenommen. Er wusste immer noch nicht, ob sie ihm in den letzten Tagen absichtlich oder unabsichtlich aus dem Weg gegangen war. Aber jetzt wollte sie ihn definitiv sehen und dieses Mal war sie, im Gegensatz zu ihrem ersten Wiedersehen, auf eine Begegnung mit ihm vorbereitet. Und er wollte sich sowohl ihr, als auch seinen Gefühlen stellen.

Er hatte keine Ahnung, was ihn bei diesem Zusammentreffen erwarten würde, aber er war froh, dass sie dabei unter sich wären. Auf diese Weise hoffte er, auch noch einmal alleine mit ihr ein paar Worte wechseln zu können.

Ihre Begrüßung war höflich freundlich verlaufen und als sie in der kleinen Maschine saßen, die Sara für die Tour gemietet hatte, schaute John ganz gebannt zu, wie sie die vielen verschiedenen Regler und Knöpfe betätigte, bevor sie schließlich abhoben. Er hatte Sara noch nie zuvor selbst fliegen sehen. Dies hatte sie erst gelernt, während er in Afrika war, aber auf das wieso und warum wollte sie im Moment nicht näher eingehen. Peter, ein Aushilfspilot beim RFDS, hatte es ihr beigebracht. Das war alles, was sie dazu sagte. John sah wie Sara die Zähne zusammenbiss und ihre ganze Aufmerksamkeit dem technischen Equipment vor ihr widmete. Offensichtlich wollte sie nicht reden – oder sie wusste nicht worüber.

Enttäuschung machte sich in ihm breit. Er wusste nicht wirklich, was er erwartet hatte, aber das Nichtreden war fast noch schlimmer, als wenn sie ihn wegen seines Verhaltens gestern Abend zusammengestaucht hätte. John wurde von tiefer Traurigkeit erfüllt und schließlich schaute er wieder aus dem Fenster. Er hatte irgendwie gehofft, dass Sara diesen Flug arrangiert hatte, um sich mit ihm zu unterhalten, aber sie schien völlig auf das Fliegen konzentriert und ihm selbst fehlten auch irgendwie die richtigen Worte.

Er betrachtete die Landschaft unter ihnen. Der kleine Ort Oakland Fields war bereits nach kurzer Zeit nur noch ein schwarzer Punkt in der großen, roten Weite und schon bald flogen sie über dürre Ebenen Richtung Norden.

Die Zeit ließ sich eben nicht zurückdrehen. Und ein weiteres Mal stellte er fest, dass sein Entschluss, zurückzukommen wohl ein Fehler gewesen war.

„Warum bist du wieder hier?“ fragte Sara plötzlich unvermittelt und John, der nicht mehr mit einer Unterhaltung gerechnet hatte, fuhr vor Schreck zusammen. Für einen Moment überlegte er. Nur das laute Brummen der Motoren war zu hören und als er endlich zur Seite blickte, sah er, dass Sara ihn erwartungsvoll ansah.

„Ich konnte einfach nicht mehr“, erklärte er.

„Aber warum hierher? Warum ausgerechnet in diese Gegend?“ bohrte Sara weiter.

John schwieg. Was sollte er denn jetzt sagen? Dass er sie wiedersehen wollte? Dass er einen Traum von ihr gehabt hatte und das Gefühl hatte, zurückkehren zu müssen? Sie würde ihn wahrscheinlich für vollkommen bescheuert halten. Und wenn er darüber nachdachte, tat er das jetzt selbst auch. Schon einmal war er einem inneren Ruf gefolgt und es war ein Fehler gewesen. Wieso hörte er eigentlich noch immer auf diese Stimme. Und vor allem, wessen Stimme war das eigentlich?

