FlüsterLippen - Delia Ulrike Weber - E-Book

FlüsterLippen E-Book

Delia Ulrike Weber

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Beschreibung

Dies ist die Erinnerungsreise einer Frau ins vergessene Weibliche Wissen. Schamfrei und mutig zeigen die "FlüsterLippen" wie Spiritualität und Sexualität als Urkräfte des Lebens zutiefst verbunden sind. Erotik und Sinnlichkeit, Lust und Leidenschaft werden als Quelle zur Befreiung der heiligen weiblichen Macht entdeckt. Die Reise mit Annabelle entschleunigt uns in diesen bewegten Zeiten und führt zur QUELLE im eigenen Inneren. Die Reisenden werden ermutigt, hier die Wahrheit zu finden und lauschend dieser feinen Stimme zu folgen.

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2015

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In tiefer Dankbarkeit & Hingabe

zur liebenden

QUELLE

Mein von Herzen kommender Dank für die beharrliche und vielfältige Unterstützung im Werden und Gebären dieses Werkes gilt allen sichtbaren und unsichtbaren Wesen, die meinen Lebensweg umhüllend in Liebe und Licht begleiten. Insbesondere danke ich Harshini und Sonja Elina, meinen Freundinnen und Mitforscherinnen im WeiblichenWissen, Andree, meinem langjährigen Weggefährten sowie meinem Sohn Alexander für die reiche Erfahrungsreise.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

ANNABELLE

MARGARETA

IN DER HÖHLE

HAUS AM SEE

LI

Epilog

Glossar

VORWORT

Kennst Du das Gefühl in den Ohren, wenn Du mit dem Flugzeug in eine andere Höhe gelangst? Du musst die Veränderung in der Atmosphäre ausgleichen, Dich der neuen Ebene anpassen. Ähnlich könnte es Dir beim Lesen dieses Buches gehen.

Die „FlüsterLippen“ nehmen Dich mit auf eine außergewöhnliche Reise. Diese Reise außerhalb des Gewohnten gleicht einem Gemälde, das verschiedene Schichten in sich birgt. Je häufiger Du es betrachtest, desto mehr wirst Du entdecken! Es ist ein Abenteuer! Eine Reise in Neues Land – in DIR!

Je verspielter und neugieriger Du dich einlässt, desto müheloser gelangt das zu Dir, was in diesem Moment zu Dir sprechen möchte. Manchmal holen Dich die Lippen liebevoll ab, manchmal provozieren sie, manchmal trösten und umhüllen sie Dich. Immer halten sie Dir einen Spiegel des Ganzen vor. Schlage einfach eine Seite auf und höre, was zu Dir spricht. Oder stelle eine Frage und schau wie das „Flüstern“ Dir antworten. Manchmal entdeckst Du ein Wort, einen Satz, ein Bild und Du webst deinen eigenen Faden daran. Lass das tiefe Wissen aus Dir fließen, lass es sich mit Deinem Wissen des Ur-Weiblichen verbinden. Lese, spüre zwischen den Zeilen; das Verborgene will von Dir entdeckt werden. Mache Dir Notizen, benutze farbige Stifte, spiele mit den Bildern, den Worten, den Lippen: mache die „FlüsterLippen“ zu Deiner eigenen Reise. Du bist eingeladen, Deine eigenen Fragen zu stellen, Deine eigenen Erkenntnisprozesse zu begleiten, Dein ureigenes Potential frei zu legen.

Suchst Du nach den gewohnten Strukturen eines Romans – Du wirst vielleicht enttäuscht werden. Gelingt es Dir jedoch in den Fluss des Lesens zu steigen und Dich ihm anzuvertrauen, wirst Du reich beschenkt werden. Wage es! Du hast nichts zu verlieren – jedoch alles zu gewinnen! Garantieren kann ich Dir nichts – ich mache Dir jedoch Mut, Dir selber neu in diesem Lese-Erlebens-Prozess zu begegnen. Das Abenteuer mit Dir ist einzigartig – keine Kopie, nur Original: alles ursprünglich – DU! Lass es zu – und lass auch zu, dass Du an manchen Stellen in Widerstand gehen wirst – so wie es zu deiner Ausdrucksform jetzt passt!

Besonders empfehlenswert ist es, die „FlüsterLippen“ in einer Art von „Salamitechnik“ zu sich zu nehmen: je dünner die Scheibe, desto delikater der Genuss!

Lege die Lippen immer wieder zur Seite. Achte auf Dich! Mache Pausen: auch tage- oder wochenlang. Beginne einmal an einer anderen Stelle: mittendrin oder am Ende. Du kannst nichts `verpassen´ - höchstens das feine Stimmchen deiner Körperintelligenz, das Dir mitteilt: „Stopp, genug für heute!“ Wenn Du spürst: „Ich kann nicht mehr folgen“, werde leicht! Spring weiter, wähle ein anderes Eingangstor, bleibe beweglich! Spiele! Spiele mit dem Wissen des Buches! Spiele mit Deinem Eingewoben-Sein in das Buch! Leichtigkeit macht Dich geschmeidig… lässt Dich in Deiner Schönheit erstrahlen! Experimentiere damit, Dein passendes Reiseambiente zu gestalten: wähle eine spezielle Zeit, einen besonderen Raum: je bewusster Du eintauchst, desto tiefer gelangst Du ins Weibliche Wissen hinein.

Die „FlüsterLippen“ locken Dich immer wieder, noch weiter zu gehen: einen Sprung zu wagen, die Dimension zu wechseln, unbekanntes Land zu erforschen. Spüre, ob Du heute dazu bereit bist…

Begegnest du Textstellen, die Du nicht einordnen kannst… gehe weiter… umschiffe sie wie das Wasser einen Stein umspült. Markiere die Stelle… schlafe darüber… wende Dich zu einer anderen Zeit speziell nur diesem Ausschnitt zu und staune, was Du mit Dir selbst erlebst… Welche Parallelen gibt es dazu in Deinem Leben, jetzt auf Deiner Lebensbühne?

Entspanne Dich! Vertraue! Gib Dich dem Fluss des Geschehens hin. Vertraue, dass das JETZT immer perfekt ist: nicht unbedingt logisch, kontrollierbar und kuschelig, doch perfekt – so wie die Natur es nur sein kann.

Entdecke und begegne Deinem Widerstand. Gleichgültig ob er Dir als „Formfehler“ oder als „inhaltliche Irritation“ im Text begegnet. Es gibt keine „Glättungen“, damit du schneller lesen kannst oder irgendwohin gelangst (z.B. zum Ende des Buches oder zu einer bestimmten Lösung). Nein! Genau in diesen Momenten entschleunige, lies langsamer, lies diese Stelle nochmals, lausche nach innen.

Es geht nicht um perfekte Antworten. Gibt es die denn überhaupt? Vielmehr wollen Dich die passenden Fragen zur rechten Zeit finden. Das „Flüstern“ wird Dir mehr Fragen aufgeben als Antworten liefern. Es wird Dich als Suchende bzw. als Suchenden zurücklassen, hoffentlich inspiriert und bestärkt, Deiner ureigenen Kraft und Macht zu begegnen. Je weniger Du „tust“, desto einfacher enthüllt sich das Mysterium vor Dir. Warte – es kommt zu Dir. Werde still – so kannst Du seiner Stimme lauschen.

Versuchst Du „den roten Faden“ zu finden? Entspanne! Sobald Du glaubst: „Ich habe ihn!“, ist er schon ins große Gewebe entglitten. Der logische Verstand kann das, was hier geschieht nicht einordnen; die gewohnte, vermeintlich Sicherheit gebende Struktur „greift“ nicht. Die einzige Chance „hindurch-zu-gehen“ ist Hingabe, Empfänglichkeit und Präsenz: Qualitäten des Weiblichen Wissens in der Neuen Zeit. Diese empfangen Dich in den „FlüsterLippen“ und weisen Dir den Weg.

Blättere nicht zurück, um „den roten Faden“ zu finden – Du bist schon weiter gereist. Stehst du vor einem scheinbaren Schnitt, abrupten Ende oder einer Sackgasse: nimm Deine Gefühle wahr – doch lass Dich nicht wegreißen.

Beobachte: sowohl diese Lesereise wie auch Deine Lebensreise! Alles ist verbunden. Der Eintritt in das erweiterte Bewusstseinsfeld ist ein Abenteuer, ein Wagnis und es erfordert Mut, sich darauf einzulassen.

Manchmal fragst Du Dich: „Hört das denn nie auf? Wann ist endlich Schluss damit: mit Reinigung, Loslassen, Transformation?“ Und dann: so schnell, dass es Dich nahezu schockiert: das Ende in Sicht! Oh nein! Widerstand. Noch nicht… es soll weiter gehen… Nimm an was ist! Das Ende wie den damit verbundenen Neuanfang.

