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Eric Miron ist IT-Spezialist und freischaffender Industriespion und gilt als Profi seiner Branche. Doch nach einem Routineauftrag, bei dem er in eines der aufstrebensten Technologieunternehmen der letzten Jahre eindringen und Forschungsdaten extrahieren sollte, wird sein bisheriges Leben durcheinandergewürfelt. Wer verbirgt sich hinter Nadine Palmer, seiner Auftraggeberin aus dem Darknet, die mehr über ihn zu wissen scheint, als sie sollte? Und was hat es mit den Visionen auf sich, die ihn seit dem letzten Coup heimsuchen und von Leben aus vergangenen und zukünftigen Zeiten berichten? Alle Spuren führen zur Fluctuations Science Group, doch bevor Eric und Nadine den Machenschaften der FSG auf den Grund gehen können, werden sie zum Spielball mächtiger Feinde und kämpfen um ihr Leben, denn eine bahnbrechende Erfindung soll geheim gehalten werden. Am Ende geht es um nicht weniger als das Schicksal der Welt. Und das liegt in Erics Händen.
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Seitenzahl: 587
Veröffentlichungsjahr: 2024
Für
Miriam und Fiona
Konstantin Postlep
Fluktuation
Ein Science-Thriller
© 2024 Konstantin Postlep
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg5, 22926 Ahrensburg, Germany
ISBN
Softcover978-3-384-13180-5
e-Book978-3-384-13181-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Derjenige Teil der kosmischen Energie, der in uns steckt, nennt sich Ich. (Werner Braun)
Die Seelen aller Menschen sind unsterblich, doch die Seelen der Gerechten sind unsterblich und göttlich.
(Sokrates)
U
nruhig brandete das Meer an den Strand und die letzten Ausläufer der Wellen umspülten seine Füße, die er zum Teil im Sand vergraben hatte. Durch die Atmosphäre gefiltertes rotes Sonnenlicht tauchte die Meeresoberfläche in ein glitzerndes Farbenspiel der Abenddämmerung. Das Rauschen der See wirkte beruhigend und brachte Ordnung in seine Gedanken. Es war für ihn an der Zeit, den nächsten Weg zu beschreiten. Diesmal würde er weitergehen als er es jemals zuvor gewagt hatte, und das, um seinen alten Weggefährten aus den dunklen Gefilden zu retten, in die er ihn selbst vor Ewigkeiten verbannte. Sein Blick fiel auf seine linke Hand, in der er die Bestätigung der Anwaltskanzlei Krämer und Partner hielt. Der Tag lag noch in weiter Ferne, doch das Paket würde zu seinem gewünschten Zeitpunkt versendet werden und die Adressaten würden seine Botschaft verstehen. Zumindest das war er ihnen schuldig. Seine Gedanken schweiften zurück an den Moment, an dem sich ihre Wege zum ersten Mal gekreuzt hatten. Viele schöne Erinnerungen traten vor sein inneres Auge, doch auch die dunklen Momente hatte er nicht vergessen. Wie sehr hatte er sich damals um die kosmische Harmonie gesorgt und gefürchtet, dass die Menschheit durch ihre künstliche Oszillation des Raum-Zeit Gefüges großen Schaden anrichten würde.
Er kniff die Augen zusammen und rieb sie mit seinen linken Fingerknöcheln. Langsam schritt er tiefer in die See hinein. Nach wenigen Metern umspielte das Meer schon seine Knie, wenige Sekunden später stand er bis zur Hüfte im Wasser. Bald gab es kein Zurück mehr und es würde seine ganze Selbstbeherrschung benötigen, den nächsten Schritt zu tun. Tief atmete er aus, dann sprang und schwamm er raus in das Meer. Einige Minuten später lag der Strand nur noch klein und fern in der aufkommenden Dunkelheit hinter ihm. Ein letztes Mal richtete er seinen Blick zur Sonne, dann tauchte er unter mit dem Plan, nie wieder aufzutauchen. Als das kalte Meerwasser sein Gesicht umspülte strömten die Erinnerungen an diesen einen wichtigen Moment in seiner Vergangenheit auf ihn ein, ohne den es nie so weit gekommen wäre. Sein Gedächtnis spülte die Szenen zurück in sein Bewusstsein und er genoss die Ablenkung vor dem kommenden Schmerz.
Vor seinem geistigen Auge konnte er sein altes Ich wahrnehmen, als es den großen Forschungskomplex der Fluctuations Science Group durch eine von drei großen Drehtüren des Haupteingangs betrat. Unbehelligt passierte er mehrere moderne Sicherheitskontrollen und gelangte zu einer Reihe von Aufzügen, die im hinteren Teil des Foyers in eine gräulich marmorierte Wand eingelassen waren. Nur wenig Personal eilte geschäftig durch die Halle, auf dem Weg an ihren Arbeitsplatz oder nach draußen. Er erreichte einen gesondert gesicherten Aufzug am Ende der Halle. Eine weibliche Sicherheitskraft in einer schwarzweißen Uniform mit In-Ear Headset und leichter Schutzausrüstung, bestehend aus Taser, Pfefferspray und Knüppel, stand vor ihm. Er ignorierte sie und drückte den Knopf des Aufzugs. «Der Fahrstuhl ist für die leitenden Angestellten reserviert. Könnten sie mir bitte ihre Zutrittsberechtigung zeigen?», sprach die Sicherheitskraft ihn an.
Langsam und ohne zu antworten, drehte er seinen Kopf in ihre Richtung und blickte ihr tief in die dunkelbraunen Augen. Mit seiner linken Hand streichelte er sanft über ihre Wange und flüsterte ihr etwas in ihr Ohr. Sie verharrte in der Bewegung und reagierte nicht, sondern ließ es geschehen. Der Aufzug öffnete sich und zusammen betraten sie die Kabine. Mit stoischem Blick zückte die Sicherheitskraft ihre mit einem RFID-Chip ausgestattete Sicherheitskarte und hielt sie vor den Scanner an der Wand des Aufzugs. Die Digitalanzeige wechselte auf ein neues Ziel und zeigte nun das oberste Stockwerk des Komplexes an. Die Vorstandsetagen.
Sein altes Ich nickte der Sicherheitskraft wohlwollend zu.
«Du kannst jetzt gehen.»
Ohne eine Antwort drehte sie sich um und verließ den Aufzug. Alleine fuhr er nach oben.
Nach längerer Fahrt öffnete sich die Fahrstuhltür auf der obersten Etage und gab den Blick in einen großen, langgestreckten Raum frei, dessen Boden mit reflektierenden, steinern wirkenden Keramikfliesen bedeckt war. Die Wände waren in sanftem Schwarz gestrichen und teilweise als Wasserwände inszeniert, die ein beruhigendes Hintergrundgeräusch erzeugten. Der ansonsten nahezu leere Raum bot, neben einigen Pflanzen in der Mitte, einen kleinen Konferenztisch für acht Personen und im hinteren Teil einen großen schwarzen Schreibtisch aus Volleiche. Hinter dem Schreibtisch gab eine große Panoramafensterwand den Blick auf den tief unter ihnen liegenden Firmenkomplex und die vor Leben pulsierende Stadt frei. Die Sonne schien durch das Fenster und ließ einen Mann in einem maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug im Lichtschein erstrahlen. Der Anzugträger stand mit dem Rücken zum Fahrstuhl direkt am Fenster und blickte auf die Stadt unter ihm.
Sein altes Ich verließ den Fahrstuhl und schritt durch den Raum auf den Mann zu. Seine Schritte hallten auf den Fliesen und unterbrachen das beruhigende Plätschern des Wassers. In der Mitte des Raumes blieb er stehen. Er kannte den Mann bereits aus früheren Begegnungen. Michael war sein Name und er war der CEO der Firma. Sein Äußeres ließ ihn wie einen gut trainierten Athleten in seinen Mittdreißigern wirken, doch er wusste es besser. Michael lebte schon länger als siebzig Jahre und hatte sein junges Aussehen nur der Hilfe firmeneigener Technologie zu verdanken.
«Willkommen zurück, alter Freund.»
Ohne sich umzudrehen, sprach ihn Michael an. Es wirkte so, als ob er ihn erwartet hätte.
«Hallo, Michael. Du weißt, warum ich hergekommen bin. Wieder einmal zu dir gekommen bin.»
«Und erneut wirst du von mir nur enttäuscht werden. Du hättest wegbleiben sollen und nicht wieder zurückkehren. Unseren Weg weiter beobachten aus dem Strudel der Zeiten, wie du es schon immer getan hast. Und uns einfach in Ruhe lassen.»
«Es ist wichtig, dass du mir zuhörst …», antwortete sein altes Ich in ruhigem Tonfall.
Michael fiel ihm direkt ins Wort. «Ich habe dir immer zugehört. Aber du begreifst es einfach nicht. Du bist nur ein Relikt aus vergangenen Tagen und scheust die Veränderung. Bemerkst du nicht, welchen bahnbrechenden Fortschritt wir erreicht haben? Dank deiner Basis? Sei kein verblendeter Geist, der dem nächsten Schritt der Menschheit im Weg steht.»
«Ihr müsst aufhören! Ihr habt euren Wissensdurst zu weit getrieben. Ihr könnt die Zusammenhänge nicht begreifen. Du hast in deinem kurzen Leben schon so viel gesehen und doch so wenig gelernt. Es gibt eine Ordnung, die nicht gestört werden sollte.» Er legte seine Hände ineinander und sprach ruhig und belehrend.
«Du unterschätzt unsere Fähigkeiten und was wir bereits erreicht haben. Du bist nur ein Dinosaurier und ein religiöser Fanatiker. Früher warst du so nicht. Der Aufbruch hat dich verändert.»
