Flüsterndes SüßGras - Klaus Pelster - E-Book

Flüsterndes SüßGras E-Book

Klaus Pelster

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Beschreibung

Ein einsamer Mann durchradelt die Weite einer malerischen Landschaft. Seine Geliebte starb vor einigen Jahren. Dennoch macht er sich auf den Weg zu ihr, begleitet von den liebevollen Erinnerungen an die gemeinsame schöne Zeit. An einer Gabelung wählt er einen unbekannten Pfad, der ihn in eine wunderbare Welt leitet. In das Andere Auge des Glücks. Der Roman ist eine außergewöhnliche Hommage an die Liebe...Und erst im LOVE GARDEN wartet eine schockierende Überraschung.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Flüsterndes SüßGras

Roman

Klaus Pelster

Herausgeber: Klaus Pelster, Münster 2022

Prolog

Ein einsamer Mann durchradelt die Weite einer malerischen Landschaft. Seine Geliebte starb vor einigen Jahren. Dennoch macht er sich auf den Weg zu ihr, begleitet von den liebevollen Erinnerungen an die gemeinsame schöne Zeit. An einer Gabelung wählt er einen unbekannten Pfad, der ihn in eine wunderbare Welt leitet. In das andere Auge des Glücks.

Der vorliegende Roman Flüsterndes SüßGras ist eine außergewöhnliche Hommage an die Liebe:

Sehnsuchtvoll schreibt ein Autor seine verstorbene Geliebte zurück ins Leben.

Klaus Pelster, Jahrgang 1953, wohnt in Münster, Westfalen, seine drei Söhne–und bisher zwei Enkel–leben in Frankfurt. Nach dem Studium der Sozialpädagogik, Philosophie, Erziehungswissenschaft und Soziologie arbeitet er seit über dreißig Jahren in der Erwachsenenbildung.

Bereits früh begann er das Spielen und Experimentieren mit Worten zu lieben.

Nach dem Tod seiner Liebsten schrieb er für sie zwei Lyrikbände und einen Roman, um ihr und ihrer Liebe zueinander ein leuchtenden DenkMal zu setzen.

Seinen Enkeln widmete er jeweils ein Kinderbuch.

WebSite: https://www.klauspelster.com/

Impressum:Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie, detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http/dnb.de abrufbar.

Texte: © Copyright 2020 by Klaus PelsterUmschlag:© Copyright by Klaus Pelster

Verlag:Klaus Pelster, Zum Erlenbusch 157, 48167 Münster

Druck und Vertrieb: Epubli-Verlag– ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Flüsterndes SüßGras

Roman

Klaus Pelster

Auguste Luise

Keine ist wie Diese.

Erster Teil

Das Eine Auge des Glücks

Sein Blick ruht auf dem rotierenden Rund des vorderen Rades seines Singlespeeds, das sich im gleichmäßigen Singsang mit dem schmalen Betonstreifen reibt, ihn in sich aufsaugt und den kräftig in die Pedalen pumpenden Fahrer vorantreibt. Er fährt ein beachtliches Tempo, schließlich ist er auf dem Weg zu seiner Geliebten.

Das windwiegende Schilf, das sich bis eng an den Wegsaum biegt, flüstert ihm eine leise Sommerserenade, der Fahrtwind streichelt ihm Kühlung auf die besonnte Stirn und malt die fein-rundlinierte Gestalt seiner Liebsten sanft in ihn hinein.

Leicht hebt er den Blick in den klaren blaugrünen Horizont und er taucht hinein… immer tiefer und tiefer in den geliebten Spiegel ihrer Seele.

Losgelöst von den Gesetzen der Schwerkraft taumelt er durch Zeit und Raum in ein Meer schillernder Erinnerung und es erfüllt ihn tiefe Ruhe und eine Klarheit, die als wohliges Empfinden seinen Körper durchströmt bis ins letzte Atom und sein Wesen wie warmer Honig umspült.

Angekommen.

Den Pedaltritt beschleunigend spürt er nun heftiger die teerigen Schweißnähte der Betonplatten, die das Naturreservat wie ein stillgelegtes Aderwerk durchziehen.

Er stellt er sich ein wenig im Sattel auf, um den kleinen Unebenheiten, die der Sattel ihm zu übertragen droht, zu ent-gehen und eröffnet sich so zugleich den Blick über das wogende Schilf hinaus auf die von einer dünnen Wasserschicht bedeckten Brachen des Feuchtgebietes, auf der die Wasservögel wie auf dünnem Eis mit einer ihnen eigenen Selbstverständlichkeit um-herstolzieren.

