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Adam, ein erfolgreicher Anwalt, beginnt, sein Leben zu hinterfragen. Weder seine Arbeit noch die langjährige Beziehung mit Natalie können die Leere, die sich in ihm ausbreitet und ihn zu verschlingen droht, aufhalten. Er nimmt ein Sabbatical und zieht in eine Blockhütte am Ufer der Donau, um sich über sich selbst und seine Zukunft Klarheit zu verschaffen. Natalie missbilligt seine Entscheidung und verlangt ihrerseits eine Auszeit in der Beziehung. Am Fluss macht Adam Bekanntschaft mit Lola, einer eigenwilligen jungen Frau, die nach ihren eigenen Regeln lebt. Es entspinnt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, so unterschiedlich die beiden auch sind. Adam, der bisher all seine Ziele erreicht hatte, entglitt der rote Faden in seinem Leben. Lola hingegen, die nach einem brutalen Überfall vor Jahren ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, monatelang im Koma lag und alles verloren hatte, gelang es, ihren eigenen Weg zu finden. Inspiriert von der Landschaft der Donau-Auen, beginnt Adam, sich wieder mit seiner früheren Leidenschaft, der Bildhauerei, zu befassen. Lola erzählt ihm vom alten Fischer und den Flussgeistern, von denen der alte Mann immer sprach. Flussgeister ist die Geschichte von zwei Außenseitern, deren zufällige Freundschaft einen Wendepunkt bringt, der sie einen Plan für ihre Zukunft finden lässt.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Impressum
Autorin und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
1
2
3
4
5
Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung der Stadt Wien.
© 2023, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Christie Jagenteufel
Umschla: Jürgen Schütz
Umschlagbild: © i-stock
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-99120-032-1
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag
ISBN: 978-3-99120-028-4
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Patricia Brooks
geboren 1957 in Wien, schreibt Romane, Lyrik, Hörspiele und Radiostücke. Sie ist Vorstandsmitglied der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung und künstlerische Leiterin des interdisziplinären Performance-Projekts Radio rosa, von dem bis heute 16 Folgen realisiert wurden. 1997 erhielt Patricia Brooks den Theodor-Körner-Förderpreis, 2000 das Hans-Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich.
Flussgeister ist ihr erster Roman bei Septime.
Klappentext:
Adam, ein erfolgreicher Anwalt, beginnt, sein Leben zu hinterfragen. Weder seine Arbeit noch die langjährige Beziehung mit Natalie können die Leere, die sich in ihm ausbreitet und ihn zu verschlingen droht, aufhalten. Er nimmt ein Sabbatical und zieht in eine Blockhütte am Ufer der Donau, um sich über sich selbst und seine Zukunft Klarheit zu verschaffen. Natalie missbilligt seine Entscheidung und verlangt ihrerseits eine Auszeit in der Beziehung. Am Fluss macht Adam Bekanntschaft mit Lola, einer eigenwilligen jungen Frau, die nach ihren eigenen Regeln lebt. Es entspinnt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, so unterschiedlich die beiden auch sind. Adam, der bisher all seine Ziele erreicht hatte, entglitt der rote Faden in seinem Leben. Lola hingegen, die nach einem brutalen Überfall vor Jahren ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, monatelang im Koma lag und alles verloren hatte, gelang es, ihren eigenen Weg zu finden.
Inspiriert von der Landschaft der Donau-Auen, beginnt Adam, sich wieder mit seiner früheren Leidenschaft, der Bildhauerei, zu befassen. Lola erzählt ihm vom alten Fischer und den Flussgeistern, von denen der alte Mann immer sprach.
Flussgeister ist die Geschichte von zwei Außenseitern, deren zufällige Freundschaft einen Wendepunkt bringt, der sie einen Plan für ihre Zukunft finden lässt.
