Flut und Sterblichkeit - Vougar Aslanov - E-Book

Flut und Sterblichkeit E-Book

Vougar Aslanov

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Beschreibung

"Flut und Sterblichkeit“ ist ein Zyklus von Erzählungen, die der Frankfurter Schriftsteller Vougar Aslanov nach den Motiven der Mythen, Sagen und Märchen aus dem alten Zweistromland, aus Indien, dem Kaukasus, Zentralasien, nach den altgermanischen Epen sowie Schamanen-Geschichten aus Sibirien entwickelt hat. Die alten Überlieferungen, die von Menschen und Göttern erzählen, bleiben auch in unserer Zeit nicht wirkungslos. Denn es ist kein Geheimnis, dass verschiedene Völker immer auch an verschiedene Mythen geglaubt hatten, was auch heute nicht viel anders ist. Oft auch kennt ein Volk die Mythen nicht, die die Kultur und Geschichte eines anderen Volks geprägt hatten. Daher sollte es zur besseren Verständigung unter den Völkern und Kulturen kommen, wenn man nicht nur die eigenen Mythen und Sagen, sondern auch jene von fremden Völkern kennen lernen würde. Mit einem von Holger Much illustrierten Buchumschlag.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

1. Auflage: 15. Dezember 2024

© Edition Outbird, Gera

www.edition-outbird.de

Covergrafik: Holger Much

Lektorat: Vanessa-Marie Starker, Hannah Rafalski, Tristan RosenkranzeBook-Formatierung/-konvertierung: Hannah Rafalski

ISBN: 978-3-948887-32-2

Alle Rechte vorbehalten.

VORWORT

FLUT UND STERBLICHKEIT

DER GROSSSCHAMANE

DIE GESCHICHTE VON DIAUS

DIE VERBRENNUNG DER SCHLANGEN

SIEBEN PRINZESSINNEN

DER GOLDENE APFEL

AKTAION, DER HERZENBRECHER

WAS PASSIERTE AM NEMI-SEE?

DEN EID NIE BRECHEN

SAGE VON HAMLET

DER LUSTIGE JUNGE MANN TIL EULENSPIEGEL

VORWORT

Die Geschichten von Menschen und Göttern nach den Motiven der Mythen, Sagen und Legenden aus verschiedenen Epochen

Die himmlische und irdische Macht…

Es wird öfter von der Verbindung zwischen der himmlischen und irdischen Macht gesprochen. Je mehr Tyrannei auf der Erde, umso freier das Verhältnis zur himmlischen Macht. Und je tyrannischer die himmlische Macht ist, ein umso freieres Verhältnis hat man zur irdischen Macht. Wenn die Menschen keine Freiheit auf der Erde fanden, konnten sie es sich erlauben, die Götter-Tyrannen zu kritisieren. Je grausamer die Macht auf der Erde war, umso schärfer war auch die Kritik der Götter. Als dann die Religionen mit einem einzigen Gott entstanden waren, konnte man sie nicht mehr kritisieren. Vielleicht hat gerade das die Kritik der irdischen Macht und den Kampf des Menschen um die Freiheit verstärkt. Aber selbst, wenn man einmal auch ein freieres Verhältnis auf der Erde erreicht hatte, konnte man sich trotzdem von der Tyrannei und Willkür des Himmels nicht befreien…

„Geschichten von Menschen und Göttern“ ist ein Zyklus von Erzählungen, die ich nach den Motiven der Mythen, Sagen und Legenden aus verschiedenen Epochen und Kulturen geschrieben habe.

Die Überlieferungen aus den alten Zeiten sind nicht gleich: Eine Legende hat eher einen lokalen Charakter und ist mit einem Ereignis, mit einer Geschichte aus einem bestimmten Ort verbunden. Die Sagen sind zumeist Helden- und Liebesgeschichten, die Märchen können dabei als Endstoff betrachtet werden, da sie in der Regel später entstanden sind. Ich halte unter allen Überlieferungen die Mythen für wichtiger, weil diese irgendwann in alten Zeiten einen Grundstoff gebildet hatten, worin es öfter um die Entstehung der Welt und göttlichen Weltordnung ging. Die alten Religionen waren auch fast immer aus diesem Grundstoff entwickelt, daher hatten die Mythen, neben den Sagen über die Götter und Helden, immer einen größeren Einfluss auf die Menschen, als die anderen Überlieferungen.

Ich bin auch überzeugt, dass das Geheimnis der Welt in den Mythen verschlüsselt ist. Wer aber mit den Mythen arbeitet, ähnelt einem Dompteur, der Löwen dressiert. So wie in jedem Augenblick ein Dompteur von Löwen zerrissen werden kann, kann auch ein Mensch, der mit den alten Mythen arbeitet, von ihnen verschlungen werden. Er gleicht auch einem Taucher, der zu tief ins Meer hinabtaucht, viele kehren nie wieder zurück. Wie ein mächtiger Ozean eine Stadt überschwemmt, so können auch die Mythen die Persönlichkeit des Menschen überfluten. Wodurch wird dies verursacht? Hat man erst einmal die Kraft, Energie und Schönheit, die in Mythen versteckt sind, entdeckt, kann man davon fasziniert werden. Sie können sich aber nicht vorstellen, was für ein Risiko Sie eingehen, wenn Sie tief in einen Mythos eintauchen. In der Welt der Mythen herrscht eine feste Ordnung, es gibt keine Frage, die sie nicht beantworten.

Ergreifen die Mythen jedoch die Macht über Ihre Persönlichkeit, wird die Faszination zur unstillbaren Sehnsucht, die Begeisterung zur wahren Besessenheit. Das ist die große Gefahr. Deshalb will wohl überlegt sein, ob man sich in einen Mythos vertieft oder es besser sein lässt.

Dennoch gehen manche diesen gefährlichen, abenteuerlichen Weg.