«Ich habe dazugelernt. Ich habe einen kleinen Teil der Wahrheit gesehen und versuche, diese Weisheit an euch weiterzugeben.»
«Wir sind die Zukunft, mein Freund. Der neue, formende Griff in die Schale Gottes», Stolz klang in Michaels Stimme mit. Dabei strich er mit seiner Hand langsam über die lederne Kopfstütze seines Stuhls und senkte leicht den Kopf.
«Geh wieder.»
Doch sein altes Ich ließ sich nicht beirren.
«Du hast doch selbst die Auswirkungen eures Handelns am eigenen Leib erfahren. Oder hast du vergessen, was mit Samuel geschehen ist. Spürst du den Schmerz nicht? Ihr könnt das ganze Ausmaß in eurem dreidimensionalen Denken noch gar nicht erfassen.» Er konnte die Überheblichkeit, mit der Michael auftrat, nur schwer ertragen. So gerne wollte er ihm die Augen öffnen und ihn auf eine Reise der Erkenntnis schicken. Doch das lag nicht in seinen Möglichkeiten.
Michael wirkte stattdessen genervt. «Deshalb bist du hergekommen? Um mir ein weiteres Mal ins Gewissen zu reden? Was erhoffst du dir diesmal davon? Aufhalten kannst du uns eh nicht. Wir sind schon viel zu weit gekommen, weiter als du es dir überhaupt vorstellen kannst. Und wenn du versuchst, uns zu sabotieren, dann werden wir dich aufhalten … müssen.»
Michael drehte sich um und blickte ihm das erste Mal direkt in die Augen. Man konnte ein kurzes Zucken in seinem Gesicht erkennen. Die aufkommende Unsicherheit war geradezu spürbar, als Michael einen kurzen Einblick in das Innere seines Gegenübers erhaschte.
«Du musst jetzt gehen. Solange du noch kannst», brachte der CEO leise hervor.
«Wenn du ehrlich zu dir selbst bist, weißt du, dass ich Recht habe. Ich bitte dich, Michael. Es ist an der Zeit, aufzuhören und den Platz des Menschen zu akzeptieren. Genieße die dir gegebene Makrozeit. Wir sind keine Götter.»
«Du kannst dir deine hochtrabenden Vorträge sparen. Ich habe Achetaton gesehen. Also erzähle DU mir nichts von den Göttern. Ich habe ein tieferes Wissen als du glaubst. Du solltest eher dem menschlichen Fortschritt Respekt zollen.»
Michael machte, nun wieder selbstsicherer, einige Schritte auf ihn zu. Im Hintergrund wurde der Fahrstuhl wieder nach unten gerufen und setzte sich in Bewegung.
«Erinnerst du dich, wie unsere letzte Begegnung ausging? Bitte geh, solange du noch kannst. Dieses Mal wird es nicht besser für dich enden.» Michael wirkte beunruhigt, während er dies sagte.
«Du weißt, dass ihr mich nicht vernichten könnt. Auch Samuel konnte es nicht. Und jetzt ist er verschollen und ich bin hier», er behielt seine Ruhe und versuchte weiter mit seinen Worten auf sein Gegenüber einzuwirken.
Der Fahrstuhl erreichte erneut die oberste Etage und die Fahrstuhltür öffnete sich. Eine Person verließ langsamen, aber festen Schrittes den Aufzug. Das Gespräch mit Michael endete abrupt, als sein altes Ich in Richtung Fahrstuhl blickte und erstarrte. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er Verunsicherung. Ein Gefühl, dass er eigentlich vergessen hatte. Die Gestalt war ihm bekannt und doch so fremd. Und sie dürfte eigentlich nicht hier sein.
«Samuel, wie bist du...»
«Du alter Narr. Das ist eine Überraschung, was? Auch ich bin zurückgekehrt. Ich weiß, was du im Schilde führst und das kann ich nicht zulassen. Wir bringen es jetzt zu Ende. Wir bringen dich zu deinem unwiderruflichen Ende oberster Ordnung.» Samuel sprach mit gefühlskalter Stimme.
Sein altes Ich blickte tief in Samuels Augen und versuchte, Antworten zu finden. Etwas Derartiges war ihm zuvor noch nie begegnet. Er spürte die Macht und das Wissen, aber auch die Gier, die tief in ihm lag. Samuel machte einen weiteren Schritt auf ihn zu und griff plötzlich und ohne Vorwarnung nach seinen Armen, um sie in einer ruckartigen Bewegung zu verdrehen, so dass ein brechendes Knacken zu hören war. Ein schmerzhafter Schrei entglitt seiner Kehle, doch er brachte sich schnell wieder unter Kontrolle. Seine Arme konnte er nur noch unter Qualen bewegen. Doch Schmerz war ihm bekannt.
«Das ändert nichts, Samuel. Hör auf, lass uns reden und sei vernünftig. Ich bin doch zu euch gekommen. Um mit euch zu reden. Frieden zu schließen und euch einen Ausweg zu offenbaren», keuchte er. Sein Atem ging schneller, doch er konnte seine Stimme noch gut kontrollieren.
«Ich brauche deine Hilfe nicht. Grüße mir die Unendlichkeit», erwiderte Samuel.
Dann packte die Gestalt seinen Kopf in beide Hände und blickte ihm tief in die Augen. Sein Geist schrie auf vor Schmerz, als die Flut an Bildern ihn traf. Sein altes Ich entwand sich Samuels griff, stürzte nach vorne und an Michael vorbei zu dem Schreibtisch. Unter Schmerzen hob er den Bürostuhl an und warf ihn mehrfach mit großer Kraft gegen eines der Fenster, bis dieses zerbarst. Michael machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten. Er stand nur da und beobachtete die Geschehnisse. Traurigkeit, aber auch Entschlossenheit lag in seinem Blick.
Springen. Ob es die richtige Entscheidung gewesen war? Als er nach unten fiel sah er, wie Michael und Samuel ihm vom Fensterrand aus hinterher blickten. Sein Bewusstsein schmerzte und seine Gedanken drehten sich in einem wilden Strudel durcheinander, als der Boden nach langen Sekunden des Falls immer schneller auf ihn zuraste.
Seine Konzentration schwand. Die brennende Lunge und der Sauerstoffmangel unter Wasser ließen ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es war so weit. Als er den Mund öffnete und das Wasser in seine Atemwege schoss bereitete er sich auf das Ende vor.
D
ie Straßenbahn der Linie Zwölf hielt an und Eric schob sich im Pulk der arbeitenden Bevölkerung hinaus auf die Straße. Der kalte Wind des frühen Dienstagmorgens schlug ihm entgegen, doch während andere ihre Jacken enger zogen, husteten oder sich einen Schal vor das Gesicht hielten, setzte er sich unbeirrt schnellen Schrittes in Bewegung.
Der Tag war gekommen, seinen Auftrag in die Tat umzusetzen. Das Adrenalin pumpte bereits kräftig durch seinen Körper, doch er hatte sich gut unter Kontrolle. Körperbeherrschung, Selbstbewusstsein und Gelassenheit waren für seinen Job genauso wichtig wie gute IT-Kenntnisse und Fähigkeiten im Social Engineering, der zwischenmenschlichen Beeinflussung anderer Personen. Mehrere Tage der Vorbereitung und Recherche lagen hinter ihm. Recherchearbeit war wichtig. Die am Vortag durchgeführte Google Suche nach einem Mitarbeiternamen konnte entscheiden, ob er während des aktiven Einsatzes erwischt wurde oder nicht. Doch Eric war zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen. Als großes, IT-affines Unternehmen mit hohen Sicherheitsstandards war sein Ziel schwer zu knacken. Schwerer als mancher frühere Auftrag. Doch wie immer kam ihm der Faktor Mensch entgegen. Dank den Mitarbeitern des Unternehmens fühlte er sich für den heutigen Tag sehr gut vorbereitet.
In seiner Tasche befand sich ein täuschend echt aussehender Mitarbeiterausweis mit Tarnnamen und seinem Passfoto. Der Ausweis, der aus seinem heimischen Drucker stammte, reichte nicht, um ihm gesicherte Türen zu öffnen. Aber Mitarbeiter des Unternehmens würde er damit ziemlich gut täuschen können. Der Fund war ein Glücksgriff. Ein Mitarbeiter des Sales Departement hatte in den sozialen Medien ein hochauflösendes Foto einer Abteilungsfeier in einem hier in Frankfurt ansässigen Bowling Centers hochgeladen und nicht ausreichend vor fremden Blicken geschützt. Das Foto war für ihn eine Goldgrube. Man konnte mehrere Mitarbeiter erkennen, die ihre Firmenausweise an einer Klemme an der Außenseite ihrer Hose oder ihres Hemdes trugen. Perfekt, um Stil, Format und Aufmachung der Ausweise täuschend echt nachzubilden. Außerdem konnte er Namen und Abteilungskürzel ablesen. Für den heutigen Einsatz war seine Tarnidentität Hendrik Metzler, Junior Sales Assistent im Sales Departement.