Du hast das nahende Ende angenommen, bist auf ein Chillout eingestimmt: abschließen, abrunden, langsam ausgleiten lassen. Doch dann ähnelt das vor Dir liegende Ende eher einem Entrée als einem geordneten und lösenden Finale.

Es wird unmissverständlich klar: jetzt erst beginnt die Reise Deine eigene.

Fühle die Spannung, die Neugier, die Erregung des Unbekannten…

All dem wirst Du begegnen:

Freude – Ekstase – Lust – Leidenschaft – Zärtlichkeit genauso wie Ungeduld – Strenge – Angst - Misstrauen – Neid – Verzweiflung

Beobachte!

Wohin führt es Dich?

Zu Dir?

Zu Dir!

Prolog

Ein Flüstern nur ...

der Atemhauch des scheuen Liebhabers

der den begehrten Nacken

der Angebeteten streift

Ein Flüstern schon …

berühren weiche Lippen samtige

Schultern

Sie dreht sich um

Jetzt vor ihm

So nah

Wirklich wahr?

Das Flüstern erwacht …

ANNABELLE

Annabelle spürte es genau: er hatte Verdacht geschöpft. Sie ging schneller, und je schneller sie ging, desto mehr ermahnte sie sich: konzentriere dich! Konzentriere dich, du brauchst deine ganze Präsenz, um die Verwandlung zu bewirken. Ihr Schritt beschleunigte sich, sie hörte ihn direkt hinter sich. Es ging um Sekunden. Hoffentlich erinnerte sie sich im entscheidenden Moment an die richtigen Worte. Plötzlich spürte sie Angst aufkommen. Ihre Konzentration ließ nach, sie taumelte kurz. Doch dann sah sie die graue Felswand. Mit einem tiefen Atemzug sammelte sich Annabelle. Jetzt stand sie vor dem Augenblick der Verwandlung. Hier war der Durchgang in die andere Welt. Hier war der Punkt im Erdinneren, wo der Wechsel von der einen in die andere Welt immer möglich war – für die Wissenden. Sie wusste, dass es ihr als Frau nicht erlaubt war, diesen magischen Ort zu betreten. Ausschließlich Männern war dieser Ort vorbehalten. Doch Annabelle hatte eine Vision, der sie seit ihrer Kindheit folgte. Die Bilder, Träume und Begebenheiten in ihrem Leben hatten sie jetzt zu diesem Ort geführt. Die magischen Worte zur Öffnung des Durchgangs hatte sie allerdings nur ein einziges Mal in ihrem Inneren gehört. Erinnerte sie sich jetzt daran, jetzt, in dieser Anspannung? Annabelle stellte sich vor die Wand, schloss die Augen und konzentrierte sich auf eine Öffnung in der Form eines Ovals. Es gelang ihr, tief und entspannt zu atmen und als sie die Augen öffnete, sah sie eine erhellte Vertiefung, in der ein metallischer Gegenstand ruhte. Die Schritte ihres Verfolgers hörte sie dicht hinter sich.

Tief atmend sank sie mit ihrer Aufmerksamkeit hinein in den Gegenstand. „Erhebe und bewege dich“, hörte sie die Worte aus ihrem Mund kommen. In diesem Augenblick schmolz das Metall in der oval förmigen Öffnung und hell strahlendes Licht zog ihren Körper in die Wand hinein. Fast gleichzeitig verschloss sich die Wand wieder und bildete eine ebenmäßige Fläche. Der Mann mit dem Säbel im Gewand eines Hohepriesters stand ratlos vor der grauen Felswand.

Gerettet, in Sicherheit, geschafft. Annabelle setzte sich auf einen bemoosten Stein am Rande des Weges. In Sicherheit? Wo war sie eigentlich? Was war geschehen? Während sich ihr Atem allmählich beruhigte, ließ sie noch einmal die Bilder der letzten Tage an sich vorbeiziehen.

Da war diese kesselartige Vertiefung im Steinbruch, viele Männer waren dort versammelt, sie standen im Kreis, alle trugen eigenartige weiße und schwarze Gewänder. Am Rande des Steinbruchs liegend, hatte Annabelle diese Szenerie eine Weile beobachtet. Sie spürte förmlich, dass sich hier etwas zusammenbraute. Ab und zu drangen Worte zu ihr nach oben: „Macht, Herrschaft, Veränderung, Matrix, Magnetismus.“

Was hatte das alles zu bedeuten? Was hatten diese Männer vor? Und warum waren es ausschließlich Männer?

Wo waren die Frauen?

War es so, wie ihre Großmama es ihr erzählt hatte, als sie ein Mädchen war? War es so, dass Frauen zu „Geheimen Künsten“ nur im Verborgenen Zugang fanden? Sie erinnerte sich an die Geschichte, die ihr die Großmama erzählt hatte, als Annabelle fünfzehn Jahre alt war. Ihre Großmama Anna, nach ihr und in Ehrung ihrer schon frühen Schönheit war Annabelle benannt, war eine weise Frau gewesen. Schon als Kind hatte sie, die Großmama, einen innigen Bezug zur Natur, erforschte Kräuter, Pflanzen und Pilze auf deren heilende und magische Kräfte.

Mit zunehmendem Alter hatte sie einen großen Erfahrungsschatz gesammelt und viele Menschen kamen zu ihr, um Rat und Hilfe zu erbitten. Nach und nach versammelte Anna Frauen um sich und feierte heilige Feste mit ihnen. Sie nannten dies die Jahreskreisfeste. Durch diese Rituale verbanden sich die Frauen mit der spezifischen Energie des Jahres und stärkten sich so. Anna war eine Art Priesterin und lud die Frauen zu weiteren Erfahrungsreisen ein. Mit Musik, Kräutern, Düften, mit speziellen Gebeten und Körperhaltungen gingen sie gemeinsam auf die Reise in andere Welten. Die Frauen erhielten Botschaften, die ihnen halfen in ihrem Leben mehr und mehr der Stimme ihres Herzens und dem Rhythmus ihrer Weiblichkeit zu folgen.

„Es war so, Annabelle“, erzählte die Großmutter. „Wir alle kamen mehr und mehr in unsere urweibliche Kraft – die Kraft der Göttin. Dies blieb in unserem Dorf natürlich nicht verborgen. Gerne wollten wir unser Wissen teilen und zur Freude und zur Genesung Aller einsetzen. Wir wurden immer stärker in unserer Begeisterung, sangen auf den Straßen, lachten miteinander, trafen uns einfach zum fröhlichen, ausgelassenen Tanzen und freuten uns über die neugierig gewordenen Menschen. Dann entwickelte sich wie von selbst die Idee, ein großes Dorffest zu feiern, wo wir unsere Tänze, unsere Lieder und unsere Spiele mit allen teilen wollten. Wir hatten viel Spaß bei der Vorbereitung und freuten uns schon darauf, wie es sein würde, wenn unser ganzes Dorf voller Freude, Lachen und Glück wäre. Das Fest nahte. Wir waren sehr aufgeregt. Wie viele würden kommen? Wie würden die Menschen unsere Art des Feierns auffassen? Ab und zu beschäftigten uns diese Fragen, aber sie hinderten uns nicht, weiterzumachen und in unserer Freude und Begeisterung zu bleiben. Dann war es soweit! Alle Frauen des Zirkels – so nannten wir uns – standen im Kreis auf dem großen Marktplatz. Gekleidet in weiße, rote und schwarze Gewänder, in die Farben der Göttin, bewegten wir uns summend im Kreis. Ich ergriff gerade das Wort: „Liebe Freundinnen und Freunde! Liebe Nachb....“

„HALT! STOPP! HALT!“ erklang eine aggressive Männerstimme. „Frauen ist es verboten, öffentlich zu wirken. Sofort auseinander. Sofort!“ Ein schwarz gekleideter Mann ritt auf unseren Kreis zu und drohend bewegte er einen langen Stock in seiner Hand. Ich war schockiert, sprachlos, konnte nichts tun, als mich vor diesem tobenden Reiter in Sicherheit zu bringen. Dann, oh Schreck, sah ich, dass hinter ihm noch mehr solch schwarz gekleidete Reiter auf uns zu-kamen. Wir liefen auseinander, und jede versuchte sich in Sicherheit zu bringen. Annabelle, ich stand unter einem Schock, ich fühlte mich wie gelähmt. Dieser Zustand hielt einige Tage sehr stark an. Es war ein Gefühl, als wäre mir das Blut in den Adern gefroren, als hätte mir jemand mit einem Messer die Kehle aufgeschnitten und mich zum Schweigen gebracht. Den anderen Frauen ging es ähnlich. Wir trafen uns zwar weiterhin zum Singen, doch die frühere Freude wollte nicht recht aufkommen. Was sollte das überhaupt heißen: Frauen dürfen öffentlich nicht wirken? Durften wir unser Wissen und Können nicht zeigen? Warum nicht? Wer wollte uns das verbieten? Und was uns noch mehr verwunderte, war, dass die Leute im Dorf immer mehr Abstand zu uns nahmen. Das fröhliche Begegnen wurde immer seltener, bis ich schließlich erleben musste, dass man mich ignorierte und schließlich sogar mied.