FLUT UND STERBLICHKEIT

Nach Motiven der sumerisch-akkadischen und babylonischen Mythen

In Uruk, im Tempel des Obergottes Enlils, versammelte eines Tages der Oberpriester Kuntesch seine Gemeinde um sich. Er trommelte, als ob es im Himmel donnere, er rief so laut und so rasend nach den Göttern, als wolle er diese auf den Altar niederbringen. Indes er weiter trommelte, verkündete Kuntesch: „Oh, wie groß waren die Taten in der Vergangenheit! Einst gab es eine Flut, eine solch mächtige Flut, dass die ganze Erde tief unter Wasser stand. Es gibt eine Vorgeschichte, warum es zu dieser Flut gekommen war. Daher muss ich alles von Anfang an erzählen. Am Anfang war nur ein tiefer Abgrund, in dessen Tiefe Wasser floss, und der göttliche Geist flog über das Wasser. Durch diesen Flug wurde das Wasser schwanger und gebar einen Berg. Dieser war die Mutter Erde, die ihrerseits bald den Gott Himmel gebar. Bald wurde Mutter Erde vom Himmel geschwängert und gebar die Götter, deren ältester Enlil war. Enlil mochte seinen Vater Himmel nicht; dieser lag nur untätig in den Armen seiner Mutter und Frau Erde.

Eines Tages nahm Enlil ein Messer und trennte die beiden, so ging der Himmel hinauf und die Erde blieb unten. Danach tötete Enlil den Drachen Tiamat und schuf aus dessen Leib und Blut die Welt ringsum. Unsterblich wurden die Götter geschaffen und sie lebten sorgenfrei. Als jedoch einst ihr Vorrat an Essen und Trinken zu Ende ging, wurden sie nachdenklich: Sollten sie nicht ein Wesen schaffen, das ihnen ähnlich wäre und für sie arbeitete? Das sollte jedoch ein schwaches Wesen sein, das ihnen dienen und für sie arbeiten würde; so müssten sie selbst nicht arbeiten und ans tägliche Brot denken. Im Götterrat, den der große Gott Enlil leitete, wurde entschieden, ein Wesen ähnlich den Göttern zu schaffen, das aber viel schwächer sein müsste als die Götter und auch sterblich, damit es sich leicht unterordnen ließe. Dieses neue Wesen dürfte nicht im Himmel, sondern auf der Erde leben. Man fand auch einen Namen für dieses Wesen: Mensch. Er musste alle Schwierigkeiten des Lebens auf der Erde bewältigen, arbeiten, Tiere halten, ackern und ernten, den größten Teil der Ernte aber den Göttern zum Opfer bringen. So begann das Leben des Menschens auf der Erde, das voll von schweren Mühen und Sorgen, versehen mit Trauer und Kummer war. Die Götter wollten, dass dieses Wesen einen Nachkommen bekommt und waren bereit, nun seinen weiblichen Teil zu schaffen. Als der Mann im Schlaf war, machten sie zunächst aus seinem Bein eine Frau, dann aus seinem Arm, dann aus seinem Ohr. Aber jedes Mal sah der Mann sehr schlecht und hilflos aus ohne dieses oder jenes Körperteil. Dann entschieden sich die Götter, eine Frau aus seiner Rippe zu schaffen; es würde niemand sehen, dass in seinem Leib eine Rippe fehlt, dachten sie. Der Mann erzog mit dieser Frau die Kinder und die Menschen vermehrten sich immer weiter auf der Erde. Aber das Schicksal des Menschen war weiterhin von den Göttern abhängig, er war kein Herr über sich; das, was er hatte, auch seine Familie, gehörte ihm nur im Laufe seines Lebens. Der Preis für alle seine schweren Mühen und Leiden, die er ertragen musste, war der Tod, der nach einem kurzen Aufenthalt auf der Erde folgte und ihm alles wieder entzog. Ja schwer, sogar unerträglich war das Leben des Menschen auf der Erde, dennoch wollten die Götter daran nichts ändern; sie verlangten vom Menschen weiter treuen Dienst, Beten und das Bringen von Opfern, und das alles, während er sie für ihr sorgloses und sattes Leben versorgen musste.“

Der Oberpriester Kuntesch trommelte ein weiteres Mal sehr laut und leidenschaftlich und rief wieder sehr heftig nach den Göttern; derweil waren jetzt in seiner Stimme mehr Trauer als Freude, mehr Enttäuschung als Begeisterung zu hören…

Die Großgöttin Inanna war alleiniger Trost für die Menschen. Sie stand ihnen am nächsten. Die ganze Nacht strahlte sie und schickte ihnen ihre Liebe und blieb bis zum Morgengrauen im Himmel. Die Liebesgöttin wollte dadurch den Menschen das Leben erleichtern, dass sie sich der Liebe hingaben und für eine Zeit vergaßen, welch schweres Schicksal sie hatten. Eines Nachts stand die Großgöttin Inanna wieder am Himmel und schaute sich um: Der ganze Himmel war von ihren Strahlen erhellt, die Erde schwamm im Licht, das sie nach unten schickte. Die Liebesgöttin ward stolz und fröhlich und sprach: „Ich bin Königin des Himmels, die Herrin der Länder, der Stern des Sonnenaufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde.“

Doch als sie sich an die Unterwelt erinnerte, wurde sie nachdenklich. Im Totenreich herrschte ihre ältere Schwester Göttin Ereschkigal und das war eine Welt, in die Inanna nicht dringen konnte.

„Nein“, sagte die Liebesgöttin. „So darf es fürderhin nicht länger bleiben: Meine Schwester quält die armen Toten, die es sehr schwer haben. Auch die Toten brauchen Licht und Liebe.“

So entschied sich Inanna, in die Unterwelt hinabzusteigen, ohne jemandem etwas davon zu sagen, außer ihrem Diener Ninschpur, dem die Liebesgöttin erzählte, dass sie für eine kurze Zeit ihre Schwester im Totenreich besuchen wolle. So stieg Inanna in die Unterwelt hinab, verharrte vor dem Tor und wartete, bis der Wächter des Tores nahte.