Eric verließ den Strom an Menschen, die meist gehetzt auf dem Weg zu ihrer vermutlich legaleren Arbeit waren, und verschwand in einer Nebenstraße, die in Richtung Firmengelände führte. Nach wenigen Minuten erreichte er den kleinen Verwaltungscampus, der zur Fluctuations Science Group gehörte. Wie seine Recherche ergab, hatte die Gruppe nach ihrer Entstehung wirklich einen Raketenstart hingelegt. 2020 gegründet, wurde sie in nur fünf Jahren zu einem Big Player in vielen Technik- und Forschungssparten. Schwerpunkte waren wirtschaftsnahe Forschungen in Nanotechnologie, Quantentechnologie sowie Infrastruktur für IT-Lösungen. Wie er schon von Google Earth und einer vor Ort durchgeführten Observation vor zwei Tagen wusste, war das eigentliche Firmengelände am Standort an normalen Arbeitstagen nur von einfachen Autoschranken und wenig Sicherheitspersonal bewacht. Die Gebäude allerdings hatten alle eigene, per Funk arbeitende Alarmsysteme, die mit der hauseigenen IT verbunden waren. Die Identität des Eintretenden wurde anhand seines Ausweises direkt mit der internen Datenbank des Unternehmens abgeglichen. Die eigentliche Forschung und Entwicklung befanden sich nicht an diesem Standort, doch die internen Netzwerke waren miteinander verbunden.
Eric wartete kurz, bis er eine kleine Gruppe Angestellter an sich vorbeilaufen sah, die sich bei einem nahen gelegenen Bäcker ein erstes oder zweites Frühstück geholt hatten. Ohne weiter aufzufallen, schlüpfte er, kurz nachdem die Gruppe das Firmengelände betreten hatte, an einer der Schranken vorbei ebenfalls auf das Firmengelände. Eric tat, als ob er zielstrebig auf eines der Gebäude zuschritt. Ein kurzer, prüfender Blick. Weder der Gruppe vor ihm noch einem der zwei gelangweilten Sicherheitskräften, die draußen ihren Dienst taten, fiel er auf. Sehr gut. Eric stellte sich neben eines der Gebäude und begann, eine Zigarette zu rauchen. Er war Nichtraucher, doch es hatte sich gezeigt, dass das Rauchen von Zigaretten ein perfekter Vorwand war, um sich draußen auf dem Firmengelände aufzuhalten oder um mit Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Unterhält man sich mit Rauchern, wird einem als Mitstreiter direkt ein positives Grundgefühl entgegengebracht. Das erleichtert das Manipulieren von Personen ungemein.
Eric betrachtete die zwei links von ihm liegenden Gebäude. Aus seinen Recherchen wusste er, dass das erste Gebäude überwiegend von Mitarbeitern des Sales Departement belegt wurde. Seinem Departement. Genauer gesagt, das Departement seiner Tarnidentität. Als Ziel für seinen Job hatte er sich aber das zweite Gebäude auserkoren. Belegt wurde es von gleich mehreren kleineren Gruppen aus drei unterschiedlichen Departements. Eric kannte die Vorteile von gemischt belegten Etagen. Nicht jeder kannte jeden anderen Mitarbeiter im Gebäude und hatte mit ihm beruflich zu tun. Das ermöglichte es ihm, unauffällig zu agieren, ohne direkt aufzufallen. Sein Ziel war das zweite Obergeschoss, das von einigen Personalern der Abteilung für Human Resources belegt wurde. Personaler waren seiner Erfahrung nach meist sehr gesprächig und zeigten sich offen gegenüber anderen, ihnen unbekannten Mitarbeitern. Außerdem hatten sie oft nur geringe IT-Kenntnisse. Und es war durchaus üblich, Personen aus anderen Abteilungen auf den Fluren zu sehen, da viele Mitarbeiter in Personalfragen persönlich bei ihrem Ansprechpartner vorstellig wurden.
Eric beobachtete das Geschehen und atmete tief die frische Luft ein, um den Rauch aus seiner Lunge zu vertreiben. Auf dem Campus war wenig los. Nur einige Mitarbeiter liefen, meist in Eile und mit Laptop unter dem Arm, über den Platz, um schnell in das Warme eines anderen Gebäudes zu kommen. Noch war kein passender Kandidat in Sicht und Eric befürchtete bereits, aufzufallen, als ein Mann Mitte vierzig auf die von Eric anvisierte Sicherheitstür zuschritt. Es ging los.
Eric drückte den Rest seiner ohnehin bereits abgebrannten Zigarette aus und ging ebenfalls auf die Tür zu. Er passte dies zeitlich so ab, dass er kurz nach dem Mann die Sicherheitstür erreichen würde. Sein Ziel hatte kurze braune Haare, die bereits vom Haarausfall gezeichnet waren, und trug eine einfache, beige gefärbte Daunenjacke sowie eine schwarze Mütze mit Firmenlogo. Er hatte keinen Laptop bei sich und wirkte in Eile. Seine Nase war rot angelaufen und tropfte leicht, was darauf schließen ließ, dass er schon länger draußen unterwegs war und vermutlich gerade zur Arbeit erschien.
Eric hatte sich bei diesem Einsatz für ein klassisches Business Casual Outfit entschieden. Er trug ein weißes, langärmeliges Hemd, dazu eine dunkelblaue Chino Hose mit passendem Sakko. Seine Recherchen zum Unternehmen hatten ergeben, dass Krawatte meist nur in den Chefetagen getragen wurde. Da er möglichst nicht aus der Masse der Mitarbeiter herausstechen wollte, hatte er die Krawatte also zu Hause gelassen. Eine Krawatte zu viel konnte beim Gegenüber direktes Misstrauen auslösen und direkt zu Beginn der Unterhaltung eine defensive Grundhaltung provozieren. Um sein Outfit abzurunden, trug Eric feine, hellbraune Lederschuhe und einen weinroten Schal. Um die Schulter hatte er sich seine Laptoptasche gehängt. Der Laptop in der Tasche war sein eigener und damit auch sein wichtigstes Tool. Die Tasche selbst war ein Standardmodell, welches die FSG für ihre Mitarbeiterlaptops verwendete. Auch das hatten seine Recherchen der Vortage ergeben. Die Tasche war erst gestern per Post angekommen, nachdem er sie gebraucht auf Ebay Kleinanzeigen erstanden hatte.
Der Mann hielt seinen Ausweis vor den Scanner der Tür, die sich mit einem Surren entriegelte. Er zog sie auf und trat hinein. Eric hatte sich möglichst unbeteiligt in die Nähe des Mannes begeben und schritt, bevor die Tür wieder zufallen konnte, direkt nach ihm hinein. Trick eins: Tailgating. In vielen Fällen reichte dieser Kniff bereits, um in gesicherte Gebäude zu gelangen. Doch der Mann blieb stehen und drehte sich mit gerunzelter Stirn zu Eric um.
«Shit!», dachte Eric.
Eventuell die falsche Zielperson gewählt. Er warf einen ersten Blick in die Augen des Mannes und es begann in seinem Kopf zu arbeiten. Er gönnte sich eine Sekunde, um sein Gegenüber zu analysieren. Er schätzte ihn eher unsicher und sozial wenig kompetent ein, aber eindeutig skeptisch und aufmerksam. Könnte auf eine Sicherheitsschulung durch das Unternehmen hindeuten, die der Mann in den letzten zwei Jahren besucht hat. Bestimmt hatte man ihm dort eingebläut, keine unbekannten Personen mit durch die Sicherheitstüren gehen zu lassen. Okay, also Trick zwei: Social Engineering. Eric kämpfte den aufsteigenden Puls herunter, versuchte selbstbewusst und entspannt zu wirken.
«Morgen», begann Eric kurz und knapp das Gespräch.
«Äh, ja, Guten Morgen. Entschuldige die Frage, aber hast du deinen Ausweis dabei?», fragte sein Gegenüber mit unsicherer und stockender Stimme.
«Den Ausweis? Ja klar, Moment. Echt vorbildlich von dir, danach zu fragen.» Eric lächelte den Mann an und blickte ihm dabei selbstbewusst in die Augen.
«Hast du auch die Security Schulung letztens besucht?»
Eric zog seinen selbst gedruckten Ausweis hervor und ließ nur wenige Sekunden Zeit, um einen Blick darauf zu erhaschen, um ihn anschließend direkt wieder einzustecken. Er traute seinem Gegenüber nicht zu, dass dieser nachhaken würde, um einen genaueren Blick auf den Ausweis zu bekommen. Der Mann sah nicht so aus, als hätte er die nötige Courage dafür. Am besten den Gesprächspartner gar nicht zum Nachdenken kommen lassen. Daher sprach Eric, während er den Ausweis zeigte, immer weiter. Er nutzte dabei gezielt das «du», das sein Gegenüber bereits verwendet hatte. Vermutlich wollte er so seine Frage nach dem Ausweis freundlicher wirken lassen, da ihm die Situation unangenehm war.
«Ich bin übrigens Hendrik, Hendrik Metzler. Bin neu drüben in der Drei, im Sales Team von Martin Stunovic. Und du?»
Martin Stunovic war tatsächlich ein Teamleiter im gegenüberliegenden Gebäude und bereits seit der Gründung in dem Unternehmen tätig. Das hatten Erics Recherchen ergeben. Eric ließ bewusst jede seiner Äußerungen mit einer Frage enden. Menschen, die nicht geübt in Konversation waren, wurden so mental beschäftigt. Das verhinderte, dass sie länger über das zuvor Gesagte nachdachten. Er reichte seinem Gegenüber die Hand und drückte kraftvoll und selbstsicher zu.
«Julian Burgmeister. Personal. Tut mir leid, dass ich fragen musste. Hatte die Schulung schon letztes Jahr. Wir sollen ja aufpassen, wer die Gebäude betritt.»
«Klar, kein Problem, das war schon richtig so. Also, ich muss dann mal weiter. Schönen Dienstag wünsche ich dir.»
Eric ging straffen Schrittes an Julian vorbei und betrat durch eine Tür zu seiner Linken das Treppenhaus. Das Gespräch war vorbei und sein Ziel erreicht. Es jetzt am Laufen zu halten oder sich zu lange am Eingang aufzuhalten, barg nur Risiken.