Die anderen Frauen des Zirkels machten ähnliche Erfahrungen. Wir hatten alle so gute Absichten und nun diese Bremse, ja dieses Verbot. Einmal wurde Martha sogar von einem unbekannten Mann bedroht. Sie solle sich vom Zirkel trennen, sonst könne er für ihre Sicherheit und die ihrer kleinen Tochter nicht garantieren.

Was war hier los?

Wir waren ratlos, traurig und niedergeschlagen. Angst schlich sich mehr und mehr ein und ein Gefühl unendlicher Ohnmacht ergriff Besitz von uns.“

Annabelle auf ihrem Stein sitzend, erinnerte sich noch genau daran, wie ihrer Großmama beim Erzählen die Tränen über die faltige Wange gelaufen waren.

„Wo waren die Frauen?“ fragte sich Annabelle erneut.

Wo nur?“ Annabelle spürte eine tiefe Traurigkeit in sich aufsteigen. Doch dieses Mal war es anders als früher. Sie nahm die Trauer über die unterdrückte Lebendigkeit, die ersterbende Begeisterung und den Verzicht auf die kraftvolle Verbindung im Kreise der Frauen wahr. Doch gleichzeitig mit diesen Gefühlen durchzog ein immer stärker werdendes Pulsieren ihren Körper. Annabelle war völlig irritiert. Was hatte das zu bedeuten? Es wurde immer intensiver. Plötzlich sah sie vor ihren geschlossenen Augen den metallischen Gegenstand aus dem Oval in der Felswand, durch das sie erst vor wenigen Minuten auf magische Weise hindurch geglitten war. Die Erinnerung an die Aufregungen der letzten Minuten stieg wieder in ihr empor. Doch ehe sie sich darauf näher konzentrieren konnte, verwandelte sich der Metallgegenstand vor ihrem inneren Auge - in eine Frau.

Noch hatte Annabelle gar nicht recht verstanden, was sich hier gerade ereignet hatte, da wurde sie sanft an ihrer Schulter berührt. Annabelle öffnete die Augen und sank hinein in unendliches Blau. Sie sank so tief in diesen blauen See, dass sie gar nicht bemerkte, dass die Frau bereits mit ihr sprach.

„... habe ich die starke Sogbewegung in meinem Körper gefühlt.“ beendete die Fremde gerade ihren Satz.

„Oh, wie bitte?“ erwiderte Annabelle rasch, „ich habe gar nicht zugehört.“ Die fremde Frau lächelte Annabelle liebevoll an und sagte: „Das ist schon alles in der rechten Ordnung.“ Dieser Satz war Annabelle sehr vertraut, ihre Großmama hatte ihn ganz oft zu ihr gesagt. Er war zu ihrem Lebensmotto auf dem Weg zur heranwachsenden Frau geworden.

„Alles ist so in Ordnung wie es gerade ist – und Veränderungen kann ich mich vertrauensvoll hingeben.“ Dies hatte sie schon sehr oft bei ihren Lebensentscheidungen und ungewöhnlichen Wegen gestärkt. Und hier nun auch: Alles ist in der rechten Ordnung.

„Ja, deine Großmutter war eine sehr weise und mutige Frau.“ Annabelle schluckte. Hatte die Fremde nun auch ihre Gedanken gelesen?

„Nun ja, so ist es eben hier, in der AndersWelt“, sagte die Frau mit den blauen Augen. „Weißt du, Annabelle, das ist ein völlig natürlicher Zustand. Die Energiefrequenz ist hier so hoch und fein schwingend, dass die Gedankenenergie ganz leicht zu lesen - oder besser gesagt - zu sehen ist. Das ist so natürlich wie zum Beispiel das Atmen in der Welt, aus der du gerade kommst. Und deshalb nimmt hier niemand wirklich Notiz von diesem Phänomen. Du wirst es selbst noch als einen natürlichen Zustand erleben.

„Ich“, zögerte Annabelle, „ich weiß gar nicht wirklich, wo ich bin. Ich bin einfach ...“

„Ja, ja“, sagte die Fremde mit ihrer warmen Stimme „Du bist deiner inneren Stimme gefolgt. So wie wir alle hier.“

„Alle? Wer ist denn noch hier? Wo bin ich? Was soll ich hier? Was machst du hier? Ich bin völlig verwirrt und sehr erschöpft.“ Annabelle stieß ihre Fragen atemlos heraus. Sie spürte jetzt auch neben der Verwirrung ihre Erschöpfung, ihre Ratlosigkeit und sogar einen Anflug von Angst vor dieser unbekannten Situation. Das war ihr schon ewig nicht mehr passiert. Plötzlich fühlte sie sich wie manches Mal als kleines Mädchen: einsam und verlassen. Doch die freundliche Geste der Frau mitzukommen, holte sie sehr schnell wieder zurück aus ihren Erinnerungen. Annabelle erhob sich von dem bemoosten Stein und folgte der Frau im roten Gewand, das mit weißen und schwarzen schlangen- ähnlichen Linien durchwoben war.

Töne – Klänge - fließende Schwingung - hin und her - von links nach rechts wechselnd die Töne - angenehm - beruhigend fließen die Töne in mich, umschmeicheln meine Ohren, bilden einen Klangteppich. Hier können sich andere Töne spielend bewegen. Sicherheit, Beständigkeit und Erdung als Untergrund, Hintergrund. Ein beständiges Fließen. Hier ist experimentieren möglich. Ah, ich wusste doch, dass ich die Musik kenne. Jetzt der schöne Rhythmus.

Gleichbleibendes tam – tam, tam – tam, tam – tam: Vielfalt in Gleichmäßigkeit, Bewegung wird spürbar in meinem linken Fuß. Trance, vertiefen. Der Wunsch, die Augen zu schließen und mich im Rhythmus bewegen. Hell und dunkel, alles gleichzeitig: lang gezogene Töne, pointierter Takt.

Was hat das mit Sinn zu tun? Was hat das mit Sinnlichkeit gemein? Und noch dazu mit Sinn und Sinnlichkeit?

Ja, so ist es: alles hat Sinn, Sinn in Vielfältigkeit.

Und was ist nun mit Sinnlichkeit? Spüren, empfinden, meinen Körper öffnen für die vielfältigen sinnlichen Genüsse der Musik. Töne schwingen in mein Herz, Rhythmus schwingt in meinem Bauch. Herz öffnet und weitet sich. Bauch wird lebendig, kribbelt. Herz und Bauch schwingen, schwingen und bringen sich in ihre ureigene Energie. Was verbindet sie? Was verbindet sie?

Die Töne kommen intensiv, intensiver, schneller, direkter, hämmern nahezu auf mich ein. Ich will mich zurückziehen, es wird mir zu viel! Was? Was? Was wird mir zu viel? Ich weiß es nicht! Wie kann ich diese Intensität ausdrücken? Wie nur? Schreien! Schreiend schreiben! Bewegen und bewegtes Schreiben! Schreibend etwas bewegen...

Allmählich wird die Musik ruhiger. Es wird ruhig, ruhiger in mir, still.

Stille.

„Was ist mit mir geschehen?“ fragte sich Annabelle, als sie sich innerlich aufgewühlt in einem Kuppelbau aus Glas wieder fand. „Wo ist die Frau mit den blauen Augen? Ich bin ihr doch vom Stein aus gefolgt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich hierher gekommen bin. Ich weiß noch, dass ich Klängen und einem betörenden Duft gefolgt bin, dabei muss ich die Frau wohl verloren haben. Mein Körper vibriert schon wieder so intensiv, dass ich gar nicht weiß, wohin mit dieser Energie. Etwas will aus mir heraus. Sich Ausdruck verschaffen. Ich muss mit jemandem reden. Ich muss irgendetwas tun. Kein Mensch, niemand ist hier, ich bin ganz unruhig. Was will hier aus mir heraus?“

Die Aufregung ebbte ab und Annabelle nahm die feineren Schichten ihres Erlebens wahr.

„Irgendwie fühlt es sich vertraut an. So, als ob ich diesen Zustand gut kenne. Energie, Freude will nach außen, und ich weiß nicht wie! Mein Gott, wieso ist hier denn keiner? Bin ich etwa gefangen? Hat man mich nur hierher gelockt, um mich zu beobachten? Oh, ich bin voller Misstrauen, ein dumpfes Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Wie eine zarte Decke legt sich die vertraute Betäubung um mich: macht mich ruhig, immer ruhiger, gefühllos, starr, tot.