„Heh, Wächter!“, rief sie laut und fröhlich. „Öffne mir das Tor! Ich will dort hinein!“

„Wer bist du?“, fragte der Wächter erstaunt. „Noch nie habe ich erlebt, dass jemand hier so laut rief.“

„Ich bin Königin des Himmels, die Herrin der Länder, der Stern des Sonnenaufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde“, sprach die Göttin feierlich und würdevoll.

„Wenn du die Königin des Himmels, die Herrin der Länder und der Stern des Sonnenaufgangs bist, was sucht du dann hier im Totenreich?“, fragte der Wächter wieder erstaunt. „Hier gelten andere Gesetze und der Wille der Großgöttin Ereschkigal steht über allem. Nur sie kann dir erlauben, hereinzukommen.“

„Ereschkigal ist meine ältere Schwester“, antwortete die Liebesgöttin. „Ich bedauere es sehr, dass sie ewig in der Unterwelt verweilen muss. Dies will ich nun ändern. Meine Stärke, mein Licht reichen aus, um auch die Unterwelt zu erhellen, den Toten und meiner Schwester selbst will ich das Licht bringen, in ihren Herzen will ich die Liebe erregen, sie alle wieder glücklich machen. Trauer erfüllt sonst mein Herz, Wächter! Wenn ich von oben hinunterblicke und an das dunkle Totenreich denke, schmerzt es mich sehr. Es muss nicht mehr so bleiben! Sag meiner Schwester, der Göttin Ereschkigal, Bescheid, dass ich hergekommen bin, um das zu ändern. Sag ihr, dass sie mich hereinlässt, damit ich alle wieder glücklich mache.“

Kopfschüttelnd ließ sie der Wächter alleine vor dem Tor zurück, trat vor Ereschkigal und berichtete alles der Herrin der Unterwelt.

Wie immer war Ereschkigal nicht alleine, sie saß umringt von zehn Richtern. Die Nachricht des Torwächters erzürnte sie sehr.

„Habt ihr dies alle gehört?!“, fragte die Herrscherin des Totenreichs die Richter. „Meine kleine Schwester kommt hierher, um uns und unsere Toten glücklich zu machen! Macht will sie nun auch im Totenreich gewinnen! Sie vergisst jedoch, dass unser Vater, der große Enlil, unsere Aufgaben einst verteilt hat: Ihr gab er die Macht im Himmel, um ihn am längsten zu beleuchten, mich schickte er hierher, um das Totenreich zu regieren. Mit keinem Wort zweifelte ich an seiner Entscheidung, denn es war der Wille des großen Enlil; ich übernahm gehorsam meine Aufgabe und erfülle sie hier. Was will aber Inanna in Wahrheit? Sind für sie vielleicht zu wenige Männer im Himmel und auf der Erde? Sucht sie jetzt die Männer auch im Totenreich?“

Die Göttin Ereschkigal überlegte kurz und fragte dann den Wächter: „Wie ist sie gekleidet?“

„Die Göttin Inanna trägt sieben wunderschöne Kleider, oh Göttin Ereschkigal!“, antwortete der Torwächter.

„Diese sind die sieben göttlichen Gesetze, die diese Leichtfertige unserem Vater Enlil gestohlen hat!“, sprach Ereschkigal empört. „Trunken machte sie einst den großen Enlil und raubte ihm diese Gesetze. Solange sie jedoch diese Gesetze trägt, ist sie unantastbar. Heh, Torwächter, gehe zurück und sage ihr, die Gesetze der Unterwelt seien unveränderbar. Hier kann man nur nackt eintreten. Daher soll sie ihre schönen Kleider vor dem Tor lassen.“

Der Wächter ging zurück zum Tor und teilte Inanna alles mit; die Liebesgöttin war darauf sehr enttäuscht. „Meine sieben Kleider, die ich übereinander angezogen habe, geben mir nicht nur Schutz, sondern bedeuten immer aufs Neue, dass die Liebe über allem steht, auch über den Gesetzen. Wenn sie mich jedoch unbedingt nackt sehen will, werde ich mich ausziehen und lasse meine Kleider vor dem Tor. Sieht sie erst meinen schönen Körper, so wird sie besser verstehen, was Schönheit bedeutet und weshalb diese auch in ihrem Totenreich herrschen sollte.“

Sie ließ ihre sieben schönen Kleider vor dem Tor und ging hinein. Der Wächter brachte sie zu Ereschkigal und ihren Richtern. So beeindruckt waren die Richter von der Schönheit der Liebesgöttin, dass sie nicht aufhören konnten, ihren nackten Körper zu betrachten. Das machte Ereschkigal noch wütender.

„Ah, meine kleine Schwester“, begrüßte sie Inanna, „sei willkommen im Totenreich. Lange Zeit habe ich dich nicht gesehen und bin sehr froh darüber, dass du gekommen bist, um deine ältere Schwester zu besuchen. Wie komme ich aber zur Ehre, von dir besucht zu werden, meine liebe Schwester? Was hat dich hergeführt?“

„Ereschkigal, meine liebe Schwester! Nicht unser Vater Enlil regiert die Welt, sondern die Liebe! Das bewegt Götter und Göttinnen im Himmel, die Menschen und die Tiere, von den Ameisen bis zu den Elefanten, alles Lebendige auf der Erde! Ob im Himmel oder auf der Erde, alles ist der Liebe untergeordnet. Auch der große Enlil selbst! Er kann mit mir nicht lange reden; dann läuft er weg, um sich vor den Strahlen meiner alles durchdringenden Liebe zu retten…“

„Einst hast du den großen Enlil betrunken gemacht und ihm die Gesetze gestohlen, kleine Schwester, das weiß ich…“

„Trunken war er dereinst nicht vom Wein, den wir zusammen genossen, es waren meine Liebesstrahlen, die ihm die Sinne raubten. Deswegen scheut er es seitdem, sich lange mit mir zu unterhalten...“

„Aber, kleine Schwester, sag mir, warum du gekommen bist? Was sucht so eine Schöne, vor Liebe Strahlende hier im Totenreich?“