Eric hatte seinen Laptop in einem kleinen Konferenzraum am Ende eines Flures im zweiten Obergeschoss aufgebaut und hochgefahren. Bisher lief alles sehr glatt. Während seines ersten Gangs durch die Flure war er nicht aufgefallen. Die Büros waren nur teilweise gefüllt und auf den Fluren waren nur wenige Mitarbeiter anzutreffen. Niemand interessierte sich für ihn.
Eric scannte über die verfügbaren WLAN-Netze, versuchte aber nicht, sich mit einem davon zu verbinden. Stattdessen startete er eines seiner Tools.
Er hatte Glück. Wenige Minuten zuvor hatte er sich günstig in einer Sofaecke nahe den Toiletten der Etage positioniert und gewartet. Schon die dritte Person, die die Sanitärräume aufsuchte, war ein Volltreffer. Eine junge Frau in ihren Mittzwanzigern. Sie hastete sehr schnell auf die Toilettentür zu. Es war anscheinend dringend. Ihr Büro lag nur zwei Räume entfernt. Ein kurzer Blick offenbarte, dass sie alleine in ihrem Büro und der Monitor angeschaltet war. Und eindeutig hatte sie ihren Laptop nicht gesperrt. Bingo! Eric stürmte geduckt in das Büro, steckte einen mitgebrachten USB-Stick mit Schadsoftware in den USB-Slot des Laptops und führte mit geschickten Mausklicks einige Befehle aus. Anschließend zog er den USB-Stick wieder ab und verließ das Büro, um auf sein Sofa zurückzukehren. Die Aktion dauerte nicht einmal eine Minute. Als die Frau zurückkehrte, bemerkte sie nichts von Erics Manipulation an ihrem Laptop.
Während der Ladezeit des Programms trommelte Eric mit beiden Zeigefingern auf der Tischplatte vor ihm. Das alles machte ihm Spaß, das konnte er nicht leugnen. Das Adrenalin, der Kick, vor allem, wenn er Erfolg hatte. Und bisher war er immer erfolgreich. Es waren Aufgaben, für die er sich geradezu geboren fühlte.
Das Tool, das Eric auf seinem Laptop gestartet hatte, öffnete einen eigenen, getarnten WLAN-Hotspot. Von seiner Software infizierte Rechner in der Nähe verbanden sich nun automatisch mit dem privaten Hotspot und übermittelten alles, was die nichtsahnenden Opfer von ihren Laptops aus taten. Nach wenigen Sekunden erhielt Eric die Nachricht, dass sich der Laptop der jungen Frau mit seinem Netzwerk verbunden hatte. Nun musste er warten.
Um kurz vor elf Uhr packte Eric seinen Laptop ein und verschwand aus dem Konferenzraum. Er zog sich einen Kaffee am Automaten und verdrückte sich wieder in eine Sofaecke, wo er auf seinem Handy Nachrichten las. Es sah aus wie eine typische Kaffeepause. Niemand sprach ihn an. Um kurz nach 11 Uhr kehrte er zu seinem Konferenzraum zurück. Die Sicherheitsmaßnahme war wichtig, da Konferenzen meist zur vollen Stunde angesetzt waren und er nicht von einer Gruppe Mitarbeiter überrascht werden wollte.
Erics Laptop war unterdessen nicht untätig gewesen. Nachdem er ihn wieder aufgeklappt hatte, sah er bereits mehrere Eingaben der jungen Frau, die ihn über seinen Hotspot erreicht hatten. Am wichtigsten waren für ihn Windows Benutzername und Passwort. Treffer! Es war an der Zeit, in das Firmennetzwerk einzudringen und seine Zieldaten zu extrahieren.
Eric griff per Remote Desktop Protocol über seine Schadsoftware auf den Laptop der jungen Dame zu und nutzte die Rechte ihres Accounts, um das Netzwerk auszuspähen.
Um weiterzukommen, benötigte er lokale Administrator-Rechte. Die Personalerin hatte, wie Eric bereits vermutete, keine erhöhten Rechte, mit denen sie auf ihrem Laptop oder im Firmennetzwerk mehr tun konnte, als für die Ausübung ihres Berufs nötig war. Er warf einige seiner Hilfsprogramme an und wurde schnell fündig. Das gehashte Passwort für das lokale Administrator-Konto wurde global über die Group Policy der Firmen-IT gesetzt. Also über von der IT vorgegebenen Regeln, die für alle Laptops der Firma Gültigkeit hatten. Ihm gelang es, das gehashte Passwort zu extrahieren und über den Hash ein lokales Login mit Administrator-Rechten zu erhalten.
Das Eindringen in Netzwerke hatte Eric schon immer fasziniert. Es war ein Kampf der Technologien, bei dem man Kreativität und Wissen benötigte. Wer setzte die bessere Software ein, wer kannte sich am besten mit den eingesetzten Systemen und Schwachstellen aus. Wer fand im Zweifel mehr neue, kreative Wege, um weiter vorzudringen.
Eric schnüffelte noch einige Minuten weiter im Firmennetzwerk herum, bis er den Ort fand, an dem die Datenbank mit seinen Zieldaten lag. Sein Auftraggeber hatte ihm nur den Projektnamen genannt: Project Planck. Seiner Recherche nach war dies ein Geheimprojekt der FSG im Bereich der Quantenmechanik, das der Öffentlichkeit bisher unbekannt war. Inhaltlich ging es um neue, theoretische Anwendungsfelder für die Zukunft des Unternehmens. Mehr war vorab nicht herauszufinden. Sein persönliches Ethos überprüfte grundsätzlich, ob er einen Auftrag wirklich verantworten konnte. Bei diesem war er sich nicht sicher. Daher würde er die extrahierten Daten zunächst zu Hause in Ruhe prüfen, bevor er sie an eine anonyme Person weitergeben würde. Auch wenn diese Person ihn für die Daten gut bezahlte. Eric wischte die Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe.
Als nächstes brauchte er Rechte, um die Daten zu extrahieren. Leider hatten diese Rechte nur einige Datenbank-Administratoren des Project Planck, die Eric als schwierige Ziele ansah.
Doch Erics Erfahrung und sein Instinkt halfen ihm weiter. Er hatte einfach einen Riecher für kreative Lösungen. Und für die Fehler anderer. Das war ihm schon während seines Informatikstudiums aufgefallen. Dazu konnte er Menschen nicht nur gut beeinflussen, sondern auch begeistern und für sich einnehmen. Er hatte jahrelang erfolgreich Improvisationstheater gespielt. Ein perfektes Training für spontane Stresssituationen während eines Jobs. Dazu kam seine natürliche Begabung, Schwachstellen in Netzwerken und IT-Landschaften zu identifizieren.
Eric fand im Active Directory die Benutzergruppe, die Zugriffsrechte auf sein Ziel hatte. Neben den Administratoren der Datenbank sowie hohen Projektverantwortlichen war dort auch die Sekretärin des Project Planck Teams zugeordnet. Alle eingetragenen Benutzer hatten theoretisch volle Zugriffsrechte. Eine Schwachstelle, die Eric auszunutzen gedachte. Ihr Passwort war per Brute Force Attacke, also dem stumpfen Ausprobieren einer großen Anzahl an typischen Passwörtern, schnell gefunden. Mit «Gabi2025!» hatte sie ein äußerst unsicheres Passwort gewählt. Vor allem, da ihr Vorname Gabi war.
Ein erster Test: Zwei Faktor Authentifizierung. Eric fluchte innerlich. Neben dem Passwort musste noch ein Bestätigungs-PIN per SMS eingegeben werden. Und für den Vorgang hatte man nur dreißig Sekunden Zeit. Eric überlegte. Es war ein Risiko, aber er entschied sich für einen klassischen Social Engineering Angriff. Kurze Recherche zu Gabi in den sozialen Netzwerken. Dann griff er zum Telefon im Konferenzraum.
«Hallo, die Gabi hier!»
«Hi Gabi, hier ist Roger aus der IT. Ich weiß nicht, ob du schon mitbekommen hast, aber wir patchen gerade alle kritischen Citrix Systeme. Darunter auch das Authentifizierungssystem.»
«Ich versteh kein Wort, sorry. Mit so was kenne ich mich gar nicht aus. Was hat das mit mir zu tun?»
«Du müsstest mir die Funktionalität des gepatchten Systems bestätigen.»
Eric spürte aufkommende Nervosität und Misstrauen, sowie Unwohlsein. Er setzte daher direkt nach.
«Keine Sorge, die IT wird niemals nach deinem Passwort fragen. Das brauche ich gar nicht von dir. Ich sende dir nur von unserem Server aus eine SMS zu, deren Erhalt du mir bestätigen musst. Ganz einfach.»
Jetzt kam es darauf an. Die ganze Operation könnte von Gabis Reaktion abhängen. Erics Puls beschleunigte sich abermals, doch er behielt seine ruhige, einfühlsame, aber doch bestimmende Stimme bei.
«Ach, dann ist ja gut. Das Passwort soll man nicht herausgeben, das hört man ja immer wieder. Also, was soll ich tun?»
Eric hörte, wie Gabi entspannt auf der anderen Seite des Hörers ausatmete und seine Lippen umspielte ein Lächeln. Sein Plan lief.
«Okay, warte einfach auf die SMS. Ich schicke sie dir von einem unserer Firmenserver. Und gib mir dann die Nummer durch, die ich in die Nachricht geschrieben habe.»
«Gut.»
Eric begann, sich auf dem Zielsystem einzuloggen, gab Gabis Benutzername und Passwort ein. Nun hatte er dreißig Sekunden Zeit, um den PIN einzugeben.
«So, ich habe die SMS abgeschickt. Ist bei dir schon was angekommen?»