Patricia Brooks
Flussgeister
Roman | Septime Verlag
1
Als Adam an diesem Morgen in seiner Hütte an der Donau erwacht und der milde Geruch nach Algen und Moos durch das offene Fenster strömt, empfindet er das glückliche Gefühl, mit der Welt eins zu sein. Er schlägt die Decke zurück, steigt aus dem Bett und streckt sich wohlig und zufrieden mit diesem Morgen. Seit er hier unten am Fluss lebt, haben die Dinge in seinem Leben eine andere Bedeutung erhalten. Die Schönheit des Sommers ist ihm aufgegangen wie ein verlorenes Versprechen. Adam schlingt ein Handtuch um die nackten Hüften und geht hinunter zum Fluss. Am Ufer legt er es auf einen Stein und steigt in das kühle Wasser, das in der Morgensonne glitzert. An dieser Stelle gibt es keine gefährlichen Strudel, die ihre Arme nach ihm ausstrecken und ihn in die Tiefe ziehen könnten. Mit kräftigen Zügen schwimmt er hinaus, hält sich schräg gegen die Strömung, dreht sich dann auf den Rücken und lässt sich treiben, hinein in den Tag, der noch frisch und unverbraucht vor ihm liegt. Zurück in der Hütte, kleidet er sich an und verzichtet darauf, sich zu rasieren. Eine von vielen kleinen Eitelkeiten, die ihm abhandengekommen ist.
2
Es ist schwierig auszumachen, wann es begann. Er erinnert sich an eine innere Unruhe, ein Gefühl, das er nicht näher benennen konnte, es hatte noch keine Konturen, keine Eigenschaften, außer, dass es hin und wieder auftauchte und ein leises Unbehagen verursachte. Blass und flüchtig. Ein Aufblitzen wie ein fernes Wetterleuchten. Wenn er darüber nachdenkt, wann es ihm das erste Mal richtig zu Bewusstsein kam, dass etwas nicht stimmte, fällt ihm jener Abend vor eineinhalb Jahren ein. Natalie und er waren mit Bekannten zum Essen in einem neu eröffneten Restaurant verabredet. Er verspätete sich um eine Dreiviertelstunde, der Tag im Büro war eine Katastrophe gewesen, eine Besprechung nach der anderen, ein Klient, der Adam nach Strich und Faden belogen hatte, ein Kollege aus einer anderen Kanzlei, der hinter seinem Rücken intrigierte, ein Tag, an dem er sich fragte, warum er sich das alles antat. Die Runde war bereits beim zweiten Glas Wein und verkostete gemeinsam einen Vorspeisenteller. Adam entschuldigte sich für die Verspätung und bestellte ein großes Bier. Während sich die anderen über das Essen unterhielten, sah er sich im Lokal um, betrachtete die nackten Wände, die schwarze Kreidetafel, auf der die Speisen des Tages geschrieben standen, die an der Decke offen verlegten silberfarbenen Abzugsrohre, die langgestreckte Bar, an der junge, gut gekleidete Leute lachten und tranken, und fühlte mit einem Mal nichts, nur eine bodenlose Erschöpfung. Es kam ihm vor, er wäre schon tausende Male an ähnlichen Orten gewesen, habe alles schon tausende Male gesehen und gehört. Er verspürte keinen Appetit, keine Lust, sich zu unterhalten, fühlte sich fehl am Platz. Da war auf einmal so eine Leere, ein weites graues Feld, ein dunkles Loch, ein stummes Nichts, das sich in ihm ausbreitete.
Am Heimweg fragte Natalie, was denn mit ihm los gewesen sei, er habe sich eigenartig abwesend verhalten. Er wisse es selbst nicht, erwiderte er. Eine Antwort, die er in den kommenden Monaten noch oft auf ihre Fragen geben würde. Natalie sah ihn verständnislos an. Er habe einen anstrengenden Tag hinter sich, fügte er hinzu, und sei nicht in Stimmung für Gesellschaft gewesen. Sie schüttelte den Kopf und schrieb seinen Missmut einer Laune zu, die wieder vergehen würde. Aber von jenem Abend an beschlichen ihn immer häufiger quälende Zweifel, und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Sein Leben schien aus vorgefertigten Formen, Mustern und Wiederholungen zu bestehen. Die Arbeit als Anwalt, die Freizeit mit Freunden, das gute Essen, der Wein, selbst der Sex mit Natalie halfen nicht, das Gefühl der Entfremdung, das sich in ihm breitmachte, zu zerstreuen. Die Gegenwart erschien ihm wie ein blinder Fleck, der sich zwischen Vergangenem und Zukünftigem auflöste. Natalie und er hatten ein gutes Leben. Er versuchte daran festzuhalten, und doch konnte er nichts anderes tun als zuzusehen, wie es ihm Stück für Stück entglitt. Die verlässliche Konstruktion seines Lebens fiel auseinander und es gelang ihm nicht, diesen Zerfall aufzuhalten. Er stand unter Strom und fühlte sich gleichzeitig wie in Watte gepackt, hatte Magenschmerzen und schlief schlecht.