„Meine liebe Schwester Ereschkigal, höre meine Worte: Heute des Nachts stand ich oben und freute mich darauf, wie man sich im Himmel und auf der Erde der Liebe hingeben würde. Ich erkannte plötzlich, dass nicht Enlil, sondern die Liebe den Himmel und die Welt regiert. Dann dachte ich an die Unterwelt, an jene armen unglücklichen Toten, die als einzige von der Liebe nichts haben…“

„Das sind die Gesetze, die unser Vater – der große Enlil – festgelegt hat, kleine Schwester!“

„Wer ist aber unser Vater Enlil? Er ist ein alter, greisenhafter Gott, der selbst des Öfteren nicht mehr weiß, was er tut. Einmal wollte er die Menschen und auch alles Lebendige auf der Erde vernichten. Wie lange flehte ich ihn an, dies nicht zu tun, jedoch hörte er mir nicht zu. Gelang es ihm dann schließlich, die Menschen zu vernichten? Nein.“

„Höre, kleine Schwester: Ich habe kein Recht und keine Macht, um über die Gesetze und Taten des großen Enlils zu richten. Meine Aufgabe ist einzig, seine Gesetze und Befehle getreu zu erfüllen!“

„Meine liebe Schwester Ereschkigal! Wozu brauchen wir, sag mir, diesen alten verblödeten Enlil? Die Welt regiere ich, alles ist im Himmel und auf der Erde meinem Willen unterworfen, der Liebe untergeordnet. Ich beherrsche auch die Gesetze Enlils, die ich jetzt vor dem Tor liegen lassen habe. Lass mich die Macht mit dir teilen. Wir, als Göttinnen verschwistert, werden Himmel, Erde und Unterwelt regieren. Erlaube mir nur, auch dein Reich zu erhellen, meine Liebestrahlen auch hier eindringen zu lassen. Auch die Toten sollen wissen, was Liebe bedeutet und glücklich sein in deinem Reich. Einzig die Macht fehlt mir in deinem Reich!“

„Jetzt habe ich dich gut verstanden, kleine Schwester! Du selbst willst Herrscherin von allem sein, unseren Vater, den großen Enlil stürzen, und mich rufst du zur Verschwörung gegen ihn auf! Du hast aber eins vergessen: Wer hat mich und dich erschaffen? Wer hat mir und dir unsere Aufgaben zugeteilt? Nein, Schwester, ich kann gegen den Willen des großen Enlils nicht angehen: Seine Gesetze sind unverletzbar und ein jeder muss sie erfüllen, ob Gott, Mensch oder Tier. Denkst du, dass es mir gefällt, ewig hier in der Unterwelt zu verweilen? Als Enlil die Aufgaben verteilte, machte er mich zur Göttin der Unterwelt, weil er dich, seine Liebste unter den Töchtern, zur Liebesgöttin machen wollte. Ich sagte nichts dazu, ich unterwarf mich dem Willen unseres Vaters und seitdem erfülle ich hier meine Aufgabe. Du bist aber verwöhnt durch ihn, tust alles, was du willst, im Himmel und auf der Erde, und jetzt willst du Enlil stürzen und auch mir mein Reich streitig machen?“

„Meine liebe Schwester Ereschkigal! Hör mich an!“, bat Inanna die Herrscherin des Totenreichs.

„Nein, kleine Schwester, ich habe dir schon lange genug zugehört. Meine Richter werden jetzt entscheiden, was mit dir geschehen soll“.

Nun hörten alle Richter Ereschkigal aufmerksam zu und schauten die nackte Inanna nicht mehr an.

„Ihr Richter, entscheidet nun, ob Inanna schuldig ist: Hat sie versucht, euch, die Richter des Totenreichs, zu verführen? Hat sie mich zur Verschwörung gegen den großen Enlil aufgerufen? Hatte sie die Absicht, mir die Macht über die Unterwelt zu entreißen?“

„Ja“, sagten alle Richter. „Das alles hat sie vor unseren Augen getan. Sie ist schuldig!“

„Kann man die Gesetze des Totenreichs ändern?“, fragte die Göttin Ereschkigal.

„Nein“, antworteten alle Richter. „Man kann die Gesetze des Totenreichs nicht ändern! Sie gelten gleich für Menschen und Götter!“

„Lasst dann euer Urteil für Inanna hören, für die leichtsinnige Tochter des großen Enlil.“

“Tod!“, schrien alle Richter. „Sie hat den Tod verdient!“

„Was sagt ihr?“, empörte sich Inanna. „Ich bin die Königin des Himmels, Herrin der Länder, der Stern des Sonnenaufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde…“

„Aber kleine Schwester, du bist jetzt in der Unterwelt. Die Gesetze der Unterwelt sind unerschütterlich. Du hast diese Gesetze verletzt. Es führt kein Weg zurück, wenn man einmal in die Unterwelt eingetreten ist.“

„Du bedenkst nicht die Folgen, meine liebe Schwester Ereschkigal!“, warnte Inanna die Herrscherin des Totenreichs.

„Hast du je an die Folgen deiner Tat gedacht, kleine Schwester?“, fragte Ereschkigal. „Du hast gegen die Gesetze der Unterwelt verstoßen, dein Todesurteil ist eine Bestrafung dafür. Es reicht aber jetzt! Herbei, meine Helfer! Vollstreckt das Urteil der Richter!“

Die Helfer der Göttin Ereschkigal waren die Dämonen, die schnell hereinkamen. Sie nahmen Inanna und schlugen sie mit großen Nägeln an eine Säule, die bereit stand. So starb selbst die schutzlose Liebesgöttin, die den Toten helfen wollte.

Inannas Diener Ninschpur war beunruhigt, als er bemerkt hatte, dass die Rückkehr der Liebesgöttin aus der Unterwelt auf sich warten ließ. „Vielleicht wollte sie auf ihrem Weg auch die Erde besuchen?“, dachte er und machte sich auf, seine Herrin zu suchen.

Was aber Ninschpur dieses Mal auf der Erde erlebte, erschreckte ihn derart, dass er schnell wieder in den Himmel zurückkehrte und nach dem Obergott Enlil suchte.

„Enlil, oh großer Enlil!“, schrie Inannas Diener lauthals und suchte überall nach dem Obergott.