«Noch nicht. Doch warte. Da, jetzt ist eine SMS da. Von einem 'Project Planck Data Storage System Login'. Ist das richtig?»
«Beim Namen ist anscheinend etwas beim Patchen durcheinandergeraten. Das passe ich im Nachgang noch an. Aber ist denn die Nummer angekommen?»
Noch 10 Sekunden. Er hoffte inständig, Gabi möge sich beeilen.
«Ja. 3668491. Meinst du diese Nummer?»
So schnell hatte Eric noch nie eine Zahlenfolge eingegeben. Der Laptop zeigte ihm einen erfolgreichen Login an und die Datenbank gewährte ihm Zugriff. Er hatte es geschafft.
«Perfekt Gabi, danke dir für die Hilfe. Ich wünsche dir noch einen schönen restlichen Arbeitstag. Ich habe heute zum Glück nur einen halben Tag und bin dann in der Squash Insel mit einem Freund verabredet.»
Gabi war leidenschaftliche Squash Spielerin und hatte Fotos von sich, während sie den Schläger schwang, in den sozialen Netzwerken hochgeladen. Da Eric das Gespräch so positiv wie möglich beenden und Gabi von dem Geschehenen ablenken wollte, setzte er direkt mit privaten Erzählungen nach. Oftmals reflektierten Menschen ein Gespräch ausführlich, nachdem es beendet wurde. Und sie stellten fest, dass sie Mist gebaut hatten. Das galt es zu verhindern.
«Hey ich spiele auch Squash, das ist ja witzig. Spielst du schon lange?»
«Schon bald drei Jahre. Wir spielen einmal pro Woche. Und das mit großer Freude. Versuchen uns aktuell am Pro Squashball. Aber wir tun uns schwer.»
«Ja das kenne ich. Wir nehmen immer den mit einem Punkt. Das reicht mir und Sybille vollkommen.»
Eric führte noch zwei Minuten Smalltalk mit Gabi und beendete dann das Gespräch. Er hatte jetzt Wichtigeres zu tun. Und die Zeit lief. Unterschätze niemals deine Gegenspieler.
Eric hatte alles, was er brauchte. Er hatte einen kompletten Dump, also eine Kopie der Daten aus der Datenbank, auf seinen Laptop gezogen, und war bereit zu verschwinden. Er wollte gerade noch seine Spuren auf dem Zielsystem verwischen, als seine Verbindung abbrach. Gabis Login war weg. Sein Laptop zeigte dropped by admin an. Da hatte ihm ein Administrator die Verbindung gekappt. Er war aufgeflogen und musste jetzt schnell weg! Vermutlich bekam Gabi bereits einen Anruf oder einen Besuch von einem IT-Mitarbeiter. Seinen Anruf zu dem Konferenzraum zurückzuverfolgen sollte dann ein Leichtes sein.
Eric kappte alle Netzwerkverbindungen, setzte seinen Laptop offline. Dann klappte er ihn zu und öffnete die Tür nach draußen auf den Flur. Niemand zu sehen. Eric huschte hinaus und direkt Richtung Treppenhaus. Ihm gefror das Blut in den Adern, als er, an der Tür zum Treppenhaus angekommen, eine Gruppe von vier aufgeregten IT-Mitarbeitern, zusammen mit zwei Sicherheitsbeamten, das Gebäude im Erdgeschoss betreten sah. Sofort zog sich Eric zurück auf den Flur. Die Zeit, das Gebäude unbemerkt zu verlassen, war vorbei. Alles in Erics Körper schaltete auf Alarmstufe Rot. Er fing an zu schwitzen, konnte es nicht verhindern. Verstecken! Aber wo und wie. Eric stürmte zurück auf die Flure, vorbei an mehreren Büroräumen. Toilette? Nein, das war zu einfach. Direkte Konfrontation? Zu gefährlich, letzte Wahl. Einfach in ein leeres Büro setzen? Spätestens wenn die Sicherheitsbeamten die Angestellten befragen würden, würde er den Kollegen auffallen und sie auf ihn zeigen. Er brauchte die Hilfe der Angestellten. Eric rief sich alles ins Gedächtnis, was er über seine Tarnidentität und die hier sitzende Abteilung wusste. Er sah eine Gruppe von drei Leuten an der Kaffeemaschine stehen und sich unterhalten. Er zog sich einen Kaffee und stellte sich an den Tisch daneben. Gesprächsbereit, aber nicht aufdringlich wirken war das Ziel.
«Letztens hatte einer doch die Dreistigkeit nach Sonderurlaub zu fragen, weil seine Tante Geburtstag hat. Und dass, obwohl sie kurz vor Projektabschluss stehen», eine Frau Mitte dreißig mit braunem, lockigem Haar hatte das Wort ergriffen. Bisher ignorierte sie Eric.
«Ernsthaft? Dat hat der Chef jenehmigt? Ich hätt ja uffgemuggt.»
Ihr gegenüber stand ein vierzigjähriger, glatzköpfiger Ur-Frankfurter, der sichtlich angetan von der Unterhaltung war. Oder von seiner Gesprächspartnerin.
«Der Jonas Hofmann hat da einfach keinen Biss und lässt sich von seinen Mitarbeitern auf der Nase herumtanzen», sprach die Frau weiter.
Das war ein Einstiegspunkt. Hofmann kannte er. Wenn er sich richtig erinnerte, war er ebenfalls ein Teamleiter aus Sales und Kollege von Stunovic.
«Das wäre bei Martin nicht passiert», sagte Eric und stieg in das Gespräch ein. Überraschte und irritierte Blicke wandten sich ihm zu. Während man dem Frankfurter direkt ansehen konnte, dass er über den weiteren Gesprächsteilnehmer nicht glücklich war, sah die Frau offener zu ihm herüber. Die dritte Person, ein unscheinbar wirkender Mann mit einem furchtbaren, grauen Filzpullover, war bisher nicht einzuschätzen.
«Wen meinst du?», natürlich ergriff sie das Wort.
«Entschuldigt, wollte mich gar nicht einmischen. Ich meine Martin Stunovic, meinen Teamleiter. Hi, ich bin Hendrik, komme drüben aus der Drei von Sales. Martin ist bei Projektterminen nicht zum Spaßen aufgelegt. Aber wenn ich euch so höre, sollte ich wohl zu Hofmann in das Team wechseln», sagte Eric lachend und versuchte, so sympathisch wie möglich zu wirken. Da er sich durchaus als gutaussehend bezeichnen würde und wusste, wie er seine Körpersprache in einer Konversation einzusetzen hatte, gelang ihm das auch meist sehr gut. Ihre Körpersprache zeigte auf jeden Fall Zuneigung und Interesse.
«Stimmt wohl», sie schenkte ihm ein Lächeln. «Hi, ich bin Kathy und das sind Felix», sie zeigte auf den Frankfurter, «und das ist Manfred. Hat Stunovic nicht auch Termindruck? Seid ihr nicht an so einem großen Deal in der Nanosparte dran?»
«Wir sind mitten in den letzten Gesprächen. Wir streben da einen längerfristigen Vertriebszyklus an.»
«Und wat bringt dich zu uns hier rüber?»
Der Frankfurter meldete sich zu Wort. Er wollte Eric eindeutig loswerden, da er anscheinend befürchtete, Eric könne ihm die Bühne bei Kathy rauben. Das stellte ein Problem dar. Eric hatte allerdings keine Zeit mehr, sich darum zu kümmern, denn ein Sicherheitsmann und drei IT-Mitarbeiter betraten den Küchenbereich. Aktuell befanden sich hier nur Eric und seine Gesprächsrunde. Hätte er sich seine Tarnung aussuchen dürfen, hätte er sich definitiv nicht auf diese drei Personen verlassen.
«Wer seid ihr? Kann ich mal eure Mitarbeiterausweise sehen. Ah, hallo Kathy. Ist euch zufällig jemand aufgefallen, der normalerweise nicht hier sein sollte?»
Der Blick des Sicherheitsmannes wanderte über die Gruppe und verharrte mehrere Sekunden auf Eric. Eric wusste, dass es jetzt knapp wurde. Aber der Mann schien Kathy zu kennen. Das konnte sein Ausweg sein. Auf seinen gefälschten Ausweis wollte er sich hier nicht verlassen müssen. Eric hielt sich zurück und ergriff nicht das Wort. Er hoffte auf Kathy.
«Unbekannt? Nein, ist mir niemand aufgefallen. Hier sind nur ich und Felix und Manfred, Kollegen von mir. Ach ja, und Hendrik, er ist drüben bei Martin Stunovic im Team.»
«Geht schon mal weiter und prüft alle Büros und den Konferenzraum. Und die Toiletten überprüfen.» Die IT-Mitarbeiter zogen weiter, der Sicherheitsmann blieb zurück.
«Sorry Kathy, aber ich muss eure Ausweise sehen. Es gab einen Sicherheitsverstoß aus diesem Gebäude und es geht um brisante Daten aus der F&E Abteilung. Muss also ein professioneller Diebstahl gewesen sein.»
«Was?! Das ist ja unglaublich. Habt ihr das gehört? Wie im Spielfilm.»
Alle begannen ihre Ausweise herauszukramen und hochzuhalten. Das schien dem Sicherheitsmann zu reichen. Aus der Ferne wirkte Erics Ausweis echt genug.
«Okay Kathy, ich muss weiter. Wird dazu bestimmt noch einen internen Newsletter geben.»
Eric konnte sein Glück kaum fassen, beendete möglichst rasch, ohne auffällig zu wirken, das Gespräch und verließ das Gebäude, ohne auf weitere Hindernisse zu stoßen. Er verließ das Firmengelände und verschwand in der Menschenmenge auf den Straßen.