Er fragte Natalie, ob sie das Leben, das sie führten, manchmal hinterfrage, oder ob es sich für sie so gestalte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Überrascht erwiderte sie, sie verstehe nicht, wovon er rede, sie sei zufrieden mit ihrem Leben. So, wie es gewesen sei, bevor Adam ihr diese Frage stellte. Sie schlug vor, dass sie beide einmal länger Urlaub machen, eine weite Reise unternehmen sollten, nach Indien zum Beispiel, da wolle sie so gerne einmal hin. Das wäre eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, eine neue Kultur, eine neue Welt kennenzulernen, und Abstand zu gewinnen. Adam winkte ab, sagte, das wäre der falsche Zeitpunkt. Ende Oktober fuhr Natalie übers Wochenende zu Freunden aufs Land. Sie sagte, sie brauche frische Luft und Ablenkung, seine Krise mache sie wahnsinnig. Adam kam Freitagabend spät vom Büro nach Hause, aß den Kebab, den er sich unterwegs gekauft hatte, und sah sich im Fernsehen einen Krimi an. Als er um halb zwei zu Bett ging, konnte er wie so oft in den letzten Monaten nicht einschlafen. Er lag mit geschlossenen Augen im Dunklen, versuchte an nichts zu denken und ruhig zu atmen. Aber sein Körper fand keine bequeme Position, jede Lage, die er einnahm, war ihm bald unerträglich und die Gedanken schossen in seinem Kopf ziellos herum wie Kugeln in einem Flipperautomaten. Er dachte an Julian, seinen Sohn, und die vergiftete Stille, die sich seit ihrer letzten Auseinandersetzung zwischen ihnen breitgemacht hatte. Er dachte an Natalie, die verzweifelt versuchte zu verstehen, weshalb er sich so quälte, und er hatte keine Antwort für sie, nur ein schales schlechtes Gewissen. Er dachte an die Arbeit, die Klienten, die Termine, den Beruf, den er gerne ausgeübt hatte, der ihm Selbstbestätigung gewesen war und ihn jetzt vor der Leere in ihm drinnen nicht retten konnte. Er hatte so viel erreicht und es machte ihn nicht glücklich. Er war siebenundvierzig und hatte keine genaue Vorstellung mehr, wer er war und was er wollte. Um halb fünf gab er auf. Er fühlte sich elend, die linke Schulter schmerzte, das Herz raste, und gleichzeitig hing ihm eine bleierne Müdigkeit in den Knochen. Adam langte nach dem Handy auf dem Nachttisch, scrollte durch die Tagesnachrichten, aber es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Also stand er auf, ging in der Wohnung auf und ab, holte sich ein Glas Orangensaft, schaltete das Radio ein und wieder aus, weil die Musik ihn nervös machte, nahm das Handy erneut in die Hand, um Natalie anzurufen, und legte es wieder weg, weil es eigentlich keinen Grund für einen Anruf gab. Zu Mittag hielt er es zu Hause nicht mehr aus. Er stieg ins Auto und fuhr los, ohne bestimmtes Ziel. Die Stadt war grau, in regnerisches Herbstwetter gepackt, und ein kühler Wind aus dem Osten trieb dunkle Regenwolken vor sich her. Die Scheibenwischer quietschten in einem zirpenden Takt und zogen Schlieren über die Windschutzscheibe. Ein Straßenschild an einer Kreuzung brachte ihn auf die Idee, ein Stück aus der Stadt hinaus zu fahren. Er war schon lange nicht mehr in der Au gewesen. Auf dem Parkplatz einer aufgelassenen Gastwirtschaft ließ er das Auto stehen, stülpte sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf, um sich vor Wind und Regen zu schützen, und zog los. In diesem Abschnitt, nicht weit von der Stadt entfernt, war die Au wild und weitgehend unberührt, ein herbstlich grün und gelb gesprenkelter Urwald aus Pappeln, Weiden, Lianen und einem Dickicht von Sträuchern, durch den sich vereinzelt schmale Forstwege schlängelten. Es roch nach feuchter Erde, nassen Blättern und süßlichem Holz, nach Moder vermischt mit einem scharfen, tierischen Geruch. Der Regen hing wie eine Wand über dem Fluss. Adam war durchnässt bis auf die Haut, aber er ging weiter, bis die Müdigkeit