Langsam beruhigt sich die Energie: die tote Stille, dieses Stillhalten kenne ich gut. Hier ist sicherer Boden, hier kenne ich mich gut aus, auf dem Parkett meines Misstrauens. Meine Unsicherheit und die aufkommenden diffusen Ängste, die die vibrierende, vitale Lebensenergie sofort ruhig stellen.“

„Das ist dir gut bekannt, nicht wahr, Annabelle?“ hörte sie die weiche Frauenstimme hinter sich.

„Wo warst du?“ erschrak sich Annabelle, eingetaucht in Verunsicherung und Angst.

„Ich wollte dich alleine den Genüssen der Töne überlassen. So kann deren volle Energie deine Zellen am einfachsten aufladen und in Schwingung bringen. Übrigens, ich heiße Ihlore“, antwortete die Frau und kam in einem mit goldenen Fäden durchwirkten Kleid auf Annabelle zu.

„Ihlore, ich hatte Angst, dass ich hier verloren und allein gelassen worden bin, und es ist mir nicht mehr gelungen, mich gegen diese immer stärker werdenden Gedankenkräfte zu wehren.“ „Und dieser Seinszustand hat dich an früher erinnert“, fuhr Ihlore fort.

„Stimmt. Aber ganz genau erinnere ich es nicht mehr. Es fühlte sich wie ein schleichendes Gift an, das mehr und mehr in meine Zellen eindringt.“

„Annabelle, du hast gerade noch einmal Kontakt zur uralten Wunde des Weiblichen bekommen. Es ist die Wunde der unterdrückten weiblichen Macht. Der Macht über Leben und Tod. Leben und Tod, Tod und Leben sind eins und wir Frauen haben einen natürlichen und unmittelbaren Zugang zu diesen Kräften, die alles bewegen. Wir sind mehrmals in der Geschichte daran gehindert worden, diese Macht zum Wohle aller Wesen einzusetzen. Macht wurde oft missbraucht. Frauen waren durch ihr Blut immer ein wenig „unfassbar“ und fremd. Leider konnten nur wenige Männer diese Macht der Frauen wirklich ehren. Viele werteten sie ab und hatten insgeheim Angst vor dem Fremden im Weib. Das Weibliche schien sich zu einfach mit der Natur und deren Rhythmen zu verbinden und so wurde mehr und mehr dafür gesorgt, dass Frauen ihre Macht nur noch im Geheimen – und vor allen Dingen – STILL lebten. Doch so wie du es eben in der Schwingung der Musik erlebt hast, Annabelle: Energie will sich bewegen, sich verströmen, sich mit anderen verbinden, sich anderen mitteilen.“

„Oh, ja, Ihlore! Das habe ich ganz intensiv erlebt. Es macht mich glücklich und traurig zugleich, was du über die Macht der Weiblichkeit sagst. Und ich erinnere mich wieder an meine Großmutter Anna, die mir ganz oft von den Festen, Ritualen und Zusammenkünften im Kreise der Frauen erzählt hat. Sie hat ganz leibhaftig erlebt, wie sie von der offenen Begeisterung immer mehr in den Rückzug, in die eigene Zurücknahme und das „auf-der-Hut-sein“ gedrängt wurde. Viele Frauen haben die Macht über sich und ihr Leben und erst recht die Macht über Leben und Tod abgegeben und tief in sich vergraben.“

Annabelles Augen wurden feucht und Ihlore blickte sehr ernst bei der Erinnerung an diese Entwicklung.

„Komm, Annabelle, ich zeige Dir etwas, das Du jetzt gut durchschauen kannst.“

Ihlore nahm Annabelles Hand, und die beiden Frauen verließen die Glaskuppel durch eine Öffnung, die in den Bauch der Erde führte. Es war dunkel, kühl und es roch nach Pilzen und Kräutern. Annabelle war dieser Geruch aus dem Kellergewölbe ihrer Großmama vertraut und sie fühlte sich sofort wohl. Schweigend gingen sie den langen Gang entlang, der nur von einigen Kerzen links und rechts erhellt wurde. Erst jetzt bemerkte Annabelle, dass sich das Gewand von Ihlore verändert hatte. Erdige Grün- und Brauntöne zeigten sich auf dem groben Stoff. Das Gewand hatte sich dem Ort unter der Erde angepasst. Und dann entdeckt sie es auch bei sich selbst. Sie trug ein Gewand, das dem von Ihlore sehr ähnlich war. Viel zu sehr mit den neuen Eindrücken beschäftigt, nahm sich Annabelle vor, Ihlore später nach dieser eigenartigen Verwandlung der Gewänder zu befragen.

„Ich kann dir deine Frage auch sofort beantworten, wenn du es wünscht, Annabelle“, antwortete Ihlore ungefragt. „Doch ich bin mir ganz sicher, dass sich dir die Antwort zum geheimnisvollen Wandel der Gewänder ganz natürlich erschließt.“ Annabelle war wieder einmal höchst erstaunt über die feine Kommunikation in dieser Welt. Erneut hatte Ihlore ihre Gedanken wahrgenommen, auch wenn sie vor ihr her ging und es keinen Blickkontakt gab. Doch noch erstaunter stellte die junge Frau nun fest, dass Ihlore kein einziges Wort gesprochen hatte, einzig ihre tastenden Schritte waren im Bauch der Höhle zu hören. Wie war das möglich? Wie hatte sie die Stimme der vorausgehenden Frau so deutlich vernehmen können? Halluzinierte sie? War sie nicht mehr Frau ihrer Sinne? Die Fragen verwirrten Annabelle noch mehr, rückten die Antworten in weitere Ferne als zuvor. „Die feine Energieschwingung hat sich auch bereits in dir ausgesät, Annabelle“, hörte sie Ihlores Stimmer erneute. Nun blieb sie abrupt stehen. Sie wollte ganz sicher sein. Bildete sie sich ein, dass Ihlore mit ihr sprach?

„Was hast du gesagt, Ihlore?“ frage Annabelle nun laut. „Ich habe nicht gesprochen“, antwortete Ihlore und blieb ebenfalls stehen. Sie drehte sich um und ging einen Schritt auf Annabelle zu. „Jedoch haben wir in den letzten Minuten einen intensiven Austausch. Ich spürte sogar deine Verwirrung und Irritation in meinen zittrigen Händen.“

Annabelle entspannte sich etwas. Wenn sie auch noch nicht sicher war, was das alles zu bedeuten hatte, wagte sie eine Frage: „Meinst du, ich kann auch deine Gedankenenergie lesen?“ „Aber natürlich“, antwortete Ihlore. „Ich dachte nicht, dass dich das so verwirren würde. Wie ich dir schon sagte, dies ist hier ganz natürlich. Du musst gar nichts dazu tun, um in diesen Seins Zustand zu gelangen. Mit jeder Minute hier in der AndersWelt tauchst du leichter hinein ins Feld der Verbundenheit. Ich hätte dir wohl doch zuvor ein paar Hinweise dazu geben sollen. So hast du nun diese zunehmende Wandlung direkt erfahren.“

„Danke für deine Worte. Ich fühle mich nun schon viel wacher und klarer. Ich lasse mir einfach Zeit, mich an diesen neuen Zustand zu gewöhnen. Lass uns nun den Weg weiter gehen.“ Die beiden Frauen umarmten sich herzlich und Ihlore drehte sich wieder um, ging voraus, ihrem Ziel entgegen.

Plötzlich blieb Ihlore unvermittelt stehen. Fast wäre Annabelle gegen sie gelaufen, doch im letzten Moment konnte sie sich fangen.

„Wir sind da“, erklärte Ihlore. „Mach es dir bequem hier und dann öffne dich dem, was du hier sehen und erleben wirst. Annabelle, ich gehe nun und überlasse dich dem Geschehen. Du wirst einem wesentlichen Geheimnis des weiblichen Wissens begegnen. Es wird Gefühle, Erinnerungen, Gedanken und anderes bei dir auslösen. Lass es geschehen! Halte nichts fest! Alles darf sein! Das weißt du ja inzwischen. Doch achte darauf: du bist Beobachterin dieser Situation und das Wissen wird dir dann geschenkt, wenn du ganz bei dir bleibst. Sei präsent, klar und in Verbindung mit der Quelle in dir. Dann kannst du gut hindurchgehen.“

Ohne auf eine Antwort von Annabelle zu warten, drehte sich Ihlore um und ging ihres Weges. Was sie wohl damit meinte: „Dann kannst du gut hindurchgehen“? Nun ja, dass würde sich zeigen. Auf jeden Fall fühlte sich Annabelle hier recht wohl, und Ihlore hatte sich nicht plötzlich in Luft aufgelöst wie zuvor auf dem Weg zum Glaskuppelbau. In leichter Anspannung richtete sich Annabelle in diesem Erdgewölbe ein, neugierig, was ihr hier begegnen würde. Ihlore hatte ja gemeint, dass sie jetzt dazu bereit sei. „Ob ich?...“

Plötzlich!