Was Eric nicht bemerkte, war der Blick, der ihm über den Campus folgte. Ein Blick aus stechenden grünen Augen. Sie gehörten zu einem großen, bleichen Mann mit schlohweißen, zu einem Zopf zusammengebundenen langen Haaren. Er beobachtete Eric aus einer der oberen Etagen des angrenzenden Firmengebäudes.
D
evlin hatte alles vorbereitet. Seit mehr als zwölf Stunden hielt er sich bereits in dem Labor auf und kümmerte sich um den anstehenden Testlauf. Alle Variablen waren auf Null gesetzt, alle Felder neutralisiert. Das zeitlose Quantenvakuum konnte erzeugt werden.
Doch es war Wahnsinn. Unkalkulierbare Risiken gingen ihm durch den Kopf. Ihre Forschungsgruppe war in seinen Augen noch nicht bereit, eine Abweichung in einem realen Versuch zu riskieren. Sie waren noch lange nicht so weit. Eine auftretende Oszillation im Nichts. Sie hatten theoretische Modelle simuliert und Ergebnisse analysiert. Doch bis erste Versuche an der echten Raumzeit möglich wären, würde es nach Devlin noch Monate oder Jahre dauern.
Alles hatte sich geändert, nachdem der neue technische Direktor seine Arbeit aufgenommen hatte. Der Mann nannte sich Samuel Draeger und jedes Mal, wenn sie sich während der Arbeit begegneten, jagte es ihm einen Schauer über den Rücken. Er war ihm einfach unheimlich. Nach seiner Kenntnis hatte er den Posten des CTO vor nicht einmal zwei Jahren bekommen. Über seiner bisherigen Laufbahn lag ein Mantel des Schweigens. Es war nahezu nichts Näheres bekannt. Für einen CTO wirkte er jung, sehr jung. Devlin schätzte ihn auf unter dreißig. Die Entscheidung, ihn zu engagieren, galt als umstritten, doch keiner stellte sich offen gegen die Wahl des Geschäftsführers.
Samuel Draeger hatte seit Beginn seiner Tätigkeit großen Druck auf den gesamten Forschungsbereich ausgeübt. Seitdem wurde die Entwicklung ohne Rücksicht auf Verluste vorangetrieben. Sicherheit war für Draeger ein Fremdwort.
Und nun Stand Devlin hier, machte unzählige Überstunden und bereitete alles für den ersten großen Test vor. Er trat an einen der Laborlaptops und begann, einige Anfahrtests zu starten. Es begann laut, im Labor zu summen. Die weiße Kugel aus Kunststoff, die in der Mitte des Labors hinter dicken Scheiben auf dem Boden lag, begann zu vibrieren. Sie hatte einen Durchmesser von gut zwei Metern. Die komplexen Apparaturen, die um den Versuchsaufbau herum aufgebaut waren, manipulierten den Zustand der Kugel. Im Inneren der Kugel begannen sich, höherdimensionale Prozesse abzuspielen. Devlin sah zufrieden aus und wandte sich wieder dem Laptop zu, um den Anfahrtest zu beenden.
Plötzlich trat ein greller Lichtblitz auf, der das gesamte Labor für den Bruchteil einer Sekunde hell erleuchtete, sehr ähnlich der Wirkung einer Blendgranate. Devlin, geblendet von dem aufgetretenen Lichtblitz, konnte nur noch ein helles Weiß wahrnehmen. Seine Augen schmerzten. In aufkommender Panik drückte er auf der Tastatur des Laptops herum und versuchte, den Test abzubrechen. Währenddessen erhob sich die weiße Kugel vom Boden und begann in der Mitte des Raumes zu schweben und immer schneller um die eigene Achse zu rotieren. Devlin taumelte durch den Raum, seine Augen mit dem Arm bedeckend. Er stieß gegen die Glasscheibe der Versuchsfläche. Seine Augen sendeten schmerzerfüllte Signale an seinen Kopf und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sein Gleichgewichtssinn war gestört. Orientierungslos sackte er zu Boden.
Abrupt stoppte die Eigenrotation der Kugel und eine Verformung durchzog sie wie eine Welle, die einmal um die Oberfläche der Kugel herumlief. Und dann zerfiel alles im Raum zu verformten Haufen Materie und Staub. Es war nur ein kurzer Moment. Das kürzest mögliche Zeitintervall. Und doch hatten die höherdimensionalen, gravitativen Effekte, die in dieser Zeitspanne herrschten, ausgereicht, um das Labor und Devlins Leben auszulöschen.
Stefan Ostendorfer betrat, begleitet von zwei Sicherheitskräften sowie dem Sicherheitschef des Gebäudes und einem leitenden Wissenschaftler der Entwicklung, den inneren Forschungsbereich. Er trat durch eine Schleuse, die mit Kartenschloss und Iris Scanner abgesichert war. Er musste einen weißen Schutzanzug und blaue Schuhüberzieher tragen, durfte aber den Kopf bis auf eine Atemschutzmaske freilassen. Er befand sich tief in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Fluctuations Science Group und war ausgesprochen beeindruckt, was diese Firma in so kurzer Zeit aufgebaut hatte. Auf dem Papier wurde dieser Komplex erst vor drei Jahren errichtet. Und doch hatte er noch nie eine so hochmoderne, faszinierende Einrichtung gesehen. Die kurze Ermittlungszeit am Schreibtisch, die er vor seinem Besuch hatte investieren können, hatte unglaubliche Ergebnisse über den neuen Big Player am Markt offenbart. In den wenigen Jahren seit der Gründung der FSG wurden mehrere neue Produkte veröffentlicht, die alle bahnbrechend und sehr erfolgreich gewesen waren und die Kassen des Unternehmens füllten. Zum Beispiel gab es Fortschritte in der Medizintechnik durch den Einsatz von Nanotechnologie. Und trotzdem war die Firma irgendwie mysteriös. Sie enthüllte nur wenig über ihre aktuellen Projekte. Dafür brachten sie in kurzer Zeit immer wieder neue, innovative Produkte auf den Markt, die vorher weder groß im Marketing beworben wurden noch als theoretische Abhandlung in Forschungszeitungen auftauchten.
Und nun hatte sich also eine Explosion in einem ihrer Labore ereignet. Ein Unfall, der den Tod eines Wissenschaftlers zur Folge hatte, wie es in ihrer Anzeige stand. Ein gewisser Devlin Meyers war bei der Explosion ums Leben gekommen. Ein junger, erfolgreicher Absolvent der Universität in München, keine vierzig Jahre alt. Er hatte seine Doktorarbeit im Bereich der Quantenmechanik, im speziellen durch die Erforschung verschiedener Arten von Verschränkungen aller Zustände in Mehrteilchensystemen, geschrieben. Auch wenn Stefan ein persönliches Interesse an Physik hatte und sich mit einigen privat angeeigneten Grundlagen rühmen konnte, hörte sein Verständnis an dieser Stelle auf. Mit seiner Qualifikation hatte Devlin auf dem Arbeitsmarkt freie Wahl gehabt. Stefan hätte es interessiert, warum er sich gerade für dieses Unternehmen entschieden hatte. Doch diese Frage würde ihm Devlin wohl nicht mehr beantworten können.
Stefan war hier, um die Umstände des Todes zu klären und eine fahrlässige Tötung oder einen Mord auszuschließen. Während sie den Flur auf dem Weg zum zerstörten Labor entlanggingen, wandte sich Stefan an den Wissenschaftler, der ihn begleitete.
«Am Telefon sagten sie, der Körper von Herrn Meyers sei übel zugerichtet und er nicht mehr als menschliche Person zu erkennen gewesen. Können sie sich erklären, warum die Explosion nur einen Laborraum verwüstete und nicht mehr an ihrer Einrichtung beschädigte? Für diese Schäden an der Leiche müsste die Explosion doch sehr stark gewesen sein.»
«Unsere Labore sind gut gesichert. Sollte wider Erwarten ein Unfall passieren, sind unsere Wände und Türen robust genug, einigem Druck auszuhalten. Gefährdete Luftschleusen und Klimaanlagen riegeln automatisch ab. So ließen sich die Auswirkungen der Explosion schnell eindämmen.»
Stefan hielt dies für wenig glaubwürdig. Die umliegenden Labore, die sie auf ihrem Weg passierten, wirkten zwar durchaus hohen Standards entsprechend gebaut. Aber dass sie robust genug waren, einer starken Explosion standzuhalten, konnte er sich nicht vorstellen. Wahrscheinlicher war, dass das Unternehmen selbst noch keine Erklärung für die zentrierte Wucht der Explosion hatte.
«Konnten sie schon die Ursache für die Explosion ermitteln? Ist unser Forensik-Team schon eingetroffen?»
«Wir arbeiten daran», antwortete der Sicherheitschef.
Der leitende Wissenschaftler fügte hinzu: «Vermutlich hat es einen Brand auf einer Platine unserer Testapparaturen gegeben, der einen Kurzschluss mit Explosionsfolge ausgelöst hat. Die interne Auswertung unserer Protokolle läuft bereits. Wir werden bald Genaueres wissen.»
«Ihre IT-Forensik ist bereits vor Ort und unterstützt uns. Der Tatort ist zur Beweissicherung freigegeben und ihr Team der Spurensicherung startbereit. Sobald sie den Tatort begutachtet und freigegeben haben, wird die Spurensicherung loslegen», ergänzte der Sicherheitschef.
«Haben sie Hinweise auf menschliches Versagen oder Fehlverhalten?»
