FLUTwelle - Linda Lê - E-Book

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Beschreibung

Ein Tag, vier Personen, eine Geschichte, vier Blickwinkel. Van ist soeben in Bobigny zu Grabe getragen worden und findet im Sarg Zeit für Selbstgespräche. Seine Frau Lou hat ihn - vielleicht absichtlich, vielleicht unabsichtlich - überfahren. Seine Geliebte Ulma erzählt einem Psychiater ihre traumatische Geschichte. Und Laure, seine leicht verrückte Tochter, die es liebt, sich als Gothic zu inszenieren, erkennt nach Vans Tod, dass er eigentlich gar kein schlechter Vater war.

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EPUB
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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Linda Lê

FLUTwelle

Roman

Aus dem Französischen von Brigitte Große

DÖRLEMANN

Die Originalausgabe »Lame de fond« erschien 2012 bei Christian Bourgois éditeur. Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung ihrer Arbeit. eBook-Ausgabe 2014 Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © 2012 by Christian Bourgois éditeur © 2014 by Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-908778-59-2www.doerlemann.com

Meinen Schwestern

Tiefe Nacht

Van

Zu meinen Lebzeiten habe ich nie viel geredet. Jetzt, wo ich unter der Erde liege, bleibt mir genügend Zeit für Selbstgespräche. Seit der Sargdeckel über mir zugefallen ist, bin ich nur noch von einem Wunsch beseelt: Rechenschaft abzulegen, meinen Anteil an dem, was passiert ist, zu klären und ein paar erhellende Hinweise auf das Drum und Dran des Dramas zu geben, das höchstens als kleine Meldung unter »Verschiedenes« auftaucht. Ich neige nicht zur Reue, aber ich muss mein Gewissen prüfen, so überflüssig das nun auch sein mag. Man wird mich in Erinnerung behalten als einen, der immer auf Kompromisse setzte und Sachen gern auf die lange Bank schob, um niemanden aufzuregen oder mangels Diplomatie die Dinge noch zu verschlimmern. Ich bin keiner von diesen Pedanten und Besserwissern, die überzeugt sind, alle anderen in die Tasche zu stecken. Nein, ich habe mich stets bemüht, meine Umgebung nicht zu behelligen, nicht nur, weil mir vor häuslichen Zwistigkeiten graut, sondern weil mir Probleme einfach nicht liegen. Es gibt nichts Kostbareres als den Seelenfrieden, und trotz aller Schicksalsschläge hätte ich gern meine Ruhe gehabt. Wahre Orkane sind durch meinen Schädel gerast. Vielleicht habe ich in einem früheren Leben etwas Schreckliches verbrochen und musste in meinen letzten fünfzig Jahren dafür bezahlen. Ich glaube an nichts, an einen Rächergott so wenig wie an einen alles verzeihenden Wiederauferstandenen. Aus den Lehren des Buddhismus konnte ich keinen Gewinn ziehen, und von den Predigten Bossuets habe ich nur die Stilübungen behalten. Da ich trotz meiner Abneigung gegen Religionen einen Hang zum Spiritualismus hatte, interessierte ich mich schon immer für Probleme, die das menschliche Begriffsvermögen übersteigen. So versuchte ich, die Mysterien der Teleologie zu durchdringen, mit den Sensualisten die Lust der Ästhetik zu erfahren und den Romantikern das Streben nach dem Unendlichen abzulauschen. Um meine Seele zu stärken, verleibte ich mir das Mark der kräftigendsten Prosa ein, aber wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, tauschte ich damit den Zweifel gegen eine Wissenschaft, die kaum geeignet war, mir zu helfen und meine Irrungen zu entwirren. Ich stürzte mich auf die Literatur in der Hoffnung, wenn schon nicht mein Glück darin zu finden, so doch zumindest lebhaften Gefallen an überraschenden Einfällen. Davon gibt es ein paar fragmentarische Überbleibsel, blinkende Sterne in einer weit entfernten Galaxie: Vautrin und Madame Verdurin, Molloy und Bardamu, Ah Q und Sganarelle, Ahab und Salome, Philoktet und Ophelia… eine unvollständige Liste, in der noch die Nebenfiguren fehlen, die ich einmal mit Vergnügen klassifiziert habe (eine vollkommen absurde Fleißarbeit). Aber in meinem armen Kopf geht es drunter und drüber.

Meine Arbeit als Lektor, die ich zum Überleben brauchte und anfangs auch sehr ernst genommen habe, hat mein Gedächtnis eher ruiniert als trainiert. Die tägliche Fron an Manuskripten und Fahnen trug zu einer Veränderung meines Charakters bei, der immer verkniffener wurde, während meine sichere Beherrschung der Rechtschreibregeln tagtäglich auf beklagenswerte Weise nachließ. Ich achtete immer weniger auf falsch gebrauchte Wörter, schlecht gebaute Sätze oder hinkende Metaphern. Ich übersah Satzfehler und Doubletten. In den Verlagen fiel das gar nicht auf, ich bekam weiter Aufträge, an denen ich wie ein kleiner Änderungsschneider herumretuschierte, ohne mit dem Herzen dabei zu sein. In meinen Anfängen war ich ein Ayatollah des Purismus, ich duldete keinen Anglizismus, kein Irgendwie, keinen Missbrauch von Neologismen, keine Schlamperei unter dem Vorwand, das sei modern. Es empörte mich, wenn ein Autor sich nicht der Disziplin der Syntax unterwarf, Satzzeichen nach Belieben über den Text verstreute oder sich angeblich gewagte, tatsächlich aber missglückte dichterische Freiheiten erlaubte. Wenn da zu viele Relativpronomen waren, strich ich Sätze zusammen oder schrieb sie um. Irgendwann schlich sich der Schlendrian ein. Husch, husch schluderte ich meine Arbeit hin und verdarb mir nicht mehr die Augen bis in die Puppen, um jedes Detail genau unter die Lupe zu nehmen. Der Großteil der schwerverdaulichen Romane, die ich lektorierte, war der Mühe des Verbesserns nicht wert, nur ab und zu stieß ich auf Seiten, schmackhaft wie sonnensatte Orangen. Wenn ein Meister der Prägnanz Perioden verkürzte und verdichtete oder ein Text von Wortraritäten oder Dialekt strotzte, war ich in meinem Element. Ich sage selbst auch lieber Firlefanz statt Unsinn oder dass etwas keinen Pfifferling wert ist statt keinen Pfennig, die Hasskappe aufhaben statt wütend sein, und ich mag Ausdrücke wie Fisimatenten, über den Löffel barbieren, kosen, Ganove und gut betucht sein… Kurz, um es weniger altbacken zu formulieren, ich bin eher out als in und alles andere als hip.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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