Damals, als das Untier zu brüllen anhub, machten auch SIE BEIDE sich diese Selbstverständlichkeit zu eigen, diese erzwun- gene Selbstsicherheit, die in Gefahrensituationen allen Bedroh-lichkeiten scheinbar zu trotzen vermag.

Wie dünn das Eis doch war und wie ungleich dicker doch das Vertrauen in seine Tragfähigkeit, unterfüttert von einer wattigen Schicht hoffnungsgetränkter Zuversicht, die nicht einmal vor der Aufhebung der logischen Gesetze haltmachte.

Hoffen und Bangen, ein Begriffspaar, deren Vereinigung eine eigene Dynamik zu entwickeln vermag, um das Unvermeidliche auszuschließen und wegzusperren–nur so kann es gelingen, ein furchtbares Untier in Ketten zu legen und zu unterwerfen–ein Aberwitz, der den Beteiligten gleichwohl nicht auffallen wollte.

Das kreiselnde Rund seines Rades zerschneidet den Beton, schiebt ihn wie eine kleine Bugwelle vor sich her und schaufelt ihn beidseitig hinweg. Die Gleichförmigkeit seiner Bewegungen wirkt wie ein motorisches Mantra und eratmet seinen Gedanken und Empfindungen freie Bahn.

Die sich freipflügende Schneise gibt den Blick frei auf den Ort, an dem bereits alles begonnen hatte und der gar nicht–wie schlechterdings Bahnsteige oft beschrieben–kalt und zugig war und von Schwaden unangenehmer Gerüche durchzogen wurde, sondern lind und luftig das erste gemeinsame Frühlingserwachen reflektierte. Ihr Kopf zwischen seinen Händen, der lächelnde Mund und das schwerelose Versinken in die Tiefe des Augen- blicks.

Dann der Kuss und durch den sich öffnenden Schleier wehten die ersten Blütendüfte des nahenden Sommers im zarten Wirbel auf sie herab.

Der Fahrtwind treibt die ersten Blütenblätter sacht in sein Gesicht und als er leicht aufschaut legen sie sich wie buntes Konfetti um seine Haut–gleich links abbiegen–und als er an die vielen glücklichen gemeinsamen Stunden Tage und Jahre denkt fliegt er noch schneller dem lockenden Horizont entgegen, der Süße des Erinnerns nachspürend wie einem verborgenen Schatz.

Das Telefon schrillte. Quercus nahm ab–am anderen Ende der Leitung war die Frau, die seine designierte Einzigartige werden sollte: Auguste Luise.

Quercus und Auguste Luise waren beide in der Bildungsarbeit tätig und die Fachkollegin hatte ein dringendes Anliegen bezüg- lich kooperativer Projekte.

Bereits einige Jahre zuvor war die Mitarbeiterin, die erst später seine Liebste werden sollte, mit Quercus auf professioneller Ebene zusammengetroffen. Er hatte damals von ihr einen sehr fachkompetenten Eindruck–sie verstand es, ihr Anliegen klar und strukturiert vorzutragen und sich selbst durch fokussierte Fragen Klarheit über die Dinge zu verschaffen, um die es gehen sollte.

Diese sehr attraktive Frau, die durch ihre aufrechte Haltung auch ihre innere Geradlinigkeit nach außen zu skizzieren schien, ließ Quercus ganz und gar nicht unberührt, zumal sie nicht nur ausnehmend hübsch erschien, sondern es auch sehr gut verstand, durch ihre gesamte Erscheinung, Kleidung und Habitus, eine natürliche Loyalität auszustrahlen.

Damals konnte Quercus auf sie keinen erkennbaren Eindruck hinterlassen–dennoch versuchte er mehrmals vergeblich, erneut in Kontakt mit ihr zu kommen. Schade.

Umso mehr freute er sich über die neue Kommunikations- möglichkeit und schlug sogleich ein zeitnahes Treffen vor Ort vor.

Er konnte sich vor dem Termin von einer gewissen Unruhe nicht freimachen–er hatte sorgsam seine Kleidung ausgewählt und strich sich, wie es seine Art war, mehrmals seinen Bart zu- recht–so musste es gehen.

Bereits die Begrüßung schien ihm gelungen, sein gewinnendes Lächeln wurde zumindest bemerkt und auch beantwortet, in die professionellen Gesprächsinhalte flocht er immer wieder Persönliches ein, um die Aufmerksamkeit auch auf sich zu lenken.