Stefan kannte Technologiefirmen aus alten Fällen. Wenn ein Mitarbeiter ums Leben kam, versuchten die Firmen meist ein Unfallszenario zu zeichnen, für das sie wenig Eigenverantwortung trugen. Das vereinfachte den Papierkram und hatte weniger Konsequenzen als Fehler in den Sicherheitskonzepten oder gar einen Mordanschlag zuzugeben. Im schlimmsten Fall mussten Zahlungen an die Hinterbliebenen geleistet werden, da die Sicherheitskonzepte nicht als ausreichend bewertet wurden. Und auch das war oft vor Gericht abzuwehren. Manche Firmen agierten kooperativ und halfen, Fremdverschulden auszuschließen. Andere Firmen wollten einfach nur ihre Haut retten und aus den Nachrichten rausgehalten werden.
«Nein, keine. Wir haben hohe Sicherheitsstandards in unseren Laboren. Bei Überspannungen oder auftretenden Fehlercodes wird die Stromzufuhr gekappt. Wir haben automatische Protokolle für Brände und Luftverunreinigungen. Unsere Wissenschaftler sind bestens ausgebildete Spezialisten auf ihren Gebieten.»
Die Gruppe erreichte die Tür zu dem Labor, in dem die Explosion aufgetreten war. Stefan untersuchte die Tür. Sie war aus Metall und sah stabil aus. Von dieser Seite aus wirkte sie unbeschädigt. Er konnte keine Verformungen feststellen, die er nach einer starken Explosion erwartet hätte.
Einer der Sicherheitskräfte öffnete die Tür und die Gruppe betrat das Labor. Stefan stockte der Atem. Etwas Derartiges hatte er noch nicht gesehen. Nahezu der gesamte Raum wirkte förmlich pulverisiert. Er konnte noch nicht einmal genau identifizieren, was sich in diesem Labor an Inventar befunden hatte. Er sah zusammengequetschte Überreste von Metall und Plastik, die vermutlich einmal technische Geräte waren. Andere Reste waren in viele kleine Teile und Splitter zerbrochen und bedeckten den Boden des Raums. Stefan ließ den Blick durch den Raum schweifen und versuchte, Unstimmigkeiten auszumachen. Ein verformter Klumpen lag direkt in der Mitte des Raumes. Darum kreisförmig ein Bereich, in dem verhältnismäßig wenig Schutt zu sehen war. Ansonsten reines Chaos. Stefan entdeckte in den beiden hinteren Ecken des Raumes, eng an der Wand stehend, kleine Büroschränke mit Schubläden. Diese Schränke schienen nahezu unbeschädigt. Sie waren von einigen Splittern und herumfliegenden Trümmern beschädigt worden, aber ansonsten in akzeptablem Zustand. Stefan versuchte, eine Schublade herauszuziehen. Es funktionierte und er sah Papierunterlagen darin liegen. Er schloss die Schublade wieder. Dann drehte er sich zu dem Wissenschaftler um.
Er sagte: «Und wo befindet sich die Leiche?»
Der Wissenschaftler seufzte, blickte nach links und zeigte mit dem linken Zeigefinger auf eine Stelle am Boden, mitten im Raum. Stefan folgte dem Zeigefinger und erblickte die Überreste von Devlin Meyers. Ein Splitterhaufen, bestehend aus den Resten menschlicher Knochen, umgeben von viel Blut und nicht mehr zu identifizierenden Innereien. Alles begraben unter Staub und Trümmern. Devlin Meyers wurde, wie der Raum, geradezu pulverisiert.
Stefan runzelte die Stirn. Die Überreste des Labors wirkten schockierend. Er konnte sich nicht erklären, was in der Lage sein sollte, solch eine Zerstörung anzurichten. Zumindest nicht, ohne auch den gesamten Gebäudekomplex mit ihrer Sprengkraft in die Luft zu jagen. Irgendetwas Besonderes war hier geschehen. Und er fragte sich, wie viel davon den Verantwortlichen der FSG bekannt war und sie ihm nicht mitgeteilt hatten.
«Der arme Mann», murmelte einer der Sicherheitskräfte durch seinen Vollbart, als er einen Blick auf Devlins Überreste erhaschte.
«Nun, zumindest musste er nicht lange leiden, das kann ich ihnen versichern», antwortete Stefan.
Manchmal konnte Stefan eine sarkastische Antwort einfach nicht unterdrücken. Er wandte sich wieder dem Wissenschaftler zu.
«Können sie mir sagen, warum die zwei Büroschränke in den hinteren Ecken nicht ebenfalls zerstört wurden? Wie war ihr Name nochmal?»
«Johann Gramberg. Ich leite einige Projekte für disruptive Geschäftsmodelle hier am Standort», Johann räusperte sich, «nein das kann ich ihnen so nicht sagen. Vielleicht hat ein davorstehendes Mobiliar die Explosionswucht abgefangen.»
«Unwahrscheinlich», erwiderte Stefan.
Er bückte sich und untersuchte die Knochenüberreste von Devlin Meyers, ohne Schaden für die Spurensicherung anzurichten. Er konnte keine Hinweise auf mögliche Ungereimtheiten feststellen, wie zum Beispiel ein Fremdkörper in der Leiche, der bereits vor der Explosion im Körper gesteckt hat. Beim Zustand der Überreste aber auch kein Wunder.
«Nun, zumindest müssen wir uns keine Gedanken um die Todesursache machen. Selbst wenn Herr Meyers vor der Explosion bereits tot gewesen sein sollte, wird es nahezu unmöglich sein, das noch nachzuweisen.»
«Warum sollte er bereits tot gewesen sein?», wunderte sich der Sicherheitschef.
Stefan legte die Stirn in Falten. Er wollte zu gern wissen, was hier geschehen war. Er hoffte, dass die Spurensicherung mehr herausfinden würde. Oder die IT-Fachleute der Firma durch ihre Analyse der Daten. Leider wurde er das Gefühl nicht los, dass die Fluctuations Science Group nicht bereit war, aufrichtige Hilfe zur Aufklärung der Vorkommnisse zu leisten. Entweder wussten sie bereits mehr und versuchten, die hier stattgefundenen Forschungen geheim zu halten. Oder sie wollten möglichst schnell ihre neuen Technologien zur Marktreife bringen. Und da warf eine zeitintensive Unfallermittlung in ihren eigenen Laboren die Projektpläne durcheinander.
«Nun, wenn sie mich nicht mehr benötigen, kehre ich zu meiner Arbeit zurück», Johann drehte sich Richtung Tür.
Stefan war sich sicher, dass er in der Zukunft noch viel benötigen würde, aber aktuell hatte er keine weiteren Fragen an den Wissenschaftler.
«Nein Herr Gramberg, machen sie sich los. Ich melde mich bei ihnen, wenn ich noch Fragen habe.»
«Ich lasse ihnen einen meiner Sicherheitskräfte da. damit er sie nach Beendigung ihrer Arbeit nach draußen begleiten kann», warf der Sicherheitschef ein. Auch er schritt durch die geöffnete Tür.
Nachdem Johann und der Sicherheitschef das Labor verlassen hatten, schritt Stefan langsam durch den Raum und begann, sich die Trümmer genauer anzusehen. Etwas stimmte nicht mit der Anordnung. Doch er war sich nicht sicher, was es war. Nach einigen weiteren Minuten kam ihm ein Gedanke. Die Explosion musste in der Mitte des Raumes entstanden sein. Allerdings schien es, als hätte es keine Druckwelle gegeben. Der Raum war nicht wirklich von einer Explosion erfasst worden. Es sah eher so aus, als wäre er einfach in sich zusammengefallen. Als wäre der Raum implodiert, statt explodiert. So oder so, die Trümmer im Zentrum des Labors mussten eine zentrale Rolle gespielt haben. Stefan untersuchte nun die Mitte des Labors genauer. Tatsächlich befand sich dort ein nicht zersplitterter, weißer Plastikklumpen von nicht einmal einem Meter Durchmesser, der sich beim Versuch ihn anzuheben als überraschend schwer erwies. Der Klumpen sah aus, als hätte jemand einen großen, hohlen Ball aus Plastik in der Hand so stark wie möglich zerdrückt. Hier war etwas geschehen, was sich ihm nicht erschloss. Und das war definitiv keine einfache Explosion gewesen.
Stefan ließ sich von dem Sicherheitsmann Richtung Ausgang geleiten. Hinter ihm sah er mehrere Mitarbeiter der Forensik das Labor betreten, die Koffer zur Spurensicherung trugen.
«Haben sie denn etwas mitbekommen?», fragte Stefan den Mann.
«Ich? Nein, ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Schicht. Aber mein Kollege hat mir davon erzählt.»
«Und was hat ihr Kollege genau mitbekommen?», hakte Stefan nach. Manchmal waren diese Aussagen informativer als jedes Gespräch mit einem offiziellen Ansprechpartner.
«Nun, er meinte, dass ein kurzes Krachen zu hören gewesen war, ähnlich wie bei einem einstürzenden Gebäude oder so. Ich kann ihnen da nichts genaueres sagen. Auf jeden Fall war auf den Fluren anschließend einiges los. Das Labor wurde sofort von unseren Leuten abgeriegelt. Die Führungsetage höchstpersönlich hat den Unfallort begutachtet und den Zutritt verboten. Und ich tippe, dass dann anschließend die Polizei verständigt wurde. Sonst wären sie ja nicht hier, oder?»
Stefan nickte dem Mann zu und gab sich seinen Gedanken hin. Warum kam der Vorstand persönlich zum Tatort und leitete das Geschehen? Normalerweise hätte er erwartet, dass dies an dafür ausgebildete Hände delegiert werden würde. Er plante, sich noch am selben Tag einen Termin mit dem Geschäftsführer und dem technischen Direktor der Firma geben zu lassen.