Totale Dunkelheit, absolute Stille. Dann dunkle Töne, zähe Klänge, modrig, ekliger Geruch. Immer mehr verwandelte sich der eben noch angenehme Platz in einen Ort voller Unbehagen, Enge und Ohnmacht. Annabelle spürte wie Kälte und Übelkeit sie in Besitz nahmen. Sie schloss die Augen, legte die Hände auf ihren Bauch und konzentrierte sich auf die Bewegungen ihres Atems im Körper. So konnte sie den Zugang zu ihrer Lebendigkeit in jeder Situation herstellen. Sie spürte ihren Atemstrom durch Nase und Brust in den Bauch einströmen und mit jedem Atemzug fühlte sie sich sicherer in ihrer Mitte ankommen. Es gelang ihr, ihre unangenehmen Gefühle, Sinneseindrücke und Gedanken mehr und mehr loszulassen. Annabelle spürte nun sogar, wie es ein wenig heller in ihr wurde und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Die Göttin in mir, die Göttin ist in mir und ich bin ein Ausdruck der Göttin.

Sie hielt die Hände weiter auf ihrem Bauch und öffnete wieder die Augen. Das Äußere hatte sich nicht positiv verändert – im Gegenteil. Der Boden unter ihr war jetzt glitschig und es hingen wabernde Nebelschwaden in der Luft.

Doch Annabelle hatte etwas verändert! Sie hatte sich mit der göttlichen Quelle verbunden und dadurch fühlte sie sich jetzt als Beobachterin der Situation, wie in einem Theaterstück. Genau diesen Rat hatte ihr Ihlore doch zum Abschied gegeben. Sei Beobachterin! Also das hatte sie damit gemeint! Innerlich der älteren Frau noch einmal dankend, wandte Annabelle sich der veränderten Szenerie zu.

Durch die Nebelschwaden hindurch waren die Umrisse einer höhlenähnlichen Felsvertiefung in der Finsternis zu erkennen. Zwei apfelgroße Lichtpunkte bewegten sich träge hin und her. Was war das? Schmatzende und grunzende Laute waren zu hören und man hätte meinen können, Hunderte von Menschen stampften durch sumpfigen Morast. Es stank ekelhaft nach Verfaultem und nach Verwesung.

„Oh, riecht das gut. Wie wohltuend dieser Duft nach Totem, Abgestorbenem und Vergessenem. Ich habe so unendlich viel Nahrung gesaugt aus dem Vergessen des Lebendigen.

Großartig! So gut genährt wie in den letzten Jahrhunderten war ich schon lange nicht mehr. Als saugende Kröte gefällt es mir gut, dass so viele Frauen ihr Leben als Opfer führen. Sie opfern mir ihre Lebendigkeit. Ich sauge ihnen ihr Wissen aus den Zellen – ganz besonders ihr Wissen um die Macht über Leben und Tod. Ich sauge so lange, bis sie selbst glauben, ein Opferdasein führen zu müssen, weil es schon immer so war. Das habe ich über die Jahrhunderte richtig gut gemacht. Ich bin dick, fett, gefräßig, bewegungslos und unendlich hässlich geworden.

Mich nähren besonders gut die schlechten Gefühle, die Frauen so oft und gerne über sich selbst haben. Sie fühlen sich nie gut genug und das trifft auf alle Lebensbereiche zu: keine gute Mutter, keine Idealfigur, keine aufregende Geliebte, keine perfekte Ehefrau, um nur ein paar der Stachel zu nennen, die den Frauenleib martern.

Ich weiß genau, womit das zusammenhängt. Doch werde ich dies niemals öffentlich äußern, denn damit würde meine Nahrungsquelle versiegen. Nur hier im geschützten Reich meines Morastes kann ich mich lauthals daran ergötzen. Ja, wenn die Frauen wüssten, dass sie sich einfach nur mit der natürlichen Quelle verbinden müssen, der unendlichen Nahrungsquelle, dann würde ich, die hockende Kröte, elendig verhungern. Und wenn sie weiter wüssten, dass der einfachste Weg dorthin die Ehrung und der Gebrauch ihres Blutes ist und schließlich das Schwingen mit dem Mondrhythmus - ja das wäre unausweichlich tödlich für mich. Für mich, die ich der manifestierte Unterdrückungsschlamm bin, der sich im Körper jeder Frau niedergelassen hat, sie quält, behindert, sabotiert und klein hält.

Zum Glück wissen nur sehr wenige Frauen um dieses Geheimnis der Weiblichkeit und den unermesslichen Reichtum, der daraus geschöpft werden kann. Zum Glück für mich! Es hat ja auch viel Ausdauer und Beharrlichkeit gekostet, mich immerzu auf die aufkeimende Frauenkraft zu hocken. Immer wieder musste ich Zweifel am Selbstwert säen. Die Sorge, nicht zu genügen musste ich hüten und bewachen mit meinen Glubschaugen. Denn immer häufiger haben sich Frauen in den letzten Jahrzehnten zusammengefunden und angefangen von ihren Fähigkeiten und Talenten zu erzählen. Das hat mir überhaupt nicht gefallen und ich hatte viel Arbeit damit, gerade diese bewegten Frauen zu dämpfen. Ich habe sie gut beobachtet und dann eine ideale Schwachstelle gefunden. Perfektionismus! Hier sind vor allem die Frauen zu lähmen und zu blockieren, die es tatsächlich gewagt haben, ihren Selbstwert zu erforschen und zu stabilisieren. Die Frage „Bin ich denn wirklich schon gut genug, dass ich mich zeigen kann, mit meinem ganzen Wissen?“ wirkt hier zu meinem Glück wie ein Betäubungsmittel. Ich kann mich am köstlichen Nektar ihres zermürbenden Selbstzweifels laben. Das geht immer noch ganz gut.

Obwohl – oh, oh. Da gibt es jetzt schon einige Frauen – sie nennen sich „die Frauen der Neuen Zeit“ – die so stark mit der Quelle verbunden sind, dass sie mich nicht mehr saugen lassen. Ich habe hier keine Chance mehr. Aber ich verzage nicht, ich bin so gut genährt und kenne noch so viele Tricks, wie ich meine Vampirgelüste ausleben kann, dass mich die „Neue-Zeit-Frauen“ unberührt lassen. Nun ja, nicht so ganz, muss ich mir eingestehen. Irgendwie ist es auch reizvoll so aus der Ferne anzusehen, wie die sich denn nähren – im Kontakt mit ihrer Mitte, aus der viel beschworenen göttlichen Quelle.“

Stille.

Annabelle war hier einem Symbol für das Unerlöste, das Gebunden-Sein begegnet: der Erdkröte, die ein Leben ohne Liebe führen muss, damit sie sich unsichtbar unter den Menschen bewegen und sich die Nicht-Wissenden zum Opfer ihrer Machtphantasien wählen kann. Doch der Preis dafür ist hoch: ein Leben ohne Liebe, im Dunkeln. Und die erlöste Energie der Kröte? Ahnte Annabelle, dass es eine freie, verwandelte Kraft gab; der Geist der Kröte, der Nahrung gab statt sie von Frauen abzusaugen?

„Ob ich ..., ob ich das alles träume?“ fragte sich Annabelle zögerlich.

Alles erschien ihr so unwirklich, fern ab von allem bisherigen Leben. Doch der eklige Gestank, das grunzende Schmatzen und Rülpsen dieses hässlichen Wesens und der schlammige Boden unter ihren Füßen holten ihre Sinne und damit ihre ganze Aufmerksamkeit in diesen Moment zurück. Das war also kein Traum! Sie hatte den erschütternden und demütigenden Monolog der Erdkröte tatsächlich mit ihren eigenen Ohren gehört und war sich der erschreckenden Wahrheit des Gehörten vollkommen bewusst. Trotz ihres Entsetzens fühlte sich Annabelle sehr zentriert und schaute auf ihre Hände, die immer noch auf ihrem Bauch ruhten und das stetige Auf und Ab des Atems empfingen. So war sie also hindurchgegangen. Die ganze Zeit über hatte Annabelle die Verbindung zu ihrem Lebensrhythmus gehalten, die Verbindung zu ihrem Atem, dem Puls des Lebens. Das hatte sie gestärkt und an die Verbindung mit der umfassenden Quelle erinnert, der Quelle der Schöpfung allen Seins. Daran hatte Ihlore sie ja erinnern wollen: klar, präsent und in Verbindung mit der Quelle zu sein. Dieser Zustand hatte es ihr auch ermöglicht, die krassen Eindrücke ihrer Sinne sozusagen durch sich hindurchfließen zu lassen und ganz in sich zu ruhen, während sie dem Moloch zugehört hatte.