Zwar bewahrte sie beim fachlichen Teil des Gespräches immer die ihr eigene Besonnenheit, gleichwohl stießen seine zwischen- drin ausgeworfenen kleinen persönlichen Köder immer wieder auf Resonanz–so sehr, dass sich am Ende noch eine entspannte Plauderei ergab, die kaum noch etwas von einer flirtfreien Zone hatte.

Zwei Tage später rief Quercus sie unter einem Vorwand, an dessen Formulierung er zuvor lange gefeilt hatte, am Arbeitsplatz an. Die Sorgfalt hatte sich gelohnt, denn er brachte ihn so überzeugend und durch wohlgesetzte Worte so originell vor, dass dieses Telefonat fast in eine Verabredung mündete.

Fast, weil sie–wie sie ihm später als seine Auguste Luise berichtete–Zeit gewinnen wollte, um Klarheit für sich zu bekommen, ob sie es wirklich wagen solle–schließlich wurde es konkret: Das erste Date!

Freitag 17:30 am Hauptbahnhof.

Endlich.

Sie erschien pünktlich. Quercus war überrascht über ihre Er-scheinung, sie war noch hübscher und strahlender, als er sie in seiner Erinnerung abgespeichert hatte. Als sie ihm lächelnd die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte, hatte er Mühe, die sorgfältig einstudierten Begrüßungsworte–und im originellen Formulieren war er Meister seines Fachs–zu rekapitulieren und in die vorgesehene Dramaturgie einzubetten.

Zwar war Quercus bekannt für seine spontanen Einfalle, doch–so dachte er–sicher ist sicher, siehe oben.

Ihre Bewegungen hatten etwas von einer katzengleichen Ge-schmeidigkeit, eine durchaus passende Metapher, denn sie war eine Katzennärrin.

„Sag mir einer was gegen Katzenliebhaberinnen“, dachte Quercus nach vielen Jahren, in denen er deren wunderbaren Vorzüge, entgegen landläufiger Vorurteile, kennen-und schätzen lernen konnte.

Wohltuend, denn er mochte dies besonders, bemerkte Quercus, das Frau … sich einer gekonnten und dezenten Schminktechnik bedient hatte und offenbar einen Friseurbesuch vorangestellt hatte, ein Umstand, für den er sich einen Pluspunkt zuschrieb.

Dennoch schien die Schöne in diesem Augenblick wieder unerreichbarer, das entspricht dem maskulinen Denken, je attraktiver eine Frau, desto größer die Konkurrenz–mal sehen.

Quercus wagt den Sprung ins darwinistische Prinzip, indem er mit einigen wohlgesetzten Komplimenten aufwartet, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Der gemeinsame Abend kann beginnen.

Ein Spaziergang.

Ein wenig Bier, ein wenig Wein.

Behutsames sich Annähern.

Knistern.

Donner und Blitz.

Es ist spät geworden. Quercus begleitet sie zum Hauptbahn-hof. Sie stehen sich gegenüber, reden kaum mehr. Jeder erkennt diesen glücklichen Glanz im Gesicht seines Gegenübers. Der Zug fährt ein.

Quercus nimmt ihr Gesicht ganz zart zwischen seine Hände, die Locken fallen ihr weich in die Stirn, darunter das unglaubliche Leuchten ihrer Augen!

Sanft und unendlich zärtlich drücken sie sich den ersten Kuss auf die geschlossenen Lippen.

Sie winkt aus dem abfahrenden Zug heraus, sie strahlt und strahlt und winkt, winkt…

Quercus fährt mit dem Rad heim, in der Dunkelheit strebt er direkt auf dieses nachleuchtende Strahlen zu.

Als er den hellen Lichtbogen am Ende des Wäldchens erreicht, umgibt ihn die kühle Klarheit des Hier und Jetzt. Seine rotie- renden Beinbewegungen sind langsamer geworden, er war wohl ein wenig besinnlich.

Doch allmählich haben der Fahrer und die Sprache ihren Rhythmus gefunden. Inzwischen durchrollt er einen breiteren Wirtschaftsweg ohne Unebenheiten, angenehmes Fahren, beid-seitig besäumt von saftigen Wiesen, im März und Oktober kann man hier die Kranichzüge beobachten, für viele ein großartiges Erlebnis.