Enlil hörte das Geschrei und war sehr empört über Ninschpur.

„Was ist denn los? Wieso schreist du so laut?“, fragte ihn Enlil.

„Ein Unglück, ein großes Unglück ist geschehen, oh großer Enlil!“, sagte Ninschpur. „Die Großgöttin Inanna ist tot.“

„Woher weiß du das?“, fragte ihn Enlil.

„Meine Herrin ging in die Unterwelt, um dort ihre Schwester, die Göttin Ereschkigal zu besuchen. Es scheint, als habe die Herrscherin des Totenreichs auch ihr das Leben genommen…“

Diese Nachricht erstaunte jedoch den Obergott nicht.

„Ja, das stimmt, Ninschpur! Ich weiß, dass meine Tochter Inanna tot ist. Sie hat das aber verdient. Was hatte sie im Totenreich zu suchen? Ohne jemanden vorher zu fragen, stieg sie dort hinab und rief ihre Schwester Ereschkigal zur Verschwörung gegen mich auf; sie wollte mich stürzen und selbst überall, auch in der Unterwelt, herrschen. Ereschkigal unterstützte sie aber nicht. Sie ist anders, völlig anders als Inanna. Ereschkigal hat Inanna hinrichten lassen, weil sie gegen die Gesetze der Unterwelt verstoßen hat. Ich war schon selbst sehr verärgert über Inanna. Sag mir, ob jemand sie wirklich mag: Im Himmel sind die Göttinnen über sie erzürnt, auf der Erde sind es die Frauen; sie sagen, dass Inanna ihre Männer schamlos verführe. Sie ist sehr leichtsinnig, und mich selbst hat sie ein paar Mal betrogen. Also hat sie die Strafe verdient und niemand will Inanna mehr haben.“

Ninschpur gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und sprach zu dem Gottvater: „Ich sah zunächst, dass kein Gott mit einer Göttin zusammen war, aber achtete darauf nicht allzu viel. Da die Göttin Inanna aber sehr lange nicht zurückkam, vermutete ich, sie habe vielleicht auf dem Rückweg noch die Menschen besucht und machte mich auf den Weg zur Erde. Dort traf ich zunächst einen Mann, der seine Frau verlassen wollte. Die Frau wollte ihn halten, sie versprach ihrem Mann alles Mögliche in Liebesdingen, der Mann war jedoch davon nicht beeindruckt und verließ sie schließlich. Das hat mich verwundert, weil ich früher so etwas nie erlebt hatte. Dann ging ich weiter und traf einen Stier und eine Kuh. Es war wieder umgekehrt: Nicht der Stier lief der Kuh hinterher, sondern die Kuh ihm. Sie wollte den Stier festhalten und zum Bespringen einladen, aber der Stier wollte das nicht und rannte weg. Da habe ich verstanden, dass die Göttin Inanna tot ist. Oh großer Enlil, überlege, was geschieht, wenn die Liebesgöttin nicht mehr von den Toten aufersteht? Die Götter gehen nicht mehr zu den Göttinnen, Männer gehen nicht mehr zu ihren Frauen, die Stiere nicht zu ihren Kühen, die Hähne nicht zu ihren Hühnern. Himmel und Erde werden zusammenstürzen, wenn die Liebe nicht mehr da ist; denn sie ist es nämlich, die alles zusammenhält.“

„Daran habe ich wirklich nicht gedacht. Du bist wirklich klug, Ninschpur! Ohne Inanna, ohne die Liebesgöttin, dank der alles zusammenhält, werden Himmel und Erde wirklich zusammenbrechen.“

Nun besann sich der große Enlil und sprach dann wieder zu Ninschpur:

„Ich sollte dem Götterrat diese Frage stellen, aber es bleibt keine Zeit mehr dafür. Deswegen entscheide ich dieses Mal alleine: Geh jetzt zum Tor der Unterwelt und übermittle der Göttin Ereschkigal meinen Willen. Sie muss dringend Inanna frei lassen, damit die Liebesgöttin wieder ihre Aufgaben erfüllen kann.“

Dann gab der Obergott dem Diener Inannas ein paar Tropfen vom Lebenswasser, das er alleine im Besitz hatte.

Ninschpur war sehr glücklich und eilte in die Unterwelt.

„Heh, Torwächter“, schrie Ninschpur laut und freudig, als er vor dem Tor stand. „Die Göttin Ereschkigal soll die Liebesgöttin Inanna wieder frei lassen und dies sofort! Das hat der große Enlil befohlen!“

Der Wächter lachte höhnisch: „Ha-ha! Inanna! Wir haben deine Liebesgöttin gesehen. Sie sagte: ‚Ich bin die Königin des Himmels, die Herrin der Länder, der Stern des Sonnenaufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde.‘ Und was ist jetzt? Sie hängt hier tot an der Säule. Auch sei du nicht so laut! Vergiss nicht, wo du dich befindest: vor dem Eingangstor ins Totenreich! Hier gibt es keine Gnade für die Stolzen und Lauten!“, sprach der Torwächter.

„Lieber Torwächter…“, Ninschpur senkte jetzt seine Stimme. „Bitte gib diesen Befehl des großen Enlil weiter an deine Herrin, die Großgöttin Ereschkigal. Enlil hat gesprochen: Ereschkigal müsse Inanna sofort frei lassen, damit die Liebesgöttin ihre Aufgaben wieder erfüllen könne.“

„Ja, jetzt verstehe ich dich und ich gehe nun zu der Großgöttin, um ihr Bescheid darüber zu geben“, sagte der Torwächter und ging.

Wie eingeschüchtert aber war der arme Ninschpur, als der Torwächter nach einer Weile mit der Göttin Ereschkigal zurückkam. Der Gesichtsausdruck der Herrscherin des Totenreichs war erschreckend und bedrohlich. Die Dämonen, die hinter ihr herliefen, so furchteinflößend, dass er am liebsten sofort davongelaufen wäre. Als er aber sah, wie die Dämonen die Leiche der Liebesgöttin zum Tor trugen, vergaß er alles; die Liebesgöttin war auch tot unglaublich schön, sogar das zarte Lächeln hatte ihr Gesicht nicht verlassen.