und die Kälte zu schmerzen begannen. Als er beschloss, umzukehren und nach Hause zu fahren, entdeckte er am Rande einer Gartenhaussiedlung, die im Winterschlaf lag, ein wenig abseits hinter Weiden und einem Gestrüpp aus Brombeersträuchern eine kleine Holzblockhütte. Sie hatte ein flaches Giebeldach und stand auf vier Pfeilern, ein Weg führte zu einem schmalen Band feinkörnigen Sandstrands. Über eine verwitterte vierstufige Holztreppe gelangte man zur Eingangstür, die Glasscheibe im Fenster daneben war gesprungen, dahinter steckte ein Schild: »Zu verkaufen« und darunter stand mit dickem Filzstift eine Mobiltelefonnummer geschrieben. Die Hütte war unscheinbar und ein wenig verfallen, und doch hatte sie etwas, das Adam anrührte. Er zog das Handy aus der Tasche und fotografierte das Schild. Sobald er in seinem Auto im Trockenen saß, rief er die Nummer an. Ein junger Mann meldete sich, sagte, er habe die Fischerhütte von einem Großonkel geerbt und keine Verwendung dafür, weil er nach Deutschland ziehen werde. Er bot Adam an, sie zu besichtigen, wann immer er wolle. »Wie viel verlangen Sie?«, fragte er. Der junge Mann räusperte sich und nannte beherzt einen Preis, den er selbst offenbar für hoch angesetzt hielt, und mit einem Mal hatte Adam das Gefühl, er habe es, ohne sich dessen bewusst zu sein, bereits davor entschieden. »Gut«, sagte er, »abgemacht.«
Natalie fand die Idee völlig absurd. Eine Fischerhütte an der Donau. Was er sich dabei gedacht habe, wozu um alles in der Welt sie eine Fischerhütte bräuchten, fragte sie. Es sei ein schöner Platz, sagte er, direkt am Ufer des Flusses. Und was er dort tun wolle, fragte sie weiter. Auch das wisse er nicht genau, erwiderte er, vielleicht darin wohnen. In dem Augenblick, da er das sagte, fand er es selbst abwegig. Sie verstehe ihn nicht mehr, platzte es aus Natalie heraus, sie verstehe nur, dass er sich in einer ausgewachsenen Krise befinde. Eine Therapie würde vielleicht helfen. Nein, sagte Adam, das brauche er nicht. Er könne es ihr nicht erklären, aber er habe das Gefühl, diese Hütte wäre ein Richtungsweiser, der ihn auf den Weg zu sich selbst zurückführen würde. Er legte seine Arme um Natalie und zog sie an sich. Es tue ihm leid, murmelte er in ihr Haar, er wolle sie glücklich sehen, aber es falle ihm im Augenblick schwer, seinen Teil dazu beizutragen. Sie solle ihm Zeit geben.
Der Kauf war rasch abgewickelt, schon eine Woche später hatte Adam die Schlüssel in der Hand und konnte an den Wochenenden mit der Renovierung beginnen. Die zwei mittleren Stufen der Treppe, die zum Stelzenhaus hinaufführten, mussten ausgebessert werden, die eingeschlagene Fensterscheibe ausgetauscht, der Anstrich der Fassade erneuert und das Dach ausgebessert werden. Er fand in der Hütte Werkzeug, Spaten, Sägen, Bohrer, Hammer und Zangen in verschiedenen Größen, eine Schleifmaschine besaß er selbst und den Rest besorgte er sich im Baumarkt. An Samstagen und Sonntagen fuhr er nun zeitig am Vormittag zum Fluss; das Novemberwetter in diesem Jahr kam ihm dabei entgegen, es war kühl, aber trocken und die Sonne schien. Adam begann mit dem Dach, zog die von der Witterung zersetzte Teerpappe ab, tauschte die morschen Holzlatten und dichtete das Dach mit frischer Pappe ab. Die handwerkliche Arbeit erinnerte ihn an früher, als er mit seinem Großvater in den Sommerferien am Hof mitgearbeitet hatte. Es hatte dort immer etwas zu reparieren gegeben. Einmal klemmte die Stalltür, ein anderes Mal brachen Latten aus dem Zaun, und das alte Moped des Großvaters streikte regelmäßig. Adam erinnert sich an die Geduld, mit der der Großvater seine Arbeiten verrichtet hatte, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt zu tun, als eine Tür wieder zum Schwingen zu bringen, eine Lücke zu flicken oder einen Vergaser zu putzen.