In die fruchtbaren Weiden sind Myriaden von sattgelben Sumpfdotterblumen gemalt, die hervorleuchten wie Sterne am nächtlichen Firmament.

Quercus liegt auf dem Rücken, links neben sich Auguste Luise im Arm. Sie schauen durch das Velux Fenster, direkt über ihnen der Sternenhimmel. Sie suchen gemeinsam den kleinen Wagen, der eigentlich urs minor, kleiner Bär heißt und schau: Dort ist der Polarstern.

Heute soll es besonders viele Sternschnuppen geben, es heißt ja bekanntlich, dass bei deren Anblick der augenblickliche Wunsch in Erfüllung geht.

SSSSSSSSST.

„Was hast Du Dir gewünscht Liebste?“ fragt Quercus.

„Sag ich nicht“, antwortet Auguste Luise mit einem geheimnis-und zugleich liebevollen Lächeln und reibt den Kopf in seine Schulter wie ein Kätzchen. Wie er das liebt. So wohlvertraut. Im Silberschein der Nacht.

Schlaf schön.

Der Blick des Radlers ruht weitwinklig auf der gelbgetupften Landschaft; er glaubt nicht mehr an die Macht der Wunscher-füllungen beim Sternschnuppen gucken.

Weiter durchquert er dieses herrliche Naturerlebnisgebiet, das in den 70er Jahren als ehemalige Verrieselungsfläche trocken- gelegt, intensiv landwirtschaftlich genutzt wurde und nunmehr ein szenisch einmaliges Bild bietet. Stauflächen bilden zusammen mit Feuchtwiesen, Streuobstwiesen und Brachen ein abwechs- lungsreiches Panorama.

Er erreicht gerade eine dieser Stauflächen und wird vom tro- ckenen Wispern des leicht windwogenden Süßgrases freundlich begrüßt. Wie sehr er doch diese Vielzahl von Sinneseindrücken mag: Das tiefe Blau der Luft, die silbrig schimmernde Wasser- oberfläche, umsäumt vom bunten Grün der Flora, die Vielfalt der sich tummelnden Watvögel, von der Uferschnepfe bis zur Brand- gans, Haubentaucher und Reiherente. Alles verwirbelt sich in ihm zu einem sinnlichen Sommertaumel.

Tief einatmend spürt er einen leicht salzigen Geschmack auf den Lippen und ihn überkommt ein Gefühl, als füllten sich seine Lungen mit klarer Nordseeluft.

Quercus und Auguste Luise verbrachten ihren Sommerurlaub, wie so oft, auf einer Nordseeinsel. Sie liebten beide die klare Luft, das herbe Klima und den rauhen Wind, was zusammen mit der oft kabbeligen See eine Einheit bildete, der sie sich schnell zugehörig fühlten.

Sie hatten, wie üblich, das Auto am Festland gelassen und radelten nun die Wirtschaftswege der grünen Insel entlang.

Es war ein heißer Sommertag, der durch die bekannte kühle Nordseebrise für ein angenehmes Klima sorgte. Auguste Luise trug ihr Sonnenkäppi, das Quercus so liebte, mit heller Stroh- krempe und einem ihrer Lieblingsfarbe entsprechenden lachs- farbenen Rand. Ihre lebendigen Augen lagen darunter wie eine Verlockung und als er sich zu ihr unter die Krempe beugte, um sie zu küssen, umfing ihn eine Welt voll sinnlicher Empfin- dungen. Die zärtliche Berührung und der ihr eigene betörende Rosenduft verschmolzen mit dem sommerlichen Aquarell ihrer Umgebung; ihre Umarmung umschloss nicht nur ihre Zweieinig-keit, sie schien die Geheimnisse des gesamten Universums in sich zu bergen.

Mit einem Lächeln lösten sie den wie auf Leinwand gebrachten flüchtigen Augenblick auf und brachten Bewegung in das buntlichte Gemälde. Schweigend bestiegen sie ihre Räder und ließen die süße Leichtigkeit ihrer Seelenverbindung in sich nachklingen. Sonne, Wind, saftig leuchtende Wiesen und der silbrig glänzende Horizont boten einen optimalen Hintergrund.

Beim Anblick der friedlich grasenden Rinder stieß Quercus ein lautes „MMHUUUUU!“ aus;

Er konnte das Blöken besonders gut nachahmen und manch-mal bekam er sogar eine passende Antwort von den Tieren.