Diese Erfahrung war neu für Annabelle. Oft hatte sie sich beeindrucken lassen von äußeren Einflüssen gedanklicher und auch sinnlicher Natur, ebenso wie von Verhaltens- und Reaktionsmustern in ihrer unmittelbaren Umwelt. So, als würde sie ausgetretenen Fußspuren folgen, hatte sie häufig automatisch reagiert. Immer war sie auf der Flucht vor sich selbst, auf der Flucht vor der Inanspruchnahme der eigenen weiblichen Macht. Entweder folgte sie dem starken Drang zu helfen und für die andere Person da zu sein oder aus Angst vor zu viel Nähe legte sie einen Mantel der Unnahbarkeit um sich. Das Schlimmste aber war: sie nahm sich aus Respekt vor anderen Menschen völlig zurück. Sie gab dem Gegenüber ihre volle Achtung und Aufmerksamkeit und bemerkte dabei nicht, wie sie dadurch den Respekt vor sich selbst verlor. Gleichgültig, welchem Muster sie auch verfiel, immer fühlte sie sich gefangen, unfrei, beschnitten, ihrer Kraft beraubt und völlig ausgesaugt – ja, davon hatte die Erdkröte doch gerade erzählt!

Wie gut diese doch die gebundene Frauenenergie studiert hatte, wie erschreckend gut!

Während Annabelle über das Erlebte und ihre eigenen alten Muster nachsann, überfiel sie eine eigenartige Trauer. Plötzlich fiel ihr das Gedicht ein, das sie einst ihrer Großmama Anna kurz nach deren Tod gewidmet hatte, und die Worte standen auch sofort vor ihr:

Einsame Tränen

laufen feucht

aus meinem Bauch

finden den Ausgang

im Gesicht

laufen wie Bäche

die zu Sturzbächen werden

uferlose Überschwemmung droht

einsam

sitzt

das kleine Mädchen

hungrig nach

nährender Wärme

Trost vermissend

der Verlust

so schmerzhaft fühlbar

Wo bist du?

Geliebte

Oma

Tot!

hilf mir

bin doch noch so klein

Keiner da

für mich

traurig, traurig

löse ich mich auf

in meinen

Einsamen Tränen

Die Tränen liefen wie Sturzbäche aus den Augen, gerade so, wie damals beim Schreiben. Ja, sie vermisste ihre geliebte Großmama immer noch sehr, und Annabelle wusste, dass dies auch immer so bleiben würde. Sie fühlte eine eigenartige Verbindung zu ihr, die in all den Jahren seit ihrem Tod nicht gewichen war. Heute, hier an diesem mysteriösen Ort, erinnerte sie sich an das Gedicht, und sie fühlte Anna lebendig an ihrer Seite. Genau wie Ihlore, hatte Großmama sie immer wieder daran erinnert, die Verbindung zur göttlichen Quelle herzustellen und als Seinszustand beständig anzustreben.

„Dies ist eher ein Geschehen-lassen und Hingeben, als ein bewusstes Tun“, hatte ihr Anna dazu erklärt. Damals wusste Annabelle noch nicht wirklich etwas damit anzufangen, doch spürte sie bereits damals die Kraft, die in den Worten der Großmutter gelegen hatte. Jetzt hatte sie sich dem Geschehen hingegeben und war klar und präsent mit der Quelle in sich verbunden gewesen.

Es war also kein Widerspruch, klar und präsent zu sein und sich gleichzeitig hinzugeben? Diese Frage hatte sich Annabelle so oft schon gestellt, dass sie jetzt erst erkannte, dass sie die Antwort hier in der Höhle erlebt hatte, und ein Gefühl tiefer Freude und Dankbarkeit durchströmte sie. Hingabe und Klarheit, Präsenz und Geschehen-lassen waren wesentliche Erfahrungsqualitäten des urweiblichen Wissens. Das hatte Annabelle gerade erstmals erleben dürfen. Sie hatte die Bedeutung von Ihlores Botschaft „Dann kannst du gut hindurch gehen“ erfahren. Mit allen Sinnen war sie wach und präsent geblieben, hatte sich dem Moment hingegeben und blieb beständig mit der Kraft in ihrem Inneren verbunden.

Erleichtert atmete Annabelle auf und fühlte Freude und sogar so etwas wie Stolz in sich aufkeimen. Sie spürte die Freude, ihre Kraft und Klarheit im Körper zu spüren; den Stolz, dass sie trotz der beschämenden Worte der Kröte „hindurch gegangen“ war und sich keinem Fluchtimpuls hingegeben hatte. Auch den alten Mustern hatte sie widerstanden und war nicht in Lethargie verfallen, hatte sich nicht ohnmächtig, klein und als Opfer gefühlt.

JA! Sie wurde sich immer bewusster, sie gehörte irgendwie zu den Frauen, die die Kröte die „Frauen der Neuen Zeit“ genannt hatte. Wie einen dünnen, frisch gesponnenen Faden fühlte sie Verbundenheit zur urweiblichen Kraft, ebenso wie zu einem weit gespannten Frauennetz.

Nur: Wo waren die Frauen denn real, die Frauen der Neuen Zeit? Schon wieder diese Frage, die ihr immer häufiger begegnete. Damals schon - wie lange war das jetzt eigentlich her? - als sie den Männerkreis im Steinbruch beobachtet hatte. Dann, als sie aus der Erinnerung an ihre Großmama aufgetaucht war und jetzt auch hier?

Wie ein Leitmotiv zog sich diese Frage durch ihr Leben und hatte sie schließlich auch zum Ort der Verwandlung vor die Felswand im Erdinneren geführt. Einem Spinnennetz gleich, führten immer mehr Wege und Netzstücke zu einer größeren Komposition. Sie sah die eigenen Wege, Wegabschnitte, scheinbaren Sackgassen und die so genannten falschen Entscheidungen: ein Muster, das langsam und behutsam in Annabelles Bewusstsein aufstieg. Nun saß sie hier – wieder im Bauch der Erde. Was galt es jetzt zu tun?

„Ergreife die Initiative“, hörte sie eine innere Stimme. „Initiative? Wozu?“

Nach kurzem Zögern kam: „Bewegung! Ja ich will mich bewegen - in Bewegung bringen - Energie in Bewegung bringen - noch deutlicher meinen Körper fühlen, damit die letzten Gifte der Dumpfheit und Unterdrückung weichen.“ Annabelle erhob sich, schüttelte sich heftig und stieß einen beherzten Seufzer aus. Raschen Schrittes bewegte sie sich im Labyrinth der Erde und sicher fand sie den erhellten Ausgang.

„Jetzt brauche ich eine Pause, ich mag mich ausruhen, von der Sonne wärmen lassen, meine Ohren dem lieblichen Säuseln des Windes öffnen und meinen Körper einfach entspannen“, sagte sie. Viel hatte Annabelle gesehen, gefühlt und erlebt, viele Fragen gestellt, die eher noch weitere Fragen aufwarfen, als dass sie Antworten gefunden hätte. Doch sie fühlte sich im Einklang mit sich, fühlte den Frieden und die Wärme in ihrem Herzen, legte sich befriedigt und glücklich unter eine Linde und tauchte sofort ein in einen traumlosen Schlaf. Der Schlaf brachte immer Integration und Sammlung. Dabei fand sie eine neue Ausrichtung, sah beim Erwachen ihr Ziel, ihren nächsten Wegabschnitt klarer vor sich.

Und so war es auch dieses Mal. Beim Aufwachen wusste Annabelle gleich, was zu tun war...

Es war mitten in der Nacht, als Ihlore erwachte und den sternenklaren Himmel über sich erblickte. So sehr liebte sie diesen Anblick, zu dem ihr Lager im Glaskuppelbau sie immer wieder einlud. Kleine und große Sterne blitzten in herrlichen Mustern und schienen geradezu auf sie herunter zu blicken, sie liebevoll in der Stille der Nacht zu empfangen. Es war einer der schönsten Momente für Ihlore, sich diesem Lichtermeer zu öffnen und ganz hineinzutauchen. So breitete sie auf dem Rücken liegend ihre Arme aus, atmete tief und gleichmäßig, so dass sich ihr gesamter Körper zunehmend erfrischen konnte.