Adam arbeitete mit nur wenigen kurzen Pausen, um das Tageslicht zu nutzen, denn es wurde schon früh dunkel, dann kehrte er in die Stadt zurück. Er verbrachte den Samstagabend mit Natalie, manchmal zu zweit zu Hause, manchmal gingen sie aus. Am Sonntagmorgen fuhr er wieder an den Fluss. Die Wochenenden bekamen eine neue Struktur, und Natalie nahm es hin, als einen weiteren Teil ihres gemeinsamen Lebens, das sich änderte. Sie selbst arbeitete an einem neuen Filmprojekt und hatte lange Drehtage, oft bis spät in die Nacht hinein. Es war ein Kostümfilm und Natalie hatte neben den Schauspielern auch siebzig Statisten einzukleiden. In diesem Spätherbst sahen sie einander nicht oft. Anfang Dezember legte sich der Hochnebel wie ein Teppich über die Flusslandschaft. Grau und diesig war das Licht, in dem unsichtbare Wassertropfen schwebten und das Atmen erschwerten. Adam spürte die Feuchtigkeit in seiner Kleidung, seinem Haar, selbst in seinem Mund. Sie schmeckte wie Schnee. Er musste nun öfter Pause machen, weil ihm kalt war und die Finger steif wurden und schmerzten, sodass er Mühe hatte, das Werkzeug zu halten. In der Hütte gab es einen Wohnraum mit Kochgelegenheit und Spüle, einen kleinen Schlafraum und ein winziges Badezimmer mit Dusche und Waschbecken. Adam wärmte sich zwischendurch auf und legte seine Hände an den schmalen Heizkörper. Sobald er sie wieder spürte, stellte er Wasser auf und machte sich einen Tee. Er hatte aufgeräumt und die Möbel des alten Fischers vorerst stehen gelassen; den Tisch und die Sessel würde er später vielleicht sogar behalten. Adam stellte sich vor, wie der alte Mann hier gelebt hatte, wie er morgens die Sonne über dem Fluss hatte aufgehen sehen, wie er zum Fischen gegangen war. Aber was hatte er sonst getan? Wie hatte er den Rest seiner Zeit verbracht? Es gab ein Radio mit Batterien und ein altes Fernsehgerät, das kein Bild, sondern nur noch ein rieselndes Flimmern zustande brachte. Wahrscheinlich, so dachte Adam, waren die Tage des alten Fischers vergangen wie die von Adams Großvater, in einem anderen Tempo der Zeit.