David saß in seinem geräumigen Eckbüro im obersten Stockwerk einer der hohen Türme in der Frankfurter Innenstadt. Der Turm gehörte zur FSG. Sie hatte ihn bereits letztes Jahr für eine horrende Summe erworben und die Führung der Firma, an dessen Spitze er als CEO stand, dort einquartiert. Die meisten anderen Etagen standen leer. Doch das würde sich bald ändern.Er saß hinter einem massiven Holzschreibtisch und drehte einen Kugelschreiber behände mit einer Hand im Kreis.
Ihm Gegenüber stand ein Mann im Raum. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und schaute mit verschlagenem Blick und emotionslosen Augen auf David. Er trug eine weiße Lederjacke, die gut zu seinen schlohweißen, langen Haaren passte. Sein Name war Samuel Draeger.
David sah ihn stirnrunzelnd an und zupfte sich mit der zweiten Hand seinen Business Anzug und die Krawatte zurecht. Er kannte Samuel schon sehr lange. Doch seit er vor nur zwei Jahren wieder aufgetaucht war, wirkte er verändert. Seine Präsenz wirkte … einschüchternd. Obwohl David sich nicht leicht einschüchtern ließ. Schon gar nicht von den Kollegen des inneren Führungszirkels. Des wahren Führungszirkels.
Er drängte die Gedanken beiseite. Samuel konnte helfen, die gemeinsamen Pläne voranzubringen. Deshalb hatte er ihn direkt nach seiner Ankunft zum CTO der Firma ernannt. Das verstand sich von selbst. Das Wissen, das er mitbrachte, war unschätzbar wertvoll. Das änderte auch ein Unfall während der ersten Tests im Quantenvakuum nicht.
«Und du bist dir sicher, dass der erste Wanderer hier und jetzt existiert? Was hätte er davon, unsere Pläne zu durchkreuzen?», fragte David und richtete seinen skeptischen Blick auf Samuel. Der Kugelschreiber zwischen seinen Fingern drehte sich noch schneller.
«Ich weiß es. Ich konnte ihn während unserer letzten Begegnung nicht endgültig vernichten. Eine seiner Existenzen ist hier. Und sie stellt ein Risiko für uns dar. Ich werde die Inkarnation finden müssen, um es endgültig zu Ende zu bringen.» Samuel sprach die Worte ruhig, doch mit einer tiefen Ernsthaftigkeit aus, die niemand an seinen Aussagen zweifeln ließ.
David empfand Samuels Aussagen immer als besonders dramatisch. So als stände das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel. Dabei ging es in Davids Augen nur ums Geschäft. Sollte der erste Wanderer doch zugegen sein, dann ist es halt so. Der Erste war alt, sehr alt, und er besaß großes Wissen. Aber er stellte doch keine Gefahr für ihre Pläne dar. Seiner Meinung nach würden sie ihn einfach in Ruhe lassen und er würde das genauso tun. Die alte Fehde, die zwischen Samuel und ihm bestand, hatte David nie nachvollziehen können.
«Ich weiß ja nicht. Seitdem ich hier bin und unsere Expansion vorantreibe, habe ich nichts von anderen Wanderern mitbekommen. Sie leben ihre Leben und versuchen, nicht aufzufallen. Sie gehen uns aus dem Weg. Alle Pläne laufen wie gewünscht. Vor allem, seitdem du uns bei der Forschung unterstützt.»
«Weil du zu nett bist, David. Unsere Ziele müssen um jeden Preis erreicht werden. Du hältst dich zurück, genießt dein Leben als CEO und lässt dir Zeit. Das ist gefährlich.»
David lächelte und erwiderte: «Wenn wir etwas haben, dann ist es Zeit, mein Freund.»
Bei dem Ausdruck Freund zuckte es kurz in Samuels Gesicht. Ein kurzes Aufblitzen von … Etwas. David konnte es nicht näher einordnen. Er entschied sich, das Gespräch auf die aktuell wichtigeren Themen zu lenken.
«Wie kam es eigentlich zu dem Unfall im Labor? Die Aufmerksamkeit von Polizei und Medien, die das Ereignis auf unsere Forschung gerichtet hat, können wir aktuell echt nicht gebrauchen», sagte David.
«Wir müssen uns auf unerfahrene Wissenschaftler verlassen. Schwache Menschen, die Fehler machen. Doch wir brauchen ihren Fortschritt, bis wir fähig sind, eine konstante, bidirektionale Verbindung aufzubauen. Sie sind wie Nutzvieh. Dazu da, uns zu unseren Zielen zu verhelfen.» Samuel sprach die Worte in einem verächtlichen Tonfall, der David nicht entging.
Da war es wieder, dachte David. Das ungute Gefühl, das ihn immer überkam, wenn er in letzter Zeit mit Samuel sprach. Er konnte es nicht leiden, wenn Samuel sich schlecht über die Menschen äußerte. Samuel hatte sich verändert. Er war so radikal, so unnahbar und emotionslos. Sollte er jemals wieder Kontakt zu Michael bekommen, mussten sie darüber reden. Doch das war noch weit weg.
«Müssen wir uns Sorgen machen um die Polizei?», fragte David.
«Du wirst das regeln, David. Die Menschen zu überzeugen ist doch eine deiner Stärken. Ich kümmere mich weiter um die Quantenforschungen.» Samuel zeigte mit dem Finger auf David, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen.
David lehnte sich zurück und blickte auf einen Notizzettel auf seinem Schreibtisch.
«Der leitende Kommissar ist ein gewisser Stefan Ostendorfer. Er hat bereits Kontakt mit meinem Sekretariat aufgenommen. Ich werde mich mit ihm treffen und versuchen, möglichst viel von uns fernzuhalten.»
«Gut. Gibt es neue Informationen zu dem Datendieb? War er es?»
Samuels Besessenheit vom ersten Wanderer wirkte geradezu krankhaft. David dachte bei dem Dieb eher an einen normalen Fall von Industriespionage. Allerdings hatten sie ausgerechnet Daten des Projekt Plancks erbeutet. Das war durchaus merkwürdig. Und nicht ungefährlich.
David beugte sich nach vorn. «Wir konnten den Weg des Eindringlings genau nachvollziehen. Er hatte sein Zielgebäude perfekt gewählt. Möglichst niedrige Sicherheit bei ausreichender Integration in unser Firmennetzwerk.»
«Wie konnte das passieren?», fragte Samuel.
«Wir haben unser Vorhaben an diesem Ort erst vor fünf Jahren begonnen, Samuel, vergiss das nicht. Wir haben viele junge Leute engagiert und bauen alles in Rekordzeit auf. Wir sind in vielen Bereichen noch viel zu unprofessionell aufgestellt. Doch wir machen stetig gute Fortschritte. Das alles braucht einfach Zeit.»
«Wir müssen unsere Pläne besser schützen.» Samuel wirkte erregt und auch wütend. David dagegen blieb ruhig.
«Mach dir keine Sorgen. Was sollen sie uns schon anhaben? Alles, was wir tun, ist, der Menschheit technologischen Fortschritt zu bringen. Wie wir es schon damals, zu Hause, getan haben. Und die gestohlenen Daten sind wenig wert. Hauptsächlich theoretische Ansätze und langweilige Projektpläne. Sie sind mit den gestohlenen Daten auf dem Weg zu einer Fluktuation nicht weiter als wir. Sie nützen ihnen nichts.»
David lehnte sich entspannt in seinem Bürostuhl zurück und legte den Kugelschreiber beiseite.
Samuel meinte: «Wir müssen trotzdem wissen, wer die Daten gestohlen hat.»
«Da habe ich etwas für dich. Sieh her.» David hielt Samuel ein Tablet entgegen. Er stand auf und nahm es an sich. Auf dem Tablet war eine Fotoaufnahme zu sehen. Der leicht verschwommene Gesichtsausdruck eines jungen Mannes mit Schal und Laptoptasche. Er hatte braune, mittelkurze Haare und schien eine Zigarette zu rauchen.
«Das Foto einer Überwachungskamera. Nach den zeitlichen Protokollen sowie der Aussage eines Mitarbeiters namens Julian Burgmeister muss es sich um unseren Eindringling handeln.»
Samuel betrachtete das Foto. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er kannte das Gesicht. Er hatte es gesehen, als die Person das Firmengelände verlassen hatte. Und er prägte es sich gut ein. Ohne etwas zu sagen drehte er sich um und verließ das Büro.
E
ric saß auf dem großen Ledersofa seiner Penthouse Wohnung im Frankfurter Westend und hatte die Füße auf den gläsernen Couchtisch gestellt. Auf seinen Beinen lag schräg sein Laptop und zeigte ihm die Inhalte des gestohlenen Dumps an. Die Wohnung wirkte aufgeräumt und spartanisch eingerichtet. Eric hatte sich warme Hausschuhe angezogen und trug einen dunkelblauen Bademantel. Auf dem Couchtisch neben seinen Füßen standen eine Tasse Kaffee und ein Teller mit geschnittenem Obst und Gemüse.
Eric hatte Teile der letzten Nacht genutzt, um die erbeuteten Daten zu sichten und sich anschließend einen kurzen Schlaf und eine heiße Dusche gegönnt. Nun war er zurück in seinem Wohnzimmer, um die Daten weiter zu durchforsten und seine nächsten Schritte zu planen. Er klickte sich durch verschiedene Dokumente und Präsentationen. Bei den meisten handelte es sich um wissenschaftliche Abhandlungen aus verschiedenen Bereichen der Physik. Eric hatte schon immer ein gutes technisches Gespür und eine schnelle Auffassungsgabe bewiesen, daher schlug er sich überraschend gut bei dem Versuch, das, was er sah, in groben Zügen zu verstehen und einzuordnen. Das Project Planck