Auf und ab, auf und ab, dem Heben und Senken ihres Brustkorbes folgend, wurde ihr Körper mit jedem Ausatmen schwerer, schmiegte sich noch intensiver in die smaragdgrüne Unterlage des Nachtlagers. Mit jedem Einatmen fühlte sich Ihlore leichter werden. Sich dem Rhythmus von ein- und ausatmen hingebend, machte sie sich aufs Neue bewusst: jedes Ausatmen war ein Loslassen, Loslassen von Altem, Überflüssigem, überholten Lebenseinstellungen und Mustern, alten Giften und Schlacken des Körpers und des Geistes. Diesen Giften und Schlacken war Annabelle nun begegnet. Ob sie die betäubende Macht der Kröte sehen konnte und gleichzeitig in ihrer Mitte blieb? Ob sie gut hindurchgegangen war? Während sich Ihlore diese Fragen stellte, spürte sie eine starke Bewegung in ihrem Herzen. Sie sah Annabelle vor ihrem inneren Auge am Rand des erhellten Ausgangs der Höhle stehen. Sie war also gut hindurchgegangen. Tief atmete Ihlore aus. Loslassen, auch Gedanken, Sorgen um Andere, loslassen und mich tiefer anvertrauen, dem Lager, auf dem ich liege, dem Boden, der Erde, ja, der Erde als Mutter, die sicher und beständig trägt. Sich immer intensiver diesem Geschehen hingebend, nahm Ihlore nun die erneuernde Qualität des Einatmens in sich wahr. So oft hatte sie nun schon diese einfache Möglichkeit des Zentrierens praktiziert. Doch immer wieder war sie erstaunt darüber, wie neu die Erfahrung sich jedes Mal anfühlte. Jetzt brachte ihr der Einatem die vertraute Weite. Weite und Ausdehnung des Körpers, Weite und Öffnung des Herzens – und einem Impuls folgend öffnete sie die Augen und sah, nein, fühlte die Weite des Himmels, des Sternenhimmels über sich und um sich herum. Diese Weite hatte eine geradezu auflösende Wirkung und Ihlores Atem vertiefte sich, wurde langsamer, noch langsamer und eine tiefe Ruhe breitete sich in ihrem Körper aus. Diese Qualität der Ruhe war neu für Ihlore und sie nahm wahr, dass auch ihre Gedanken immer ruhiger, stiller und still wurden.

Stille und Weite. Sanft ummantelt von den Armen der Sternenwesen fühlte sie ihren Körper sich ausdehnen, in tiefe Stille hinein weiten, noch weiter, noch feiner, noch transparenter: wie Lichtfäden, Schleier des Nebels, so feinfühlig. So bin ich. Und noch feiner schwingend, feiner webend, feiner schwebend, schwebend frei, frei im Glanz der Sterne, Glanz der Sterne auf der Haut ist wie – selbst Stern sein.

Auflösen, lösen, freilassen, Altes und Giftiges zurücklassen, das Ausatmen, das große Ausatmen im Durchgangstor Tod. Und das Einatmen, das große Einatmen im Aufnehmen, Empfangen des Übergangs, des Neuen. Ausatmen, einatmen, Sterben und Leben, Leben und Tod, uraltes Wissen, uraltes weibliches Wissen, urweibliches Wissen – die Macht der Frauen zum Wohle aller!

„Die Macht der Frauen zum Wohle aller“, hörte Annabelle Ihlores Stimme in sich. Genau darum ging es! Die Macht der Frauen wieder an die Oberfläche zu holen, wie einen versunkenen Schatz vom Meeresgrund zu bergen, das stand Annabelle seit dem Erwachen deutlich vor Augen. Das war ihr Ziel, Ziel ihres Lebens, die Aufgabe, die sie so lange gesucht hatte. Die Szenerie mit der Erdkröte hatte Annabelle noch einmal sehr deutlich die Zusammenhänge der unterdrückten Frauenkraft und der dahinter verborgenen Macht erkennen lassen. Erstaunlich war, dass Annabelle hinter den Aussagen der Kröte das Geheimnis der unterdrückten Frauenkraft wahrgenommen hatte. Die Macht der Frauen, letztendlich über Leben und Tod, hatte ihre Wurzeln in der ursprünglichen göttlichen Quelle. Sie ahnte auch, dass es verschiedene Ausdrucksformen dieser Macht gab und jede Frau eine besondere Qualität dieser heilvollen Frauenmacht in sich trug. Nur – so wie die Kröte es sehr treffend beschrieben hatte – war das den wenigsten Frauen bewusst, und so zeigten sie sich auch nicht in ihrer vollen Schönheit und Blüte, hielten sich vielmehr betäubt und waren so gut kalkulierbar und auszubeuten. Irgendwie ahnte Annabelle, dass sie der Frage „Wo sind die Frauen?“ näher gekommen war. Es gab so viele Frauen, doch waren die meisten wohl tatsächlich von der hockenden Kröte besetzt. Zurückgehaltene Energie, das hatte Annabelle schon so einige Male selbst erlebt, führte zum Stau im Inneren. Wut, die nach innen geht – im schlimmsten Fall die Seele kränkt und den Körper krank macht. Unzufriedenheit und das Kämpfen um Macht und Rechthaberei – ursprünglich ein Schrei nach „gesehen-werden-wollen“ und Anerkennung – eine Giftspritze für Herzen und Seelen.

Annabelle sollte diese Zusammenhänge und subtilen Energien im Laufe ihres Wandlungsweges noch detaillierter in Erfahrung bringen. Für den Augenblick stellte sich in ihr ein Gefühl der Zufriedenheit ein, denn sie hatte erste wesentliche Knotenpunkte für ihre Reise zu neuen Ufern geknüpft. Die einzelnen Aspekte ihres Lebensfadens wurden immer deutlicher. Die Fragen lagen offen: „Wo waren die Neue-Zeit-Frauen? Welche Bedeutung hatten die Frauen für die Neue Zeit? Die Erlösung der heilvollen Macht der Frauen. Alles stand irgendwie miteinander in Verbindung. Aber wie?

Annabelles Verstand versuchte ihr die Unmöglichkeit einer Reise zu diesen Bereichen einzureden: du weißt gar nicht, auf was du dich da einlässt, nur wegen einer Erdkröte, alles Spinnerei, welche Sicherheiten hast du? Wie soll das gehen? Du bist alleine, orientierungslos.

„Still“, befahl Annabelle dieser Stimme in sich und augenblicklich verstummte sie. Annabelle wollte ihre Energie nicht mehr in die destruktiven Gedankengänge ihres alten Sicherheitsbedürfnisses schicken. Sie hatte genug davon, war bereit für die Macht der Frauen zu gehen. Soeben hatte sie begonnen, diese Macht für sich in Anspruch zu nehmen, die alte Stimme zu stoppen und sich bewusst auf ihr Ziel und den nächsten Schritt auszurichten.

„Die Macht der Frauen zum Wohle aller“, hörte sie wieder Ihlores Stimme in ihrem Inneren. Wo war die Frau mit den blauen Augen? Annabelle fühlte sie so nah, so dicht neben sich, ja beinahe in sich, als wäre sie ein Teil von ihr. Wie war das möglich? Vielleicht hatte auch das etwas mit der veränderten Energieschwingung hier zu tun? Es war ganz fremd, dieses Sein hier, und gleichzeitig spürte Annabelle immer mehr Vertrautheit. Unsicherheit und Irritationen verabschiedeten sich mit jeder Minute mehr.

Annabelle hatte gerade eine der wesentlichen Erfahrungen der „Neuen Zeit“ gemacht. Sie hatte gespürt, wie sie so verbunden mit der Energie von Ihlore war, dass sie praktisch eins waren. Der Kontakt war auf Zellebene gespeichert und jederzeit präsent. Annabelle sollte noch häufiger erfahren, welche immense Bedeutung diese Verbundenheit im urweiblichen Wissen hatte.

Jetzt war es an der Zeit, dass sie sich ihrem nächsten Schritt widmete.

„Ich traue meinen Augen nicht“, entfuhr es Annabelle. Sie war inzwischen aufgestanden, hatte sich gedehnt und gestreckt und ihre langen rotbraunen Haare mit einem grünen Samtband zu einem losen Zopf im Nacken gebunden.

Frauen mit bunten Kleidern gingen hintereinander her, ließen Glöckchen und Zimbeln klingen und summten eine Melodie, die Annabelle sehr vertraut war. Obwohl sich die Frauen etwas entfernt im Tal bewegten, konnte Annabelle deren Freude und Leichtigkeit wahrnehmen. Annabelles Gesicht erhellte sich zunehmend und voller Freude machte sie sich auf den Weg zu den Frauen. Schnellen Schrittes näherte sie sich dem nun stehenden Kreis der Frauen, die alle mit geschlossenen Augen in Stille da standen, ihre Hände ruhten auf dem unteren Teil ihrer Bäuche.