Weihnachten kam und Natalie hatte Drehpause bis zum Dreikönigstag. Auch Adam hatte sich über die Weihnachtstage freigenommen. Natalie plante, wie jedes Jahr, den 24. mit Adam zu Hause zu verbringen und am 25. ihre Eltern zu besuchen. Solange Adams Mutter gelebt hatte, war er an diesem Tag immer zu ihr gefahren, um mittags mit ihr zu kochen und zu essen. Als er das letzte Mal vor vier Jahren zu Weihnachten dort gewesen war, hatten sie beide gewusst, dass der Krebs bereits ihren ganzen Körper befallen hatte und es kein weiteres gemeinsames Weihnachten geben würde. Sie hatten die Weihnachtsente deshalb mit besonderer Liebe und Sorgfalt gebraten, auch wenn seine Mutter nicht mehr als ein paar Bissen davon verzehrte. Sie wolle nicht vom Sterben reden, hatte seine Mutter gesagt, nicht zu Weihnachten, aber sie habe viel nachgedacht in den letzten Wochen, seit der Verlauf der Krankheit endgültig entschieden war, sie sei dankbar für ihr Leben. Das Einzige, das ihr leidtue, seien die Versäumnisse, jene Dinge, die sie nicht gemacht, verschoben und aus den Augen verloren hatte. Welche das denn gewesen seien, hatte Adam gefragt, doch sie hatte abgewunken. Es lohne sich nicht mehr, darüber zu reden, weil es keine Bedeutung mehr habe. Wenig später, als sie bereits im Sterben gelegen war, hatte sie gesagt, es wären nicht die großen Dinge gewesen, die sie bereue, nicht getan zu haben, eher die kleinen. Spanisch zu lernen, Schottland zu bereisen, die Ordination neu einzurichten, nichts wirklich Wichtiges, und doch empfinde sie dieses Nicht-Getan-Haben als einen Verlust. Natalie schlug Adam vor, nach dem Besuch bei ihren Eltern zu verreisen, die Dreharbeiten seien anstrengend gewesen, sie brauche Erholung, wolle aus der Stadt hinaus, irgendwohin in die Berge zum Schifahren oder Schneewandern. Sie könnten Silvester dort verbringen, wie früher, nur sie beide. Adam sagte, ja, das wäre schön.
Am 24. zu Mittag besuchte er Julian und Karin, er brachte dem Jungen sein Geschenk, einen Rucksack aus recyceltem Kunststoff. Karin hatte Adam den Tipp gegeben. Julian hatte sich von dem Unfall, als er bekifft und betrunken auf einer Party von einem Balkon gefallen oder gesprungen war, gut erholt, die Brüche am Oberschenkel waren verheilt, nur das Bein war immer noch eine Spur dünner als das andere. Adam war froh, dass nichts Schlimmeres passiert war, dennoch hatte er sich über die Leichtfertigkeit seines Sohnes geärgert. Julian bedankte sich für das Geschenk, ohne es ausgepackt zu haben, legte es beiseite und fragte, ob es noch etwas zu besprechen gäbe, er würde sich jetzt nämlich gerne auf sein Zimmer begeben. Adam ließ ihn gehen. Karin sagte, es tue ihr leid, aber Adam solle sich nichts daraus machen, der Junge wäre ein bisschen schwierig zurzeit, er sei nervös wegen der Matura im kommenden Jahr. Adam bewunderte Karin, die sich von den rebellischen Launen ihres Sohnes nicht entmutigen ließ. Sie machte es gut mit dem Jungen, viel besser als er. Es tat ihm leid, dass diese Familienkonstellation unter keinem guten Stern gestanden war. Karin wurde ein Jahr nachdem Adam und sie einander kennengelernt hatten schwanger. Ihre Beziehung hatte sich ergeben, es war nichts Ernstes, anfangs waren sie ein wenig verliebt, dann war es zu einer angenehmen Gewohnheit geworden. Adam dachte nicht viel darüber nach, seine Karriere lief damals gerade sehr gut an, er war ehrgeizig und widmete sich vollends der Arbeit. Sie hatten getrennte Wohnungen und machten keine Pläne für die Zukunft. Die Elternschaft traf sie unvorbereitet, sie kam ihnen vor wie ein Projekt, das ihnen zugeteilt worden war, obwohl sie sich nicht darum beworben hatten. Aber sie kamen überein, das Beste daraus zu machen. An einem kalten Jännertag kam Julian zur Welt, eine Woche zu früh, während Adam in London auf Geschäftsreise war. Als Adam zwei Tage