„Ich wollte heimkommen“, sagte er schließlich leise. „Aber ich glaube, ich bin noch nicht soweit.“

Dazu nickte Sara nur. Diesen Eindruck hatte sie auch. Das war nicht der John, den sie kannte. Neben ihr saß ein gebrochener Mann und im Moment weigerte sie sich, irgendwelche Gefühle aufkommen zu lassen. Zu sehr schmerzte sie noch die Tatsache, dass John bereits mehrere Wochen in der Gegend war und sich nicht einmal bei ihr gemeldet hatte, bei niemandem.

Aber sein Erscheinen hatte alte Wunden wieder aufgerissen. Dieser Mensch, den sie einmal von Herzen geliebt hatte, hatte sie einst verlassen. Jetzt war er einfach wieder da. Wollte er ihr wieder weh tun?

Als sie wenige Minuten später auf der Rollbahn der Sattle Creek Station landeten, wussten beide nicht so recht, wie sie sich verabschieden sollten. Vor drei Jahren hätten sie sich fest in den Arm genommen. Sie waren nicht nur ein Paar, sondern auch beste Freunde gewesen. Aber jetzt?

Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander dastanden, sah John Sara von der Seite an. Sie drehte ihren Kopf zu ihm um und für einen kurzen Moment sahen sie sich tief in die Augen.

„Danke, dass du mich hergebracht hast“, sagte John und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Kein Problem, ich hatte heute sowieso frei“, antwortete Sara während sie hoffte, dass John nicht bemerkt hatte, wie sie errötet war. Dann herrschte wieder Schweigen.

„Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder“, meinte John hoffnungsvoll, „wenn ich mich etwas eingelebt habe.“

„Ja, vielleicht“, gab Sara zur Antwort und sah ihn noch einen Moment durchdringend an.

Dann wandte sie sich um und stieg zurück in die Maschine. John ging ein paar Schritte zurück bevor er sich noch einmal umdrehte. Er musste seine Augen gegen die blendende Sonne abschirmen und als er ins Innere der kleinen Maschine sah, bemerkte er, dass Sara die Hand zum Gruß erhoben hatte.

‚Genau wie in meinem Traum’, stellte er verblüfft fest.

Er sah dem Flugzeug nach, wie es über die Startbahn rollte und schließlich abhob, und erst als es nur noch als kleiner Punkt am Horizont zu sehen war, machte er sich langsam auf den Weg zur Farm.

3

In den nächsten Wochen arbeitete er weiter auf der Farm und mehr als einmal fragte er sich, warum. Die Arbeit an sich erfüllte ihn kein bisschen mehr, sie war nichts als eine Ablenkung, und er wusste, dass er sich mehr und mehr von der Realität entfernte. Die harte Farmarbeit war eine Flucht. Eine Flucht vor dem Leben, eine Flucht vor seinem eigentlichen Beruf als Arzt und eine Flucht vor seinen Gefühlen.

Tagsüber konzentrierte er sich voll und ganz auf seine Aufgaben und abends fiel er so todmüde ins Bett, dass er meist sofort einschlief. Und zwischendrin hing er seinen Gedanken nach. Es war ein Zustand aber keine Lösung. Und von Tag zu Tag wurde ihm mehr bewusst, dass er diesen Trott durchbrechen musste.

Vielleicht war es Fügung, ein Fingerzeig des Himmels. Aber wieder musste erst ein Unglück passieren, dass John in Bewegung kam. Ein Feuer war ausgebrochen, im Haupthaus der Farm und da die verständigte Feuerwehr erst in etwa einer halben Stunde vor Ort sein würde, galt es, selbst zu tun was möglich war. Mit allen nur verfügbaren Schläuchen und Eimern kämpften die Familie und ein halbes Dutzend Farmarbeiter in der sengenden Hitze gegen die verzehrende Macht des Feuers.

Plötzlich hörten sie einen Schrei. Heather Thornton lief voller Panik über den Hof und rief, dass Stanley, ihr fünfjähriger Sohn, wieder im Haus sei. Für einen Augenblick nahm man an, sie sei hysterisch geworden, aber nachdem keiner den Jungen sah, der vorhin immer dicht bei seiner Mutter gestanden hatte, machte sich Aufregung breit.