Annabelle war so beglückt, endlich die Frauen gefunden zu haben, die sie so sehnlich gesucht hatte, dass sie sich noch gerade im letzten Moment bremsen konnte, nicht laut „Hallo, ihr Frauen. Wie wunderbar euch zu treffen!“ zu rufen. Denn als Annabelle recht nah an den Kreis herangekommen war, wurde ihr klar, dass diese Frauen in Trance waren und nichts von dem wahrnahmen, was um sie herum geschah. Die erwachte Freude Annabelles war schnell gedämpft. Endlich wollte sie das Alleinsein verabschieden, so gerne Teil einer Gemeinschaft sein – einem Kreis von Frauen angehören. Doch so nah die Frauen ihr jetzt auch räumlich waren, desto weiter entfernt fühlte sie sich von ihnen. Annabelle spürte diesen Trennungsschmerz sehr intensiv in ihrer Brust, und Trauer brachte Tränen auf ihr Gesicht. War ihr Weg hier denn ein Weg der Einsamkeit? Hatte sie keine Verbündeten und wenn es sie gab, so wie Ihlore, waren sie dann bald wieder verschwunden? Annabelle fühlte genau, dass die Frauen sie nicht bewusst aus dem Kreis ausschlossen. Allmählich, wenn auch schmerzhaft, erkannte Annabelle, dass es noch nicht ihre Zeit war, sich diesem Kreis anzuschließen. Sie hatte ihren eigenen Wandlungsweg zu gehen und zwar allein. Und sie stand gerade erst am Anfang! Immer wieder würde Annabelle Menschen begegnen, doch nur für kurze Zeit, um dann weiter ihr Ziel zu erfüllen. Das wurde Annabelle in diesem Moment ganz klar.

„Ischala nabu le ma“ sang eine der Frauen und Annabelle wiegte sich im Rhythmus des Gesangs, in den nun auch die anderen Frauen einfielen. Auch wenn sie am Rande des Kreises allein an einen Baumstamm gelehnt saß, so war sie zugleich verbunden mit der Energie der Frauen. Auch das wurde ihr hier sehr bewusst. Dann spürte Annabelle, dass es Zeit war für sie zu gehen.

Den Frauen des Kreises war es noch nicht gestattet, Annabelle zu sehen, eine Frau aus einer anderen Zeitdimension.

Bis auf Margareta, die auch Kantulee genannt wurde.

Annabelles nächster Schritt war also, zu erkennen, dass sie alleine unterwegs sein würde. Sie musste als Pionierin neues Land erforschen. Und: es gab Frauen, die in einem kraftvollen und lebendigen Energiefeld wirkten, so wie Annabelle es sich immer gewünscht hatte mit anderen zu teilen. Es war schön, daran erinnert zu werden. Sicher würde es einen stimmigen Zeitpunkt zur Kontaktaufnehme geben, da war sich Annabelle ganz sicher. Ob es hier ausschließlich Frauen gab? Doch das kümmerte Annabelle nicht weiter. Sie hatte sich schon vom Frauenkreis abgewendet und atmete die frische Luft des neuen Tages genüsslich ein.

Wohin gehe ich? Was leitet mich?

„Freude, Lust und Neugierde weisen dir die Richtung. Und das Wichtigste: horche auf die Stimme deines Herzens, Annabelle“, so klangen die Worte in ihr. Sie folgte ihrer Lust sich zu bewegen und lief eine zeitlang über die grüne, saftige Wiese, freute sich über ihre Lebendigkeit und sprang vor Übermut ein paar Mal jauchzend in die Luft. Annabelle spürte den heißen Strom des Blutes in ihrem Körper, die Wärme der Sonne auf ihrer Haut, und ihr Herz schlug rhythmisch wie eine Trommel. Schon immer hatte sie es geliebt, sich so frei zu bewegen, ihren wohl gerundeten, straffen Körper in Wallung zu bringen, um sich dann wie jetzt in diesem Moment ins Gras fallen zu lassen und ein paar Mal über die Wiese zu kugeln. Sie fühlte sich lebendig und aufgeladen und blieb dann wohlig bäuchlings im Gras liegen. Der Atem ging schnell, und Annabelle genoss das Pulsieren, betonte das Ausatmen mit lautem Stöhnen. Sie fühlte sich wohl in ihrem Körper. Ihr Atem wurde ruhiger und sanfter, und Annabelle gab sich dem wiegenden Atem ganz hin.

Annabelle war nicht darauf vorbereitet, in eine erweiterte Zeitdimension ein zu tauchen. Sie schluckte und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich frage, ob ich nicht doch etwas verpasst habe.“

Simona legte der Freundin sanft die Hand auf die Schulter und Annabelle schluchzte nun lauter und ließ den Tränen ihren Lauf. Immer hatte sie es angenehm und als Zeichen ihrer persönlichen Freiheit erlebt, kinderlos zu sein. Ihre bewusste Entscheidung für diesen Weg hatte sie bisher immer genossen und war auch stolz darauf, dass sie sich so ihrer persönlichen Entwicklung und ihren vielfältigen Gaben und Interessen hatte hingeben können.

Und nun dies! Sie war Simona erst vor wenigen Tagen am Rande der Schlucht beim Kräutersammeln begegnet, erinnerte sie sich jetzt. Die beiden Frauen hatten sich angesehen und ein herzliches Lächeln überzog sofort beide Gesichter. Sie waren aufeinander zugegangen und staunten darüber, dass sie diese besonderen Frauenheilkräuter, die nur hier wuchsen, in ihren Körben sammelten.

„Ich bin Simona“, hatte sich die Frau im leichten, roten Sommerkleid vorgestellt.

„Schön, dich hier an diesem besonderen Ort zu treffen“, hatte Annabelle geantwortet.

„Wir haben offenbar ein gemeinsames Interesse. Die heiligen Frauenkräuter zum Erforschen des alten weiblichen Wissens sind nicht mehr vielen Frauen vertraut. Und noch weniger wissen, wo sie wachsen und wie sie in ihrer vollen Wirkung eingesetzt werden.“

„Ich hatte eine gute Lehrerin“, erwiderte Annabelle. „Meine Großmama hat mich vieles über das Wissen der Frauen gelehrt und kurz vor ihrem Tod - ich war 19 Jahre alt - hat sie mich in die Anwendung dieser magischen Künste eingeweiht. Es war ein ganz besonderer Tag für mich“, erinnerte sich Annabelle und für einen Moment erschien der Tag ihrer ersten Initiation vor ihrem inneren Auge.

„Heute ist es soweit, Annabelle.“ Großmama kam auf mich zu, breitete ihre Arme aus und umarmte mich. Ich war tief bewegt, aufgewühlt, hatte in der letzten Nacht keinen Schlaf gefunden und immerzu die Mondin betrachtet, bis zu dem Augenblick, da sie vollkommen wurde. So bewusst hatte ich die Zeit der vollen Mondin noch nie erlebt: hell schimmerte sie am Himmel, der in dieser Nacht mit vielen Wolken geschmückt war. Die volle Mondin lag in einem Kranz aus blauviolettem Licht. Je länger ich in diesen Anblick eintauchte, desto näher schien dieses besondere Mondlicht mich zu erfüllen. Hell, leuchtend, schimmernd und von einer besonderen Eleganz und Stille durchzogen, genoss ich es, mich diesen Qualitäten immer mehr zu öffnen. Großmama hatte in den letzten Tagen immer wieder angedeutet, dass die Nacht nach Vollmond der Zeitpunkt meiner Initiation sein würde und dass ich eine spezifische Art der Öffnung empfangen würde. Was es im Einzelnen für mich bedeutete und wie es geschehen würde, das alles ließ sie im Verborgenen. Sie ermunterte mich jedoch mehrmals, mein Herz und meine Sinne ganz dem Augenblick zu öffnen, alles geschehen zu lassen und an nichts festzuhalten. So genoss ich das Eintauchen in die Energie der vollkommenen Mondin, wissend, dass sie nun schon wieder dabei war sich zurückzuziehen, sich zu sammeln, sich ihrer dunklen Seite zuzuwenden, langsam, sehr langsam und doch beständig, Minute für Minute, bis sie schließlich als Neu-Mondin für kurze Zeit völlig unsichtbar war, um wieder von neuem zu wachsen, zuzunehmen, lichter und heller zu werden, hin zur vollen Mondin. Ein Wechselspiel der Kräfte: hell und dunkel, so gleichmäßig in Balance, sich ergänzend, ablösend, die besonderen Qualitäten jeder Phase im Einklang mit dem immerwährenden Zyklus. Ich hatte in den letzten Jahren immer mehr Kontakt zu diesem Rhythmus der Mondin bekommen, insbesondere, seitdem ich zum ersten Mal mein eigenes Mondblut aus mir hatte fließen lassen. Großmama hatte mir damals strahlend gratuliert, mich liebevoll umarmt und erklärt, dass ich nun den äußeren Mondrhythmus auch in meinem Inneren mehr und mehr erleben und durch meinen Körper ausdrücken würde. Eigentlich hätte schon damals ein Initiationsfest zu Ehren meines ersten Blutes gefeiert werden können, doch Anna hatte mir gesagt, ich habe dies bereits auf einer anderen Zeitschiene erhalten und mir würden andere Einweihungen den