später zurückkehrte, fand er nicht nur seinen neugeborenen Sohn vor, sondern eine Frau, die wie durch einen Zauberstab berührt, verändert war, als hätte die Geburt ihres Sohnes etwas in ihrem Wesen aufgebrochen, durcheinandergewirbelt und neu zusammengesetzt. In der ersten Zeit fiel es ihm nur an Kleinigkeiten auf. Karin schob ihn sanft weg, wenn er sie umarmte, drehte den Kopf zur Seite, wenn er sie küssen wollte und hörte ihm mit unterschwellig brodelnder Ungeduld zu, wenn er ihr etwas erzählte. Sie sagte, es läge nicht an ihm, sondern daran, dass das Kind den ganzen Tag lang an ihrem Körper hing, beim Füttern, beim Tragen. Diese körperliche Nähe und emotionale Bedürftigkeit eines anderen Menschen bedränge sie und lauge sie aus. Sie sehne sich danach, für sich allein zu sein. Adam schlug vor, ein Au-pair-Mädchen einzustellen, und nach acht Monaten fing Karin wieder an zu arbeiten. Sie ließ es zu, dass er ab und zu mit ihr schlief, aber Adam wollte nichts, was sie ihm nicht gerne gab, und so hörten sie auf, miteinander Sex zu haben. Karin verhielt sich ihm gegenüber nun viel gelöster, da sie nicht mehr befürchtete, jede körperliche Annäherung könnte in einer sexuellen Absicht geschehen. Ihre Beziehung wurde zu einer Freundschaft, und Adam begann sich mit anderen Frauen zu treffen. Als Karin dahinterkam, wollte sie das nicht akzeptieren und verlangte, dass er damit aufhöre oder aus der gemeinsamen Wohnung ausziehe. Da war Julian gerade achtzehn Monate alt. Adam nahm sich vor, dem Jungen trotzdem ein guter Vater zu sein. Aber das war offenbar misslungen.
Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester verbrachten Adam und Natalie am Wolfgangsee, gingen Schifahren und begossen dann den Jahreswechsel mit einer Flasche Champagner auf dem Balkon des Hotelzimmers, das Natalie mit viel Glück so kurzfristig noch gebucht hatte. Arm in Arm betrachteten sie das Feuerwerk, das sich in einem Sternenregen über dem Himmel ergoss. Sie sprachen nicht über Adams Hütte und nicht darüber, wie sich ihr Leben in den letzten Monaten verändert hatte. Sie zählten die Silvesterabende, die sie schon gemeinsam verbracht hatten, und versuchten sich zu erinnern, wie und wo sie sie gefeiert hatten. Um zwei Uhr früh gingen sie zu Bett, Natalie schmiegte sich an ihn und begann seinen Schwanz zu streicheln, aber er wurde nicht hart. Sie tat so, als mache es ihr nichts aus, und vielleicht war das auch so. Doch Adam lag lange wach und fühlte, wie die Erschöpfung in eine verzweifelte Hoffnungslosigkeit glitt, die ihn erschreckte. Am Morgen des Neujahrstages sagte Adam beim Frühstück, dass er den Entschluss gefasst habe, ein Jahr Auszeit von der Arbeit zu nehmen und in die Hütte zu ziehen. Natalie legte erschrocken das Buttermesser auf den Teller zurück und fragte, ob er den Verstand verloren habe. Sie sprach auf der Heimfahrt nach Wien kein Wort mit ihm und er versuchte nicht, sich zu rechtfertigen, er wusste ohnehin, er konnte es nicht erklären. Die Tage zwischen Neujahr und Dreikönigstag nutzte Adam, um an der Hütte weiterzuarbeiten. Er besserte die kaputten Stufen aus, fixierte das wackelige Geländer und begann, die Fensterrahmen abzuschleifen und zu verkitten. Dann kam der Schnee und mit ihm die Kälte aus dem Osten. Tagelang fielen die Schneeflocken in einem sanften, monotonen Rhythmus vom Himmel und überzogen die Au mit einer weißen Decke, die mit dem Grau der Wolken und des Flusses verschmolz, dessen Oberfläche eine Milchhaut aus Eis zu bilden begann. Eine knisternde Stille breitete sich darüber aus, durchbrochen nur von den Schreien der Krähen, die dunkle Flugmuster über den Himmel zogen. Genügsamkeit lag über der Landschaft. Zum ersten Mal seit Monaten war er zufrieden. Hier am Fluss, an diesen Wintertagen, begriff er, dass er die Einsamkeit brauchte, um sich selbst wiederzufinden.