„Er wollte seinen Teddy holen“, schrie Heather mit schriller Stimme.

„Das ist im ersten Stock!“

Während einer der Arbeiter versuchte, seine Vorgesetzte zu beruhigen, machten sich andere auf den Weg um zu sehen wie man zurück ins Haus gelangen könnte. Auch John begab sich Richtung Eingang, stellte aber dann fest, dass es Selbstmord wäre, noch einmal das brennende Haus zu betreten. Verzweifelt blickte er nach oben und sah schließlich durch die schwarzen Rauchschwaden Stanley am Fenster stehen. Der Junge war in größter Panik und obwohl es bei dem Lärm unmöglich war, glaubte John sein Schreien zu hören.

„Hier ist er!“ rief er seinen Kollegen zu, während er mit den Fingern nach oben zeigte.

„Dort, hinter dem Fenster!“

In diesem Moment trafen zwei Feuerwehrwagen ein und kurze Zeit später hörten sie auch einen Helikopter nahen.

John rannte auf den Kommandanten zu. „Wir müssen ihn von außen holen.“

Die lodernden Flammen und die allgemeine Hektik machten es nötig zu Schreien. Der Einsatzleiter verstand sofort. Zwei Feuerwehrleute wurden an einem Seil vom Hubschrauber aus heruntergelassen und John verfolgte gebannt, wie diese den Jungen über die Luft aus dem Haus bargen. Andere Einsatzleute beorderten in der Zwischenzeit die Arbeiter, die sich auf die Suche nach Stanley gemacht hatten aus dem Haus. Es war eine bange Viertelstunde, aber schließlich stellten sie fest, dass alle Personen rechtzeitig das Haus verlassen konnten.

Trotz des unermüdlichen Einsatzes der Feuerwehr, brach nur wenige Minuten später der linke Teil des Gebäudes zusammen. Entsetzt verfolgten alle, wie die brennenden Balken zu Boden stürzten und die Umgebung in noch größere Rauchschwaden tauchten.

John hatte in der Zwischenzeit den mittlerweile bewusstlosen Jungen ein Stück abseits getragen. Besorgt hatte er festgestellt, dass seine Atmung sehr schwach war. Er kontrollierte die Vitalwerte und hoffte dann, dass der fliegende Ärztedienst schnell eintreffen würde. Stanley hatte eine schwere Rauchvergiftung und schlimmste Verbrennungen an Armen und Beinen. Er musste schnellstmöglich behandelt werden.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, übernahm John nach dem Eintreffen des Ärzteteams die Koordination der Behandlung von Stanley. Dr. Daniel Randow und Jenny, die zur Unfallstelle geflogen waren, sagten dazu nichts, sondern ließen ihn einfach gewähren. Sie mussten sich zunächst auch um zwei der Farmarbeiter kümmern, die an Atemproblemen litten und die ebenfalls vorsorglich zur stationären Behandlung nach Oakland Fields mitgenommen werden mussten.

„Gute Arbeit, Kollege“, sagte Daniel später im Flugzeug und nickte John anerkennend zu. John hatte den Jungen an ein Sauerstoffgerät angeschlossen und stellte sicher, dass sein Zustand stabil blieb. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es ihm eigentlich gar nicht zugestanden hätte, den Jungen nach Eintreffen des fliegenden Ärzteteams zu behandeln. Wie hatte er nur einfach den Arzt und die Schwester von ihrem Aufgabenfeld verdrängen können und, was noch seltsamer war, wieso hatten die beiden ihn gewähren lassen? Erschrocken stand er auf und bedeutete Daniel, dass er die Versorgung übernehmen sollte. Aber dieser winkte ab.

„Da gibt es nichts mehr zu ergänzen“, sagte er lächelnd.