Auguste Luise liebte dieses Szenario und forderte Quercus oft genug dazu auf. Heute gelang ihm der Tierlaut besonders gut, er blökte sein Glücksgefühl mit einer kaum zu überbietenden Inbrunst hinaus.

Auguste Luise stieß einen Juchzer aus.

Das konnte sie besonders gut.

Wenn sie sehr glücklich war.

Gerade als sie in eines dieser kleinen pittoresken Nordseedörfer einradelten, wies Auguste Luise auf ein am Dorfeingang stehen-dendes Wohnhaus. „Schau–dort wird gerade das Reetdach erneuert.“

Reet und Schilf war eines der ersten Bedachungsmaterialien sesshaft gewordener Menschen und wird besonders in den Nord- seeküstenregionen als traditionelles Handwerk weitergepflegt; bereits 4000 vor Christus, heißt es, sorgte es für einen guten Kälte-und Wärmeschutz der Bewohner, sodass sie sich stets „wohlbehütet“ wussten.

Sie hielten an und schauten ein wenig zu, wie die Arbeiter gekonnt mit ihren Reetmessern, Reißhaken und Klopfbrettern das Schilfrohr bearbeiteten. Von Weitem betrachtet hatten die Handgriffe und Bewegungsabläufe fast etwas Leichtes, Medita-tives, gleichwohl ist dazu sehr hohe Konzentration und viel körperliche Kraft erforderlich.

Und manchmal, so wird erzählt, vernimmt man ein geheim- nisvolles Flüstern von Oben aus dem Dachstuhl.

Auguste Luise winkt den Arbeitern freundlich zu.

Sie winken zurück.

Die lebhaften Erinnerungen erzeugen im Radler eine ungeheure körperliche Energie, die in einen gewaltigen Endorphinenschub mündet und nach Entladung sucht. Er legt einen Zwischenspurt ein, sodass die Asphaltdecke unter ihm sich immer schneller zu teilen beginnt und die Landschaft zu beiden Seiten dahineilt wie zwei Filmstreifen im Zeitraffer.

Da er viel und vornehmlich sportlich fährt, hat er sich ein Singlespeed zugelegt, eines dieser filigranen puristischen Renn- räder ohne Gangschaltung. Sie sind wenig reparaturanfällig, bedürfen kaum der Wartung und haben wenig Gewicht.

Das kommt ihm gerade zupass, denn er fliegt mit einer Leich- tigkeit dahin, die nur die Kraft glücklichen Empfindens auf die Muskulatur zu übertragen vermag. Der Fahrtwind treibt ihm die Tränen ins Gesicht und es scheint fast, als gesellten sich feine Sandkörnchen hinzu.

Sie waren barfuß und gingen mit hochgekrempelten Hosen-beinen am Strandsaum entlang, begleitet von den tosenden Naturgewalten einer durchziehenden Nordseewetterfront.

Quercus Bart und Auguste Luises durch Wind und Sonne fast weißblonden Locken flatterten im Wind wie die in Sichtweite knatternde Fahne der nahen Rettungsstation.

Die dem doch recht frischen Wind trotzenden Gesichter waren zu Grimassen zusammengekniffen und als sie kurz zu einer Umarmung verharrten, brachen sie bei ihrem Anblick in ein ausgelassenes Gelächter aus.

„Süß“, bemerkte Auguste Luise schelmisch–„Noch süßer“, antwortete Quercus und platzierte seine salzigen Lippen mitten in die kleinen Falten ihres frischen und hauchrosa Nordseegesichtes.

Schon bald klarte es auf, nicht untypisch für Inselwetter, die Sonne trat hervor und überzog die Nordsee bis zum Horizont mit einem silbernen Glanz.

Sie bewegten sich inmitten der vier Elemente in ihrer ureigenen Form. Sonne, Luft, Erde und Wasser verschmolzen um sie herum zu einer universellen Einheit.

Auguste Luise interessierte sich für Astrologie, legte gern Tarotkarten und erstellte mitunter auch mit äußerster Sorgfalt Horoskope; Quercus kam ebenfalls in diesen Genuss–seither weiß er seine exakte Geburtsstunde, denn sie bat ihn, dies bei der zuständigen Behörde seiner Geburtsstadt, in Erfahrung zu brin-gen, damit sie exakte Basisdaten habe.

Angesichts der entfesselten Elemente nun war Auguste Luise nicht mehr zu halten, sie entkleidete sich und gab sich ihnen in aller Natürlichkeit hin.