Ereschkigal stand hinter dem Tor und sagte: „Ninschpur, hör mir gut zu: Ich und meine Richter haben beschlossen, den Willen des großen Enlil zu erfüllen. Inanna wird freigelassen. Aber für sie muss ein gleichwertiger Ersatz gegeben werden.“

Hierauf brachten Ereschkigals Dämonen Inannas Leiche hinaus aus dem Totenreich und legten sie vor Ninschpur nieder. Als die nackte und tote Liebesgöttin vor Ninschpur lag, konnte er nicht mehr an sich halten und weinte laut. Dann fand er Inannas Kleider, die ringsum verstreut waren, und kleidete sie damit an. Danach schüttete er die Tropfen des Lebenswassers, die ihm Enlil gegeben hatte, aus seinem Mund auf ihren Körper, und die Liebesgöttin kam langsam wieder zu sich.

„Wo bin ich?“, fragte Inanna.

Dann erkannte sie Ninschpur: „Ninschpur! Was suchen wir hier? Das ist doch das Totenreich!“

Ereschkigal, ihre Dämonen und der Torwächter lachten lauthals, als sie Inannas Worte hörten.

„Dich hat niemand hier eingeladen, kleine Schwester“, sagte Ereschkigal, stehend hinter dem Tor des Totenreichs. „Du kamst von alleine zu uns, nach deinem eigenen Willen. Du hast danach gegen die harten Gesetze des Totenreiches verstoßen und dafürwurdest du bestraft!“

„Langsam kehrt mein Gedächtnis zurück“, sprach die Liebesgöttin. “Ihr habt mich gezwungen, mich auszuziehen und so schutzlos zu werden. Und danach habt ihr mich getötet… Wie grausam bist du, meine Schwester!“

„Jetzt ist Schluss damit, kleine Schwester!“, sagte Ereschkigal. „Dein Glück ist, dass Enlil sich für dich eingesetzt hat. Sonst würdest du nie wieder das Licht der Welt sehen. Jetzt gehe mit deinem Diener zurück. Du musst aber einen gleichwertigen Ersatz für dich zu mir schicken. Meine Helfer begleiten euch und holen jenen, der ein Ersatz für dich sein wird.“

So kamen Inanna und Ninschpur wieder in den Himmel zurück, begleitet von den Dämonen Ereschkigals. Inanna war sehr traurig: Ihr kamen die schrecklichen Erinnerungen an ihre Hinrichtung und ihren Tod zurück.

„Ich habe jetzt selbst erfahren, wie schrecklich es ist, tot zu sein! Deine Seele geht ins Nichts, du wirst in eine unendliche Tiefe eingesaugt. Oh Ninschpur, du kannst dir nicht vorstellen, wie schrecklich dies war… Aber sag mir nun, mein treuer Ninschpur! Gab es außer dir noch jemanden, der sich um mich sorgte, der um mich trauerte und der dich fragte: Wo ist meine geliebte Inanna?“

„Nein, meine Herrin“, antwortete Ninschpur. „Es ist sehr enttäuschend für dich, das weiß ich. Niemand fragte nach dir, niemand sorgte sich um dich und niemand trauerte um dich.“

„Ja … es ist traurig…, aber sage mir: Wie war es denn mit meinem Sohn, meinem Geliebten, meinem Mann – dem Mondgott Sin? Fragte auch er nicht, was ist mit Inanna?“

„Nein, meine Herrin, auch er fragte nicht nach dir“, sagte Ninschpur.

„Oh Sin, o mein Sin“, schrie Inanna vor Schmerzen.

Sin hörte das und erschien sofort vor ihr.

„Inanna, meine Liebe! Bist du zurückgekommen? Du kannst es dir nicht vorstellen, wie glücklich ich darüber bin. Wenn du nur wüsstest, wie es ohne dich traurig für mich war!“

Sin wollte Inanna umarmen, aber die Dämonen standen zwischen ihnen.

„Wer sind diese schrecklichen Gestalten, Inanna?“, fragte Sin.

„Den nehmt, den!“, schrie Inanna wütend und zeigte den Dienern Ereschkigals den armen Sin. „Er wird für mich ein würdiger Ersatz sein!“

Die Dämonen fielen über Sin her, packten ihn und begannen den Mondgott in Richtung Unterwelt zu zerren. Der arme Sin wehrte sich im Griff der Dämonen, konnte dem aber nicht entkommen und schrie nur: „Inanna, hilf mir! Inanna, rette mich! Inanna!“

Inanna würdigte den unglücklichen Sin keines Blickes und die Dämonen nahmen ihn mit in die Unterwelt.

Enlil war traurig, als er hörte, wen Ereschkigal als Ersatz für die Liebesgöttin bekommen hatte. Er bemühte sich nun darum, seinen Enkel aus ihrer Gefangenschaft zu erretten. Letztendlich traf er mit der Herrscherin des Totenreiches eine Vereinbarung: Sin kehrt in den Himmel zurück, aber er muss zwei Monate im Jahr in der Unterwelt verbringen. So kam Sin zurück, Inanna versöhnte sich mit ihm und teilte wieder das Bett mit ihrem Sohn.