Nach dem Weihnachtsurlaub gab Adam in der Kanzlei bekannt, dass er sich entschieden habe, ein Sabbatical für ein oder auch zwei Jahre zu nehmen. Er brauche eine Auszeit. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte er als junger Anwalt in dieser Kanzlei für Wirtschaftsangelegenheiten begonnen, die zu jener Zeit seinem damaligen Chef und dessen Bruder gehörte. Adam arbeitete sich ein in Liegenschaftsverträge, Firmengründungen, Kaufverträge, Transportrecht, Speditionswesen und Versicherungsangelegenheiten. Aufgrund der guten Auftragslage wuchs die Kanzlei, und Adam konnte seinen alten Schul- und Studienfreund Hannes für ihr Team gewinnen. Ihr Chef bot ihnen an, sich in die Kanzlei einzukaufen. Als er in Pension ging, blieb er stiller Teilhaber und Adam und Hannes übernahmen die Kanzlei. Adam hatte sich darauf eingestellt, dass Hannes versuchen würde, ihm das Sabbatical auszureden. Es gab viel Arbeit und es würde nicht einfach sein, all die Projekte, die anstanden, ohne ihn zu bewältigen. Aber zu Adams Überraschung sagte Hannes, er habe gemerkt, dass Adam in den letzten Monaten zwar mit dem Kopf, aber nicht mit dem Herzen und mit der Leidenschaft von früher bei der Sache war, er solle sich diese Auszeit nehmen. In den nächsten zweieinhalb Monaten arrangierte Adam die Übergabe seiner Fälle und arbeitete dabei bis zum Umfallen, oft bis spät in die Nacht hinein. An den Wochenenden entrümpelte er die Hütte, schrubbte den Boden, kaufte ein neues Bett sowie neues Geschirr und Besteck. Natalie weigerte sich entschieden, ihn an den Fluss zu begleiten, sie tat, als existiere die Hütte bloß in einer Fantasie, die nicht die ihre war, und je weniger sie darüber sprach, umso blasser und nebelhafter blieb sie. Wenn sie es schon nicht verhindern konnte, dass Adam in die Hütte zog, wollte sie es bis dahin wenigstens ignorieren. Ende März war es so weit. Adam verließ die Kanzlei nach einem letzten Umtrunk, den die Mitarbeiter für ihn organisiert hatten, packte zu Hause seine Sachen und zog an den Fluss.
In den ersten Tagen und Wochen besorgte er das Sofa, das ihm noch fehlte, den Tisch und die Sessel hatte er letztendlich doch behalten, den Schrank in der Küche unter der Spüle mit den gesprungenen Regalbrettern ersetzte er durch einen neuen. Noch fühlte er sich hier nicht heimisch, anders als in der Zeit des Renovierens, wenn er nur für Stunden hierhergekommen war und die Hütte, die Au und der Fluss ihm bei jedem neuen Ankommen vertrauter geworden waren. Jetzt, da er den jahrzehntelang gewohnten Alltag verlassen hatte, war ihm, als bewege er sich in einem Film oder Traum, so wenig real erschien es ihm in dieser ersten Woche. Jedes Erwachen an diesem Ort war eine Überraschung. In den Nächten schlief Adam immer noch unstet, es war ein dünner Schlaf, dessen Haut leicht zerriss. Aber es machte ihm nichts mehr aus, seine Gedanken wanderten zum Fluss, er sah das beständige Fließen des Wassers vor sich, stellte sich vor, wie es sich über eine Strecke von fast dreitausend Kilometern durch zehn Länder ins Meer wälzte. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass kein anderer Fluss der Welt so viele Länder durchquert oder berührt wie die Donau. Er hörte den Wind und manchmal die Wellen ans Ufer laufen, roch den noch winterfeuchten erdigen Geruch der Au und spürte einen kecken Anflug von Glück. Es war schön hier, und das genügte. Er vermisste weder die Arbeit noch die Stadt noch die Treffen mit Freunden. Die Einzige, die er vermisste, war Natalie. Er schrieb ihr kurze Textnachrichten und telefonierte mit ihr. Aber es fehlte ihm, sie vor sich zu sehen, reden und lachen zu hören, die Nähe, die Gespräche und der Sex. Gleichzeitig wusste er, dass das alles nicht genug gewesen war, um ihn zu halten, als sein Leben von ihm wegzudriften begann. Adam glaubte fest daran, dass sich hier am Fluss alles zum Guten wenden würde.