Sie waren an einer recht einsamen Stelle des Strandes und außer den beiden war niemand in Sichtweite.

Da Auguste Luise hellhäutiger Natur war und schnell zu Sonnenbrand neigte, war sie sehr sorgsam in Bezug auf Sonnen- baden. Je und je kam sie glückstrahlend und ein wenig atemlos zu Quercus zur Sonnenbrandprophylaxe gelaufen.

Um zu testen, ob ein textiler Schutz vonnöten sei, pflegte sie besonders anfällige Stellen, Nacken und Dekolleté mit dem Finger leicht einzudrücken, um Quercus Einschätzung zu diesem Farbtest zu hören.

Beim leisesten Anzeichen einer Verfärbung von Weiß zu Rot schlang sie sich dann ein Seidentuch gekonnt um die gefährdeten Stellen. Auguste Luise liebte Seidentücher, sie hatte zuhause eine Riesensammlung–„ich bin gut betucht“, pflegte sie zu sagen–und in der Kunst, ein Tuch zu einem durchaus funktionalen Kleidungsstück zu formen, war sie unschlagbar: Vom Turban bis zum Sommerkleid, vom Bikini-Oberteil bis zum Rock vermochte sie aus diesem Hauch von Stoff alles Mögliche zu formen.

Umschlungen mit einem ihrer Seidentücher vereinigte sie sich erneut mit den Elementen. Als Quercus sie liebevoll betrachtete, wie sich ihre aufrechte Gestalt mit dem flatternden Schal inmitten der tosenden Gischt leuchtend gegen Sonne und Horizont abhob, fiel ihm intuitiv die passende Bezeichnung ein.

Die Schaumgeborene.

Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der Sinneslust , die als die strahlendste und lieblichste Göttin bei den Griechen galt.

Als sie zum Abtrocknen kommt empfängt er sie mit den Wor- ten: „Du bist die goldene Aphrodite, die das Lächeln liebt.“ 1

„Genau“ entgegnete sie, aber auch das Abtrocknen, zeig mal was in dir steckt, HOMER.“

Inzwischen hat er das kleine Birkenwäldchen erreicht, dessen lindes Wechselspiel von Licht und Schatten sich auf sein Gesicht legt und innere Bilder in ihm erzeugt wie mit einer Laterna magica. Das leise Rascheln der silbrig schimmernden Blätter begleitet ihn, als er wattig in den Strudel seiner Erinnerung taumelt.

Manche sagen, Quercus trage die erste Silbe in seinem Namen nicht ganz zu Unrecht, denn die Art seines Denkens, seine Prinzipien und Einstellungen wiesen doch sehr darauf hin.

Auguste Luise machte sich ans Werk, diese doch recht „harte Nuss“ zu knacken und brachte es mit der Zeit fertig, diese Strukturen in ihm zu lösen, auf die ihr eigene sanfte und kluge Art, sodass er selbst es erst gar nicht bemerkte..

Sie war eine gerade und im Denken wohlstrukturierte Frau, die es vortrefflich verstand, Situationen sowie die Beziehungen von Menschen untereinander klar zu analysieren und zu deuten.

Nichts hasste sie mehr, als Generalisierungen, die im täglichen Leben allemal viel zu oft vorkommen und sehr vielen Menschen durch diese Art Pauschalbeurteilung heftiges Unrecht zufügen.

Zwar konnte sie dann auch recht massiv und deutlich werden, meistens hingegen bediente sie sich einer besonnenen Drama- turgie, die auch bei notorisch Uneinsichtigen ihre Wirkung nur selten verfehlte, respektive bei „Quer“-Köpfen.

Sie erzählte dann eine Fabel oder ein kleines persisches Mär- chen, das den Zuhörer unmittelbar in eine alternative Denkweise lenkte.

Fast immer hielt sie eine passgenaue Parabel bereit, in deren Spiegel sich die einseitigen Denkstrukturen des Gesprächspart-ners aufzulösen begannen.

Quercus war ein notorischer Nichttänzer, der die letzten dreißig Jahre diesbezüglich „in völliger Regungslosigkeit verharrt“ hatte.

„Tanzen ist für einen Mann ein hochnotlächerlicher Aggregat-zustand“ war sein Standardspruch(s. o.).

Auguste Luise hingegen war eine leidenschaftliche Tänzerin und ihr gelang es, auch Quercus zu einem passionierten Tango- tänzer mutieren zu lassen.