***

Wieder einmal versammelte der große Enlil den Götterrat, um gemeinsam über die himmlischen und irdischen Angelegenheiten zu reden. Im Götterrat saßen einige Götter auf den weichen Kissen, die anderen lehnten sich an die flaumigen Strohsäcke. Der große Gott Enlil erinnerte sich an ein Ereignis und erzählte: „Als die Schwester und der Bruder zu uns kamen und danach fragten, wer von ihnen die wichtigere Arbeit ausführe, war ich sofort dafür, Brot und Wein für wichtiger zu halten als das Spinnen und die Milchherstellung.“

„Du hast Recht, oh großer Enlil“, sagte einer der Götter, „denn das Brot ist wichtig fürs Leben wie kaum etwas anderes und der Wein erfreut die Seele.“

„Das ist alles gut“, sagte der Sonnengott Schamasch. „Aber was werden wir nun mit den Menschen tun? Sie werden immer mehr und mehr auf der Erde. Ist das nicht gefährlich für uns? Vielleicht werden diese einmal kommen und wollen das Geheimnis der Unsterblichkeit für sich entdecken, um die Macht im Himmel selbst zu ergreifen?“

Als Antwort darauf erklärte der große Gott Enlil: „Die Menschen müssen vernichtet werden, sonst werden sie gefährlich für uns!“

So schickten die Götter Heuschreckenschwärme auf die Erde, damit sie die ganze Ernte auffressen und die Erdenbewohner vor Hunger sterben lassen. Sie waren schon dabei, die ganze Ernte zu vernichten, dennoch haben die Menschen es geschafft, die Heuschrecken zu vernichten und einen Teil der Ernte zu retten; dank dessen überlebten sie. Enlil war jetzt sehr ungehalten und traf im Götterrat eine härtere Entscheidung: „Es soll regnen, regnen und regnen, ohne aufzuhören, bis die ganze Erde im tiefen Wasser versinkt.“

Einer der Götter aber, nämlich der Gott der Weisheit, Enki, überlegte: Wird Enlil selbst es nicht bedauern, wenn kein Mensch mehr auf der Erde lebt? Wer wird dann für uns arbeiten, säen und ernten, uns rühmen und uns Opfer bringen? Einige der Menschen müssen überleben. Deshalb ging Enki zu einem Mann in der Stadt Schuruppaka am Ufer des Euphrat, zu einem Mann, der Utnapischtim hieß. Enki verriet ihm die Absicht der Götter und empfahl ihm: „Oh Utnapischtim! Jetzt höre mir zu: Baue ein Schiff, sammle dort deine ganze Familie und deine Verwandtschaft, nimm auch von jedem Tier und jedem Vogel ein Paar mit. Aber erzähle niemandem, warum du das tust. Es beginnt bald zu regnen und es wird nicht aufhören, bis die ganze Erde überflutet ist. Nur du kannst mit deiner Verwandtschaft gerettet werden.“

Wie es weitergegangen war, erzählte viel später Utnapischtim seinem Urenkel Gilgamesch, dem Regenten von Uruk. Mit Gilgamesch selbst hat sich aber vorher etwas anderes ereignet.

Die Liebesgöttin Inanna, unter deren Schutz auch Uruk stand, war einst in Gilgamesch verliebt.

„Oh Gilgamesch“, sprach die große Göttin zum ruhmreichen Mann. „Du bist so schön, so mutig und stark, ich kann nicht aufhören, von dir zu träumen. Werde mein Geliebter, oh Gilgamesch! Wir werden dadurch beide sehr glücklich sein!“

„Meine Göttin…“ – Gilgamesch kniete vor ihr – ...ich verehre dich sehr, du bist der Schutz von Uruk! Meine Dankbarkeit dir gegenüber ist grenzenlos! Ohne dich hätten die Götter Uruk schon lange vernichtet. Nur dank deinem Schutz konnten wir den Regenten von Kisch besiegen und überleben. Aber sage mir, meine Göttin, kann ein Geliebter von dir glücklich sein? Du hast deinen eigenen Sohn, den Mondgott Sin schamlos zu deinem Geliebten gemacht, dann hast du ihn geheiratet. Den armen Sin, deinen Sohn und Ehemann, schicktest du ins Totenreich, um dich selbst von der Macht deiner Schwester Ereschkigal zu retten. Wie viele Regenten, wie viele Männer hast du schon zu deinen Geliebten fingiert! Alle hast du sie dann aber verraten oder unglücklich gemacht; und keinem warst du treu. Du bist eine Hure, meine Göttin!“

Diese Vorwürfe Gilgameschs machten die Göttin Inanna sehr wütend und sie schrie: „Gilgamesch, bald wirst du es sehr bedauern, dass du meine Liebe verschmäht hast und mich zudem noch beleidigtest!“

Darauf ging Inanna zu ihrem Vater Enlil und bat ihn, sich für diese Beleidigung an Gilgamesch zu rächen. Enlil war sehr empört, als er dies von seiner Tochter hörte und schickte den Himmels-Stier, um Gilgamesch zu töten. Aber Gilgamesch besiegte den Himmels-Stier. Darauf schuf Enlil ein neues Wesen – halb Tier, halb Mensch, genannt Enkidu – und schickte es gegen Gilgamesch. Drei Tage dauerte der Kampf zwischen den beiden und keiner von ihnen konnte ihn gewinnen. Am vierten Tag des Kampfes bot Gilgamesch seinem Gegner an, Freundschaft mit ihm zu schließen. Enkidu nahm das gerne an; kurze Zeit später gingen sie beide zusammen gegen den Riesen Humbaba vor und besiegten ihn. Gilgamesch wurde dadurch noch stärker und ruhmreicher.

Das hat die Götter im Himmel wieder sehr beunruhigt. Sie entschieden sich, seinen Freund Enkidu zu töten, um Gilgamesch zu schwächen. Einst war Enkidu stark erkältet und starb bald darauf. Das machte den Regenten von Uruk sehr traurig, sein einziger Trost war nun seine junge, schöne Geliebte. Gilgamesch wollte sie heiraten, bald wurde sie aber selbst krank und starb. Die Trauer Gilgameschs war grenzenlos, er fühlte sich sehr einsam und unglücklich. In der tiefen Trauer rief er nach seinem gestorbenen Freund Enkidu aus dem Totenreich. Als der Geist Enkidus vor ihm auftauchte, fragte ihn Gilgamesch: „Oh Enkidu, mein Freund, wie lebst du im Totenreich der Göttin Ereschkigal?“

„Das ist kein Leben, Gilgamesch!“, antwortete Enkidu. „Wir sind dort nur die kriechenden Schatten.“

„Oh Enkidu, wie schwer und traurig ist, dies von dir zu hören! Aber ich möchte dich noch etwas anderes fragen: vor einigen Tagen habe ich meine Geliebte beerdigt. Das war die schönste Frau auf der ganzen Welt; sie hatte eine sehr zarte Haut, große Brüste und runde Schenkel. Jetzt möchte ich wissen, wie es ihr in der Unterwelt ergeht? Was ist aus ihrem schönen Körper geworden? Aus diesem schönen Körper, den ich so liebte und so oft streichelte?“

„Ich habe es gesehen, Gilgamesch“, antwortete Enkidus Geist, „ich habe gesehen, wie den schönen Körper deiner Geliebten, den du so liebtest und öfter streicheltest, die Würmer fraßen.“

„Nein, Enkidu, nein, das kann nicht sein!“, schrie Gilgamesch tief betroffen.