Den Rest vom Flug schwiegen sie und nachdem sie im Krankenhaus angekommen waren, fiel es John erneut schwer, dass nun andere Ärzte die Betreuung des Jungen übernahmen. Wieso konnte er nur nicht aus seiner Haut? Er war durch und durch Arzt. Dieser Beruf war sein Leben. Wieso hatte er sich die vergangenen Wochen nur so dagegen gewehrt?

Nachdenklich saß er später auf einer Bank vor dem Operationssaal. Sein Gesicht wie auch seine Kleidung waren immer noch schwarz vom Rauch, aber er war sich dessen gar nicht bewusst.

Stanley wurde bereits seit einer Stunde operiert und John konnte nicht anders, als auf das Ergebnis zu warten. Dieses Warten war immer schlimm, besonders wenn es um ein Kind ging. Erneut wurden wieder Bilder vor seinem inneren Auge lebendig, aus seiner Zeit in Afrika. Jedes Mal, wenn er ein Kind verloren hatte, war auch ein Teil in ihm gestorben. Das war schmerzhaft, äußerst schmerzhaft und das war auch das, was ihn zum Aufgeben gebracht hatte. Aber was würde geschehen, wenn alle Ärzte so dachten wie er? Wer würde für all die Kranken und Schwachen sorgen, wenn kein Arzt sich mehr dem Kampf stellen würde? Natürlich tat es weh, einen Menschen an den Tod zu verlieren, aber hatte er nicht schon viel öfter gewonnen? War er nicht geradezu verpflichtet, seine Gabe und Leidenschaft für die Menschen einzusetzen? Bei diesen Gedanken wurde ihm heiß und kalt. Nein, er durfte sich nicht länger vor der Welt verschließen.

Plötzlich legte jemand eine Hand auf seine Schulter. Er sah auf und schaute geradewegs in Jennys Augen.

„Es ist alles gutgegangen“, informierte sie John lächelnd. „Er wird es schaffen.“

John merkte, wie seine innere Anspannung nachließ. Vor lauter Erleichterung umarmte er Jenny spontan. Diese erwiderte die Umarmung herzlich und John merkte, wie gut ihm die Nähe tat. Nach einer Weile löste er sich und schaute sie an. Dann musste er lächeln. Sein rußiges Gesicht hatte schwarze Streifen auf ihren Wangen hinterlassen. Aber als er diese mit seinen Fingern wegwischen wollte, merkte er, dass diese vom ständigen Fahren durch seine Haare während der Wartezeit, ebenfalls schwarz waren und das Ergebnis nur noch verschlimmerten.

„Es tut mir leid. Ich glaube, ich sollte wohl erst mal duschen“, lachte er dann.

„Das glaube ich auch“, erwiderte Jenny und grinste. Dann sah sie ihn eine Weile nachdenklich an. „Du hast gute Arbeit geleistet, John. Es ist schade, dass du nicht mehr bei uns im Team bist.“

John schwieg und dachte nach. Wenn er ehrlich war, bedauerte er das ja auch selbst. Der heutige Tag hatte ihm wieder neu bewiesen, wie sehr er mit seinem Beruf verbunden war. Er war mit seinem Herz dabei gewesen, ganz anders als bei seinem Job auf der Farm. War es nicht endlich an der Zeit, dass er aufhörte davonzulaufen?

„Braucht ihr eigentlich noch Ärzte?“ fragte er wie beiläufig, als er später mit Steve und Sara in einem Besprechungszimmer zusammensaß, um den Zustand von Stanley zu diskutieren. Beide sahen ihn erstaunt an und Steve fand als erstes die Sprache wieder.

„Immer!“ antwortete er. „Um ehrlich zu sein, suchen wir sogar schon seit einer ganzen Weile nach Verstärkung. Würdest du denn gerne wieder hier anfangen?“

John warf einen verstohlenen Blick auf Sara. Von ihrer Reaktion wollte er seine Entscheidung abhängig machen. Auf gar keinen Fall würde er sich wieder in ihr Leben drängen, falls eine Ablehnung von ihr ausging. Das wollte er weder ihr noch sich selbst antun.