An einer Stelle lichtet sich das Wäldchen und der Radfahrer quert rechter Hand einen Hof, in dessen Einfahrt braune und weiße Hühner gackernd umherstolzieren, im Hintergrund bellt verhalten der Hofhund und in der Mitte des Hofes schlägt ein Pfau sein farbenprächtiges Rad…der Betrachter schmunzelt.

Die Ebenen der ganz besonderen Liebesbeziehung zwischen Auguste Luise und Quercus gestalteten sich vielschichtig, was sie stets frischhielt. Auguste Luises Neigungen hingen am Zärtlichen, Sanften, mitunter Tantrischen, gleichwohl gewann sie auch dem Archaisch-Männlichen, Wilden etwas ab.

Zu Beginn ihrer Beziehung, in der Zeit des sich Abgrenzens und des sich zueinander Verortens waren sie sich nicht selten uneinig. Und wenn Quercus seinen Standpunkt äußerst vehement und mit Nachdruck vertrat, blieb sie stets moderat– es sei denn, er verabsolutierte: Das hasste sie (siehe oben). „Ich will einen Kerl, keinen Ja-Sager!“lautete ihre klare Ansage. Quercus fand dies beeindruckend.

Die Ambivalenz ihrer Liebesbeziehung zeigt sich an einem weiteren Beispiel.

Vor Jahren hatte ihn eine neue Kollegin–die später übrigens als eine sehr gute Kollegin jahrelang mit ihm zusammenarbeitete–als „Pfau“ bezeichnet–zurecht, ist er doch ein sehr stattliches und schmuckes Tier. Quercus ist schon auch ein Poser und durchaus mit einer guten Portion Eitelkeit ausgestattet. Er selbst hält dies–wenn nicht übertrieben– durchaus für eine Kompetenz, denn sie zwingt zu Disziplin und Achtsamkeit und „hält den Rücken gerade“.

„Ich hab mich in Deine Seele verliebt“, sagte Auguste Luise oft zu ihm, jedoch wusste sie ebenso Quercus durchtrainierten Körper zu schätzen und bekräftigte dies nicht selten mit ent- sprechenden Komplimenten, für die er natürlich sehr empfäng- lich war. Und wenn er sich nach dem Training aufgepumpt und verschwitzt vor ihr aufbaute, pflegte sie ihn häufig, sanft und liebevoll lächelnd (und er selbst hörte auch ein wenig Bewunderung heraus) „Mein HULKY“ zu nennen und ihn zu umarmen.

Archaische Männlichkeit und zärtliche Sanftmut in einem Wort zu vereinigen–das schafft nur Eine.

Auguste Luise.

Keine ist wie diese.

.

Der einsame Radler verlässt nun das Birkenwäldchen und er- reicht einen kleinen und leicht mäandrierenden Wirtschaftweg, von kleinen hochstämmigen Bäumchen bestanden. Auf dem gut geteerten Untergrund durchrollt er saftige Wiesen und bereits sich goldgelb färbende Weizenfelder.

Hinter der nächsten Biegung gleitet sein Blick nach links und ruht auf einem in der Ferne sichtbaren Bauernkotten vor einer leicht ansteigenden und dicht bewaldeten Anhöhe, davor friedlich grasende Rotbunte.

Über sein Gesicht huscht ein leises Lächeln.

Es war ein linder Sommerabend wie aus einem Bilderbuch. Quercus und Auguste Luise folgten einer Einladung zu einer Ge- burtstagsparty ein wenig außerhalb, irgendwo im Teutoburger Wald in landschaftlich reizvoller Lage. Die zwei freuten sich auf einen anregenden und entspannten Abend auf dem Lande inmitten der Natur.

Der „Event“ fand in einem sogenannten Heuerhäuschen, bes- ser bekannt unter der Bezeichnung Kotten, eines jener kern- renovierter Wohngebäude abseits des Dorfzentrums, statt.

Diese Häuser waren gemeinhin sehr beliebt bei dem Stadtleben entsagender und karrieremüder Menschen, die beschlossen hat- ten, sich nur noch dem Wesentlichen zu widmen, sich selbst.

So auch die Geburtstag feiernde Freundin Auguste Luises, die sich an dieser Örtlichkeit dem Handwerk des Töpferns ver- schrieben hatte. Der erste Teil des Abends übertraf all ihre Er- wartungen, nette Leute, anregende Gespräche, blumig und heuduftendes Ambiente.