Der Geist von Enkidu war aber schon wieder verschwunden.

Gilgamesch wurde noch trauriger, er konnte und wollte nichts mehr essen und schlief wenig. Alles schien ihm jetzt sinnlos zu sein. Die Göttin Inanna merkte das und rief wieder nach ihm:

„Gilgamesch, ich habe gesehen, wie traurig und unglücklich du jetzt aussiehst. Ich habe dir deswegen die Beleidigung vergeben. Aber sag mir, bist du so traurig wegen des Todes deines Freunds Enkidu und deiner Geliebten, oder hat das noch einen anderen Grund? Sag mir, was ist mit dir passiert? Vielleicht kann ich dir helfen?“

„Oh meine Göttin!“, antwortete Gilgamesch. „Ich kann nicht mehr vergessen, was mich nach meinem Tod erwartet. Wozu muss ich meinen Körper pflegen, ihn sauber halten, wenn ihn nach meinem Tod die Würmer fressen werden? Ich kann nicht mehr so weiterleben, meine Göttin. Ich will unsterblich werden.“

„Ich verstehe dich, Gilgamesch“, sagte die Liebesgöttin. „Der Mensch wurde von Göttern als sterbliches Wesen erschaffen. Ob hier was zu ändern wäre, ist schwer zu glauben. Dennoch möchte ich dir einen guten Rat geben. Gehe zum Ufer des Weltmeers und treffe dort den Fährmann. Nimm viel Gold mit und biete es ihm an; nur wegen des Goldes wird er einverstanden sein, dich gegen den Willen der Götter über das Weltmeer zu Utnapischtim zu bringen, zu deinem Urgroßvater. Utnapischtim ist der einzige Mensch, dem die Götter zusammen mit seiner Frau die Unsterblichkeit geschenkt haben, nachdem sie die große Flut überlebt hatten. Aber unter der Bedingung, dass er jenseits des Weltmeers lebe und keiner der Menschen ihn besuchen könne. Nur Utnapischtim kann dir helfen.“

Gilgamesch bedankte sich sehr bei der Göttin, und durch den Weg, den sie ihm empfohlen hatte, gelangte er mit großen Schwierigkeiten über das Weltmeer zu Utnapischtim.

Sein Urgroßvater und seine Urgroßmutter waren sehr froh darüber, ihn zu sehen. Utnapischtim bestätigte die Geschichte von der großen Flut und ergänzte: „Ich tat alles so, wie es mir Gott Enki empfohlen hatte. Kaum war unser Schiff vom Ufer entfernt, begann es stark zu regnen. Bald stieg das Wasser im Euphrat sehr hoch und danach war ganz Schruppaka unter Wasser.“

„Wir sahen, wie die anderen, unter denen auch unsere Freunde und Nachbarn waren, gegen die Flut kämpften; sie schwammen noch eine Zeit lang im Wasser und riefen nach Hilfe. Aber niemand hat ihnen geholfen und sie alle ertranken“, erzählte weinend Utnapischtims Frau.

„Die ganze Erde stand tief unter Wasser und unser Schiff schwamm alleine hindurch, mehrere Tage und Nächte. Es hörte auf zu regnen, aber der Himmel selbst war immer noch von dunklen Wolken bedeckt. Dann sah ich eines Tages einen dunklen Flecken in der Ferne. ‚Das könnte ein Stück Land sein‘, dachte ich und schickte zunächst eine Taube und danach eine Schwalbe dorthin. Sie konnten aber nirgendwo landen und kamen wieder zurück, doch der Rabe, den ich hinterherschickte, kam nicht zurück. Dann fanden wir auch jenes Stück der Erde – es war die Spitze des Berges Ninzir, wo wir dann auch alle landeten. Meinen größten Stier aus dem Schiff brachte ich den Göttern zum Opfer; die Götter bemerkten dies und bald schon waren sie auch auf diesem Berg versammelt. Die Götter waren sehr erstaunt, sie konnten es nicht verstehen, wie einige der Menschen überleben konnten, bis Enki alles gestand. Sie schenkten dann mir und meiner Frau die Unsterblichkeit und schickten uns hier her.“

Nachdem dieser die Geschichte von der Flut beendet hatte, erklärte Gilgamesch seinem Urgroßvater das Ziel seiner Reise. Und so antwortete ihm Utnapischtim: „Trinke Wein, verbringe deine Tage in Vergnügen, oh Gilgamesch, und vergiss den Tod! Wozu brauchst du die Untersterblichkeit? Du kannst dir nicht vorstellen, wie langweilig es ist, ewig zu leben.“

Seine Urgroßmutter bedauerte aber Gilgamesch und überredete ihren Mann, ihm zu helfen. Utnapischtim brachte ein Gras, gab dieses Gilgamesch und sagte: „Nimm dieses Gras mit; du brauchst nur jeden Morgen daran zu riechen; wenn du das tust, wirst du niemals alt und krank werden und stirbst nicht.“

Gilgamesch bedankte sich bei ihnen sehr herzlich und wollte jetzt wieder nach Uruk zurückkehren. Unterwegs sah er einen Teich und wollte dort baden. Das Gras jedoch ließ er am Ufer, neben seinen Kleidern. Es wurde aber von einer Schlange gestohlen.

Gilgamesch verstand, dass die Götter ihm es nicht erlaubten, unsterblich zu werden.