Der Störfaktor tauchte in Form eines schlaksigblonden und für sein Alter viel zu schrill gekleideten Mannes auf, an dessen braungebrannter offener Hemdenbrust ein geheimnisumwitterter Lederbeutel baumelte. Quercus musste unmittelbar an einen Medizinmann denken.

Wie richtig.

Kaum hatte sich diese Erscheinung zwischen Auguste Luise und Quercus gequetscht, begann er, auf sie, zu seiner Linken, mit einer propagandistischen Vehemenz einzureden, die mit india- nischer Würde und Besonnenheit so viel zu tun hatte, wie die Kuh mit dem Sonntag.

Die Musik spielte laut, doch den Wortfetzen konnte Quercus entnehmen, dass es sich um jene indianisch alternativen Inhalte handelte, in denen er nicht nur seine eigene höchste Bestimmung zu finden schien, sondern damit „hausieren“ ging, um auch andere davon zu überzeugen

Quercus hasste diese impertinente Verbindung aus Verein- nahmung und Selbstdarstellung, doch noch beherrschte er sich und nahm stattdessen einen tiefen Zug aus seiner Bierflasche.

Auguste Luise hörte dem Redner leicht zugewandt höflich lä-chelnd und geduldig zu, in Quercus hingegen stieg allmählich der heilige Zorn hoch–inzwischen hatte sich auch heimlich eine gute Portion Eifersucht hinzugesellt–was zu einer deutlichen Erhö- hung nicht nur seiner Pulsfrequenz, sondern auch seine Flasch- bierschlucke geführt hatte.

Bei der dritten Flasche war es soweit, er begrub all seine Skrupel an der Biegung seines inzwischen nur noch zäh funktionierenden Gedankenflusses: Es katapultierte ihn geradezu von seinem Stuhl, als er sich vor der Erscheinung aufbaute. Aus der hochwertigen Audioanlage röhrte altersadäquat der Sound von AC/DC und veranlasste die Tanzenden zu den üblichen Verrenkungen, was Einigen wegen des mitunter bereits stark herabgesetzten Halt- barkeitsdatums und somit auch der altersgemäßen körperlichen Einschränkungen offensichtlich nicht leichtzufallen schien.

„WIE LA...“ Der aufmerksamen Gastgeberin war es nicht ent- gangen, dass Quercus dem blonden Indianer offenbar etwas Wichtiges mitzuteilen habe und drückte rücksichtvoll den Musik-Off-Knopf, „…ANGE WILLST DU DIR DENN NOCH DEN BULLSHIT VON DEM DURCHGEKNALLTEN OBERIN- DIANER ANHÖREN?“ brüllte Quercus wie ein Stier gegen die tobende Geräuschkulisse an, direkt in die unerwartet einsetzende Stille hoch drei hinein: Die gesamte Partyszene gefror, Tanzende erstarrten zu Salzsäulen, der blonde Indianer hielt sich hilfesu- chend nestelnd an seinem vergilbten Medizinbeutel fest.

Quercus ging zur Gastgeberin, bedankte sich bei ihr für die Einladung, entschuldigte sich artig für den Vorfall und ging mit gradem Rücken und–so hoffte er–auch ohne zu schwanken. Die Gastgeberin drückte flugs den Musik- wieder- On-Knopf.

„Highway To Hell“. Wie passend.

Quercus setzte sich ins Auto und versuchte, die Ruhe und die schöne Aussicht trotz seines inzwischen aufkeimenden schlech- ten Gewissens Auguste Luises gegenüber, zu genießen. Ein Käuzchen schrie. Eine Nachtigal klagte. Der Mondenschein ließ sein–inzwischen mitunter zu einem unkontrollierten Zucken neigendes–Antlitz noch ein wenig bleicher erscheinen.

Das Käuzchen hatte inzwischen aufgehört zu schreien, selbst die Nachtigall hatte ausgeklagt. Über allen Wipfeln ist Ruh. Quercus wartet. Als er endlich Schritte vernahm öffnete Auguste Luise mit einer dynamischen Bewegung die Autotür, wandte sich ihrem Liebsten mit einem frischen Lächeln zu und sagte: „Komm, wir fahren jetzt nach Hause mein Schatz.“

Quercus atmete auf. Geschafft.

Beim Manitou.

Auguste Luise.

Keine ist wie Diese.

Der Radler zieht die würzige Sommerluft tief in seine Lungen, aus der Ferne nähert sich ein Auto und er drosselt sein Tempo ein wenig.